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Sekundenreisen

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21.08.2007
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Sekundenreisen

Die U-Bahn ist selten so voll wie heute. Dicht an dicht drängen sich Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Japaner und ihre Kameras. In Hüfthöhe ersticken Kinder, deren Mütter sie nicht verstehen. Andere, Mütter mit Kinderwagen, schütteln ungläubig den Kopf und warten auf die nächste Bahn.
Es kostet Geduld, wer einen Sitzplatz will, andere zahlen mit dem Leben. Also bleiben meine blanken Nerven und ich stehen und stoßen unauffällig gegen den Vordermann, der es nicht unterlassen kann, seinen schweißnassen Arsch gegen unseren Schritt zu drücken. Lass das!

Hauptbahnhof – die Lage entspannt sich. Menschenmassen strömen aus und ein. Aufatmen, Einatmen, halten. Schultern kreisen, Kopf tief senken. Augen schliessen, Schläfen reiben. Ausatmen. Flucht.

Lass das!, will ich schreien, als sich die nächste Hüfte in mein Becken presst.
Ich breche meinen Ausflug ab, hole zum verdeckten Schlag aus, öffne die Augen und kann ihnen kaum trauen: Kein feuchter Fettsack, sondern der perfekteste Hintern, den ich je gesehen habe, schmiegt sich an mich. Verpackt in ein feuerrotes, seidenes Kleid.
Bluthochdruck und Herzrasen, fast schon Kammerflimmern, sind hier unliebsame Symptome, im Bett vermisse ich sie schon lange. Tausende Gedanken schiessen durch meinen Kopf. Alles ist dabei, vom Analverkehr bis zum Zahnarztstuhl, doch nichts trägt zur Linderung bei. Im Gegenteil.
Ich werde zum Schwellkörper und bin nur einen Herzschlag davon entfernt zu explodieren.
Die Krawatte sitzt eng, die Hose immer enger. Ich weiß nicht, wie es um mich geschieht, als sie beginnt, sich subtil aber deutlich spürbar an mir zu reiben. Fast wird mir schwarz vor Augen. Erst als es mir gelingt, mit einer Hand den Schlips zu lockern, klärt sich mein Blick und mir wird eine scheinbare Autonomie zu Teil, die mich zwingt die andere Hand zwischen meine blanken Nerven und ihren seidenen Hintern zu schieben.
Nervöses Pochen, ich blicke um mich: Ein Jugendlicher hüllt sich in seine Kapuze, hört Musik und scheint sich in eine andere Welt zu träumen. Eine gebeugte, alte Frau versteckt ihr Gesicht unablässig in einer Handtasche und auch die übrigen Fahrgäste wollen woanders sein, überall, nur nicht hier. Sie versuchen sich, wie ich sonst auch, der klaustrophoben Enge des Abteils zu entziehen, indem sie in die Karibik, die Anden, nach Irland oder einfach nach Hause fliegen.
Doch ich will, mit purer Manneskraft in den Lenden, von allen unbeobachtet und mit meiner Hand am Sinnbild makelloser Weiblichkeit, an keinem Strand nach Muscheln suchen, hohe Gipfel erklimmen oder einfach nur zu Hause sein. Ich bin hier – in der U-Bahn – und geniesse sie das erste Mal. Ich fliehe hinein, verliere mich in der Materie, immer tiefer. Bald ist es dunkel um mich. Am Ende eines langen Tunnels verblasst der letzte Lichtstrahl. Es gibt nur noch mich und sie, in ihrem roten Kleid. Ich fühle ihr weiches Fleisch und sie fühlt mich. Die Enge wird zu Nähe, zu tiefer Vertrautheit. Ihre Schenkel münden im Schritt.
Eine Locke streift mein Gesicht. Herzstillstand,
sie dreht sich zu mir.

Die blecherne Ankündigung des nächsten Haltes reisst mich aus der Tiefe und sie aus der U-Bahn. Da geht sie hin und lässt mich eiskalt zurück. Der Dunst, schwitzender, atmender Massen füllt den nun leeren Raum und über alles legt sich der übliche, graue Schleier, der trotz Rauchverbot und greller Neonreklame zur U-Bahn gehört, wie die Sekundenreise zur Rushhour.
 
Zuletzt bearbeitet:
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16.11.2006
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Hej Puppenspieler,

schöne Momentaufnahme, die Du uns da als Erstling lesen lässt! Ich finde die Stimmung klasse eingefangen, die Hektik in der U-Bahn während der Rushhour sehr schön charakterisiert.
Wer immer das mal erlebt hat kann es deutlich nachfühlen.

Eigentlich ist mir nur eine Stelle aufgefallen:

Also bleiben ich und meine blanken Nerven stehen und stoßen unauffällig den Vordermann, der es nicht unterlassen kann seine schweißnasse Hose gegen unseren Schritt zu drücken. Lass das!

Mich stört hier, dass Du Dich selbst zuerst nennst. "Meine blanken Nerven und ich bleiben stehen und ...", fände ich schöner.

... stoßen unauffällig den Vordermann ...
Stößt der Prot hier wirklich? Oder stößt er gegen den Vordermann?

... unterlassen kann [Komma] seine ...

Ebenso ist mir das Bild, das Du hier erzeugen willst nicht ganz einleuchtend. Der Vordermann drückt dem Prot die schweißnasse Hose in den Schritt - hat er sie ausgezogen? Oder meinst Du seinen Hintern in schweißnasser Hose?

Ich werde zum Schwellkörper und bin nur einen Herzschlag davon entfernt zu explodieren.

Der Satz gefällt mir absolut gut!!!

Und darauf folgend ein Quickie in der Bahn - so lese ich die folgenden Sätze jedenfalls. Wer hat nicht schon mal davon geträumt?

Liebe Grüße
Tamlin
 
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20.09.2007
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Hallo Puppenspieler!

Erstmal herzlich willkommen hier.

Deine Geschichte konnte mich nicht so richtig begeistern. Besonders den Einstieg fand ich viel zu schwülstig. Bei dieser Beschreibung mit den erstickenden Kindern hatte ich eher ein Horrorszenario vor Augen, als einen überfüllten U-Bahnsteig. Dieser Teil hier
Also bleiben ich und meine blanken Nerven stehen und stoßen unauffällig den Vordermann, der es nicht unterlassen kann seine schweißnasse Hose gegen unseren Schritt zu drücken. Lass das!
hat mich auch ganz schön irritiert. Erstens musste ich ihn ungefähr fünfmal lesen, bis ich verstanden hab, was eigentlich damit gesagt werden soll. Die Bedeutung mitsamt der Anspielung in Ehren, aber das ist echt irreführend. ;) Zweitens: Dieses königliche "wir" klingt sowas von abgehoben und mittelalterlich, das ist völlig fehl am Platz.
Verpackt in ein feuerrotes, seidenes Kleid.
Ahja. Schauplatz Millionenmetropole nehm ich an, anders kann ich mir nicht erklären, wie man mit einem roten Seidenkleid in eine U-Bahn steigen kann. :p
Dieses übertrieben Dramatische hat mich gestört, es klang immer danach, als würdest du krampfhaft nach möglichst wirkungsvollen Metaphern suchen, bei mir hast du damit das komplette Gegenteil erreicht. Auf mich wirkt die Geschichte nicht.
Die Idee finde ich dabei gar nicht so schlecht, mal nicht dieses "Liebe auf den ersten Blick", aber da könntest du mehr draus machen. Beziehungsweise weniger! ;)
Der Text ist soweit fehlerfrei, das ist auch angenehm.

Also bleib dran,
liebe Grüße,
apfelstrudel
 
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21.08.2007
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hallo tamlin!

danke für dein lob, hat mich sehr gefreut. auch vielen dank für die verbesserungsvorschläge, die ich gerne übernommen habe.
Und darauf folgend ein Quickie in der Bahn - so lese ich die folgenden Sätze jedenfalls.

hier würde mich interessieren, was du genau liest. beim schreiben habe ich mir nämlich zweierlei auslegungsmöglichkeiten überlegt. zum einen, dass es sich bei der frau im roten kleid um eine reine einbildung handelt, also eben nur eine sekundenreise. oder eine überinterpretierte, in der vollen bahn unvermeidliche berührung seitens der (realen) frau, die mit ihrem hintern nicht wirklich absichtlich an den protagonisten kommt und den armen kerl ziemlich ins schwitzen und seine fantasie auf hochtouren bringt. natürlich könnte es auch die einfachste variante sein, dass es genauso ist, wie beschrieben. die frau kommt rein, macht ihn geil und geht wieder. genauso will es ja auch der protagonist. ich aber nicht ^^


hallo apfelstrudel!

wenn du zu beginn ein horrorszenario siehst, dann bin ich zufrieden. genau das ist es, was der protagonist und alle anderen personen nicht sehen wollen und deswegen auch lieber wo anders wären.

Also bleiben ich und meine blanken Nerven stehen und stoßen unauffällig den Vordermann, der es nicht unterlassen kann seine schweißnasse Hose gegen unseren Schritt zu drücken. Lass das!

hat mich auch ganz schön irritiert.[...] Zweitens: Dieses königliche "wir" klingt sowas von abgehoben und mittelalterlich, das ist völlig fehl am Platz.

ich persönlich bin im grunde zufrieden mit dieser passage, aber mit dem "wir" hast du vollkommen recht. auch wenn es für mich mehr schizophren als königlich klingt. nur wenn ich ein "ich" draus mache, dann stimmt das schon rein grammatikalisch nicht mehr. da muss ich mir noch was überlegen.

das mit dem roten kleid sollte eigentlich kein problem sein. wenn die frau ohnehin nur in der fantasie des protagonisten existiert, dann sowieso. aber auch wenn nicht findet sich leicht eine erklärung. sie könnte auf dem weg zu einem tanzball sein. mal ganz unkreativ ;). es ist befremdlich, aber nicht unrealistisch. ich hab in der ubahn schon ganz andere sachen gesehen ^^.


einen gemütlichen feierabend noch!
puppenspieler
 
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17.10.2007
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Hallo Puppenspieler,

das mit den blanken Nerven habe ich anfangs überlesen, meinte, da beschwert sich eine Frau über die Zudringlichkeit eines Mannes, dies vielleicht auch, weil ich es andersherum gar nicht kenne. Und selbst als der in Seide gehüllte Hintern erschien – @strudel: ein häufiges Bild in Münchner U-Bahn, besonders vor und nach Theaterveranstaltungen -, dachte ich, die Geschichte ginge in die lesbische Ecke.
Aber Gott sei dank ist der Prot ein normaler Mann, ausgestattet mit dem üblichen Maß an Selbstüberschätzung und blühender Fantasie. Dass er gleich an Zahnarztstuhl denkt ist sicher dem Beruf des Autors geschuldet, auf solche Ideen kommen sonst nur noch die Perversen, nicht wahr?
Ansonsten stimmt, was schon gesagt wurde: Die Geschichte ist ein bisschen schwulstig und in einer teilweise altertümlichen Sprache verfasst (Manneskraft in den Lenden), wohl um das Wort nicht zu nennen, das hierher gehörte: Schwanz.
Allerdings ist die Idee gut, wenn ich das nächste Mal U-Bahn fahre, werde ich an sie denken. :D
 
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20.09.2007
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@strudel: ein häufiges Bild in Münchner U-Bahn, besonders vor und nach Theaterveranstaltungen -, dachte ich, die Geschichte ginge in die lesbische Ecke.
Ich habe doch eindeutig geschrieben:
Ahja. Schauplatz Millionenmetropole nehm ich an, anders kann ich mir nicht erklären, wie man mit einem roten Seidenkleid in eine U-Bahn steigen kann.
Also was regt ihr euch so auf? ;) Ich habe das nicht kritisiert, sondern angemerkt. Das ist ein Unterschied!
Was das Geschlecht des Protagonisten angeht: Am Anfang hatte ich auch wie Sirius eher den Eindruck, dass eine Frau spricht, das hat mich ein bisschen irritiert.
 
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21.08.2007
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Hallo Sirius!

danke, für deinen kommentar!

Dass er gleich an Zahnarztstuhl denkt ist sicher dem Beruf des Autors geschuldet, auf solche Ideen kommen sonst nur noch die Perversen, nicht wahr?

du hast vollkommen recht, auf sowas kommen nur perverse ;). darauf kommen und daran denken is aber dann doch noch ein kleiner unterschied wie ich mal meinen will. für mich persönlich wäre der zahnarztstuhl einfach viel zu unbequem. ich hoffe hier wird zwischen autor und protagonist unterschieden :D

Die Geschichte ist ein bisschen schwulstig und in einer teilweise altertümlichen Sprache verfasst (Manneskraft in den Lenden), wohl um das Wort nicht zu nennen, das hierher gehörte: Schwanz.

So lang sie nur ein bisschen schwulstig ist find ich es ok. is ja auch geschmackssache. dass ich das ding nicht beim namen nennen wollte stimmt, da ich befürchtete, begriffe jenseits vom im grunde akzeptablen "arsch" könnten der geschichte etwas, für meinen geschmack, zu pornographisches verleihen. dazu würde ich gerne wissen: wäre es in diesem falle akzaptabel die teils schwammigen bzw. schwulstigen umschreibungen einfach beim namen zu nennen? ohne, dass der text genauso gut auf coverrückseiten diverser pornos zu finden sein könnte?

auch dir einen schönen feierabend!
der puppenspieler
 
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17.10.2007
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Himmel, Arsch und Zwirn, was hast du gegen das Wort Schwanz? Denkst du, Penis hört sich besser an? Ja? Okay, aber nur für diejenigen, die nicht lateinisch können, denn Penis bedeutet exakt das gleiche: Schwanz, und zwar nicht den des Hundes.

Und, Puppenspieler, dein Text ist meilenweit vom Porno entfernt.
:)
 
Team-Bossy a.D.
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23.02.2005
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Hallo Puppenspieler,

Dicht an dicht drängen sich Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Japaner und ihre Kameras.
Deine Aufzählung dürfte nach Männer und Frauen höchstens noch mit Kinder weiterführen, denn die Schwarzen, Weißen und Japaner sind doch auch Männer und Frauen, oder? Ausweg: Ein Doppelpunkt nach Frauen.
In Hüfthöhe ersticken Kinder, deren Mütter sie nicht verstehen.
Sorry, ein furchtbarer Satz. Die Kinder scheinen höchstens zu ersticken
und die Satzkonstruktion im zweiten Teil ist ungelenk.

Andere, Mütter mit Kinderwagen, schütteln ungläubig den Kopf und warten auf die nächste Bahn.
Zweimal Mütter

Es kostet Geduld, wer einen Sitzplatz will, andere zahlen mit dem Leben.
Versteh ich nicht.

Also bleiben meine blanken Nerven und ich stehen und stoßen unauffällig gegen den Vordermann, der es nicht unterlassen kann, seinen schweißnassen Arsch gegen unseren Schritt zu drücken. Lass das!
Wieso stößt der Prot unauffällig gegen den Vordermann? Was will er damit erreichen? Danach regt er sich auf, wenn dieser seinen Arsch zu nahe bringt?
Oder meintest du etwa unabsichtlich, weil er gedrängt wurde?

Dieser erste Absatz läßt viele Fragen in mir aufkommen, die vermutlich durch deine ungenaue Wortwahl entstehen.



Hauptbahnhof – die Lage entspannt sich. Menschenmassen strömen aus und ein. Aufatmen, Einatmen, halten. Schultern kreisen, Kopf tief senken. Augen schliessen, Schläfen reiben. Ausatmen. Flucht.
Das gefällt mir besser.


Die Krawatte sitzt eng, die Hose immer enger. Ich weiß nicht, wie es um mich geschieht, als sie beginnt, sich subtil aber deutlich spürbar an mir zu reiben.
subtil, aber
Erst als es mir gelingt, mit einer Hand den Schlips zu lockern, klärt sich mein Blick und mir wird eine scheinbare Autonomie zu Teil, die mich zwingt die andere Hand zwischen meine blanken Nerven und ihren seidenen Hintern zu schieben.
zwingt, die

Die Idee finde ich ansprechend, ich für meinen Geschmack hätte die Tunnelszene noch etwas "erotisch beleuchtet". Auf die Kürze des Textes gesehen hast du noch einige Schnitzer drin, die leider das Lesevergnügen schmälern. Mach dich nochmal dran :).

Liebe Grüße
bernadette
 

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