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"tell" in Science Fiction und Fantasy

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17.03.2020
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"tell" in Science Fiction und Fantasy

Hallo Wortkrieger,

aus der Not heraus habe ich mal dieses Thema eröffnet.

"tell"-Teile sind für mich beschreibende Abschnitte des Erzählers. Also fern ab vom Protagonisten oder einer anderen Figur oder Handlung in der Geschichte.

Mir ist klar, dass man gerade bei Geschichten die im Alltag spielen oder in spannungsgeladenen Texten möglichst nah an der Hauptfigur bleiben sollte. Aber wie ist das bei Texten, die in einer fiktiven Welt spielen, von der es viel zu vermitteln gilt. Gerade bei Fantasy und Science Fiction will man ja das Umfeld, die Umstände oder eben die Welt möglichst gut beschreiben. Meiner Meinung nach lesen die meisten auch diese Genres, um in eben diese einzutauchen. Jedenfalls ist das bei mir so. Desto kreativer oder abstrakter, desto besser.

Dabei gibt es viele Möglichkeiten das zu bewerkstelligen ohne alles nur plump als Erzähler zu beschreiben. Zum Beispiel durch Tagebucheinträge oder Erinnerungsrückblenden. Mir kommt sowas jedoch immer sehr gekünstelt vor. Ein weiteres Problem ist, dass es Texte mit dem Format einer Kurzgeschichte extrem aufbläst und in die Länge zieht, ohne Handlung zu geben. Vielleicht ist dann ein "tell"-Teil doch wieder der richtigere Weg.

Noch die kleine Anmerkung: Ich lese eigentlich gerne Bücher mit "tell"-Teilen, weil dann die Vorstellungen, die man sich macht, gleich richtig sind und man schnell im Geschehen ist. Zum Beispiel lese ich gerne Bücker von Iain Banks, bei dem sich solche Abschnitte über mehrere Seiten erstrecken können. Erfolg hatte er damit alle mal und erfreute sich einer großen Fangemeinde.

Was haltet ihr von der Thematik?

Viele Grüße
Murph
 
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Moin Murph,

etwas, über das ich auch längere Zeit nachgedacht habe und immer noch nachdenke. Ich bin im Sciefi-Bereich nur Hobbyleser, aber ich weiß, dass gerade wenn du Genre schreiben möchtest, die beste Schule ist, das Genre gut zu studieren, sprich: möglichst viele Bücher des Genres zu lesen.
Meiner spärlichen Erfahrung und Beobachtung nach wird dich im Laufe dieser Lektüre irgendeine Art von Stil - oder: Show-Tell-Dosis - packen, man imitiert, testet mit der Mixtur herum, und irgendwann entdeckt man eine Dosis, mit der man glücklich ist und die man selbst gerne genau so lesen würde. So ist‘s jedenfalls bei einigen Autoren, die ich beobachtet habe, und bei mir.
Tell muss nicht schlecht sein. Es kann aber. Genauso wie es grandios, langweilig oder spannend sein kann. Letztendlich ist es nur eine Zutat von vielen in einer Story.
Find your dose.

Gute Nacht,
zigga
 
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Hi Murph,

interessanterweise ist ja eine der bekanntesten und erfolgreichsten Fantasy-Geschichten sehr tell-lastig:

Der Herr der Ringe

Tolkien beschreibt u.a. ausführlich das Volk der Hobbits, oder Landschaften bis ins kleinste Detail.

Ich finde jedoch nicht, dass das notwendig ist. Zwischen der Handlung und den Dialogen reicht m.E. der ein oder andere Satz zur Umgebung und zu dem, was drumherum so passiert, um eine Welt nach und nach vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen.

Längere tell-Absätze überfliege ich dann irgendwann nur noch und denke mir: Wann geht's denn endlich weiter? Leider auch bei dem Meisterwerk Herr der Ringe.

Also da bin ich ganz klar bei Handlung statt aufsatzartigen Abhandlungen über eine Welt und deren Einwohner. Und bei Kurzgeschichten würde es eh den Rahmen sprengen.

Viele Grüße,
Rob
 
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Hey Murph.

"Mir kommt sowas jedoch immer sehr gekünstelt vor."

Vielleicht ist es dein persönlicher Geschmack. Vielleicht hast du nur noch nicht die Geschichte gelesen, die den Funken überspringen ließ. Oder es gibt gar einen dritten Punkt, der sich versteckt hält. Hier im Forum sind die Anhänger von Fiktion unterrepräsentiert. Ebenso die Liebhaber von ausschweifenden Erklärungen zu Worldbuilding. Ich beispielsweise empfinde Hintergrund-Fetzen, die mit der Handlung ansprechend verwoben sind, als ein echtes Plus.

"Ein weiteres Problem ist, dass es Texte mit dem Format einer Kurzgeschichte extrem aufbläst und in die Länge zieht, ohne Handlung zu geben. Vielleicht ist dann ein "tell"-Teil doch wieder der richtigere Weg."

So, wie es da steht: Weder noch. Der Gedanke hinter der ersten Kurzgeschichte war wohl weniger komplexer Weltenbau, als mehr eine Handlung kürzestmöglichst auf den Punkt zu bringen. Welche war eigentlich die erste? Kurzgeschichte welche. Würde mich interessieren.

Viel Wichtiges hat zigga schon gesagt. Insbesondere: Lies. Selbst.

Ich für meinen Teil orientiere mich für die Umsetzung meiner Ideen oft (und anfangs meist unbewusst) an Filmen und Büchern, die mir gefallen.

Hau rein,
Analog
 
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Hallo Murphy,

toll, wenn du Spekulatives schreibst / schreiben willst. :-)
Ich denke nicht, dass deine Probleme wirklich mit Tell vs Show zusammenhängen. Nah oder fern ist nicht eine Frage dessen, sondern der Art, wie sich der Autor dem Thema gegenüber positionieren will, und wie er dann die Stimme / Haltung des Erzählers gestaltet. SF ist für mich keineswegs eine kühle, distanzierte Erzählweise im Berichtstil, im Gegenteil. (Klar gibt es das auch, solche Military Space Operas, die lese ich allerdings auch nicht.) Zudem gibt es sehr nerviges, aufdringliches und billig wirkendes Show, bes. in der Deep-POV Perspektive.
"tell"-Teile sind für mich beschreibende Abschnitte des Erzählers. Also fern ab vom Protagonisten oder einer anderen Figur oder Handlung in der Geschichte.
Klingt jetzt vllt. blöd, aber der Erzähler erzählt ja nur eine Geschichte - das kann er über Beschreibungen tun, die vom Prot bzw. Erzähler distanziert wirken sollen, oder auch, indem er selbst eine Haltung zu dem Beschriebenen einnimmt (von mir aus über Assoziationen, Erinnerungen, aber auch von außen / auktorial übergeordnet und dann eben mit einer dezidiert individuellen Sicht / Ton / Haltung und einer eigenen Poesie sozusagen ...). Also ist ein per se "fern ab" erstmal Nonsense - willst du deinen Erzähler nah dran am Geschehen / Setting und nicht nur an Prots, müsstest du versuchen, das durch seine Perspektive / Haltung auszudrücken. Dazu brauchst du weder Dialoge noch Briefe oder Tagebücher. Das muss nichtmal ein personaler Erzähler sein, sondern auch ein eher auktorialer, quasi 'körperloser'.
Mir ist klar, dass man gerade bei Geschichten die im Alltag spielen oder in spannungsgeladenen Texten möglichst nah an der Hauptfigur bleiben sollte. Aber wie ist das bei Texten, die in einer fiktiven Welt spielen, von der es viel zu vermitteln gilt.
Dann ist dein Erzähler eben in einer Welt, in der es viel zu vermitteln gibt, nah am Prot. Dann muss das Setting da eine Bedeutung für den Prot haben, oder es ist neu für ihn, deshalb auffällig etc. Theoretisch sind da kaum Grenzen gesetzt, und schon gar nicht durch's Genre. Oder er ist nicht nah an einem Prot, sondern nah am Geschehen überhaupt - also nah an der Situation / Setting etc. nicht an einer einzlenen Bezugsperson / Prot. Ehrlich gesagt verstehe ich zwar das Problem, einen guten Erzähler zu schreiben, aber nicht in Abgrenzung Alltags- vs SF-/Fantasytext.
Desto kreativer oder abstrakter, desto besser.
Was wäre hier 'abstrakt'? Szenen ohne Menschen, mit Menschen aber ohne Dialoge, nur mit Setting ...? Das muss nicht zwangsläufig abstrakt sein. (Welchen Roman findest du denn z.B. abstrakt?)
Dabei gibt es viele Möglichkeiten das zu bewerkstelligen ohne alles nur plump als Erzähler zu beschreiben. Zum Beispiel durch Tagebucheinträge oder Erinnerungsrückblenden.
Ich lese tausend Mal lieber einen Erzähler, der mir engagiert oder sonstwie interessant ein Setting nahebringt, als dusselige Tagebücher oder Erinnerungen einer Person. Ich glaube, das ist einfach Handwerk, ob dein Erzähler 'plump' ist oder nicht - auch könnte er das genauso in einem Alltagstext sein.
Ein weiteres Problem ist, dass es Texte mit dem Format einer Kurzgeschichte extrem aufbläst und in die Länge zieht, ohne Handlung zu geben.
Im spekulativen Genre gilt wie bei allen anderen auch: streichen, was nicht irgendwie die Geschichte vorantreibt - alles muss einen Grund haben. Wenn du über 2 Seiten eine Raumstation in allen Details beschreibst, aber nichts davon hat eine Bedeutung für den Plot oder die Prots, hat das da keine Berechtigung. Wenn du nur beschreibst, was auch für die Geschichte sinnvoll ist, was die Handlung stützt, müsstest du zwangsläufig verhindern, langweiligen Infodump zu liefern. Auch hier hängt das aber nicht mit dem Genre zusammen, sondern mit dem Handwerk.

Da gebe ich auch zu bedenken, dass das ursprüngliche Format der modernen SF die Kurzgeschichte war. Vllt. schaust du mal in eine gute Anthologie rein, wie das da gelöst wird?
Ich lese grad viel Kurz-SF, falls Englisch kein Problem ist, empfehle ich die von Mike Ashley herausgegebene Reihe British Library Classic Science Fiction (u.a. mit den Themen: AI, Zeit, Weltende, Monster) oder zwei Wälzer mit bewunderswerter chinesischer SF, Ken Liu presents Invisible Worlds und Broken Stars. Als Hard SF Roman mit engagiertem Erzähler empfehle ich Cixin Liu: The Dark Forest (auch auf Dt übersetzt). So klingt es da, ohne Menschen, ohne Dialog und dennoch total 'nah' und poetisch, rein auktorialer, übergeordneter Erzähler:
"The two dark ships became one with the darkness, separated by the Solar System and drifting further apart. Carrying with them the entirety of human thoughts and memories, and embracing all of the Earth's glory and dreams, they quietly disappeared into the eternal night."
Noch die kleine Anmerkung: Ich lese eigentlich gerne Bücher mit "tell"-Teilen, weil dann die Vorstellungen, die man sich macht, gleich richtig sind und man schnell im Geschehen ist. Zum Beispiel lese ich gerne Bücker von Iain Banks
Ich auch, ich mag eigentlich Dialoge gar nicht so gern und habe schon spekulative Romane gelesen, die fast vollständig ohne auskommen (wird in Finnland gern gemacht, das hat dann meist Icherzähler + Präsens).
Banks lese ich übrigens auch ausgesprochen gern, obwohl ich sonst SF aus Osteuropa bevorzuge (weil sie sehr politisch / symbolistisch und philosophisch ist).
Eine Sache ist für dich von Vorteil, wenn du SF schreibst und Bedenken hast, dein Erzähler wäre zu kühl: Das Prinzip des Settings / Themas als Protagonisten. Bzw. des neutralen personalen Erzählers, der kein komplexer Charakter ist, sondern wie eine leere Maske, nur dazu da, damit der Leser die (fremde) Welt durch seine Augen erleben kann - wie z.B. oft bei Lem, Lovecraft, den Strugatzkis. Der eigentliche 'Protagonist' ist das Thema, das der Geschichte wie eine doppelte Ebene zugrundeliegt. (Bsp: in Dracula geht es offensichlich um einen Vampir, der sich an die Frau seines ehemaligen Gastes + weitere Leute ranmacht und den Vampirvirus verbreitet; eigentlich wird aber etwas anderes erzählt: Viktorianische Sexualität, die Angst vor dem Fremden, die Angst - ganz banal - vor Kontrollverlust, dem Unbekannten, dem Tod.) Diese Variante kannst du in einer Alltagsstory so gar nicht erzählen, da hast du mit der Genrewahl sogar einen enormen Vorteil, kein Hindernis.

Falls dich das Prinzip des neutralen personalen Erzählers interessiert, lies mal Michael K. Iwoleit: Reductio ad absurdum. Acht Essays zur Short Science Fiction, und dort jenes mit dem Titel des Buches, bes. S. 29f).

Ich lese mehr SF, daher die Bsp, gleiches gilt aber auch für Fantasy, wie auch generell für spekulative Fiktion.

Kennst du James Wood: How Fiction Works / Die Kunst des Erzählens? Da ist ein toller Abschnitt über Erzählhaltungen und -stimmen. (Immer noch nicht leicht, selbst hinzukriegen, dort aber zumindest genial erklärt).

Hoffe, du kannst damit irgendetwas anfangen, und ich bin gespannt auf deinen Text später.
Liebe Grüße,
Katla
 
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Wortkrieger-Team
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Hallo miteinander,

ich finde den Kommentar von @Katla zu dem Thema sehr erhellend. Neben allem, was schon gesagt wurde, möchte ich nur eine Kleinigkeit zu bedenken geben: Ich denke, der Grund für die Angemessenheit von viel oder wenig Tell hängt viel weniger vom Genre als vom Format und dem, ich sage mal, historischen Hintergrund ab (abgesehen davon, welche Art von Erzähler ich wähle und so weiter).

Die Fantastik profitiert auf die gleiche Art von Show wie jedes andere Genre. Es fühlt sich oft nur schwerer an, es umzusetzen. Aber das Format spielt eine entscheidende Rolle: Schreibe ich einen Roman oder eine Kurzgeschichte? Schreibe ich eine Kurzgeschichte mit 5.000 oder mit 200 Wörtern? Je knackiger das Format, desto weniger Tell, würde ich sagen.

Und, da @Rob F hier "Der Herr der Ringe" ins Gespräch gebracht hat: Ich denke, was wir als gutes schreiberisches Handwerk betrachten, hängt auch vom historischen Zusammenhang ab. HdR ist von 1954/55. Diese Art zu schreiben, ist, so weit lehne ich mich einmal aus dem Fenster, nicht mehr modern. Wer heute Leserinnen fesseln möchte, muss anders schreiben. Denn: Denkt mal drüber nach, wie viele Menschen heutzutage die ausschweifenden Beschreibungen von JRRT oder George R. R. Martin überhaupt genießen. In meinem Bekanntenkreis sind das nicht so viele Leute. Es gibt doch viel modernere Beispiele wie (ja, ich hole wieder dieses Beispiel raus) die Expanse-Reihe von James S. A. Corey. Der den gleichen erzählerischen Aufbau wie Martin wählt, weshalb die Modernität des Erzählens gegenüber Martin extrem auffällt.

Deshalb möchte ich sagen: Der Ratschlag zu schauen, was einem an anderen Autorinnen gefällt, wie die das machen, ist gut. Aber man muss unbedingt beachten, ob man aus einem dreiteiligen Roman (der fast siebzig Jahre alt ist) auf (moderne) Kurzgeschichten schließen sollte.

Grüße,
Maria
 
Wortkrieger-Team
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Hallo @murphy_does_his_best ,

ja, ein spannendes Thema. Ich bin instinktiv auch so ein „Welteneinführer“, weil ich es auch als Leserin entspannend finde, möglichst viel gezeigt zu bekommen. Und Tolkien, der Gute, der hat seine Welt auch zeigen wollen.
Allerdings gibt es auch beim Schreiben „Moden“ und mittlerweile starten viele Bücher in der Geschichte und nicht mit einer Weltenvorstellung. Das Thema hatte ich diese Woche noch bei einem Online-Kurs über „Spannung“.

Ich versuche, mich da gerade anzupassen. Ich habe letztes Jahr noch einmal zahlreiche Fantasybücher angelesen, die ich als Teenager mochte. Neben langen Weltenbeschreibungen wimmelte es da auch von Adjektiven und Adverbien und anderen stilistischen Elementen, die nicht nur hier im Forum, sondern auch in aktuellen Schreibratgebern verpönt sind.

Nachdem diese Bücher im Buchhandel nicht mehr zu finden, teils vergriffen sind, gehe ich davon aus, dass sie auch keinen Markt mehr haben/hätten. Vorlieben ändern sich und ob man den heutigen Lesern von Panem etc. noch Darkover oder den Hexer von Salem näher bringen kann, ich weiß nicht. So hat jede Generation ihr Ding und Tolkiens bleiben die Ausnahme.

Sicher gibt es Leser, die Tell nicht übel nehmen, sogar mögen, aber, ob es in den Verlagshäusern derzeit viele Fans gibt 🤔 ... da bin ich mir nicht so sicher.

Letztlich ist es wie bei allem im Leben, ein gutes Bauchgefühl gehört irgendwie dazu.

LG
Mae
 
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@TeddyMaria und @Rob F

Freut mich, Maria. :-)

Bei dem Stil, der Figuren usw. von Erzählungen geht es aber wohl tatsächlich - gutes Handwerk vorausgesetzt - mehr um persönlichen Geschmack. Ich sag's mal so platt wie es ist: Von Tolkien habe ich nicht nur die üblichen Verdächtigen (LotR, Silmarillion ...), sondern auch die Hälfte der unfassbar ausufernden Annotations in 12 Bänden gelesen - privat aus Spaß, nicht für die Uni oder sonstwas. Da habe ich nie den Eindruck, die Settings sind Selbstzweck oder Raumfüller, die sind handlungstragend oder / und symbolisch bzw. stützen die Charakterisierungen.
Martin hasse ich wie die Pest, aus einer ganzen Reihe von Gründen, die hier nix zur Sache tun, aber für mich ist das absolut uninteressant.
Auch finde ich die Kernerzählung in Beowulf (Geschichte von ca. 600, niedergeschrieben um 700 herum) wesentlich interessanter, aktueller und spannender, als z.B. GoT oder viele andere Horror Fantasy. Dafür hab ich sogar mal einen Altenglisch-Kurs gemacht. Also, mit dem Alter eines Textes hat die Relevanz gar nix zu tun, sondern mit den Vorlieben des Lesers.

Der Gedanke hinter der ersten Kurzgeschichte war wohl weniger komplexer Weltenbau, als mehr eine Handlung kürzestmöglichst auf den Punkt zu bringen. Welche war eigentlich die erste? Kurzgeschichte welche. Würde mich interessieren.
Ist wohl schwer zu sagen, Analog, weil es die mündliche Form der Kurzerzählung wohl seit Anbeginn der Sprache gibt. Das Decamerone (um 1350) und die Canterbury Tales (um 1390) bieten bereits serialisierte Kurzerzählungen in Prosaform.
"Offiziell" als die erste moderne Kurzgeschichte gilt Sir Walter Scotts “The Two Drovers,” (in: Chronicles of the Canongate, 1827). Die erste SF Kurzgeschichte könnte sein: John Leonard Riddells "Orrin Lindsay's plan of aerial navigation, with a narrative of his explorations in the higher regions of the atmosphere, and his wonderful voyage round the moon!" (Pamphlet, 1847).
 
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Deshalb möchte ich sagen: Der Ratschlag zu schauen, was einem an anderen Autorinnen gefällt, wie die das machen, ist gut. Aber man muss unbedingt beachten, ob man aus einem dreiteiligen Roman (der fast siebzig Jahre alt ist) auf (moderne) Kurzgeschichten schließen sollte.
Hallo Maria,

als ich diesen Diskussionsbeitrag gelesen habe, hab ich mir nochmal meine alten HdR-Bücher genommen und das ein oder andere nachgelesen. Hauptsächlich um zu schauen, ob sie tatsächlich so tellig sind, wie ich sie in Erinnerung habe (sind sie :)).

Es war jedoch nur das Beispiel, das mir als erstes in den Sinn kam. Es gibt ja auch aktuelle Autoren, die sehr umfassend ihre Welten beschreiben, wie die o.g. Iain Banks und George R. R. Martin.

Ich finde es daher generell einen guten Punkt, mal darüber nachzudenken, ob das show, don´t tell nicht manchmal zu schnell und standardmäßig hervorgeholt wird (von mir wahrscheinlich auch). Zumindest zu Beginn einer Kurzgeschichte finde ich es eigentlich in Ordnung, das ein oder andere zu einer erfundenen Welt zu erfahren, wenn dadurch die weitere Geschichte weniger tellig ist.

Also das noch als Ergänzung zu meinem o.g. Kommentar. Es war inhaltlich nicht direkt mein Anliegen, von dem Erzählstil des in die Jahre gekommenen HdR auf die Gestaltung einer modernen Kurzgeschichte zu schließen.

Viele Grüße!
Rob
 
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17.03.2020
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Hallo alle zusammen,

da habe ich wohl eine ganz schöne Diskussion angestoßen. Das Thema scheint auch ganz schön zu polarisieren. Vielleicht kommt es am Ende doch einfach nur auf den Geschmack an, wie bei den meisten Dingen. Auf jeden Fall konnt ich einige interessante Denkanstöße aus den Kommentaren ziehen, danke dafür.

Es kommt wohl auch auf die Welt an, die der Autor beschreibt. Wenn es eine Welt ist, die einen packt und von der man unbedingt mehr Input bekommen will, ist man wohl auch bereit das tell über sich ergehen zu lassen oder genießt es sogar.
Wenn ein Autor mir zum fünften mal im Buch einen Wald oder ein Dorf beschreibt, dann wird das schnell öde. Wahrscheinlich spielt wirklich mit herein, wie abwechslungsreich das Gesagte ist.

Ich gebe euch auch Recht, dass das wohl ziemlich aus der Mode gekommen ist. Die meisten Menschen sind meiner Erfahrung nach, heutzutage viel mehr an Personen und Psychologie interessiert als früher. Dass es Leute gibt, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als irgendwelche Influenzern im Internet zu beobachten, spricht auf jeden Fall dafür. GoT trifft da wohl genau in den Zeitgeist. Die Welt, in der die Story stattfindet ist ja nicht gerade penibel ausgearbeitet oder besonders inovativ. Jedenfalls ist das meine Meinung. Da der Prota sich in Folge seiner Handlung dann praktisch selbst erfindet, sind Bücher die nahe an diesem dran sind eher gefragt.

Ich persönlich finde den Trend eher schade, muss ich sagen. Man kann sich vor exzentrischen Charakteren kaum noch retten, aber die Story und das Setting hauen einen nicht mehr so richtig vom Hocker. Ein bisschen tell hier und da kann meiner Meinung nach nicht schaden. Ich wollte aber mal wissen, wie die Meinungen hier sind und ob es Anregungen gibt.

Was wäre hier 'abstrakt'? Szenen ohne Menschen, mit Menschen aber ohne Dialoge, nur mit Setting ...? Das muss nicht zwangsläufig abstrakt sein. (Welchen Roman findest du denn z.B. abstrakt?)
Das Wort "abstrakt" war vielleicht etwas unbedacht gewählt.
Wo auf jeden Fall eine sehr außergewöhnliche Welt beschrieben wird, ist wie schon gesagt bei Banks. Tut mir leid aber der Kultur-Zyklus hat mich wirklich vom Hocker gehauen. Und da besonders das Setting. Ich wollte einfach immer mehr von der Welt erfahren.
Als abstrakt könnte man den Roman Exzession beschreiben, in dem
bestimmt ein Achtel des Buches aus Konversation zwischen künstlichen Intelligenzen besteht. Noch dazu geschrieben in Großschrift und fett.
Ich denke solche Experimente kann man mögen, aber viele werden es auch eher ablehnen. Dennoch gehören seine Bücher ja zu den bekannteren Science-Fiction Sammlungen.

Alles in allem werde ich mir bei meinen Texten wohl ganz genau überlegen müssen, wo und wieviel tell ich einbaue. Aber jedem wird man es wohl auch nicht Recht machen können. Da habe ich dann den schönen Vorteil, dass ich mit meinen Geschichten nicht an die Öffentlichkeit gehen will.

Und vielen Dank nochmal für eure Kommentare.

Viele Grüße
Murph
 
Wortkrieger-Team
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16.03.2015
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Hallo Murph,

Vielleicht kommt es am Ende doch einfach nur auf den Geschmack an, wie bei den meisten Dingen.
Wahrscheinlich ja. Mein persönlicher Geschmack ist, so wenig wie möglich an unnötigen Infos.

Irgendwer hat geschrieben, dass nur die Dinge ausführlich oder überhaupt beschrieben / erklärt werden sollen, wenn es absolut notwendig ist. Das sehe ich ganz genauso.

Kann das aus eigener Leseerfahrung gut (für mich) begründen. Lese nämlich gerade den SF-Roman "Die seltsame Welt des Mr. Jones" von Philip K. Dick.
Da werden die Begriffe einfach in den Raum geworfen als wäre es allen bekannt. Tatsächlich benötigen diese "technischen" Objekte m.E. keiner genaueren Betrachtung.
Beispiele:
  • unterirdische Stationen der Einschienenbahn
  • Waffenpolizei
  • ein Multimensch, ein Gewirr von Fleisch und Organen. Hände, Arme, Beine wackelten durcheinander
  • ... schwebten träge ein paar automatische Abfang-Luftminen
  • das Flugschiff befand sich schon über Nordamerika
  • der Rumpf des schlanken Projektils öffnete sich ... Insassen
  • das Feuerwehrschiff schwebte empor
  • und das Taxi schoß in den Himmel hinauf.
  • "Er hat ihn gefüttert." Sie deutete auf den Roboter.
Ich liebe diese Geschichte. Sie lässt genügend Spielraum, um sich all diese Dinge selbst vorzustellen. Würde alles in langen Absätzen erklärt, hätte ich das Buch zur Seite gelegt.

Das meine 10 Cents.

Viele Grüße,
GoMusic
 
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16.04.2016
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Hi @murphy_does_his_best

Mir ist aufgefallen, dass bei der Diskussion die Frage nach der Gattung hinten runterplautzt. Du beziehst Dich mit Deinen Beispielen auf Romane, zumeist dicke Mehrteiler. Die müssen schon deshalb vollgeschwurbelt werden, weil die Seitenanzahl ein wichtiges Verkaufskriterium für die Verlage darstellt. Die Leser von Fantasy-Endlosserien erwarten dieses "Eintauchen", um ihr Fluchtbedürfnis zu befriedigen. Bei SF-Romanen zeichnet sich durch die zunehmende Fantasy-ierung derselbe Trend ab. Auch manche Klassiker wie DUNE bestehen, meiner Erinnerung nach, zum großen Teil aus Tell-Elementen. Schon damals war der Märcheneinfluss auf SF sehr stark. Hardcore-SF-Leser sehen das kritisch, aber erst durch diese Entwicklung wurde SF aus der Nerd-Ecke geholt und Mainstream-tauglich.
Zurück zur Sache:
Die goldenen Worte, Show - don't tell!, drücken eine Sichtweise aus, die auch durch die wachsende Popularität von Kurzgeschichten Einzug in den Stil-Kanon hielt. In der ersten Zeit wurden KGs hauptsächlich in Zeitschriften abgedruckt. Die Zeitungsverlage gewannen dadurch zusätzliche Käufer und die Autoren, deren Texte sonst nirgendwo veröffentlicht wurden, verdienten so einige Groschen. Die Herausforderung bestand darin, die Wortanzahl möglichst gering zu halten, da in der Zeitung nur begrenzter Platz zur Verfügung stand. Gleichzeitig sollte natürlich eine nachvollziehbare, abgeschlossene Handlung vermittelt werden. Wahrscheinlich haben die KG damit die stilistische Trendwende von langatmigen Erklärungen und Beschreibungen hin zu knackig, flotten aktionsgetriebenen Geschichten unterstützt. Ein weiterer guter Grund für die Devise, zeigen statt erklären, besteht in der Wirkung auf den Leser. Das Auserklären von Emotionen, Gedanken, Situationen, aber auch Settings, entmündigt die Leser und langweilt deshalb. Es wird heute stilistisch geraten, die Leser selbst ein Bild erzeugen zu lassen, statt es vorzugeben. Und auch ich empfinde nichts so langweilig, wie eine Bildbeschreibung. In Romanen überfliege ich solche Stellen meist, bis wieder etwas geschieht. Ganz schwierig sind solche Tell-lastigen Abschnitte in KGs. Die folgen anderen Gesetzmäßigkeiten als Romane und es wird schwierig, eine KG im Fluss zu halten, wenn mir der Zauberwald und seine Bewohner ausgiebig vorgestellt und beschrieben werden.
Also, Du empfindest das schon ganz richtig: Bei Romanen hat man sowohl ausschweifende Beschreibungen von fantastischen Welten, als auch Werke, die sich streng auf Handlung fokussieren und dem Leser nur Eckpunkte für das Setting geben, dass er selbst zu füllen hat. Und beide Herangehensweisen haben ihre Befürworter.
Bei Kurzgeschichten hingegen ist Show, don't tell! fast eine Grundbedingung.
Das bedeutet nicht, dass man nicht auch mal etwas anderes probieren könnte. Es funktioniert nur meist nicht gut für die Leser.

Gruß!
Kellerkind
 
Beitritt
17.03.2020
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Hallo nochmal zusammen,

Also nach allem was ich hier lese, komme ich immer mehr zu dem Eindruck, dass es eigentlich nicht schlimm ist tell zu benutzen, es aber in vielen Fällen nicht wirklich Sinn macht. Und auch, dass die meisten Leute es nicht wirklich gut finden.

Ich denke mal, ich gehe dann in den Einzelfällen doch nach den Einzelkritiken unter den einzelnen Texten bis ich den richtigen Stil gefunden habe. So eine Pauschallösung scheint es nicht wirklich zu geben. Naja gut, um ehrlich zu sein war das ja auch zu erwarten.

Aber sehr vielen Dank für die Beiträge; ich habe wirklich einen neuen Blickwinkel bekommen.

Viele Grüße
Murph
 

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