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Theorie des kommunikativen Handelns

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Theorie des kommunikativen Handelns

Theorie des kommunikativen Handelns

Jürgen Habermas zum 90.

Babbel

In den verschiedenen Etagen
Redeten die Leut verschiedne Sprachen:

Die ganz oben
Sprachen gehoben,
Die in der Mitt’
Sprachen Durchschnitt
und die gerad noch satt
Redeten einfach platt.

Die aber in den Gossen lagen
Schwiegen & träumten von bessern Tagen.

(aus: Kadingirra oder Bab-ilim ist überall)​

„... ich habe die Perspektive eines teilnehmenden Zeitungslesers und frage mich, ob sich der Schaumteppich der Merkelschen Politik der Einschläferung ohne eine gewisse Anpassungsbereitschaft der Presse über das Land hätte ausbreiten können. Der gedankliche Horizont schrumpft, wenn nicht mehr in Alternativen gedacht wird. Im Augenblick beobachte ich eine ähnliche Verabreichung von Tranquilizern.“ Jürgen Habermas: Die Spieler treten ab (1)

Wer hierorts übers Kapital des Karl Marx(2) und den eindimensionalen Menschen(3) geschrieben hat, darf sich nicht des Hauptwerkes eines der größten lebenden Soziologen, wenn nicht gar des größten Philosophen derzeit verweigern, ein paar bescheidene Worte zu verlieren – und sei‘s nur eine Notiz. Umso mehr, als ein einschneidendes Ereignis in seinem Leben mit eben der Theorie kommunikativen Handelns zu tun hat.

Das war Mitte der 1970er Jahre meine Diplomarbeit in Wirtschaftswissenschaften - Titels „Versuch einer Theorie kommunikativen Handels - dargestellt an einem Marktmodell“ - wie geht so etwas, satte sechs Jahre, bevor Habermas‘ „Theorie kommunikativen Handelns“ erst veröffentlicht wurde?

Ich schlachtete quasi die Auseinandersetzung der beiden soziologischen Giganten Habermas und Niklas Luhmann aus (wie etwa die „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Was leistet die Systemforschung?“, Ffm. 1971)

Dem aufmerksamen Leser werden Feinheiten zu meinem eher bescheidenen Titel gegenüber dem anderen, weltberühmten auffallen (am offensichtlichsten im „Handel/n“), die den sich nicht den Sozialwissenschaften zugehörig fühlenden Wirtschaftswissenschaften(4) geschuldet sind.

Das Wort „Handel“ ist eine schlichte Rückbildung des Verbs „handeln“ - und also schließt sich der Kreis, begreift man denn, dass nichts öffentlicher sein sollte als der Markt als Forum oder – der germani(sti)schen Zunge und Geschichte zugewendet – die „Allmende“, das Allgemein(d)e, das, was allen gehört wie All, Boden, Leben, Luft, Wasser -

passe man mir auf Nestle und Konsorten auf!, Quellen aufzukaufen, Wasser in Flaschen zu verfüllen und halbliterweise zu verkaufen - kurz: Öffentlichkeit!, der nicht nur Staats- und Betriebsgeheimnisse widersprechen. Denn – mal ganz im Vertrauen – wer ist schon gegenüber seinem Gegenüber ganz offen – nicht mal ich.

Eine allgemein menschliche Schwäche?

Zurück zum Verb „handeln“, das eigentlich das natürliche Werkzeug des Menschen, die Hand, im »mit den Händen fassen, berühren; [be]arbeiten; verrichten, vollbringen, tun ...» und im ahd. „hantalon" alle anderen verwandten Verben bedient wie «befassen, berühren, bearbeiten».

Im 16. Jh. gewinnt das Verb für Händler Bedeutung als „Handel treiben“, kurz: Geschäfte treiben(5), was sich natürlich besser anhört als „tauschen“, dem schon immer „täuschen“ innewohnt(6), insofern ist Habermas‘ Theorie kommunikativen Handelns eine moderne Utopie, geht sie doch vom idealen Fall der „gleichen“ Kommunikationspartner aus, was vielleicht an der Hochschule der Fall sein kann, nicht aber für die gesellschaftlich da unten. Und selbst in der Mittelschicht – der tragenden Säule des Rheinischen Kapitalismus („Sozialstaat“) eines Ludwig Erhard (Wirtschaftsminister und zweiter Kanzler der BeErDe) und der theoretischen Konzepte der wirtschaftsliberalen Theorien der Freiburger Schule – ist der solidarische Verfall und des nackten Egoismus‘ zu erkennen.

Ich will jetzt nicht die Beziehungen der Begriffe „soziales Handeln“ Max Webers (der die protestantische Ethik als treibende Kraft des „Kapitalismus“ erkannte) und „kommunikativen“ Handelns anreißen – aber den Unterschied spüren vor allem Hartz-IV-Empfänger (das „steuerliche“ Existenzminimum beträgt derzeit 750 €/Person/Monat – und sollte ein „Arbeitender“ mit dem Mindestlohn nicht zurechtkommen, erhält er Wohngeld, für alle ein Rest des Sozialstaates des „Rheinischen Kapitalismus“). Der „freie“ Bürger („freie Fahrt für freie Bürger“, FDP-Slogan), deren Wirtschaftsprogramm identisch ist mit dem der AfD – Prof. Lucke, einer der Gründer, ist Wirtschaftsprofessor, und Fritz Hayek, einer der Gründer der vorherrschenden Wirtschaftsideologie der School of Chicago des Neoliberalismus, beriet schon Nationalsozialisten.)

Denn dass „Handel“ (ob frei- oder nicht, Jacke wie Hose) – wie noch von einem klugen Juristen wie Rudolf Wiethölter im Funkkolleg behauptet(7) – Friede verbreite, zumindest beflügele, ist blauäugig.
Das erste schriftliche Zeugnis europäischer Erzählkunst erzählt vordergründig von einem Krieg um die „geraubte“ schöne Helena. Tatsächlich kontrollierte Troia den Zugang zum Schwarzen Meer und seit dem Mythos der Argonauten und des Goldenen Vlieses wissen wir, dass sie ferne Länder suchten, um Handel zu treiben.
Und wer wollte bestreiten, dass ‚America first‘ sonderlich Friede erzeuge?

(1) Kerneuropa als Rettung: Ein Gespräch mit Jürgen Habermas über den Brexit und die EU-Krise. Interview: Thomas Assheuer 9. Juli 2016 DIE ZEIT Nr. 29/2016, 7. Juli 2016
(2) MEW Bd. 23 ff. wi€der (ge)lesen
(3) https://www.wortkrieger.de/index.php?threads/arbeit-konsum-und-freiheit-–-schiller-marcuse-lanier-„der-eindimensionale-mensch%E2%80%9C.54897/
(4) Die herrschende Ökonomie wähnt sich auf dem Weg zur Naturwissenschaft wie etwa in dem religiösen oder Voodoo-Zauber unterliegendem Bonmot, eine unsichtbare Hand lenke den Markt
(5) Duden. Bd. 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache, 4. Auflage, 2007, Mannheim, Zürich, S. 315, linke Spalte
(6) Vgl. hierzu (2) u. a. Rezenionen hierorts von mir
(7) Rechtswissenschaft. Funk-Kolleg Recht. Fischer, Frankfurt a. M./Hamburg 1968
 
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Moin Friedel,

insofern ist Habermas‘ Theorie kommunikativen Handelns eine moderne Utopie, geht sie doch vom idealen Fall der „gleichen“ Kommunikationspartner aus, was vielleicht an der Hochschule der Fall sein kann, nicht aber für die gesellschaftlich da unten.

Im realen Leben wird die schöne theoretische Situation leider allzu schnell unterminiert. Zwischen Diskutanten pflegt sich baldmöglichst ein Ungleichgewicht einzustellen, das von vielerlei Faktoren abhängt (Autorität des Diskussionsleiters etc). Und leider kann von Fairness auch nicht die Rede sein. Die hinterstehenden Interessen sind einfach zu mächtig.

Habermas' Wahrheitstheorie übrigens, die von seinem Konzept hergeleitet scheint, ist originell, letztlich aber auch nicht überzeugend.

Tatsächlich kontrollierte Troia den Zugang zum Schwarzen Meer und seit dem Mythos der Argonauten und des Goldenen Vlieses wissen wir, dass sie ferne Länder suchten, um Handel zu treiben.

Und manchmal - man betrachte das Imperium Romanum - hat gar erst der Krieg wachsenden Wohlstand in befriedete, einstmals freie Provinzen gebracht.

VG M.
 
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Moin Manlio,

schön, dass schon eine erste Reaktion auf diesen eher kurzen Beitrag zum Geburtstag auf einen, der wie schon Hawking zeigt(e), dass Behinderung keine Verhinderung bedeuten muss. Nun, das eigentlich Problem ist, vor etwa zehn Jahren wanderten zwölf Umzugskartons voller Bücher allein von mir zur Tochter nach Hagen (inzwischen stapelt es sich wieder im Arbeitszimmer) mit allen Habermäuschen, dass ich "eigentlich" erst in der nächsten Zeit - nach Theater aufführrungen und copywrite - erst zu kommen werde, die Theorie kommunikativen Handelns zumindest noch mal zu überfliegen, dass - wie beim Kapital - ein "wi€dergelesen" draus werden kann. Der kleine Schuss hier aus der Hüfte ist also quasi ein Platzhalter für - ich sag mal in drei Monaten.

So bleibt es erst mal ein historischer Abriss. Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich als erstes von H. gelesen hab, Erkenntnis und Interesse oder Theorie und Praxis. Auf jeden Fall werd ich, wenn's denn dann so weit ist, auf den Zusammenhang Krise und Kritik eingehen - wie ja auch das Erdbeben von Lissabon die Aufklärung mächtig erschütterte.

Bis dahin, danke fürs Vorbeischauen und

bis bald!, Friedel
 
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Wenn du erlaubst, Friedel, nutze ich diesen Strang, um mich - auf niedrigem Niveau - ein wenig am Habermas'schen Denken abzuarbeiten. Ich danke dir ganz herzlich, dass du meine brachliegende Beschäftigung mit J. H. wiederbelebt hast!

Habermas, Rückkehr zur Metaphysik?

Habermas sieht offenbar, wie wir seinem Aufsatz, der als Antwort auf D. Henrich formuliert ist, die Metaphysik als überwunden an. Bezeichnend dieser Satz:

Die unvermeidlich supponierte Einheit einer konzentrisch "um mich" und "uns", hier und heute aufgebauten Lebenswelt spiegelte sich bis dahin in der totalisierenden Einheit mythischer Erzählungen, religiöser Lehren und metaphysischer Erklärungen.

Auf diese Weise verschiedene "Formen des Geistes" in einen Topf zu werfen, ist schon für sich ein starkes Stück. Aber Habermas, der Gebsers Idee von der Entwicklung des Geistes zu folgen scheint, nimmt unzulässig an, Metaphysik sei totalisierendes Denken. Es fällt mir schwer, Gründe dafür zu entdecken, außer jenem bereits formulierten - Habermas sieht Metaphysik als veraltet an.

Was ihr [d.i. der Philosophie] bleibt und was sie vermag, ist eine interpretierende Vermittlung zwischen dem Expertenwissen und der orientierungsbedürftigen Alltagspraxis.

Das ist "soziologisches Raunen". Habermas glaubt, Entwicklungen der Moderne, wie die der Expertenkulturen, hätten die Philosophie zu Fall gebracht. Aber Expertenkulturen sieht nicht so neu, wie Habermas vermutet. Schon die Ärzte des Mittelalters waren Experten, und wir könnten viel weiter zurückgehen. Ich muss J. H. einen unglaublich vereinfachenden Blick auf die Geschichte attestieren. Im Grunde kann man mit Hans Albert (Die dualistische Metaphysik von Jürgen Habermas ) behaupten, das sei auch schon wieder eine Art Metaphysik:

Was das Habermasssche ,nachmetaphysische Denken‘ angeht, so ist es aber, wie ich meine, nichts anderes als eine metaphysische Konzeption und zwar, wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt, ein metaphysischer Dualismus ...

(Rückkehr zur Metaphysik? in: Jürgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Philosophische Aufsätze, Suhrkamp)
 
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Ich bin erstaunt, wie du einerseits - durchaus zutreffend - schreibst, deine Auseinandersetzung mit Habermas befände sich auf niedrigem Niveau, anderseits vernichtende Urteile formulierst, wie zum Beispiel, dass es sich bei einer der von dir zitierten Passage um "soziologisches Raunen" handle.
Dein Einwand, Expertenkulturen seien nicht neu, zielt völlig an der Sache vorbei, zumal Habermas das ja auch nicht behauptet. Der entscheidende Punkt betrifft die Art und Weise, wie sich Expertenwissen nach dem neuzeitlichen Aufstieg der empirischen Wissenschaften manifestiert. Gehörte die Philosophie früher selbst zum Expertenwissen, wurde und wird ihr in vielen Bereichen dieses Wissen streitig gemacht, wenn nicht abgesprochen. Aktuell zum Beispiel im Bereich der Philosophie des Geistes, von der nicht wenige Neurobiologen behaupten, sie sei obsolet geworden. Inwiefern dein unberechtigter Vorwurf so dargestellt werden kann, dass damit Habermas selbst metaphyisisches Denken unterstellt wird, entzieht sich ebenfalls meinem Verständis.

Zum totalisierenden Denken. Da steht Habermas in der Tradition der Kritischen Theorie. "Einheit bleibt die Losung von Parmenides bis auf Russell" (Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung). Tatsächlich sind ja die meisten metaphysischen Ansätze dem Versuch verpflichtet, die Mannigfaltigkeit der Welt auf wenige Grundprinzipien herunterzubrechen, wenn nicht gar auf ein einziges. Nichts anderes ist mit "totalisierend" gemeint. Das kann man natürlich schon bestreiten, wie du das tust. Gegenbeispiele und/oder Argumente wären aber hilfreich.

Sorry, wenn ich so harsch reagiere, aber wenn jemand schreibt, Habermas besitze ein "unglaublich vereinfachendes Geschichtsverständnis" , während er selbst keinen blassen Schimmer hat, muss ich einfach was dazu schreiben. Regt mich auch bei meinen Studenten auf, so was. Ich rate dann jeweils zu ein bisschen intellektueller Demut.
 
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Hm, jetzt hab ich "Rückkehr zur Metaphysik?" in: Jürgen Habermas, "Nachmetaphysisches Denken, Philosophische Aufsätze", Suhrkamp, noch nicht mal in der Hand gehabt und der restliche Habermas liegt zur Schonung im Sauerland, und bis gerade wusst ich nicht, dass @Manlio den fragmentarischen Beitrag hervorgezaubert hat, aber ich komm drauf zurück und eigentlich ausgesprochen unaufgeregt steh ich eigentlich auf Deiner Seite,

lieber Peeperkorn,

das aktuellste, was ich von ihm gelesen hab, sind die Beiträge in der Zeit zum Geburtstag und Beiträge in den Blättern für deutsche und internationale Politik, wo H. realistische und kluge Beiträge vor allem zu Europa schreibt ...

Also bis bald

Friedel
 
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Hallo @Peeperkorn

Dein Einwand, Expertenkulturen seien nicht neu, zielt völlig an der Sache vorbei, zumal Habermas das ja auch nicht behauptet.

Ich denke, meine Meinung ist wohl nicht ganz unbegründet.
Ich zitiere Kneer, "Jürgen Habermas und die These der Fragmentierung der Lebenswelt":

Im Anschluß an Max Weber sieht Habermas die kulturelle Moderne durch die Ausdifferenzierung eigensinniger Wertsphären gekennzeichnet. Mit dem Übergang von traditionalen zu modernen Gesellschaften ist die substantielle Einheit der Vernunft zerfallen, und es haben sich Expertenkulturen um einzelne Fragenkomplexe (Wahrheits-, Gerechtigkeits- und Geschmacksfragen) herausgebildet.

Verzeih, aber das scheint mir modernistisches Denken. Naturwissenschaft im modernen Sinne beginnt doch bereits mit Aristoteles und den griechischen Mathematikern, auch den Sophisten, oder siehst du das anders? Ist nicht bereits die griechische Geometrie eine "Expertenkultur", derer die Philosophie nur begrenzt habhaft zu werden weiß?

Der entscheidende Punkt betrifft die Art und Weise, wie sich Expertenwissen nach dem neuzeitlichen Aufstieg der empirischen Wissenschaften manifestiert.

Gut, in Ordnung, und wie? Was ist der Punkt? Nur das neue Selbstbewusstsein, nicht mehr Magd der Philosophie zu sein?

Ich zitiere J. H.:

Die antike Philosophie erbt vom Mythos den Blick aufs Ganze

Ja, das ist klassischer Gebser, Übergang vom Mythos zum Zeitalter des Mentalen. Aber ich behaupte, das ist doch nur sehr eingeschränkt so richtig. Die Griechen waren nicht mehr Welterklärer als wir, sie haben sich nur anderer Modelle bedient. Platons Ideenlehre ist ein hellsichtiger Versuch, allintegrierend das Seiende zu verarbeiten, aber Platon selbst sieht doch schon im Alterswerk die Mängel seines Ansatzes, oder?

"Einheit bleibt die Losung von Parmenides bis auf Russell" (Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung).

Ja, dass die Frankfurter Schule derlei behauptet, wundert mich wenig, aber was ist das für Über-den-Kamm-Scheren. "Und was ist mit panta rhei?", werf ich ärgerlich ein, ist das totalisierendes Denken?
Ist das nicht das absolute Gegenteil? Und wo versucht Aristoteles, die Mannigfaltigkeit der Welt auf wenige Grundprinzipien herunterzubrechen?

Soweit nur.
Danke für deine Einwände.
M.
 
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Hey @Manlio

Naturwissenschaft im modernen Sinne beginnt doch bereits mit Aristoteles und den griechischen Mathematikern, auch den Sophisten, oder siehst du das anders? I
Kommt darauf an, was man unter "beginnt" versteht. Natürlich gilt Aristoteles als derjenige, der so was wie einen empirischen Blick auf die Welt wagt. Aber erst die Neuzeit kennt eine Aufwertung der Empirie, die sich auch gegen metaphysische Vorstellungen durchsetzen kann. Beobachtung als methodologisches Grundprinzip erfährt erst in dieser Zeit die ihr gebührende Aufwertung. Exemplarisch: Im Mittelalter gab es Sektionen von Leichen, die eigentlich wesentliche Erkenntnisse über die Anatomie des Menschen hätten bringen sollen. Offenkundige, d.h. von jedermann sichtbare Fakten wurden aber geleugnet, weil sie im Widerspruch zur Autorität von - ironischerweise - Aristoteles standen.
Nur das neue Selbstbewusstsein, nicht mehr Magd der Philosophie zu sein?
Ja, aber nicht nur. Dieses neue Selbstbewusstsein ist natürlich verknüpft mit den Erfolgen, die die Wissenschaft gefeiert hat und feiert. Aber es ist ja eben auch die Fragmentierung der Weltsicht in die von Habermas (bzw. Kneer) genannten Wertsphären. Und da wird halt der Anspruch der Philosophie zur Wertspäre "Sein, Wahrheit" etwas zu sagen zu haben, mehr und mehr zurückgedrängt - in vielerlei Hinsicht zurecht. Wenn ich was über den Gesundheitszustand meines Körpers wissen will, oder über die Beschaffenheit von Fröschen oder über den Zusammenhang von Beschleinigung und Kraft, wende ich mich weiss Gott nicht an einen Philosophen. Ich weiss nicht, was an dieser Diagnose falsch oder problematisch sein sollte. Es ist doch offensichtlich, dass die Philosophie ihre ursprüngliche Rolle und Bedeutung weitgehend verloren hat. Eine nachmetaphysische Philosophie könnte allenfalls wieder Terrain zurückerobern.
Aber ich behaupte, das ist doch nur sehr eingeschränkt so richtig. Die Griechen waren nicht mehr Welterklärer als wir, sie haben sich nur anderer Modelle bedient.
Das besagt das Zitat ja auch nicht. Es besagt, dass das Bestreben, die Welt als Ganzes zu sehen, vom Mythos auf die griechische Philosophie übergegangen ist - und bis heute weiterwirkt.
Platons Ideenlehre ist ein hellsichtiger Versuch, allintegrierend das Seiende zu verarbeiten, aber Platon selbst sieht doch schon im Alterswerk die Mängel seines Ansatzes, oder?
Inwiefern? Dass er sagt, okay, mein Versuch, das Wahre und das Gute und das Schöne in einer Idee des Guten zusammenzuführen, war wohl verfehlt? Die Welt ist lediglich die Summe der Erscheinungen, derer wir nicht habhaft werden können? Eher nicht.
"Und was ist mit panta rhei?", werf ich ärgerlich ein, ist das totalisierendes Denken?
Ist das nicht das absolute Gegenteil?
Nein. "Alles fliesst", soll ja eben gerade ein Grundprinzip der Welt sein, auf das alle Phänomene reduziert werden kann. Ich halte das im Gegenteil für ein sehr hübsches Beispiel totalisierenden Denkens. Alles, aber auch alles fliesst. (So ein Quatsch, abgesehen davon)
Und wo versucht Aristoteles, die Mannigfaltigkeit der Welt auf wenige Grundprinzipien herunterzubrechen?
Nur weil Aristoteles mehr Phänomene beschrieben hat und stärker auf die sinnlich wahrnehmbare Welt abzielt, heisst das noch nicht, dass er kein Metaphysiker auf der Suche nach Grunprinzipien der Welt gewesen ist. Aber mit der Stossrichtung bin ich einverstanden und ich finde auch, dass man sich geistesgeschichtlich auf die Suche nach Denkerinnen und Denkern machen sollte, die das Mannigfaltige, das Fragmentierte, das Vereinzelte betonen. Adorno und die Kritische Theorie haben ja implizit für sich in Anspruch genommen, dass sie die ersten sind, die eine solche fragmentarische Sicht, eine Sicht auf das Besondere und Individuelle fordern und entwerfen. Dabei haben sie sich wenig Mühe gemacht, Vorläufer zu finden, da gebe ich dir auf alle Fälle recht. Isaiah Berlin nennt in seinem Aufsatz: "Der Fuchs und der Igel" tatsächlich auch Aristoteles als ein Vertreter dieser Richtung, dann u.a. Montaigne und Goethe.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
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Moin Peeperkorn,

Natürlich gilt Aristoteles als derjenige, der so was wie einen empirischen Blick auf die Welt wagt.

In jedem Fall zurecht!

Im Mittelalter gab es Sektionen von Leichen, die eigentlich wesentliche Erkenntnisse über die Anatomie des Menschen hätten bringen sollen. Offenkundige, d.h. von jedermann sichtbare Fakten wurden aber geleugnet, weil sie im Widerspruch zur Autorität von - ironischerweise - Aristoteles standen.

Interessanter Punkt. Ich wäre jetzt der Meinung gewesen, es handele sich eher um Vorbehalte, die im Bereich der Religion zu suchen wären.

Wenn ich was über den Gesundheitszustand meines Körpers wissen will, oder über die Beschaffenheit von Fröschen oder über den Zusammenhang von Beschleinigung und Kraft, wende ich mich weiss Gott nicht an einen Philosophen.

Ja, aber ich frage mich doch sehr, ob das jemals der Fall gewesen ist. Wenn, dann allenfalls, weil die Ausdifferenzierung der Wissenschaften eine moderne Erscheinung ist und Naturwissenschaft noch dem Bereich der Philosophie zugeschlagen ist? Aber gehe ich im Mittelalter wirklich zu Thomas von Aquin, um mich kurieren zu lassen und nicht doch eher zum Medicus?

Es ist doch offensichtlich, dass die Philosophie ihre ursprüngliche Rolle und Bedeutung weitgehend verloren hat.

Meine Meinung ist, dass diese "ursprüngliche Rolle" ein Stück weit aus dem Hier und Jetzt konstruiert wird. Aber ich gebe zu, wir nehmen Wissenschaft heute anders wahr als früher und ihre Rolle in der Gesellschaft hat sich gewandelt.

Dass er sagt, okay, mein Versuch, das Wahre und das Gute und das Schöne in einer Idee des Guten zusammenzuführen, war wohl verfehlt? Die Welt ist lediglich die Summe der Erscheinungen, derer wir nicht habhaft werden können? Eher nicht.

Nehme ich daher, dass Platon bestimmte Phänomene nicht unter Ideen subsumieren möchte ("Dreck an sich"?) - das Konzept ist also begrenzt und gebrochen -, und dass er im Alterswerk die Herrschaft der Gesetze (Nomoi) an die Stelle der Philosophenkönige setzt. Ein Stück weit sehe ich darin eine Selbstdistanzierung von der Macht der Ideen ...

"Alles fliesst", soll ja eben gerade ein Grundprinzip der Welt sein, auf das alle Phänomene reduziert werden kann.

Ich würde dir hier widersprechen und behaupten, Heraklit wende sich gerade gegen jeden Totalitarismus in der Philosophie. Weil auch Erkenntnis fließt, kann sie sich eben nicht anmaßen, alles und jedes in einem systematischen Weltbild unterzuordnen.

Viele Grüße!
M.
 
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„Ein Motiv, das mich auch zu der müßigen und ziemlich lange anhaltenden Altersbeschäftigung mit der Geschichte der Philosophie geführt hat, möchte ich nicht verschweigen. Es hat mir einfach Spaß gemacht, die Lektüre vieler bedeutender Texte, die ich nie gelesen hatte, nachzuholen, und viele andere Texte, die ich in aktuellen Zusammenhängen schon so oft konsumiert hatte, wieder zu lesen – aber dieses Mal aus der Sicht eines alt gewordenen, auf sein eigenes, vergleichsweise verschontes Leben zurückblickenden Philosophieprofessors: Zum ersten Mal habe ich die Werke nicht nur systematisch verarbeitet und »gebraucht«, in vielen Fällen habe ich sie nun auch mit einem gewissen biographischen Interesse an den herausfordernden Lebensumständen ihrer Autoren wahrgenommen“1, beginnt das neue, 1792 Seiten zählende Werk Jürgen Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ in zwo Bänden, die heute in der ZEIT vom 7. November 2019, S. 59 f. durch Michael Hampe, Prof. für Philosophie an der ETH Zürich, vorgestellt wird.

„Da kommt man ja gar nicht so recht nach, wenn man auch noch was anderes zu tun hat!“, mag jeder Normalo denken, aber die „Theorie des kommunikativen Handelns“ (mein Exemplar weilt immer noch auf rund 300 m über NN mit dem restlichen, älteren Werk Habermas‘ im Umzugskarton von 2008 im tiefen, tiefen Keller) ist ja selbst zugleich ein historisches Werk, wenn H. sich mit seinen Vorläufern von Aristoteles bis Max Weber – mit Z fällt mir jetzt keiner ein – beschäftigt, dass ich glatt daraus eine „Geschichte der Frankfurter Schule“ oder besser, der „Kritischen Theorie“ basteln könnte, denn das kuriose ist, Horkheimer und seine „Traditionelle und Kritische Theorie“ ist bereits im Netz eingestellt …

Bis bald

Friedel

1 Vorwort aus Bd. 1, »Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen«, zitiert nach der durch mich leicht abgeänderte Leseprobe und den Fettdruck angetan unter https://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518587348.pdf
Der zwote Band trägt den Titel »Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen«
 
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»Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott
und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar«
Heraklit
»Wenn zu Beginn der 20er Jahre des einundzwanzigsten Jahrhunderts der 1929 geborene Jürgen Habermas mit „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ein voluminöses Werk von über 1700 Seiten vorlegt, dann ist das zugleich weniger und mehr als die Summe seines bisherigen Schaffens. Weniger, weil Habermas keineswegs all das referiert, was er seit seinen ersten bahnbrechenden Publikationen, etwa dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), „Erkenntnis und Interesse“ (1968) sowie der bisher als systematisches Hauptwerk geltenden „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) publiziert hat ...“ beginnt Micha Brumliks Aufsatz »Vom Nutzen und Vorteil der Religion für die Vernunft“1 zu Habermas‘ neuerem zwobändigen Werk »Auch eine Geschichte der Philosphie«, so hätte ich nun ein feines Modell einer Einleitung zur „Theorie des kommunikativen Handelns“ [im folgenden „TkH“ abgekürzt] und in der Tat haben es nun mit dem Kinderkarneval beide Bände (nahezu jungfräulich und unberührt) aus dem östlichen Sauerland in den Pott und die Wiege nebst Friedhof der Ruhrindustrie und der Sammlung „Theorie und Praxis“ (1963, niemand sollte ernstlich glauben, dass ich es als Realschüler gelesen hätte – aber immerhin ist es eine Auflage von 1971, dass auch die Reihenfolge der Texte klargestellt ist, wie sie mir unters Auge und vor allem den Bleistift kamen.) und verspätet zum Positivismusstreit in den Sozialwissenschaften besorgte ich mir „Erkenntnis und Interesse“ (1968), hier 1973., mit der ersten Ankündigung einer „Theorie kommunikativen Handelns“. Im gleichen Jahr legte ich mir „Zur Logik der Sozialwissenschaften“ (Erstausgabe 1970) neben den älteren Texten von Max Horkheimer (wie »Traditionelle und kritische Theorie«) zu, was besonders in der Volkswirtschaftslehre aufstieß, setzte man sich doch gerade eben von Keynes ab und sich der „neoliberal“ schimpfenden Chicago School Miltons und Hayeks Ausgrabungen des Manchsterkapitalimus zu, wodurch seit der Ära Kohl betriebswirtschaftliche Regeln auf eine Nationalökonomie angewendet werden und eine Art Deutschland AG schaffen, die mal eben für'n Appel und'n Ei den schwächsten Nachbarn aufkaufte und verramschte.

Bis auf die entscheidenden zwo Bände sind Notizen in den Werken angebracht, also relativ schnell umgepflügt, die nahezu jungfräulichen Bände allerdings, Bd. 1 (534 S.) und Bd. 2 (640 Seiten) werden etwas brauchen … selbst bei 50 Seiten am Tag …, die schon ab März nicht mehr durchgehalten werden können, denn am 16. beginnt für den Friedel die Theatersaison … und am 26. ein erstes Gastspiel in der schier endlos erscheinenden Prärie des Münsterlandes ...

gleichwohl,

Ihr Lieben,

besonders aber, lieber @Manlio ebenso lieber @Peeperkorn

meine ich, dass eine etwas andere als die vormalige „Metaphysik“ nach wie vor die Welt beherrscht im Spannungsfeld zwischen „glauben“ und „wissen“ (so auch sinnigerweise Habermas‘ Titel der Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels mit der Laudatio durch Jan Philipp Reemtsma [http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2001_habermas.pdf], allemal lesenswert, umso mehr, als 9/11 gerade die Welt eschütterte), womit sich der Kreis zu Brumlik schließt, der auch auf die Theologie eines Karl Barth eingeht, von dem es heißt: „Unglaube ist immer der Glaube des Menschen an sich selbst. Und dieser Glaube besteht immer darin, dass der Mensch das Geheimnis seiner Verantwortung zu seinem eigenen Geheimnis macht, statt es das Geheimnis Gottes sein zu lassen. Eben dieser Glaube ist die Religion.“2

Bis bald

Friedel


1Micha Brumlik: »Vom Nutzen und Vorteil der Religion für die Vernunft« in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2, 2020 S. 112 ff.

2»Zitiert nach Michael Weinrich, Karl Barth. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 2019, S. 239« in Brumlik, a. a. O., S. 119
 
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Bin mit dem ersten Band fast durch, lieber @Friedrichard, und fand vor allem die Kapitel zu Mythos/Ritual und zu den achsenzeitlichen Weltbildern sehr erhellend. Danach - vor allem bezüglich Philosophie des Mittelalters - empfand ich den Text aber als zu detailliert und das grosse Bild ein wenig aus den Augen verlierend. Mehr verrate ich nicht und wünsche dir eine gute Lektüre!
 
Senior
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Mehr verrate ich nicht und wünsche dir eine gute Lektüre!
Soll so sein, werd aber noch ne ganzeZeit mit "trivialem" beschäftigt sein und die ersten haben schon ihre Steuerunterlagen beisammen ...

So kommt keine Langeweile auf:

Gleichwohl

Bis bald!

Friedel
 

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