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Tod den Schafen

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Anmerkungen zum Text

Hab ein Angebot bekommen, einen kurzen Text etwa 5000 Zeichen zu veröffentlichen. Viel in dem Format habe ich nicht. Deswegen dachte ich spontan an den "Zocker"-Text, aber irgendwie wollte ich noch eine Alternative haben. Et voilà!

Der Text ist (Stand: 1 Oktober '21) vollständig überarbeitet.

Hab den Text jetzt wieder auf die alte Version zurückgesetzt. Mit kleinen Neuerungen nur (Stand: 3. Oktober '21).

Tod den Schafen

Dass Peter-Joseph Lenné den ‚Flora‘ genannten Kölner botanischen Garten einst in stramm kampfeslustigem Preußengeist errichtet hatte, wusste man. Die Schaugewächshäuser hingegen waren neu und doch ganz dem „gemischten deutschen Stil“ der achtzehnhundertsechziger und -siebziger Jahre nachempfunden, wie ein Praktikant, Absolvent eines Freiwilligenjahres oder dergleichen Besuchern stolz und ungefragt zu erklären wusste. Das Bouquet setzte sich zusammen aus Sukkulenten jeder Form, Farbe und Größe. Ein schmaler, von dreieckigen Pflastersteinchen gesäumter und mit weißem, glatt gestrichenen Sand gefüllter Pfad schlängelte sich vorbei an Kakteenknospen, ausladenden Blütenkelchen, Palmengewächsen und Araukarien in Knallgrün und Krapprot.

All das war Tillmann verhasst und verhasst waren ihm Sebastian und Gesa Oreschko, sogenannte ‚gute‘ und vor allem einzige ‚Freunde‘, auf die man nun bereits seit über einer Viertelstunde wartete. Seine Partnerin – Tillmann wusste selbst nicht so ganz, wie es zu dieser Verbindung gekommen war – klammerte sich Kaugummi kauend und seit fünf Minuten debil zur Gewächshausdecke starrend an seinen Arm. Mit der Sneakerspitze versuchte Tillmann unbemerkt, die magentafarbenen Blüten einer Mammillaria zu kappen. Jawohl, die Zeit seiner kindlichen Pflanzenversessenheit konnte mit diesem, seinem achtzehnten Geburtstag offiziell für beendet erklärt werden. Scheiß auf Lenné!

Nach weiteren zehn Minuten endlich stießen Sebastian und Gesa Oreschko aus dem Palmenhaus dazu, offenbar, weil sie nach zehn Jahren Freundschaft mit Tillmann Palmen und Sukkulenten noch immer nicht voneinander unterscheiden konnten und das, obwohl einer wie Sebastian für sich beanspruchte, in den großen gesellschaftlichen und kulturellen Fragen, dem Tod, den er den ‚Schafen‘ wünschte, wortführend zu sein. Vom ‚Großen Austausch‘ redete er neuerdings gern, von Renaud Camus und dem ‚Schuldkult‘. „Wir sind die Saat und sie die Schafe“. Von Semmlitsch, Martin Sellner und dem Briten Collett hingegen sprach Sebastian nie oder nur selten und doch war klar wie Leberknödelsuppe, wem er all diese windschiefen Metaphern, jenen volksliedgut-deutschen Abgesang auf das in Willkommenskultur ersaufende, gute Deutschland verdankte. So durfte Tillmann sich über ein schmales Büchlein mit dem Titel ‚Ethnopluralismus‘ freuen, mit dem er freudig auf Sebastian eingedroschen hätte, wäre da nicht dieser Restfunken verachtenswürdiger Loyalität gewesen, den er sich aus einem unerfindlichen Grund selbst nicht verbieten konnte und der ihn dazu überredete, seinen Geburtstag mit ebenjenen Menschen auszuhalten. So bitter es war: Tillmann musste sich eingestehen, dass er sich ein Leben ohne Freunde schlichtweg nicht vorstellen konnte. Lieber einen Rassisten und Antisemiten und zwei für dessen Ressentiments taubstumme und sowieso gänzlich apolitische Freundinnen als jene Einsamkeit, die ihm blühte – jetzt, da er Lenné mit seinem Tritt nach der Mammillaria endgültig den Laufpass gegeben hatte.

Was Tillmann sich auch unter Denkanstrengungen nie hatte erklären können, war die bedingungslose, nahezu blinde Toleranz Sebastians gegenüber Gesa Oreschkos Wursthaaren und dem Interesse seiner Partnerin – nennen wir sie Thessa – für die geraubte Südseekunst des Rautenstrauch-Joest-Museums. Obwohl sich Letzteres ja durchaus Sebastians Motivlage zuordnen ließ. Nachdem Gesa Oreschko Tillmann ein Hörspiel von und mit Giulia Enders zugesteckt, sie die Förmlichkeiten also hinter sich gebracht hatten, gingen sie mit knirschenden Schritten voran, vorbei an Kakteenlandschaften und durch den künstlich schweren Tropendunst. Wieder einmal war es Zeit für Sebastian.
An sich konnte man das nicht einmal Gedanken nennen, eher waren es Versatzstücke, scharfkantige Klumpen aus einem nach faulen Eiern riechenden Fels geschlagen. Damit jonglierte Sebastian. „Es reicht ja schon der moderate Islamismus“ – „Houellebecq, den magst du doch, Unterwerfung.“ – „Nicht gelesen? Stell dir mal vor …“ Zehn Minuten kreisten sie durch den Kakteenpark wie eine Märklinbahn mit Lok und drei Waggons. In sich bleiben, dachte Tillmann. Aber wo war der Trafostecker?
„Nur ein Beispiel.“ Sebastian deutete auf das mexikanische Beet. „Du brauchst ein Treibhaus, sonst wächst das hier nicht. Nur künstlich eben. Wie gesagt, ich hab nichts gegen die. Aber muss sich ja nicht unbedingt vermischen. Deutschland ist kein Gewächshaus.“
Stumm liefen sie hinter ihm her. Noch immer hielt Thessa Tillmanns Arm umklammert, zerrte regelrecht daran. Gemeinsam knirschten und schwitzten und atmeten sie. Und während Sebastian noch weiter ausführte, was er meinte, über sich, Deutschland und die anderen im Allgemeinen zu wissen, fand Tillmann endlich den Trafostecker.

Mit versteckter Neugier und von der anderen Tischseite aus befragte ihn der Polizist mit dem Fleischergesicht. Warum er seinem besten Freund hinterrücks und heimtückisch einen Igelkaktus ins Gesicht gerammt habe, dem Sebastian in – so wörtlich – völliger Schmerzunempfindlichkeit (die Nadeln bohrten sich ja schließlich auch durch die eigene Hand) das Gesicht ausgekratzt, ihn in Tobsucht gebissen, beschimpft und mit einem schmalen Buch eines rechtsextremen Kleinverlages bis zur Besinnungslosigkeit verprügelt habe. „Nun“, begann Tillmann und sortierte Szene und Gefühle noch einmal in seiner vor Müdigkeit trägen Erinnerung. Er ahnte, dass es auf das Motiv ankommen würde. Letztlich kam es immer auf das Motiv an. „Ich glaube, dass mit der Freundschaft ist einfach nicht das Richtige.“

 
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Liebe @Novak ,

ganz vielen Dank für deinen Kommentar und dass du mir gut zusprichst :) ich finde, du hast das alles sehr gut zusammengefasst und interpretiert. Danke auch, dass du noch Ziggas und meinen Standpunkt so auseinanderdividiert hast. Das hat mir nochmal geholfen die unterschiedlichen Themen dieser kurzen Story zu sondieren.

Für mich zu Unrecht. Bei mir funktioniert der in der Kürze, mit diesem absurden Ende, auch mit dem Dialog ... den Kontrast zwischen dem feinen hochgestochenen Geplänkel und Geschnösel vorher und der Kaktuswaffe und der rohen Verdresche erheiternd fand.

heheh. Das freut mich. Die Frequenz an 'erheitert' die in deinem Kommentar steckt, überzeugt mich :D Schön.

Einen Spiegel vorhalten? Naja, er hält ihm einen Kaktus vor und eine ordentliche Verdresche. Das soll ein Spiegel sein? Darunter verstehe ich ja eher den Versuch einer Argumentation oder eines Zeigens, wie man jemanden empfindet und das, was der andere sagt.

ja, wie gesagt. Damit bin ich gestartet und dann hat es eine ganz andere Richtung genommen. Bei so kleinen Texten ist das ja kein Problem. weil die Konsequenzen klein sind und alles so dicht, das man auch in divergierenden Textelementen dann die eine Prämisse herauslesen kann. Aber sauber ist das dann natürlich nicht. Jedenfalls ist es ja wirklich mehr dieses antirassistische Fanal (danke für das tolle Wort, Fanal – gegoogelt, von phanos Fackel; ja eigentlich DAS Wort für Liebhaber:innen von KGs mit offenen Enden, weil ja wohl die meisten solcher Storys am Ende nochmal ein Feuerwerk bringen, was viel besser mit "Fanal" beschrieben ist; einem Ereignis, das Veränderung bewegt; wofür es ja theoretisch reicht, einen Prozess abzuschließen – mit dem dann etwas Neues beginnt). Mit meiner Ausgangs-Prämisse hat das natürlich nix zu tun.

Ebenso erheiternd finde ich auch den Punkt, dass du deine Geschichte unter die Rubrik "Wir gegen Rassismus" eingestellt hast.

Ja, wenn man es so betrachtet :lol: das stimmt. Ich habe mich auch ein wenig brachial dabei gefühlt.

weniger eine Geschichte "Wir gegen Rassismus", sondern eine, die von Freundschaft oder besser falscher Freundschaft und Loyalität handelt und dem Ausbrechen aus diesem System

das fand ich den interessantesten Punkt. Das stimmt nämlich einfach. Ich glaube, ich habe mich ganz intuitiv auf das Thema gestürzt, zu dem ich etwas mehr zu sagen habe. Das ist schreibpsychologisch sehr aufschlussreich für mich, wenn ich das richtig interpretiere :hmm:

Ein Kommentar, der das für mich noch einmal sehr gut sortiert hat und mir da Orientierung gibt. Vielen Dank Novak. Auch für die spätere Rückmeldung zu Morphin. Ich finde das hier wirklich einen wunderbares Beispiel für den Austausch bei uns Wortkriegern.

Viele Grüße, Novak, und bis bald!!

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Und jetzt lieber @Morphin :gelb:

du hast das gut begründet. Und nebenbei – wie ein Dostojewski die Spielsucht beschreibt – die Annäherung an so ein Gedankengut in Phasen geteilt:

Erst mal rantasten. Dann sortiert man Sprüche unter besoffen ein oder Versprecher oder Spaß gemacht, dann zweifelt man an sich (nicht am anderen), dann verdrängt man und hofft, redet auch und merkt nicht, wie man sich dem Kern mehr und mehr nähert.

beeindruckend

Ich denke auch, besonders nachdem du es nochmal gerechtfertigt hast, dass der Text hier richtig ist. Ich habe hier ein Thema angeschnitten, bei dem ich selbst auf wackeligen Beinen stehe. Ich ärgere mich gerne und oft mit solchen Personen herum, wenn ich die Gelegenheit erhalte, aber ich gebe zu, dass ich mit meinen Argumenten nicht immer so gut im Sattel sitze, wie ich es mir wünsche. Ich bin ein Opfer der französischen Schwerstgrübelei der sechziger und siebziger Jahre. Denkfiguren, die ich mir hier und da von Soziologen wie Lacan, Derrida, Barthes, Latour, Foucault und manchen mehr geborgt und angeeignet habe, befreien mich gefühlt von vielen Vorurteilen, machen mich aber auch vorsichtiger, zurückhaltender – ob feiger auch, weiß ich nicht. Jedenfalls möchte ich das manchmal überwinden und verzettele mich dabei. Eine Frage, die mich etwa umtreibt: wie schafft man das, jemanden, der einem Verschwörungswahn aufsitzt, zurückzuholen? Geht das? Wie gehe ich mit so jemandem um? – ich habe meine Antworten darauf. Die einfachste ist der Humor; ich halte sie auch für die wirksamste. Überzeugung, Radikalität und Gesetzt sind weitere, endgültige Möglichkeiten. Das ist Krieg im Zweifel oder Strafe. Das allerletzte Mittel. Aber davon bin ich nicht einmal überzeugt, weiß nicht, ob die biblische andere Wange nicht der richtige Weg ist – auch wenn das nix für mich wäre ... Eine Argumentation ohne Überhebung und ohne Demütigung des Gegenübers – daran glaube ich am ehesten. Und hier gibt es Grenzen. Aber die zu definieren bin ich sehr schwach. Ich weiß, dass es unzulässig ist, wissenschaftlich durch Konsens gesichterte Fakten zu leugnen, ich kann Leuten erklären, warum sie falsch liegen, ihnen das Wie aufzeigen. Aber ich fühle mich unsicher in meinen Argumentationen.
Long story short: ich glaube, deshalb bin ich ich hier ein wenig auf das Thema Freundschaft ausgewichen, in dem ich mich nicht zu Hause aber doch viel wohler fühle.

Schon daraus wird wieder Rassistisches, Diskriminierendes erwachsen.

Dass ist das, was ich eben auch sehe. Und so ist jeder impulsive Umgang mit Rechtsextremismus ein seltsames Unterfangen. Ein bisschen Ethnologe sein und investigativ; ein bisschen eigene Positionierung – etwas dazulernen, etwas klarer werden, um sich zu bewaffnen (ein wenig), vor allem aber in der Hoffnung, weiser zu werden. Ja, wirklich ein fragliches Unterfangen, das für mich auch die Frage berührt: worin besteht mein 1:80.000.000-Engagement für diese Sache. Ich bin kein Berufspolitiker, kein Ideologe, aber ich möchte täglich wahrgenommenen Ressentiments etwas entgegensetzen. Ich merke, wie ich einer selbstbewussten Begegnung mit Formen von Rechtsextremismus in meinem Alltag immer ein Stück näher komme und doch verwirren mich diese Begegnungen immer wieder, wühlen mich auf und werfen mich auf eigenen Unzulänglichkeiten zurück.

Genug für heute Abend. Danke dir, Morphin :) Nochmal: schön, dich hier zu haben!


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Und noch einmal Sir Freatle,

diese 'Schnitzereien' sind wieder einmal ebenso peinlich wie überraschend. Danke, dass du sie zusammengekehrt hast. Du bist sicher ein guter Pilze-Sammler :D

Und was die Herleitungen der Namen meiner zwei männlichen Hauptfiguren betrifft, danke ich dir auch. Du weißt, dass ich ein kleiner Etymologie-Narr bin. Ausgerechnet bei Namen bin ich nachlässig und vertraue meistens aufs Gefühl oder auf die Ästhetik oder die Funktion (Erinnerungswert, Resonanz, Witz etc.).

Ein Iϸiot also :)

Sebastian war mir da bereits vertrauter.

Das Schelmenstück, wie du es nennst, und sicher recht damit hast, wird jetzt wohl erstmal etwas ruhen, bevor es mit etwas Mühe und den hier versammelten, tollen Überarbeitungsvorschlägen noch einmal umgekrempelt wird. Darauf freue ich mich.
Und jetzt erstmal gute Nacht. Die Nase läuft und der Kopf ist dicht.

Viele Grüße vom ϸill und guote naht.
Carlo

 

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