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(Tschu-tschu.) und (Chew-chew.) – Der Kopf eines zum Tode Verurteilten

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03.04.2026
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(Tschu-tschu.) und (Chew-chew.) – Der Kopf eines zum Tode Verurteilten

(Tschu-tschu.)
Bevor Sie weiterlesen, Mr. Jensen, lassen Sie mich raten: »Chew-Chew-Chan tot durch Old Sparky«. Lautet so die Titelseite? Ich hoffe es doch. Ich werde versuchen, auf der Fotografie nicht zu blinzeln. Versprochen.

Wissen Sie, ich möchte mich nicht versuchen zu erklären. Um Gottes Willen, nein. Ich werde Sie nicht verurteilen, wenn Sie es nicht verstehen. In welcher Position befinde ich mich schon, um mir dieses Recht zu geben? Sie werden mich wahrscheinlich so wenig verstehen wie ein Maler sein eigenes Gemälde. Kunst dient nie einem Zwecke, muss weder Emotionen noch Revolutionen entfachen. Sie muss schlicht existieren, Mr. Jensen. So wie ich. Kunst um der Kunst willen, so heißt es nun mal, nicht wahr? Aber ich schweife ab … Ich werde meine Prinzipien verraten. Warum? Das erfahren Sie am Ende meines Briefes.
(Tschu-tschu.)

Wissen Sie, ich hatte als Kind eine kleine Spielzeuglokomotive. Für jedermann nichts Besonderes, jedoch für mich alles auf der Welt. Der Vater ein Alkoholiker, die Mutter eine verdroschene, gebrochene Frau. Für mich nichts Besonderes, jedoch wie für jedermann alles auf der Welt, Mr. Jensen. Ich spielte mit ihr überall. Auf den Betten, auf dem Flur und Teppich – selbst auf dem mit Kippen und Bierdosen verseuchten Sofatisch. Geliebt habe ich sie über alles, auch wenn sie jeder gehasst hat.
(Tschu-tschu.)

Eines Tages, so wie jeden Sonntag, zischte im Hintergrund Mutters Tomatensuppe auf dem Herd. Das tiefe Rot hatte es den frisch geernteten Fleischtomaten aus dem Nachbarsgarten zu verdanken. Sie blubberte, wie mein kleines kindliches Ich sich Lava vorstellte, und ich hatte Hunger. Einen RIESENHUNGER. Doch bevor es ans Essen ging, spielte ich mit meiner Lokomotive.
(Tschu-tschu.)
Ach, können Sie sich diesen naiven, verträumten Fokus vorstellen, den ein Kind in solch einer Situation hat, schließlich waren Sie auch einmal Kind, Mr. Jensen? Sie wissen schon: das typische Sich-von-Mutters-Hand-lösen und Auf-die-Straße-rennen, nur um vom Auto überfahren zu werden. Es war jedoch kein Auto beteiligt, sondern Mutters Tomatensuppe. Und statt eines Kindes, das reglos am Boden lag, war es die Suppe, die eine Blutlache bildete. In den nächsten – ich schätze mal dreieinhalb Minuten – eskalierte es zwischen Vater, Mutter und mir, und um es kurz zu machen: Vater presste Mutters Hand auf die Herdplatte und zwang sie, mich mit ihr zu schlagen. Das waren höllische Schmerzen, Mr. Jensen. Das Gold ihres Eherings brannte sich tief in mein Fleisch ein. Meine Lok sah ich seit diesem Tage nie wieder. Sie verschwand. Doch mein endloser Hunger blieb weiterhin bestehen. Als würde man Kohle in einen Dampfkessel schaufeln, brodelte er weiter.
(Chew-chew.)

So, Mr. Jensen, wir sind beinahe am Ende angelangt, Endstation, und ich habe Ihnen nicht ganz die Wahrheit erzählt. Meine Prinzipien werde ich nicht verraten. Warum? Weil ich Ihnen um Himmels willen nicht erklären kann, woher dieser schiere Hunger kommt. Vielleicht war jener Abend der Auslöser. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum ich diese Menschen gegessen habe. Vielleicht erinnerte mich deren Blutlache an die der Tomatensuppe. Vielleicht sah ich in ihren letzten Momenten meine letzten Momente, meine dreieinhalb Minuten. Vielleicht, vielleicht, vielleicht ...
(Chew-chew.)
Mein Hunger verhält sich zu mir, wie die Kunst zum Maler: Sie ist bedeutungslos. Doch erst durch das zweite Paar Augen wird das Gemälde zum Beobachter. Genau. Mein Hunger ist eine endlose, schiere und unvollendete Katharsis – ein Blick in den Kochtopf.
(Tschu-chew.)

Wissen Sie, ich sah meinen Vater kurz bevor der Motorblock des Lastwagens seinen Schädel zersplitterte, noch an der Küchentürschwelle stehen und sich verabschieden. Und wären Sie es gewesen, Mr. Jensen, wünschte ich, ich hätte Sie noch ein letztes Mal umarmt. Doch da er es gewesen war, saß ich weiter am Frühstückstisch und schob mir den Löffel Frühstücksflocken in den Rachen. Ich werde Sie vermissen, Mr. Jensen. Sie waren die einzig wahre Seele in diesem Kaninchenbau.

 
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Hallo @Dennis Pergul ,

ganz herzlich willkommen im Forum! :gelb:

Dein Einstand gefällt mir wirklich gut. Auch, wenn du mit der Situation selbst nicht das Rad neu erfindest, ist die Geschichte sehr stimmig, hat einen tollen Sound und nimmt trotz der Kürze überrraschende Wendungen. Apropos: Die Länge ist im Verhältnis zum Inhalt perfekt, und - das sehe ich eher selten - hier wirkt Briefform und Ansprache mal nicht aufgesetzt, weil das eine vollkommen natürliche, logische Situation = Erzählhaltung ist.

Gut finde ich auch, dass zwischen Jensen (einem Wärter oder der Psychologe, das muss auch nicht genannt werden, denn beide wissen das ja) kein Konflikt besteht, sondern eben diese sanfte, zugewandte Mitteilung den Konflikt im Rückblick erzählt.

Ein paar Kleinigkeiten (super, ich hab keine Tipper entdeckt, das ist wirklich selten). Schau, was du damit anfangen kannst.

(Tschu-tschu.) und (Chew-chew.) – Der Kopf eines zum Tode Verurteilten
Das ist bissl arg chaotisch und gibt ja gar nicht den schönen, klaren Aufbau des Textes wieder. Sieht auch aus wie ein Bot-Spampost. Hatte mich auch erst abgehalten, reinzuklicken. Wie wärs schlicht mit:
Der Verurteilte
Ein Verurteiler
? Denn eigentlich geht es ja auch um mehr als den Kopf. Egal ob faktisch oder auf die Gedanken allein bezogen. Okay, auch bissl langweilig, aber ... Vllt. Der Brief eines Verurteilten.

(Tschu-tschu.)
Da rate ich: Klammern weg, Satzzeichen weg und kursiv:
Tschu-tschu

Oder - jetzt fällt mir ein, dass ja alles Handschrift ist und da keine Unterscheidung möglich wäre - vielleicht den Punkt weg? Sorry, hab keine Begründung parat, und ein Wort kann ein Satz sein, aber weil es so eine eingeschobene Lautmalerei ist, eigentlich bissl meta.

Bevor Sie weiterlesen, Mr. Jensen, lassen Sie mich raten: »Chew-Chew-Chan tot durch Old Sparky«. Lautet so die Titelseite? Ich hoffe es doch
Hehe, Old Sparky hab ich lange nicht gehört. Passt zu der ruhigen, recht abgeklärten Art des Protas.

Hier würde ich als Fluss etwas besser finden:
Bevor Sie weiterlesen, Mr. Jensen, lassen Sie mich raten – wird die Teitelseite lauten: Chew-Chew-Chan tot durch Old Sparky? Ich hoffe es doch.

Oder so in der Art.

Ich werde versuchen, auf der Fotografie nicht zu blinzeln. Versprochen.
Das gefällt mir super gut, dieser Einwort-Satz, das hat schon eine leicht schmerzhafte Zutraulichkeit, bei der man aber nicht weiß, ob der Eindruck verlässlich ist. Mir gefällt enorm gut (drei Mal unterstrichen), dass du ihn nicht grob, hämisch, sarkastisch feixend darstellst, wie das in circa 99,9% solcher Texte gehandhabt wird und mich immer enorm nervt. Als hätte Gewalt mit niedrigem IQ zu tun.

Für jedermann nichts Besonderes, jedoch für mich alles auf der Welt.
Ich möchte nix vorschlagen, was diese schöne Konstruktion zerstört, daher meine ich: Denk vielleicht mal in die Richtung: Erst positiv und dann negativ ist ja eigentlich verquer, weil man sagen würde: Für keinen / niemanden etwas Besonderes.

Du brauchst natürlich jedermann, weil das gut (gebrochen) wiederholt wird. Vielleicht fällt dir was ein, wie du beides hinkriegst.

Für mich nichts Besonderes, jedoch für jedermann alles auf der Welt, Mr. Jensen.
Da fehlt ein Vergleich, denn nicht jeder kennt seine Mutter, sondern es geht ums Prinzip:
Für mich nichts Besonderes, jedoch wie für jedermann alles auf der Welt, Mr. Jensen.

Eines Tages, so wie jeden Sonntag, zischte im Hintergrund Mutters Tomatensuppe auf dem Herd.
Klasse Bild, auch das 'zischte', das ungewohnt kam und gut vermeidet, so langweilig zu berichten: die Suppe kocht.

Einen RIESENHUNGER. Doch bevor es ans Essen ging, spielte ich mit meiner Lokomotive.
Keine Verbesserung, nur ein Hinweis: Wenn dies kein Brief wäre (wo es passt), sollte Riesenhunger auch lieber kursiv als Betonung.

Sie wissen schon: das typische Sich-von-Mutters-Hand-lösen und Auf-die-Straße-rennen, nur um vom Auto überfahren zu werden.
:lol: Das hab ich nicht kommen sehen!
Sowas gefällt mir echt super gut. Es ist ganz selbstverständlich, ''nebenbeiig' wie hier ein Mitglied (Hanniball) mal sagte. Dieses Untertreibene gefällt mir sehr gut, weil in so vielen Texten sowas zu ausgewalzt wird, als ob die Leute ihrer Sprache nicht trauten. Kurz angetippt, jeder verstehts, und weiter im Text.

Kein Satz (eine Ausnahme :D) zu viel und keiner zu wenig, du hast eine gute Ökonomie und einen tollen Klang dennoch.

In den nächsten - ich schätze mal dreieinhalb Minuten - eskalierte es zwischen Vater
Wie auch hier in meinem Komm: Du hast Minuszeichen/Trennstrich, benötigst aber die etwas längeren Gedankenstriche (in word kommen die automatisch, wenn du nach dem dahinterstehenden Wort einen Leerschlag setzt): –

Meine Lok sah ich an diesem Tage nie wieder.
Nicht nur an dem Tag, wenn sie verschwunden ist: Meine Lok sah ich seit diesem Tag nie (oder: nicht / nicht mehr) wieder.

Doch erst durch das zweite Paar an Augen wird das Gemälde zum Beobachter. Genau. Mein Hunger ist eine endlose, schiere und unvollendete Katharsis – ein Blick in den Kochtopf.
ein zweites Paar Augen

Den fett markierten Satz würde ich als einzgen im Text kicken. Ersatzlos streichen. Es ist das einzige Mal, wo der Schreiber abschweift zu einer platten Selbstanalyse und der Brief zeigt ja ansonsten so schön, dass er schon hiner alles blickt, aber dem Leser immer noch zutraut, dass der selbst die Punkte verbindet. Dieser Satz fällt imA aus dem Aufbau des Textes und ist zudem out of character.

Hat mir gefallen. Erst dachte ich, ein Schlusssatz (z. B. Passen Sie auf sich auf) oder eine Unterschrift wäre realistischer, aber er nennt ja seinen Namen bereits, und wenn er allein in der Zelle sitzt, ist ja klar, wer den Brief geschrieben hat.

Cool gemacht und nicht zu platt diese Reihe/Mix: Chan - chew - tschu.
Klanglich wäre sogar Chun näher dran.
(Hab grad kurz überlegt, ob tshoo wegen dem englischen chew besser wäre, denke aber nicht, weil es deutschsprachige Leser dann falsch 'ausgesprochen' als langes O im Kopf haben und das ja die Reihe bräche.)

Ich weiß, es klingt immer seltsam, wenn jemand sagt: Text erinnert mich an den und den, aber a) kannst du den nicht kennen und b) ist es hier mit einem Lob verbunden: Es gibt eine Hommage-Anthologie Jordan Krall: In Stefan's House. A Tribute to Stefan Grabiński. Und dort hat ein erwachsener Mann auch eine Spielzeugeisenbahn, dreht in einer ohnehin sehr weirden Erzählung ab und frisst seine Mutter, dort gibt es auch diese Verbindung von Kohleschaufeln und Hunger. In dem Buch fand ich die Gewalt und die Art, diese Hunger-Parallele zu ziehen sehr grob, unnötig auf Schock und Ekel gebürstet (der Prota ist auch so Tetsuo-mässig selbst aus erhitztem Eisen, sehr viel bodyhorror). Und genau da funktioniert dein Text viel besser, weil du dich darauf verlässt, dass der Leser die Gewalt im Kopf hat (der Ring! sehr fies, wirklich) und das nicht ausgewalzt und super grob beschrieben werden muss.
Schade, dass meine eigene Grabiński-Hommage schon vor einigen Jahren verlegt wurde, deinen Text hätte ich gern dort reingenommen.

Sauberer Einstand, gefällt mir echt gut. Und trau dich ruhig, auch anderen deine Eindrücke dazulassen, davon lernst du selbst. Keine Scheu, Geben & Nehmen gehört hier durchaus zum guten Ton. ;)

Bin gespannt auf mehr von dir, herzlichst,
Katla

 
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@Katla, ich danke dir vom Herzen für deine Kritik und Anmerkungen. Ich werde in nächster Zeit die Anmerkungen umsetzen. Und ja, der Titel ist so gewählt, weil es eine Geschichte aus meiner noch kommenden Anthologie »Köpfe« ist. Sie behandelt die Gedanken und Gefühle von verschiedensten »Köpfen« und zielt eher darauf ab, Emotionen und Gefühle solcher Köpfe (z.B. Querschnittsgelähmte; Alzheimerpatienten) darzustellen und zu beschreiben, als vielmehr narrativ zu sein. Deshalb wird es mehr fragmentiert erzählt sein. Weiterhin haben diese Texte eine Lautmalerei, weil viele Leute Gefühle, Gedanken, Situationen usw. mit bestimmten Geräuschen verknüpfen, die dann in ihren Köpfen hausen.

Also, du kannst dich freuen, es werden noch weitere Texte kommen :thumbsup:

Liebe Grüße
Dennis

 

Und ja, der Titel ist so gewählt, weil es eine Geschichte aus meiner noch kommenden Anthologie »Köpfe« ist. Sie behandelt die Gedanken und Gefühle von verschiedensten »Köpfen« und zielt eher darauf ab, Emotionen und Gefühle solcher Köpfe (z.B. Querschnittsgelähmte; Alzheimerpatienten) darzustellen und zu beschreiben, als vielmehr narrativ zu sein.
Hallo Dennis,

herzlichen Dank für deine rasche Antwort.
Okay, verstehe. Dennoch würd ich die Geräusche und Klammern aus dem Titel nehmen. Und letztlich geht es ja nicht um einen isolierten Kopf. Wenn der drin sein soll, vllt. lieber: Im Kopf eines ... / Aus dem Kopf eines ... Oder halt irgendwas in der Richtung. Sonst denke ich gleich an abgeschlagen oder Sleepy Hollow oder Ash's hand, whatever, aber der Text geht ja in eine ganz andere Richtung.

Die Ideen finde ich sehr schön, interessant.

Also, du kannst dich freuen, es werden noch weitere Texte kommen
Ja, das tue ich tatsächlich. Aber (fettes Aber): Bitte sei wirklich so nett und lasse auch anderen Rückmeldungen da. Gerne vor dem näxten Text-Post. Gerade wenn du hier solche einstellt, die für ein Buch gedacht sind, noch viel mehr, wenn es Self Publishing sein sollte - was ich nicht hoffe, reich das lieber irgendwo ein.

Weil, ernsthaft: Dieses Forum bietet gegenseitige Hilfe unter Schreibenden, kein kostenloses Lektorat oder Aufpolieren fürs SP. Du bezahlst hier quasi das Lektorat (und ich kenne Verlagslektorat, das ist bei Kleinverlagen manchmal sogar gnädiger als dieses Forum) nicht mit Geld, sondern mit deinem Engagement unter Fremdtexten.

Ich wette, du hast auch sehr spannende Kritiken / Anmerkungen abzugeben, darauf freue ich mich nämlich auch schon. :gelb:

Schön, dass du hergefunden hast,
herzlichst, Katla

 

@Katla Jupp, ich lasse den Text jetzt erstmal so stehen und warte auf weitere Leser*innen. Aber der nächste Text gerade in diesem Moment online gegangen. Er ist aber außerhalb der Anthologie angesetzt xD

 

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