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Theaterstück Wallensteins Schlafzimmer

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Wallensteins Schlafzimmer

Wallensteins Schlafzimmer

für Eric Idle * 29.03.1943

Ein Dramolett in sechs Akten,
mit Vor- und Nachspiel und Musik​


von Sibylla Schwarz, Friederike Kemper, Fritz Schiller, Matthias Claudius, Golo Mann und Het Dante Friedchen mit freundlicher Unterstützung von Annami, Anne49, Isegrims, Kanji, Manlio, Placidus, rieger, Tanghai, ulf1 und wieselmaus

Fassung vorletzter Hand​

"Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, so weit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ Aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Misstöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!"
aus Jean Paul: Rede des toten Christus vom Weltengebäude herab, dass kein Gott sei

Personen:
Friederike Kemper, Gartenlaube

Sibylla Schwarz, Tochter des Bürgermeisters von Greifswald

Vojtěch Václav Eusebius z Valdštejna, kurz: Wallenstein - Herzog von Friedland und Mecklenburg, Fürst zu Sagan und Boss des größten Kriegsunternehmens aller Zeiten zuvor und bis vor einem Monat gewesener Generalissimus des Hauses Österreich

Wallensteins Schatten, Dragoner, ein Publikum, Beichtvater und Gevatter Hain, Egerländer Blasmusik

Musik von Frau Kemper und der Egerländer Blasmusik
Ort und Zeit: historisch Eger,CC Greifswald 24./25. Februar 1634, aktuell jetzt und hier - ein kleiner virtueller Zuschauerraum mit dem Leser als Publikum

Vorspiel
Vorm Vorhang​

Friederike Kemper (bläst auf dem Kamm eine beliebige, aber bekannte Melodie an und singt dann):

O Wallenstein, du eigner Held,
Bewundert viel, begeifert von der Welt,
Im Tode doch blüht dir ein Glück:
Von Schillers Hand das hübsche Stück!

(die Melodie erneut blasend, ab zur rechten Seite)


1. Akt

Nacht. Wallensteins Schlafzimmer. Kerzenlicht.

Wallenstein (im Nachthemd, erhebt sich stöhnend vom Bett und geht Schlappen schleppend ans Fenster und öffnet es. Blasmusik lärmt herüber.
Spricht in die Nacht hinein):

Die Egerländer blasen Sturm unds närrisch Volk hat Freigang, holt freudig rote Nasen sich.

Auch das muss mal sein, denn düster ist unser Leben geworden und Ares regiert die Welt. Wenn jetzt nicht Eirenen gelingt zu obsiegen, wird die ganze Welt weiter im Finstern verharren; auf eben die gleich’ elend lange Zeit als die Herrschaft des Ares schon auf allem lastet!

Ist aber das geschichtlich’ Erdreich erst einmal aufgewühlt, muss mit erstaunlichen Gewächsen gerechnet werden: mit kolossalen Helden und eben solchen Zwergen, die feig’ ihr Gift verspritzen.

(Lacht bitter auf und fährt fort):

Erinnere mich des Spiels unter Kindern: so wird gesagt, ich hätte nur Kriegsspiel geduldet. – Welch ein Scherz!
Als ich später den Mitschülern erzählte, dass sich die Weiden vor mir verneigt hätten, glaubten sie’s.
’s waren wohl Trauerweiden und Trauerklöße zugleich. –

Heut’ kehrt es als Gerücht zurück zu mir! –

(Niest. Von draußen ist Tumult zu hören.)

Erinnere mich dessen, was der Astrolog' aus den Sternen erkannte: hätt’ ein wachendes, aufgemuntert, emsig und unruhig Gemüt, sei begierig auf Neuerung. Wie nebenbei lasse sich erkennen ein großer Durst nach Ehren und Streben nach Dignität und Macht. –

(Kichert kurz)

Nun ja, mein’ Durst löscht ein Pilsner nicht allein. –

Hierdurch entstünden mir viel’ öffentliche und geheime Feinde, die mir großen Schaden zufügen könnten. Obsiegte zweifellos meistenteils über sie, sofern ich nur den Lauf der Welt beachtete. So gelangt’ ich zu hohen Dignitäten, Reichtum und, - nachdem ich mich endlich in Höflichkeit schicken tät’, - zu einer stattlichen Heirat.

Und der Astrolog’ hat recht, recht hat der Sterngucker: Die Sterne logen nicht! –

Was weiter erzählt’ der Astrologe?

Mir gefiele nicht das gemeine menschliche Wesen und seine Händel, sondern ich trachtete nach neuen, bisher unversuchten Mitteln. Doch hätt’ ich viel mehr in Gedanken, als ich äußerlich spüren und sehen ließ’.

Was mir nicht gefällt am Horoskop, dass ich unbarmherzig wär', ohn’ brüderlich’ und eheliche Liebe, niemand achtend, denn nur mich und der Wollust ergeben. Wär' hart zu den Untertanen und zöge sie an mich. Wäre geizig, betrüglich und behandelte sie alle ungleich.

Sicherlich bin ich meist stillschweigend, doch dann wieder ungestüm und streitbar. Doch ähnelt’ ich also der englischen Elisabeth und dem gewesenen Kanzler der Polen.

Alles wahr und eingetreten, was der Astrologe vorausgesehen.

Doch fürcht ich allein die Rede, dass ich nicht allen Feinden überlegen sein werde. –
Das ängstigt mich!

2. Akt
1. Szene

(Nacht. Am Fuße des Schlossberges. Hufgeklapper.
Aufreiten vier Dragoner, steigen ab und stecken die Pferde in den Boden.

Torkeln.

Ihre Fahnen riechen bis ins Publikum und hoch an den Schlossturm.)

2. Szene

(Greifswald, zur gleichen Zeit.
In den Trümmern herrscht Gevatter. Es stinkt wie die Pest, Moder und Aas. Auf den Trümmern feiert ein Mädchen seinen 13. Geburtstag.
Sybilla Schwarz ruhig: )

Willstu noch nicht Augen kriegen, oh, du ganz verböste Welt
da du doch siehst niederliegen manchen ausgeübten Held',
da du doch siehst oft begraben, die es nicht gemeinet haben!
Wie lang willstu Wollust treiben? Wie lang, meinstu, hastu Zeit?
In der kranken Welt zu bleiben? Wie lang liebstu Üppigkeit?
Da doch einer nach dem andern muss aus diesem Leben wandern.

Ei, was hastu für Gedanken, wenn da so viel Leichen stehn?
Wenn da liegen so viel Kranke, die den Tod vor Augen sehn?
Wenn die Götter dieser Erden selber auch begraben werden?
Wirstu dich nicht eh bedenken, eh der warme Geist entweicht -
so wirstu dich ewig kränken, darum, weil der Tod uns schleicht
stündlich nach auf allen Seiten, soll man sich dazu bereiten.

Gib mir Gott ein selig Ende, führ mich durch des Todes Tal,
nimm mich fest in deine Hände, kürze mir des Todes Qual,
Lass mein Herze nicht verzagen für des Todes grimmen Plagen!
Lass mir nach die schwere Sünde, gib mir deinen Freudengeist,
dass ich Ruh der Seelen finde! Darum bitt ich allermeist!
Lass mich auch ja nicht berauben, sondern mehr mir meinen Glauben!

Hier mein Gott, hie schlag und plage! Hier, HERR JEsu, reck undt streck!
Hier, hier trenne, brenn und jage! Hier reiß, schmeiß, kränk, senk und schreck!

Lass mich hier die Strafe spüren, die mir sollte dort gebühren!

3. Akt

(Nacht. Wallensteins Schlafzimmer.
Wallenstein am offenen Fenster, sich kurz am Gemächte kratzend):

Fürchte nicht den offenen Kampf der Kolosse.
Ich fürcht' den Zwerg und unsichtbaren Feind, der Gift verspritzt.
Allein durch feige Furcht ist er fürchterlich. Das ganz Gemeine, ewig Gestrige. –

Das ganz Gemeine ist’s, was immer war und immer wiederkehrt und morgen noch gilt, weil’s heut schon gegolten. Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, Gewohnheit nennt er seine Amme.

Weh aber dem, der würd’gen alten Hausrat zertöpfert!

Diesem Feind muss zuvor ich kommen. Dess’ Kriechen, dess’ knechtischen Verbeugens könnts Blut gemeiner Menschen in Wallung versetzen und vorbestimmte Wahl, gefassten Beschluss zu Kinderwillen machen. Süße Worte, gekrümmter Rücken, gebeugtes Knie nebst hündischer Schmeichelei suchen den Entschluss zu ändern.

(Schreit hinaus in die Nacht so laut er kann):

Euer Kaiserlicher Majestät untertänigst gehorsamster Fürst und Diener!
Dem ich nicht lach!

4. Akt

(Nacht. Vorm Schloss.
Die Dragoner hören jemand schrei’n):
Wallenstein:

Euer Kaiserlicher Majestät untertänigst gehorsamster Fürst und Diener!
Dem ich nicht lach!

Erster Dragoner (nickt den andern zu):

C’est l’homme Val’stejn!

Zweiter Dragoner:

Le grand homme, il est chez lui.

Dritter Dragoner: (hält eine Flasche hochprozentiger Dragonade [Drachenblut] hoch und brüllt den Kameraden zu):

Haut la bouteille!

(Die andern drei halten auch Dragonade hoch.
Sie rufen gleichzeitig)

Erster Dragoner:

Haut le verre!

Zweiter Dragoner:

À votre santé!

Vierter Dragoner:

En avant, bons camarades!

(Alle vier ab.)

5. Akt

(Wallensteins Schlafzimmer.
Wallenstein am offenen Fenster):

Ferdinand -
Zwerg nach Giganten wie Rudolf, Max und Karl, mit dem sich schon mein Großvater gestritten.

Ich pfeif auf die Anred' „Euer Liebden“ oder „Euer fürstlich’ Gnaden“ und erst recht „Von Gottes Gnaden“! Ha! Ausgekotzt aus irgendei’m göttlich sich wähnenden Verdauungstrakt: Gnade kann nur der Himmel gewähren. Und da werden des Kaisers Händ' tausendmal sich falten, um Vergebung zu erflehn.

Tausendmal wird er sterben, bevor einmal er stirbt.

Was planlos geschehn, soll in einen Plan nun gegossen werden: ein neues Reich mit modern’rer Verwaltung, der Frondienst gehört abgeschafft. Und ohn’ dies abergläubische und totalitäre Gehabe und Getue der Inquisition, mit stehendem Heer und nicht marodierenden Banden, dass der Krieg sich selbst ernähre. Holzeinschlag in den Wäldern werde erlaubt, Fischereiverbote zählen nicht mehr.

Denn werden die Lebensbedingungen der Untertanen verbessert, werden sich auch meine Einnahmen steigern.
Leben und leben lassen!

Manufakturen sind zu errichten, Kollegs und Universitäten sind zu gründen, das Recht ist zu vereinheitlichen.

Und schafft das nicht die Liga, so schaff’ es die Union!

(Vom nahen Kirchturm schlägt’s Mitternacht.)

Die Uhr schlägt keinem Glücklichen!

(Vom Treppenhaus her kommt viel Lärm.)

Ich spüre, des Märzen Idus ist mir nah!

(Die Tür wird aufgestoßen. Vier angetrunkene Dragoner betreten polternd den Raum.
Wallenstein wendet sich ab vom offenen Fenster in den Raum.
Das Kerzenlicht kündet an den stillen Schatten des Todes.)

Wallenstein (ruhig):

Spät kommt Ihr, - doch Ihr kommt!
Sucht Ihr Vojtěch Václav Eusebius z Valdštejna,
so habt Ihr ihn gefunden.
Bin müd’ und krank, kann kaum den Schoppen Bieres selbst mehr führen, geschweige denn den Degen oder gar das Schwert.

Ich denk, einen langen Schlaf zu tun!

(Wallenstein breitet die Arme aus und der von den Leuten sich bisher zurückgehalten, der nimmt nun Schwung und stößt wie nach dem Lehrbuch zu, wie’s die objektive Berichterstattung später beschreiben wird und nun berichtet mit der Stimme von

Friederike Kemper):

Man müsse auf die Mitte zielen, wenig unterhalb des Brustbeins, den Stoß aufwärts führen, einen Fuß nach vorne gestemmt –
Zwerchfell und Magen durchstoßen, die Hauptschlagader treffen, die Lunge zerfetzen, mit des Todes riesigem Zackenmesser vier, fünf Organe durchwühlen, da eines bereits genügt hätte.

Feuer, stickender Schmerz, kreisender Weltuntergang. Fragment einer Sekunde: Ein Licht und der Körper sinkt in die ewige Nacht, als die Partisane herausgezogen wird aus dem Leib.

Was wird uns gezeigt und hernach berichtet?

(beschreibt, was auf der Bühne geschieht)

Ein langer, hagerer Mann nimmt den kleinen Körper zunächst auf die Arme und will ihn zum Fenster hinauswerfen, -

Ein Publikum (wirft ein, hämisch lachend oder stotternd, je nach Gefühlslage):

¿Ha, haben da nicht Böhmen und Mähren reichlich Erfahrung!

Friederike Kemper:

Aber, aber, gemach, verehrtes Publikum -
unter den Mördern ist gar kein Böhme, kein Mähre und Tscheche, nicht einmal ein Deutscher.

Lassen Sie mich also bitte fortfahren im Text!

Aber die anderen wollen anderes: plappernd wickeln sie den Körper in einen roten Teppich und schleifen ihn die Treppe hinab und an jeder Stufe schlägt der Schädel auf. Dann auf einen Wagen geladen, auf dem später weitere gebliebene Anhänger des gewesenen mächtigsten Mannes im Reiche - nebst dem Kaiser, so müssen wir einschränkend sagen - an diesem Faschingssonntag auf lange Zeit zu liegen kommen.

Und keine Kapelle spielt dazu, denn wer hätt’ den Anstiftern das hohe Lied des Mord und Totschlags singen und spielen sollen, gilt es doch immer wieder durch höheren Willen, eine Mörderbande aus dem Vermögen Ermordeter zu entlohnen und somit still zu stellen und die Tat zu legalisieren und zu legitimieren -

da niemand im nahen Alsheim Mnemosyne vermisst. Derweil rechtfertigt vor seinem Ordensgeneral.

(Auftritt
Beichtvater):

Solang Friedland dem Reiche und uns glücklich war,
freuten wir uns mit ihm.

Da er tapfer war,
ehrten wir ihn.

So wir ihn liebten,
weinen wir um ihn.

Als er aber uns verderben
unds Haus Österreich ausrotten wollte,
gaben wir am 24. Jänner Befehl,
die Herrschsucht zu zügeln und
der Göttlichen Majestät gefiel es,
den Plan des Erwählten Kaisers gedeihen zu lassen.

Nachspiel

(An den Ufern des Nihil' - jenseits des Tores zur Hölle
Gevatter Hain und
Wallensteins Schatten):

Hab' die Ehr'!,

(und reicht Gevatter Hain die Hand, die der entgegennimmt.
und fährt - die Hand fest haltend - flüsternd fort, ):

Ihre verehrten Brüder Mord und Totschlag zu kennen und fast täglich mit ihnen verkehrt, gut' Freund' und Gönner, kurz: gänzlich anders als Ihr, mein Herr, der so wenig als möglich vorbeischaut, was man ja oft findet, dass Brüder sich nicht gleich sind. Sie sind gerade heraus und für jede Adresse zu haben, ohne allzu viel zu komplimentieren.

Es soll Leute geben, die über Ihre dünnen Beine spotten, aber auch nur hinter Ihrem Rücken. So einer bin ich nicht, stolzier ich doch selber auf solch’ Kackstelzen trotz des mächtigen Rumpfes. Ich weiß auch, dass Sie ein guter Mann sind, jeden gleichbehandeln, ob hohen oder niedern Standes, den Klugen wie den Dummen, denn – sind wir nicht alle dumm, die einen geboren, die andern gemacht und hernach beschränkt und in Blödigkeit gehalten, dass einem schon Heinweh ankommen kann nach Ihrer Gerechtigkeit - wenn da nicht die Hoffnung wäre auf bessre Zeit, dass man sich ruhig könnt' niederlegen.

Hab ein Notizbuch, das bring ich Ihnen mit, voll von Gedichten und Geschichten.

Weiß nicht, mögen Sie überhaupt Gedichte?
Aber ein Witz darf sein ...

Ein Jud will aus dem Heiligen Römischen Reich auswandern.
Als ein Amtsträger ihn fragt, wieso, antwortet der Jud: Aus zwei Gründen. Erstens trage ich Sorge, dass das Haus Österreich seine Macht verliert." –
"Niemals!", ruft empört der Amtsträger.
"Und das ist der zweite Grund", sagt der Jude.

(Gevatter Hain lächelt nur müde)

Gehn wir noch zusammen ein’ trinken?

Nee?

Schade!

Ich versteh schon: nicht während der Arbeitszeit, und schon gar nicht im Dienst rund um die Uhr. Der große Bruder schaut zu …

So ist unsre Welt heute und Ihre wohl auch.

Ja, das ist fein und auch, dass wir uns duzen.

War mir nicht sicher, wie viel Humor und Witz Du verträgst, weil es heißt, Du würdest keinen Spaß verstehn, auch, dass Du keine Zeit für Poesie fändest. Der Beruf, die Stelle, man kennt’s auch hier am Markt. Und wer keine Zeit hat, ist so gut wie tot. Das Büchlein, hoff ich doch, wird Dir nicht gänzlich missfallen und Du wirst schon das richtige mit tun.

Die Hand, lieber Freund, nehm ich gern, so ist in meinem Alter gut wieder aufstehn.

(Gevatter Hain hällt Wallensteins Schatten bei der Hand,

wendet sich dem Publikum am andern Ufer zu und zeigt gelegentlich mit dem Finger aufs Publikum)

Bin, der ich war und immer sein werde
eingangs des Raums bis zum Ablauf der Zeit,
wenn's Euch mal zu eng, dann wieder zu weit.
Nichts und Niemand in Himmeln und Erde.

Beherrsch die Zeit, da's ächzet und ichtet
aus dem Verstand des Heuschreckens Schwarm
und der selbstlosen Zecke findigen Charme,
dass das Anthropozän selbst sich richtet.

Schein manchmal ein Freund - doch immer Euch feind,
bin's Chaos, das trennt und gar nimmer eint
in all den Himmeln wie auf der Erde.

Nix da! Kein Trost, den Himmel füllt Leere,
dem Schlachtfest Erde gebühret die Ehre!
Stumm bleibt die Stimme, dass etwas werde.

(Vorhang.
Auftritt Friederike Kämper, kammblasend, gefolgt von vier Dragonern, die singen.)

Dragoner (singend):

Der Mond ist aufgegangen
Und eitrig er vom Himmel trotzt.
Ein Dichter schreibt, der Pöbel kotzt,
Die Bühne wird verhangen.

 
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Nun, da ich mich statistisch auf der Ziellinie des Lebens eingefunden, hab ich eine kleine Änderung vorgesehen und werde „Gevatter“ auch mit seinem seit urdenklichen Zeiten zugesprochenen Namen benennen. Nun aber nicht wie seit Matthias Claudius und früher „Hein“, dem verkürzten „Heinrich“ – denn der Gevatter zum "Heini" zu verkürzen und zu verniedlichen wird sich in unseren Zeiten von selbst verbieten.

Doch wähle ich den Gleichklang und doch von gänzlich anderer Bedeutung:
„Hain“,

denn ist es nicht so, dass unsere Friedhöfe die gepflegtesten Haine weit und breit sind, sehn wir mal von ab, wenn ein Hirnrissiger nebst feigem Gesinde Grabschmuck klaut oder gar mal wieder ein jüdisches Grab schändet.

Friedel

 
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Angeregt durch den Titel einer Debütantin ist der wirtschaftsliberale (andere sagen "neoliberale", wieder andere "zynisch") Beitrag Wallensteins im 5. Akt um ein schönes, altes Motto erweitert worden. Leben und leben lassen ...

Ich dank Dir, liebe @Carina!

FRiedel

 
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Lieber Friedel - wenn ich darf -

das ist heute mein dritter Abend mit Wallenstein und in seinem Schlafzimmer und ein guter Moment für eine Momentaufnahme meines Leseerlebnisses. Der erste Abend hat mich herumgeschleudert durch die neuen Bekanntschaften mit deinen Koautoren. Jean Pauls Blumenstück zunächst erschien mir eine Koinzidenz, denn ich hatte den Siebenkäs just drei Tage zuvor aus dem Regal gezogen, um ihn wieder zu lesen. Friederike Kemp(n)er dann war eine Neuentdeckung. Sollte sie nicht in jedem deutschen Klassiker ihren Auftritt haben? Dass ich Sibylla Schwarz gar nicht kannte, ist mir seit mittlerweile drei Tagen ununterbrochen peinlich und kommt nie wieder vor. Ist der Text tatsächlich von ihr? Golo Mann habe ich nicht herausgefiltert, dafür M.C.'s Widmung an Freund Hain, kannte ich auch nicht. Und Dragoner gehörten für mich (der englischen Tradition folgend) zur schwere Reiterey. Herrje! Bei all der Recherchiererey stolperte ich über den /die Idus und filterte, vielleicht, eine Fluse heraus: idus ist m. E. Plural. (Idus Iduum f)
Gerne habe ich mich auch darin geirrt.
Den zweiten Abend verbrachte ich dann mehr mit Wallenstein und seinem Schlafzimmer. Das Hübsche an dem Dramolett und seiner Form sind die Bilder, die unsere Phantasie mit Theaterlichtern, Vorhängen, mit Auf- und Abtritten ausstaffiert. Daher sind die Steckenpferde eine Freude und kein bisschen M.P. (Mit dem Problem müsste sich eine Regisseurin auseinandersetzen.) Auch die Gerüche fließen ein, irritieren und funktionieren schließlich doch. Die Verwirbelungen, Umschreibungen, Ergänzungen - spät kommt ihr, doch ihr kommt - also das richtige Stück, aber der falsche Mann? - das bereitet mir viel Freude, weil ich mich durch dein Dramolett mit den Vielen, die dazu beigetragen haben, qua Internet mit Leichtigkeit verbinden und unterhalten kann.
Es hilft nun aber alles nix, es gibt auch eine Merkwürdigkeit: eine latente Abwesenheit der Hauptperson. Fatal! Ich war so verkemp(n)ert und verschwarzt nach dem ersten Lesen, dass ich den armen Wallenstein darüber ganz vergessen hatte.
Das war beim zweiten Lesen nicht ganz so arg, aber immer noch auffällig. Ich lege meinen Finger auf den ersten Akt und behaupte: da liegt die Wunde. Da wird erklärt und nicht zuende erklärt, vieles vorausgesetzt, ohne dass die Situation (musste ich auch erst gucken, aha, Eger, achja) dramatisch klar wird. Schlappen schleppend natürlich ausgenommen.
Dann nimmt, Akt 3, auch der Held Fahrt auf: die Vorahnung, die in krankhafte Beschleunigung und in das Bekenntnis zur Moderne führt: da haben wir ihn. Sehr schön sind für mich die Dramatisierung der Ermordung durch F.K. und die Entdramatisierung durch das Gespräch mit Freund H.
Hains Antwort ist ja nun auch leider die Antwort auf J.P. Möge das Anthropozän sich selber richten, wenn's sonst keiner tut. Stattgegeben. Ich leide durchaus noch regelmäßig an optimistischen Abenden, und die in Wallensteins Schlafzimmer verbrachten gehören dazu. Danke dafür!
Vom Idus abgesehen, würde ich mich freuen, wenn du nichts änderst, aber in Zukunft ein paar mehr Dramolette schreibst.
Wo ich bin, ist es nun sehr spät, ich möchte nicht wissen, was Frau Rechtschreibkorrektur zu meinem Kommentar sagt.
Herzliche Grüße heute von der Rückseite des Weißen Berges
Placidus

P.S. Zu allem Überfluss habe ich mir natürlich gestern auch noch eine Runde Egerländer Blasmusik gegönnt. Ich glaube nun, zu Recht behaupten zu dürfen, ich hätte das Stück gesehen.

 
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»Wie lange
Dauern die Werke? So lange
Als bis sie fertig sind.
So lange sie nämlich Mühe machen
Verfallen sie nicht.

...«
Brecht​


Herzliche Grüße heute von der Rückseite des Weißen Berges
Das ist eine gelungene Überraschung,

liebe Placidus,

- mein J, war ich schon lange nicht mehr in Böhmen – da regierte noch General Svoboda (ich bin mir sicher, dass Du weißt, dass der Name des Generals, der mit sowjetischer Unterstützung den Prager Frühling niederwalzen ließ, „Wahrheit“ vorgaukelt), auf jeden Fall wurde unter seiner Herrschaft einiges rationiert (Strom und Wasser z. B.) und der junge schmucke, und tatsächliche noch glattrasierte, aber schon immer langhaarige Bursche, der ich einstens war, hatte schon ein lockeres Mundwerk, neigte zur Satire und spottete über diese Art von „Wahrheit“, dass unsere Gastgeber (ich war in doppelter weiblicher Begleitung) immer zischten, doch bitte stille zu sein … Das wird auch der Grund sein, dass ich nie wieder ...

aber liebe Placidus,

Du darfst so ziemlich alles –

und erst recht, wenn’s mir eine grooooße Freude bereitet, umso mehr, da ich gerade, nein gestern, die Nachricht erhielt, dass zumindest sich „mein“ Theatertrüppchen wieder treffen wird Anfang September … sofern nicht der Einfall[t]swinkel (frz. incidence) mal wieder ausschlägt.

Und dann die Freude, dass hierorts wenigstens noch jemand ist, der neben Gottfried Keller und mir Jean Paul kennt, dessen Einordnung durch Schiller – J. P. sei aus dem Mond gefallen – mir als Motto dient.

Der erste Abend hat mich herumgeschleudert durch die neuen Bekanntschaften mit deinen Koautoren.
Friederike K. war auch eher eine Zufallsbekanntschaft, ich blätterte durch die Mitgliedsliste der Gartenlaube und dachte – die nimmze, jemand nach dem Motto reim dich oder stirb …

Recht hastu, sie gehört in jeden teutschen Bücherschrank und auch ins Tageblättchen – aber Sibylla Schwarz war auch für mich eine Entdeckung und hatte auf mich die Wirkung, wie 1968 Rimbaud, an den ich geriet durch Henry Henry Millers „Vom großen Aufstand“ und der mich bis heute begleitet.

Mit dem „Idus“ tut sich ein Nichtlateiner erst mal schwer und „meinem“ Theoderich gönnte ich somit den fürs teutsche Ohr eindeutigeren Plural „Iden“.

Den zweiten Abend verbrachte ich dann mehr mit Wallenstein und seinem Schlafzimmer. Das Hübsche an dem Dramolett und seiner Form sind die Bilder, die unsere Phantasie mit Theaterlichtern, Vorhängen, mit Auf- und Abtritten ausstaffiert. Daher sind die Steckenpferde eine Freude und kein bisschen M.P. (Mit dem Problem müsste sich eine Regisseurin auseinandersetzen.) Auch die Gerüche fließen ein, irritieren und funktionieren schließlich doch. Die Verwirbelungen, Umschreibungen, Ergänzungen - spät kommt ihr, doch ihr kommt - also das richtige Stück, aber der falsche Mann? - das bereitet mir viel Freude, weil ich mich durch dein Dramolett mit den Vielen, die dazu beigetragen haben, qua Internet mit Leichtigkeit verbinden und unterhalten kann.
Es hilft nun aber alles nix, es gibt auch eine Merkwürdigkeit: eine latente Abwesenheit der Hauptperson. Fatal! Ich war so verkemp(n)ert und verschwarzt nach dem ersten Lesen, dass ich den armen Wallenstein darüber ganz vergessen hatte.

Ich find’s gut – ist ja kein Lehrstück oder Sachliteratur. Bei mir darf sich jeder ver- und irren, aber werd mir den ersten Akt anschauen und ggfs. Änderungen vornehmen.
Und da halt ich mich an den ollen Brecht und seine Maxime zu den langdauernden Werken ...
Aber halt, da kommt doch schon ...

Das war beim zweiten Lesen nicht ganz so arg, aber immer noch auffällig. Ich lege meinen Finger auf den ersten Akt und behaupte: da liegt die Wunde. Da wird erklärt und nicht zuende erklärt, vieles vorausgesetzt, ohne dass die Situation (musste ich auch erst gucken, aha, Eger, achja) dramatisch klar wird. Schlappen schleppend natürlich ausgenommen.
Aber ich schau mal, was sich machen lässt.

P.S. Zu allem Überfluss habe ich mir natürlich gestern auch noch eine Runde Egerländer Blasmusik gegönnt. Ich glaube nun, zu Recht behaupten zu dürfen, ich hätte das Stück gesehen.

Muss keine Folter sein. Es gibt einen Spielfilm, den Titel hab ich jetzt nicht parat, in dem eine Bläsertruppe nach Amerika kommt und unter Blue Grass und dergleichen fremden Klängen sich anpasst ... Frag mich nicht nach dem Titel. Wobei mir gerade auffällt, dass momentan Iko, Iko, jiacomo fina hai (bestimmt falsch geschrieben) als Schlafwagen daherkommt. Musst mal Williy deVilles nebst Dr. Johns und Prof. Longhairs Versionen hören. Mit Bläsern!

Tschüss und danke für diesen feinen Komm

FRiedel

 
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Ich lege meinen Finger auf den ersten Akt und behaupte: da liegt die Wunde.

»Für eine gerechte Beurteilung des Wesens Wallensteins dürfte eine genaue Kenntnis seines körperlichen Befindens nicht ohne Wert sein«, heißt es in den Jahresberichten für deutsche Geschichte, 1936, S. 226 (zitiert nach
Wallenstein – Schreibung, Definition, Bedeutung, Beispiele | DWDS
am 24.08.2021 gegen 11 Uhr MESZ

Moin,

Placidus,

ich noch mal,

wer drei Tage wie Du mit diesem Waldstein ausharret, gar ringt, darf auch mehr von ihm und seinen Schöpfern erwarten (wobei seine Eltern und Lehrer gar nicht einbezogen sind).

Nach nicht mehr ganz so neuen Nachricht(en) kann der historische W. Hypochonder gewesen sein, der neben realen Erkrankungen vor allem unter der Vorstellung litt, seit etwa 1604 (also seit 28 Jahren vor unserem Ereignis), dass Pest und „Ungarische“ Krankheit ihn befallen hätten (was immer „ungarisch“ da wäre – nach der Hypothese eines Jaroslav Mixa im Medizinhistorischen Journal, Bd.18, Heft 3/1983, S. 256 ff. vgl.https://www.jstor.org/stable/25803750 am 24.08.2021, 10:21 MESZ)
ist Syphilis am wahrscheinlichsten. Ich werd wahrscheinlich eine Variante neben der Schillerschen versuchen, dass er a) um seinen Zustand wusste und keineswegs wie der große Alexander von einer Krankheit geschwächt dahingerafft werden wollte* und b) dem Kaiser ein durch W. vermittelter Sonderfriede zwischen der Union (die protestantische Partei, die ja in den Lutheranern und Reformierten heute noch Differenzen zeigt, aber in der Lehre der Prädestination einen erheblichen Anteil des Aufstiegs Europas vom asiatischen Anhängsel hat, wo eigentlich die Frage auftauchen kann, was wäre, wenn Chinesen Amerika entdeckt hätten) wie ein Damoklesschwert vorkommen musste in den drohenden erheblichen Gebietsverlusten für Rom und Habsburg.

Mal schauen, wie's wird, wenn ein Akt vorweg gesetzt wird in Verhandlungen zwischen Dragonern und der Egerlichen Partei ...

Dank Dear für die Anregungen und bis bald

Friedel

* was ja eigentlich schon durchscheint - nicht nur im Schlappen schleppen, wenn er seine Mörder erwartet.

 
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Ich bin sehr (p)fündig geworden,

liebe @Placidus,

was „Ungarische Krankheit“ geheißen wurde unter

Ungarische Krankheit, die hinwiederum unter

Pierer's Universal-Lexikon, Band 18. Altenburg 1864, S. 161, verwendeten usw. usf.

»[161] Ungarische Krankheit (Ungaricus morbus, Hirnwurm), bösartiges Faulfieber, welches bes. unter den in Ungarn fechtenden Heeren herrschte; erst leichter Frost, dann Hitze, mit heftigem Kopfweh u. Schmerzen in der Herzgrube u. unauslöschlichem Durst; den zweiten od. dritten Tag Delirien, so daß es sich als ein vollkommenes Nerven- u. Faulfieber, mit Halsentzündung u. Petechien darstellte.«

wobei „Hirnwurm“ und „Faulfieber“ mir besonders gefallen (was die Opfer keineswegs abwerten soll, aber „Faulfieber“ hielten mir meine Eltern immer vor … Die Welt ist halt ein Dorf, wenn auch nicht allein im nördlichen Gallien).

Der 3. Akt ist minimalst und dennoch naturalistisch geändert.

Ich werd nun tatsächlich eine Änderung vornehmen (und wenn er sich nur ans Gemächte packt, der alte Macho) und Deinen Namen in den Kreis des Mitarbeiterkollektivs aufnehmen. Wenn letztgenanntes unerwünscht ist, sag bescheid und ich nehm den Namen wieder raus.

Friedel, der noch ein schönes Wochenende wünscht ...

 
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Lieber Friedrichard,
nur kurz, denn es ist spät:
Ich bin aufs äußerste geehrt! Und nehme im Zweifel auch unverdiente Ehrungen gerne an.
Ganz herzlich zur Nacht
Placidus

 
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Ehre, wem Ehre gebührt,

liebe Placidus,

ohne Dich wüsste keine hierorts, was die Ungarische Krankheit ist ...

Schönen Sonntag noch vom

Friedel (ders tatsächlich schafft, mal ohne das lästige "FR" (eigentlich die Abkürzung der Federal Republic ...", wenn der Zeigefinger zu flink ist, passierts halt)

 
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@Tanghai
regte am 28.03. 2018 an

Es gibt einen Philosophen, Zizek, der heute bei jungen Menschen sehr gut ankommt. Sein Steckenpferd heißt Neoliberalismus, das dürfte Dir auch gut gefallen. Ich könnte mir gut vorstellen, wie Zizek bei Monty Python beherzt mitmischt, seine Beobachtungen sind grundsätzlich humoristisch, wenn auch bitter.​

Zizek sagt: nie gab es ein Genozid, das nicht von einer Hymne begleitet wurde. Es gibt eine artistische Repräsentation dieser Schandtaten, sei es in Form eines Gedichts, eines Gassenhauers. Meist sind das Zeilen, die die eigene Überlegenheit bestätigen, die das Zusammenhalten der Gruppe dirigieren.

Lieber Tanghai,

liebe Mitwirkende,
geehrte Mitleidende,

nun ist es so weit und doch so nah, ich habe Zizek mit einer kleinen, bösen, ans 17. Jh angepassten und dennoch nahezu zeitlosen Witz zitiert und sinnigerweise Gevatter Hain in den Mund gelegt ...

Ob es eine Bereicherung ist ... aber unwahrscheinlich ist es eben nicht, denn schon mit den Römischen Legionären kamen nicht nur die ersten Juden an den Rhein, sondern auch der Antisemitismus.

Die Idee kam aus Zeit-Online
https://www.zeit.de/2021/36/slavoj-...ona-pandemie?utm_referrer=https://metager.de/

Friedel

 

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