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Wer zum Teufel ist Uli?

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14.08.2012
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Wer zum Teufel ist Uli?

Gut eine Stunde hatte ich geschrieben und dabei Glas auf Glas gekippt. Ich war nun einigermaßen blau und natürlich ging es mir keinen Deut besser. Wie auch? Ich wusste nur zu gut, dass die Nacht draußen sich nicht von der Stelle gerührt hatte, die wartete nach wie vor auf mich. Zumindest sollte ich heute einschlafen können, redete ich mir ein. Den Versuch war‘s wert. Ich zerknüllte die vollgekritzelten Seiten und warf sie in den Mülleimer hinter der Theke. Dann schob ich Heinrich einen Zwanziger hin und wollte mich endgültig aus dem Staub machen.
Ich schlüpfte in den Mantel, doch eben als ich mein Glas leerte, erklangen die ersten Takte von Borodins Requiem. Beinahe verschluckte ich mich.
Am Musikautomaten stand ein Typ und raufte sich die Haare. Das war eins von diesen modernen Dingern, die ein paar zigtausend Titel drauf haben, die gesamte Musikgeschichte rauf und runter. Womöglich wollte der Schlaumeier Boney M. hören oder DJ Bobo und hatte sich schlicht vertippt. Solche Genies soll’s ja geben. Oder das Ding war einfach hin, zur Strecke gebracht von einem Software-Fehler, keine Ahnung. Der Spinner drückte wie blöde an den Knöpfen, aber das änderte nichts, die Kiste war eindeutig hinüber. Die anderen Gäste fanden das gar nicht lustig, die wollten chillen, die wollten verdammt noch mal Popmusik hören, keinen schwermütigen russischen Kram. Es fehlte nicht viel, dass die ersten Gläser durch die Luft flogen. Auch wenn sich die Härchen auf meinen Unterarmen aufstellten, das Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Nach sechs Minuten wäre der Spuk ohnehin vorbei. Die hatten doch keine Ahnung, diese Banausen.
Heinrich tat, als ginge ihn das alles nichts an, der hatte auch seinen Spaß. Hingebungsvoll polierte er die Chromteile der Espressomaschine und zwinkerte mir zu.
„Weißt du, was Tolstoi gesagt hat?“, fragte er mich.
„Na ja, so einiges, vermute ich.“ Heinrich immer mit seinen Zitaten. Ich rechnete mit dem Schlimmsten.
Nirgends kann das Leben so roh wirken wie dort, wo es mit edler Musik konfrontiert ist. Also ich glaub zumindest, dass es von Tolstoi ist“, sagte er und schenkte uns zwei Gläser ein.
„Die gehen auf mich, Luis.“
Die Musik ist eines der Mittel, Gut und Böse zu unterscheiden. Ist auch von Tolstoi“, sagte ich und hob mein Glas. „Auf die alten Russen, Heinrich.“
Jedenfalls war das der Augenblick, in dem ich sie sah. Mit geschlossenen Augen stand sie am anderen Ende der Bar und in ihrem schwarzen Kleid und mit der Perlenkette um den Hals wirkte sie hier vollkommen fehl am Platz, als hätte sie sich verirrt. Sie klammerte sich an ein Fläschchen Heineken und war so blass im Gesicht, dass ich fürchtete, sie könnte jeden Moment umkippen. Kurzerhand ging ich zu ihr rüber und sprach sie an. Mich musste der Teufel geritten haben.
„Verzeihen Sie, ist Ihnen nicht gut?“
Zuerst schien sie mich nicht gehört zu haben. Doch dann drehte sie sich um, ganz langsam, als hätte ich sie aus einem Traum geweckt, als holte ich sie aus der Umlaufbahn um einen fernen Planeten, und ich hatte währenddessen alle Zeit der Welt, ihren Nacken zu betrachten. Ihr Haar war hochgesteckt, und das war schon immer eine Sache, die mich schwach werden ließ, die ich an Frauen einfach liebte, den Haaransatz hinter dem Ohr, diese zarte Stelle, die man nur sehen konnte, wenn sie das Haar hoch trugen. Es konnte kein Zufall sein, dass sie sich genau dorthin das Parfum tupften, als wüssten sie um den Zauber dieses magischen Stückchens Haut.
„Ich weiß nicht recht, wie soll’s mir denn gehen, wenn es mir gerade das Herz zerreißt?“
Als sie das sagte, lächelte sie kein bisschen, sie meinte das offenbar ernst, ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mich auf den Arm nahm. Allerdings schaute sie auch nicht drein, als müsste sie gerade furchtbar leiden. Ich war mir nicht ganz sicher, vielleicht verarschte sie mich ja doch.
„Und Sie? Mögen Sie Borodin?“, fragte sie mich.
„Sehen Sie nicht, dass ich mich gerade anschicke, ohnmächtig zu werden?“ Auch ich blieb ernst.
Jetzt stahl sich ein Grinsen in ihr Gesicht.
„Dann sollten Sie sich besser hinsetzen, meinen Sie nicht?“
Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern schnappte sich meine Hand und steuerte ein Tischchen an, ganz hinten in der letzten Ecke, und das war mir nur recht, auf diese Spaßvögel an der Bar konnte ich gerne verzichten.
Solange die Musik lief, sprachen wir kein Wort, wir sahen uns nur an und ihre Finger ließ ich auch nicht los. Was die da vorne mit dem Musikautomaten anstellten, bekam ich nicht mehr mit, es war mir herzlich egal. Ganz gleich, ob sie den nun zertrümmerten oder einfach den Stecker zogen.
„Wie heißt du?“
„Luis.“
„Witzig. Ich heiße Uli. Ist fast ein Anagramm.“
Meine Güte, konnte die lächeln!
„Deine Stammkneipe scheint das nicht gerade zu sein, Uli, was?“
„Nein. Aber im Winter komm ich manchmal rüber, um mich aufzuwärmen.“
„Sag bloß, die haben dir die Heizung abgedreht. Genauso schaust du aus. Als wärst du vollkommen verarmt.“
Sie lachte.
Die übliche Drecksmusik fing wieder an und Uli ließ meine Hand los.
„Komm, lass uns abhauen, Luis.“ Sie leerte ihre Flasche und stand auf. „Ich würde dir gerne was zeigen. Also wenn du magst.“
„Wird es wehtun?“ Ich grinste sie an.
Wieder lachte sie und ich lachte auch. Dabei war das alles andere als ein Witz. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass mir noch irgendwas passieren sollte, was nicht wehtäte. Seit der Sache mit Mona war’s vorbei mit meiner Überzeugung, ich sei unverwundbar, nun ja, ich will’s mal so sagen, ich hing einigermaßen ramponiert in den Seilen. Zwar hielt ich mich noch halbwegs auf den Beinen und steckte wacker Schlag auf Schlag weg, aber dass ich die meiste Zeit die Zähne zusammenbiss, fiel mir schon gar nicht mehr auf.
„Lass dich überraschen“, sagte Uli.
Wir verließen das Henriques. Nach wie vor lungerte die Nacht vor der Tür, bitterkalt und finster wie zuvor, aber ich dachte mir, die könne mich mal kreuzweise, diese Scheißnacht, zumindest heute. Ich schlug den Mantelkragen hoch und steckte die Fäuste in die Taschen, Uli schlang sich ihren Schal um den Hals. Unsere Atemwölkchen ließen ein leises Klirren hören, als sie zusammenstießen.
„Und jetzt?“
„Ist nicht weit“, sagte sie und hakte sich bei mir unter. „Nur zweimal um die Ecke.“
Wir stapften durch den Schnee und ehrlich gesagt, ich dachte dabei an gar nichts. Allerhöchstens daran, dass mir mein verfluchtes Bett nie und nimmer davonliefe. Das wartete unerbittlich auf mich. Hämisch grinsend oder mit gefletschten Zähnen, wie es ihm gerade gefiel. Da konnte ich genauso gut noch ein wenig durch die Gegend laufen, sagte ich mir. Und sollte Uli eine Verrückte sein, womöglich eine Waffe in der Handtasche mit rumschleppen und mir ans Leben wollen, wäre das auch kein Beinbruch. Vielleicht wäre das sogar das Beste, was mir passieren konnte.
Wir bogen in eines dieser schmalen Innenstadtgässchen ein. Vor einer unscheinbaren Holztür blieb Uli stehen.
„Da sind wir.“
Ich blickte die Fassade hoch. Eindeutig gotisch, das musste die Rückseite der kleinen St. Lucrezia-Kirche sein. Na großartig, ich war tatsächlich an eine Irre geraten. Uli kramte in der Handtasche und ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Sie holte einen Schlüsselbund hervor und schloss auf.
„Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“
„Lass dich überraschen.“
Wir betraten einen dunklen Raum, vermutlich die Sakristei, viel konnte ich nicht erkennen. In Wahrheit war ich mittlerweile so fertig, dass es mir kaum noch gelang, die Augen offen zu halten. Uli machte sich in einer Ecke an ein paar Schaltern zu schaffen und ich nahm unterdessen einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann. Keinesfalls wollte ich nüchtern sterben.
Sie griff nach meiner Hand und zog mich durch einen verwinkelten Gang ins Kirchenschiff. Vor einem Seitenaltar funkelte ein Meer von unzähligen Kerzen und ich starrte auf die Flämmchen, bis das Bild vor meinen Augen zu verschwimmen begann. Tatsächlich spürte ich eine Träne über meine Wange kullern, obwohl das beileibe kein trauriger Anblick war.
„Darf man hier rauchen?“
„Setz dich hin, Luis. Ich bin gleich so weit.“ Dann war sie weg. Offenbar hatte sie mich nicht gehört. Ich hockte mich auf eine Bank, steckte mir eine an und verkroch mich in meinem Mantel. Mir war leidlich warm und an der Brust spürte ich die tröstliche Berührung des Flachmanns. Zigaretten hatte ich auch noch genug. Überdies liebte ich schon immer diesen eigentümlichen, mystischen Geruch, wie er nur Kirchen zu eigen ist. Beinahe fühlte ich mich wohl. Ich war in den letzten Monaten schon weit schlimmer dran gewesen.
Ganz leise erklangen Orgeltöne und ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich sie wirklich hörte. Ging der Zirkus schon wieder los? Erst vor wenigen Tagen hatte ich mitten in der Nacht verzückt Bruchs Oratorium gelauscht, minutenlang, bis mir einfiel, dass ich die Schallplatte ja schon längst zertrümmert und ins Kaminfeuer geschmissen hatte, vor mehr als einem halben Jahr, an Monas Geburtstag. Ich war aus dem Bett gekrochen, hatte den Kopf unters kalte Wasser gesteckt und mich dabei gefragt, ob ich’s in der letzten Zeit mit dem Trinken nicht doch ein wenig übertrieb.
Andererseits, sollte ich nächtelang an die Decke starren?
Bildete ich mir die Musik jetzt auch nur ein? Mir sträubten sich alle Härchen. Ausgerechnet dieses Stück musste sie spielen ... Ich schloss die Augen und summte die Melodie mit, ich fürchtete, jeden Moment aus einem Traum aufgeweckt zu werden, ich meinte, Monas Haar zu riechen.
„Schenkst du mir eine, Luis?“
„Hä?“
„Eine Zigarette.“
Ich öffnete die Augen. Ein Typ stand neben der Bank und blickte mich treuherzig an. Der Pfarrer schien das nicht zu sein. Zuerst dachte ich, es wäre Kurt Cobain. Mit der abgewetzten Lederjacke und den wirren blonden Strähnen sah er haargenau so aus. Na ja, eine Spur lebendiger vielleicht.
„Müsste ich dich kennen?“ Ich hielt ihm mein Päckchen hin.
„Kommt drauf an. Rutsch mal rüber.“
Ich machte ihm Platz und er setzte sich neben mich. Ich reichte ihm den Flachmann.
„Aber sei ja still“, flüsterte ich ihm zu, obwohl das Präludium mittlerweile wie ein Orkan durch die Kirche brauste. Kaum zu glauben, dass Ulis zarte Finger dieses Wunder erschufen.
„Danke. Auf deine Mona“, sagte er und nahm einen Schluck.
Mir fiel beinahe die Zigarette aus dem Mund.
„Äh, hast du eben Mona gesagt?“
„Die Kleine spielt echt gut, was?"
„Sag mal, was soll der Scheiß? Du hast Mona gesagt, ich hab’s doch gehört. Wer bist du überhaupt? Wir kennen uns doch gar nicht, oder?“
„Kannst dir’s aussuchen. Du vermisst sie sehr, stimmt’s?“
„Hör mal, wenn du mich nerven willst, vergiss es. Lass mich einfach die Musik hören.“
„Ich mein’s ernst. Ist deine Entscheidung.“
„Was ist meine Entscheidung? Ob du mir auf die Eier gehst?“
„Nein, wer ich bin.“
Der Witzbold ließ nicht locker. Vermutlich war er nur ein einsamer Penner, der jemanden zum Quatschen suchte. Aber, Himmel noch mal, er war nicht der einzige, den das Leben verarschte, dass Einsamkeit die lausigste Sache auf der Welt ist, das brauchte mir niemand erzählen. Millionen von Typen ging‘s nicht anders, erwartete er sich ein Wunder? Hatte nicht ein jeder sein Kreuz zu tragen? Ich verspürte im Augenblick wahrlich keine Lust, den Seelentröster zu spielen.
„Ich möchte dir einen Vorschlag machen, Luis.“
„Vergiss es. Ich hab echt keine Lust zum Quatschen. Und woher du meinen Namen weißt, ist mir eigentlich auch egal. Ehrlich. Lass mich einfach in Ruhe.“ Ich nahm einen kräftigen Schluck.
„Na komm, Luis, reg‘ dich nicht auf. Ich mein’s gut mit dir.“
War das etwa doch ein Pfaffe? Wollte mir der jetzt was erzählen vom Wunder der Welt, von den Freuden dieses Jammertals? Vom Sinn des Leidens? Das fehlte mir gerade noch.
„Ich denke, ich könnte dir helfen, Luis.“
Herrjemine, ich war schon wieder an einen Bekloppten geraten.
„Wobei willst du mir helfen? Etwa beim Totlachen? Glaub mir, das klappt nicht. Das versuch ich schon seit Jahren.“
Nein, in letzter Zeit hatte ich wahrhaftig keinen Grund gehabt, mich kaputtzulachen. Hätte ich etwa darüber lachen sollen, dass ich nach Monas Verschwinden rein gar nichts mehr auf die Reihe bekam? Dass ich meine Tage damit verplemperte, stapelweise Schreibhefte vollzukritzeln, zu saufen und einer Frau nachzuweinen? Und dass ich gleichzeitig vom Mitgefühl meiner Umwelt fast erdrückt wurde? Das nämlich war sowieso der allerschlechteste Witz, weil Mona mich in Wahrheit ja schon drei Wochen vor ihrem Unfall endgültig verlassen hatte. Aber davon wusste kein Mensch, niemand ahnte was von meinen allerletzten Worten an sie: „Dann hau doch endlich ab, du Verrückte.“ Das Übliche eben und ich hatte keine Sekunde daran gezweifelt, dass sie spätestens am nächsten Tag wieder vor meiner Tür stünde. Wie so oft, wie immer. Aber dieses eine Mal war es ihr offenbar ernst. Zwischen unserem Zuhause und dem Tunnelportal, an dem ihr Wagen zerschellte, lagen zwei Staatsgrenzen und gut tausend Kilometer Fahrt. Nein, das war kein Tagesausflug gewesen.
Bis heute wusste ich nicht zu sagen, ob ich um meine Freundin trauerte oder um meine Exfreundin. Als ob das irgendeinen Unterschied machte. Und der Spinner meinte im Ernst, mir wäre zu helfen?
„Also da gäb’s schon ein paar Möglichkeiten, Luis.“
„Alter, bitte!“
„Jetzt hör mir doch einfach mal zu. Meinst du etwa, du wärst der erste, mit dem ich ins Geschäft komme? Ist im Grunde die einfachste Sache der Welt. Ein simpler Tauschhandel. Du bekommst von mir Zeit mit deiner Mona und gibst mir dafür was von dir. Was weiß ich, irgendein Dings halt.“
Ich hatte es geahnt, der Typ war wirklich übergeschnappt.
„Ach, um diesen Hokuspokus geht‘s. Ich nehme mal an, du redest von meiner Seele. Und den Vertrag besiegeln wir mit meinem Blut, stimmt’s? Sag mal, wo haben sie denn dich ausgelassen?“ Schön langsam begann der Kerl, mir Spaß zu machen.
„Vergiss diesen Quatsch, Luis. Seele … meine Güte, das ist doch Märchenkram. Ich hätte dich für schlauer gehalten. Was fang ich denn mit Scheißseelen an? Meinst du, ich kleb mir die in ein Sammelalbum, oder was?“
„Ehrlich, darüber hab ich mir noch nie den Kopf zerbrochen.“ Ich trank und reichte ihm neuerlich die Flasche. Beinahe mochte ich ihn schon.
„Die Seele gibt’s nicht, Luis, die ist eine Illusion. Nicht mehr als ein tröstliches Konstrukt, um die Vergänglichkeit des Lebens leichter zu ertragen. Nein, ich will schon was Handfestes. Also irgendwas, wo’s richtig wehtut, wenn du es hergibst. Ich meine, immerhin kriegst du ja was dafür, was den Schmerz dann wieder aufwiegt. Ist im Grunde eine reine Ermessenssache. Eine Frage des Abwägens sozusagen. Quid pro quo, wie es so schön heißt.“ Er kicherte und grinste mich an.
„Dein Ernst? Ich soll jetzt echt handeln mit dir? Was soll ich dir denn bieten? Tun's ein paar Zwanziger?“
„Es muss schon wehtun, hab ich gesagt.“
„Jessas, ein paar Hunderter?“
„So richtig wehtun.“
„Hmm … ich könnte mir zum Beispiel ein Ohr abschneiden, was meinst du? Oder eine Zehe.“
„Genau. So was in der Art.“
Ich lachte. „Na dann. Auf mein Ohr“, sagte ich und nahm einen Schluck.
„Prost, Luis. Auf deine Nase.“ Er lachte auch und der Flachmann wanderte hin und her.
„Aber jetzt im Ernst, Luis. Je mehr du mir gibst, umso länger gebe ich dir Mona. Ein Ohr ist natürlich ein Witz. Das reicht gerade mal für eine Woche.“
„Sag mal, wer von uns beiden ist besoffener, du oder ich?“
„Ist doch egal, oder? … Tja, ist deine Entscheidung. Aber du bist wohl einer von den Skeptikern, die für alles einen Beweis brauchen, was? Willst du einen Beweis?“
„Na ja, eigentlich schon, bevor ich mir ein Ohr absäble. Oder einen Finger.“ Ich lachte in mich hinein, der Typ war echt witzig und Uli spielte wie eine Göttin. Was für eine verrückte Nacht. Ich hielt ihm die Schachtel hin.
„Magst du noch eine?"
„Ja, gerne“, sagte er, nahm sich eine Zigarette und rammte mir im selben Augenblick ein Messer durch die Hand, und es stimmt, im ersten Moment spürt man überhaupt nichts, höchstens ein bisschen kalt fühlte sich das an. Ich vergaß zu atmen, keinen Ton brachte ich über die Lippen, doch dann explodierte der Schmerz und raubte mir beinahe die Sinne, ich meinte, mich jeden Moment übergeben zu müssen, ich presste die Knie zusammen, ich war knapp dran, mir in die Hose zu pinkeln, ich drückte die Hand an meinen Bauch und krümmte mich, mir schoss das Wasser aus den Augen.
„Luis, um Himmels Willen, was ist passiert?“
„Der verdammte Rasenmäher. Ich hab’s doch gewusst, dass diesem Drecksding nicht zu trauen ist.“ Ich lehnte an der Terrassentür und hechelte, ich bekam kaum Luft. Mona bugsierte mich zum Sofa und mein Blut hinterließ eine glitzernde Spur auf dem Boden. Das Hemd, das ich um die Hand gewickelt hatte, konnte ich vergessen. Den Teppich auch.
„Was bin ich nur für ein dämlicher Hund, ich könnte mich ohrfeigen. Oh Gott, oh Gott, was für eine Scheiße. Dieses Scheißding. Tut mir leid wegen des Teppichs. So ein Mist.“
„Jessasmaria, Luis, vergiss den Teppich. Werd mir ja nicht ohnmächtig, mein armer Liebling.“ Mona drückte mir einen Kuss auf die Wange und rannte ins Badezimmer. Aber so schnell konnte sie gar nicht verschwinden, dass nicht trotzdem ein Teil von ihr zurückblieb, ihr Duft hing im Wohnzimmer und hüllte mich ein, und dagegen waren die rasenden Schmerzen in meiner Hand ein Witz. Hätte ich mir für Mona nicht ein Bein ausgerissen? Und dabei noch gelacht? Sie kam mit dem Verbandszeug zurück und setzte sich neben mich. Ich lehnte mich an sie und vergrub meine Nase in ihrem Haar.
„Mona, Mona, was täte ich ohne dich?“, flüsterte ich in ihre Haare. „Vermutlich müsste ich verbluten und sterben … verrecken, krepieren, elendiglich zugrunde gehen … und leiden wie ein Hund … ach Mona, du hältst mich am Leben … ohne dich wäre ich schon längst hin, ehrlich … das weißt du, Mona, das ist kein Witz. Oh Gott, wie ich dich liebe … was täte ich nur ohne dich …“
Ich redete und redete, ganz blöd war ich von ihrem Geruch, ich konnte nicht aufhören zu quasseln und meine Lippen wanderten unterdessen langsam zu ihrem Hals, nicht ohne vorher ein wenig bei ihrem Ohr verweilt zu haben. Meine unverletzte Hand blieb auch nicht untätig. Mona wand sich.
„Hör auf damit, Dummkopf, sonst schaff ich das nie“, sagte sie. Aber ihre Stimme klang, als würde sie sagen: „Hör um Himmels Willen nicht auf, Luis, sonst muss ich auch gleich sterben.“
Der Verband wurde alles andere als ein Kunstwerk.
„Wie fühlst du dich?“, fragte sie, als sie fertig war. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und presste die andere Hand zwischen die Beine, ein feiner Schweißfilm glänzte auf ihren Schläfen und ganz rote Wangen hatte sie. „Was meinst du, Luis, sollen wir gleich zum Arzt, oder hat das noch ein paar Minuten Zeit?“
Ich streckte mich auf dem Sofa aus. „Vergiss den Arzt. Ich glaube, ich werde gerade ohnmächtig“, sagte ich und verdrehte die Augen.
„Ach, Luis, mein Armer“, sagte Mona und schlüpfte aus ihrem Kleid.

Ich riss die Augen auf. Zusammengekrümmt hing ich in der Kirchenbank, ein höllischer Schmerz tobte in meiner linken Hand, der zog sich rauf bis zur Schulter, und ich wusste nur eines mit Sicherheit: So etwas konnte man sich nicht einbilden. Ich knirschte mit den Zähnen.
„Das waren jetzt dreißig Minuten, Luis. Reicht dir das als Beweis? Gib mal deine Hand her. Ich hab ein sauberes Taschentuch.“
Der Wahnsinnige saß tatsächlich noch neben mir.
Besonders witzig fand ich ihn jetzt nicht mehr. Überhaupt fand ich im Augenblick gar nichts witzig, ich fühlte mich, als wachte ich aus einer Narkose auf, ich konnte mich kaum bewegen. Mit Müh und Not bekam ich die Flasche an die Lippen.
„Hör mal“, stöhnte ich, „ich hab keine Ahnung wer du bist und was diese Scheiße soll. Machst du das öfter? Bist du krank oder was? Rennst herum und stichst Leute ab?“
Er griff nach meiner Hand und wickelte das Taschentuch herum.
„Du wolltest doch einen Beweis, oder? Und war’s das nicht wert? Der lächerliche Kratzer für diesen göttlichen Fick?“
„Verdammt, was redest du da?“
„Ach, Luis. Meinst du, ich weiß nicht, was du eben erlebt hast? Wo du die letzte halbe Stunde warst? Hier in der Kirche warst du jedenfalls nicht. Quid pro quo, hab ich doch gesagt, oder? Meinst du, ich mach Witze?“
Ich starrte auf die Kerzenflammen. Dann hob ich die rechte Hand an die Nase und schnupperte an den Fingern. Eindeutig Mona. Konnte man so etwas träumen?
„Du brauchst nichts überstürzen, Luis. Lass dir Zeit. Denk einfach in Ruhe drüber nach, was es dir wert ist. Muss ja nicht gleich ein ganzes Bein sein. Und, im Vertrauen gesagt, nicht mal dein eigenes muss es sein, wenn du weißt was ich meine.“
Er zwinkerte mir zu, tätschelte meine Wange und stand auf.
„Du hörst von mir, Luis. Und vielen Dank für die Zigaretten und den Schnaps.“ Er grinste mich noch einmal an, dann wandte er sich ab.
„He, warte“, stieß ich hervor und wollte ihm nach. Doch ein Schwindel erfasste mich und ich sank zurück auf die Bank. Der Irre verschwand in dem Durchgang zur Sakristei.
Erst jetzt wurde mir bewusst, dass es mittlerweile still in der Kirche war. Uli hatte zu spielen aufgehört.
Ich versuchte, mich an die letzten Töne zu erinnern, ich bemühte mich verzweifelt, die Melodie festzuhalten, die in meinen Ohren nachzuklingen schien wie das Echo aus einer fernen Zeit, ich zermarterte mir das Hirn, was da eben mit mir passiert war. Aber der Schmerz in der Hand machte mich schier verrückt, der ließ einfach keinen Platz in meinem Kopf für einen klaren Gedanken. Gleichzeitig ahnte ich, dass die Wunde mein geringstes Problem war, irgendwas stimmte nicht mit mir, das wusste ich, irgendwas stimmte ganz und gar nicht, am liebsten hätte ich das alles vergessen, am liebsten hätte ich laut gebrüllt.
Da hörte ich schon Schritte hinter mir und rasch ließ ich die Linke in der Manteltasche verschwinden, ich konnte Uli ja nicht gut was von heftigem Nasenbluten erzählen. Beinahe hätte ich aufgeheult, als meine Finger den kalten Stahl berührten. Das durfte ja nicht wahr sein, der Dreckskerl hatte sein Messer da reingetan.
Uli setzte sich neben mich. Ganz atemlos war sie.
Ich ließ den Kopf an ihre Schulter sinken.
„Das war unglaublich schön. Ich fürchte, du hast mich verzaubert, Uli. Ehrlich."
„Sag bloß, du weinst.“
Ich schüttelte schwach den Kopf.
„Du lässt mich jetzt nicht alleine nach Hause gehen, oder?“
„Na ja, ich weiß nicht recht.“
„Komm, sag nicht nein, Uli. Bitte.“
„Also, ich weiß nicht … nein, Luis, ich glaub, das wäre keine gute Idee … aber weißt du was? Ich geb' dir meine Nummer und du rufst mich an. Was meinst du? Ehrlich, ich würde dich gerne wiedersehen.“

***​

Ich erwachte. Noch bevor ich die Augen auf bekam, war die Erinnerung an einen Traum da, an einen Traum, der nicht und nicht hatte aufhören wollen, als hätte ich ihn stundenlang geträumt, ein ums andere Mal: Ich hatte mich böse an der Hand verletzt und Mona verband die Wunde, während meine andere Hand sich auf Entdeckungsreise unter ihrem Kleid befand. Dann zog sich Mona das blutbefleckte Kleid aus und sie war so schön, dass ich hätte heulen mögen. Aber immer wieder, gerade in dem Augenblick, wenn sie sich zu mir legte und sich nackt an mich schmiegte, begann der Zirkus von Neuem und ich stand wieder an der Terrassentür und fluchte. Und immerzu diese Musik. Es war zum Verrücktwerden.
Draußen graute der Morgen und ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass ich nicht in meinem Bett lag. Wenige Zentimeter vor meiner Nase sah ich eine Flasche und ein zerbrochenes Glas, daneben eine Hand, eingewickelt in ein Tuch, und die Hand ragte aus einem Mantelärmel und unter dem wiederum glaubte ich meinen Wohnzimmerteppich zu erkennen. Ich rührte mich nicht, ich starrte minutenlang auf dieses Bild und bemühte mich, es zu begreifen.
War ich gestern Abend im Henriques gewesen? Ja, und ich hatte tüchtig gebechert, daran erinnerte ich mich. Irgendwas war mit dem Musikautomaten, der hatte Faxen gemacht. Und dann war da noch diese Frau und dann … kurz blitzte in meinem Kopf die Erinnerung an eine verschneite Straße auf, an eine quälend langsame Taxifahrt … verdammt, was für ein Tag war heute überhaupt? Ich rollte mich auf den Rücken und setzte mich endlich auf. Ich hob die Linke und drückte vorsichtig daran herum. Fast hätte ich aufgejault. Oh Gott, jetzt hatte ich den Schlamassel, es war so weit, ich hatte mich endgültig um den Verstand gesoffen. Ich zerdepperte Gläser, ruinierte meine Hand, und am nächsten Tag hatte ich keinen blassen Schimmer mehr davon. Was war ich nur für ein erbärmlicher Scheißkerl ...
Lisa hatte die Frau geheißen, genau, jetzt fiel's mir wieder ein, unsere Namen seien fast ein Anagramm, hatte sie gemeint … nein, nicht Lisa, Uli. Uli hieß sie. Luis und Uli, das klang wirklich hübsch. Wir waren gemeinsam aus dem Henriques raus und ich fragte sie, ob sie mit mir käme, und tatsächlich saßen wir dann gemeinsam in einem Taxi … hatten wir uns nicht sogar geküsst? Aber ... war das überhaupt gestern gewesen? Himmel, ich bekam's einfach nicht auf die Reihe. Kein Wunder, ich hatte schreckliche Kopfschmerzen ... zu mir war Uli offenbar nicht mitgekommen und das konnte ich ihr schwerlich verübeln, ich ginge auch nicht freiwillig mit mir nachhause. Die Frau konnte ich wohl vergessen. Scheiß drauf.
Ich mühte mich hoch, warf den Mantel aufs Sofa, schlurfte in die Küche und setzte Kaffee auf. Dann stellte ich mich ans Fenster und löste vorsichtig das Tuch von meiner Hand. Auf dem Handrücken klaffte eine blutverkrustete Wunde. Junge, Junge, das sah wirklich böse aus. Vermutlich war ich mit dem Glas gestürzt und hatte mir eine Scherbe rein gerammt. Besser gesagt, hindurch gerammt, auf der Handfläche war auch ein Schnitt, genau gegenüber. Ich fasste es nicht, ich hatte mir echt ein Loch da rein gehaut, quer durch. Und mich dann schlafen gelegt? Wie ein vollkommen Verblödeter?
Behutsam bewegte ich die Finger, sie funktionierten tadellos, nur der Ringfinger wollte sich nicht recht krümmen lassen. Wenn ich ihn zu beugen versuchte, schoss ein Schmerz bis in den Ellbogen. Was war ich nur für ein Schwachkopf. Aber recht besehen, schien ich ein Riesenglück gehabt zu haben. Die Art von Glück, wie sie nur Kindern, Narren und Besoffenen zuteil wird.
Endlich war der Kaffee fertig, tiefschwarz und bitter, und ich kippte eine gehörige Portion Zucker in die Tasse. Den üblichen Schuss Gin ließ ich heute bleiben, mir war beileibe nicht zum Feiern. Andererseits, wem wollte ich was beweisen? Ich war auf dem besten Wege, vor die Hunde zu gehen, daran gab's nichts zu rütteln, lohnte es sich überhaupt, noch einen Umweg zu machen?
Schon stand ich am Schrank und kramte nach einer Flasche, nur einen Fingerbreit wollte ich mir gönnen, gegen die Schmerzen. Jessasmaria, ich war wirklich am Arsch. Ich goss Gin zum Kaffee und schon der Geruch ließ mich lächeln. Das war Medizin, nichts anderes.
Ich nahm ein paar Schlucke und in diesem Augenblick war plötzlich die gesamte Erinnerung an die letzte Nacht da, schlagartig erinnerte ich mich, ich erinnerte mich an alles. An den Taxifahrer, der dahingekrochen war wie der allerdämlichste Fahrschüler, daran, wie ich auf der vereisten Treppe vor der Haustür auf die Fresse flog, an Heinrichs blöde Zitate, an die Lucrezia-Kirche, an Ulis Orgelspiel, an diesen irren Penner … und was für Unsinn dieser Kerl gequatscht hatte, meine Güte, was es mir wert sei, quid pro quo, lauter so Scheiß. An jedes Wort erinnerte ich mich und starrte dabei auf meine Hand. Hatte mir der wirklich ein Messer da rein gehaut? War ich daraufhin bewusstlos geworden und hatte dieses wirre Zeug von Mona geträumt, halluziniert, mir eingebildet? Erlebt?
Ich drückte vorsichtig an der Wunde herum und ich meinte, wieder Monas Duft zu riechen, und ich erinnerte mich wieder, wie zart sich ihre Haut angefühlt hatte, ich erinnerte mich an dieses wahnsinnige Glücksgefühl, als ich mit meinem Kopf zwischen ihren Schenkeln lag, das war, wie nach einer langen Irrfahrt nach Hause zurückzukehren, das war wie das Aufwachen aus einem Alptraum. Das sollte doch mein wahres Leben sein, oder? Mona war doch mein Leben, nicht das Saufen, nicht dieses ununterbrochene Elend.
Ich goss mir Kaffee nach, ich goss mir Gin nach. Als der Kaffee aus war, trank ich den Gin pur und in meinem Kopf lief dabei der Traum von Mona in einer Endlosschleife, wie in der Nacht. Binnen einer Stunde leerte ich die Flasche und erbrach mich danach in die Spüle. Mittlerweile waren die Kopfschmerzen fast unerträglich. Ich ballte meine Linke zur Faust und drosch sie mir gegen die Stirn, dann an die Wand, immer und immer wieder, Blutspritzer schwirrten durch die Luft wie Sternschnuppen und sprenkelten die Fliesen. Aber ich konnte nicht aufhören, weil mit jedem Schlag Monas Gesicht deutlicher vor mir erschien, lächelnd, strahlend, so voller Liebe. „Mona!“, brüllte ich, „Mona!“ Ich schluchzte, ich heulte, ich winselte. Ich war am Durchdrehen. Ich wusste, was jetzt kam, ich ahnte das Ende. Und hatte schreckliche Angst davor. Ich riss die Kiste mit dem Werkzeug aus dem Wandschrank und wühlte darin wie ein Irrer, dann hatte ich es endlich gefunden, dieses sauteure Wunderding mit dem idiotischen Namen, Razorback, oder Scorpion, so was in der Art, als wär's eine Nahkampfwaffe, egal, verdammt, jetzt wollte ich es wissen. Ich streifte den linken Schuh ab und fetzte die Socke vom Fuß. Die kleine Zehe krümmte sich, als wüsste sie, dass ihr Übles bevorstand, ich meinte sogar, einen spitzen Schrei zu hören.
"Ja, heul nur, du kleines Scheißding", schrie ich, "gleich kannst du zeigen, was du wert bist."
Ich öffnete eine neue Flasche und schluckte das Zeug wie Wasser. Dabei starrte ich unentwegt auf die Zehe. So ein hässliches Ding. Ich wusste echt nicht, wie oft ich mir die schon gebrochen hatte, also dreimal mindestens, vermissen würde ich die nicht.
Es knackste, als zerbräche ein dürres Zweiglein, es tat nicht mal besonders weh, und viel Blut kam auch nicht raus. Aber auch sonst geschah nichts. Gar nichts.
„Mona, wo bist du?“, brüllte ich, „Mona, Mona, du verdammtes Miststück!“
Ich pfefferte die Gartenschere in die Spüle, kotzte bei der Gelegenheit noch ein wenig und kroch dann wimmernd ins Wohnzimmer aufs Sofa. Ich zog mir den Mantel über den Kopf.

***​

Gut eine Woche brauchte ich, um nach diesem Irrsinn wieder halbwegs auf die Beine zu kommen. Eine große Hilfe dabei war mir das Wetter. Seit jener Nacht im Henriques hatte es beinahe drei Tage ununterbrochen geschneit, im Radio hieß es, so was habe es seit fünfzig Jahren nicht mehr gegeben, kurzum, sie bezeichneten als Schneechaos und Katastrophenwinter, was in Wahrheit nur Ruhe, Friede und pure Schönheit war. Stundenlang stapfte ich durch tiefverschneite Vorortestraßen und es gelang mir, dabei nicht allzu viel nachzudenken. In den Bergstiefeln war der Verlust der Zehe kaum zu spüren und wenn sich bisweilen doch der Schmerz meldete, biss ich mir auf die Zunge und versuchte, ihn als eine Art angemessene Buße für meine Wahnsinnstat zu begreifen.
Das gleißende Weiß schien meinen Kopf und meine Seele zu reinigen und am dritten Tag schaffte ich es tatsächlich, den Flachmann zu Hause zu lassen. Nach einer siebenstündigen Wanderung durch die Weinberge am Stadtrand kehrte ich heim, kochte mir einen Topf Hühnersuppe und schlief anschließend zwölf Stunden am Stück. Am nächsten Morgen würdigte ich den Flachmann keines Blickes und rannte wieder los. Ich glaubte ernsthaft, einen Wendepunkt in meinem Leben erreichen zu können, zumal ich mir eingestehen musste, während des ziellosen Marschierens weit öfter an Uli zu denken, als an Mona. Sollte das Opfern der Zehe gar meine Katharsis gewesen sein? War ich doch noch nicht verloren?

Eines Abends, ich war gerade dabei, mir tapfer eine Kanne Tee zu brühen, beschloss ich, Uli anzurufen.
Der graue Mantel lag seit Tagen zusammengeknüllt in einer Ecke des Vorzimmers und wartete darauf, in die Reinigung gebracht zu werden. Ich bückte mich und begann, in den Taschen nach dem Zettel mit Ulis Nummer zu suchen. Ich fühlte mich prächtig und fast wünschte ich mir, ihn nicht zu finden. Das würde die ganze Sache noch spannender machen, ich malte mir aus, wo ich meine Suche nach Uli begänne. Heinrich wäre mir vermutlich keine große Hilfe, auf jeden Fall aber könnte ich beim Pfarrer von Sankt Lucrezia nachfragen. In Wahrheit, musste ich mir eingestehen, wusste ich beinahe nichts von Uli.
Die Innentaschen waren leer. Aus der rechten Außentasche fischte ich eine zerknüllte Zigarettenpackung und ein Feuerzeug, Pfefferminzdrops und ein paar Münzen, aber keine Telefonnummer. Blieb noch die linke. Ich steckte die Hand rein und ein Schmerz durchzuckte meinen Daumen.
„Herrgott nochmal, nicht schon wieder!“
Mona kicherte. „Wenn ich gewusst hätte, dass du sogar zum Apfelschälen zu dämlich bist, also ich weiß nicht, ob ich mich dann auch in dich verliebt hätte.“
„He, das ist nicht lustig, Mona. Verdammt, ich blute.“
„Verdammt, er blutet! Hilfe! Hilfe!“, rief Mona und schlang lachend die Arme um mich. Ihr gelbes Sommerkleidchen zwischen uns war so gut wie nichts.
„Mein kleiner Tollpatsch, ich liebe dich so sehr“, flüsterte sie mir ins Ohr und Ihr Unterleib drängte sich an mich und das fühlte sich an, als drückte wer einen Gummiball gegen meinen Schenkel, einen Gummiball, der in der Mittagssonne gelegen hatte, in der Sahara.
Ich hockte im Vorzimmer und zitterte am ganzen Körper. Ich war so nüchtern, wie man es nur sein konnte, seit zehn Tagen hatte ich nichts getrunken, nicht einen Tropfen, nicht einmal ein klitzekleines Bier. Nein, ich war nicht besoffen, ich war verrückt. Eindeutig krank im Kopf. Geistesgestört. Vollkommen irre. Schlicht übergeschnappt. An dem Messer in meiner Hand war nichts Außergewöhnliches, ein besseres Küchenmesser, und der Schnitt an meinem Daumen war in Wahrheit ein Witz.
Ich schloss die Augen und stach mir die Messerspitze in den Handballen, nicht sehr fest, ganz behutsam nur und der zarte Geruch von Monas Haar raubte mir fast den Atem, ich drückte fester und spürte Monas Zunge an meinem Ohr und ihre Finger unter meinem Hemd ließen mich erschauern. Ich riss die Augen auf und schleuderte das Messer von mir.
„Das war nicht mal eine Minute, du Arschloch. Das war kein Beweis. Für gar nichts“, wollte ich brüllen, aber was mir über die Lippen kam, war nicht mehr als ein erbärmliches Krächzen. Ich leckte das Blut von der Hand.
„Siehst du? Es funktioniert ja doch. Also mit dem richtigen Werkzeug.“
Ich fuhr herum. Der Dreckskerl aus der Kirche. Kurt Cobain. Der Irre. Mein persönlicher Jack the Ripper. Mein Alptraum. Er lehnte lässig am Türrahmen und grinste mich an.
„Na, Luis, wie geht’s dir so? Das mit deiner Zehe tut mir leid.“
„Verschwinde, du Hurensohn“, wimmerte ich, „du bist gar nicht da.“
„Na ja, wenn du meinst. Und mein Messer bildest du dir vermutlich auch nur ein." Mit der Stiefelspitze schob er das Messer zu mir. "Und das Herummachen mit Mona bildest du dir wohl auch nur ein. Du scheinst mir eine sehr lebhafte Phantasie zu haben, Luis. Was hockst du dann da auf dem Boden und heulst, ha? Kannst du mir das sagen? Bilde dir doch einfach ein tolles, schönes Leben ein, wenn dir das Einbilden eh so leicht fällt, du Schlaumeier.“
„Du verfluchtes Arschloch. Du bist gar nicht da, du bist gar nicht da, du bist gar nicht da ...“, murmelte ich vor mich hin und presste die Hände auf die Ohren.
„In Wahrheit ist doch alles eine Illusion, Luis. Was du für die Wirklichkeit hältst, gibt es in der Form gar nicht. Das ist nicht mehr als ein willkürliches Ergebnis, wenn dein Gehirn versucht, das bescheuerte Herumflitzen von Elementarteilchen zu interpretieren. Ein überwiegend zufälliges Ergebnis. Und der Witz dabei ist, selbst dein Gehirn, oder meinetwegen dein Ich, scheißegal wie du's nennen willst, ist nur eine Chimäre, ...“
„... du bist gar nicht da, du bist gar nicht da ...“
„... weil es ja auch nicht mehr ist als ein nichtdeterminiertes Herumflitzen von Elementarteilchen, nichts als reinste Entropie, besser gesagt, das Bild, das du dir davon zu machen versuchst, also von deinem Gehirn und den Vorgängen darin, na ja, und da wird’s jetzt kompliziert, das ist eine bisschen wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Schrödingers Schlange quasi, wenn du weißt, was ich meine. Egal, was ich sagen will ...“
„Was willst du von mir?“, brüllte ich.
„Kapiere es doch endlich, Luis. Im selben Maß, wie deine, was weiß ich, deine Gehirnzellen, deine Zehen, deine Finger, egal was, Illusion sind, oder lass es mich so sagen, im selben Maß, wie deren Existenz eine beinahe unendlich hohe Unwahrscheinlichkeit hat, ist auch Mona nur eine Unwahrscheinlichkeit unter zahllosen anderen. Und das kann man jetzt in eine ganz einfache Gleichung einsetzen und dann ...“
„... du bist gar nicht da, du bist gar nicht da, du bist gar nicht da ...“
„Verdammt, hörst du mir überhaupt zu? Jessas, manchmal kotzt ihr Spinner mich so richtig an.“
„Was willst du von mir?“, winselte ich.
„Heul nicht, Luis!“, schrie der Irre, „Tu's einfach. Quid pro quo. Dieses für das. Nichts für nichts. Scheiß doch drauf!“
Und im selben Augenblick hörte ich die Musik, anfangs ganz leise, und eine tiefe Ruhe erfasste mich. Ich griff nach dem Messer und starrte auf meine linke Hand, die neben mir auf den Dielen lag, auf diesen wunderschönen Eichenholzdielen, die ich mit Mona vor vielen Jahren aus dem Boden einer stillgelegten Fabrik gerissen hatte, in einer Sommernacht, die so schwül war, dass wir uns während des Schuftens Stück für Stück die Klamotten auszogen, um nicht zu krepieren. Bis wir schließlich fast nackt waren und lachend übereinander herfielen, mit unseren schweißnassen Körpern, unseren glitschigen, heißen Leibern, wie tollwütige Delfine … ich betrachtete die Hand, ich lauschte der Musik, ich war ruhig, ich war nüchtern, ich war vollkommen klar im Kopf.
Die linke Hand. Meine linke Hand ... den Ringfinger konnte ich sowieso vergessen, der ließ sich nach wie vor nicht bewegen, der würde vermutlich steif bleiben. Ich setzte die Klinge an, ganz oben, gleich unter dem Knöchel ...
„Hab keine Angst, Luis, tu es einfach“, hörte ich Mona flüstern.

 
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nabend offshore

Also erst mal muss ich sagen, dass mir gefallen hat, was du da geschrieben hast. Du scheinst die tote Ehefrau und die "rettende" Fremde in deinen Geschichten zu mögen, wenn ich da an "Noch lebst du" denke...
Ich mag den Gedanken, dass uns der junge Cobain nicht nur vorzüglicher Musik, sondern auch zweite Chancen mit unseren Geliebten geschenkt hat/schenkt :thumbsup:.
Was ich nicht so recht verstehe ist jedoch die Rolle, die Uli spielt. Ist sie ein Handlanger des Teufels, oder ein Engel, der zu Gott geführt hat? Keine Ahnung und ich bin mir auch nicht sicher, ob das eine Rolle spielt.

Und, im Vertrauen gesagt, nicht mal dein eigenes muss es sein, wenn du weißt was ich meine.
Diese Stelle hat mir besonders gefallen. Die lässt den jungen Mann irgendwie böse wirken und ich musste nach dem Lesen unmittelbar weiter darüber nachdenken, wozu der gute Luis jetzt alles fähig sein würde, um noch einmal mit Mona zusammen sein zu können wenn ein Stich in die Hand 30 Minuten sind, was er dann mit anderen Menschen machen würde, um sie eine Woche lang zu sehen bzw. ob er als Mensch gut genug ist und sich wenn überhaupt selbst was antut, oder ob er die ganze Sache auf sich beruhen lässt und sich mit ihrem Tod abfindet...Sehr gut!
Ich mochte auch das Setting. Als Archtiketurliebhaber (Gotik ganz besonders) empfand ich die Vorstellung besonders angenehm, nachts, nur bei Kerzenlicht, und Musik in so einer Kirche zu sitzen.
Das einzige Kriterium hier - und das ist eigentlich kein wirkliches - ist deine Sprache. Sie ist definitiv einwandfrei, aber in "Noch lebst du" hast du etwas zusammengebastelt, was mich wirklich begeistert hat. Hier ist es "nur" der Plot.

Fazit: Gerne gelesen, würde es wieder tun.

Beste Grüße, zash.


Oha. Jetzt habe ich das erste Mal wirklich auf den Titel der Geschichte geschaut (hatte davor nur deinen Namen gelesen und das war Überzeugung genug, dass es sich lohnt, die Geschichte zu lesen) und der beantwortet dann wohl meine Frage, welche Rolle Uli spielt...

 
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Hallo ernst offshore,

nachdem ich deine Geschichte gelesen habe, habe ich mir das Requiem auf youtube angehört, in der ersten Version, die da auftauchte (Stokowski's orchestration) und ich kann diese Kombination nur empfehlen, mir haben sich nochmal alle Nackenhaare aufgestellt.
Ich finde, dass dir die Verbindung von Romantik, Erotik und Horror wunderbar gelungen ist.

Da ist noch etwas, was mich beschäftigt. Opfert er am Ende etwa Uli?!!!

Viele Grüße von chutney

 
Seniors
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Hallo Ernst,

ein kultivierter, gebildeter Mensch wie Luis versteht nicht, weshalb der Teufel Seelen jagt? Und der Teufel selbst (Cobain) weiß es ebenfalls nicht?

Diese Geschichte hat einige Ähnlichkeiten zu Deinem "Der Verführer", und meiner Ansicht nach kämpft sie mit vergleichbaren Problemen im Subtext: Warum (zum Teufel) sollte Satan, Luzifer, Beelzebub, Baphomet oder wie auch immer sein Name sein mag, Interesse daran haben, dass ein Mensch sich (oder anderen) physische Schmerzen zufügt? Um Leiden in die Welt zu streuen? Aus Freude am Quälen? Das scheint mir zu simpel.

Der Teufelspakt ist ja beinahe eine eigenständige Literaturgattung (siehe Faust, Der Meister und Margarita etc.) Vom Mythologischen her geht es dabei meist um eine Art Werbegeschenk der bösen Mächte. Den Hintergrund dazu bildet der ewige Kampf zwischen Licht und Finsternis, die sich gegenseitig die Anhänger streitig machen.

Ein Beispiel zum Vergleich: Al Pacino hat als Satan im Film "Im Auftrag des Teufels" das Motiv, den jungen Kevin Lomax (der nicht weiß, dass er des Teufels Sohn ist) gefügig zu machen, um ihn dann zum Sex mit seiner Halbschwester zu animieren. Auf diese Weise soll der Antichrist gezeugt werden. Das klingt zwar bizarr, wirkt aber ein bisschen verwickelter und subtiler, als die Variante, einen Menschen zu zwingen sich oder andere zu quälen.

Das Problem mit Satan und anderen Phantasie-Figuren der Premiumklasse besteht darin, dass man sie Dinge tun lassen muss, die ihre Überlegenheit gegenüber dem Menschen illustrieren. Das scheint mir bei dem Pakt, den Du Dir ausgedacht hast, nicht so richtig zu stimmen.

Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Kalauer. Die eine oder andere Witzelei hätte ich weggelassen, damit es nicht zu albern wird. Und dass ein Mensch wie Luis andauernd Sätze wie "Alter, was soll der Scheiß?" oder „Alter, bitte!“ sagt, finde ich merkwürdig. Ich meine, der ist doch keine fünfzehn mehr. Redest du mit deinen Freunden oder Bekannten so?

Trotz dieser Kritik hat mich Deine Geschichte gut unterhalten, Ernst. Ich finde das Thema (Wie weit würdest du gehen, um ein Unglück rückgängig zu machen?) sehr spannend und die von Dir verwendete Sprache alles in allem rund und gelungen. Hier und da scheint mir die eine oder andere Dialogzeile etwas künstlich, aber dazu werden andere sicher noch was sagen.

War schön, wieder was von Dir zu lesen.

Gruß Achillus

 
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Hallo offshore

Hm, was soll ich zur Geschichte sagen, am treffendsten dünkt mich, ein richtiger offshore-Text. Es perlt mit Witz dahin, liest sich unterhaltsam und ist thematisch etwas verquirlt. Das Einzige, was ich als eine fühlbare Länge wahrnahm, war der Moment, als er in die Kirchenbank gedrückt sich zurückerinnernd den Unfall von Mona ausbreitete. Und doch schien mir etwas Hintergrundinformation nicht verfehlt.

Das Stichwort Horror spiegelte sich mir jedoch nicht, obwohl es eine teuflische Ebene jenseits der Realität enthält, so musste ich eher an Seltsam denken. Das Geschehen ist wohl abgehoben, doch welche Fantasien der Einzelne unter starken Alkoholeinfluss entwickelt, ist wohl etwas verzwackt. Das mag vielleicht der Grund sein, dass ich es mit nüchternem Blick erfasste, nicht die Unterhaltung mindernd, aber ohne einen Hauch an Schauder.

Sprachlich ist es eloquent formuliert, manche Sätze vielleicht zu gewählt für den Schauplatz und einige wiederum aus der Alltagssprache von Dir. So stehen als Beispiel ein Jessasmaria einem Lokalnamen wie Henriques etwas krass gegenüber. Doch bei einem Barkeeper, der aus dem Stegreif literarische Bonmots rezitiert, überlagerte das Gewinnende daran mein kurz aufflammendes kritisches Denken.

Doch, da war ich von den Socken, da ich Dir das Nachfolgende nie zugeschrieben hätte:

Überdies lliebte ich diesen eigentümlichen, mystischen Geruch,

Ach offshore, wie kannst Du Dich von diesem Moment nur so aus der Fassung bringen lassen …

ein Messer durch die Hand,
und es stimmt,

… und hier vor Schreck eine Zeile schalten.

Das Ende erfüllt sich mir dann allerdings etwas zu seicht, eine Wandlung, die dem Ganzen dann noch einen überraschenden Touch verliehen hätte, erwartete ich von Dir da schon.

Nach bedachter und amüsanter Unterhaltung begebe ich mich nun furchtlos in die kommende Geisterstunde, um ihre Illusion wissend. ;)

Schöne Grüsse

Anakreon

 
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Hallo Offshore,
In Abwandlung eines Satzes von Pablo Picasso könnte man sagen: Der größte Feind echter Horrorliteratur ist der gute Geschmack.
Als ich das Wort Horror neben deinem Namen las, dachte ich sofort, na ja – richtiger Horror im Sinne von Schrecken, Grausen, Entsetzen etc. wird’s wohl kaum sein. Obendrein lautete die zweite Rubrik nun auch noch ‚Romantik‘. Eher was für die zartbesaiteten Romantiker, die sich bekreuzigen, wenn sie einen Roman von Jack Ketchum irgendwo liegen sehen, dachte ich.
Eine richtige Schreckensatmosphäre oder gar Gänsehaut wollte sich dann auch nicht einstellen (das Messer in der Hand kommt mir eher wie ein Zugeständnis an die Rubrik ‚Horror‘ vor), aber immerhin ist das Ganze wie gewohnt gut geschrieben. Ein paar Klischees, wie der trinkende Literat mit dem erlesenen Musikgeschmack, der natürlich von einer Frau ins Dunkle gelockt wird, oder der Versucher in Menschengestalt mindern den Lesespass nur unwesentlich.
Vor allem ein kurzer Satz hat‘s mir wirklich angetan:

Unsere Atemwölkchen ließen ein leises Klirren hören, als sie zusammenstießen.
Ganz wunderbar. Sehr schön.
Am Anfang schreibst du
beinahe ohne innezuhalten, und dabei Glas auf Glas gekippt. Ich war nun einigermaßen blau
Wenig später fragt Luis die Frau
„Verzeihen Sie, ist Ihnen nicht gut? Ist Ihnen die Musik unangenehm?“
Ist er hier plötzlich wieder nüchtern? Ich will der Einfachheit halber mal annehmen, dass er eine sehr gute Erziehung genossen hat.
Also, alles in allem eine schöne, wehmütige Geschichte mit berührenden Passagen, finde ich. Wenig Horror, viel Romantik.
Schöne Grüße, stressfreies Fest …
Harry

 
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Hey offshore,

eine Plotgeschichte, yaeh! Hast es Dir ja nicht gerade leicht gemacht mit dem Thema, an dem sich bereits so viele gut und auch schlecht versucht haben. Du nun also auch. Und Du wirst verglichen, mit all den Filmen, Romanen, Geschichten, die dieses Thema hervorgebracht hat. Und was glaubst Du, wie originell Du abschneidest? Ich sage mal so, dass liest sich schon weg, aber so Setting mäßig ... Da kommt die Verführung, bringt ihn in Gottes Haus, nirgendwo sind Gut und Böse so nah wie dort, der Teufel in Gestalt eines gescheiterten Idols tritt auf und bietet ihm (ebenfalls Stereotyp von leidenen Mann) den Handel an. Bis dahin für mich also so ... okay, mh ... und dann der Satz:

Und, im Vertrauen gesagt, nicht mal dein eigenes muss es sein, wenn du weißt was ich meine.

Weiß nicht, ob er von Dir ist, oder ob er schon mal in dieser Form gefallen ist, bestimmt, aber da hab ich aufgemerkt. Die Frage ans Gewissen, die Frage die jeden auf den Prüfstand stellt. Das ist natürlich eine sau spannende Frage, kann aber gut nachvollziehen, dass Du sie offen lässt und ihr nicht weiter nachgehst. Aber ich glaube, ein solch Angebot macht viel mit einem Menschen. Da gäbe es viel Stoff zum Erzählen.
Ich habe neulich in einem Theaterstück den Satz aufgeschnappt: "Heute bringt sich keiner mehr aus Liebe um." Hab ich auch drüber nachgedacht, ob das stimmt. Aus Liebesleid bestimmt noch, aber sich opfern? Weiß nicht. Vielleicht tun es noch welche, wenn auch viel weniger, weil wir in einer "ICH"-Zeit leben. Nimm dich wichtig! Lebe dein Leben! Das sind ja so die gesellschaftlich, kulturell vermittelten Werte von heute. Jedenfalls fiel mir der Satz wieder ein, als es um die Frage: Ohr, Nase, Finger oder Zeh ging. Wie viel opfern? Was ist die Vergangenheit mit Mona wert? Ist sie überhaupt ein Opfer wert, weil sie ja bereits gelebt wurde und von Anfang an klar ist, es wird auch im Handel kein Morgen geben, nur ein verlängertes Gestern. Also, der Satz hat mich beschäftigt. Den finde ich gut! GUT! GUT!
Bischen schade das der in so einem altbackenen Setting festhängt. Aber da es eben schon so viel zum Thema gibt, glaubt man wahrscheinlich jedes Setting bereits zu kennen. Da haste dir die Latte eben selbst echt hoch gelegt ;).

Tja, gegen Ende haste mich dann doch erwischt. Und das Ende wird bei mir auch bleiben. Fein, fein :)
Beste Grüße, Fliege

Nachtrag: Ich finde es immer wieder toll, wenn Leseeindrücke wie Nord- und Südpol auseinandergehen. Ach, die Welt ist eben doch hübsch bunt. Und ich meine das völlig ernst.

 
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Hallo ernst

Mensch, du und Horror? Dann noch in Kombination mit Romantik ... also da war ich echt gespannt was mich erwarten würde.

Um es mal vorweg zu sagen, ich hab den Text sehr gern gelesen. Tatsächlich war es sogar so, dass ich überrascht - vielleicht sogar etwas enttäuscht war - als er etwas abrupt endete. Das ist mir hier bei einer Geschichte schon lange nicht mehr passiert, insofern ist das durchaus als Kompliment für den Text zu verstehen. Andererseits finde ich aber auch, dass die Geschichte an ihrem interessantesten Punkt aufhört. Echt schade, dass es nicht mehr weitergeht, denn der eigentliche Horror beginnt ja jetzt erst.

Vom Thema her, da hat Achillus natürlich Recht und dir war das sicher auch bewusst, ist das ein recht ausgetretener Pfad. Du legst viel Wert auf das Setting, was man daran merkt, dass du viel auf Details eingehst. Die geheimnisvolle Frau, Borodins Requiem, die alte Kirche, die Orgelmusik, das gibt dem Text ein stimmiges Ambiente. Zunächst kommt das sehr klassisch daher, dann streust du aber auch Kleinigkeiten ein, die individueller sind. Der Teufel, den man in der Kirche nicht unbedingt erwarten würde, sein Aussehen ("Kurt Cobain"), dass sie erstmal gemeinsam rauchen und den Flachmann leeren - mir gefällt das, der Teufel kommt hier eben nicht unheimlich, suspekt oder als komplette Fantasiefigur daher, sondern als Kumpeltyp. So denkt Luis ja auch, dass sie ein ähnliches Schicksal teilen:

Der Witzbold ließ nicht locker. Vermutlich war er nur ein einsamer Penner, der jemanden zum Quatschen suchte. Aber, Himmel noch mal, er war nicht der einzige, den das Leben verarschte, dass Einsamkeit die lausigste Sache auf der Welt ist, das brauchte mir niemand erzählen. Millionen von Typen ging‘s nicht anders, erwartete er sich ein Wunder? Hatte nicht ein jeder sein Kreuz zu tragen? Ich verspürte im Augenblick wahrlich keine Lust, den Seelentröster zu spielen.

Wenn du an der Geschichte nochmal feilen möchtest, würde ich am Dialog zwischen dem Teufel und Luis ansetzen. Das sehe ich wie Achillus, das sitzt noch nicht so richtig. Setting ist gut, Dialog noch ausbaufähig.

„Ich möchte dich was fragen, Luis.“*
„Etwa ob ich weiß, was Tolstoi gesagt hat?“
„Wie bitte?“

Wirkt auf mich zu erzwungen, als müsstest du unbedingt den Bogen zum Anfang nochmal schlagen. Schon dieses "Ich möchte dich was fragen, Luis" - finde ich keinen besonders prickelnden Einstieg in das eigentliche Gespräch.

„Jetzt hör mir doch einfach mal zu. Meinst du etwa, du wärst der erste, mit dem ich ins Geschäft komme? Ist im Grunde die einfachste Sache der Welt. Ein simpler Tauschhandel. Du bekommst von mir Zeit mit deiner Mona und gibst mir dafür was von dir. Was weiß ich, irgendein Dings halt.“

"Irgendein Dings halt" - ich sehe schon, du willst natürlich nicht, dass der Teufel irgendwie abgehoben spricht, weil dann das Kumpeltyp-Image dahin wäre, aber das hier ist mir dann doch eine Nummer zu flapsig. Wenn ich mir das so vorstelle, die sitzen nachts in der Kirche, da klingt die Orgelmusik, und dann kommt "Irgendein Dings halt" - das macht die Stimmung kaputt, finde ich. Ich wünsche mir den Dialog etwas pointierter, außergewöhnlicher.

„Dein Ernst Alter? Ich soll jetzt echt handeln mit dir? Was soll ich dir denn bieten? Reichen ein paar Hunderter?“
„Es muss schon wehtun, hab ich gesagt.“
„Jessas, ein paar Tausender?“

Passt auch nicht wirklich rein. Ich kann schon dein verschmitztes Lächeln beim Schreiben sehen, es passt ja auch zu dir, aber hier solltest du versuchen, dich etwas zurückzunehmen. Sonst sind wir schneller bei Humor (oder wie Achillus meinte Kalauer) anstelle bei Horror.

Was mir dann wieder gut gefällt, ist Luis' Teil der Abmachung - die Körperteile. Ich hätte es sogar noch besser gefunden, wenn du etwas abstrakter auf Schmerzen oder Leid eingegangen wärst, denn auch beim ersten "Schnupper-Geschäft" muss Luis ja nicht gleich auf einen Körperteil verzichten, sondern wird lediglich in die Hand gestochen. Sehr gut ist dann der letzte Hinweis:

Und, im Vertrauen gesagt, nicht mal dein eigenes muss es sein, wenn du weißt was ich meine.“

Ja, hier legst du den Grundstein für ganz viele interessante Weiterentwicklungen - und genau dann endet die Geschichte, wie gesagt, das fand ich schade. Aber das ist echter Horror jetzt - die Frage, wie viel Leid man jemandem antut, um Schönes zu erleben, was das aus einem macht, wie man mit so etwas umgeht. Hier geht für mich wie gesagt der Horror erst los.

Auch wenn die Geschichte endet, so ist doch anzunehmen, dass Luis von dem Angebot keinen Gebrauch machen wird. So verstehe ich das. Ich verstehe die Szene in der Kirche als eine Art innere Reinigung der Figur, so kann er jetzt endlich über den Verlust von Mona weinen, und vielleicht ist das auch eine Möglichkeit für ihn, endlich loszulassen. Ich denke, so könnte das Ganze auch weitergehen, aber wer weiß schon, was ein solches Angebot aus einem macht und wie es einen Menschen verändert?

Vom Stil her fand ich das wieder mal eine ganz runde Sache. Bin da nirgends hängengeblieben, hab den Text flüssig durchgelesen, da gibts von meiner Seite nichts zu bemängeln, ist echt gutes Niveau.

Tja ernst, also aus meiner Sicht ein gelungener Ausflug in Richtung Horror, auch wenn du wie gesagt für meinen Geschmack zu früh endest. Vielleicht erwisch ich dich mal beim Copywrite und schreib dann weiter ;). Aber ist ein echt stimmiger Text. Auch wenn viel klassische Elemente drin sind und das Thema schon oft behandelt wurde, ist es dir gelungen, dem Ganzen auch was Individuelles zu geben. Hat mir wirklich gut gefallen.

Grüße,
Schwups

 
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31.08.2014
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Hallo Ernst,

vorab kann ich sagen, dass mir die Geschichte ganz gut gefallen hat. Ich hätte aber eher die Kategorie "Seltsam" verwendet, denn besonders horrormäßig finde ich die Story nicht.

Warum (zum Teufel) sollte Satan, Luzifer, Beelzebub, Baphomet oder wie auch immer sein Name sein mag, Interesse daran haben, dass ein Mensch sich (oder anderen) physische Schmerzen zufügt? Um Leiden in die Welt zu streuen? Aus Freude am Quälen? Das scheint mir zu simpel.
dem kann ich mich anschließen, mir fehlt da auch so ein bisschen die Motivation.

Ein paar Dinge sind mir aufgefallen:

Doch dann drehte sie sich um, wie in Zeitlupe. Als hätte ich sie aus einem Traum geweckt, als holte ich sie aus der Umlaufbahn um einen fernen Planeten, so langsam wandte sie sich mir zu und ich hatte währenddessen alle Zeit der Welt, Ihren Nacken zu betrachten.
das ist doppelt gemoppelt.

Als sie das sagte, lächelte sie kein bisschen, sie meinte das offenbar vollkommen ernst, ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mich auf den Arm nahm. Allerdings schaute sie auch nicht drein, als müsste sie gerade furchtbar leiden. Ich war mir nicht ganz sicher, vielleicht verarschte sie mich ja doch.
auch das ist im Satz vorher schon gesagt worden und überflüssig.

Dabei war das alles andere als ein Witz. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass mir noch irgendwas passieren sollte, was nicht wehtäte. Seit der Sache mit Mona war’s vorbei mit meiner Überzeugung, ich sei unverwundbar,
Das Fette würde ich streichen. Du könntest insgesamt auch noch etwas mehr verkürzen, teilweise ist es langatmig.

Aber, Himmel noch mal, er war nicht der einzige, den das Leben verarschte, dass Einsamkeit die lausigste Sache auf der Welt ist, das brauchte mir niemand erzählen.
hier würde ich entweder ein "und" oder einen Punkt anstatt des Kommas setzen.

„Uli, das war das Wunderbarste, was ich seit Jahren erlebt habe. Ehrlich.“
„Sag bloß, du weinst, Luis.“
Ich schüttelte schwach den Kopf.
„Du lässt mich jetzt nicht alleine nach Hause gehen, Uli, oder? Du kommst mit mir. Sag ja. Bitte.“
Sie hauchte mir einen Kuss auf die Wange und strahlte mich an.
Das Ende finde ich etwas seltsam, weil es irgendwie impliziert, dass er das alles nur geträumt hat. Zumindest bei mir. Aber die verletzte Hand ist ja real. Er müsste doch viel mehr aus dem Häuschen sein, nach diesem Erlebnis, sich aufgeregt Gedanken machen, wen oder was er denn opfern könnte.

Na ja, trotzdem gerne gelesen,

viele Grüße
Kerkyra

 
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Vielen Dank,
zash, Chutney, Achillus, Anakreon, harrytherobot, Fliege, Schwups, Kerkyra
für eure Kommentare. Ich werde die jetzt nicht chronologisch abarbeiten, sondern euch quasi eine Gemeinschaftsantwort geben. (Sobald ich Zeit habe, werde ich dann der einen und dem anderen von euch noch zu gewissen Sachen, die ihr angesprochen habt, was sagen, zur Sprache, zu den Dialogen, zu Stereotypen, usw. und ja, äh, zum Stichwort Horror.)

zash schrieb:
Du scheinst die tote Ehefrau und die "rettende" Fremde in deinen Geschichten zu mögen, wenn ich da an "Noch lebst du" denke ...
hat zash geschrieben und er hat nicht ganz unrecht, denn diese Geschichte sollte ja ursprünglich ein Prequel zu "Noch lebst du" werden. Schon im September hab ich damit begonnen, angespornt von einigen Kommentaren, in denen der Wunsch geäußert wurde, mehr von Elsie zu erfahren.
Die Szene in der Bar hatte ich bald fertig und schließlich gelangten die beiden auch in die Kirche, aber dann steckte ich, wie so oft, wieder einmal furchtbar fest. Ich und Plot-Entwerfen, ein ewiges Drama. Soviel zu Flieges Freudenschrei …

Fliege schrieb:
„eine Plotgeschichte, yaeh!“
Na ja, zumindest hatte ich den Titel schon: „Wer zum Teufel ist Elsie?“ sollte die neue Geschichte heißen, natürlich in Anspielung auf die Leserwünsche.
Und eigentlich sollte es wieder so was richtig Romantisches werden, offshoretypisch halt und wieder nix für Fliege, dafür mit viel Orgelmusik. Ich habe das Glück, in meinem Freundeskreis eine wirklich tolle Organistin zu haben, und die gab mir, zu Recherchezwecken quasi, im November ein nächtliches Privatkonzert in einer Wiener Kirche. Das war nicht nur ein ganz wunderbares (nackenhaarsträubendes, hirnwegsprengendes, aberwitzig schönes) Erlebnis für mich, sondern bescherte mir auch endlich die Idee, wie die Geschichte weitergehen könnte. Nämlich mit dem imaginierten Teufel.
Genau, Luis bildet sich den Teufel nur ein.
Also der Subtext, wie Achillus ihn nennt, ist in diesem Fall nicht wirklich von mir intendiert, sondern nur eine individuelle Wahrnehmung des jeweiligen Lesers, weil

Achillus schrieb:
Satan, Luzifer, Beelzebub, Baphomet oder wie auch immer sein Name sein mag,
in meiner Geschichte gar nicht vorkommt.
Als Mensch, der jegliche Form von Religiosität für vollkommen absurd und rational nicht nachvollziehbar hält, gibt es für mich nämlich nur eine einzige schlüssige Lesart der Geschichte, und interessanterweise hat die bisher niemand von euch angesprochen (bzw. sie so nicht gelesen):
Luis bildet sich den Typen und das Gespräch mit ihm natürlich nur ein und die Wunde fügt er sich selber zu. Warum? Weil Luis schlicht und einfach wahnsinnig ist. Darauf gibt es im Text ja auch ein paar Hinweise:
Er kritzelt seitenweise Papier voll, um es gleich darauf wegzuwerfen, er hat eine seltsame Art der Weltwahrnehmung

Luis schrieb:
Unsere Atemwölkchen ließen ein leises Klirren hören, als sie zusammenstießen.
(ja, harrytherobot, den Satz liebe ich auch sehr), er liegt im Bett, und bildet sich ein, Musik zu hören, er zeigte schon in der Schule Gewaltbereitschaft und ob er in der Beziehung zu Mona ausschließlich der liebende Partner war oder ob er die Beziehung rückblickend nur verklärt, sei mal dahingestellt.

Luis schrieb:
„Dann hau doch endlich ab, du Verrückte.“ Das Übliche eben und ich hatte keine Sekunde daran gezweifelt, dass sie spätestens am nächsten Tag wieder vor meiner Tür stünde. Wie so oft, wie immer.
Das klingt nicht unbedingt nach Vinc, oder? Und deshalb bekamen die Figuren dann auch ihre neuen Namen. Die Geschichte hatte sich sozusagen von ihrer Fortsetzung losgesagt, und mir machte es mehr und mehr Spaß, den Wahnsinn von Luis auszuloten. Und irgendwann hatte ich dann auch das Stichwort Horror im Kopf, auch wenn mir klar war, dass ich von den abgebrühten Genre-Kennern gerademal ein nachsichtiges Lächeln ernten würde. „offshore und Horror, jaja.“
Aber euren Reaktionen kann ich entnehmen, dass ich nicht vollkommen danebengehaut habe, und das beruhigt und freut mich.

Später mehr.

offshore

 
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19.02.2006
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Hi offshore,

vorneweg: ich mochte die Geschichte.
Aber den Eintieg fand ich ziemlich sperrig. Mal abgesehen von diesem in meinen Ohren wirklich grässlichen Einstiegssatz (der Einschub), bekomme ich lange Zeit keine klaren Bilder.
Okay, er schreibt. An der Bar? Dann ist er im Begriff zu gehen, da kommen diese Zitate und ein Bier. Irgendwie alles so aus dem Nichts, finde ich. Und genauso aus dem Nichts is dann da Uli.
Weiß auch nicht, das geht für mich gegen mein Empfinden wie sich Dinge ergeben, aneinanderreihen. Irgednwie fehlen mir da Gelenkstellen.
Finde auch die Abhandlung mit der Juke-Box ein bisschen zu viel des Guten. Da konntest du dir die übliche Schelte einfach nicht verkneifen ;) Weniger wäre hier für mich mehr gewesen.

„Verzeihen Sie, ist Ihnen nicht gut? Ist Ihnen die Musik unangenehm?“
der erste Satz ist in Ordnung, der zweite ... Also ich find das verquer. Wer redet denn so (jemanden an)?
Finde den gesamten Dialog sperrig.
Aber hier hast du mich dann doch irgendwann. Oder ich lasse mich eben bewusst drauf ein. Ich folge willig und nun gehört das Sperrige irgendwie zur Geschichte und stört mich nicht mehr.
Die Idee in der Kirche finde ich stark. Allein die musikalische Unterstützung zu dieser denkwürdigen Szene - imaginiert oder nicht - das ist filmreif. Und der Film läuft nach dem Ende gar perfide weiter. Das ist so ein Kameraschwenk unter das Bett, wo dann doch der Eispickel liegt ;)

Vielleicht lese ich die Tage noch mal drüber und ich kann dir dann besser erklären, was ich meine. Oder es ist dann verschwunden :D

grüßlichst
weltenläufer

 
Seniors
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28.12.2009
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Hi ernst,

mir geht das mit Uli zu fix. Die müsste als Figur, so als diabolische femme fatale noch grundlegender eingeführt werden. Da ist mir zu wenig unheilvolle Stimmung. Warum lässt er sich von ihr so einfach mitziehen? Man kann so argumentieren, ja, verlassener Mann etc, Selbstwertgefühl am Ende, da lässt er sich mitziehen. Aber, nee. Wenn sie jetzt Ähnlichkeit mit Mona hätte, so das er einen triftigen Grund hat, diese Frau sofort mit sich selbst und seiner Vergangenheit in Verbindung bringen, dann wäre es besser, finde ich. So geht mir das zu glatt, zu schnell. Eine solche Person muss charismatisch sein, und das solltest du, meiner Meinung nach, darstellen. Der Satz, den Weltenläufer anmerkt, finde ich auch unpassend. Vielleicht sollte sie auch ihn ansprechen. Oder gar nicht sprechen, sondern sie verlässt die Bar und er geht ihr hinterher, wie magisch angezogen.

Die Szene in der Kirche finde ich gut. Mich erinnert das an ein Märchen, wo es um einen Typen geht, dessen Karren im Dreck liegt und der Teufel im seine Hilfe anbietet, gegen ein Stück seines Körpers. Und er gibt ihm dann einen Fingernagel. Irgendwie so. Das finde ich gut. Ich würde mir aber hier wünschen, dass die Geschichte ihren Ton ändert, den Leser etwas härter anfasst, dramatischer wird. Du endest ja auf so einer Art Antiklimax, einer Abschwächung, und da würde ich die "Fallhöhe" anders gestaltent, dass es für den Leser wie ein Schlag in die Magengrube wird. Nur so eine Idee.

Ja, ganz anders als sonst, düster, finde ich gut, Ernst.

Gruss, Jimmy

 
Wortkrieger-Team
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07.09.2014
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Hallo Ernst,

ich habe den Text jetzt nochmal gelesen und ich sehe, der Typ ist fix und fertig, Alkoholiker, ein verhinderter Schriftsteller, möglicherweise gewalttätig aber wahnsinnig? Dafür gibt es für mich doch zu wenig Hinweise. Die klirrenden Atemwölkchen hatte ich z.B. der Tatsache zugeschrieben, dass er offenbar Schriftsteller ist und sehr bildhaft denkt.
Am wenigsten wahnsinnig erlebe ich ihn im Kontakt mit anderen Menschen.
Meist merkt es die Umwelt schneller als man selbst dass etwas nicht stimmt, so dass z.B. im Gespräch mit dem Barkeeper von dessen Seite so etwas wie Irritation oder Sorge kommen könnte. Oder es wird deutlich, dass nur er selbst dieses Requiem hört. Auch ist dieses Gespräch so freundschaftlich, dass es mir nicht zu jemandem zu passen scheint, der gerade dabei ist den Kontakt zur Realität zu verlieren.
Es gibt keinen Punkt, an dem seine Beweggründe für mich wirklich irreal sind, du beschreibst ja auch sehr genau, was in ihm vorgeht.


Also, wenn ich den Text so kapieren soll, wie du ihn gemeint hast, bräuchte ich im Vorfeld noch mehr Hinweise auf beginnenden Wahnsinn.

LG, chutney

 
Veteran
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Es gibt keinen Punkt, an dem seine Beweggründe für mich wirklich irreal sind, du beschreibst ja auch sehr genau, was in ihm vorgeht.

Ja, das geht mir auch so. Ich kann auch mit entsprechendem Wissen nicht aus dem Text herauslesen, dass er sich die Person in der Kirche nur einbildet, vor allem, weil die Szenerie ja ohnehin schon ungewöhnlich ist mit der Frau und der Orgelmusik. Also wenn er sich das alles einbildet, nehm ich dir das noch eher ab, aber dann sind wir nahe an "alles nur geträumt" und das wäre natürlich sehr unbefriedigend.

Aber wenn die Frau real ist und die Orgelmusik real ist, dann müsstest du in meinen Augen die Szene auch anders aufziehen, wenn der Teufel - oder wer auch immer das sein soll - nicht real sein soll. Da musst du dem Leser mehr Hinweise geben. Die Stellen, die du zitierst, sind da zu wenig, vor allem, weil der Erzähler sie auch einigermaßen plausibel im Text selbst erklärt ("zu viel Alkohol in letzter Zeit").

Vielleicht müsstest du wirklich noch weitererzählen. Das hätte natürlich eine besondere Tragik, wenn er anfängt, eigene (oder fremde) Körperteile zu opfern und dann erst merkt, dass er sich das Gespräch nur eingebildet hat ...

 
Seniors
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Keinesfalls wollte ich nüchtern sterben.

Ach Du lieber Himmel,

alter Junge –
wie wenig haben wir denn noch nicht gemein? Ärgerlich – ich hab nix zu bemäkeln, außer vielleicht, dass niemand Dich auf die zwo Schnitzer, die zumindest in der gestrigen Variante drin steckten (Flüchtigkeit, nix aufregendes) aufmerksam machte.

Den dritten würd selbst ich achselzuckend übergehn, so spricht man halt, dass der Dativ dem Genitiv sein Tod sei (in Wirklichkeit meuchelt ja der Akkusa- den Dativ dahin).

Tut mir leid wegen dem Teppich.
Aber das gesprochene Wort wie den Furz kann selbst der liebe Gott (der gleich noch mal kömmt) nicht mehr einfangen. Hui, ist es weggeweht. Dafür treiben auslaufende Gänsefüßchen ein schrilles Spiel, hier nämlich
„Die Kleine spielt echt gut, was?
Rennst herum und stichst Leute ab?““
Gönn eins dem vorher zitierten Satz.

Aber genug Trivialität verschossen.

Die Geschichte ist gut. Beste klassische Romantik, irgendwo zwischen Chamisso und Hoffmann. Und irgendwie kommen mir die Namen (selbst Uli, die Lösung liefert Uli ja schon direkt zu Anfang) bekannt vor, dass der erste Gedanke ist: Nu läuft offshore auf Grund und arbeitet an seiner Biografie. Selberlebensbeschreibung, konjektural i. S. des Mannes, der zwischen Klassik und Romatik auch in keine Schublade passte: Jean Paul.

Aber warum Luis?, was natürlich einem, der gerade mal wieder dem alten Sugambrer/Salier Chlodwig/Clovis übern Weg gelaufen ist besonders nahe geht.

Ludwig/L(o)uis/Lewis,
chlod/hlut = berühmt, wic/-g = Kampf, und

Ulrike, was nun wirklich denkwürdig wäre, da von
uodal und richi abgeleitet: „Erbgut(!!)/Heimat“ und „mächtig“, aber auch „Herrscher“.
Uli als Neue Heimat?

Da fehlt dann tatsächlich nur noch der, der das Licht bringt: Luzifer, ums dunkeln zu lassen. Und warum sollte nicht konsequent nach der Anrufung des Herrn in „noch lebstu“ (meine eigene Schreibweise, sei froh, dass es nicht auf Ruhrlatein da steht!) - der Dübel unaufgefordert erscheinen? Da fällt mir dann was* teuflisches auf. Was wäre, wenn offshore dieses als erstes Stück eingestellt hätte?

Eine Stelle, die manchem Neueinsteiger hierorts als Mangel ausgewiesen würde

Als sie das sagte, lächelte sie kein bisschen, sie meinte das offenbar vollkommen ernst, ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mich auf den Arm nahm. Allerdings schaute sie auch nicht drein, als müsste sie gerade furchtbar leiden. Ich war mir nicht ganz sicher, vielleicht verarschte sie mich ja doch.
Nein, nicht weil es schlecht wäre, aber weil es auch ohne gedoppelte Adjektive ginge
…, lächelte sie kein bisschen, … offenbar vollkommen ernst, … gerade furchtbar leiden … nicht ganz sicher ….
*
Aber das ist Spiel.
Und wir wollen doch ernst bleiben.
*
Gruß aus’m nasswarmen Pott vom
*
Friedel,
der sich mal wieder so was wie den Winter 78/79 wünscht oder wenigstens 2005/6, wenn die Strommasten einknicken und das Internet zusammenbricht …

 
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Zuletzt bearbeitet:

Ja, ich weiß eh, vermutlich wäre es vernünftiger und einfacher gewesen, unmittelbar auf jeden einzelnen eurer Kommentare zu reagieren, als vierzehn zusammenkommen zu lassen, bevor ich die Antworten in Angriff nehme. Aber offshore und Vernunft, … tja, dieses Begriffspaar war schon immer quasi das Oxymoron schlechthin.
Egal. Jetzt wird’s halt wahrscheinlich wieder so ein Antwort-Mischmasch. Ich will mich aber bemühen, niemanden zu übergehen.

Chutney schrieb:
ich habe den Text jetzt nochmal gelesen und ich sehe, der Typ ist fix und fertig, Alkoholiker, ein verhinderter Schriftsteller, möglicherweise gewalttätig aber wahnsinnig? Dafür gibt es für mich doch zu wenig Hinweise. Die klirrenden Atemwölkchen hatte ich z.B. der Tatsache zugeschrieben, dass er offenbar Schriftsteller ist und sehr bildhaft denkt.
[...] Also, wenn ich den Text so kapieren soll, wie du ihn gemeint hast, bräuchte ich im Vorfeld noch mehr Hinweise auf beginnenden Wahnsinn.

Schwups schrieb:
Ich kann auch mit entsprechendem Wissen nicht aus dem Text herauslesen, dass …

Auweia! Es scheint, als sei der Text doch nicht so verständlich, wie ich’s gern gehabt hätte.
Aber in Wahrheit hab ich ja geahnt, dass so was kommen muss. Und meine persönliche Nervensäge Und Fliege hat es ja auch geahnt:

Fliege schrieb:
Da haste dir die Latte eben selbst echt hoch gelegt
(obwohl Fliege, wenn sie ehrlich ist, zugeben muss, dass ja eigentlich sie es war, die mir die Latte so hoch gelegt hat. Na ja, zumindest hab ich versucht, die Latte zu überspringen und bin nicht einfach darunter durchgelaufen.)
Wahrscheinlich war es ein Fehler von mir, den Vinc aus der anderen Geschichte in eine neue Figur transformieren zu wollen. Vielleicht war mir dieser Vinc auch einfach noch zu nahe, als dass ich ihn vollkommen dekonstruieren und verändern konnte und scheute mich deshalb davor, seinen Wahnsinn zu augenscheinlich zu zeigen. Während des Schreibens war Luis nach wie vor Vinc für mich, und dieser verdammte Vinc ist mir einfach sympathisch.

Mit der sprachlichen Gestaltung des Textes seid ihr ja überwiegend recht zufrieden, ich zitiere hier stellvertretend Anakreon:

Anakreon schrieb:
ein richtiger offshore-Text. […] Sprachlich ist es eloquent formuliert, manche Sätze vielleicht zu gewählt für den Schauplatz und einige wiederum aus der Alltagssprache von Dir
.
Einzig Kerkyra und Friedel bemängeln ein paar redundante Formulierungen. Die werde ich aber vermutlich nicht ändern. Gerade wenn ich aus der Perspektive eines Ich-Erzählers schreibe, finde ich es ganz passend, ein bisschen ausschweifend (redundant?) herumzuschwafeln. Schon deshalb, weil das für mein Gefühl der Art entspricht, wie unsere Gedanken im Kopf herumschwirren. Obendrein bin ich selbst nicht unbedingt ein sprachlicher Purist, und auch als Leser fordere ich nicht immer Stringenz und möglichst ökonomische Sprache ein.
Den Einwänden von Achillus und Schwups wiederum, Luis' Sprache sei stellenweise zu flapsig, gar kalauerhaft, muss ich vorbehaltlos zustimmen und habe mir auch vorgenommen, die entsprechenden Passagen zu ändern. Und auch weltenläufer muss ich recht geben:

weltenläufer schrieb:
Wer redet denn so (jemanden an)?
Finde den gesamten Dialog sperrig.
Überhaupt werde ich mich noch einmal den Dialogen widmen. bzw. habe ich es stellenweise schon getan.

Fliege äußert Bedenken, das Setting sei ihr etwas zu unoriginell und stereotyp. Allerdings habe ich das Setting ja nicht im Hinblick auf eine gruselige Story gewählt, sondern es war schon da, bevor ich überhaupt daran dachte, in Richtung Horror abzubiegen. Das Kirchensetting hab ich ursprünglich ja nicht für Luis und Uli geschaffen, sondern für Vinc und Elsie. Und da ich selbst beinahe null Erfahrung mit dem Horrorgenre habe, sowohl dem literarischen als auch dem filmischen, war mir gar nicht bewusst, dass ich mich da offenbar auf ziemlich ausgetretenen Pfaden bewege. Umso mehr hat es mich gefreut, dass die meisten anderen Gefallen daran finden konnten.

zash schrieb:
Ich mochte auch das Setting.

Schwups schrieb:
Du legst viel Wert auf das Setting, was man daran merkt, dass du viel auf Details eingehst. Die geheimnisvolle Frau, Borodins Requiem, die alte Kirche, die Orgelmusik, das gibt dem Text ein stimmiges Ambiente.

weltenläufer schrieb:
Die Idee in der Kirche finde ich stark. Allein die musikalische Unterstützung zu dieser denkwürdigen Szene - imaginiert oder nicht - das ist filmreif.

Jimmy schrieb:
Die Szene in der Kirche finde ich gut.

Tja, und was die Zuordnung zu Horror betrifft:

Anakreon schrieb:
Das Stichwort Horror spiegelte sich mir jedoch nicht

Kerkyra schrieb:
… besonders horrormäßig finde ich die Story nicht.

Schwups schrieb:
Mensch, du und Horror? Dann noch in Kombination mit Romantik ...

Nun ja, ist ja wirklich nicht gerade mein Genre. Nachträglich gesehen wäre es wohl vernünftiger gewesen, auf dieses Stichwort zu verzichten und stattdessen Seltsam zu nehmen. Ehrlich gesagt weiß ich gar nimmer recht, warum ich’s überhaupt gewählt habe. Möglicherweise, um die Interpretationen der Leser schon durch die Rubrikwahl in die entsprechende Richtung zu lenken. Und dadurch das offene Ende nicht gar so offen erscheinen zu lassen. Nix Happyend quasi.
Dass ich damit beim Leser natürlich auch eine bestimmte Erwartung an den Text wecke, hab ich vermutlich zu wenig bedacht.
Aber sei’s drum, immerhin kommt z.B. Schwups trotzdem zu diesem Resümee:

Schwups schrieb:
Tja ernst, also aus meiner Sicht ein gelungener Ausflug in Richtung Horror,
Und sofern ich mich durch das Resümee von harry

harrytherobot schrieb:
Also, alles in allem eine schöne, wehmütige Geschichte mit berührenden Passagen, finde ich. Wenig Horror, viel Romantik..
nicht dazu verleiten lasse, mich wieder in ein Genre zurückzuziehen, in dem ich mich mehr zu Hause fühle als im Horror, werde ich mich ernsthaft an eine umfassende Ausarbeitung dieser Story machen.
Mehr von Uli, mehr von Mona, mehr von Luis‘ Wahnsinn, mehr Grauen.

Nochmals vielen Dank euch allen. Wahrscheinlich wird mir den nächsten Tagen noch das eine oder andere zu den Kommentaren einfallen, dann melde ich mich noch einmal.


Falls nicht, schöne Weihnachten.

offshore


PS für Friedel und Anakreon:

offshore Junior, der den Text korrekturgelesen hat, bekommt fürs Übersehen der drei Tippfehler drei Wochen Fernsehverbot.
(Der Zeilenumbruch in der Szene, wo Luis sich Mona herbeifantasiert, war beabsichtigt. Ich hab ihn jetzt aber wieder rausgenommen.)

 
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Was denn, Fernsehverbot als Strafe? Wo gibt's denn so was noch. Ist ja wie Familie Schölermann und wie sie alle heißen ... vielleicht onshore, aber nicht doch offshore!

Schöne Tage diese Tage aus Niflung vom

Friedel

 
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Hi offshore, endlich bin ich bei deiner Geschichte. Auf die hab ich mich schon die ganze Zeit gefreut, während ich an anderen Dingen festhing.

„Du brauchst nichts überstürzen, Luis. Lass dir Zeit. Denk einfach in Ruhe drüber nach, was es dir wert ist. Muss ja nicht gleich ein ganzes Bein sein. Und, im Vertrauen gesagt, nicht mal dein eigenes muss es sein, wenn du weißt was ich meine.“ Er zwinkerte mir zu, tätschelte mir die Wange und stand auf.
Das ist der Hauptpunkt der Geschichte, für mich der entscheidende Kern. Fast fand ich es schad, dass du da die Vorstellung des Lesers nicht noch ein bisschen weitergetrieben hast. Ich find es gut, dass es offen bleibt, ob er Uli nun als mögliches Opfer sieht oder ob er einen Neubeginn wagt. Irgendwie hätte ich das wenigstens im Leser noch ein bisschen nachklingen lassen, dass das zumindest möglich wäre, dass sie von ihm geopfert wird.

Ich muss mal entschuldigend vorwegsagen, dass ich keinen einzigen Kommentar gelesen habe aus Zeitgründen. Also wahrscheinlich laber ich jetzt alles doppelt oder so.
Ich hab nämlich neben all dem Schönen in der Geschichte und deinem Stil, den ich einfach unglaublich mag, ein Problem mit diesem Teufel. Ich weiß nicht, ob ich es mir da selbst schwer mache oder ob das vielleicht völlig wurscht ist, ich kapiere nicht ganz, ob die Szene in der Kirche eine Fantasie ist, irgendein psychotischer Schub des Prota oder ob das ein reeller stinknormaler Religions- und Horrorteufel ist, der ihn jetzt grad mal in echt in Versuchung geführt hat.
Wehe du lachst, wenn ich mich jetzt grad vergallopiere. Es ist so.
Du schreibst die ganze Szene so echt und materiell, dass man den Teufel als echte Erscheinung nimmt. Denn warum sollte ihm sonst einfach mal so ein Teufel vor die Nase hopsen. Und der Luis der ist ja in der Kneipe, völlig normal, sogar sehr nett zu der blassen Uli und kümmert sich um die. Also der kommt einem nicht so vor, als würde dem dauernd eine Teufelsphantasmagorie aus dem Hirn entweichen.
Und echte Teufel find ich irgendwie schwierig, eigentlich kann ich über solche Szenarien nur noch kichern. Ich glaube an keinenTeufel nicht. Und dieser Teufel hier, der macht noch zusätzlich eine ziemlich eigenartige Versuchungsaktion. Teufel wollen doch immer die Seele, also ködern sie mit was Gutem und stellen des Schaden des Versuchten möglichst klein hin. Ist ja nur die Seele, die draufgeht. So ein Hauch von Luft. Also wenn der Teufel echt ist, dann ködert er echt noch azubimäßig. Okay, die durchgedonnerte Hand ist schon cool und du beschreibst die Szene auch gut. Aber nee, der Teufel wär echt noch im Praktikum. Wer sollte sich denn auf so einen bescheuerten Deal einlassen, Schmerz gegen einen hochseeligen Beischlaf. Und sein Angebot, sich mit der Uli zufrieden zu geben, das kommt ja erst ganz am Schluss. Also nee, dieser Teufel sollte echt geschickter sein.
Jetzt gibt es aber zwei Sachen, wegen der ich mir unsicher bin, wie du den Teufel meinst. Du lässt ihn ja ausgerechnet Cobainmäßig aussehen. Und das kommt mir so offshorig vor, ich weiß nicht, ich musste da sofort denken, das ist kein echter Teufel. Naja, dann bin ich mir wieder unsicher geworden. Aber dann das Messer in der Tasche. Wie kommts da rein? Und die Fragen, die sich der Luis zum Schluss stellt. Die klingen einfach ein ganz kleines bisschen so, als würde der Luis selbst denken, er hat grad einen psychotischen Schub gekriegt. Zuviel Alk, zuwenig Schlaf - irgendso etwas.

Also diese Unklarheit treibt mich grad um, ich hab im Moment keine Ahnung, ob die für die Geschichte überhaupt eine Rolle spielt. Ist mir selbst noch nicht klar. Ich merk nur, ich hab Probleme mit dem Deiwel, wenn der echt ist. Und wenn er es nicht ist, weiß ich nicht, warum dieses Angebot, das ich am Anfang zitiert habe, nicht noch ein ganz kleines bisschen weitergewoben wird. So als Hauch eines beginnenden Wahnsinns im Luis. Und man entsprechend um die arme Uli und ihr Schicksal fürchten muss.
Ansonsten wie immer total schön geschrieben, mit so vielen Einfällen, dass man sich nicht daran satt sehen kann.
Viele Grüße
Novak

 
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Hallo Offshore,

auch ich konnte zu Anfang nicht recht eintauchen, das passierte erst so beim Eintreten in die Kirche und vollends hattest du mich, als Luis in die andere Ebene übertrat zu Mona. "Noch lebst du" habe ich noch nicht gelesen. Aber nach dieser Lektüre, die ich übrigens echt genossen habe, kommt es mir auch so vor, als hätte ich hier ein Prequel vor mir.

„Du brauchst nichts überstürzen, Luis. Lass dir Zeit. Denk einfach in Ruhe drüber nach, was es dir wert ist. Muss ja nicht gleich ein ganzes Bein sein. Und, im Vertrauen gesagt, nicht mal dein eigenes muss es sein, wenn du weißt was ich meine.“
Diese Worte hatten eine Sogwirkung, sie suggerieren einen weichen, ungezwungen Klang, während die Botschaft knallhart und unausweichlich ist. Wie weit würdest du gehen, Luis? Auch ich stelle mir diese Frage. Hier entsteht ein hohes Maß an Spannung, das leicht aufrechterhalten werden kann. So bleibe ich etwas unbefriedigt zurück, nicht weil mir die Gesichte nicht gefallen hätte, sondern einfach, weil ich gern wüsste, wie es jetzt weitergeht. Das spricht für die Story.
Natürlich müsste dann auch die Frage geklärt werden, die Achillus schon angesprochen hat: Warum will dieser "Teufel", dass Luis sich selbst oder anderen Schmerzen zufügt?

ganz langsam, als hätte ich sie aus einem Traum geweckt, als holte ich sie aus der Umlaufbahn um einen fernen Planeten,
Der zweite Nebensatz ist gut, wirklich gut, und würde noch mehr strahlen, wenn der vorherige rausfliegt, finde ich. "Aus einem Traum geweckt" ist eh etwas abgedroschen.
Nur dieses Doppel-Um störte mich auch etwas. Wieso nicht: aus der Umlaufbahn eines fernen Planeten?

Was die dann da vorne mit dem Musikautomaten anstellten,
"Dann" würde ich rauswerfen, dann hast du auch diese nervige Alliteration eliminiert.

Seit der Sache mit Mona war’s vorbei mit meiner Überzeugung, ich sei unverwundbar, nun ja, ich will’s mal so sagen, ich hing einigermaßen ramponiert in den Seilen.
Manchmal ist mir der Erzähler etwas zu geschwätzig. Ich will's mal so sagen ... sag's doch einfach.

Ansonsten echt eine mitreisende Erzählung (vor allem in der zweiten Hälfte)

Schöne Grüße
Hacke

 
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Novak schrieb:
Ich muss mal entschuldigend vorwegsagen, dass ich keinen einzigen Kommentar gelesen habe
Was ich gar nicht mal schlecht finde, liebe Novak, weil du dann vermutlich auch nicht meine Erklärung zur Geschichte gelesen hast und somit vollkommen unbelastet interpretieren konntest.

Ich hab nämlich [...] ein Problem mit diesem Teufel. Ich weiß nicht, ob ich es mir da selbst schwer mache oder ob das vielleicht völlig wurscht ist, ich kapiere nicht ganz, ob die Szene in der Kirche eine Fantasie ist, irgendein psychotischer Schub des Prota oder ob das ein reeller stinknormaler Religions- und Horrorteufel ist,
[…]
Jetzt gibt es aber zwei Sachen, wegen der ich mir unsicher bin, wie du den Teufel meinst. Du lässt ihn ja ausgerechnet Cobainmäßig aussehen. Und das kommt mir so offshorig vor, ich weiß nicht, ich musste da sofort denken, das ist kein echter Teufel. Naja, dann bin ich mir wieder unsicher geworden. Aber dann das Messer in der Tasche. Wie kommts da rein? Und die Fragen, die sich der Luis zum Schluss stellt. Die klingen einfach ein ganz kleines bisschen so, als würde der Luis selbst denken, er hat grad einen psychotischen Schub gekriegt. Zuviel Alk, zuwenig Schlaf - irgendso etwas.

Nun ja, eigentlich entwickelte sich diese Geschichte ja aus einem Fragment, das ursprünglich für ein Prequel zu "Noch lebst du" gedacht war.
Erst als sich dann wie von selbst der Teufel in die Handlung stahl, musste ich mich mit dessen Rolle auseinandersetzen und versuchen, ihn mit meiner rationalen Weltsicht, in der ein real existierender Teufel natürlich nichts verloren hat, in Einklang zu bringen. Und so kam's zu der Idee, dass Luis - zusätzlich zu dem massiven Alkoholproblem, das er augenscheinlich hat - schlicht und einfach verrückt ist, bzw. im Begriff steht, es endgültig zu werden. Vermutlich hat er durch die Musik, die Uli spielt, so was wie ein Flashback, das ihn in die Zeit mit Mona zurückhaut.
Keine Ahnung, was da in seinem Kopf vorgeht, möglicherweise ist die Verletzung, die er sich zufügt, so eine Art Selbstbestrafung, als wolle er Buße tun, weil er irgendwie das Gefühl hat, Monas Tod auf dem Gewissen zu haben. Na ja, so ungefähr hab ich mir das vorgestellt, aber mittlerweile ist mir klar, dass ich das viel zu wenig ausgearbeitet habe, dass es viel zu sehr in Andeutungen verbleibt. Und die Leser können ja nicht in meinen Kopf reinschauen.

Also diese Unklarheit treibt mich grad um, ich hab im Moment keine Ahnung, ob die für die Geschichte überhaupt eine Rolle spielt. Ist mir selbst noch nicht klar. Ich merk nur, ich hab Probleme mit dem Deiwel, wenn der echt ist. Und wenn er es nicht ist, weiß ich nicht, warum dieses Angebot, das ich am Anfang zitiert habe, nicht noch ein ganz kleines bisschen weitergewoben wird. So als Hauch eines beginnenden Wahnsinns im Luis. Und man entsprechend um die arme Uli und ihr Schicksal fürchten muss.
[...]
Fast fand ich es schad, dass du da die Vorstellung des Lesers nicht noch ein bisschen weitergetrieben hast. Ich find es gut, dass es offen bleibt, ob er Uli nun als mögliches Opfer sieht oder ob er einen Neubeginn wagt. Irgendwie hätte ich das wenigstens im Leser noch ein bisschen nachklingen lassen, dass das zumindest möglich wäre, dass sie von ihm geopfert wird.

Und genau da will ich jetzt ansetzen. Ich will nicht zu viel versprechen, aber momentan arbeite ich an einer gehörigen Verlängerung der Geschichte, ich hab auch schon ein paar sehr konkrete Ideen, wie ich das Dilemma um die Identität des Teufels lösen und gleichzeitig die Ansprüche der abgebrühten Horrorafficionados bedienen kann. Einige Kommentatoren haben ja bedauert, dass die Geschichte endet, gerade als sie gruselig zu werden verspricht.

Ansonsten wie immer total schön geschrieben, mit so vielen Einfällen, dass man sich nicht daran satt sehen kann.

Dein Schlusswort will ich jetzt einfach mal so stehen lassen, weil's mich wirklich sehr gefreut hat.
Vielen Dank, Novak.


Und auch für deinen Kommentar, Hacke, möchte ich mich bedanken.

Hacke schrieb:
So bleibe ich etwas unbefriedigt zurück, nicht weil mir die Geschichte nicht gefallen hätte, sondern einfach, weil ich gern wüsste, wie es jetzt weitergeht. Das spricht für die Story.
Natürlich müsste dann auch die Frage geklärt werden, die Achillus schon angesprochen hat: Warum will dieser "Teufel", dass Luis sich selbst oder anderen Schmerzen zufügt?

Also wenn ich es wirklich schaffe, die Geschichte zu dem Ende zu bringen, das mir momentan vorschwebt, sollten dann auch deine Kritikpunkte aus dem Weg geräumt sein.

Über deine sprachlichen Anmerkungen denke ich zumindest mal nach, Hacke, auch wenn ich nicht versprechen kann, sie letztendlich auch umzusetzen.

Na ja, mal sehen, was aus der Story noch wird.
Lasst euch überraschen.


Allen, die das lesen, wünsche ich schöne Feiertage.

offshore

 

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