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Wo der Tag sie erreicht

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12.02.2020
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Wo der Tag sie erreicht

Neben mir im Bett liegt ein Seestern. Seine fünf Arme umschlingen mich. Mit seinem Bauchmund küsst er mich mitten ins Gesicht. Er holt all seine Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen. Schlangensterne und Seeigel und Seegurken. Sie leben in seichten Gebieten des Meeres, dort, wo der Tag sie erreicht. Und in meinem Bett. Vielleicht, weil die Nächte zu tief für sie sind.

Am Morgen finde ich feinen Seesand auf Kissen und Laken. Der reibt an meinen Wangen, bis sie wund sind und sich nicht mehr berühren lassen, ohne zu schmerzen. Ich schüttle das Kissen aus und auch das Laken, zwischen den Zähnen knirschen die Reste der Nacht. Ich ziehe das Laken glatt und wenn ich die Augen schließe, rieche ich Seetang und Salz. Ich dusche, bis meine Haut so rot ist und heiß. Bis die Haut mehr schmerzt und der Spiegel beschlagen ist. Haut wird wie Leder, wenn man sie nicht cremt. Ich creme sie nicht. Ich schlafe mit Stachelhäutern in einem Bett.

Sonntags gehe ich in den Stadtwald. Das Licht riecht nach Harz. Ich gehe zur dritten Ecke, dann den Schleichweg entlang, zwischen den Kiefern hindurch, bis zum Balgberg. Die Kiefern sind hoch, unten ist die Luft still und grün. Seesterne haben hunderte Füße, aber schnell sind sie nicht. Schritt für Schritt ziehe ich mich den Balgberg hinauf, weg vom Grund. Auf dem Berg zerrt der Wind an meinen Haaren und ich sage: Du ziehst an mir wie Wasser. Dabei will ich mit dir durch die Kiefern streifen. Durch die Kiefern mit den kahlen Stämmen.

Auf der anderen Seite des Balgbergs ist die Knochenbahn. Läge Schnee, führe ich Schlitten, ich sauste hinunter über die Knochen der Kiefern und prallte gegen den Stamm am Ende der Bahn. Bräche mir einen Arm oder auch zwei. Aus einem gebrochenen Arm kann ein ganz neuer Seestern entstehen. Im Sommer liegt kein Schnee und ich gehe die Knochenbahn zu Fuß hinab. Am Grund setze ich mich auf eine Bank, ziehe die Schuhe aus und schütte feinen Seesand heraus. Ich betrachte die Blasen an meinen Füßen, feine Haut gewölbt wie ein Himmel über dem Meer. Der Wind umspült meine Füße. Unter der Haut steht das Meer still.

Barfüßig taste ich mich den Weg zurück, trage einen Schuh in jeder Hand. Zwischen den Kiefern ist es immer noch still und grün. Seesterne haben kein vorne und hinten. Über ihrer Mitte liegt der Wald, darunter der seichte Meeresboden. Wenn die Nacht zu tief ist, wird mein Bett ihr Grund.

 
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Tolle Impressionen und Stimmungen, @Katta ,

auch wenn das imA so keine Geschichte ist, sondern ein Ausschnitt. Was auch immer an Genöle kommt, liegt nur daran, dass es ein selten ungewöhnlicher (aber dabei nicht aufdringlicher) Tonfall / Sicht ist und ich sehr gern wesentlich mehr davon gelesen hätte. Auch gern etwas mit Unterbau / Plot.

Aus der Atmosphäre sticht dieser ein Satzteil mit dem groben humorigen Tonfall heraus wie ein sore thumb, würd ich streichen:

Seegurken, die zwar nett klingen, aber eine Horde ungehobelter Stachelhäuter sind.
Ich dachte, es wird dann ein slapstick-Text, aber du kehrst ja dann in den Tonfall zurück, mit dem du begonnen hast und bleibst auch konsequent darin.

Mit seinem Bauchmund küsst er mich mitten ins Gesicht.
Damit hast du natürlich das - vom mirroring, quasi physischen Nachempfinden her - allerstärkste Bild sofort im zweiten Satz. Der Anfang ist schon recht überfallartig. Ja, in medias res, aber ... ein bisschen 'zum Lesen der Geschichte verführen' finde ich als Einstieg eigentlich auch ganz gut.
Wenn es so holterkapolter geht (was ja auch super funktionieren kann), hab ich zumindest gern einen längeren Text danach, sodass ich mich wieder fangen kann und in die Geschichte eintauchen, aber das geht hier wegen dem abrupten Abbruch leider nicht. Das hätte ich sehr gern noch einige - viele - Seiten länger gelesen.

Der Text hat damit auch eine abfallende Spannungskurve *) und ich war überrascht, dass er einfach irgendwo aufhört. Abfallende Spannungskurve kann man durchaus machen, grad, wenn die Bilder eh ins Absurde/Seltsame gehen, aber ich hab mich eigentlich auf eine tolle weirde Geschichte gefreut, die dann leider nicht erzählt wird. Das könnte sehr gut mehr vertragen: mehr Raum, mehr Plot, mehr Text. Kaum ist man total drin in den schönen, schrägen Bildern und gespannt, was noch so alles kommt, ist es auch wieder zuende.

*) Meine das nicht im Sinne von Thriller, sondern von regulärem Spannungsbogen im Sinne einer Erzählung.

Haut wird wie Leder, wenn man sie nicht cremt. Ich creme sie nicht.
Ja, im Duden sogar so als Beispiel, aber ich kenne das mit Haut nur als 'eincremen'. Mag an mir liegen.

Ich betrachte die Blasen an meinen Füßen. Sie brennen.
Ich verstehe, warum sie die Blasen hat, aber als Ende, sinnvollen Abschluss verstehe ich es Null.

Toll die Sache mit den 'Knochen' am Ende, in den verschiedenen Jahreszeiten, das ist wie insgesamt eine schön selbstverständliche Seltsamkeit.

Insgesamt ist das keine Geschichte, auch keine Flash Fiction. Das finde ich irre schade, weil es ein schöner Erzählstil ist und tolle Bilder hat, zudem wirklich seltsam ist, was viele andere Texte nur vorgeben, aber nicht halten können. Magst du nicht eine Geschichte draus machen?

Herzlichst,
Katla

 

Lieben Dank, @Katla, fürs Lesen und deinen Kommentar. Natürlich hast du Recht mit der Geschichte, ich würds wohl eine Miniatur nennen, und hatte überlegt, ob die nicht in Experimente gehört, aber dazu war sie dann doch zu konventionell in allem, denn sie arbeitet ja vor allem eben einfach über etwas schräge Bilder, wie du auch schreibst, und es freut mich natürlich total, dass du sagst, dass genau das dir gefallen hat, auch wenn dir die Geschichte fehlt.

Auf der Handlungsebene passiert so gut wie nichts und ich weiß natürlich, dass du nicht Spannung im Sinne von Thriller meinst, aber jeder Text oder besser jede Geschichte braucht natürlich einen gewissen Spannungsbogen oder Erzählbogen (um dieses oft missverstandene Wort Spannung mal rauszulassen). Hier steht eine:r auf, geht duschen und im Wald auf einen Hügel/Berg, dann wieder runter. Fertsch. Also im Außen ist schon mal nix mit Erzählbogen.

Es gibt so zwei Seiten (in mir): Einmal so eine assoziative, die mit Bildern arbeitet wie hier. Und eine logisch-serielle, die mit Plots arbeitet, mit aus A folgt B folgt C. Und ich kriege die einfach nicht so richtig gut überein. Am besten zu funktionieren scheint es, wenn ich plotte und dann im Verlauf des Schreibens versuche, an die Bilder zu kommen (so versucht bei der Ebermann-Geschichte).
Aber manchmal will ich gar nicht so strukturiert (wobei strukturiert ganz und gar nicht das richtige Wort ist, vielleicht eher nicht so plotorientiert?) herangehen, sondern erst einmal die Bilder kommen lassen. So wie hier. Dann könnte ich daraus versuchen eine Geschichte zu basteln (so versucht bei der Unten Geschichte oder auch bei Haus Geschichte), aber ich habe eine recht ausgeprägte Tendenz zum Psychologischen. Das ist einfach wie mein Denken strukturiert ist, aber ich würde das eigentlich gern aus den Geschichten raushalten. Ich kann schlecht beschreiben, was ich eigentlich will, aber ich will nicht so symbolisch-psychologisch schreiben (was bei Unten sehr deutlich der Fall ist), weil ich diese Bilder im Nachhinein einordne (und dann eben in mein eigenes Denken). Keine Ahnung, ob das für dich irgendeinen Sinn ergibt.

Jedenfalls bin ich diesbezüglich erst mal froh, dass du sowas hier nicht zu sehen scheinst und damit bin ich für mich erst mal schon ein Stück weiter gekommen, find ich. Klar mag ich daraus eine Geschichte machen (denn das ist ja das eigentliche Ziel), aber ich fürchte, ich weiß (noch) nicht wie, ohne wieder psychologisch zu werden. Ich würde gerne dieses Seltsame, diese Bilder einfach stehen und wirken lassen und gleichzeitig eine Geschichte erzählen, aber das übersteigt im Moment einfach noch meine Fähigkeiten.

Hoffe, meine Antwort ist nicht total unbefriedigend für dich. Jedenfalls danke noch mal und hab einen schönen Sonntag, Katta

 
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Vielen Dank für deine schnelle Antwort, @Katta ,

ja, alles super nachvollziehbar.

aber ich habe eine recht ausgeprägte Tendenz zum Psychologischen. Das ist einfach wie mein Denken strukturiert ist, aber ich würde das eigentlich gern aus den Geschichten raushalten.
Das finde ich gut, die Texte von dir, wo das stark eine Rolle spielt, funzen imA gar nicht. Weil das Prozesse sind, die extrem schwer darzustellen sind und die dazu noch extrem individuell / idiosynkratisch sind. Was die Vermittelbarkeit von Symboliken gen Null gehen lässt, außer, jemand kann zufällig dort andocken. (Oder meint, es zu können, aber eigentlich eine andere Geschichte liest, als du geschrieben hast.)

Dieser und der Ebermann-Weg erscheinen mir wesentlich sinnvoller und ergiebiger als z.B. der Treppen-/Untergrundtext. Oder der, wo eine Prota in den Glasschrank fällt.

Es gibt so zwei Seiten (in mir): Einmal so eine assoziative, die mit Bildern arbeitet wie hier. Und eine logisch-serielle, die mit Plots arbeitet, mit aus A folgt B folgt C. Und ich kriege die einfach nicht so richtig gut überein. Am besten zu funktionieren scheint es, wenn ich plotte und dann im Verlauf des Schreibens versuche, an die Bilder zu kommen (so versucht bei der Ebermann-Geschichte).
Ist bei mir genauso. Es gibt einen Mittelweg: Außertextliche Strukturen als Gerüst nehmen.

Umso besser, wenn die Struktur jeweils in der Motivsprache bleibt. Nur als Bsp: Nimm den Seestern als Form für den Text und gehe vom Ausgangsbild damit in fünf Richtungen - und jede Armspitze hat einen eigenen Abschluss. Eigentlich hast du das bereits schon in der Anlage: Der in der Körpermitte liegende Mund ist der Start, von dem es sich aussternt. Nur die Abschlüsse = Konsequenzen fehlen. (Okay, du endest formgemäß an einem Fuß, aber die Bedeutung ist massiv unklar.)
Sowas eben. Sullivans Form Follows Function. Wenn du außertextliche Strukturen als Plotstrukturen nimmst, anstatt A, B, C hast du gleichzeitig einen Plotverlauf, an dem du dich entlanghangeln kannst, wie auch größere Freiheit von Konventionen.
Ich hab so angefangen zu schreiben, weil ich erst mal eigenes machen wollte und dann schauen wie es gehen soll, und das hat durchaus funktioniert. Eigentlich mache ich es immer noch so, nur etwas mehr klassisch untermauert. (Also, nicht dass ich mich als Vorbild hinstellen will, nur als Erfahrungswert!)

Kann da nur noch mal Jeff VanderMeers Wonderbook empfehlen, das behandelt nämlich ganz genau dieses Problem sehr vielfältig und mega kreativ. Es zeigt auch nur verschiedene - potentiell unendliche - Optionen und dann die Konsequenzen daraus, keine Vorgaben.

Ich würde gerne dieses Seltsame, diese Bilder einfach stehen und wirken lassen und gleichzeitig eine Geschichte erzählen, aber das übersteigt im Moment einfach noch meine Fähigkeiten.
Vllt. schaust du dir das Genre 'Slipstream' mal an, ich glaube nämlich, das ist eigentlich, was du anpeilst. Oder worin du gut wärst. (Nicht alles davon ist SF, nicht von Genreeinteilungen irritieren lassen.)

Hoffe, meine Antwort ist nicht total unbefriedigend für dich.
Nein, absolut nicht, so ungefähr hab ich mir das gedacht.
Aber dem Text vielleicht mehr Zeit geben? Das ist eine Szene bzw. eine plus Nebenszenen, und wenn du dem mal nachgehst, was daraus werden könnte in einem Zeitraum von sagen wir einem Monat? Nicht im Sinne: Es kommt ein super klassisch strukturierter Entwicklungssoundso bei raus, mit Twist bei 70% und so, sondern: Es ist eine Erzählung, die auf ihrem funktionierenden sense of wonder aufbaut und daraus Kapital schlägt, indem sie eine Entwicklung und v.a. einen Abschluss hat, der den Leser belohnt. Irgendeine Konsequenz. Keine Konsequenz = keine Wirkung.
Den Leser überrascht und belohnt, nicht liefert, was er erwartet. Aber was liefert.

Insgesamt finde ich, dass Eber und dieser enorm vielversprechende Texte sind, den Weg würd ich raten zu gehen. (Klar, meine Vorlieben, aber wirklich Schräges ist schwer zu finden, weil nicht viele Leute es schreiben können - daher ist es toll, wenn die nicht auch noch den klassischen Weg gingen. Bei Monkey sehe ich es auch so, bei FieberOptik. Oder bei Bas *schnüff*)

Herzlichst,
Katla

 

Hallo @Katta

Finde auch, dass dein kurzer Text eine Stimmung verbreitet, die greifbar wird, dass das schön geschrieben ist, auch wenn die Schilderungen eigentlich 'nur' -- so zumindest mein Leseeindruck -- eine abstrakte Form der Gefühlszustände der Erzählerin sind. Dennoch hat mir das an und für sich ganz gut gefallen. Interessant finde ich, dass der Text stark um Körpererfahrung kreist, das ist wohl der Kern. Die Seesterne könnten als Erinnerungen, invasive Nähe oder Fremdheit im eigenen Körper gelesen werden. Der Text entscheidet sich hier nicht -- muss er vielleicht auch gar nicht -- aber insgesamt bleibt das Motiv deshalb auch etwas diffus. Es gibt ein, zwei, drei Sätze, die ich streichen würde, weil die mich bisschen rausgehauen haben. Dazu gehört auch der Satz, den @Katla schon erwähnt hat, mit den Schwestern und Cousins und Cousinen des Seesterns. Der fällt zum Rest am stärksten ab, finde ich, weil der das Bild verniedlicht, die Metapher auserklärt und die aufgebaute Bedrohlichkeit zerstreut. Die weiteren Sätze:

Ich dusche bis meine Haut so rot ist und heiß. Bis die Haut mehr schmerzt und der Spiegel beschlagen ist. Haut wird wie Leder, wenn man sie nicht cremt. Ich creme sie nicht. Ich schlafe mit Stachelhäutern in einem Bett.
Ich schüttle das Kissen aus und auch das Laken [aus], zwischen den Zähnen knirschen die Reste der Nacht.
Auf der anderen Seite des Balgbergs ist die Knochenbahn. Läge Schnee, führe ich Schlitten, ich sauste hinunter über die Knochen der Kiefern und prallte gegen den Stamm am Ende der Bahn. Wenn ich nicht bremste. Aber im Sommer liegt kein Schnee und ich gehe die Knochenbahn zu Fuß hinab. Unten setze ich mich auf eine Bank, ziehe die Schuhe aus und schütte feinen Seesand heraus.
Bestimmt ist das auch Geschmackssache, aber das waren weitere Stellen, die mich bisschen aus dem Text gehoben haben.

Das Licht riecht nach Harz.
Das ist ein stark abstrahiertes Bild. Für mich hat es nicht ganz funktioniert, weil ich mir nicht ganz vorstellen konnte, was genau hier wie wahrgenommen wird.

Mit seinem Bauchmund küsst er mich mitten ins Gesicht.
Hier bin ich mir etwas unsicher bezüglich dem 'Bauchmund', fand das als Wort etwas sperrig. Ich verstehe die anatomische Idee dahinter, aber beim Lesen hat es mich kurz aus dem Bild geworfen.

Der Text schliesst mit

Ich betrachte die Blasen an meinen Füßen. Sie brennen.
was ein körperlicher Zustand ist, aber für mich kein wirklich abgerundetes Ende, also da müsste aus meiner Sicht ein Motiv zurückgeholt werden, ein Bild umgekehrt oder eine Art Erkenntnis erzeugt werden. So bleibt es sehr offen und der Text stoppt zu abrupt. Vielleicht ein Echo das Anfangsbildes?

Als kurze Impression fand ich's aber wie schon gesagt gelungen.

Beste Grüsse,
d-m

 

Liebe Katta,

auf mich hat dein Text eine Wirkung wie ein Gedicht. Am Anfang versuche ich noch in den Bildern eine zweite Ebene zu finden, aber das ist schnell vorbei, der Geist rutscht dann irgendwie ab.

Neben mir im Bett liegt ein Seestern. Seine fünf Arme umschlingen mich. Mit seinem Bauchmund küsst er mich mitten ins Gesicht.
Ui, was für ein Bild. Das ist wirklich sehr ... körperlich.
Am Morgen finde ich feinen Seesand auf Kissen und Laken. Der reibt an meinen Wangen, bis sie wund sind und sich nicht mehr berühren lassen, ohne zu schmerzen.
Eine Überreizung, die Prot. handelt die ganze Zeit, aber es wirkt auch, als habe sie wenig Wahl.
Das Licht riecht nach Harz.
Da bin ich sofort in der Situation. Wenn man im Wald ist und das Licht durch die Bäume scheint, wirkt es, als ob der Geruch vom Licht selbst ausgeht.
Die Kiefern sind hoch, unten ist die Luft still und grün.
Und hier ist es genau umgekehrt, die Luft ist farbig.
Seesterne haben hunderte Füße, aber schnell sind sie nicht. Schritt für Schritt ziehe ich mich den Balgberg hinauf, weg vom Grund.
Hier habe ich gegoogelt, okay fünf Arme und hunderte Füße. Plötzlich wirkt es so, als ob sie selbst ein Seestern ist, der sich da hochzieht.
Auf dem Berg zerrt der Wind an meinen Haaren und ich sage: Ich habe nur zwei Füße, aber du ziehst an mir wie Wasser.
Doch ein Mensch. Ihr Körper scheint veränderlich. Und ich verstehe es so, dass sie zum Wind spricht?
Auf der anderen Seite des Balgbergs ist die Knochenbahn.
Da hatte ich kurz den Gedanken, dass das Ganze in einem Körper spielt.
Läge Schnee, führe ich Schlitten, ich sauste hinunter über die Knochen der Kiefern und prallte gegen den Stamm am Ende der Bahn. Wenn ich nicht bremste.
Und nun dieser kleine Ausflug ins "Was wäre wenn ..." Und gleichzeitig ist ihre Phantasie ja gewaltvoll. Ja, ich finde, du bist weit genug entfernt von einer platten Zuordnung "Das bedeutet das, usw." Dennoch überträgt sich eine Stimmung.
Verlieren Seesterne Arme, wachsen sie nach. Aus einem verlorenem Arm kann ein ganz neuer Seestern entstehen. Ich betrachte die Blasen an meinen Füßen. Sie brennen.
Ich weiß nicht, am Ende wirkt das, als ob man aufwacht und wieder in der Normalwelt mit Wikipedia und Blasen an den Füßen angekommen ist.
Mir hat das gefallen, auch die Kürze, wenn ich es eben wie ein surreales Gedicht betrachte.
Aber ich finde es interessant, dass @Katla vorschlägt, du sollst mehr davon machen, mit Unterbau/Plot. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit. Für mich ist die Frage, ob es für dich um den Ausdruck von psychischen Zuständen geht, oder ob du eine Art neuer Welt erschaffst, (worldbuilding ?, weiß nicht ob das hier passt), also eine ganz fremde Welt mit eigenen Gesetzen.

Liebe Grüße von Chutney

 

Hallo @Katta,

ich habe deine Miniatur (du erwähnst das als Bezeichnung) sehr gern gelesen. Ich verstehe die Kritik von Katla, die Geschichte (?) führt nicht wirklich irgendwohin, sondern schwebt in diffusen Bildern vor sich hin.

auf mich hat dein Text eine Wirkung wie ein Gedicht.
Geht mir auch so.
Mir hat das gefallen, auch die Kürze, wenn ich es eben wie ein surreales Gedicht betrachte.
Surreal trifft es.
Als kurze Impression fand ich's aber wie schon gesagt gelungen.
Und auch das würde ich unterschreiben. Es gibt Texte, die im Schema laufen, da kann kritisiert werden, dass dieses oder jenes nicht funktioniert, dieser fällt aus dem Raster. Die Bilder, die du kreierst, sind aber teilweise so stark
Seine fünf Arme umschlingen mich. Mit seinem Bauchmund küsst er mich mitten ins Gesicht.
dass sie einen eigenen Sog entwickeln, es hat etwas Märchenhaftes. Mit Ausnahme der Einschübe, in denen du biologisch erklärst (Schlangensterne sind Stachelhäuter, ihnen wachsen Arme nach).
Ja, die Miniatur hängt vielleicht etwas in der Luft, aber die Bilder sind toll, kreieren eine ganz eigene Atmosphäre, mir hat es gefallen.

Schönen Gruß von

Jaylow

 

@Katla

Das finde ich gut, die Texte von dir, wo das stark eine Rolle spielt, funzen imA gar nicht. Weil das Prozesse sind, die extrem schwer darzustellen sind und die dazu noch extrem individuell / idiosynkratisch sind. Was die Vermittelbarkeit von Symboliken gen Null gehen lässt, außer, jemand kann zufällig dort andocken.
Also das würde ich so wohl nicht unterschreiben oder wir reden aneinander vorbei. Psychische Prozesse sind eigentlich gar nicht so furchtbar individuell. Klar irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht, sonst würde ja auch die Psychologie keinen Sinn ergeben. Und man sieht am Komm von @deserted-monkey, dass Leser offenbar auch Symbolik explizit suchen und das ich das mit einbeziehen muss, wenn ich genau das vermeiden will.

Nur als Bsp: Nimm den Seestern als Form für den Text und gehe vom Ausgangsbild damit in fünf Richtungen - und jede Armspitze hat einen eigenen Abschluss. Eigentlich hast du das bereits schon in der Anlage: Der in der Körpermitte liegende Mund ist der Start, von dem es sich aussternt. Nur die Abschlüsse = Konsequenzen fehlen.
Das finde ich eine tolle Idee. Ich habe erst ein bisschen gegrübelt, weil der Seestern ja radialsymmetrisch sind und Texte eben linear und ich habe schon mal ein bisschen am Ende auf jeden Fall herumgefeilt (und habe jetzt fünf Arme, wo der erste Arm und der letzte Arm thematisch nebeneinander liegen - wenn das Sinn macht) und versucht so zumindest eine Art Kreis herzustellen. Ich überlege aber derweil weiter, wie ich das Narrative im Text ohne klassischen Plot, aber mit Konsequenz irgendwie verstärken kann.

Kann da nur noch mal Jeff VanderMeers Wonderbook empfehlen, das behandelt nämlich ganz genau dieses Problem sehr vielfältig und mega kreativ. Es zeigt auch nur verschiedene - potentiell unendliche - Optionen und dann die Konsequenzen daraus, keine Vorgaben.
Also, Katla, das Buch ist ja der Hammer! Du empfiehlst das ja häufiger mal, oder? Jednefalls hab ich es mir jetzt echt mal bestellt (weil mein Buchladen des Vertrauens um die Ecke mit englischen Büchern irgendwie Probleme hat und es dadurch recht teuer für mich wird) und wow! Inhaltlich bin ich jetzt noch nicht so sehr tief eingestiegen, aber allein sich das anzuschauen mit den vielen tollen Illustrationen. Also danke für den Hinweis.

Vllt. schaust du dir das Genre 'Slipstream' mal an, ich glaube nämlich, das ist eigentlich, was du anpeilst.
Werd ich, auch danke für diesen Hinweis.

Aber dem Text vielleicht mehr Zeit geben? Das ist eine Szene bzw. eine plus Nebenszenen, und wenn du dem mal nachgehst, was daraus werden könnte
Ja, bin ich gerade bei, die Gedanken laufen so mit ...

den Weg würd ich raten zu gehen. (Klar, meine Vorlieben, aber wirklich Schräges ist schwer zu finden, weil nicht viele Leute es schreiben können - daher ist es toll, wenn die nicht auch noch den klassischen Weg gingen
Ich bin immer ganz froh, wenn ich ein bisschen Abwechslung hab, von daher werden meine Wege vielleicht auch eher radialsymmetrisch sein :-)

Lieben Dank dir.

Hallo @deserted-monkey,
freut mich, dass du da bist.

dass dein kurzer Text eine Stimmung verbreitet, die greifbar wird, dass das schön geschrieben ist, auch wenn die Schilderungen eigentlich 'nur' -- so zumindest mein Leseeindruck -- eine abstrakte Form der Gefühlszustände der Erzählerin sind. Dennoch hat mir das an und für sich ganz gut gefallen. Interessant finde ich, dass der Text stark um Körpererfahrung kreist, das ist wohl der Kern. Die Seesterne könnten als Erinnerungen, invasive Nähe oder Fremdheit im eigenen Körper gelesen werden. Der Text entscheidet sich hier nicht -- muss er vielleicht auch gar nicht -- aber insgesamt bleibt das Motiv deshalb auch etwas diffus.
Erst mal schön, dass das mit der Stimmung funktioniert hat. Finde deinen Komm interessant und glaube auch, dass das der eigentliche Weg ist, wie Menschen an Texte gehen, nämlich mit der Frage: Was bedeutet das alles? Und es ist egal, ob es dabei nun um realistische Texte geht oder nicht. Ist wahrscheinlich eine Binsenweisheit, aber mir ist diesbezüglich erst bei diesem Text wirklich ein Licht aufgegangen, auch dass ich selbst im Autopiloten oder default mode oder wie auch immer, eben auch so an meine eigenen Texte gehe und da dann schnell Schräges mit Bedeutung versehen wird und dann wirds schnell ein sehr symbolischer Text. Genau das will ich aber eigentlich gar nicht, sondern ich will diesen sense of wonder auslösen (wie @Katla auch geschrieben hat). Und wenn du dann schreibst, abstrakte Form von Gefühlszuständen, dann will ich mit dem Kopf schütteln und sagen: nein, nein, nein! Aber darum ist das total hilfreich, dass du das schreibst, weil nicht deine Lesart falsch ist, sondern ich dann sehe, okay, ich bin noch symbolisch unterwegs irgendwie, zu wenig konkret vielleicht.

Ich bin nicht sicher, was du mit "das Motiv bleibt diffus" meinst und habe mich hier gefragt, ob du vielleicht eher Symbol meinst, dass also die Symbolik nicht klar ist? Weil das Motiv des Seesterns doch eigentlich durchgängig im Text wieder auftaucht, oder? Also, wenn ich jetzt als Motiv eine Art wiederkehrendes Element verstehe, aber ich bin bei diesen Begriffen auch wirklich nicht sattelfest und kriege da schnell einen Knoten im Kopf.

Was die Textstellen angeht, so habe ich die Stelle mit dem Bremsen überarbeitet, die anderen beiden und auch die Bilder (Licht, das nach Harz riecht und Bauchmund) so gelassen. Das Ende habe ich überarbeitet und wie du geschrieben hast, den Anfang und das Motiv der Seesterne im Bett wieder aufgenommen.

Danke dir, dm, fürs lesen und kommentieren.

Hallo @Chutney,

auf mich hat dein Text eine Wirkung wie ein Gedicht. Am Anfang versuche ich noch in den Bildern eine zweite Ebene zu finden, aber das ist schnell vorbei, der Geist rutscht dann irgendwie ab.
Das hat mich gefreut, dass du dann aufgehört hast nach einer zweiten Ebene zu suche, danach, was das alles bedeuten könnte. Und ja, es stimmt, das man das Ganze wohl auch als Gedicht lesen könnte, daran versuche ich mich gerade, um das abzuschwächen und das Narrative zu stärken. Aber ist irgendwie nicht so leicht. Ich glaube, dass ist auch Geschmackssache, ob man dem so etwas abgewinnen kann.

Hier habe ich gegoogelt, okay fünf Arme und hunderte Füße. Plötzlich wirkt es so, als ob sie selbst ein Seestern ist, der sich da hochzieht.
hehe, lustig, dass du gegoogelt hast ... freut mich übrigens, dass die synästhetischen Bilder für dich funktionieren.

Doch ein Mensch. Ihr Körper scheint veränderlich. Und ich verstehe es so, dass sie zum Wind spricht?
Die zwei Füße habe ich übrigens rausgenommen, wahrscheinlich muss ich mir da noch selbst drüber klar werden, was genau das Ich da eigentlich ist, und ja, das Ich spricht zum Wind.
Da hatte ich kurz den Gedanken, dass das Ganze in einem Körper spielt.
Interessant ...
Ja, ich finde, du bist weit genug entfernt von einer platten Zuordnung "Das bedeutet das, usw." Dennoch überträgt sich eine Stimmung.
Das ist gut, denn das war schon ein Ziel ...
Ich weiß nicht, am Ende wirkt das, als ob man aufwacht und wieder in der Normalwelt mit Wikipedia und Blasen an den Füßen angekommen ist.
Stimmt. Das Ende war irgendwie keines, hab ich geändert, aber, wie gesagt, ich arbeite gedanklich eh noch dran.
Für mich ist die Frage, ob es für dich um den Ausdruck von psychischen Zuständen geht, oder ob du eine Art neuer Welt erschaffst, (worldbuilding ?, weiß nicht ob das hier passt), also eine ganz fremde Welt mit eigenen Gesetzen.
Ja, es soll eigentlich kein surreales Gedicht sein, was es im Moment möglicherweise ist. Es soll auch keine plotgetriebene Geschichte werden (haha, ist aber klar, oder?), mir gehts vor allem um den sense of wonder. Es soll nicht um den Ausdruck psychischer ZUstände gehen, aber ich will hier auch keine Art ganz neuer Welt erschaffen, sondern eher, dass etwas Unklares oder Seltsames in dieser Welt existiert, keine Ahnung, ob das Sinn macht.

Lieben Dank auch dir, @Chutney, für deine Zeit und Gedanken.

Und last but not least, hallo @Jaylow,

ich habe deine Miniatur (du erwähnst das als Bezeichnung) sehr gern gelesen. Ich verstehe die Kritik von Katla, die Geschichte (?) führt nicht wirklich irgendwohin, sondern schwebt in diffusen Bildern vor sich hin.
Ja, ich verstehe die Kritik auch und versuche gedanklich gerade, sie vielleicht doch irgendwohin führen zu lassen, ist aber gar nicht so leicht für mich.

dieser fällt aus dem Raster. Die Bilder, die du kreierst, sind aber teilweise so stark
ja, das macht es nicht leichter, aber schön, dass du das so liest und so annehmen kannst.

Ja, die Miniatur hängt vielleicht etwas in der Luft, aber die Bilder sind toll, kreieren eine ganz eigene Atmosphäre, mir hat es gefallen.
Das freut mich sehr und mal sehen, ob meine Gedanken noch irgendwohin führen.
Auch dir vielen lieben Dank fürs Lesen und deinen Kommentar.

Euch allen ein schönes Wochenende,
Katta

 

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