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Wohin du gehst

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Wohin du gehst

„Anna, wo willst du hin?“
„Ich bin gleich zurück, Mum.“
„Wir müssen in zehn Minuten am Check-in sein, vergiss das nicht!“
Normalerweise würde Anna ihrer Mutter mit einem Augenrollen zeigen, was sie von ihrer Überfürsorglichkeit und der offensichtlichen Tatsache, dass ihr Flieger alsbald abheben würde, hielt - aber nicht in diesem Moment.
Sie war gerade dabei gewesen, ihr neues Buch zu beginnen, als sie ein Schauer durchfuhr und sich innerhalb weniger Augenblicke eine Gänsehaut über ihre Arme und Beine legte. Dieses Gefühl – und das wusste sie bereits aus Erfahrung - verhieß nichts Gutes. Ihr Puls beschleunigte sich. Es würde wieder passieren und sie konnte nichts weiter tun als zuzusehen. Anna fühlte sich wie die Besucherin eines Theaterstücks, die genug von dem hatte, was ihr da vorn auf der Bühne dargeboten wurde, die aber zu viel Geld für diese guten Plätze hingelegt hatte, um einfach aufzustehen und sich dem Schauspiel zu verweigern.
Gegenüber vom Wartebereich, in dem Anna und ihre Familie auf den Flieger nach Gran Canaria warteten, blieb ein Mädchen vor dem Schaufenster eines Ladens stehen. Mit ihren kleinen Händen umschloss sie den Stiel eines Flutschfingers, der bereits zu schmelzen begann. Das schien dem Mädchen - das kaum älter zu sein schien als ihr Bruder Alex, der im Herbst eingeschult werden sollte - nicht im Geringsten aufzufallen. Verträumt betrachtete die Kleine den Laden vor ihr. Es handelte sich um einen Buchladen, dessen Eingang von bunten Neonröhren beleuchtet wurde. Als das Mädchen im Innern des Geschäfts verschwand, legte sich das unangenehme Gefühl wieder, das Anna eine Gänsehaut beschert hatte.
Es lag an ihr, sonnenklar, dachte Anna. Sie ist es.
Anna ignorierte die gestresst klingende Stimme ihrer Mutter und folgte dem Mädchen.

Der Laden war überschaubar, aber nicht sonderlich hell beleuchtet. Anna benötigte einen Moment, um sich zu orientieren. In der Mitte des Raumes waren einige drehbare Ständer platziert, die allem Anschein nach den Bestsellern vorbehalten war, erkannte sie doch sofort das Cover des Buches, das sie sich selbst für die Reise aufgehoben hatte. Dahinter befand sich ein Regal, mit einer Vielzahl von Zeitschriften. An der gegenüberliegenden Wand stand die Kasse, an der der Inhaber gerade einem Mann eine Zeitung überreichte.
Keine Spur von dem Mädchen.
Anna ging an den Drehständern vorbei und trat auf die andere Seite des Regals. Dort entdeckte sie das Mädchen, das sich gerade die Zeitschriften für Kinder ansah. Sofort durchströmte Anna wieder dieses Unbehagen.
Die Kleine war so von den Bildern der Heftchen fasziniert, dass sie gar nicht mitbekam, wie das Eis mehr und mehr an ihren Fingern hinabrann. Wäre der Verkäufer nicht gerade mit einem Kunden beschäftigt gewesen, hätte er das Mädchen wahrscheinlich wieder hinausgejagt. Doch so betrachtete sie ungehindert die Zeitschriften, während sie selbst von einer Siebzehnjährigen beobachtet wurde.
Anna fuhr sich instinktiv über die freiliegenden Arme, in der Hoffnung, die zurückkehrende Gänsehaut irgendwie bekämpfen zu können. Unmöglich. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Das Gefühl war so stark ... Sie wollte gerade näher herantreten, als das geschah, was in diesen Momenten immer geschah.
Anna musste hilflos mit ansehen, wie die Konturen des Mädchens zu verschwimmen begannen. Ihre Haut schimmerte und waberte im seichten Licht der Lampen, bis sich schließlich erst ganz feine, dann immer größer werdende Partikel von ihrem Körper lösten. Die blonde, struppige Mähne verschwand im Nebel abertausender Teilchen, die sie in wenigen Augenblicken umgaben. Diese 'Kristalle' stiegen in die Höhe und wurden dann hinfort getragen wie Blüten im Wind, bis nichts mehr von dem Mädchen übrig war.
Anna konnte den Anblick nicht ertragen. Ihr liefen Tränen über die Wangen. Die traurige Gewissheit darüber, dass dieses Mädchen in wenigen Stunden sterben würde, ließ Annas Herz ebenso in tausend kleine Stücke zerspringen wie die Kleine zuvor. Für Anna war sie bereits gestorben.

„Na mein Schatz, wie geht’s dir?“, erkundigte sich ihr Vater.
Anna hatte sich, nachdem sie gemeinsam im Hotel angekommen waren, an den Strand zurückgezogen. Ihre Eltern waren sicher immer noch bestürzt darüber, wie sie ihre Tochter vorgefunden hatten. Ein Nervenzusammenbruch in der Öffentlichkeit. Schon wieder. Ihr Vater wollte den Urlaub direkt abblasen und einen Arzt aufsuchen. Im letzten Moment ließ er sich doch noch umstimmen. Ein Arzt könne da jetzt auch nicht helfen und 'das haben wir doch alles schon durch', waren die Gegenstimmen gewesen, die Anna nur am Rande mitbekam. Ihre Familie hatte recht. In den letzten sechs Monaten war keine Ärztin und keine Therapeutin in der Lage gewesen, die immer häufiger auftretenden Anfälle ihrer Tochter zu erklären. Anna wusste, dass sie das nie könnten, solange sie ihnen nicht alles erzählte, doch das konnte sie bislang nicht. Sie war davon überzeugt, dass ihr ohnehin niemand glauben würde. Die würden sie als 'verrückt' abstempeln und in eine Gummizelle verfrachten. Sie hatte ja selbst Zweifel an ihrem geistigen Zustand.
„Besser, danke“, erwiderte sie und wischte sich mit dem dünnen Ärmel ihres Pullovers eine Träne aus dem Gesicht. Ihr Vater ließ sich neben ihr auf dem Felsvorsprung nieder, auf dem sie nach ihrer Ankunft Zuflucht gesucht hatte. Nach jedem erneuten Vorfall brauchte Anna etwas länger, um damit fertig zu werden. Das 'Ableben' von Kindern setzte ihr besonders zu.
„Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst Schatz, das weißt du“, sagte ihr Vater und legte einen Arm um ihre Schulter. Sie ließ es zu und drückte ihren Kopf an seine Brust. „Deine Mutter und deine Brüder machen sich gerade im Hotelzimmer fertig und gehen dann zum Abendessen. Sie machen ihr Ding, wir machen unseres, nicht wahr?“
Anna zeigte ihm ein müdes Lächeln. Sie liebte ihren Vater dafür, wie er immer versuchte, aus schlechten Situationen immer das Bestmögliche zu machen.
Sie wischte eine weitere Träne ab und fragte kaum hörbar: „Wie geht’s Alex? Hab ich ihn sehr erschreckt?“
„Ach was, der freut sich einfach hier zu sein. Er ist total begeistert vom Strand. Er hat mich schon gefragt, ob wir morgen auf einer dieser Bananen fahren werden. Du kannst ja auch mitmachen, wird bestimmt lustig, meinst du nicht?“
Anna nickte kaum merklich.
Während sie auf das Meer hinausschaute, glaubte sie immer noch, diese schrecklichen Partikel im Wind fliegen zu sehen.
„Ist Mum sauer auf mich?“
„Nein, natürlich nicht. Nur besorgt, mein Schatz. Mach dir nicht so viele Gedanken über all die anderen, ok? Nimm dir einfach die Zeit, die du brauchst. Das Wichtigste ist, dass es dir wieder besser geht, dass du dich wohlfühlst und glücklich bist.“
Anna wusste, dass ihre Eltern befürchteten, sie wäre schwer depressiv, dass ihre Zusammenbrüche eine Folge tiefen Unglücks waren, das sie empfand. Das wusste Anna, weil sie die beiden eines Abends zufällig belauscht hatte. Sie war auf dem Weg zur Toilette gewesen, als sie Gemurmel in der Küche vernommen hatte. Deshalb wusste sie auch, dass sich ihre Eltern gegenseitig vorwarfen, an der ganzen Misere Schuld zu sein. Das war der Moment gewesen, in dem sie am liebsten zwischen beide gesprungen wäre. Doch sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte zu erklären, was sie selbst nicht verstand. Hallo, ihr seid an gar nichts schuld! Es ist nur einfach so, dass ich Menschen sehe, die sich vor mir auflösen wie verdammter Zucker in Wasser! Und wenn sie dann weg sind - für mich zumindest -, lese oder höre ich kurze Zeit später von ihrem Tod in den Nachrichten! Versteht ihr?! Die Menschen verschwinden und sterben! Ich bin wohl so eine Art Frühwarnsystem für Unglück und Zerstörung, kapische?! Ja, genau! Völlig logisch, was?!
Stattdessen blieb Anna stumm.
„Das Meer ist wunderschön, nicht wahr, Paps?“, fragte sie nach einer Weile der Stille. „Von hier oben wirkt alles so friedlich. Glaubst du, dass uns nach dem Tod etwas erwartet? Dass es dort irgendetwas gibt, etwas Schönes?"
"Wenn ich mir das Universum vorstelle, seine unendlichen Weiten ... wenn ich das Wunder des Lebens betrachte und die Zeit, die uns auf dieser Erde geschenkt wurde ... tja, dann kann ich mir gar nicht vorstellen, dass nach unserem Tod ... dass da nichts mehr kommt, verstehst du? Und warum sollte ich dann nicht hoffen - nein, glauben -, dass das, was uns erwartet, etwas Schönes sein wird?", antwortete er.
Der seichte Wind der hereinbrechenden Nacht ließ Anna frösteln. Ihr Vater bemerkte die Gänsehaut an ihren Beinen und drückte seine Tochter fester an sich. Sie lächelte und er gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Du bist ja ganz warm“, sagte er und fuhr seiner Tochter über die Stirn. Ihr ging es tatsächlich nicht wirklich gut, aber das war keine Überraschung, nach dem, was sie am heutigen Tag erlebt hatte. „Es ist schön mit dir hier zu sein, Paps. Tut mir Leid, der ganze Kram.“
„Mach dir keine Sorgen“, erwiderte er. „Wir lieben dich, wir unterstützen dich. Rede, wenn du soweit bist.“
So saßen sie noch einige Zeit am Strand und blickten gemeinsam hinaus auf das Meer.

„Na komm, vielleicht schaffen wir es noch, einen kleinen Happen zu uns zu nehmen, bevor der Laden dicht macht“, ließ ihr Vater irgendwann verlauten und stand langsam auf. „Zeit zu gehen.“
Anna nickte und musste laut lachen, als er vorausging und seine Sandalen mit übertriebenen Gesten abklopfte. Ich habe einen tollen Paps, eine wunderbare Familie. Sie betrachtete noch einmal die untergehende Sonne. Die Strahlen tauchten den Sand um sie herum in ein warmes Orange. In diesem Moment beschloss Anna, ihrer Familie beim morgigen Frühstück alles zu erzählen. Egal wie verrückt es klang, sie sollten sich ihr eigenes Bild machen können. Anna war sich nun irgendwie sicher, dass zumindest ihr Vater ihr glauben und helfen würde. Aber eigentlich war das egal. Wichtig war nur, dass ihre Familie wusste, was mit ihr geschah und was in ihr vorging.
Als sich Anna vom Meer abwendete, war ihr Vater verschwunden. Sie konnte gerade noch die letzten Kristalle erkennen, die wie kleine Blüten vom Wind hinfortgetragen wurden.

 
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Hi @Leonhardt Cohen,
anscheinend meldet sich gerade niemand zu deiner Geschichte, aber vielleicht hilft dir mein Komm weiter :)
Meiner Meinung nach hast du hier eine wirklich gute Idee (kommt mir zwar ein bisschen bekannt vor, aber keine Ahnung, woher), die du aber noch besser ausbauen kannst. Das Thema - als so junges Mädchen den Tod von Menschen voraussehen zu können - schreit geradezu nach einer Explosion von Emotionen bestehend aus Angst, Verwirrung, ich-will-das-nicht, Belastung, Machtlosigkeit, und so weiter und so um Einiges weiter.
Übrigens gehst du gar nicht auf die Tragweite dieser Fähigkeit ein. Irgendwann wird sie auch den Tod ihrer Familienangehörigen sehen ...? Hat sie Freunde? Auch ihr eigenes Verhältnis zum Tod hast du am Strand etwas thematisiert, aber da geht noch was.

„Anna, wo willst du hin?“
„Ich bin gleich zurück, Mum.“
„Wir müssen in zehn Minuten am Check-in sein, vergiss das nicht!“
Den Einstieg finde ich ehrlich gesagt nicht so gelungen. Klar, du willst irgendwie die aktuelle Situation darstellen (die sind am Flughafen, der Flug geht gleich), aber das ist ein bisschen platt. Baue das mehr auf und erkläre es ggf. im Kontext mit der Mädchen-Situation. Vielleicht: Wie gebannt schaue ich dem kleinen Mädchen hinterher, wie es im Buchladen verschwindet. Aus weiter Ferne bemerke ich, wie sich meine eigenen Füße in Bewegung setzten. Die Stimme meiner Mutter. Vergiss den Flieger nicht. Ein dumpfer Ton im Nebel. (Keine Ahnung, so in etwa?)
Ihr Puls beschleunigte sich. Es würde wieder passieren und sie konnte nichts weiter tun als zuzusehen.
Schön :)
Als das Mädchen im Innern des Geschäfts verschwand, legte sich das unangenehme Gefühl wieder, das Anna eine Gänsehaut beschert hatte.
Es lag an ihr, sonnenklar, dachte Anna. Sie ist es.
Anna ignorierte die gestresst klingende Stimme ihrer Mutter und folgte dem Mädchen.
Da fehlen Emotionen. Was geht in Anna vor?
von einer Ssiebzehnjährigen
Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Das Gefühl war so stark ...
Ja, aber wie stark? Welches Gefühl? Nimm mich mit.
Sie wollte gerade näher herantreten, als das geschah, was in diesen Momenten immer geschah.
Anna musste hilflos mit ansehen, wie die Konturen des Mädchens zu verschwimmen begannen. Ihre Haut schimmerte und waberte im seichten Licht der Lampen, bis sich schließlich erst ganz feine, dann immer größer werdende Partikel von ihrem Körper lösten.
Das fand ich spannend. Der Twist kam unerwartet, gut!
Ihre Hilflosigkeit fehlt mir trotzdem.
Ihr Vater ließ sich neben ihr auf dem Felsvorsprung nieder, auf dem sie nach ihrer Ankunft Zuflucht gesucht hatte.
Ich kann mir die Kulisse gar nicht vorstellen. Das wäre aber schön.
Nach jedem erneuten Vorfall brauchte Anna etwas länger, um damit fertig zu werden. Das 'Ableben' von Kindern setzte ihr besonders zu.
Wem setzt das Ableben von Kindern nicht zu? Also da solltest du mE wirklich eine Schippe drauflegen. :)
Er hat mich schon gefragt, ob wir morgen auf einer dieser Bananen fahren werden.
Ach ja, diese Bananen. Hab es noch nie gemacht, aber sieht immer sehr lustig aus :D
Während sie auf das Meer hinausschaute, glaubte sie immer noch, diese schrecklichen Partikel im Wind fliegen zu sehen.
Die Vision verfolgt sie also, das hast du schon mal gut angeritzt, aber gerne noch mehr.
Das Wwichtigste ist
Anna wusste, dass ihre Eltern befürchteten, sie wäre schwer depressiv, dass ihre Zusammenbrüche eine Folge tiefen Unglücks waren, das sie empfand. Das wusste Anna,
Als sich Anna vom Meer abwendete, war ihr Vater verschwunden. Sie konnte gerade noch die letzten Kristalle erkennen, die wie kleine Blüten vom Wind hinfortgetragen wurden.
Ich fände hier eine emotionale Zusammenfassung nicht schlecht. Okay, ich weiß, dass ich gerade sehr auf Emotionen beharre :D Das Thema hat mE aber ein so großes Potential, die Leserschaft mitzureißen. Bisher hat es mich nur ansatzweise berührt - da geht mehr.

Vielleicht hilft es dir ja weiter.
Liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende,
Waldläufer

 
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Hallo @Waldläufer ,

vielen lieben Dank für deine Kritik und dass du die Geschichte gelesen hast (& natürlich die Korrekturen :D ). Toll, dass dir die Idee gefällt; mit Sicherheit wird es etwas Ähnliches bereits in der Manga/Anime-Bubble geben - da kenne ich mich aber leider nicht gut genug aus.
Deine Gedanken und Anmerkungen sind jedenfalls sehr interessant und sollten mir die Möglichkeit geben, die Geschichte noch zu verbessern und abzurunden! Zu einigen deiner Anmerkungen möchte ich dir noch meine Gedanken mitgeben

Das Thema - als so junges Mädchen den Tod von Menschen voraussehen zu können - schreit geradezu nach einer Explosion von Emotionen bestehend aus Angst, Verwirrung, ich-will-das-nicht, Belastung, Machtlosigkeit, und so weiter und so um Einiges weiter.
Seit ich anfing Texte zu schreiben, ist mir ein - wie ich finde - großes Problem mit meinem natürlichen Schreibstil aufgefallen: In meinen ersten Geschichten fokussierte ich mich zu sehr auf Personen, ihre Gedanken und Gefühle. Dabei vernachlässigte ich die Beschreibung der Welten und Umgebungen, in denen meine Protagonisten agierten - wichtige Voraussetzungen, um Leser in die Welt der Geschichte hineinzuziehen. (Dieselbe Schwäche hab ich beim Zeichnen; habe schon immer lieber Figuren als Umgebungen gemalt :huldig: ) Wenn ich mir die Umgebungen der Handlung aber nicht vorstellen kann, verliert mich das Werk. Ich bin also gerade dabei, gegen meinen "inneren Drang" zu rebellieren, aus meiner Komfortzone auszubrechen, und meinen Schreibstil zu erweitern. Offensichtlich ist mir der Spagat noch nicht gelungen, denn beide Themen (Emotionen & Beschreibung von Umgebungen z.B. des "Felsvorsprungs") kritisierst du hier zu recht :lol:.
(Meine andere Geschichte "Blutregen" habe ich aus exakt diesem Grund geschrieben - als Schreibübung, bei der die Aktionen und Umgebungen deutlich im Fokus stehen sollen)
Übrigens gehst du gar nicht auf die Tragweite dieser Fähigkeit ein. Irgendwann wird sie auch den Tod ihrer Familienangehörigen sehen ...? Hat sie Freunde?
Auch hier neige ich grundsätzlich dazu, zu viel verraten und erklären zu wollen. Der Tod ihres Vaters bspw. soll den Leser möglichst unvorbereitet treffen - ich bin mir nicht sicher, ob das Ende funktioniert, wenn Anna im Vorfeld über die Möglichkeit philosophiert, dass ihre Gabe (oder ihr Fluch? :chaosqueen: ) auch bei Familienangehörigen ein Thema werden könnte.
Grundsätzlich stimme ich dir aber zu, da muss ich emotional und beim "Worldbuilding" nochmal 'ne ganze Schippe drauflegen!

Im Endeffekt möchte ich Welten erschaffen, in die man sich gut hineinversetzen kann, aber gleichzeitig das ein oder andere der Fantasie des Lesers überlassen bleibt - das sind Geschichten, die zumindest mich bewegen. Storys, die mir alles bis ins letzte Detail erklären, in denen kein Geheimnis mehr verbleibt - waren noch nie meine Lieblingsgeschichten. Die Gelegenheit über Zusammenhänge nachzudenken, die nur angekratzt oder angedeutet werden, finde ich immer am spannendsten.
Aber ja, soweit meine Wunschvorstellung.
Durch Menschen wie dich kann ich zumindest versuchen, dieser Idee näher zu kommen. Dafür danke ich dir - und allen anderen Wortkriegern - sehr.

Den Einstieg finde ich ehrlich gesagt nicht so gelungen. Klar, du willst irgendwie die aktuelle Situation darstellen (die sind am Flughafen, der Flug geht gleich), aber das ist ein bisschen platt. Baue das mehr auf und erkläre es ggf. im Kontext mit der Mädchen-Situation. Vielleicht: Wie gebannt schaue ich dem kleinen Mädchen hinterher, wie es im Buchladen verschwindet. Aus weiter Ferne bemerke ich, wie sich meine eigenen Füße in Bewegung setzten. Die Stimme meiner Mutter. Vergiss den Flieger nicht. Ein dumpfer Ton im Nebel. (Keine Ahnung, so in etwa?)
Deinen Vorschlag find ich super und werde ich in ähnlicher Form übernehmen :thumbsup:

Ach ja, diese Bananen. Hab es noch nie gemacht, aber sieht immer sehr lustig aus :D
Jaaa, das musst du unbedingt mal machen! Ich kann mich zwar kaum an meinen Ritt erinnern, aber ich weiß, dass es toll war, haha.

Danke für deinen Input und hoffentlich auf bald!

 
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Hi @Leonhardt Cohen,
ich bin sehr begeistert, dass du dich so mit meinem Komm auseinandersetzt und nochmal darauf eingehst. Daher möchte ich noch ganz kurz darauf antworten :)

Offensichtlich ist mir der Spagat noch nicht gelungen
Ohh Mann, ich fühle mit dir. Da habe ich auch noch einige Baustellen offen. Nur geht es bei mir darum, dass ich entweder den LeserInnen zu wenig an die Hand gebe und keiner die Story versteht oder ich zu viel vorkaue und es so rüberkommt, als würde ich den LeserInnen nicht das eigene Denken zutrauen. Meiner Meinung nach extremst schwierig:drool:, aber das sagst du ja selbst hier:
m Endeffekt möchte ich Welten erschaffen, in die man sich gut hineinversetzen kann, aber gleichzeitig das ein oder andere der Fantasie des Lesers überlassen bleibt
Aber ich denke, dass man einfach rumprobieren, mit beiden Extremen spielen sollte und dann irgendwann die persönliche Zauberformel für den Spagat hinbekommt. Das rede ich mir zumindest ein. Freue mich auf weitere Experimente :thumbsup:

Gerne auf bald und LG
Waldläufer

 
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Hallo @Leonhardt Cohen,
mir hat Deine Geschichte sehr gut gefallen - natürlich gibt es das Thema schon, aber das heißt ja nicht, dass man es nicht in einer neuen Form spannend erzählen kann... :) Die Idee mit dem optischen Auflösen finde ich gut erzählt, ich sehe förmlich vor mir, wie sich die Kristalle in einer Spirale in den Himmel drehen und verschwinden. Der Text liest sich flüssig und spannend und nimmt mich mit zu den verschiedenen Orten und dem Innenleben der Hauptfigur.

Ein paar Punkte, die mir aufgefallen sind:

Normalerweise würde Anna ihrer Mutter mit einem Augenrollen zeigen, was sie von ihrer Überfürsorglichkeit und der offensichtlichen Tatsache, dass ihr Flieger alsbald abheben würde, hielt - aber nicht in diesem Moment.
Anna würde vermutlich auch sonst nicht mit den Augen rollen, weil der Flieger bald abhebt - eher, weil sie es natürlich selbst weiß, oder weil es ihr egal ist.
Anna fühlte sich wie die Besucherin eines Theaterstücks, die genug von dem hatte, was ihr da vorn auf der Bühne dargeboten wurde, die aber zu viel Geld für diese guten Plätze hingelegt hatte, um einfach aufzustehen und sich dem Schauspiel zu verweigern.
Den ersten Teil kann ich einordnen, den zweiten nicht - nach meiner Wahrnehmung will Anna ihre furchtbar belastenden Visionen einfach nur stoppen. Dass sie dem Mädchen nachgeht, erscheint mir wie ein innerer Zwang, nicht aber eine freie Entscheidung, "weil sie zu viel bezahlt hat, um es sein zu lassen".

Die Beschreibung des Buchladens ist mir etwas zu detailliert und schwierig zu fassen. Bunte Neonröhren und Bücher bekomme ich irgendwie nicht übereinander! :D Die Drehständer mit den Bestsellern oder die genaue Position der Kasse sind für die Geschichte nicht so wichtig und lenken mich ab - vielleicht eher noch mal etwas zur Atmospähre, dem Licht, Übersichtlichkeit - vielleicht verengt sich in Annas Wahrnehmung der Raum auf die kleine Lücke zwischen den Regalen, in der das Mädchen steht, o.ä. Bei dem Mädchen geht es mir ähnlich - das schmelzende Eis nimmt mir zuviel Raum, die "struppige Mähne" passt nicht so zu dem verträumten Wesen aus dem Satz vorher...

Die letzte Szene ist stark - da hatte ich selbst eine Gänsehaut. Ich glaube, Du könntest sie noch packender machen, wenn Du sie stärker fokussierst. Zum Beispiel, warum geht Annas Vater nach einem solchen Gespräch los und lässt Anna auf dem Felsen sitzen? Glaubhafter wäre es für mich, wenn er sie hochzieht und sie gemeinsam losgehen, sie sich noch einmal zurückwendet und aufs Meer schaut, und dann beim Umdrehen diese letzten Kristalle sieht. Genauso fände ich es nach ihren ganzen Zweifeln schlüssiger, wenn sie in dieser vertrauten Situation erst einmal ihrem Vater diese unglaubliche Geschichte erzählt und nicht lediglich die Entscheidung trifft, sich die ganze Familie auf einmal vorzunehmen. Vielleicht gehen sie ja gemeinsam los, Anna zögert und schaut zurück, entscheidet sich, ihrem Vater alles zu erzählen, und dreht sich dann wieder zu ihm um und sieht, dass er sich aufgelöst hat?

Ein kleines statistisches Thema am Rande - wenn ich die Sterbefälle pro Woche auf die Bevölkerung hochrechne, ist es selbst für einen Partymenschen mit vielen Kontakten (naja, dieser Tage vielleicht nicht... :() extrem unwahrscheinlich, in einem halben Jahr "immer häufiger" Menschen zu begegnen, die in den nächsten Tagen sterben werden; die Wahrscheinlichkeit wird noch mal drastisch reduziert, weil man ja nur selten genau zuordnen kann, dass einem der Verkehrstote heute auf der A8 gestern in der Fußgängerzone über den Weg gelaufen ist. Kann man unter künstlerischer Freiheit verbuchen (ist ja Kunst, keine Wissenschaft!); oder Du reduzierst die Anzahl der Fälle und gibst ihnen ebenfalls ein Gesicht.

Ich hoffe, das ist ist hilfreich. Freue mich auf weitere Geschichten von Dir!

Liebe Grüße,
Katrina

 
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22.04.2018
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Hi @Katrina ,

wie schön, dass dir die kleine Geschichte gefallen hat :)!

Anna würde vermutlich auch sonst nicht mit den Augen rollen, weil der Flieger bald abhebt - eher, weil sie es natürlich selbst weiß, oder weil es ihr egal ist.
Durch deinen Hinweis ist mir jetzt erst aufgefallen, wie unnötig kompliziert der Satz ist, danke dir!
Dass sie dem Mädchen nachgeht, erscheint mir wie ein innerer Zwang, nicht aber eine freie Entscheidung, "weil sie zu viel bezahlt hat, um es sein zu lassen".
Der Vergleich mit dem Theaterbesucher gefällt mir selbst auch immer weniger. Ich wollte damit irgendwie den inneren Zwang Annas deutlicher machen, zeigen, warum sie trotz ihrer dunklen Vorahnung nicht davon ablassen kann, dem Mädchen nachzugehen. Kommt weg!
Die Beschreibung des Buchladens ist mir etwas zu detailliert und schwierig zu fassen
Verdammt und ich dachte, diesmal hätte ich es getroffen :D
Die letzte Szene ist stark - da hatte ich selbst eine Gänsehaut.
Jaiii, das freut mich zu hören!
Du könntest sie noch packender machen, wenn Du sie stärker fokussierst.
Deine Ideen rund um die letzten Szenen finde ich richtig toll (gemeinsames Aufstehen; Anna möchte es zunächst nur ihrem Vater sagen) - Das werde ich mir definitiv nochmal überlegen.

Genauso interessant finde ich deinen Punkt mit den Sterbefällen & Statistiken. Die Verringerung der Fälle, die Anna erlebt, könnte wirklich zur Intensivierung der gesamten Geschichte beitragen!

Vielen lieben Dank für deine Eindrücke und hoffentlich auf bald :)

 

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