- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 3
Zuletzt bearbeitet:
- Anmerkungen zum Text
Hi,
ich bin neu hier, und ich freue mich auf den literarischen Austausch. Zu meiner hochgeladenen Geschichte „zersplitterte Haut“ habe ich bereits einiges an wertvollem Feedback bekommen, wodurch mein Text mittlerweile besser als mein Erstentwurf ist. Dennoch habe ich das Gefühl, dass noch irgendetwas an meiner Geschichte fehlt – ich kann das Gefühl jedoch nicht ganz benennen; nicht mal, ob es sprachlich oder inhaltlich ist.
Aber vielleicht könnt ihr mir ja weiterhelfen. Würde mich sehr über die ein oder andere Rückmeldung freuen.
Liebe Grüße
Marielle
Zersplitterte Haut
Blut auf der Wange.
Rote Tropfen blitzten in ihren Augenwinkeln und verklebten ihre Wimpern. Sie blinzelte. Ihre Finger tasteten nach der Wunde, doch sie wirkten wie erstarrt. Träge wanderten ihre Augen zu ihrer Hand. Sie blinzelte erneut – ihre Hand sah so anders aus. Vergraben unter Staub und Dreck, durchstochen von Splittern und Scherben. Kleine Rinnsale aus Blut zogen Muster über die aufgerissene Haut, während sich das Licht der Sonne in einer großen Scherbe brach.
Schön; es sah schön aus.
Ihre Finger wollten zu der glänzenden Scherbe, doch sie war zu erschöpft, um sich zu bewegen. Die Sonne blendete sie. Sie blinzelte. Ihre Wahrnehmung zuckte. Langsam wanderte ihr Blick weiter, folgte den blutigen Spuren ihres Körpers. Ein Fahrrad lag auf ihr, seltsam verdreht; genauso wie ihr linkes Bein und ihr linker Ellenbogen. Etwas entfernt lag ein deformiertes Auto.
Alles lag herum und alles war kaputt.
Ein gluckendes Kichern verließ ihre Lippen. Versonnen betrachtete sie die Schönheit ihrer zersplitterten Haut und der zerfetzten Scherben.
Zersplitterte Haut – zerfetzte Scherben.
Ein weiteres Glucksen verließ ihre Lippen. Sie fragte sich, warum sie kaum Schmerzen spürte; gleichzeitig war es ihr egal. Ferne Stimmen unterbrachen ihr zittriges Kichern. Ein junger Mann und eine junge Frau zwängten sich aus den Überresten des Autos; wild gestikulierend. Vollkommen blind für sie und das Wirrwarr aus menschlichen Gliedern und Fahrradteilen. Die Wörter der beiden gingen im Wind und im Rauschen ihrer Ohren verloren, doch Zorn verzerrte die Gesichter; ein Stummfilm, den sie ungestört beobachtete.
Zorn. Ja, es war der Zorn, der die Mimik der Menschen verzerrte und den Körper kontrollierte. Ihre Sinne drehten sich. Der manche Tage in Stille tränkte. Ihre Sicht verschwamm. Der ihrem Vater Stärke verlieh – und ihre Mutter; brach.
Mein T-Shirt ist nass. Weinend klammert sich Mama an mich; und ich warte still, bis ihre Tränen wieder weg sind.
Die Stärke ihres Vaters und die Schwäche ihrer Mutter. Zuhause war er stürmisch und laut. Sie war ruhig. Immer ruhig; Splitter – sie liebten sich zutiefst. Sie erinnerte sich an die heimlichen Küsse ihrer Eltern, an das gemeinsame Lachen und an das Strahlen ihrer Mutter, als er ihr zwei Kugeln Eis gekauft hatte.
Erdbeere und Vanille.
Ein süßer Geruch – viel freundlicher als das Schmoren der qualmenden Autoteile; passend zu den grotesken Grimassen aus Wut. Sie fragte sich, wer von dem Paar wohl schwach und wer stark war. Welches Muster sie hatten und wer am Ende des Tages zerbrach. Denn am Ende zerbrach immer irgendetwas.
Papas Hand zuckt – das Glas zerbricht an Mamas Schulter. Orangensaft spritzt in mein Gesicht und Scherben landen auf dem Boden. Ich hole den Besen.
Bei ihrem Vater zuckte immer zuerst das rechte Auge; dann die Hand. Ein Zucken; ein Schlag. Ein Zucken; ein Tritt. Ein Zucken; ein Stoß. Ein Zucken; Blut.
Sie war die Tochter, die danach aufräumte; die stille Beobachterin. Die einzige Zeugin. Es war, als würde sie einen Film ansehen, der nur für sie gedreht wurde. Mit festgelegtem Skript. Am Ende jeder Szene sagte ihre Mutter, dass ihr Vater nur unter Stress stand, dass er es nicht so meinte – er hätte es schwer im Leben gehabt, er bräuchte nur Liebe und Verständnis. Als Familie hielte man doch zusammen und sie könne ihrem Kind nicht den Vater wegnehmen. Ihre Mutter sagte diesen Text, murmelte ihn oder schluchzte; je nach Tagesform. Später nahm ihr Vater sie in den Arm, streichelte über ihr Haar. Er entschuldigte sich, wieder und wieder, und schwor, dass er sie liebte. Zutiefst. Manchmal küsste er ihre Tränen weg. In besonderen Momenten wehrte sich ihre Mutter, versuchte zu fliehen. Doch letztlich drehte sich der Schlüssel wieder leise im Schloss; und sie kam zurück.
Das ewige Stück ihrer Eltern, das endete, bis es erneut begann – ein stetiger Kreislauf aus Zorn, Tränen und Liebe. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt geweint oder gar ihr eigenes Herz gespürt hatte. Die Sonne ließ die Scherbe in ihrer zersplitterten Haut aufblitzen; fasziniert zuckten ihre Augen zu dem Lichtspiel aus Blut und Glas.
Mit der Pinzette ziehe ich glitzernde Scherben aus Mamas Haut. Dabei erzähle ich ihr vom geplanten Schulausflug. Wir gehen in einen Freizeitpark.
Sie sah die Gleichgültigkeit, spürte die Abgestumpftheit, umwirbelt von glitzernden Scherben. Verlor sich in der Isolation; nie hatten sie Besuch – keine Freunde, keine Verwandten. Nur kaputtes Glas.
Ein einsamer Tropfen floss am Rand einer kleinen Scherbe entlang.
Manche Menschen ekelten sich vor dem Tropfen; für sie war er rot – einfach nur rot. So wie die Muster auf dem Asphalt, die sich mit dem Dreck der Straße vermischten und ihre Kleider tränkten. Noch immer ungestört, unbemerkt, auf der Bühne für den wütenden Stummfilm des Pärchens. Ihre verworrenen Gedanken wanderten zu ihrem letzten Streit. Vorhin mit ihrem Mann. Ein Streit auf einer Bühne aus Parkett, fernab von Zuschauern – er wollte nicht, dass sie bekifft Fahrrad fährt; auch nicht kurz zum Supermarkt. Es sei verboten und viel zu gefährlich, besonders ohne Helm. Sie wollte, dass er still ist.
Rot.
Sie blinzelte. Ihre Ohren klingelten. Die Muster um ihren Körper breiteten sich aus – ein Mandala aus zerrupften Fahrradteilen und Sonnenlicht. Alles drehte sich. Ihr Mann nannte sie zu sturköpfig. Zu risikofreudig. Zu stürmisch – und bat sie, zu bleiben. Sie wollte, dass er still ist.
Rot.
So viel Rot auf dem Asphalt konnte nicht gut sein. Ein Krächzen verließ ihre Kehle; sie hatten keine Lust zu sterben. Träge wollte sie sich bewegen, das Fahrrad von sich schieben, aufstehen – doch jäher Schmerz durchzuckte sie. Flutete verspätet ihren Körper. Das Krächzen wurde zu einem durchdringenden Schrei.
Die Köpfe des Paars ruckten zu ihr. Zorn wich Schock. Entsetzt blickte das Paar sich an, schien sich stumm zu verständigen. Die Frau griff hektisch zum Handy; der Mann eilte zu ihr, hob das Fahrrad von ihrem deformierten Körper, entschuldigte sich. Die beiden hätten sie nicht gesehen. Verfluchte ihren sinnfreien, unnötigen Streit.
Sinnfrei.
Die Frau fiel vor ihr auf die Knie, öffnete bebend einen Verbandskasten; entschuldigte sich unter Tränen. Fahrig nahm sie Verbände in die Hand, legte sie unbenutzt wieder zurück. Es sei ein dummer, lächerlicher Streit gewesen.
Lächerlich.
Der Mann schnappte sich den Verbandskasten, kippte ihn aus. Starrte auf den Haufen aus Pflaster und Binden – starrte auf ihre Pfütze aus Licht und Blut, schreckte zurück. Haspelte. Stammelte. Erzählte: Sie waren so wütend aufeinander gewesen, hatten die Kurve und die Leitplanke erst zu spät bemerkt. Ihr Fahrrad hatten sie ganz übersehen, dachten der Knall käme nur von der Leitplanke; alles ginge so schnell. Doch der Krankenwagen sei unterwegs.
Vier Hände tanzten überfordert und nutzlos durch die Luft, begleitet von Lärm und Wind, bis der Tanz wieder zerbrach – die Luft füllte sich mit beruhigenden Worten. Alles würde gut werden, ganz sicher. Die Stimmen versprachen, sich nie wieder so stark zu streiten, erst recht nicht beim Autofahren. Gleich würden ihre Schmerzen enden; die Frau lächelte sie zittrig und unter Tränen an – dieses leise Zittern am Rand der Wahrnehmung, bevor etwas brach.
Mama und Papa lächeln, als ich mich in meinem Abschlussballkleid im Kreis drehe. Danach helfe ich Mama die blauen Muster an ihrem Hals zu überschminken.
Schmerz versengte ihre Adern, ihr Bewusstsein begann zu zittern. Blut tropfte über ihr Auge, erschuf einen Schleier – sie blinzelte; sah verschwommen das sich nicht mehr streitende Paar. Sie erkannte Sorge und Entsetzen in ihren Blicken, aber die Wut war fort. Kein Zorn, der hinter den Augen lauerte, um sich später zu entladen. Sie sah, wie die beiden sich aneinanderklammerten, sich gegenseitig Halt gaben. Sich bedingungslos liebten.
Seltsam.
Der Schleier kroch und waberte.
Es sah seltsam aus.
Waberte in sie hinein, wollte eins mit ihr werden. Alles wurde rot, wobei wundersame Muster aus Kummer und Sonnenlicht vor ihren Pupillen tanzten. Ihre Gedanken flossen zu ihm; zu all seinen Wunden und blauen Flecken, die sie bereits wieder vergessen hatte. Niemand hatte je wirklich Fragen gestellt, trotz all der Farben auf seiner Haut. Die Menschen dachten stets, er mache Kampfsport; sie dachten, dass er besonders hart sei, wobei er in Wahrheit doch so schwach war.
Glück. Ja, es war ihr aller Glück, dass Menschen nur sahen, was sie sehen wollten.
Langsam schnürte der Schleier ihr die Luft ab; sie bekam Probleme zu atmen. Sie hustete. Blinzelte. Doch ihrer Finger wollten noch die sonnengetränkte Scherbe in ihrer Hand berühren; endlich berühren! Der Schmerz lachte und riss an ihren Gliedern, als ihre Finger schließlich, endlich, über das spitze Glas der Sonnenscherbe strichen. Die zersplitterte Haut öffnete sich, befreite den roten Tropfen, und plötzlich spürte sie das zarte Echo ihres eigenen Herzschlags – und erstmals kam ihr der Gedanke in den Sinn, ob sie nicht Mitleid für ihn empfinden sollte.
Für den Mann, den sie zutiefst liebte.
Rote Tropfen blitzten in ihren Augenwinkeln und verklebten ihre Wimpern. Sie blinzelte. Ihre Finger tasteten nach der Wunde, doch sie wirkten wie erstarrt. Träge wanderten ihre Augen zu ihrer Hand. Sie blinzelte erneut – ihre Hand sah so anders aus. Vergraben unter Staub und Dreck, durchstochen von Splittern und Scherben. Kleine Rinnsale aus Blut zogen Muster über die aufgerissene Haut, während sich das Licht der Sonne in einer großen Scherbe brach.
Schön; es sah schön aus.
Ihre Finger wollten zu der glänzenden Scherbe, doch sie war zu erschöpft, um sich zu bewegen. Die Sonne blendete sie. Sie blinzelte. Ihre Wahrnehmung zuckte. Langsam wanderte ihr Blick weiter, folgte den blutigen Spuren ihres Körpers. Ein Fahrrad lag auf ihr, seltsam verdreht; genauso wie ihr linkes Bein und ihr linker Ellenbogen. Etwas entfernt lag ein deformiertes Auto.
Alles lag herum und alles war kaputt.
Ein gluckendes Kichern verließ ihre Lippen. Versonnen betrachtete sie die Schönheit ihrer zersplitterten Haut und der zerfetzten Scherben.
Zersplitterte Haut – zerfetzte Scherben.
Ein weiteres Glucksen verließ ihre Lippen. Sie fragte sich, warum sie kaum Schmerzen spürte; gleichzeitig war es ihr egal. Ferne Stimmen unterbrachen ihr zittriges Kichern. Ein junger Mann und eine junge Frau zwängten sich aus den Überresten des Autos; wild gestikulierend. Vollkommen blind für sie und das Wirrwarr aus menschlichen Gliedern und Fahrradteilen. Die Wörter der beiden gingen im Wind und im Rauschen ihrer Ohren verloren, doch Zorn verzerrte die Gesichter; ein Stummfilm, den sie ungestört beobachtete.
Zorn. Ja, es war der Zorn, der die Mimik der Menschen verzerrte und den Körper kontrollierte. Ihre Sinne drehten sich. Der manche Tage in Stille tränkte. Ihre Sicht verschwamm. Der ihrem Vater Stärke verlieh – und ihre Mutter; brach.
Mein T-Shirt ist nass. Weinend klammert sich Mama an mich; und ich warte still, bis ihre Tränen wieder weg sind.
Die Stärke ihres Vaters und die Schwäche ihrer Mutter. Zuhause war er stürmisch und laut. Sie war ruhig. Immer ruhig; Splitter – sie liebten sich zutiefst. Sie erinnerte sich an die heimlichen Küsse ihrer Eltern, an das gemeinsame Lachen und an das Strahlen ihrer Mutter, als er ihr zwei Kugeln Eis gekauft hatte.
Erdbeere und Vanille.
Ein süßer Geruch – viel freundlicher als das Schmoren der qualmenden Autoteile; passend zu den grotesken Grimassen aus Wut. Sie fragte sich, wer von dem Paar wohl schwach und wer stark war. Welches Muster sie hatten und wer am Ende des Tages zerbrach. Denn am Ende zerbrach immer irgendetwas.
Papas Hand zuckt – das Glas zerbricht an Mamas Schulter. Orangensaft spritzt in mein Gesicht und Scherben landen auf dem Boden. Ich hole den Besen.
Bei ihrem Vater zuckte immer zuerst das rechte Auge; dann die Hand. Ein Zucken; ein Schlag. Ein Zucken; ein Tritt. Ein Zucken; ein Stoß. Ein Zucken; Blut.
Sie war die Tochter, die danach aufräumte; die stille Beobachterin. Die einzige Zeugin. Es war, als würde sie einen Film ansehen, der nur für sie gedreht wurde. Mit festgelegtem Skript. Am Ende jeder Szene sagte ihre Mutter, dass ihr Vater nur unter Stress stand, dass er es nicht so meinte – er hätte es schwer im Leben gehabt, er bräuchte nur Liebe und Verständnis. Als Familie hielte man doch zusammen und sie könne ihrem Kind nicht den Vater wegnehmen. Ihre Mutter sagte diesen Text, murmelte ihn oder schluchzte; je nach Tagesform. Später nahm ihr Vater sie in den Arm, streichelte über ihr Haar. Er entschuldigte sich, wieder und wieder, und schwor, dass er sie liebte. Zutiefst. Manchmal küsste er ihre Tränen weg. In besonderen Momenten wehrte sich ihre Mutter, versuchte zu fliehen. Doch letztlich drehte sich der Schlüssel wieder leise im Schloss; und sie kam zurück.
Das ewige Stück ihrer Eltern, das endete, bis es erneut begann – ein stetiger Kreislauf aus Zorn, Tränen und Liebe. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt geweint oder gar ihr eigenes Herz gespürt hatte. Die Sonne ließ die Scherbe in ihrer zersplitterten Haut aufblitzen; fasziniert zuckten ihre Augen zu dem Lichtspiel aus Blut und Glas.
Mit der Pinzette ziehe ich glitzernde Scherben aus Mamas Haut. Dabei erzähle ich ihr vom geplanten Schulausflug. Wir gehen in einen Freizeitpark.
Sie sah die Gleichgültigkeit, spürte die Abgestumpftheit, umwirbelt von glitzernden Scherben. Verlor sich in der Isolation; nie hatten sie Besuch – keine Freunde, keine Verwandten. Nur kaputtes Glas.
Ein einsamer Tropfen floss am Rand einer kleinen Scherbe entlang.
Manche Menschen ekelten sich vor dem Tropfen; für sie war er rot – einfach nur rot. So wie die Muster auf dem Asphalt, die sich mit dem Dreck der Straße vermischten und ihre Kleider tränkten. Noch immer ungestört, unbemerkt, auf der Bühne für den wütenden Stummfilm des Pärchens. Ihre verworrenen Gedanken wanderten zu ihrem letzten Streit. Vorhin mit ihrem Mann. Ein Streit auf einer Bühne aus Parkett, fernab von Zuschauern – er wollte nicht, dass sie bekifft Fahrrad fährt; auch nicht kurz zum Supermarkt. Es sei verboten und viel zu gefährlich, besonders ohne Helm. Sie wollte, dass er still ist.
Rot.
Sie blinzelte. Ihre Ohren klingelten. Die Muster um ihren Körper breiteten sich aus – ein Mandala aus zerrupften Fahrradteilen und Sonnenlicht. Alles drehte sich. Ihr Mann nannte sie zu sturköpfig. Zu risikofreudig. Zu stürmisch – und bat sie, zu bleiben. Sie wollte, dass er still ist.
Rot.
So viel Rot auf dem Asphalt konnte nicht gut sein. Ein Krächzen verließ ihre Kehle; sie hatten keine Lust zu sterben. Träge wollte sie sich bewegen, das Fahrrad von sich schieben, aufstehen – doch jäher Schmerz durchzuckte sie. Flutete verspätet ihren Körper. Das Krächzen wurde zu einem durchdringenden Schrei.
Die Köpfe des Paars ruckten zu ihr. Zorn wich Schock. Entsetzt blickte das Paar sich an, schien sich stumm zu verständigen. Die Frau griff hektisch zum Handy; der Mann eilte zu ihr, hob das Fahrrad von ihrem deformierten Körper, entschuldigte sich. Die beiden hätten sie nicht gesehen. Verfluchte ihren sinnfreien, unnötigen Streit.
Sinnfrei.
Die Frau fiel vor ihr auf die Knie, öffnete bebend einen Verbandskasten; entschuldigte sich unter Tränen. Fahrig nahm sie Verbände in die Hand, legte sie unbenutzt wieder zurück. Es sei ein dummer, lächerlicher Streit gewesen.
Lächerlich.
Der Mann schnappte sich den Verbandskasten, kippte ihn aus. Starrte auf den Haufen aus Pflaster und Binden – starrte auf ihre Pfütze aus Licht und Blut, schreckte zurück. Haspelte. Stammelte. Erzählte: Sie waren so wütend aufeinander gewesen, hatten die Kurve und die Leitplanke erst zu spät bemerkt. Ihr Fahrrad hatten sie ganz übersehen, dachten der Knall käme nur von der Leitplanke; alles ginge so schnell. Doch der Krankenwagen sei unterwegs.
Vier Hände tanzten überfordert und nutzlos durch die Luft, begleitet von Lärm und Wind, bis der Tanz wieder zerbrach – die Luft füllte sich mit beruhigenden Worten. Alles würde gut werden, ganz sicher. Die Stimmen versprachen, sich nie wieder so stark zu streiten, erst recht nicht beim Autofahren. Gleich würden ihre Schmerzen enden; die Frau lächelte sie zittrig und unter Tränen an – dieses leise Zittern am Rand der Wahrnehmung, bevor etwas brach.
Mama und Papa lächeln, als ich mich in meinem Abschlussballkleid im Kreis drehe. Danach helfe ich Mama die blauen Muster an ihrem Hals zu überschminken.
Schmerz versengte ihre Adern, ihr Bewusstsein begann zu zittern. Blut tropfte über ihr Auge, erschuf einen Schleier – sie blinzelte; sah verschwommen das sich nicht mehr streitende Paar. Sie erkannte Sorge und Entsetzen in ihren Blicken, aber die Wut war fort. Kein Zorn, der hinter den Augen lauerte, um sich später zu entladen. Sie sah, wie die beiden sich aneinanderklammerten, sich gegenseitig Halt gaben. Sich bedingungslos liebten.
Seltsam.
Der Schleier kroch und waberte.
Es sah seltsam aus.
Waberte in sie hinein, wollte eins mit ihr werden. Alles wurde rot, wobei wundersame Muster aus Kummer und Sonnenlicht vor ihren Pupillen tanzten. Ihre Gedanken flossen zu ihm; zu all seinen Wunden und blauen Flecken, die sie bereits wieder vergessen hatte. Niemand hatte je wirklich Fragen gestellt, trotz all der Farben auf seiner Haut. Die Menschen dachten stets, er mache Kampfsport; sie dachten, dass er besonders hart sei, wobei er in Wahrheit doch so schwach war.
Glück. Ja, es war ihr aller Glück, dass Menschen nur sahen, was sie sehen wollten.
Langsam schnürte der Schleier ihr die Luft ab; sie bekam Probleme zu atmen. Sie hustete. Blinzelte. Doch ihrer Finger wollten noch die sonnengetränkte Scherbe in ihrer Hand berühren; endlich berühren! Der Schmerz lachte und riss an ihren Gliedern, als ihre Finger schließlich, endlich, über das spitze Glas der Sonnenscherbe strichen. Die zersplitterte Haut öffnete sich, befreite den roten Tropfen, und plötzlich spürte sie das zarte Echo ihres eigenen Herzschlags – und erstmals kam ihr der Gedanke in den Sinn, ob sie nicht Mitleid für ihn empfinden sollte.
Für den Mann, den sie zutiefst liebte.