Was ist neu

alltag

  1. Spätes da capo

    Das Café Vivaldi hatte die besten Jahre hinter sich. Es lag in Gehweite des Alten Konzerthauses und war fast dreißig Jahre ein beliebter Treffpunkt nach den Abendvorstellungen gewesen. Als jedoch die Stammgäste immer älter wurden und ihre Namen schließlich fast im Monatsrhythmus in den...
  2. Drei Häschen

    Als Simon die Treppe hinunterging, hörte er Mama in der Stube telefonieren und blieb stehen. Er legte die rechte Hand auf die Brust und setzte sich auf eine Stufe, hielt die Luft an und beobachtete, wie die Balken an der Decke zu verschwimmen begannen. Dann schürzte er die Oberlippe, bis sie die...
  3. Serie Heinrich (5): Pfirsiche und Toreros

    Der Pfirsichbaum war groß, die Früchte wie unförmige Bälle über mir. Zwischen den Blättern Ameisenkolonnen, summende Käfer und suchende Fliegen. In meiner Hand hielt ich einen der Pfirsiche, betrachtete ihn eingehend. Am rauen Stiel noch ein Blättchen. Dann biss ich hinein. Fest und saftig, sein...
  4. Der letzte Drink

    Mit einem schnellen Gang trat ich an die Bar und setzte mich auf den Barhocker in der Ecke am Fenster. Wahrscheinlich wusste ich so, dass ich dort in Ruhe gelassen wurde. Heute war die Bar voll mit Kundschaft und meine Aufmerksamkeit erhielt nun die versiffte Ablage der Theke. Abdrücke von...
  5. Das, was bleibt

    Martha Meine blickte von ihrem Lieblingsfenster hinaus auf die ruhige und noch stille, vom Berufsverkehr verschonte Dorfstraße, auf das große weite Feld was sich vor den einzelnen Häuserreihen erstreckte. Die Sonne überquerte gerade erst den Horizont und ihre roten glühenden Strahlen strichen...
  6. Harmonielehre

    E Das crescendoartige Wortgefecht musste in einem Höhepunkt gipfeln. Doch Thomas konnte nicht ahnen, dass dieser darin besteht, den Korpus seiner Gibson-Gitarre in bester Joe DiMaggio-Manier von Margit ins Gesicht gedroschen zu bekommen. Wumm! Die e-Saite schnellt aus dem Steg und verursacht...
  7. Nur ein Augenblick

    Mein Kopf dröhnte. Ich kniff die Augen schmerzhaft zusammen und rieb mir über die Stirn. Ein schmieriger Film legte sich auf meine Finger und als ich sie ansah, war da überall Blut. Was war passiert? Ich setzte mich auf und drehte mich um. Ein paar Meter entfernt von mir stand der Bus und davor...
  8. Kinderseelen

    "Nun beginnt der Ernst des Lebens" und "Das Spielen ist jetzt vorbei." - hat man mir gesagt, mit sieben Jahren. Viele meiner Freunde sind mir, als sie sechs waren oder wurden, bereits vorausgegangen. Für sie begann der Ernst früher als für mich und ich habe sie darum nicht beneidet. Ich war...
  9. Ein Stück vom Himmel

    Es war an einem Samstagabend während meines Kurzurlaubes in Krakau, als mir etwas wirklich Seltsames passierte. Ich lief in Richtung Schloss und suchte ein Lokal zum Abendessen. Dominik hatte mir in der Gegend hier eins empfohlen, bevor ich allein zu meiner Kinder-Auszeit aufgebrochen war. Es...
  10. Serie Heinrich (3): Wir werden Glück haben

    »Rudolf, können wir nicht nach Hause gehen?« Mama zog mich auf die Seite. Eine Frau mit ganz dickem Bauch und Kinderwagen drückte sich an uns vorbei. Papa blieb einfach stehen. Seinen Eimer in der rechten Hand, mit dem Leder und den zwei Fensterwischern darin. Eine Zigarette im Mund. Peter...
  11. Begegnung der dritten Art

    Begegnung der dritten Art Frank Hohmann warf einen Blick auf sein Handy. Er hatte nach einigen der Corona-Patienten zu sehen, auch gab es einen Neuzugang in 307, der Lutz Kobel hieß. Hohmann beschloss, ihn zuerst zu besuchen. Die Leute hatten verständlicherweise Angst, wenn sie kamen. Noch...
  12. P

    Vor siebenhundertdreizehn Tagen wurde P von einem Regenwurm gefressen. Nicht, dass diese Zeitspanne für ein Phosphoratom relevant ist, es ist immerhin schon seit viereinhalb Milliarden Jahren unterwegs. Es war ihm gleich, samt dem Überbleibsel eines Eschenblattes in den Schlund des Wurms gesogen...
  13. Serie Heinrich (4): Die Augen aller anderen

    »Da ist noch ein Platz frei. Bitte setz dich hin«, forderte mich der alte Herr auf. Ich nickte. Es war fast still in der Klasse. Der Reißverschluss eines Mäppchens. Papierrascheln. Leises Flüstern. Ich suchte diesen freien Platz und folgte den Macken und Löchern im Boden bis zum Tisch. »Das ist...
  14. Helden

    Helden Das Klingeln des Weckers durchfuhr den noch frühen Morgen, da schlug Ernst mit gewohnter Präzision auf dessen Snooze-Knopf - Vier Uhr morgens. Er wollte nicht unbedingt nur schlafen, auch wenn er es ohne Probleme sofort versucht hätte - so wirklich schläft ja niemand nach dem ersten...
  15. Die neue Solidarität

    Ich küsse ihn auf die Wangen und trete in den Hausflur. Das Adrenalin steigt. Im Treppenaufgang fühlt sich heute jede Stufe hart an. Das Hinuntersteigen fällt mir schwer. Ich zögere, denn die Ausgangssperre hat schon eingesetzt. Soll ich es wirklich wagen? Kann ich es machen? Ich ziehe die Tür...
  16. Im Februar des Buchsbaumjahres

    Mein Therapeut sagt, Schreiben hilft. Glauben Sie, dass Schreiben hilft? Worte machen Dinge nicht ungeschehen, wie sollte Schreiben helfen? Aber ich will ein guter Patient sein, einer, der seinen Therapeuten nicht enttäuscht. Das ist meine Schwäche, also schreibe ich. „Schreiben Sie auf, was...
  17. Aller Anfang ist schwer

    Ich bin ein Nachtmensch. Das ist in meiner Lebensrealität eine schwere Bürde. Diese Veranlagung passt so gar nicht in unsere durchgetaktete, verplante und koordinierte Welt. So kommt es, dass ich ein Doppelleben führe. Am Tag der Berater, der Trainer, der Coach, in der Nacht der Kreative, der...
  18. Hitze im August

    Es ist fast zwanzig Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut an den Mann, mit dem ich einen Nachmittag in der glühenden Hitze des Dachbodens des Lederwaren-Geschäftes meines Vaters stand, alte Holz-Schränke einriss und angerostete Metall-Regale, die mein Vater von einer der umliegenden...
  19. Meine Mutter - Eine Beerdigung

    Der schwarze Anzug meines Vaters hat nicht mehr gepasst. Vor über dreißig Jahren gekauft, und oh Wunder, er passt nicht mehr. Er sei zu dick geworden, sagt mein Vater. Aber egal, es ist Corona, und Beerdigungen finden nur im engsten Familienkreis statt, da ist es egal, ob wir schwarz tragen...
  20. Haariger Wahn

    Ein Blick in den Spiegel. Ein Blick ins Leere. Die Frau ist dieselbe, und doch erkennt sie sich nicht. Liegt es an der Frisur, die längst keine mehr ist? Ein Frisörtermin ist fällig. Gedankenversunken greift sie zur Schere. Sie würde morgen anrufen und sich einen Termin geben lassen. Und wie...
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