Was ist neu

seltsam

Genre: seltsam

  1. Jagdhaus

    Mit kalten, aber feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Draußen herrschte Nacht, die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr...
  2. Das Glas der schwarzen Sonne

    Aus den Annalen des Archivars (Anno 1887) Betreff: Die Schilderung des flachen Abgrunds Ich befragte den Fremdling nach den Wundern seiner Ära, und er sprach von einer Tafel, dünner als das Deckblatt einer Prachtbibel, gefertigt aus dunklem Glas und verzauberter Kohle. Er nannte es ein ‚O-LED‘...
  3. Der missbräuchliche Millionär

    Halb wünsch ich ihm den Tod, halb tut er mir leid. Und das sage ich nicht einfach so. Wenn ich nicht aufpasse, ploppen wirklich Gewaltfantasien in mir auf. Ihm so richtig wehtun. Ich gebe zu: Ein Teil von mir würde es genießen, mit allem, was ich bin. Ich stelle mir das manchmal vor: Was, wenn...
  4. Veritas in profano

    Meine Überzeugung bleibt trotz der Stagnation, trotz sämtlicher Regresse intakt. Irgendwo IST die Antwort, wahrscheinlich unterhalb der Metaebene. Es gibt keine Sinntotalität in toto, keine Gesamtstruktur, kein übergeordnetes Muster, das alle Einzelkomponenten zu einer universellen Wahrheit...
  5. Ganz oben

    Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band. Ich weiß, wovon ich rede. Ich sitze hinter meinen Tom-Toms und Hi-Hats, während die anderen vorne die Sau rauslassen und angehimmelt werden. Gerieten sie aus dem Takt, war ich schuld. Paul, der Gitarrist ejakulierte bei jedem Solo, der...
  6. Dickhäuter

    Sandra spürte kühlen Sand zwischen ihren Zehen. Möwen hockten auf den Pfählen der Palisade und der Wind zerzauste ihre Federn. Meer und Firmament bestanden aus demselben nassen Grau. Die Linie des Horizonts löste sich darin auf. Ihr Bruder Emil setzte sich und fuhr mit den Händen durch den Sand...
  7. (Tschu-tschu.) und (Chew-chew.) – Der Kopf eines zum Tode Verurteilten

    (Tschu-tschu.) Bevor Sie weiterlesen, Mr. Jensen, lassen Sie mich raten: »Chew-Chew-Chan tot durch Old Sparky«. Lautet so die Titelseite? Ich hoffe es doch. Ich werde versuchen, auf der Fotografie nicht zu blinzeln. Versprochen. Wissen Sie, ich möchte mich nicht versuchen zu erklären. Um Gottes...
  8. Michelle.

    Ich sitze im Pausenraum. Das Blau erschlägt mich. Der blaue Linoleumboden. Die blaue Arbeitsfläche. Die blauen Stühle. Blau. Als wären wir Goldfische in einem riesigen Glas. Seit dem Cyberangriff ist alles still. Keiner weiß, wo unser Chef ist und wie es weitergeht. Wir sitzen nur da und warten...
  9. Meer der Stille

    Frank steht am Küchenfenster und sieht auf den immer gleichen Sturm, der draußen vorbeirast, ohne je eine Pause einzulegen. Gelb-rote Sandwirbel, die hin und her schwanken wie betrunkene Riesen und Sand gegen das Fenster schleudern. Trotz der Heftigkeit des Sturms dringt kein Laut in die Wohnung...
  10. Am Aquädukt

    In der Nacht als Sari starb, ist das Wasser zurückgekommen. Das erste Mal am Aquädukt waren wir mit der Schulklasse. Herr Lenning gab uns die Aufgabe, das Bauwerk mit Bleistift zu zeichnen. Der Tag war mild und die Sonne schien durch die Aquäduktbögen, ließ die alten Steine in diesem Licht...
  11. Kaffeekränzchen

    Irgendwo am Rande eines Dörfchens, in einem Restaurant, das dem Ruf einer Kneipe knapp davonkam, wird nach einem wundervollen Abendessen ein heisser Kaffee serviert. Kurz darauf bringt die Bedienung ein kleines Geschirr aus Metall, auf dem in kleinen Becherchen und Tellerchen fein säuberlich...
  12. Atemgrenze

    An den windigen Tagen war immer eine Bewegung in den biegsamen Stämmen der Weiden. Es sah aus, als würden sie im Kreis um den Teich herum tanzen. An den feinen Astspitzen berührten sich ihre Schatten. Ein Rauschen ging durch die Blätter und die Wasserläufer spreizten ihre langen Beinchen weiter...
  13. Teesatz v2.0

    Ich nippte am Tee. Gelangweilt und schlecht gelaunt ließ ich ihn um meine Zähne und über meine Zunge tanzen, bevor ich ihn dann schluckte. Die warme Flüssigkeit ran meiner Zunge nach, meinen Hals herunter und dann in meinen Magen. Es kribbelte in meinen Haar- und Fingerspitzen, als er meinen...
  14. Andersherum

    11/3, bitte kommen. Ihre Stimme klang verzerrt. Kalte Elektronik. Lukas blickte durch die monotonen Bewegungen der Scheibenwischer auf die Straße. Es schneite und die Eisschicht auf dem Asphalt blitzte im Scheinwerferlicht. Dampf stieg aus dem Kaffeebecher im Getränkehalter. „Hier 11/3, was...
  15. Fragmentarische Sinnessuche

    Langsam rückt das Bild wieder zusammen. Tausend Welten habe ich gesehen, doch keine davon erscheint mir so unscharf wie diese. Bunte Blitze zucken passend zum vibrierenden Gefühl, das mich umgibt. Ich höre etwas. Es ist schnell und treibt mich an. Gleichzeitig scheint es zu mir zu sprechen...
  16. Hinterher

    „Verdammt Armin, mach die Tür auf!“ Das Donnern meiner Faust auf die Tür klingt zwischen den hohen Wänden des Treppenhauses nach. Kurz fürchte ich, gehört zu werden, obwohl mir angesichts der Situation wohl niemand einen Vorwurf machen würde. Erneut lasse ich eine Salve an Fäusten auf das...
  17. Die Hand

    „Ich bin 92“, sagte Grete Raither und schenkte sich ein Stamperl Zwetschenschnaps ein. „Trinkst du auch einen?“ „Um Gottes Willen nein!“, lehnte Phillip Fischer dankend ab und verfolgte erstaunt, wie die alte Frau mit zittriger Hand sein Glas füllte. „Der ist hausgemacht, musst keine Angst...
  18. Fata Morgana

    Wie immer saßen zu beiden Seiten des Marktausgangs in zwei Reihen kleine, alte Frauen ohne Verkaufslizenz. Jede Babuschka hatte kleine Schneeverwehungen auf Hut und Schultern. Sie alle saßen vor Säcken mit gerösteten Sonnenblumenkernen, bis auf die letzte; die hatte ein struppiges Bäumchen in...
  19. Die Suche nach den Farben

    Panama Zwischen den aufragenden Glastürmen Panamas kreisen Geier, die in der Stadt zwischen den Meeren eine ideale ökologische Nische gefunden haben. Containerschiffe am Horizont, die den Kanal in die eine oder andere Richtung durchqueren. Sie gleiten wie schlafende Tiere durch die Schleusen...
  20. Villa Ziffernblatt

    Theodor Ziffernblatt legt seine Hand auf das schmiedeeiserne Gartentor der Villa, ein Lächeln der Vorfreude stiehlt sich in sein Gesicht. Er drückt stärker, Rost und langer Stillstand blockieren die Angeln. Mit einem jämmerlichen Quietschen lässt sich das Tor endlich öffnen. So hat das Tor schon...
  21. Das Flackern 2.0

    Ich dachte, ich hätte mit dem Bildschirm den Gipfel erreicht. Ich dachte, das Fenster aus Glas wäre das Ende der Reise. Aber ich hatte mich geirrt. Das war erst der Anfang. Sie öffneten die Tür. Sie nannten es die virtuelle Welt. Ich war nicht mehr nur ein Lichtstrahl an der Wand, den sie...

Neue Texte

Neue Kommentare

Zurück
Anfang Bottom