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Am Aquädukt
In der Nacht als Sari starb, ist das Wasser zurückgekommen.
Das erste Mal am Aquädukt waren wir mit der Schulklasse. Herr Lenning fuhr uns mit einem Kleinbus hin und gab uns die Aufgabe, das Bauwerk mit Bleistift auf das Papier unserer Klemmbretter zu zeichnen. Der Tag war mild und die Sonne schien durch die Aquäduktbögen, ließ die alten Steine in diesem Licht glimmen, das mich bis heute nicht mehr loslässt. Unsere Blätter raschelten, während wir mit der Klasse oben in der Böschung saßen und Herr Lenning darauf achtete, dass niemand zu nah heranging.
Unten auf dem Fluss lag die Spiegelung der Bögen so klar, als hätten die Architekten eine exakte Kopie des Aquädukts ins Wasser gebaut. In mir wuchs der Eindruck, dass an diesem Ort eine zweite Brücke existierte, die durch das Sonnenlicht dieses Frühlingsnachmittags geradewegs in meine Sinne führte, Wärme und den Geruch von Hasel und Weidenblüten in mich hinein transportierte. Wobei das mit der exakten Kopie nicht ganz der Wahrheit entsprach. Auf meiner Spiegelzeichnung hatte das Aquädukt zwei Bögen mehr, als ich direkt zählte.
Ich sprach Herrn Lenning darauf an und in der Klasse wurde darüber diskutiert, wer recht hatte. Auf jeder Zeichnung war die Anzahl der Bögen verschieden. Schließlich sagte Herr Lenning, keiner von uns habe einen Fehler gemacht. Es sei lediglich eine Frage der Perspektive, und als Schüler seien wir Individuen, daher auch unsere Ansichten auf den Zeichnungen unterschiedlich.
Aber ich erwischte Herrn Lenning dabei, wie er immer wieder mit den Augen die Bögen durchzählte. Ich hockte neben Benjamin und zeichnete weiter an meinem Aquädukt, das sich am Horizont in Wolken verlor. Schon da war uns beiden klar, ohne dass wir es aussprechen mussten, dass es die neue Muse für unsere Geschichten sein würde.
Benjamin und mich verband die Leidenschaft für Geschichten. Während die anderen Jungs sich über Mädchen und ihre ersten Zigaretten unterhielten, vielleicht geklautes Bier von ihren Vätern tranken, hockten wir bei mir im Keller und schrieben uns die Fantasie von der Seele. Das war auch der Grund, warum wir das Aquädukt als etwas ganz Besonderes betrachteten.
In unserer Vorstellung führte es noch Wasser, auch wenn Teile seines Mauerwerks bereits abgebröckelt waren. Aber nicht nur das: Für uns war es ein Fluss, der in ein unbekanntes Land führte, das am Grund eines tiefen Stausees lag, wo unter dem schwarzen Wasser die Ruinen einer alten Stadt ruhten, in deren Mauern die Erinnerungen des Aquädukts gespeichert waren.
Von dort wurde die Vergangenheit unserer Stadt zu uns getragen, Geschichten von einer vergessenen Zivilisation vor Hunderten von Jahren, und wir erfanden die Charaktere, die sie bevölkerten. Zwei davon waren Brüder, tragische Helden, die vom Kampf gegen Barbaren so vernarbt und gezeichnet waren, dass niemand außer ihnen selbst sie noch lieben konnte. Diese Beschäftigung nahm den Großteil meiner frühen Jugend ein und entfernte mich weiter von meinen Klassenkameraden.
Ich war schon in der Sechsten, als Sari zu uns kam. Sie war mit ihren Eltern aus Sri Lanka geflüchtet. Beim Klang dieses Namens musste ich sofort an das Land am Grund des Stausees denken. Alter und Fremdheit schwangen darin, und ich verlor mich in Tagträumen, bis mich Herr Lenning tadelte und die anderen Jungs lachten und untereinander flüsterten, ich sei ein Weirdo und ein Spasti.
In Sari aber fand ich eine weitere Person, die bereit war, meinen Geschichten zu lauschen. Sie musste nur ihre Hand auf meine legen, damit ich meine Ängste vergaß und mit ruhiger Stimme weitersprechen konnte. Ich war mir nicht sicher, ob sie alle Details verstand, die ich mir ausgedacht hatte, aber ihr Lächeln überzeugte mich vom Gegenteil.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich mich in ihre Andersartigkeit verliebte. Sie strahlte eine Ruhe aus – in ihrem Blick, in ihren Bewegungen –, die zugleich erstaunlich und erschütternd wirkte, gemessen an dem, was sie mit ihrer Familie zweifelsohne erlebt haben musste. Wenn sie sprach, lag diese Ruhe ebenso in ihrer Stimme und ich konnte nie genug von ihren Worten bekommen, auch wenn sie nicht gut Deutsch sprach und es teilweise schief klang.
Wenn sie vom Flur ins Schulzimmer zurückkam, hörten die anderen Mädchen auf zu kichern und in den Pausen fragten mich die Jungs, wie sie ihre Schwärme rumkriegen konnten. Ich ließ alle abblitzen und genoss es, mit Sari auf dem Pingpongtisch zu sitzen und uns die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Mit jedem Wort, das sie besser Deutsch sprechen konnte, wurde meine Liebe stärker. Fasziniert beobachtete ich den sanften Schwung ihrer schwarzen Brauen, der mich an die Bögen des Aquädukts erinnerte.
Meine Lehre zum Bäcker zwang mich, in den frühen Morgenstunden aufzustehen. Doch oft verschlief ich und der Tag endete mit der Wut meines Lehrmeisters, weil mir wieder die Brote angebrannt waren. Außerdem gab er affige Geräusche von sich, wenn mich Sari nach der Arbeit abholte. Benjamin zog in eine andere Stadt und wir verloren den Kontakt. All das floss über das Aquädukt in den Erinnerungsspeicher des Stausees, und ich spürte, mein ganzes Leben rinne bald dorthin.
Von Benjamin habe ich nie wieder gehört. Ich durchsuchte das Internet nach seinem Roman, den er hatte schreiben wollen. Am Aquädukt. So sollte der Titel lauten. Er gefiel mir von Anfang an. Aber er war zusammen mit Benjamin in den Schatten des Bauwerks verschwunden, aus meinem Leben verdrängt, von einer Kraft, die erst als leichtes Rinnsal, aber zunehmend als rauschender Strom über die Bögen floss.
Von da an verbrachte ich jede freie Minute mit Sari und sobald das Wetter nach dem Winter aufklarte, fuhren wir mit dem Bus aus der Stadt, um die Bögen des Aquädukts zu zählen. Oder um unter ihnen auf unserem Bett aus Schilf zu liegen und einfach nur nach oben zu sehen, während ich ihr von dem Land erzählte, zu dem das Wasser des Aquädukts einst führte.
Eines Morgens fanden Wanderer Saris Körper am Fuße des Aquädukts. Weder äußerlich noch innerlich wies sie Verletzungen auf und die Ärzte schoben ihren Tod auf einen plötzlichen Herzstillstand. Doch ich wusste, dass das nicht stimmte, und warf mir vor, dass meine Geschichten sie dazu verleitet hatten, in dieser letzten Nacht das Ende des Aquädukts zu finden.
In den Jahren ohne sie tröstete es mich, weiterhin die Bögen zu zählen. Mit jedem Jahr, das ich unter dem Aquädukt verbrachte, wurden sie zahlreicher. Mein altes Leben als Bäcker hatte ich längst verloren. Manchmal grillte ich Heringe, wenn mich Fischer dazu einluden, und als sie wegblieben, jagte ich mit einem zugespitzten Stock von Hand. Ich filterte Wasser durch meine Kleidung und legte mir einen Vorrat essbarer Wurzeln und Kräuter an, schlief in meiner Hütte aus Holz und Schilf, wenn die Winterkälte mir drohte, die Zehen zu erfrieren. Und so überlebte ich bis heute.
Schwarz überspannen die Bögen den Fluss. Ich sitze in der Böschung, am Aquädukt, wie damals die ganze Klasse mit Herrn Lenning, und verfolge die Schwünge nicht mit dem Bleistift, sondern mit einem Finger. Wie viele es sind, ist unmöglich zu zählen. Ich stelle mir vor, dass ich von weit oben Saris Gesicht erkennen könnte und wie ich sie am Ende des Aquädukts wiedersehen würde.
Dann stehe ich auf, gehe auf das Aquädukt hinaus, Steine knirschen unter meinen Schuhen und ich muss aufpassen, nicht zu straucheln, weil ich mich so leicht fühle. Je weiter ich gehe, desto länger erscheint mir der Weg, und das Rauschen des Wassers beruhigt meine Angst vor der Höhe. Bis ich an einen Punkt komme, von dem ich in beide Richtungen blicke, die Arme ausgebreitet, und die Quader des Bauwerks sich in der Dunkelheit verlieren.
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) zu schreiben. Ich denke, die Flash Fiction hier hat durchaus einen Konflikt, vielleicht einen anderen, als Du erwartet hast: Ich lese das hier nicht als dramatischen Konflikt, sondern eher als existenziellen. Es geht um Verlust, Entfremdung, Aufgehen im Ort. Zudem denke ich, ist der Text so kurz, dass ein stärkerer, tragender Konflikt allenfalls gar nicht nötig ist.


