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Balzruf der Rasenmäher
Ein sonniger Samstag (Spätfrühling im Vorort)
Es ist so ein spätfrühlingsiger Vororttag, an dem die Sonne das erste Mal ernst macht, aber der Wind noch April spielt, und alles riecht nach nasser Erde, nach frischem Grün und ganz bisschen nach „hier stand gestern noch Winter rum“. Auf den Terrassen stehen die Stühle wieder draußen, auf zwei liegt jeweils eine Jacke, weil morgens noch „brrr“ ist und mittags dann plötzlich „ach so“, und in den Beeten schieben die ersten Spitzen raus, als würden sie nur testen, ob man sie gleich wieder friert. Das Gras ist noch nicht satt, eher so: ich probier mal. Der Löwenzahn dagegen wirkt schon jetzt, als hätte er einen Mietvertrag plus Haustierhaltung.
Da geht’s los, wie in dieser Straße immer: über den Hecken tauchen Köpfe auf, viel zu kurz. „Nur gucken, nicht auffallen“. Einer späht, taucht weg, linst nochmal, prüft, ob die anderen auch schon draußen sind. Zwei Häuser weiter knallt eine Terrassentür, jemand ruft halb rein, halb raus: „Ich mach kurz!“ Kurz, ja klar.
Garage 12 geht auf. Das Tor ruckt hoch, stockt einmal, ruckt nochmal, und klingt dabei beleidigt. Jemand räuspert sich, hält einen Moment zu lang in der Luft, und dann kommt dieses vorsichtige, testende Brummmmmm, so ein „komm schon, stell dich nicht an“. Der Motor schluckt einmal, tut beleidigt, und springt dann doch an, viel zu selbstverständlich, und du stehst da wie der Depp.
Garage 14 kann das nicht einfach stehen lassen. Da kommt ein Rrrrrrrmmm! hinterher, etwas höher, etwas lauter, so „ja, meiner auch“, und man hört sogar dieses kleine aggressive Nachgasen, einmal kurz: Es kann nicht nur, es will. Dann 18. Dann 20. Einer hustet kurz. Der Motor hustet mit, ein Echo. Und dann liegt der Lärm in der Straße so dicht, dass die Fensterscheiben kurz mitzittern, und du siehst, wie ein Hund einmal den Kopf hebt, so „ernsthaft?“, und wieder wegdreht.
Da klingt’s anders. Neben dem klassischen Brummen läuft dieses glatte Akku-Surren Sssssssrrr, bei dem der Besitzer so zufrieden schaut, geschniegelt, stolz, und dann macht das Ding nach fünf Minuten piep-piep, ganz trocken, und du siehst, wie er kurz so tut: alles geplant. „Ja… läuft.“ Er drückt auf den Knopf am Griff. Es piept nochmal. Er nickt. So ein Business-Nicken.
Drüben rollt ein Robomäher rum, so ein kleiner grüner Kasten, der stur seine Kreise zieht, innerer Auftrag, null Humor. Er ist nicht laut. Er ist einfach da. Immer wieder. Und dann bleibt er an einer Kante hängen, rattert beleidigt dagegen, ganz tap-tap-tap, und sein Mensch steht daneben, die Hände in den Taschen, und starrt so auf das Gerät. Er geht nicht hin. Prinzip. Nach einer Minute geht er doch. Natürlich geht er doch.
Dann laufen sie los, die Mähenden. Die Haltung wird ernst, aber nicht heroisch, eher so: jetzt wird das hier geregelt. Schultern gerade. Blick nach vorne. Der Mäher zieht los, vor und zurück, dann wieder vor, dann zurück, nicht schnell, nicht hektisch, so gleichmäßig, dass du merkst, wie das im Kopf beruhigt, obwohl die Ohren gerade was anderes sagen, und dann zieht einer einmal schief, nur minimal, aber man sieht’s, und er korrigiert sofort so übertrieben, zu hektisch, zu perfekt Er bleibt stehen. Blickt auf die Spur. Blickt nochmal. Macht’s neu. „Ach, egal.“ Und fährt exakt dieselbe Bahn nochmal.
Da zieht einer Streifen, der nächste mäht schnurgerade, der dritte schert schräg aus, und keiner sagt, dass das was bedeutet. Der eine zieht Streifen wie auf einem Fußballplatz, geschniegelt wie Stadionrasen. Der nächste mäht streng geradeaus, weil geradeaus nach „anständig“ aussieht. Ein anderer macht diagonal und tut so, als wäre das Zufall. Ist es nicht. „Nee, der macht Streifen. Siehst du.“ sagt irgendwo einer zu niemandem, während er so tut, er suche nur nach seinem Gartenschlauch
Gibt auch den Typen, der ein Schachbrett in den Rasen fräst. Nicht mal besonders fein. Aber sichtbar. Und jeder peilt einmal rüber, viel zu kurz, viel zu schnell, weil Hinschauen ja auch schon wieder ein Eingeständnis wäre.
Dazu kommt die Lautstärke, weil Brummen allein manchen nicht reicht. Also wird am Gashebel gespielt. Erst kurz, dann länger, bis der Ton über die Hecke drückt. Wrrrrrrrrrm. WRRMMMMMMM! Ein Nicken über die Hecke. Sonnenbrille kurz hoch. Ein Blick, der sagt: hast du gehört. Und dann dieses kleine Ding, was man nie direkt sagt, aber was trotzdem rüberwabert wie warmer Abgasgeruch: Guck dir das an, sauber, oder?
Drinnen und daneben stehen die anderen, ganz normal, ganz unbeeindruckt natürlich. Eine lehnt am Fensterrahmen, die Augenbraue geht hoch und bleibt da. Hält. Jemand auf der Terrasse dreht langsam die Wäscheleine, Laken flattern, und es wirkt aus Versehen wie ein Kommentar. Und wenn gegossen wird, dann nicht mal eben, sondern ausdauernd, so gründlich, dass es schon nach „ich hab auch ein Hobby“ aussieht.
Da kreischt irgendwo der Kantenschneider los, dieses Krrrrrrrrrr!, scharf und unangenehm, wie ein viel zu kleines Gerät mit viel zu viel Ego. Man sieht richtig, wie zwei Leute gleichzeitig für einen Moment innehalten. Hand locker lassen. Nicht gucken. Doch gucken. „Warte, ich mach kurz die Kante.“ sagt einer. Er sagt es so, als wär’s nichts, aber seine Stimme wird dabei plötzlich ganz geschniegelt. Alle hören hin. Alle tun nicht so.
Später stehen sie am Rand ihrer Flächen und machen diese Pausen, die keine Pausen sind. „Ich leer mal eben.“ Klar. Dann steht man da, schaut rüber, ganz beiläufig, so unschuldig, dass es schon frech ist. Wie kurz ist der da drüben. Welche Streifen. Und hat der… vertikutiert. Das Wort fällt selten laut, weil es sonst zu ehrlich wird. Man würde ja fast zugeben, dass das hier mehr ist als nur Gras.
Zum Schluss ist es wieder so ein Samstag, an dem alles nach Zubehör schreit: Akku-Hersteller, Ersatzklingen, Ladegeräte und dieses ganze Zubehör, das man „eigentlich nicht braucht“, aber komischerweise genau heute doch. Nebenbei erzählt jemand stolz, wie lange sein Akku hält. Und plötzlich ist Akkulaufzeit Persönlichkeit „Der hält locker noch.“ sagt einer, und das ist nicht mal gelogen, es klingt nur so.
Irgendwann ist es dann fertig. Der Rasen ist kurz. Die Muster sind drin. Die Kanten sind scharf. Man steht am Rand, atmet einmal aus, nickt. Erledigt. Dann wird Bier geholt. Man setzt sich. Man schaut aufs Grün: Pokalblick, nur ohne Preisverleihung. Und für einen Moment ist es wirklich ruhig genug, dass du wieder Vogelgezeter hörst, irgendwo Kinderstimmen, irgendwo eine Fliege, die sich für dein Glas interessiert.
Nur dass unten drunter das Gras schon wieder anfängt. Ganz leise. Ganz frech. Du weißt genau, wie das läuft. Jede Woche ist mir zu viel. Egal ob nach einer Woche oder nach zwei: irgendwann geht es wieder los. Nächstes sonniges Wochenende. Die Hecken werden wieder zu Tribünen. Und irgendwo geht Garage 12 wieder auf.
Und es ertönt wieder der „Lockruf der Rasenmäher“: brrrRRRrrrrr… WIIIIIIiiiiii.