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Balzruf der Rasenmäher

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12.01.2026
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Balzruf der Rasenmäher

Balzruf der Rasenmäher ÜBERARBEITETE Version

Balzruf der Rasenmäher

Es war ein Vorortsamstag im Spätfrühling: Die Sonne bekam Ambitionen, der Wind spielte April, und die Luft roch nach nasser Erde, frischem Grün und dem Restgefühl von „hier hat gestern Winter rumgelungert“. Auf den Terrassen standen die Stühle draußen, auf zweien lag jeweils eine Jacke, weil morgens „brrr“ war und mittags plötzlich zu warm für die Jacke, und in den Beeten schoben sich die ersten Spitzen heraus, als würden sie testen, ob das Leben wieder sicher war. Das Gras war nicht satt, eher: „Ich probier mal.“ Der Löwenzahn wirkte, als hätte er einen Mietvertrag.

Und dann begann es, wie es in dieser Straße nie „passierte“, sondern immer „anfing“: Über den Hecken tauchten Köpfe auf, zu kurz, zu vorsichtig, zu synchron. Gucken ohne Eingeständnis. Einer linste, tauchte ab, linste noch mal, und die Bewegung verriet alles: Es ging nicht um Wetter. Es ging um Rangordnung!

Zwei Häuser weiter knallte eine Terrassentür, und jemand rief halb rein, halb raus: „Ich mach kurz!“ Kurz war hier ein Zeitgefühl wie „gleich“ bei Handwerkern.

Garage 12 ging auf. Das Tor ruckte hoch, stockte, ruckte noch mal und klang muffelig, als missbilligte es die Veranstaltung. Dann räusperte sich jemand zu lange und zog Autorität an wie Handschuhe. Ein vorsichtiges Brummmmm, testend, schmeichelnd: „komm schon“. Der Motor schluckte, zickte, sprang an, viel zu selbstverständlich, und am Küchenfenster saß dieser Blick: Aha. Also.

Garage 14 ließ das nicht stehen. Ein Rrrrmmm kam hinterher, höher, lauter, dann dieses Nachgasen, kurz und aggressiv, wie ein Ellbogen in der Warteschlange. „Ja. Meiner auch.“ Zu sehen war wenig, zu hören war alles.

Dann 18, dann 20. Herr Meyer, der die Gartenhandschuhe dermaßen ordentlich faltete, dass sich sogar Stoff schämte, ließ seinen Benziner satt anspringen, dass er klang wie ein Motor mit eigenem Konto. Frau Müller daneben machte kein Theater, weil Theater in ihrem System überflüssig war: Akku, Surren, saubere Bewegung, dieser Blick von „Ich bin fertig, bevor ihr überhaupt warm seid.“ Nach fünf Minuten piepte das Gerät trocken. Sie nickte dazu wie zu einer Präsentation. Business-Nicken. Noch ein Piepen. Noch ein Nicken. Als hätte sie das Piepen bestellt.

Ein Hund hob den Kopf. In seinem Blick stand: „Echt jetzt?“ Er wog ab, ob ein Umzug sich lohnte, und legte ihn wieder ab, resigniert und professionell.

Auf der anderen Seite rollte Kevins Robomäher, ein kleiner grüner Kasten mit Null Humor und maximalem Auftrag, stur seine Kreise, als wäre der Rasen eine Excel-Tabelle. Er war nicht laut. Er war da. Dann blieb er an einer Kante hängen und ratterte tap-tap-tap dagegen, beleidigt wie ein Einkaufswagenrad. Kevin stand daneben, die Hände in den Taschen, und starrte auf das Gerät: Starrheit war seine Strategie. Er ging nicht hin. Prinzip. Nach einer Minute ging er doch. Natürlich ging er doch.

Dann liefen sie los, die Mähenden, und plötzlich hatten Menschen diese Haltung, die sonst nur beim Einparken auftauchte: Schultern gerade, Blick nach vorn, Kiefer fester, als stünde etwas auf dem Spiel. Ein Mäher zog los, vor und zurück, dann wieder vor, dann zurück, nicht schnell, nicht hektisch, gleichmäßig genug, dass der Rhythmus im Kopf beruhigte, obwohl die Ohren beleidigt wurden, und dann zog einer schief. Der Besitzer sah es. Er stoppte, korrigierte zu stark, zu perfekt, zu nervös. Er blieb stehen, schaute auf die Spur, schaute noch mal, murmelte „Ach, egal“, und fuhr exakt dieselbe Bahn noch mal, als hätte „egal“ hier die Bedeutung von „ich sterbe sonst“.

Und jetzt kam die stille Kulturfrage: Streifen oder Linie? Herr Meyer fräste Streifen wie Stadionrasen, geschniegelt bis ins Chlorophyll, und gab vor, es sei Funktion. Nebenan mähte jemand streng geradeaus, weil geradeaus nach „anständig“ aussah. Ein dritter mähte diagonal und verkaufte es als Zufall, und es war kein Zufall, es war ein Statement, nur eben eins, das niemand unterschrieb. Einer sagte zu niemandem: „Nee, der macht Streifen“, während er seinen Gartenschlauch suchte und dabei die Schwächen der Konkurrenz fand.

Und dann kam Herr Nitschke. Er sagte nichts. Er fräste ein Schachbrett in den Rasen, nicht fein, nicht kunstvoll, aber sichtbar. Ein Schachbrett im Vorgarten war keine Gartengestaltung, das war eine Ansage. Alle peilten einmal rüber, zu kurz, zu schnell, weil Hinschauen hier schon wie Applaus wirkte.

Ab da eskalierte es nicht mit Worten, sondern mit Geräten. Herr Meyer sah das Schachbrett, sah es wirklich, und auf seinem Gesicht stand dieses stille Rechnen: „Streifen reichen nicht mehr.“ Wenig später rumpelte er mit einem Vertikutierer aus der Garage, als führte er ein mittelgroßes Tier aus, das seit Monaten auf diesen Tag gewartet hatte. Das Ding riss trockene Rasennarben aus dem Boden wie beleidigte Würmer und hinterließ nicht „gepflegt“, sondern „bearbeitet“.

Frau Müller reagierte nicht mit Lautstärke. Sie reagierte mit Tempo. Ihr Akku-Surren zog die Kante entlang, sauber, zackig, und der Schnitt war präzise genug, dass er unverschämt wirkte. Keine Pose, kein Nicken, nur diese klare Linie, die sagte: „Ordnung ohne Drama.“ Kevin stellte seinen Robomäher an den Rand und nannte es Delegation.

Drinnen und daneben standen die anderen, unbeeindruckt natürlich. Eine lehnte am Fensterrahmen, die Augenbraue ging hoch und blieb da. Auf der Terrasse drehte jemand langsam die Wäscheleine, Laken flatterten, und aus Versehen wirkte es wie ein Kommentar. Und wenn gegossen wurde, dann nicht „mal eben“, sondern ausdauernd, gründlich, konsequent genug, dass es nicht mehr nach Pflanzenpflege aussah, sondern nach „Ich habe auch ein Hobby, und meins ist Geduld als Druckmittel.“

Dann kreischte der Kantenschneider los, dieses Krrrrrrrr, scharf und unangenehm, wie ein viel zu kleines Gerät mit viel zu viel Ego. Zwei Leute hielten gleichzeitig kurz inne, lockerten die Hand, schauten nicht, schauten doch. „Warte, ich mach kurz die Kante“, sagte einer, und seine Stimme klang plötzlich geschniegelt, als hätte er ein Sakko angezogen. Alle hörten hin. Alle taten, als wäre es nichts.

Später standen sie am Rand ihrer Flächen und machten diese Pausen, die keine Pausen waren. „Ich leer eben“, sagte Herr Meyer, obwohl der Auffangkorb aussah, als könne er noch eine Saison tragen. Dann kamen die Blicke, beiläufig, unschuldig, unschuldig genug, dass es frech wurde. Die Gedanken blieben stumm, aber sie waren hörbar: Wie kurz ist der da drüben. Welche Streifen. Und hat der… vertikutiert? Das Wort fiel selten laut, weil es sonst zu ehrlich geworden wäre. Vertikutieren war die Stelle, an der jemand zugeben musste: Das hier war mehr als Gras.

Und natürlich schrie dieser Samstag nach Zubehör: Ersatzklingen, Ladegeräte, dieser eine Aufsatz, den niemand brauchte, bis er beim Nachbarn auftauchte. Nebenbei erzählte Frau Müller, wie lange ihr Akku hielt, und plötzlich war Akkulaufzeit Persönlichkeit. „Der hält locker noch“, sagte einer, und das war nicht gelogen, es klang nur wie ein Charakterzeugnis.

Irgendwann war es fertig. Der Rasen war kurz, die Muster waren drin, die Kanten scharf, und alle standen am Rand, atmeten aus, nickten. Erledigt. Dann wurde Bier geholt, Stühle wurden gerückt, und dieser Blick aufs Grün war Pokalblick, nur ohne Preisverleihung und ohne die Ehrlichkeit, dass eine gut gepasst hätte.

Für einen Moment war es ruhig genug, dass wieder Vogelgezeter durchkam, Kinderstimmen, und eine Fliege, die sich für ein Glas interessierte und sich benahm, als wäre sie eingeladen.

Und während sie da saßen, fing es unten drunter wieder an. Leise. Frech. Das Gras streckte sich, hörte nichts von Ordnung, Linien, Streifen und Status, und genau das war der eigentliche Affront: Es wuchs, egal, wie geschniegelt die Straße sich gerade fühlte.

Sie nannten es Pflege. Es war Kontrolle.

 

Willkommen bei uns Wortkriegern @Ella Sommerhain ,

deine Einstandsgeschichte fand ich gar nicht mal schlecht, wenn auch sie einen eher uninteressanten Teil des Alltags betrachtet, aber ich kann mir gut vorstellen, dass du hier anfänglich nichts riskieren wolltest und so wirkt das Ganze dann auch leider.

Die Rasenmähaktionen innerhalb so einer kleinen, fast schon geschlossenen Gesellschaft wie in einer beliebigen Vorortstraße, wo es meist noch deutlich übersichtlicher zugeht, weil man sich vermutlich schon ganz gut kennt, hätte von dir gern noch skurriler, fast schon ins Satirische gehend ausgearbeitet werden können.
Diese Kritik kommt deswegen, weil das Thema für sich genommen eher schon etwas verbraucht ist, ich vergleiche es ein wenig mit anderen Themen, die nichts Neues mehr bieten, wie die lustiggemeinten Kurzgeschichtenberichte über Bahnfahrten und ihre Verspätungswidrigkeiten.
Ich finde, es schadet nicht, wenn man als Autor auch mal einen Blick auf den Leser wirft und sich die Frage beantwortet, was diesen interessieren, gar fesseln könnte. Schließlich schreibst du ja kein Tagebuch für dich selbst, sondern weil du gelesen werden möchtest.

Trotzdem soll das hier jetzt nicht so wirken, als würde ich deine Geschichte für komplett überflüssig halten. Es ist nur so, dass solche eher durchsichtigen und nicht so spannende Plots, wie jetzt hier der Vorgang der Rasenmäherkonkurrenz in einem Vorort, entweder durch eine besondere Sichtweise oder besonders überraschende Momente, eben durch ungewöhnliche Zutaten aufgewertet werden könnten.
In dieser Hinsicht gibt es bei dir durchaus ein paar Formulierungen, die mir gut gefallen haben, aber leider nicht genug davon.

Und nun zur Textarbeit:
Mir ist aufgefallen, dass du das Wort "so" überhäufig nutzt, es könnte in praktisch allen Fällen jedoch entfallen, ohne dass der Sinn der Geschichte drunter leidet. Es ist einfach nur ein Füllwort ohne Bedeutung.
Etwas anderes wäre es, wenn du ein besonderes Merkmal von Sprachgewohnheit des Erzählers darstellen wolltest. Das erkenne ich hier aber nicht. Ich würde daher den Text daraufhin mal durchschauen, wo überall das Wort gelöscht werden könnte.

Dann fiel mir auf, dass ich nicht so recht weiß, wann du etwas in wörtliche Rede setzt, wann nicht. Mal sind es eigene Gedanken, mal hört man jemanden sprechen. Ich würde da auch nochmals eine Einheitlichkeit herstellen.

Leider ist der Anfang deiner Geschichte etwas sperrig, später klingt alles etwas fließender, mein Eindruck zieht sich also keinesfalls durch den gesamten Text.

Ein sonniger Samstag (Spätfrühling im Vorort)
Diese Überschrift würde ich deswegen löschen, weil sie ja im ersten Satz schon steht und somit eine Art Wiederholung entsteht.
Da Wiederholungen, wenn sie nicht explizit als Stilelement eingesetzt werden sollen, eher einen Text unattraktiv machen, denn der Leser hat ja ein Gedächtnis und benötigt Wiederholungen praktisch nie, würde ich immer ein Augenmerk darauf setzen, möglichst wenig davon im Text zu haben.
spätfrühlingsiger Vororttag,
Klar, so kann man es sagen. Aber wenn man sich dieses Wort vorliest, klingt es unmelodisch, fast schon sperrig. Wie wäre es mit schlicht: Frühlingshafter Vorortsamstag?
„hier stand gestern noch Winter rum“. Auf den Terrassen stehen die Stühle wieder draußen,
Schöne Formulierung, dass mit dem Winter, der noch rumstand, aber hier wiederholt sich "stehen, stand" und deswegen würde ich einen der Begriffe austauschen. Wenn dir nichts einfällt, gibt es immer die Möglichkeit, sich über eine Liste von Synonymen auf die Sprünge helfen zu lassen. Mir persönlich, aber das muss halt auch nicht dein Geschmack sein, würde das Wort "rumlungern" beim Winter einfallen.
auf zwei liegt jeweils eine Jacke
auf zweien
und in den Beeten schieben die ersten Spitzen raus,
Mir fehlt da ein "sich", denn sie schieben sich ja heraus.
ob man sie gleich wieder friert.
Und hier fehlt mir ein "ein" zum friert. Einfrieren.
„Nur gucken, nicht auffallen“.
Finde ich etwas unlogisch, denn wenn man guckt und der andere sieht es, was man ja nicht steuern kann, dann fällt man doch gerade auf.

Da klingt’s anders. Neben dem klassischen Brummen läuft dieses
Das kommt etwas unvermittelt, dieser erste Satz.
während er so tut, er suche nur nach seinem Gartenschlauch
während er so tut, als suche er nach seinem Gartenschlauch(Punkt)
Und dann dieses kleine Ding, was man nie direkt sagt, aber was trotzdem rüberwabert wie warmer Abgasgeruch: Guck dir das an, sauber, oder?
Klingt etwas sperrig, wenn du schreibst: "...was man nie direkt sagt ..."
Was genau sagt man denn nie?
Und hier ist so ein Beispiel dafür, dass ich mich frage, wieso wird hier der letzte Satz nicht als wörtliche Rede gestaltet, woanders dann aber doch.
Die Hecken werden wieder zu Tribünen.
Das Bild ist unglücklich gewählt, weil ich mir nicht so recht vorstellen kann, wie man die Hecke zur Tribüne machen kann, überwiegend sitzt man ja auf Tribünen. Vielleicht, wenn du hier einfach Stehtribüne daraus machst?

Und zum Schluss nun meine best off deiner Formulierungen:

Der Löwenzahn dagegen wirkt schon jetzt, als hätte er einen Mietvertrag plus Haustierhaltung.

Der Motor schluckt einmal, tut beleidigt,

dass die Fensterscheiben kurz mitzittern,

Und dann bleibt er an einer Kante hängen, rattert beleidigt dagegen,

Er geht nicht hin. Prinzip. Nach einer Minute geht er doch. Natürlich geht er doch.
Schöne Beobachtung.

Und plötzlich ist Akkulaufzeit Persönlichkeit

Pokalblick, nur ohne Preisverleihung.

Ich hoffe, du konntest mit meinem Feedback etwas anfangen.


Lieben Gruß

lakita

 

Einen wunderschönen guten Abend @Ella Sommerhain

Vielen Dank für deine Geschichte. Ich muss anfangs gleich mal sagen, dass ich deine Geschichte sehr gerne gelesen habe. Du hast einen sehr distinkten Schreibstil präsentiert: irgendeine Mischung aus Metaphorik und Alltagsphasen, dazu an einigen Stellen trockene Lakonie. Gefällt mir.

An dieser Stelle würde ich es mir einmal herausnehmen, auf einige Dinge hinzuweisen, die mir aufgefallen sind.

spätfrühlingsiger Vororttag
Das Wort macht schon irgendwie Spaß, aber ich habe fünf Anläufe gebraucht, um es richtig aussprechen zu können. Vielleicht sollten solche Begriffe später verwendet werden, wenn die Leser eine gewisse Vorbereitung darauf erhalten haben?

Auf den Terrassen stehen die Stühle wieder draußen, auf zwei liegt jeweils eine Jacke, weil morgens noch „brrr“ ist
Hier habe ich ein Problem: Der Satz bezieht sich auf Stühle, also Mehrzahl. Ich finde, es müsste „auf zweien“ oder „auf zwei von ihnen“ heißen.

über den Hecken tauchen Köpfe auf,
An dieser Stelle hätte ich vielleicht doch noch einen Hinweis eingestreut, dass es sich um Menschen handelt. Da die Geschichte keine direkte Handlung im Sinne von Plot hat und du vorher viele Objekte personifiziert hast, wäre es gut, hier aufzuklären, was oder wen du meinst.

Garage 12 geht auf. Das Tor ruckt hoch, stockt einmal, ruckt nochmal, und klingt dabei beleidigt. Jemand räuspert sich, hält einen Moment zu lang in der Luft, und dann kommt dieses vorsichtige, testende Brummmmmm, so ein „komm schon, stell dich nicht an“. Der Motor schluckt einmal, tut beleidigt, und springt dann doch an, viel zu selbstverständlich, und du stehst da wie der Depp.
Hier hast du eine etwas bedauerliche Redundanz drin. Das Tor, das beleidigt klingt, ist eine sehr schöne Umschreibung. Das bleibt eine Weile im Kopf. Dass der Motor dann auch noch beleidigt ist, fühlt sich etwas entzaubert an.

Garage 14 kann das nicht einfach stehen lassen.
Das ist lustig, weil ich finde, dass in diesen Satz ein „so“ gehört. Er bezieht sich auf die Geräusche und ein damit verbundenes Konkurrenzverhalten. Diese kleine Silbe würde den Satz bestimmender machen.

Da klingt’s anders. Neben dem klassischen Brummen läuft dieses glatte Akku-Surren Sssssssrrr, bei dem der Besitzer so zufrieden schaut, geschniegelt, stolz, und dann macht das Ding nach fünf Minuten piep-piep, ganz trocken, und du siehst, wie er kurz so tut: alles geplant. „Ja… läuft.“ Er drückt auf den Knopf am Griff. Es piept nochmal. Er nickt. So ein Business-Nicken.
Diesen Absatz hier finde ich leider am schwächsten. Er besteht fast nur aus einem Satz und behandelt aber sehr viele Perspektiven und Eindrücke. Das wirkt ein wenig unübersichtlich und macht ihn schwerer zu lesen. Ein langer Satz (so empfinde ich das zumindest) sollte bei einem Thema bleiben und in seinem Aufbau additiv bleiben. Hier springst du von Geräuschen über die Gefühlslage der Besitzer bis hin zu deren Aussehen sowie Motorenausfällen und dazugehörigen Kommentaren etc. Der Satz ist also voller Zäsuren, er ist schwer hintereinander weg zu lesen.

Dann laufen sie los, die Mähenden. Die Haltung wird ernst, aber nicht heroisch, eher so: jetzt wird das hier geregelt. Schultern gerade. Blick nach vorne. Der Mäher zieht los, vor und zurück,
Hier habe ich wieder dieses Mengenproblem. Erst ziehen die Mäher los, und dann geht es um einen unbestimmten einzelnen Mäher. Ich hätte einfach „Ein Mäher…“ geschrieben. Klingt penibel, ich weiß, aber ein unbestimmter Mäher würde hier den Eindruck verhindern, dass es sich um einen Hauptcharakter handeln könnte.

Da zieht einer Streifen, der nächste mäht schnurgerade, der dritte schert schräg aus, und keiner sagt, dass das was bedeutet. Der eine zieht Streifen wie auf einem Fußballplatz, geschniegelt wie Stadionrasen.
Hier ist wieder diese Redundanz. Ich weiß nicht, ob du das bewusst so gewählt hast. Wenn ja, finde ich das stilistisch ein wenig unglücklich. Hier wäre ein längerer Satz passender gewesen, weil du ja die ganze Zeit über diese Streifen beschrieben hast.

Dazu kommt die Lautstärke, weil Brummen allein manchen nicht reicht. Also wird am Gashebel gespielt. Erst kurz, dann länger, bis der Ton über die Hecke drückt.
Dieser Satz weist auch eine kleine Problematik auf. Das Brummen alleine reicht nicht. Das würde bedeuten, dass jemand oder etwas noch ein anderes Geräusch macht oder erzeugen will. Die unterschiedlichen Lautstärken etc. sind am Ende ja immer noch ein Brummen.

Nun noch einige Dinge, die mir gefallen haben:

nd dann bleibt er an einer Kante hängen, rattert beleidigt dagegen, ganz tap-tap-tap, und sein Mensch steht daneben, die Hände in den Taschen, und starrt so auf das Gerät.
Das finde ich toll. Hier steckt jede Menge satirisches Potenzial drin. Deine Geschichte begann ja auch ein wenig lakonischer. Das hätte (meiner bescheidenen Meinung nach) ruhig ausgebaut werden können. Die Grenzen zwischen Maschine und Mensch hätten hier verschwimmen können, da ja beides hier nur funktioniert und nicht irgendwie beseelt scheint. Oder die Besitzverhältnisse hätten auch umgekehrt werden können – wie in dem Satz eben. Der Mensch, der sich zu Sklaven des Vorgartens macht und sich um dessen Bedürfnisse (die eben nur ausgedacht sind) kümmern muss.

sagt irgendwo einer zu niemandem
Diesen Satz finde ich sehr gelungen. Er klingt nicht nur gut, er unterstreicht auch, dass deine Geschichte mehr eine Momentaufnahme ist.

Die Hecken werden wieder zu Tribünen.
Ich finde diesen Satz gut. Da du vorher von Köpfen gesprochen hast, die ab und an hinter den Hecken zum Vorschein kommen, stellt dieser Satz eine gute Konjunktion dar. Wer halb über eine Hecke schaut, dessen Sichtfeld ist begrenzt. Unten ist die Hecke, und darüber findet das statt, was argwöhnisch beobachtet wird – eben wie eine Tribüne. Vielleicht hätte das noch ein bisschen genauer herausgestellt werden können (sofern du das so gemeint hast)?

Ich hoffe, das war hilfreich für dich. Dein Schreibstil ist wundervoll verspielt, und du solltest das weiterverfolgen.

Möglicherweise hat deine nächste Geschichte ja einen Plot, an dem du die Kontinuität deiner Beschreibungen orientieren kannst.

Hab auch den Mut deinen Humor mehr zu nutzen und gezielter einzusetzen – das passt gut zu deinem Stil. Ansonsten ist das eine schöne Geschichte.

Viele Grüße
Scratch

 

Vielen Dank Scratch erstmal für die konstruktive Kritik :)) ich werde später noch genauer darauf eingehen :))

danke lakita , feedback finde ich immer wertvoll . Nur so lerne ich als Neuling :))

 

Danke für diesen unfassbarbaren schönen Kommentartext , genauso habe ich es mir gewünscht und gehofft. Sorry ja ich weiss das es komisch klingt auf mal so viel lob zu streuen . Ist das erste mal das so gezielt und so ausführlich auf meinen Text eingegangen wurde :)) Erst dadurch ist mir aufgefallen wie oft ich ungewußt füllwörter benutze . Danke !! :)

 

Hallo @Ella Sommerhain

es freut mich, dass du mit unseren Kritiken etwas anfangen konntest.
Es gäbe jetzt für dich die Möglichkeit, deinen Text, indem du auf den "Bearbeiten"-Button klickst, direkt zu verbessern.
Sicherlich hast entdeckt, dass dich diese Seite nicht nur mit ausführlichen konstruktiven Kritiken und Feedbacks beschenkt, sondern dass hier auch an den Texten gearbeitet wird.

Erlaube mir, dich noch auf einen anderen wichtigen Punkt dieser Seite hinzuweisen: Wir Wortkrieger leben davon, dass nicht nur Geschichten reingestellt werden, um ein Feedback abzuholen, um dann die nächste Geschichte reinzustellen und so weiter, sondern das alles kann natürlich nur lebendig bleiben, wenn selbst auch Feedbacks erteilt werden. Wobei das häufig genannte Argument, man könne das ja noch nicht, weil man neu und ungeübt sei, insoweit nicht gilt, als alle hier genau so angefangen haben und jeder, der eine Geschichte schreiben kann, sich sehr wohl auch seine eigenen Gedanken dazu machen kann, wie er andere Geschichten sieht, empfindet und was ihm positiv oder negativ auffällt.
Meine Erfahrungen sind die, dass wirklich jedes Feedback einem viel bringt.

Lieben Gruß

lakita

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Ella Sommerhain!

Erst mal einen Gruß an dich und willkommen!

Gleich fiel mir das Lied von Herrn Mey ein: "Irgendein Depp mäht irgendwo immer". (Noch schlimmer ist es, wenn einer Holz mit einer Motorsäge zerkleinert.)
Ich finde deinen Stil außergewöhnlich – und deshalb habe ich den Text gern gelesen, denn wie @lakita bemerkte: Das Thema ist eigentlich zu ausgelutscht, um für sich noch interessant genug zu sein, braucht also eigentlich die satirische Eskalation bzw Übertreibung. Ab einem gewissen Punkt läuft sich das Ding sonst tot, vor allem, weil es mit der 'Du'-Perspektive und den vielen 'man'-Formulierungen schwierig wird, den Leser drinzuhalten (meine ich), sodass es einzig die Hoffnung auf weitere schöne Formulierungen war, die mich hielt. Aber dazu später mehr.

Es ist so ein spätfrühlingsiger Vororttag
Ja nee, stell dir vor, du musst das vor Publikum lesen. Was denkst du, passiert?
Es ist so ein spätfrühlingsiger Vororttag, an dem die Sonne das erste Mal ernst macht, aber der Wind noch April spielt, und alles riecht nach nasser Erde, nach frischem Grün und ganz bisschen nach „hier stand gestern noch Winter rum“.
... zumal der Rest dieses ersten Satzes ziemlich gelungen ist. Aber spätfrühlingsiger Vororttag ... schwierig!

Der Löwenzahn dagegen wirkt schon jetzt, als hätte er einen Mietvertrag plus Haustierhaltung.
Oft mag ich deine Formulierungen, die Haustierhaltung war mir indes zu abwegig. Und ohne die klingt der Satz stark und genügt.

und du siehst, wie ein Hund einmal den Kopf hebt, so „ernsthaft?“, und wieder wegdreht.
Schöne Szene, Idee. Aber leicht unklar. Da lohnt sich wohl ein ganzer Satz: Wie ein Hund den Kopf hebt, als frage er "Echt jetzt?" – und ihn gleich wieder wegdreht (oder so ähnlich).


Dann laufen sie los, die Mähenden. Die Haltung wird ernst, aber nicht heroisch, eher so: jetzt wird das hier geregelt. Schultern gerade. Blick nach vorne. Der Mäher zieht los, vor und zurück, dann wieder vor, dann zurück, nicht schnell, nicht hektisch, so gleichmäßig, dass du merkst, wie das im Kopf beruhigt, obwohl die Ohren gerade was anderes sagen, und dann zieht einer einmal schief, nur minimal, aber man sieht’s, und er korrigiert sofort so übertrieben, zu hektisch, zu perfekt Er bleibt stehen. Blickt auf die Spur. Blickt nochmal. Macht’s neu. „Ach, egal.“ Und fährt exakt dieselbe Bahn nochmal.
Das ist gelungen; das Problem mit dieser "Du"-Perspektive und dem unbestimmten Fürwort 'man' statt eines persönlichen Erzählers, der sich zeigt, ist: Es geht nur eine Weile gut; wenn es zu lang so geht, nutzt es sich ab. Bis hierhin wars lustig, aber allmählich ... hätte ich was Neues gewollt – oder ein baldiges, pointiertes Ende.


während er so tut, er suche nur nach seinem Gartenschlauch
... als suche er nur ... ?

Dann steht man da, schaut rüber, ganz beiläufig, so unschuldig, dass es schon frech ist. Wie kurz ist der da drüben. Welche Streifen. Und hat der… vertikutiert. Das Wort fällt selten laut, weil es sonst zu ehrlich wird. Man würde ja fast zugeben, dass das hier mehr ist als nur Gras.
Nun schauen sie alle, schauen zu den anderen rüber, ganz beiläufig, unschuldig, dass es schon frech ist.

Und für einen Moment ist es wirklich ruhig genug, dass du wieder Vogelgezeter hörst, irgendwo Kinderstimmen, irgendwo eine Fliege, die sich für dein Glas interessiert.
Die Fliege gefällt mir sehr.

Allerdings, wie oben erwähnt, hätten so peu a peu aus den vielen 'mans' – Leute werden können ... der Herr Meyer und die Frau Müller ... und die hättest du dann in eine Eskalation führen können; das geht natürlich nur, wenn du dieser anonymen Masse an Mansonen die Überführung in Personen gestattest, die ausdifferenzierte Eigenschaften zeigen und sich somit in die Quere kommen können. ... das allgemeine Geschehen sich also in unterschiedliche konkrete Aktionen und Reaktionen differenziert.

Nur dass unten drunter das Gras schon wieder anfängt. Ganz leise. Ganz frech. Du weißt genau, wie das läuft. Jede Woche ist mir zu viel. Egal ob nach einer Woche oder nach zwei: irgendwann geht es wieder los. Nächstes sonniges Wochenende. Die Hecken werden wieder zu Tribünen. Und irgendwo geht Garage 12 wieder auf. Und es ertönt wieder der „Lockruf der Rasenmäher“: brrrRRRrrrrr… WIIIIIIiiiiii.
Der Schluss ist mir etwas zu lang. Ich würde an deiner Stelle einfach bei der Idee mit dem Gras bleiben. Es wächst wieder, leise, frech, streckt sich entgegen der Ordnung nach oben usw und Ende. (Das mit dem frechen Gras ist ohnehin die stärkste Idee im Absatz, der Rest schwächt sie nur ab).

Was den Text 'rettet', sind die vielen witzigen Formulierungen. Das reicht aber nicht ganz für seine Länge, in diesem Stil. Ohne die Eskalation mit Personen (oder einem 'echten' Erzähler) müsste der also deutlich kürzer sein, das geht. Oder du trittst noch mal aufs Gas und führst diese akustischen Umweltverschmutzer in eine finale Schlacht.

Außerdem könntest du noch ein wenig 'feinarbeiten' dran, denn manche Sätze enthalten unnötige, auch nicht lautmalerisch begründbare Wiederholungen oder unsaubere Wechsel des Subjekts – am besten, das Ding ein paar Wochen liegen lassen und dann noch mal drübergehen.


;)

Spaß gemacht hat’s aber, bin gespannt auf mehr von dir.

Gruß
Flic

 

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