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Chaltouva Blues
In dieser Nacht lieh ich mir den Corsa meiner Mutter und fuhr mit L. auf den Parkplatz hinter dem Schützenverein, aber dort gab es eine Feier mit lauter Musik und Bier.
Zu viele Menschen, sagte sie. Zu viele Augen.
Also fuhren wir auf die Wiesen vor der Stadt, wo es nur die Augen von Kühen gab.
Es begann wie ein normales Gewitter. Heftiger Regen. Donner. Dann traf uns der Blitz.
Ein Knall, es wurde sehr hell und roch plötzlich nach verschmortem Plastik.
Wir zogen uns an und warteten darauf, dass der Regen nachlässt.
Der Corsa war natürlich hinüber, und die Versicherung wollte nicht bezahlen.
Meine Mutter war der Meinung, ich sei Schuld.
Zwei Tage später sagte L., irgendetwas sei passiert in dieser Nacht.
Sie fühle sich so stark seitdem.
Sie fühle sich so, als ob niemand ihr etwas anhaben könne.
Sie habe Superkräfte.
Ich glaube dir nicht, sagte ich. Beweis es mir.
Diesmal nehmen wir den Wagen von meinem Vater, sagte L.
Ich erinnere mich an das Gefühl von Schwerelosigkeit, an den kurzen Moment, als die Reifen den Kontakt zum Asphalt verlieren. An L. , die aus dem Seitenfenster kriecht, ihre Stimme wird leiser, wieder lauter. Sie kommt zurück, um mit ihrem Handy ein Foto von mir zu machen. Da ist Glas überall; auf meinem Gesicht, in meinem Mund. Der Rettungssanitäter, der mich wenig später aus dem Wrack zieht, kann mich kaum ansehen. Meine Augenlider sind fast abgerissen, es wird ein halbes Jahr dauern, bis alles verheilt ist. Davon erzählt er sicher noch heute: von dem Typen ohne Augenlider, der dachte, er habe Superkräfte.
Wenn ich meine Mutter besuche, sehe ich L. manchmal. Seit der Sache haben wir kaum miteinander geredet. Sie sieht mich dann immer mit diesem Blick an: Du konntest mich nicht ficken und hattest auch keine Superkräfte. Da ist eine Menge Metall in ihrem Körper, das Metall hält ihren Körper zusammen. Meine Mutter fährt schon lange kein Auto mehr; sie sitzt im Rollstuhl, aber ich wette, wenn sie noch fahren würde, dann keinen Corsa. Sie gibt mir die Schuld an dieser Sache, wie sie mir die Schuld an allem anderen gibt.
Nur wenige schaffen es aus der Stadt, die meisten bleiben. Ich nehme jedesmal die gleiche Straße, zweispurig und schlecht asphaltiert. Kurz vor dem Scheitelpunkt der Kurve steht ein Verkehrsschild, 50 km/h, leuchtend rot umrandet, ein letztes Ausrufezeichen. Uns wird nichts passieren, sagte sie. Du hast auch Superkräfte, vergiss das nicht.
Als ich damals im Krankenhaus lag, den Körper voller Schmerzmittel, die Augen verbunden, wie blind, da habe ich L. in meinen Träumen gesehen, wie sie auf mir sitzt, nackt, und mit ihrem brandneuen Mobiltelefon immer neue Photos von mir schießt.
Ich liebe dich, sage ich, und sie lächelt und sagt: Halt still.
