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Dekonstruktion eines Notfall-Protokolls
Dienstag, 12.30 Uhr. „Sie waren mal Opfer und deshalb landen Sie heute vielleicht oft wieder in der Opferrolle“, sagt meine Therapeutin. Ich suche ihren Blick und spüre eine Welle durch meinen Körper rauschen.
Wie Opfer? Was für Opfer?
Code-Rot: Gedanklich tauche ich ab in mein perfekt aufgestelltes Großfamilien-System. Die Alarmanlage springt an und meine Systemgeister kommen aus allen Ecken gekrochen. Antritt, Marsch:
Was hat sie gesagt? Die spinnt ja wohl!
Meine Systemgeister stecken die Köpfe zusammen und halten sich gegenseitig an den Schultern fest. Niemand kommt hier rein oder raus. Geheimhaltung! Atomschutzbunker!
Sie hat Opfer gesagt, das geht nicht. Sag ihr das! Darfst auch wütend sein, hat sie selber gesagt. Grenze ziehen! Mauer hoch! Stein auf Stein, Stein auf Stein. Ruhig bleiben. Nein ich bleib nicht ruhig, das ist ungerecht.
Niemand hier hat die Absicht, ein Opfer gewesen zu sein. Wir sind doch kein Opfer! Nein, wir sind die Bergrettung. Wie kann sie das bitte denken, ich bin so enttäuscht. Herrje, sie ist noch in Ausbildung, habt doch Nachsicht! Die peilt es nicht! Stopp! Sie darf sich auch mal irren, sie ist ein Mensch. Und Menschen irren sich. Dann erkläre es ihr. Schhhhhhhhhhhh.
Das, liebe Leserinnen und Leser, ist das Notfall-Protokoll eines 43-jährigen Systems, das sich niemals etwas vormachen lässt. Das bin ich. Eingebettet in ein überengagiertes Sicherheitsteam, das wegen eines einzelnen Wortes den nationalen Notstand ausruft. Und während dieses ganzen Happenings sitze ich gerade und ruhig in meinem Stuhl. Lächle freundlich und bleibe die allerbeste Patientin, die man sich vorstellen kann. Denn ich bin weder kompliziert noch habe ich jemals etwas falsch verstanden.
Während ich nach außen routiniert den Hausfrieden wahre, herrscht innen Katastrophenalarm. Die Therapeutin würde davon wohl niemals erfahren.
(Nach Kritik etwas umgearbeitet am 11.06. 07:43 Uhr)