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Der Puppenspieler

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09.09.2015
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Der Puppenspieler

Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so allgegenwärtig, ich spüre, wie sie sich an mich schmiegt, mich streichelt. Ich habe mich in meinem Leben verlaufen und fühle in den stillen Momenten, dass ich den Weg wieder finden kann.
Keine Sekunde länger konnte ich neben Chris liegen bleiben. Seine gleichmäßigen Atemzüge, nur von einem Röcheln unterbrochen, haben mich immer unruhiger werden lassen.
Ein Becher mit heißem Kaffee steht vor mir auf dem Tisch, daneben liegt das Tagebuch, die jungfräulichen Seiten bereit, die Gedanken aufzunehmen. Mein Blick klebt an dem braunen Fleck auf der frisch geweißten Wand. Ein bizarres Gebilde, das Bände spricht, über mich, über ihn, über unsere Ehe. Der Kaffeefleck ähnelt einem Phönix, der aus der Asche steigt, und er macht mich traurig, weil ich ahne, dass ich keine bin, die wieder aufsteht, wenn sie einmal am Boden liegt. Nein, ich bin eine, die sich wegduckt und die Scherben einsammelt, eine, die stumm bleibt, wenn sie schreien sollte.
Ich greife zum Bleistift und beginne zu schreiben, erst unsicher, doch mit jedem Wort wandelt sich der Aggregatzustand der Erstarrung um. Es braucht immer zwei. Einer liegt oben, einer unten. Der eine gibt, der andere nimmt. Leben und lieben, sterben und Streit. Wie weit kann man einen Menschen verbiegen, bis er zerbricht. Bis sein Wille verbrennt, nur Asche bleibt? Und die Liebe schaut zu. In guten wie in schlechten Tagen.

Als ich die WC-Spülung rauschen höre, verstecke ich das Tagebuch in einem der Umzugskartons. Chris schlurft in die Küche. Er dehnt sich und gähnt. „Gibt es noch Kaffee?“, fragt er, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich rittlings darauf, direkt neben mich. Er schaut auf den Kaffeefleck an der Wand. „Wegen gestern“, sagt er. „Das wollte ich nicht.“
Ich weiß, dass mein Mann an seine Grenzen stößt. War etwas viel in letzter Zeit für ihn. Der Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug hierher.
Er greift nach meiner Hand, dreht die Handfläche nach oben. „Tut’s noch weh?“ Er küsst die Fingerspitzen.
„Ach, der kleine Schnitt. Da sterb ich schon nicht von.“
„Tut mir leid, Liebes. Kommt nicht wieder vor.“
„Und die Wand?“
„Keine große Sache. Samstag hab ich Zeit für.“
Er gibt die Hand frei und küsst meine Stirn. „Du kannst doch schreiben. Mach was draus!“ Seine Nase berührt meinen Scheitel, gräbt sich in mein ungewaschenes Haar. „Was geht in deinem schönen Köpfchen nur immer so vor sich, hm?“ Er spürt, wie ich mich versteife und fragt: „Was is?“
„Was soll sein?“
Er steht auf, der Stuhl fällt um. Seine Augen funkeln. „Du kannst nicht anders, was?“
Ich sehe, wie sich sein Mund öffnet und schließt, stelle mir vor, wir wären Marionetten und hingen an Fäden, die von einem Puppenspieler gezogen würden. Lippen, Arme und Beine gehorchten nicht unserem Willen. Wir hätten keinen Einfluss darauf, was wir sagen und tun. Er nicht. Ich nicht.
Auf dem Weg ins Bad dreht er sich noch mal um. „Glaub mir, der Zug ist abgefahren.“ Chris lächelt. Er lächelt wie Paps.


Ich öffne die Jalousie im Arbeitszimmer. Der Tag hockt grau und bedrohlich im Garten. Durch den Nebel verwischen die Konturen der Beete und Hecken. Das Alpenveilchen auf der Fensterbank braucht Wasser und lässt seine Köpfe hängen. Das Grünzeug meiner Kindheit, überall stand es in der Wohnung herum. Mutters Leidenschaft: Nur in den Untersetzer gießen, hörst du! Sonst verfault die Knolle.
Das Handy klingelt, auf dem Display erscheint Alex. Sie zeigt ihre weißen Zähne.
„Hey, Süße, du lässt ja gar nix hören von dir. Wie geht’s dir denn?"
Ich bin froh, dass sie anruft. „Prima, alles prima. Das Haus ist wunderschön, viel schöner als auf den Fotos. Und der Garten. Da kann ich mich richtig austoben.“
Sie erzählt mir von ihrer neuen Eroberung. Marcel heißt der Glückliche, der zurzeit das Bett mit ihr teilt und ihre kalten Füße wärmt. Alex lacht und ich stelle mir vor, wie sie ihren Kopf dabei in den Nacken wirft. Ich schwärme von der Landschaft, den Bergen, den neuen Nachbarn, die ich noch gar nicht zu Gesicht bekommen habe. Sage, dass ich auf den kleinen Empfang heute Abend gespannt sei, bei dem ich den Chef von Chris kennenlernen werde.
„Apropos Chris, wie macht er sich?“
„Wie immer halt. Kennst ihn doch.“ Mein Hals wird trocken, ich krächze: „Er gibt sich Mühe.“
„Hallo, ich bin es. Mir brauchst du nix vorzumachen.“
„Wir haben alles Im Griff, Alex. Du verstehst das nicht.“
„Da hast du recht. Ich begreife nicht, warum du dich von ihm so gängeln lässt.“
Ich will ihr erklären, dass ich nicht anders kann. Aber das haben wir schon durchgekaut, unsere Gespräche drehen sich immer im Kreise. „Sorry, Alex. Es hat geklingelt. Ich melde mich wieder.“
Bevor ich die rote Taste drücken kann, höre ich sie noch sagen: „Pass auf dich auf!“

Ich nehme die Gießkanne und kippe einen Schwall Wasser auf die Blätter und die Knolle des Alpenveilchens, beobachte, wie sich die Blumenerde vollsaugt.


Der Schaum prickelt, als ich in die Badewanne steige. Es duftet nach Zitrusfrüchten. Ich versuche, mich zu entspannen, mich auf den Abend einzustimmen, alles Störende aus meinem Kopf zu verbannen. Ich sitze am Schreibtisch, starre auf den Monitor, will die Bewerbung, meinen Lebenslauf löschen. Alex ruft an. Mutter steht mit hängenden Schultern auf dem Gartenweg und Paps lächelt, dann nimmt er seinen Koffer und schiebt mich zur Seite. Chris holt aus und wirft ihm die Kaffeetasse hinterher.
Die Haustür fällt ins Schloss, ich zucke zusammen. Schlüssel klimpern in der Keramikschale. Obwohl wir erst vor wenigen Tagen eingezogen sind, kann ich die Geräusche deuten. Chris ruft nach mir, findet mich im Bad und starrt mich an, als hätte er vergessen, wie ich nackt aussehe.
„Und, wie war dein Tag?“, fragt er.
„Ja, ganz okay. Alex hat angerufen. Und deiner?“
„Entspannt geht anders“, sagt er, als er die Krawatte lockert. „Was wollte sie denn?“
„Ach, nix Bestimmtes, ein bisschen quatschen halt.“
„So, so!“ Er zieht das Hemd aus und stopft es in den Wäschekorb. „Sie wollte dich nicht ganz zufällig wieder mal bekehren?“
„Weißt doch, sie will nur mein Bestes.“ Meine Worte verschmelzen mit dem Wasserdampf und schweben im Raum.
„Dass du dich da mal nicht irrst“, sagt er und grinst, während er mich im Spiegel beobachtet.
„Wie meinst du das?“
„So, wie ich es sage.“ Er schaut auf die Armbanduhr. „Ich rasier mich schnell, und dusch nur.“ Er öffnet die mittlere Schublade und stutzt. „Wo ist mein Rasierapparat?“
Verdammt, die Sachen hab ich vergessen. „Eigentlich müsste er da sein.“
„Und wo ist er dann? Soll ich wieder die stumpfe Klinge nehmen?“
„In der untersten Schublade?“, frage ich und hoffe auf ein Wunder.
„Da is nix.“ Seine Stimme bebt. Wie so oft in letzter Zeit hat er sie nicht unter Kontrolle.
„Hab ich wohl einen Karton übersehen“, sage ich. „Schau doch bitte in der Küche nach!“
Er kommt zurück mit einem Umzugskarton, auf dem mit schwarzem Edding BAD geschrieben steht, und kippt ihn auf die Fliesen. Zwischen Schampon, Haarspray und anderen Utensilien kommt der Rasierer zum Vorschein. Mir wird schlecht.
„Eigentlich müsste er da sein“, äfft er mich nach. Die Stimme ist nur ein Flüstern. „Aber die Busenfreundin geht ja vor. Diese Bitch. Da bleibt natürlich keine Zeit für anderes.“ Er spuckt die Worte auf den Boden, direkt neben mein Tagebuch.
„Lass Alex da raus!“, sage ich und bereue meinen Ton sofort, als ich seine Augen sehe, die nur noch zwei glühende Kohlen sind.
Chris bückt sich nach dem Heft, blättert durch die Seiten und liest. Für einen Moment will ich glauben, dass ich ihm den Blick in mein Innerstes gewähren muss. Dann wird er mich endlich erkennen.
Chris macht das Badezimmer zur Bühne, hält mein Tagebuch mit ausgestrecktem Arm weit von sich und rezitiert: Es braucht immer zwei. Einer liegt oben, einer unten. „Also wirklich, du warst auch schon geistreicher.Er lacht und spricht weiter: Und die Liebe schaut zu. In guten wie in schlechten Tagen. „Das ist gut. Doch. Ein bisschen aufgeblasen, aber gut.“
Er lacht wieder. Das Lachen meines Vaters, das die Augen nie erreichte. Dann kommt er auf mich zu, er lässt sich Zeit. Ich ziehe den Kopf ein, meine Unterlippe zittert. Er soll meine Schwäche nicht sehen, doch ich kann sie nicht vor ihm verstecken.
Von hinten legt er die schönen schmalen Hände auf meine Schultern, beginnt zu kneten. Ich schließe die Augen, halte die Luft an und bereite mich vor. Alles, was ich in diesem Moment weiß, ist, ich muss still sein. Mit einem Mal hält er inne, der Druck seiner Hände lässt nach. Als ich die Augen öffne, steht Chris vor dem Spiegel und beginnt mit der Rasur.


„Bist du endlich fertig? Wir kommen noch zu spät!“ Chris taxiert mich, doch er spart sich einen Kommentar. Das Haar habe ich hochgesteckt, das Gesicht geschminkt. Ich trage das royalblaue Seidenkleid. Das mag er an mir.
Chris drückt mir die Autoschlüssel in die Hand.
„Mit den Schuhen?“
„Logisch. Womit sonst?“, sagt er und ist schon an der Beifahrertür – ein schmales Lächeln auf den Lippen.
Wir steigen gleichzeitig ein. Als ich den Schlüssel ins Schloss stecken will, rutscht er mir aus den Händen und fällt auf die Fußmatte. Nachdem ich ihn ertastet habe, richte ich mich verschwitzt auf. Haarsträhnen haben sich gelöst. Der Wagen springt an, als wäre nichts gewesen. Ich stoße rückwärts aus der Garage, bleibe nirgends hängen, schramme keinen Pfeiler und auch mein Herz bleibt nicht stehen, sondern es trommelt weiterhin in meinem Hals.
Wir schweigen, nur, wenn ich nicht schnell genug in den höheren Gang schalte, stöhnt Chris auf. Ich konzentriere mich, versuche die tanzenden Rücklichter und blendenden Scheinwerfer zu ignorieren.
„Musst du so rasen?“ Er beobachtet jede meiner Bewegungen. Ich fühle mich seziert, in feine Scheiben geschnitten, präpariert, zur Schau gestellt.
Ich reduziere die Geschwindigkeit, obwohl ich genau im Tempolimit liege und höre mich sagen: „Wir sind doch spät dran. Oder nicht?“
„Also echt, du fährst ja noch schlechter Auto als deine Freundin Alex.“
„Woher willst du das wissen?“
„Drück schon auf die Tube! Schläfst ja gleich ein.“ Er ruckelt mit dem Oberkörper vor und zurück, und ich denke an die letzte Nacht, in der seine steifen Bewegungen denen einer Holzpuppe glichen.
Die Tachonadel springt auf die Einhundert. Chris stöhnt erneut.
„Sag schon! Was ist mit Alex?“, frage ich.
„Schau auf die Straße!“
Wenn ich mich nicht täusche, würde in Kürze die Kurve in Sicht kommen. Ich gebe Gas.
„Bist du irre?“
Der Puppenspieler ist bei uns. Er führt Regie und bewegt meinen Mund. „Nein. Ich war lange nicht so klar bei Verstand. Was ist mit ihr?“
Ich trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die Sekunden pulsieren, dehnen sich zu einem gigantischen Universum aus, in dem es dunkel und ganz still ist.
„Nichts. Nichts ist mit ihr.“

Die Stille ist allgegenwärtig, bis Chris sie durchbricht: „Bremsen! Brems doch!“, schreit er.
 
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16.04.2016
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Hallo @peregrina

Deine Geschichte hat alles, was eine ordentliche Kurzgeschichte benötigt; zwei Figuren, durch deren Anlagen der Konflikt bereits vorprogrammiert ist, die Steigerung bis zum großen Knall, und ein angemesenes Tempo der Entwicklung. Das Ende bleibt offen, angesichts der gewählten Perspektive müsste logischerweise mit dem Überleben der Erzählerin gerechnet werden. Das ist gutes Handwerk - keine Frage.
Dem Inhalt kann ich nicht viel abgewinnen. Hier gibt es zwei Figuren, die streng nach Klischee agieren. Der typische Arsch, der aber auch so richtig Arsch ist und das leidende Opfer, das selbst den Befreiungsschlag so inszeniert, dass es in der Opferrolle bleibt. Mit keinem kann ich mich indentifizieren, oder ihr Verhalten auf persönlicher Ebene nachvollziehen. Dabei geht es mir nicht darum, ob es solche Traumpärchen nun in der Realität gibt oder nicht. Es ist mir langweilig, über solche Paare zu lesen.
Anfangs war ich durchaus geneigt, mich auf den Text einzulassen. Es schien mir, dass ein normaler Kerl angesichts äußerer Umstände die Kontrolle verloren hätte. Der anschließende Umgang mit der Situation beinhaltet Potenzial für eine Auseinandersetzung mit menschlichen Schwächen und Fehlern, mit der Frage, was kann oder darf man verzeihen und wo ist die Grenze.
Aber dann, Zitat: [Doch er ist schneller als ich. „Dass du mich aber auch immer so provozieren musst!“ ], wird deutlich wohin die Reise geht. Der toxische Mann mit seinem patriarchalischem Anspruch auf die Herrschaft über das gutmütige, hilflose Weibchen. Er ist unfähig, Fehler einzugestehen, besitzt keine Fähigkeit zur Selbstreflexion - er ist egoistisch bis zum Erbrechen.
Sie ist lieb und doof. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso sie nicht einfach geht und statt dessen beider Leben gegen den Baum knallt. Tja, damit wird ein Bild von Frauen und Männern gemalt, das sowohl die Vorurteile von Machos, als auch derHardcore Feministen bestätigt.
Sicher gibt es solche Konstellationen. Aber was will die Geschichte sagen, außer das, was man in den angesprochenen Kreisen ständig lesen und hören muss.
Eine differenziertere Darstellung der Figuren wäre meiner Meinung nach interessanter und auch förderlicher, falls es hier zwischen den Zeilen um die Frage von Gleichberechtigung in der Familie gehen sollte.

Eine stilistische Sache noch:
"Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so laut und allgegenwärtig, dass ich spüre, wie sie auf meine Schultern drückt. "
Das Bild der lauten Stille ist mittlerweile arg strapaziert worden und gerade als Einstieg finde ich es zu abgedroschen.

Schöne Grüße
Kellerkind
 
Senior
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08.07.2012
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Hallo Peregrina, von der Stilistik her ist das sehr reif, handwerklich gut gemacht. Allenfalls kleinere Sachen fallen mir da auf wie:

Der Kaffeefleck ähnelt einem Phönix, der aus der Asche steigt, und er macht mich traurig, weil ich ahne, dass ich keine bin, die wieder aufsteht, wenn sie einmal am Boden liegt. Nein, ich bin eine, der es im entscheidenden Augenblick an Intuition und Weitblick fehlt.

Die Attribute einer Person, die aufsteht, wenn sie am Boden liegt, sind nicht unbedingt Intuition und Weitblick. Deshalb ist die Kombination dieser beiden Sätze ein wenig irritierend, auch wenn dann später erklärt wird, wie es zu dem Kaffeefleck kam.

Die Charaktere und Beziehungsverhältnisse sind prägnant gezeichnet. Insbesondere das Drohende, Lauernde der geschilderten Situation hast Du gut herausgearbeitet. Dafür auf jeden Fall einen Daumen hoch.

Jetzt aber zum Inhaltlichen. Ich habe Kellerkinds Kommentar gelesen und sehe den Kerngehalt der Geschichte ähnlich problematisch. Zwar finde ich es nicht direkt langweilig, solche asymmetrischen Paare zu beobachten (eher ärgerlich), aber es fehlt mir dann doch die zweite Ebene.

Figuren werden ja gerade durch ihre Ambivalenz interessant. Doch die Erzählerin ist hier eben nur Opfer und Objekt und die männliche Figur ist nur Täter und Subjekt. Der Mann terrorisiert seine Frau. Nicht mit Mitteln offener Gewalt (allerdings wäre auch das ihm zuzutrauen), aber immerhin durch psychische Gewalt wie Bedrohung, Spott, Erniedrigung usw.

Er ist ja nicht einfach nur ein grummliger Typ, sondern jemand, der seine Partnerin geradlinig zum Objekt macht. Umgekehrt ist die Erzählerin das reine Opfer. Natürlich gibt es solche Personen in der Realität und solche Paare auch, aber für eine Geschichte geben sie nicht viel her, wenn sie nicht über ihre Grenzen hinausgehen.

Klar, da ist dieses extreme Ende, der finale Befreiungsschlag. Aber selbst diese Geste des Widerstands beinhaltet die Selbstopferung, denn die Erzählerin kann nicht damit rechnen, dass sie den Unfall überlebt. Das wäre allenfalls Glück. Das bedeutet, selbst jetzt verharrt sie in ihrer devoten Haltung, kann sich nicht vom Objekt zum Subjekt befreien, nicht emanzipieren. Denn bei Vernunft betrachtet rechtfertigt das Töten des Mistkerls ja nicht den Suizid. Es ist eine reine Affekthandlung, keine wirkliche Befreiung.

Und was sagt die Geschichte damit aus? Wenn man es hart ausdrückt, sagt sie: Frauen, ihr werdet immer die Sklaven der euch unterdrückenden Männer bleiben. Widerstand ist allenfalls durch Selbstopferung möglich.

Hinzu kommt dieser titelgebende Verweis auf einen allmächtigen Puppenspieler. Nicht die Menschen lenken ihr Schicksal, sie sind nur Puppen an den Fäden eines herzlosen Spielers. Das ist sehr fatalistisch und lässt nicht viel Raum für Hoffnung, Kreativität und Schönheit.

Eine klassische Forderung an Literatur ist Allgemeingültigkeit. Nimmt man diese klassische Forderung ernst, dann wird hier in dieser Geschichte nicht die Ausnahme sondern die Regel beschrieben. Und insofern ist sie problematisch, denn die »Message« erscheint fragwürdig.

Ich sehe also zwei Defizite, erstens ein handwerkliches (mangelnde Ambivalenz der Figuren und Verhältnisse) und zweitens ein inhaltliches (fragwürdige Prämisse). Dennoch fand ich das Ganze gut zu lesen und freue mich auf Deine nächste Geschichte.

Gruß Achillus
 
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28.12.2009
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Hallo @peregrina

Sorgfältig gearbeitet, das fällt mir als Erstes ein. Man spürt beim Lesen, dass du dir Mühe gegeben hast. Was mir fehlt - ein guter Grund. Warum ist er so zu ihr? Was hat sich da eingeschliffen? Seit wann? Der Prozess, dass diese Beziehung so wurde, wie sie ist, die müsstest du als backstory noch einweben, sie muss nicht konkret benannt werden, aber sie muss spürbar sein. Umzug, Chefsessel, plötzlich ist er das asshole of the year, das muss mir gezeigt werden. Stress reicht da nicht. Da kommen, unter solchen Situationen, ja oft die wahren Wesenszüge eines Menschen zutage, das müsste ambivalenter sein. Sie auch: Was tut sie, warum bringt sie so in Rage? Und um diese Angst zu rechtfertigen, dieses suspense, da muss mehr passiert sein als einmal die Kaffeetasse werfen. Er muss sie vermöppt haben, oder aber sie tatsächlich bedroht. Dann würde diese Fallhöhe entstehen, die du brauchst. Einmal die Wandlung des Charakters, warum wird derjenige so, wie er ist? Und der Konflikt, was bringt ihn dazu? Sie reagiert nur, ist passiv, dadurch wirkt sie auch blass, ihre Aktionen, dieses Schreiben, wie eine Flucht. Das ist sicher von dir gewollt und auch gut, aber da brauchst du eben auch einen Konterpart. Dazu passt auch das Ende, das ist irgendwie so drangepappt, da höre ich das erste Mal von diesem Puppenspieler, der taucht einfach so auf, schwubbeldidubb. Da nimmst du der Person, der Erzählerin auch etwas die Ernsthaftigkeit. Für so etwas brauchst du Mut, und diesen Mut hat sie, also solltest du sie auch bewusster zeichnen, sie macht das nicht ohne Grund.

Stil: Mir sind das zu viele Adjektive. Du könntest den Text ruhig mehr atmen lassen, und vielleicht auch im Sinne einer größeren Langsamkeit entpacken. Mehr Raum, mehr Strecke.

Gruss, Jimmy
 
Wortkrieger-Team
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07.09.2014
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Liebe @peregrina,

du schreibst aus der Sicht einer Frau, die sich absolut ohnmächtig fühlt. Bisher habe ich zwei Frauen näher kennengelernt, die sich so haben behandeln lassen und in mir ähnliche Gefühle ausgelöst haben, wie die Frau in deinem Text, auch Wut über ihre Unterwürfigkeit und Angst um sie und immer wieder die Frage: Warum geht sie nicht?
Sie erkennt zwischendurch, was da zwischen ihnen passiert, analysiert ihre Situation, distanziert sich von ihm in Gedanken, im Schreiben und ist dann wie hypnotisiert, wenn er den Raum betritt. Diese Gedanken, die sie zu dem Puppenspieler hat, doppeln das Thema der Machtlosigkeit und ich stelle mir vor, dass das ein Grundlebensgefühl von ihr ist, dass der Puppenspieler, der hier ja für eine Art Gott steht, in Wirklichkeit die Person ist, mit der sie schon früh ihre ersten Gewalterfahrungen hatte, so früh, dass sie heute zwar mit dem Verstand einen Ausweg sucht, aber instinktiv immer das tut, was sie mal gelernt hat, um zu überleben: Erstarren. Und im Alltag: sich ducken, versuchen es recht zu machen, ihn hassen, unter ihm leiden, ihn entschuldigen und um seine Liebe kämpfen. Für mich stellst du dieses Lebensgefühl überzeugend und sprachlich dicht dar. Du schreibst nichts von Vergangenem, was sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Auch nichts von dem, was außer der Kaffeetasse noch passiert ist, dass sie solch panische Angst vor ihm hat. Man spürt es zwischen den Zeilen, aber vielleicht täte die eine oder andere Andeutung noch gut.


Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so laut und allgegenwärtig, dass ich spüre, wie sie auf meine Schultern drückt. Doch ich brauche sie, weil sie mir hilft, mich halbwegs in meinem Leben zu orientieren, in dem ich mich verlaufen habe.
Vielleicht wäre es sogar packender, gleich mit dem nächsten Absatz zu beginnen. Das Fettgedruckte zumindest, finde ich doppelt gemoppelt und entbehrlich.

Keine Sekunde länger konnte ich neben Chris liegen bleiben. Seine gleichmäßigen Atemzüge, nur von einem leisen Röcheln unterbrochen, haben mich immer unruhiger werden lassen. Ein Becher mit heißem Kaffee steht vor mir auf dem Tisch, daneben liegt das Tagebuch, die jungfräulichen Seiten bereit, meine unsortierten Gedanken aufzunehmen. Mein Blick klebt an dem braunen Fleck auf der frisch geweißten Wand. Er spricht Bände, über mich, über ihn, über unsere Ehe. Ich kann ihn deuten wie ein Psychologe das bizarre Gebilde eines Rorschachtests.
"Jungfräulich" und "Frisch geweißte Wand" haben sowas Ähnliches, "unsortiert" empfinde ich etwas umständlich. Ansonsten finde ich diesen Abschnitt und die Idee mit dem Fleck großartig.


Der Kaffeefleck ähnelt einem Phönix, der aus der Asche steigt, und er macht mich traurig, weil ich ahne, dass ich keine bin, die wieder aufsteht, wenn sie einmal am Boden liegt.
Schön. Traurig.


Chris schlurft in die Küche. Mit den verstrubbelten Haaren sieht er aus wie ein Schuljunge. Er dehnt sich und gähnt. Dann zieht er sich einen Stuhl heran und setzt sich rittlings darauf, direkt neben mich. Erst mustert er mich, dann schaut er auf den Kaffeefleck an der Wand. „Wegen gestern“, sagt er. „Das wollte ich nicht.“
Der Satz mit dem Schuljungen tut dem Text gut, zeigt noch eine Nuance mehr von ihm und von ihren Gefühlen für ihn.

Ich weiß, dass mein Mann momentan an seine Grenzen stößt. War etwas viel in letzter Zeit für ihn. Das Streben nach dem Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt.
Hier könntest du etwas anschaulicher werden. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass sie "fremde Stadt" denken würde. Da müßte ein Name hin. Oder, statt "Hauskauf", "der Ärger mit dem Architekten" oder sowas. Gerade der Aspekt, dass sie sein Verhalten entschuldigt, finde ich sehr typisch. Dafür könnte es noch mehr Aufhänger geben.

Er lächelt und wirkt zufrieden. „Und denk dran, heut Abend will ich mit dir angeben.“
Das Fettgedruckte könnte weg. Sein Satz ist mir etwas zu plakativ "Fiesling".


Die Haustür fällt ins Schloss, Schlüssel klimpern in der Keramikschale. Obwohl wir erst vor wenigen Tagen eingezogen sind, kann ich die Geräusche deuten. Sie verraten Nervosität und Wut.
Ich denke, sie kann immer seine Geräusche deuten. Guter Punkt übrigens, diese feinen Antennen. Eigentlich müßte sie sofort nach dem Handtuch greifen.


Widerwillig zieht er sie auf. „Da is nix.“ Seine Stimme bebt. Wie so oft in letzter Zeit hat er sie nicht unter Kontrolle. Und damit kann er nicht umgehen.
Entbehrlich?

Für einen Moment will ich glauben, dass ich ihm den Blick in mein Innerstes gewähren muss. Dann wird er mich endlich erkennen.
Völlig krass, aber merkwürdig glaubhaft, sehr kindlich.

Alles, was ich in diesem Moment weiß, ist, ich muss still sein.
Erstarrung. Das finde ich sehr dicht.

Als ich den Schlüssel ins Schloss stecken will, rutscht er mir aus den zitternden Händen und fällt auf die Fußmatte. Nachdem ich ihn endlich ertastet habe, richte ich mich verschwitzt auf. Haarsträhnen haben sich gelöst.
Sie hat so furchtbare Angst vor ihm, da ist mehr passiert als eine Kaffeetasse.

Er ruckelt mit dem Oberkörper vor und zurück, und ich denke an all die Nächte, in denen seine steifen Bewegungen denen einer Holzpuppe glichen.
Da gibt es diese Seite in ihr, wo sie ihn hasst und verachtet.

Dass sie schließlich beide in den Tod reißt, da bin ich mir nicht so sicher, ob das zu ihr passt. Und in der Verfassung sich und ihn umzubringen, habe ich sie hier noch nicht gesehen. Ist natürlich eine Art Befreiungsschlag, ihre erste Aktivität sozusagen. Ich wäre den beiden aber auch gerne noch etwas länger gefolgt. Tod ist immer so absolut.

Ich finde die Geschichte sprachlich sehr intensiv geschrieben. Du hast da wirklich packende Bilder drin.

Herzliche Grüße von Chutney
 
Senior
Monster-WG
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10.09.2014
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Hola @peregrina,

ich beginne der Ordnung halber mit dem Sortieren (für mich):

„Und denk dran, heut Abend will ich mit dir angeben.“
Nettes Kompliment, netter Mann.

Das Streben nach dem Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt.
Da ist eine Menge zu stemmen.

Er lockert die Krawatte. „Ich komm zu dir.“
Er schaut auf die Armbanduhr. „Wird aber zu knapp.“

Stress à gogo. Nicht mehr weit bis zum Limit.
Tja, bekannte Situation. Man will was erreichen – da kommt einiges zusammen. Ich stehe auf Chris’ Seite.



Ich nicke stumm und stelle mir vor, wir sind Marionetten und hängen an Fäden, die von einem unsichtbaren Puppenspieler gezogen werden. Unsere Lippen, Arme und Beine gehorchen nicht unserem Willen. Wir haben keinen Einfluss darauf, was wir sagen und tun. Er nicht. Ich nicht.
Sie hat keinen Einfluss darauf, was sie sagt und tut? Madame spinnt.

Verdammt, die Sachen hab ich immer noch nicht eingeräumt.
Und ist schlampert.
Die würde mich auch verrückt machen. Verträumt den Tag und kriegt nix auf die Reihe. Chris hätte eine Partnerin verdient.


Ich schließe die Augen, halte die Luft an und bereite mich vor.
Ein spannender Moment, gut gemacht – und aufgelöst.

... versuche die tanzenden Rücklichter und blendenden Scheinwerfer zu ignorieren, ...
Ia Handwerk.

... will sagen, dass wir sind spät dran sind, ...

Die Sekunden pulsieren, dehnen sich zu einem gigantischen Universum aus, in dem es warm und ganz still ist.
Großartig! Da entsteht ein echtes Bild.

Doch der Puppenspieler ist bei uns, hält die Fäden in den Händen. Er führt Regie, steuert meine Bewegungen und tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch.

Madame hat eindeutig einen Knall – und dann knallt’s.

Wirklich gut geschrieben, und deswegen liest es sich gut. Deine Bilder funktionieren, meinen Glückwunsch!

Ob das Reizklima zwischen den beiden ausreicht für einen tödlichen Crash – denn sie sind ja schon bei Hundert, als der Puppenspieler ihren Fuß aufs Gas drückt – möchte ich nicht beurteilen. Denkbar ist es allemal, denn für die Schöne ohne Namen gelten andere Normen.

Liebe peregrina, mir hat das Lesen Spaß gemacht, es ist Dir gelungen, mich zum Schiedsrichter zu animieren; der Text hat mich mitgenommen. Und das ist gar nicht so einfach.

Ob’s der Theorie zuliebe sein muss, dass sich die anfängliche und die letzte Stille die Hand reichen, weiß ich nicht. Dass Stille auf die Schulter drückt, fand ich beim Start etwas befremdlich. Aber auf jeden Fall prima Geschichte!

Viele Grüße!
José
 
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21.04.2014
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Hey peregrina,

viel Neues werde ich nicht anmerken können: gut geschrieben, die Charaktere sind mir allerdings auch zu eindimensional, zu sehr Opfer und Täter – schwarz und weiß. Daran könntest du arbeiten, wenn du wolltest.
Allzu ausufernd müsste das gar nicht werden. Ein paar Szenen setzen, die Chris weicher zeichnen, ein paar Spitzen rausnehmen, vielleicht echtes Bedauern andeuten, so was wie ein schlechtest Gewissen. Das könnte die Hoffnung deiner Prota nähren, dass Chris sich wieder ändern könnte, dass es wirklich nur die äußeren Umstände sind, die ihn aus dem Lot bringen. Das würde mir den Job des Schiedsrichters (@josefelipe) schwerer machen, was spannender wäre, und das würde mich auch deiner Prota näherbringen, würde mir verständlicher machen, warum sie nicht einfach das Weite sucht. Man kennt das oder hat davon gelesen oder gehört. Und das ist irgendwie auch das nächste Problem(chen), das ich mit dem Text habe: Ich hab' das Gefühl, schon zu viel und zu oft darüber gelesen oder davon gehört zu haben: Mann unterdrückt Frau, Frau hat Angst, trennt sich nicht.
Um mich wirklich packen zu können, müsste iwas Überraschendes passieren, etwas, womit ich nicht gerechnet hätte. Ein Puppenspieler aus Fleisch und Blut vielleicht, eine Figur im Hintergrund, die das Verhalten steuert, erklärbarer macht - auf einer ganz anderen Ebene. Oder ein Horrorelement (worauf mich der Puppenspieler jetzt bringt) :D. Die Message könnte gleich bleiben, die Story spannender.

Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so laut und allgegenwärtig, dass ich spüre, wie sie auf meine Schultern drückt. Doch ich brauche sie, weil sie mir hilft, mich halbwegs in meinem Leben zu orientieren, in dem ich mich verlaufen habe.
Mag ja an der Challenge liegen, aber das mit der Stille wirkt auf mich recht abgedroschen.
Das Anhängsel würde ich rausnehmen.

Mein Blick klebt an dem braunen Fleck auf der frisch geweißten Wand. Er spricht Bände, über mich, über ihn, über unsere Ehe. Ich kann ihn deuten wie ein Psychologe das bizarre Gebilde eines Rorschachtests.
Der Kaffeefleck ähnelt einem Phönix, der aus der Asche steigt, und er macht mich traurig, weil ich ahne, dass ich keine bin, die wieder aufsteht, wenn sie einmal am Boden liegt.
Beim ersten Lesen dachte ich, du machst da zu viel mit dem Kaffefleck. Das liegt aber an der ("räumlichen") Trennung zwischen Rorschach und Fleck, denke ich. Kleinigkeit: Ich würde den Zeilenumbruch seinlassen, dann greift alles besser ineinander, was ineinander gehört. Dann fließt das besser.

Ich greife zum Filzstift und beginne zu schreiben, erst unsicher, doch mit jedem weiteren Wort löst sich der Aggregatzustand der Erstarrung auf.
Muss es unbedingt ein Filzstift sein? Das wirft gleich so 'ne Minifrage in mir auf. Braucht's nicht, oder? Und der Aggregatzustand der Erstarrung, der sich dann auflöst. Ginge einfacher, finde ich.
Vorschlag (spontan, iwie so): Ich beginne zu schreiben und Wort für Wort löst sich die (meine innere) Anspannung (Starre).

Bin ich bin zu weich, zu nachgiebig? Läd ihn das ein ...
Ich würde auf den Kniff hier verzichten; auch später. Was willst du aussagen, was mir nicht schon klar ist? Was das auch aussagen könnte, wirst du nicht wollen :), denke ich.

Lädt ihn das ein, mich immer weiter zu verformen. Für ihn eine sportliche Herausforderung mit Unterhaltungswert, Wie weit kann er gehen, bis ich zerbreche? Was für ein Unsinn! Mein Mann ist keiner, der mich zerbrechen will. Er liebt mich.
Würde ich streichen; könntest ihn hier bsp. weicher zeichnen.

Ich weiß, dass mein Mann momentan an seine Grenzen stößt. War etwas viel in letzter Zeit für ihn. Das Streben nach dem Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt (hierher). Ich will ihm sagen, dass ich die Stelle überpinseln werde, dass wir die paar Problemchen in den Griff kriegen werden.
Nur mal zum Überdenken.

Zum Überpinseln noch was: Ich würde deinen Prota weicher zeichnen (wie du ja schon weißt), eine Szene einbauen, wo er das macht. Hätte so 'ne schöne, doppelbödige Symbolik auch; dieses Spuren verwischen z.B. Kannste ja mal überdenken.

„Dass du mich aber auch immer so provozieren musst!“
Würde hier auch die Schärfe rausnehmen. "Du hast mich provoziert" und fertig.

Ich nicke stumm und stelle mir vor, wir sind Marionetten und hängen an Fäden, die von einem unsichtbaren Puppenspieler gezogen werden. Unsere Lippen, Arme und Beine gehorchen nicht unserem Willen.
Wäre eine andere Möglichkeit.

Die Haustür fällt ins Schloss, Schlüssel klimpern in der Keramikschale. Obwohl wir erst vor wenigen Tagen eingezogen sind, kann ich die Geräusche deuten. Sie verraten Nervosität und Wut.
Gefällt mir, ja, sie hat feine Antennen ausgebildet, man bildet feine Antennen aus, wenn man Angst vor Menschen/ Situationen hat. Trotzdem würde ich etwas entschlacken, weniger erklären, sie nervös werden lassen, vielleicht auch subtiler werden.
Vorschlag (nur mal zum Überdenken): Die Haustür fällt ins Schloss und ich zucke zusammen. Ein wenig Badewasser schwappt auf den Boden. (So,) Wie die Schlüssel in der Keramikschale klimpern, verraten sie etwas.

Er lockert die Krawatte. „Ich komm zu dir.“
Er schaut auf die Armbanduhr. „Wird aber zu knapp.“
Er zieht sein Hemd aus, stopft es in den Wäschekorb. „Wenn wir zurück sind.“
Ist mir zu plump (und schwarz wieder).

Verdammt, die Sachen hab ich immer noch nicht eingeräumt. „Eigentlich müsste er da sein“, murmle ich.
„Und wo ist er dann? Soll ich wieder die stumpfe Klinge nehmen?“
„In der untersten Schublade?“, frage ich und hoffe auf ein Wunder.
Widerwillig
zieht er sie auf. „Da is nix.“
Könntest du drauf verzichten, finde ich.

Seine Stimme bebt. Wie so oft in letzter Zeit hat er sie nicht unter Kontrolle. Und damit kann er nicht umgehen.
Meinst du, er kann damit nicht umgehen, dass er seine Stimme nicht kontrollieren kann? Wie zeigt sich das?

Zwischen Schampon, Haarspray und anderen Utensilien kommt der Rasierer zum Vorschein.
Schampon oder Shampoo.

Er macht das Badezimmer zur Bühne, hält mein Tagebuch mit ausgestrecktem Arm weit von sich und rezitiert: Bin ich bin zu weich, zu nachgiebig? Lädt ihn das ein, mich immer weiter zu verformen. Für ihn eine sportliche Herausforderung mit Unterhaltungswert, wie weit kann er gehen, bis ich zerbreche. Er lacht böse. „Das ist nicht dein Ernst?“ Dann kommt er auf mich zu, gefährlich langsam.
Da hat sich ein " eingeschlichen (oder du hast eins vergessen).
Gefährlich, böse? Ne, das spüre ich auch so.

Er legt die schönen schmalen Hände auf meine Schultern, als wolle er mich massieren.
Das ist ein komisches Bild, finde ich. Sie liegt doch noch in der Wanne, nicht? Er steht also am Wannenrand und legt beide Hände auf eine ihrer Schultern? Vielleicht nur eine? Oder er geht in die Hocke und greift nach beiden? Besser vielleicht auch, dass er tatsächlich knetet, massiert, nicht als wolle er das nur.
Mit einem Mal hält er inne, der Druck seiner Hände lässt nach.
Mit was hält er inne? Mit dem Handauflegen? Ne, mit der Massage, oder? Deshalb würde ich das oben auch klar benennen.
Ist aber sehr penibel jetzt, ich weiß :).

Chris drückt mir die Autoschlüssel in die Hand, ein schmales Lächeln auf den Lippen. Es ist keine Bitte und mein Einspruch, „mit den Schuhen?“, ist wirkungslos.
Vielleicht besser 'ne Miniszene, mehr "Show":
Chris drückt mir die Autoschlüssel in die Hand.
"Mit den Schuhen?“
"Warum nicht?", sagt er und ist schon an der Beifahrertür – ein schmales Lächeln auf den Lippen.


Wir steigen gleichzeitig ein. Als ich den Schlüssel ins Schloss stecken will, rutscht er mir aus den zitternden Händen und fällt auf die Fußmatte. Nachdem ich ihn endlich ertastet habe, richte ich mich verschwitzt auf. Haarsträhnen haben sich gelöst.
Der Wagen springt an, als wäre nichts gewesen. Ich stoße rückwärts aus der Garage, bleibe nirgends hängen, schramme keinen Pfeiler und auch mein Herz bleibt nicht stehen, sondern es pocht schnell und laut weiterhin in meinem Hals.
Wir schweigen. Nur, wenn ich nicht schnell genug in den höheren Gang schalte, stöhnt Chris leise auf.
Verschwitzt und zitternd ist mir hier too much. Im Kontext wird mir auch ohne einiges klar, ohne dass der Kritiker in mir fragt: "Überzeichnet?"

Wir schweigen, nur, wenn ich nicht schnell genug in den höheren Gang schalte, stöhnt Chris leise auf. Ich konzentriere mich auf den Verkehr, versuche die tanzenden Rücklichter und blendenden Scheinwerfer zu ignorieren, während er mich nicht aus den Augen lässt.
Das letzte "er" ist vom Bezug her nicht ganz sauber, weshalb ich lieber Chris da stehen sehen würde; allerdings willst du den sicher nicht gedoppelt.
Wie wär's damit (?): Wir schweigen. Als ich nicht schnell genug in den höheren Gang schalte, stöhnt Chris auf. Ich konzentriere mich, versuche die tanzenden Rücklichter und blendenden Scheinwerfer zu ignorieren, während er mich nicht aus den Augen lässt.

"Musst du so rasen?“ Er betrachtet mein Profil, beobachtet jede meiner Bewegungen. Ich fühle mich seziert, in feine Scheiben geschnitten, präpariert, zur Schau gestellt. Ich reduziere die Geschwindigkeit, obwohl ich genau im Tempolimit liege, will sagen, dass wir sind spät dran sind, verkneife es mir jedoch.
Du hast das Triplett: lässt mich nicht aus den Augen, betrachtet mein Profil, beobachtet jede Bewegung. Die goldene Mitte würde ich killen.

Er ruckelt mit dem Oberkörper vor und zurück, und ich denke an all die Nächte, in denen seine steifen Bewegungen denen einer Holzpuppe glichen.
Gefällt mir nicht, ist auch zu schwarz wieder, finde ich. Muss ja nicht jede Nacht so gewesen sein. Vielleicht: Er ruckelt mit dem Oberkörper vor und zurück, und ich denke an letzte Nacht, seine steifen Bewegungen wie die einer Holzpuppe.
Wär noch 'ne Zuspitzung zur Kaffeeflecksache und könnte was andeuten, die Angst erklärbarer machen, steigern.

Wenn ich mich nicht täusche, würde in Kürze die Biegung in Sicht kommen, ich müsste runter vom Gas, wenn uns die Fliehkräfte nicht aus der Kurve tragen sollten.
Zu erklärend, finde ich.

Doch der Puppenspieler ist bei uns, hält die Fäden in den Händen. Er führt Regie, steuert meine Bewegungen und tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die Sekunden pulsieren, dehnen sich zu einem gigantischen Universum aus, in dem es warm und ganz still ist. Die Stille ist laut und allgegenwärtig und ich brauche sie, weil sie mir hilft, den richtigen Weg zu finden.

Chris schreit: „Bremsen! Brems doch!
Auch wenn es schön ist, ich würde früher aussteigen.


Ich hab's schon erwähnt: Echt gut geschrieben, ich mäkele da auf hohem Niveau, soll ja alles nur Denkanstöße liefern; weißt du aber.
In einem Satz: Mehr Grautöne, was Überraschendes, das Ende vielleicht noch etwas besser Vorbereiten, das Ding ein wenig mehr in die Breite gehen lassen. Dann wird dein guter Text noch besser, meine ich.


Vielen Dank fürs Hochladen


hell
 
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Hallo @Kellerkind, hallo @Achillus,

danke für eure Gedanken und die deutlichen Worte zum Text.

Zwei wesentliche Erkenntnisse hab ich aus eurem Feedback mitgenommen:
1) Der Text ist handwerklich sauber und eindringlich geschrieben und ist in der Lage, Emotionen zu wecken.

2) Dass ich als Autor mit der Wahl des Themas und vor allem dessen Umsetzung bewusster und sensibler umgehen sollte, weil Botschaft und Absicht missverstanden bzw. anders interpretiert werden, als von mir geplant.
Natürlich bin ich mir auch im Klaren darüber, dass ich keinen Einfluss darauf habe, wie die Geschichte vom Leser aufgenommen, gedeutet oder verallgemeinert wird. Dennoch würde mich interessieren, an welchem Punkt mir die Fäden aus der Hand geglitten sind, um mal beim Puppenspieler-Symbol zu bleiben.

So, nun zu den Details:
Dem Inhalt kann ich nicht viel abgewinnen. Hier gibt es zwei Figuren, die streng nach Klischee agieren. Der typische Arsch, der aber auch so richtig Arsch ist und das leidende Opfer, das selbst den Befreiungsschlag so inszeniert, dass es in der Opferrolle bleibt.
Ich zeige einen Ist-Zustand, wie er angeblich in unserer heutigen Gesellschaft häufiger vorkommt, als man meinen sollte. Die Figuren handeln und reden, ja, wenn du sie klischeehaft erlebst, kann ich dem nichts entgegensetzen. Überzeichnet könnte ich mir vorstellen. Er sollte ein ganz normaler Arsch sein.
Dabei geht es mir nicht darum, ob es solche Traumpärchen nun in der Realität gibt oder nicht. Es ist mir langweilig, über solche Paare zu lesen.
Das unterscheidet uns. Ich finde es hochspannend Voyeur solcher Paarbeziehungen zu sein und ein Stückchen in die Köpfe der Beteiligten zu kriechen. Hat was mit persönlicher Präferenz zu tun.
Thema ausgelutscht? Für mich noch nicht!

Aber dann, Zitat: [Doch er ist schneller als ich. „Dass du mich aber auch immer so provozieren musst!“ ], wird deutlich wohin die Reise geht.
Der toxische Mann mit seinem patriarchalischem Anspruch auf die Herrschaft über das gutmütige, hilflose Weibchen. Er ist unfähig, Fehler einzugestehen, besitzt keine Fähigkeit zur Selbstreflexion - er ist egoistisch bis zum Erbrechen.
Interpretierst du den Text wirklich so? Patriarch steht doofem Weibchen gegenüber?
Ich frage mich, mit welchen Schlussfolgerungen ich mich auseinandersetzen müsste, wenn ich die Rollen vertauscht hätte, wenn man die Geschichte mit anderen Vorzeichen lesen würde.
Schließlich werden auch Männer tyrannisiert und manipuliert, erdulden still, wehren sich nicht, hoffen weiter und brechen nicht aus.

Sie ist lieb und doof. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso sie nicht einfach geht und statt dessen beider Leben gegen den Baum knallt.
Doofe Nuss? Immerhin kann sie gerade Sätze denken und schreiben, weiß was ein Tintenflecktest ist, also für mich eine durchschnittlich intelligente Frau. Sie ist eingeschüchtert, ihr Selbstwertgefühl liegt am Boden, sie ist finanziell abhängig und es ist charakteristisch für derartige Beziehungen – und genau das ist die Crux und das Phänomen – sie hat nicht die Kraft und nicht den Mut aus der Partnerschaft auszubrechen, aus Angst, aus Scham. Für Außenstehende ist es das größte Rätsel.

Außerdem knallt sie nicht gegen einen Baum, sondern denkt über die Option Suizid und erweiterter Suizid nach (kann von den Betroffenen als Lösung gesehen werden, hab ich mir sagen lassen). Ich habe mich am offenen Ende versucht!

Tja, damit wird ein Bild von Frauen und Männern gemalt, das sowohl die Vorurteile von Machos, als auch derHardcore Feministen bestätigt.
Da kann ich dir nicht folgen.

Sicher gibt es solche Konstellationen. Aber was will die Geschichte sagen, außer das, was man in den angesprochenen Kreisen ständig lesen und hören muss.
Die Geschichte will sagen, dass dem Teufelskreis emotionaler Abhängigkeit schwer bis gar nicht zu entkommen ist und dass es den „Opfern“ leichter fällt, die Problematik zu leugnen als ihr zu entkommen.

Eine differenziertere Darstellung der Figuren wäre meiner Meinung nach interessanter und auch förderlicher, falls es hier zwischen den Zeilen um die Frage von Gleichberechtigung in der Familie gehen sollte.
Nein Gleichberechtigung stand nicht zur Debatte und Ambivalenz der Charakter zu zeigen lag mir ausnahmsweise fern, weil ich beweisen wollte, dass jeder in seiner starren Rolle gefangen ist. Habe aber mittlerweile eingesehen, dass ich schon klügere Ideen hatte.

Das Bild der lauten Stille ist mittlerweile arg strapaziert worden und gerade als Einstieg finde ich es zu abgedroschen.
Stimmt, „laut“ wird gestrichen.

Danke dir herzlich für deine Zeit fürs Lesen und deine Sicht auf den Text.

Liebe Grüße,
peregrina


Noch mal hallo Achillus,

es ist immer wieder beeindruckend, dein analytisches Vorgehen zu beobachten und deine Überlegungen zu lesen, und ich bin mir sicher, ich hab in den letzten Jahren großen Profit daraus gezogen, schließlich bist du ein treuer Begleiter meiner Texte.

Die unlogische Scharte mir dem Phönix werde ich auswetzen.
Und diese Einschätzung macht mich froh:
Die Charaktere und Beziehungsverhältnisse sind prägnant gezeichnet. Insbesondere das Drohende, Lauernde der geschilderten Situation hast Du gut herausgearbeitet. Dafür auf jeden Fall einen Daumen hoch.

Jetzt aber zum Inhaltlichen. Ich habe Kellerkinds Kommentar gelesen und sehe den Kerngehalt der Geschichte ähnlich problematisch. Zwar finde ich es nicht direkt langweilig, solche asymmetrischen Paare zu beobachten (eher ärgerlich), aber es fehlt mir dann doch die zweite Ebene.
Warum ärgerlich? Ist doch absolut spannend, in welchem Beziehungsgeflecht die Figuren gefangen sind. Wie subtil sich die Wort-Gewalt äußert und wie sich die namen- und gesichtslose Prota einschüchtern und gängeln lässt.

Doch die Erzählerin ist hier eben nur Opfer und Objekt und die männliche Figur ist nur Täter und Subjekt. Der Mann terrorisiert seine Frau. Nicht mit Mitteln offener Gewalt (allerdings wäre auch das ihm zuzutrauen), aber immerhin durch psychische Gewalt wie Bedrohung, Spott, Erniedrigung usw.
Du bringst es auf den Punkt. Das sind meine Überlegungen gewesen. Doch ich war mir ziemlich sicher, dass es ausnahmsweise, genau bei dieser Thematik, der Vielschichtigkeit der Figuren nicht bedarf. Aber wahrscheinlich muss ich meine Anschauung revidieren.

Er ist ja nicht einfach nur ein grummliger Typ, sondern jemand, der seine Partnerin geradlinig zum Objekt macht. Umgekehrt ist die Erzählerin das reine Opfer. Natürlich gibt es solche Personen in der Realität und solche Paare auch, aber für eine Geschichte geben sie nicht viel her, wenn sie nicht über ihre Grenzen hinausgehen.
Mag sein, dass ich mit der Abbildung der Realität meiner Geschichte keinen Gefallen tue.
In meinem unmittelbaren Umfeld waren bei zwei Paaren deutliche Anzeichen für psychische Gewalt erkennbar, in einem Fall vom Mann, im anderen von der Frau ausgehend. Und die Außenstehenden waren permanent mit der Frage beschäftigt: Warum tut sie/er sich das an, warum geht sie/er nicht weg? (Für mich noch spannender: Warum tut er ihr bzw. sie ihm das an? Was ist das für ein Menschenschlag?)
Natürlich hab ich recherchier, die Zahlen wieder vergessen, aber Gewalt ist an der Tagesordnung, auch schwer zu definieren, da die Grenzen der Gefahr, die von Worten und Handgreiflichkeiten ausgehen, verschwimmen. Und das Prinzip dahinter ist bewusstes Kleinhalten, und es funktioniert, steigert sich über Jahre. Die Betroffenen/Frauen/Männer sind nicht in der Lage, sich daraus zu befreien, sie verniedlichen, verleugnen, belügen sich, Freunde und Verwandte aus den unterschiedlichsten Gründen. Mit diesem theoretischen Hintergrundwissen fiel es mir schwer, mein Personal anders handeln zu lassen, weil es mir unlogisch und wirlichkeitsfremd erschien.

Klar, da ist dieses extreme Ende, der finale Befreiungsschlag. Aber selbst diese Geste des Widerstands beinhaltet die Selbstopferung, denn die Erzählerin kann nicht damit rechnen, dass sie den Unfall überlebt. Das wäre allenfalls Glück. Das bedeutet, selbst jetzt verharrt sie in ihrer devoten Haltung, kann sich nicht vom Objekt zum Subjekt befreien, nicht emanzipieren. Denn bei Vernunft betrachtet rechtfertigt das Töten des Mistkerls ja nicht den Suizid. Es ist eine reine Affekthandlung, keine wirkliche Befreiung.
Ja Affekt, total. Die Leseart Suizid ist möglich. Hab mir von Betroffenen sagen lassen, dass der Gedanke, dem Schrecken durch Freitod zu entgehen, eine große Rolle bei der Suche nach Lösungsvarianten spielt. Aber ich hatte ein offenes Ende im Sinn, schließlich könnte die Fahrerin noch bremsen.

Und was sagt die Geschichte damit aus? Wenn man es hart ausdrückt, sagt sie: Frauen, ihr werdet immer die Sklaven der euch unterdrückenden Männer bleiben. Widerstand ist allenfalls durch Selbstopferung möglich.
Zieht nicht jeder Leser andere Schlüsse aus dem Geschehen? Fließt nicht Selbsterlebtes in die Deutung ein? Ich sehe die Botschaft nicht.

Hinzu kommt dieser titelgebende Verweis auf einen allmächtigen Puppenspieler. Nicht die Menschen lenken ihr Schicksal, sie sind nur Puppen an den Fäden eines herzlosen Spielers. Das ist sehr fatalistisch und lässt nicht viel Raum für Hoffnung, Kreativität und Schönheit.
Die Prota gebraucht den Puppenspieler als Ausrede und leugnet somit seine und ihre Verantwortung für's Handeln. Der Puppenspieler im Titel ist Chris.
Dachte mir, die Doppeldeutigkeit ist offensichtlich.

Eine klassische Forderung an Literatur ist Allgemeingültigkeit. Nimmt man diese klassische Forderung ernst, dann wird hier in dieser Geschichte nicht die Ausnahme sondern die Regel beschrieben. Und insofern ist sie problematisch, denn die »Message« erscheint fragwürdig.
Könnte denn die Botschaft nicht für jeden Leser eine andere sein?
Traurigerweise ist das gezeigte Ehepaar keine Ausnahme.

Ich sehe also zwei Defizite, erstens ein handwerkliches (mangelnde Ambivalenz der Figuren und Verhältnisse) und zweitens ein inhaltliches (fragwürdige Prämisse).

Erstens, die Ambivalenz könnte ich erreichen, wenn ich Chris, zumindest am Anfang, etwas mehr Liebenswürdigkeit zugestehen würde. Und zweitens: Auch noch nach meiner ellenlangen Begründung?

Dennoch fand ich das Ganze gut zu lesen und freue mich auf Deine nächste Geschichte.
Mensch Achillus, du bist großartig, aber lass mich erst mal zu einer deiner Geschichten kommen und kommentieren. Das Ungleichgewicht unserer Beziehung belastet mich. :D

Danke dir vielmals, vielleicht sehe ich in ein paar Tagen die Geschichte und deine Anmerkungen mit anderen Augen. Wäre nicht das erste mal, dass ich eine Sinneswandlung durchlaufe.

Liebe Grüße von peregrina


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Hallo @jimmysalaryman,

auch WK-Treffen im kleinen Kreis werfen ihre langen Schatten zurück! Danke für deine Anmerkungen, sind sehr interessant.

Sorgfältig gearbeitet, das fällt mir als Erstes ein. Man spürt beim Lesen, dass du dir Mühe gegeben hast.
Was muss ich tun, damit man nicht erkennt, dass ich mich bemüht habe?

Was mir fehlt - ein guter Grund. Warum ist er so zu ihr? Was hat sich da eingeschliffen? Seit wann? Der Prozess, dass diese Beziehung so wurde, wie sie ist, die müsstest du als backstory noch einweben, sie muss nicht konkret benannt werden, aber sie muss spürbar sein.
Die Frage nach dem Warum konnte ich mir während des Schreibens nicht wirklich beantworten. Ich fülle die Lücke mit Vermutungen. Ein dominanter Mensch, der keinen Widerspruch erträgt, ohnehin zu cholerischen Ausbrüchen neigt, findet Gefallen daran, die Frau zu demütigen und testet aus, wie weit er gehen kann.
Die Gründe, warum Menschen so sind, werden gerne in einer unschönen Kindheit gesucht. Keine Ahnung, ob ich das zwischen den Zeilen unterbringen kann.

Umzug, Chefsessel, plötzlich ist er das asshole of the year, das muss mir gezeigt werden. Stress reicht da nicht. Da kommen, unter solchen Situationen, ja oft die wahren Wesenszüge eines Menschen zutage, das müsste ambivalenter sein.
Also könnte Chris am Beginn der Story doch so eine Art Reue empfinden, um sich dann vollkommen zu entpuppen. Der Stress ist ein guter Trigger, dachte ich.

Sie auch: Was tut sie, warum bringt sie so in Rage? Und um diese Angst zu rechtfertigen, dieses suspense, da muss mehr passiert sein als einmal die Kaffeetasse werfen. Er muss sie vermöppt haben, oder aber sie tatsächlich bedroht. Dann würde diese Fallhöhe entstehen, die du brauchst. Einmal die Wandlung des Charakters, warum wird derjenige so, wie er ist?
Angefasst hat er sie noch nicht, das weiß ich sicher. Ich fand gerade die unterschwellige Drohung in seinem Gebaren, Blicken und Worten so interessant. Die Frau balanciert ständig auf dem Drahtseil, ein falscher Schritt (Wort) bzw. eine versäumte Dienstleistung (den Rasierer vergessen ) und sie stürzt in den Abgrund.

Und der Konflikt, was bringt ihn dazu? Sie reagiert nur, ist passiv, dadurch wirkt sie auch blass, ihre Aktionen, dieses Schreiben, wie eine Flucht. Das ist sicher von dir gewollt und auch gut, aber da brauchst du eben auch einen Konterpart.
Schreiben ist Realitätsflucht, genau. Es gibt eine Fassung, da widerspricht sie noch, ist am Anfang noch nicht so eingeschüchtert. Doch da ich annahm, in der kleinen Geschichte ist der Entwicklungsprozess gar nicht darstellbar und man nimmt mir eine aufsässige Prota sowieso nicht ab, bleibt sie gleichmäßig passiv.

Dazu passt auch das Ende, das ist irgendwie so drangepappt, da höre ich das erste Mal von diesem Puppenspieler, der taucht einfach so auf, schwubbeldidubb. Da nimmst du der Person, der Erzählerin auch etwas die Ernsthaftigkeit. Für so etwas brauchst du Mut, und diesen Mut hat sie, also solltest du sie auch bewusster zeichnen, sie macht das nicht ohne Grund.
Der Puppenspieler taucht in ihren Gedanken schon in der ersten Szene auf. Ich führ den Kerl ganz vorbildlich ein. Das ist für meine Prota ebenfalls eine Flucht aus der eigenen Verantwortung und sie kann das Verhalten ihres Mannes genial entschuldigen.
Ansonsten hatte ich mit einem offenen Ende geliebäugelt. Tut sie’s oder lässt sie’s?
Das ist keine geplante Tat, Kurzschluss trifft es ehe, nachdem er seine Spielchen im Auto abgezogen hat.

Stil: Mir sind das zu viele Adjektive. Du könntest den Text ruhig mehr atmen lassen, und vielleicht auch im Sinne einer größeren Langsamkeit entpacken. Mehr Raum, mehr Strecke.
Adjektive reduziere ich gern, das sollte ich hinkriegen. Wobei, ich hab sie schon sehr bewusst gesetzt.
Aber größere Langsamkeit? Verliere ich den Leser denn da nicht? Mehr Raum heißt dem psychologischen Aspekt mehr Bedeutung schenken, ausführlichere Dialoge, weniger Handlung?

Gibt ’ne ganze Menge Hinweise zu durchdenken, da hab ich zu kauen, Mannomann.

Auf jeden Fall erst mal danke für dein Interesse und die Impulse, am Wochenende nehm ich die KG in Angriff und probier mal was aus.

Liebe Grüße,
peregrina
 
Senior
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08.07.2012
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Hey Peregrina, ich noch mal.

Warum ärgerlich? Ist doch absolut spannend, in welchem Beziehungsgeflecht die Figuren gefangen sind. Wie subtil sich die Wort-Gewalt äußert und wie sich die namen- und gesichtslose Prota einschüchtern und gängeln lässt.

Mein Problem mit Sozialdramen ist häufig, dass mich sowohl die beschriebene Ungerechtigkeit als auch die Unfähigkeit der Opfer, Widerstand zu leisten, wütend macht. Die Frage ist immer, welchen Anteil am Gesamtumfang der Erzählung solche Darstellungen haben.

Zieht nicht jeder Leser andere Schlüsse aus dem Geschehen? Fließt nicht Selbsterlebtes in die Deutung ein? Ich sehe die Botschaft nicht./ Könnte denn die Botschaft nicht für jeden Leser eine andere sein? Traurigerweise ist das gezeigte Ehepaar keine Ausnahme.

Jeder Text oder Film hat eine Aussage. Die Aussage mag widersprüchlich sein oder trivial oder gänzlich absurd, aber einen Text/ Film ohne Aussage gibt es nicht. Natürlich kann man bei sehr komplexen, vielschichtigen Filmen oder Texten über die Aussage streiten. Es dürfte beispielsweise nicht ganz einfach sein, einen David Lynch Film auf seine Aussage hin zu untersuchen.

Leser und Zuschauer, die eine Geschichte lediglich als eine aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgelöste Fiktion betrachten, sehen die Aussage meist nicht. Und häufig erkennen selbst die Autoren die Prämissen ihrer Filme oder Drehbücher nicht, wenn sie sich im Schaffensprozess nur auf das Handwerk bezogene Fragen stellen.

Ist man aber geübt darin, sich die Frage zu stellen, was ein Text als Allgemeinaussage bedeutet – und Literatur soll eben Allgemeingültigkeit aufzeigen , das heißt wahrhaftig in einem größeren Sinne sein – dann sieht man schnell die Idee, die hinter einer Geschichte steckt oder genauer, hinter der Art, wie die Geschichte erzählt wird.

Wenn also der weiße Hai ein promiskuitives Kiffer-Mädchen frisst, den Sohn eine ledigen Frau oder einen einsamen, latent homosexuellen Fischer – allesamt Figuren, die nicht dem konservativen amerikanischen Leitbild entsprechen – und der Hai als beinahe übernatürliches Wesen inszeniert wird, dann steckt da eine Ideologie dahinter, selbst wenn Autor und Regisseur das selbst gar nicht verstehen.

Aus dem Grund ist es gut, wenn man sich als Autor hin und wieder fragt, was die eigene Geschichte eigentlich bedeutet, welche Konfliktlösungsstrategien die Figuren anwenden und ob sie damit durchkommen. Wenn eine Geschichte die Kriegserlebnisse eines Mannes schildet und dieser Mann irre viel Spaß dabei hat, wie die Bomben fallen, Leute von Maschinengewehren zerfetzt werden usw. und diese Empfindungen durch nichts in Frage gestellt werden, dann ist die Aussage nicht: »Solche kranken Typen gibt es«, sondern sie lautet: »Krieg macht Spaß«. Aus diesem Grunde sollte man vorsichtig sein.

Allerdings lohnt es sich auch, es damit nicht zu übertreiben. Wenn man nur politisch korrekte oder moralische Geschichten schreiben will, landet man schnell in einer Sackgasse. Am besten ist es, wenn die Widersprüchlichkeit menschlicher Erfahrung aufscheint: Krieg macht nämlich tatsächlich unter bestimmten Umständen Spaß. Die Menschen wären nicht so gut im Jagen und Kämpfen, wenn es ihnen nicht auch Freude bereiten würde. Aber dem muss das Destruktive, müssen die Konsequenzen gegenübergestellt werden, wenn eine Geschichte wahrhaftig sein will.

Hey, schön, wenn Du die Asymmetrie unserer Beziehung korrigieren willst. Ich warte auf Deinen Kommentar zu einer meiner Geschichten! ;)

Gruß Achillus
 
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09.09.2015
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Liebe Chutney,

danke für dein ausführliches Feedback und die Zeit, die du mir geschenkt hast.

du schreibst aus der Sicht einer Frau, die sich absolut ohnmächtig fühlt.
Ja, die Ich-Perspektive hat es mir insgesamt angetan, da kann ich mich total in die weibliche Figur versenken. Was die nächste Herausforderung werden könnte, eine KG aus der Sicht des Mannes, egal ob Puppenspieler oder Dulder.

Bisher habe ich zwei Frauen näher kennengelernt, die sich so haben behandeln lassen und in mir ähnliche Gefühle ausgelöst haben, wie die Frau in deinem Text, auch Wut über ihre Unterwürfigkeit und Angst um sie und immer wieder die Frage: Warum geht sie nicht?
Hey, das ist ein tolles Lob, Gefühle will ich können.

Das Warum ist die Summe vieler Gründe und Ausreden. Die Betroffen halten ihr „Geheimnis“ lange Zeit unter Verschluss. In erster Instanz wird verdrängt oder geleugnet. Ich könnte mir vorstellen, dass sie ohnehin mit dem Unverständnis ihrer Umwelt rechnen, und nicht noch zusätzlich unter Druck der „Kritik“ von außen geraten wollen. Und gerade die verbale Verletzung ist schwer greifbar, Worte flattern davon.

Sie erkennt zwischendurch, was da zwischen ihnen passiert, analysiert ihre Situation, distanziert sich von ihm in Gedanken, im Schreiben und ist dann wie hypnotisiert, wenn er den Raum betritt.
Ja, sie wird von Angst beherrscht und gelähmt, der Angst, sie könnte „falsch“ in seinem Sinne handeln und sprechen. Das zermürbt, wenn man weiß, in der nächsten Sekunde kann die Situation kippen.

Diese Gedanken, die sie zu dem Puppenspieler hat, doppeln das Thema der Machtlosigkeit und ich stelle mir vor, dass das ein Grundlebensgefühl von ihr ist, dass der Puppenspieler, der hier ja für eine Art Gott steht, in Wirklichkeit die Person ist, mit der sie schon früh ihre ersten Gewalterfahrungen hatte, so früh, dass sie heute zwar mit dem Verstand einen Ausweg sucht, aber instinktiv immer das tut, was sie mal gelernt hat, um zu überleben: Erstarren.
Doppelung des Themas der Machtlosigkeit, cool, so hab ich es noch gar nicht betrachtet. Der eigentliche Fädenzieher ist für mich Chris. Die Vorstellung, ein höheren Wesens könnte lenken, spricht beide von Verantwortung frei. Und wer nicht verantwortlich ist, braucht sich weniger zu verachten für Stillhalten und Dulden.

An frühere Gewalterfahrung mit anderen Partnern hab ich auch nicht gedacht. Doch es ist interessant, dass du diese Schlüsse ziehst, weil es absolut naheliegend wäre. Untersuchungen zeigen, dass es uns stets zum gleichen Typus hinzieht.

Und im Alltag: sich ducken, versuchen es recht zu machen, ihn hassen, unter ihm leiden, ihn entschuldigen und um seine Liebe kämpfen. Für mich stellst du dieses Lebensgefühl überzeugend und sprachlich dicht dar.
Bin froh, wenn du das so wahrnimmst. Du weißt ja, diese ständige Unsicherheit!

Du schreibst nichts von Vergangenem, was sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Auch nichts von dem, was außer der Kaffeetasse noch passiert ist, dass sie solch panische Angst vor ihm hat. Man spürt es zwischen den Zeilen, aber vielleicht täte die eine oder andere Andeutung noch gut.
Ich dachte mir, den langen schleichenden Prozess kann ich in der KG niemals darstellen, muss auch nicht sein. Es ist eine „Zustandsanalyse“ geblieben, die wohl die wenigsten Leser befriedigen wird. Den Anlass, der zum Fleck führt, den verschweige ich auch. Stattdessen zeige ich die Situation im Bad. Nichtiger Anlass, aber wirkungsvoll. Und redete mir ein, der Leser nimmt die Schablone dieser einen Szene und legt sie auf das gesamte Leben der beiden.

Natürlich denke ich darüber nach, was noch könnte, sollte, dürfte. Andererseits will ich gar nicht so viel Möbel rücken.

Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so laut und allgegenwärtig, dass ich spüre, wie sie auf meine Schultern drückt. Doch ich brauche sie, weil sie mir hilft, mich halbwegs in meinem Leben zu orientieren, in dem ich mich verlaufen habe.
Vielleicht wäre es sogar packender, gleich mit dem nächsten Absatz zu beginnen. Das Fettgedruckte zumindest, finde ich doppelt gemoppelt und entbehrlich.
Das Vorspiel über die „Stille" bräuchte es nicht, da hast du recht. Nun ist sie aber der Aufhänger geworden und bildet eine Klammer um den Text, und es dreht sich ja auch um Stillhalten und Mund halten, da werde ich wohl nix verändern.

Der fette Nebensatz macht das Gefüge zwar behäbig, aber „verlaufen“ birgt so eine kindliche Verlorenheit, wie bei Hänsel und Gretel. Vielleicht muss ich den Satz umstellen? Dem "verlaufen“ Bedeutung einräumen? Mal sehen.

"Jungfräulich" und "Frisch geweißte Wand" haben sowas Ähnliches, "unsortiert" empfinde ich etwas umständlich. Ansonsten finde ich diesen Abschnitt und die Idee mit dem Fleck großartig.
Der Fleck erzählt eine Geschichte. Schön, wenn er dir gefällt.
Und deinen Vorschlag werde ich einbeziehen, wenn ich ein paar Adjektive kille.

Der Satz mit dem Schuljungen tut dem Text gut, zeigt noch eine Nuance mehr von ihm und von ihren Gefühlen für ihn.
Der ist mit auch wichtig. Vielleicht auch Wunschdenken von ihr, sie will die unschuldige, verletzliche Seite von Chris sehen. Ich finde, da schwingt viel Zuneigung mit.

Ich weiß, dass mein Mann momentan an seine Grenzen stößt. War etwas viel in letzter Zeit für ihn. Das Streben nach dem Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt.
Hier könntest du etwas anschaulicher werden. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass sie "fremde Stadt" denken würde. Da müßte ein Name hin. Oder, statt "Hauskauf", "der Ärger mit dem Architekten" oder sowas. Gerade der Aspekt, dass sie sein Verhalten entschuldigt, finde ich sehr typisch. Dafür könnte es noch mehr Aufhänger geben.
Absolut. Konkreter gleich anschaulicher und glaubwürdiger, pack ich an.

Für noch mehr Entschuldigungen hätte ich sicher mehr Situationen, sprich mehr Text, nötig. Muss ich nachdenken.

Widerwillig zieht er sie auf. „Da is nix.“ Seine Stimme bebt. Wie so oft in letzter Zeit hat er sie nicht unter Kontrolle. Und damit kann er nicht umgehen.
Entbehrlich?
Das ist ein wunder Punkt. Das Fette führt in die Irre. Das war von mir wieder mal als eine Entschuldigung angedacht. Sie will glauben, dass sein Kontrollverlust ihn in Rage versetzt. Ist Blödsinn, Kontrollverlust ist das Übel und die Ehefrau ist immer das rote Tuch. Sie kann sich noch so anstrengen, wenn Chris den Haken sucht, an dem er „Kritik“ aufhängen kann, dann findet er ihn.

Sie hat so furchtbare Angst vor ihm, da ist mehr passiert als eine Kaffeetasse.
Nein, nur immer wieder das gleiche Muster. Chris ist kein Schläger. Er ist intelligent (Chefsesssel) und nutzt Worte als Waffe, er ist sozusagen ein Wortkrieger, hihi. Er weiß, dass sie nicht gerne Auto fährt und schon gar nicht mit ihm an ihrer Seite. (Achtung Klische: Frau am Steuer.) Er zwingt sie zu fahren, ist dumm von ihm, weil er andererseits mit ihr glänzen wollte. Sie kommt/käme völlig aufgelöst (Haare) zum Empfang. Auch er verhält sich nicht rational.

Dass sie schließlich beide in den Tod reißt, da bin ich mir nicht so sicher, ob das zu ihr passt. Und in der Verfassung sich und ihn umzubringen, habe ich sie hier noch nicht gesehen. Ist natürlich eine Art Befreiungsschlag, ihre erste Aktivität sozusagen. Ich wäre den beiden aber auch gerne noch etwas länger gefolgt. Tod ist immer so absolut.
Vielleicht hast du ja schon meine Antworten auf die ersten Kommentare gelesen.
Wieder mal hab ich mich am offenen Ende versucht. Bisher ist es niemandem aufgefallen, aber für mich funktioniert es. Chris ruft: „Brems doch!“ und da steig ich aus der Geschichte aus. Der Leser hat doch die Wahl, sein eigenes Ende zu spinnen.
Bleibt sie auf dem Gaspedal, dann ist es eine Affekthandlung, ein Akt der Verzweiflung, aber mit dem Ziel, eine Lösung (Tod beider) herbeizuführen.
Und wenn sie bremst, dann dreht sich das Karussell weiter, der Kreislauf, verletzen, leugnen, Entschuldigungen finden, ängstlich sein, sich klein machen, bereit sein für neue Verletzungen, schließt sich. Sie sind ja schon ein eingespieltes Team. Bis etwas Drastisches passiert, und sie ernsthaft auszubrechen versucht.

Ich finde die Geschichte sprachlich sehr intensiv geschrieben. Du hast da wirklich packende Bilder drin.
Das freut mich, wenn du das so einschätzt. Überhaupt bin ich froh über deinen Kommentar, nicht nur, weil du mir einzelnen Passagen aufzeigst, die für dich funktioniert haben.
Deine Anregungen werde ich beim Überarbeiten selbstverständlich im Auge behalten.

Herzlichen Dank für deine Mühe.

Liebe Grüße,
peregrina


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Hola mi amigo @josefelipe,

schön, dass du meine Neue nicht überlesen hast, weniger schön, dass du schneller bist als ich mit feedbacken, eine neue Wortkreation.

ich beginne der Ordnung halber mit dem Sortieren (für mich):
Ja, Ordnung muss sein, sie hilft im privaten und öffentlichen Bereich, die Übersicht nicht zu verlieren.

„Und denk dran, heut Abend will ich mit dir angeben.“
Nettes Kompliment, netter Mann.
Aber spätestens hier denke ich, du willst mich auf den Arm nehmen. Willst du das? Ich bin kein Leichtgewicht! :lol:
Liest du da ein Kompliment aus der Bemerkung heraus? Ehe ein dezenter Hinweis darauf, was er von ihr erwartet. Das ist eine Forderung. Und sensible Seelchen könnten gar die unterschwellige Drohung herauslesen/hineindeuten: Wehe du siehst nicht so aus, dass ich mit dir repräsentieren kann.

"Das Streben nach dem Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt."
Da ist eine Menge zu stemmen.

Er lockert die Krawatte. „Ich komm zu dir.“
Er schaut auf die Armbanduhr. „Wird aber zu knapp.“
Stress à gogo. Nicht mehr weit bis zum Limit.
Tja, bekannte Situation. Man will was erreichen – da kommt einiges zusammen. Ich stehe auf Chris’ Seite.
Diese Ausgangslage wird vielen nicht unbekannt sein.
Aber Vorsicht, dass du hier Position für Chris beziehst, birgt Gefahr. Hast du denn gar keine Angst, dass ich dir unterstellen könnte: Du schlägst dich auf seine Seite, weil du Verständnis für einen Manipulator hast.

Ich nicke stumm und stelle mir vor, wir sind Marionetten und hängen an Fäden, die von einem unsichtbaren Puppenspieler gezogen werden. Unsere Lippen, Arme und Beine gehorchen nicht unserem Willen. Wir haben keinen Einfluss darauf, was wir sagen und tun. Er nicht. Ich nicht.
Sie hat keinen Einfluss darauf, was sie sagt und tut? Madame spinnt.
Ist uns beiden ja schon immer mal aufgefallen, dass du die Sichtweise meiner Ich-Erzählerinnen nicht nachvollziehen konntest. Da bist du in guter Gesellschaft. Ich räume gerne ein, das wird mitunter keine einfache Übung sein. Und das erwarte ich auch nicht hundertprozentig. Aber anstatt du das Geschenk dankbar annimmst, dass ich dir einen tiefen, ehrlichen Einblick in die weibliche Seele gewähre, zweifelst du an und negierst Gedanken und Emotionen meiner Charaktere. Wie wollen wir denn da jemals den kleinsten gemeinsamen Nenner finden? :confused:

Verdammt, die Sachen hab ich immer noch nicht eingeräumt.
Und ist schlampert.
Die würde mich auch verrückt machen. Verträumt den Tag und kriegt nix auf die Reihe. Chris hätte eine Partnerin verdient.
Schön, dass du sie als Mensch mit Fehlern und Schwächen erlebst. Was willst du aber von Leuten, die (Tagebuch) schreiben, erwarten. Träumer, Fantasten, Sensibelchen, Grübler.
Chris hätte eine Partnerin verdient, die weniger fügsam ist und die Kunst des Widerspruchs beherrscht. So wie ich zum Beispiel.

Ich schließe die Augen, halte die Luft an und bereite mich vor.
Ein spannender Moment, gut gemacht – und aufgelöst.

Die Sekunden pulsieren, dehnen sich zu einem gigantischen Universum aus, in dem es warm und ganz still ist.
Großartig! Da entsteht ein echtes Bild.
Gut zu wissen, welche Textstellen dich ansprechen. Wenigstens etwas richtig gemacht.

Doch der Puppenspieler ist bei uns, hält die Fäden in den Händen. Er führt Regie, steuert meine Bewegungen und tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch.
Madame hat eindeutig einen Knall – und dann knallt’s.
Hast du denn kein Verständnis für ihre Gedankengänge? Du siehst doch auch, dass sie die Verantwortung abgibt. Und selbst wenn sie den Wagen von der Fahrbahn lenken würde, was ja nicht explizit geschrieben steht, dann ist es doch nur ein Lösungsversuch, weil ihr die Situation unerträglich erscheint und sie andere Optionen nicht erkennt.

Wirklich gut geschrieben, und deswegen liest es sich gut. Deine Bilder funktionieren, meinen Glückwunsch!
Das Thema ist nicht so nach deinem Geschmack. Stimmt’s? Den weiblichen Charakter findest du unglaubwürdig, und dass beide Figuren einer bestimmten Logik folgen müssen, willst du schon gar nicht annehmen.

Ob das Reizklima zwischen den beiden ausreicht für einen tödlichen Crash – denn sie sind ja schon bei Hundert, als der Puppenspieler ihren Fuß aufs Gas drückt – möchte ich nicht beurteilen. Denkbar ist es allemal, denn für die Schöne ohne Namen gelten andere Normen.
Jetzt verstehst du mein Mädchen doch. Hast schon gemerkt, dass mein Ende keine eindeutige Lösung anbietet. Ich will, dass der Leser aus mindestens zwei Varianten wählen kann.

Liebe peregrina, mir hat das Lesen Spaß gemacht, es ist Dir gelungen, mich zum Schiedsrichter zu animieren; der Text hat mich mitgenommen. Und das ist gar nicht so einfach.
Wirklich? Und wo sind die Blumen? Schiedsrichter sein, halte ich übrigens für gefährlich.
Aber das erwähnte ich schon.

Ob’s der Theorie zuliebe sein muss, dass sich die anfängliche und die letzte Stille die Hand reichen, weiß ich nicht. Dass Stille auf die Schulter drückt, fand ich beim Start etwas befremdlich. Aber auf jeden Fall prima Geschichte!
Wenn schon Stille, dann am Anfang und Ende als Klammer. Der Text käme auch ohne "Stille" aus. Doch Stille war nun mal der Leitgedanke der Ausschreibung und ohne ihn gäbe es die Geschichte nicht.
Die drückende Stille könnte zur liegenden werden, keine Ahnung. Von dem allegorischen Bild insgesamt mag ich mich mittlerweile aber nicht trennen.

Vielen lieben Dank für deine Gedanken, deine lobenden Worte und die kritischen Anmerkungen.
Wir werden uns lesen, ich sage nur: Bilo-Bilo

Liebe Grüße von peregrina

 
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Hallo @peregrina ,

vorab: Ich hab keinen der Komms gelesen, also bitte entschuldige, wenn sich etwas wiederholen sollte.

Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so laut und allgegenwärtig, dass ich spüre, wie sie auf meine Schultern drückt. Doch ich brauche sie, weil sie mir hilft, mich halbwegs in meinem Leben zu orientieren, in dem ich mich verlaufen habe.
Nachdem ich den gesamten Text durchgelesen habe, denke ich zum Anfang: Okay, aber die Stille hilft ihr doch gar nicht, denn sie versucht sich ja noch nicht mal, sich zu orientieren. Außerdem ist das ‚verlaufen‘ eine billige Ausrede, denn das Leben hat keinen vorgezeichneten Weg, daher kann man sich auch nicht in ihm verlaufen – jedenfalls nicht in der Zukunft, die mit jeder nächsten Sekunde beginnt. (Paar-)Therapie, Beziehung in getrennten Wohnungen weiterführen, Trennung, weg zu Familie oder Freunden, Frauenhaus, Ausland … keine Ahnung, aber wenn sie in Deutschland und nicht in irgendeinem totalitären Staat wohnt, stehen ihr alle Türen offen.
Mein Blick klebt an dem braunen Fleck auf der frisch geweißten Wand.
Fuck! Hier dachte ich, das sei ein subtiler Hinweis darauf, dass der Typ sie schlägt (geronnenes Blut wird braun), dabei ist das nur Kaffee. Hm, echt? Ich hab auch schon einen Teller hingeknallt, obwohl ich weder manipulativ noch gewalttätig bin. Das sagt mir nur: Der Typ war hilflos. Immerhin hat er so vielleicht Gewalt gegen sie vermeiden können - das spricht doch für ihn.
Gern hätte ich davon gelesen, was sie denn über die Situation denkt, außer 'es gab ein Donnerwetter' - wie hat sie sich verhalten? Was hätte sie zur Deeskalation beitragen können, und warum meint sie, ist ihr das misslungen?
Er spricht Bände, über mich, über ihn, über unsere Ehe. Ich kann ihn deuten wie ein Psychologe das bizarre Gebilde eines Rorschachtests.
Äh, nein. Sie kann schon ihren Mann nicht deuten, die Beziehungsstrukturen noch viel weniger und sich selbst schon mal gar nicht. In dem gesamten Text ist kein Funke davon zu entdecken, dass sie irgendwas deuten kann. Ab davon, dass auch ein Rorschach nicht wirklich ‚zu deuten‘ ist (dafür sind die Tests nicht da, der Psychologe kann aus der Deutung seines Patienten etwas schlussfolgern, ein Psychologe deutet die nicht selbst): eigentlich behauptet sie damit, dass die Ehe auch nicht durchschaut werden kann. Das ist eine Kapitulation der Erzählerin gleich am Anfang einer Geschichte, und ich frage mich, was der Text mir überhaupt eröffnen kann.
Nein, ich bin eine, der es im entscheidenden Augenblick an Intuition und Weitblick fehlt. Ich habe weder das Donnerwetter noch die fliegende Tasse kommen sehen.
Naja, ihr fehlt Einsicht und Selbstanalyse, dann könnte sie gut ohne Intuition auskommen.
'Donnerwetter' klingt nach einem Kleinkind - magst du das nicht konkreter benennen?
Ich greife zum Filzstift und beginne zu schreiben, erst unsicher, doch mit jedem weiteren Wort löst sich der Aggregatzustand der Erstarrung auf.
Das ist schief: Es klingt, als gäbe es die Erstarrung in gasförmig, flüssig und gefroren.
Bin ich bin zu weich, zu nachgiebig? Läd ihn das ein, mich immer weiter zu verformen. Für ihn eine sportliche Herausforderung mit Unterhaltungswert, wie weit kann er gehen, bis ich zerbreche. Was für ein Unsinn! Mein Mann ist keiner, der mich zerbrechen will. Er liebt mich.
Lädt
Die Frage, die sie sich besser stellen sollte, wäre: Liebe ich ihn? Und wenn ja: Warum?
Chris schlurft in die Küche. Mit den verstrubbelten Haaren sieht er aus wie ein Schuljunge. Er dehnt sich und gähnt. Dann zieht er sich einen Stuhl heran und setzt sich rittlings darauf, direkt neben mich. Erst mustert er mich, dann schaut er auf den Kaffeefleck an der Wand. „Wegen gestern“, sagt er. „Das wollte ich nicht.“
Ich weiß, dass mein Mann momentan an seine Grenzen stößt. War etwas viel in letzter Zeit für ihn. Das Streben nach dem Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt. Ich will ihm sagen, dass ich die Stelle überpinseln werde, dass wir die paar Problemchen in den Griff kriegen werden.
Doch er ist schneller als ich. „Dass du mich aber auch immer so provozieren musst!“
So verhuscht passiv-aggressiv, wie die Frau bisher rüberkam, bin ich hier auf seiner Seite.
Ich sehe, wie sich sein Mund öffnet und wieder schließt, doch ich begreife nicht, was er meint.
Ich schon. Sie stößt viel mehr an ihre Grenzen als er, wenn sie es nichtmal schafft, ihm zu sagen, wo sein verdammter Rasierer liegt. Geht ihr das gar nicht mal durch den Kopf, dass sie überreagieren könnte? Wäre er so, würde sie ihm selbstbewußt gegenüberstehen? Der Text liefert mir Null zur Vorgeschichte, und das wäre absolut essentiell gewesen: Wie konnte es soweit kommen? War sie schon immer so? Haben das andere Typen auch mit ihr gemacht, und wieso holt sie sich keine professionelle Hilfe?
Und bei seiner Entschuldigung wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, plotmässig einzuhaken: Okay, der Ball ist in ihrem Feld - was nu? Ach so, sie ist wie gelähmt. Schade.
Er lächelt und wirkt zufrieden. „Und denk dran, heut Abend will ich mit dir angeben.“
Okay, er ist auch ein Arschloch. Damit hab ich jetzt ein Problem: Sie hat einen an der Waffel und er ist ein manipulatives kleines Würstchen – ich kann keinen der Prots ausstehen, und hoffe auf weiteres Personal, das hier Licht ins Dunkel bringen könnte. Leider passiert es nicht, leider wird die Geschichte nicht so erzählt, dass irgendwo eine Analyse stattgefunden hat, wenn nicht schon ein Ausweg angedeutet.
Der Schaum prickelt, als ich in die Badewanne steige. Es duftet nach Zitrusfrüchten. Ich versuche, mich zu entspannen, mich auf den Abend einzustimmen, alles Störende aus meinem Kopf zu verbannen. Chris soll stolz auf mich sein.
Deute ich das richtig: Sie ist Hausfrau und lebt von seinem Geld? Gibt gern das hübsche Mädchen an der Seite eines erfolgreichen Managers? Tja, da mag ein Grund sein, dass sie sich nicht trennen will, und das macht sie mir nicht sympathischer.
Chris ruft nach mir, findet mich im Bad und starrt mich an, als hätte er vergessen, wie ich nackt aussehe.
Das nun wieder finde ich echt witzig. Bitte mehr davon.
„In der untersten Schublade?“, frage ich und hoffe auf ein Wunder.
Wie alt ist die denn? Vier? Herrje. Schon vom Lesen könnte ich ne Tasse an die Wand knallen.
Widerwillig zieht er sie auf. „Da is nix.“ Seine Stimme bebt. Wie so oft in letzter Zeit hat er sie nicht unter Kontrolle. Und damit kann er nicht umgehen.
Also, ich deute das anders als die Protagonistin: Mag ja sein, dass der Typ ein bisschen gestört ist. Aber wenn die sich einfach nicht in den simpelsten Situationen normal verhalten kann („Hey, ich hab die Wand gestrichen und bin zu nichts weiter gekommen. Den Rasierer findest du bestimmt im Karton im Flur, Schatz!“), dann ist das doch zum aus der Haut fahren. Das muss für ihn – der nach vermutlich 10 Stunden Arbeit gestresst von einem Stressjob kommt – doch zum ausrasten sein, wenn die ihm nichtmal eine straighte Antwort geben kann. Das wirkt, als ob sie ihn provozierte. (Meine Vermutung: das tut sie auch, und zwar so lange, bis er sie schlägt.)
Chris bückt sich nach dem Heft, blättert durch die Seiten und liest. Für einen Moment will ich glauben, dass ich ihm den Blick in mein Innerstes gewähren muss. Dann wird er mich endlich erkennen.
Was denn erkennen? Von dem Geschriebenen – wenn das alles so ist, wie am Anfang zitiert – ist leider nichts zu erkennen, was ihm helfen könnte. Ich erkenne sie schon nicht, obwohl die Autorin versucht, mir dabei zu helfen ...
Er macht das Badezimmer zur Bühne, hält mein Tagebuch mit ausgestrecktem Arm weit von sich und rezitiert:“ Bin ich bin zu weich, zu nachgiebig? Läd ihn das ein, mich immer weiter zu verformen. Für ihn eine sportliche Herausforderung mit Unterhaltungswert, wie weit kann er gehen, bis ich zerbreche.
Lädt
Naja, die Bühne hat sie ihm aber bereitet, und gibt hier das dankbare Publikum ab.
Ihre Gedanken lesen sich wirklich extrem selbstzerstörerisch (non-con Masochismus), das ist definitiv eine psychische Störung und nicht eine dusselige Situation, in die sie sich kurzzeitig verrannt hat. Aber auch hier: Wie konnte sie so werden? Warum fällt das niemandem in ihrem Umfeld auf?
Er lacht böse. „Das ist nicht dein Ernst?“
Irgendwie frage ich mich das auch. (Nochmal fürs Protokoll: Ich bin auch nicht mehr auf der Seite des Mannes hier.)
Chris schreit: „Bremsen! Brems doch!“
Naja – Suizid-Mord ist auch keine Lösung. Auch nicht als Drohung, wenn gar nix passiert und sie rechtzeitig bremst. Fazit: Die haben sich beide verdient, die haben echt beide einen an der Kanne.

Ist nicht so, dass ich mich nie um das Thema gekümmert habe. Irgendwann vor 20 Jahren ist aber mal mit frischem Blick untersucht worden, warum Frauen in Gewaltbeziehungen bleiben. Und dabei haben Psychologinnen etwas sehr interessantes festgestellt: Frauen scheinen nicht in diesen destruktiven Beziehungen zu bleiben, weil ihnen die Gewalt irgendwas Verqueres ‚gibt‘. Sondern sie bleiben, weil der Moment der Entschuldigung später, das Sich-Kleinmachen des Partners, Geschenkekaufen, Verwöhnen etc. ihnen etwas gibt, das eine gleichberechtigte, gesunde Beziehung nicht leisten kann. Die Gewalt nehmen sie dafür in Kauf. Das Verhalten ist selbstverständlich pathologisch und muss therapiert werden; genau wie ein gewalttätiger Partner therapiert werden muss.

Von sowas – also einer differenzierten Beschäftigung mit dem Thema – lese ich in deiner Geschichte aber nichts. (Damit will ich nicht sagen, du hättest dich mit dem Thema nicht beschäftigt – es ist nur so, dass ich, wenn, davon hier nichts sehe.)

Für mich steht außerdem der Titel einer Geschichte nicht auf Ebene des Erzählers, sondern des Autors – indem du deinen Prot „Puppenspieler“ nennst, so wie die Prota es tut, beziehst du hier eine Position, die dem Text nicht guttut.

Ich finde es frustrierend, dass ich aus dem Text nichts mitnehmen kann, außer Verachtung für sämtliche Figuren darin: keine komplexen Gedanken, keine Analysen, keine neue Sicht, kein Twist, keinen literarischen Konflikt. Denn: In einem Krimi ist ein Mord Teil des Plots, aber dient nicht als Konflikt, der muss anders angelegt sein (Privatprobleme des Ermittlers etc). Nichtmal einen spannenden 'schwarzen Abgrund' der Psyche.

Sorry Peregrina, dass ich nichts Positives sagen kann. Ich würde mich ja freuen, wenn du an dem Text was frickeln würdest, was ihn neu und innovativ macht.

Es gibt übrigens einen einzigen Spielfilm, der für mich bei dem Thema je funktioniert hat. Dort sind sowohl der Mann als auch die Frau sehr komplex und nachvollziehbar, es wird keine Gewalt entschuldigt oder gar beschönigt, aber auch nicht in Opfer-Täter-Klischees verharrt. Der Film endet ebenso wie dein Text offen, aber sehr viel geschickter als hier: Die beiden kommen wieder zusammen, es scheint alles gutzugehen, obwohl die Nachwirkungen seiner Gewalt (die Jahre zurückliegt) immer noch offensichtlich sind. Auch die beiden fahren im Auto aus der Stadt, nur sind sie in einem unvermeidbaren, unvorhersehbaren Unfall verwickelt und sterben. Damit entzieht sich der Filmemacher geschickt einem Statement, ob so eine Beziehung unter neuen Vorzeichen Erfolg haben kann. (Leider ist der Film schwer zu bekommen, nur auf DVD/VOD ohne Untertitel: Den man älskar / Someone to Love, SWE 2007, Regie Åke Sandgren).

Irgendwie sowas hätte ich mir gewünscht, egal wie, Hauptsache nicht die alte Leier, in der es völlig unerklärlich ist, warum er sie schlecht behandelt und warum sie bleibt.

Liebe Grüße, groetjes,
Katla
 
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Hallo @hell,

wir sind uns ja schon ewig nicht mehr begegnet, und die Abteilung Gathering, die zählt nicht wirklich.
Du machst mir eine große Freude mit deinem Interesse an der KG und deinen Vorschlägen.
Zum Ernst des Lebens:
Hey peregrina,

viel Neues werde ich nicht anmerken können: gut geschrieben, die Charaktere sind mir allerdings auch zu eindimensional, zu sehr Opfer und Täter – schwarz und weiß. Daran könntest du arbeiten, wenn du wolltest.
Ja, ich will. Ist sogar schon passiert. Es ist stets ein schwieriger komplexer Prozess, sobald ich die Trotzphase überwunden habe, arbeitet es gewaltig in mir, da will ich Vorschläge umsetzen, aber auch meine ursprünglichen Ideen, Intentionen nicht neu definieren. Es ist ein Kreuz. Beim weiblichen Charakter hab ich mich schwer getan. Sie war so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Verunsichert, ängstlich, verwirrt, erstarrt. Nun habe ich ihre Gemütsverfassung, glaube ich, verwässert.

Allzu ausufernd müsste das gar nicht werden. Ein paar Szenen setzen, die Chris weicher zeichnen, ein paar Spitzen rausnehmen, vielleicht echtes Bedauern andeuten, so was wie ein schlechtest Gewissen.
Die morgendliche Szene hat das hergegeben, er ist ja schon auf einem guten Weg zur Entschuldigung. Der liebenswürdige Chris, der sein Frauchen gängelt. Ich denke nicht, dass ich zusätzliche Szenen brauche, wenn die existierenden glaubwürdiger ankommen. Als ich mit der KG begonnen habe, dachte ich noch, ein Teil müsste sich in Gesellschaft abspielen, um zu zeigen, wie charmant er mit ihr umgeht unter Zeugen.

Das würde mir den Job des Schiedsrichters (@josefelipe) schwerer machen, was spannender wäre, und das würde mich auch deiner Prota näherbringen, würde mir verständlicher machen, warum sie nicht einfach das Weite sucht.
Aber du willst mir doch nicht erzählen, dass du, nur weil Chris schwarz gezeichnet ist, ihn besser verstehst. Und weil sie weiß ist, zweifelst du ihre Reaktionen, ihre Gefühle wie Angst und Unsicherheit an? Die zwei sind nun ambivalenter, hoffe ich, ob mehr Glaubwürdigkeit rüberkommt. Ich kann das verdammt schlecht einschätzen.

Man kennt das oder hat davon gelesen oder gehört. Und das ist irgendwie auch das nächste Problem(chen), das ich mit dem Text habe: Ich hab' das Gefühl, schon zu viel und zu oft darüber gelesen oder davon gehört zu haben: Mann unterdrückt Frau, Frau hat Angst, trennt sich nicht.
Ich weiß, das muss ich mir sagen lassen: Thema ausgenuckelt. Doch nenn mir eins, das wir noch nicht von oben nach unten durchgebürstet und von links nach rechts gewendet haben. Ich weiß schon, die Geschichte kränkelt daran, dass das Thema zu einfältig abgehandelt wird. Der Leser sucht in Geschichten nicht die Realität, sondern will – so wie du – überrascht werden will.
Um mich wirklich packen zu können, müsste iwas Überraschendes passieren, etwas, womit ich nicht gerechnet hätte.
Natürlich, die Forderung ist mir auch nicht neu. Bei dieser Geschichte stehen aber meine Überzeugung, dass es nur in drastischen Fällen ganz einfach zu einer Trennung der Paare kommen kann (Drastisches wollte ich nicht zeigen) und natürlich auch meine Fantasielosigkeit einem Überraschungseffekt direkt gegenüber.

Ein Puppenspieler aus Fleisch und Blut vielleicht, eine Figur im Hintergrund, die das Verhalten steuert, erklärbarer macht - auf einer ganz anderen Ebene. Oder ein Horrorelement (worauf mich der Puppenspieler jetzt bringt) . Die Message könnte gleich bleiben, die Story spannender.
Ein Puppenspieler in Background, klasse. Horror, warum nicht? Der Puppenspieler Chris aus Fleisch und Blut ist mir für den Augenblick aber Horror genug.

Mag ja an der Challenge liegen, aber das mit der Stille wirkt auf mich recht abgedroschen.
Willkommen im Club. Die Allegorie der Stille als Klammer um den Text hat mir irgendwann mal super gefallen. Ist aber wirklich der Ausschreibung geschuldet. Sicher wäre ich das Thema psychische Gewalt sonst ganz anders angegangen. Aber es geht ja auch um Stillhalten und still sein, das werde ich so lassen. Aber wenn ich die KG noch einmal lesen muss, krieg ich einen Schreikrampf, weil das Wort allmählich tierisch nervt.

Ich greife zum Filzstift und beginne zu schreiben, erst unsicher, doch mit jedem weiteren Wort löst sichder Aggregatzustand der Erstarrung auf.
Muss es unbedingt ein Filzstift sein? Das wirft gleich so 'ne Minifrage in mir auf. Braucht's nicht, oder? Und der Aggregatzustand der Erstarrung, der sich dann auflöst. Ginge einfacher, finde ich.
Nur mal als Beispiel, damit du siehst, mit welchem Pipifax ich mich beschäftige. Filzstift ist albern, gebe ich zu. Meine Protagonistin schreibt gewöhnlich mit Bleistift. In seiner neusten Geschichte schreibt linktofink aber ebenfalls mit Bleistift. Und da hab ich den Bleistift geändert, ist noch alberner, ich weiß.

Für mich passt der Aggregatzustand der Erstarrung prima zum den Duktus meiner Erzählerin.
Mir gefällt die Metapher. Auflösen ist zum verformen geworden.

Ich weiß, dass mein Mann momentan an seine Grenzen stößt. War etwas viel in letzter Zeit für ihn. Das Streben nach dem Chefsessel, der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt (hierher). Ich will ihm sagen, dass ich die Stelle überpinseln werde, dass wir die paar Problemchen in den Griff kriegenwerden.
Nur mal zum Überdenken.
Chutney hat die Stelle auch erwähnt. Da hab ich eure Hinweise einfach beherzigt.

Zum Überpinseln noch was: Ich würde deinen Prota weicher zeichnen (wie du ja schon weißt), eine Szene einbauen, wo er das macht. Hätte so 'ne schöne, doppelbödige Symbolik auch; dieses Spuren verwischen z.B. Kannste ja mal überdenken.
Ja, das sind progressive, wertvolle hellsche-Gedanken. So kenn ich dich. Grundsätzlich denk ich über alle Vorschläge nach! Nur, dass jeder Eingriff, sei er noch so minimal, mein Plot-Konstrukt zum Einsturz bringt und mich unter sich begräbt.

Gefällt mir, ja, sie hat feine Antennen ausgebildet, man bildet feine Antennen aus, wenn man Angst vor Menschen/ Situationen hat. Trotzdem würde ich etwas entschlacken, weniger erklären, sie nervös werden lassen, vielleicht auch subtiler werden.
Vorschlag (nur mal zum Überdenken): Die Haustür fällt ins Schloss und ich zucke zusammen. Ein wenig Badewasser schwappt auf den Boden. (So,) Wie die Schlüssel in der Keramikschale klimpern, verraten sie etwas.
Das ist eine anschauliche kleine Szene. Aber ich kann beim besten Willen nicht alle deine Ideen übernehmen.

Er lockert die Krawatte. „Ich komm zu dir.“
Er schaut auf die Armbanduhr. „Wird aber zu knapp.“
Er zieht sein Hemd aus, stopft es in den Wäschekorb. „Wenn wir zurück sind.“
Ist mir zu plump (und schwarz wieder).
Das war als Countdown angedacht, gleich platzt die Bombe, wenn er feststellt, der Rasierer ist nicht an seinem Platz. :D Hab's aber verändert, gibt mehr Dialoge.

Seine Stimme bebt. Wie so oft in letzter Zeit hat er sie nicht unter Kontrolle. Und damit kann er nicht umgehen.
Meinst du, er kann damit nicht umgehen, dass er seine Stimme nicht kontrollieren kann? Wie zeigt sich das?
Nee, wollte was anderes sagen. Es ist ihre Vermutung und Art der Rechtfertigung des Gatten-Verhaltens. Jetzt hat's den Satz völlig aus der Kurve getragen.

Gefährlich, böse? Ne, das spüre ich auch so.
Das wusste ich doch nicht. Sind einige Adjektive rausgeflogen beim Durchkämmen. Find ich auch besser so.

Er legt die schönen schmalen Hände auf meine Schultern, als wolle er mich massieren.
Das ist ein komisches Bild, finde ich. Sie liegt doch noch in der Wanne, nicht? Er steht also am Wannenrand und legt beide Hände auf eine ihrer Schultern? Vielleicht nur eine? Oder er geht in die Hocke und greift nach beiden? Besser vielleicht auch, dass er tatsächlich knetet, massiert, nicht als wolle er das nur.
Mit einem Mal hält er inne, der Druck seiner Hände lässt nach.
Mit was hält er inne? Mit dem Handauflegen? Ne, mit der Massage, oder? Deshalb würde ich das oben auch klar benennen.
Ist aber sehr penibel jetzt, ich weiß .
Er steht hinter ihr, ist so 'ne freistehende Wanne. Deine Vorschläge gefallen mir und hab sie auch übernommen.

Vielleicht besser 'ne Miniszene, mehr "Show":
Chris drückt mir die Autoschlüssel in die Hand.
"Mit den Schuhen?“
"Warum nicht?", sagt er und ist schon an der Beifahrertür – ein schmales Lächeln auf den Lippen.
Das auch. Langsam wird’s peinlich.

Verschwitzt und zitternd ist mir hier too much. Im Kontext wird mir auch ohne einiges klar, ohne dass der Kritiker in mir fragt: "Überzeichnet?"
Recht hast du!

Du hast das Triplett: lässt mich nicht aus den Augen, betrachtet mein Profil, beobachtet jede Bewegung. Die goldene Mitte würde ich killen.
Genau so hab ich das bereinigt, war mir selber schon zu viel Gegaffe. Aber daran erkennt man, dass ich unsicher in der Dosierung bin. Danke!

Wenn ich mich nicht täusche, würde in Kürze die Biegung in Sicht kommen, ich müsste runter vom Gas, wenn uns die Fliehkräfte nicht aus der Kurve tragen sollten.
Zu erklärend, finde ich.
Doch der Puppenspieler ist bei uns, hält die Fäden in den Händen. Er führt Regie, steuert meine Bewegungen und tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die Sekunden pulsieren, dehnen sich zu einem gigantischen Universum aus, in dem es warm und ganz still ist. Die Stille ist laut und allgegenwärtig und ich brauche sie, weil sie mir hilft, den richtigen Weg zu finden.

Chris schreit: „Bremsen! Brems doch!
Auch wenn es schön ist, ich würde früher aussteigen.
Das ist wohl der einzige Punkt, in dem ich widerspreche. Würde ich den Text früher verlassen, würde das eindeutig auf Freitod hinweisen. Außerdem hätte Chris keine Chance zu rufen. Er dringt in ihr Bewusstsein ein, reißt sie aus der Wunschvorstellung. Und er hat Angst vor ihr, vielleicht das erste Mal überhaupt. Der drückt ihr nie mehr die Autoschlüssel in die Hand. :lol:

Ich hab's schon erwähnt: Echt gut geschrieben, ich mäkele da auf hohem Niveau, soll ja alles nur Denkanstöße liefern; weißt du aber.
In einem Satz: Mehr Grautöne, was Überraschendes, das Ende vielleicht noch etwas besser Vorbereiten, das Ding ein wenig mehr in die Breite gehen lassen. Dann wird dein guter Text noch besser, meine ich.
Die Grauschattierung ist erledigt. Die Frage, warum Chris nervöser ist als sonst, beantwortet.
Aber wenn das Ende so plötzlich für dich kommt, dann hätten wir doch den Überraschungseffekt.:confused:
Aber natürlich bleib ich dran. Die Erfahrung zeigt: Kommt Zeit, kommt Rat. Noch stehe ich zu dicht dran, um neue Lösungswege, was zum Beispiel die Message oder überraschende Wendungen anbelangt.

Vielen Dank hell, für das akribische Durchkämmen, die Nasenstüber, das positive Feedback und überhaupt für alles. Wie kann ich das nur wieder gut machen?

Liebe Grüße,
peregrina

--------------------------------

Hallo @Achillus, hallo @Katla,

auch euch beiden herzlichen Dank für eure Beschäftigung mit der Geschichte und die vielen interessanten Gedanken.
Auf meine Antwort müsst ihr noch etwas warten.
Die Veränderungen am Text hatten Vorfahrt. Das heißt, ich hab schon etwas rumgebastelt. Ob die kleinen Eingriffe einen Effekt haben, kann ich grad nicht beurteilen.

Bis morgen dann und liebe Grüße von peregrina
 
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Hey liebe @peregrina,
ich hab gelesen, dass du überarbeitest und will dir nicht dazwischen grätschen. Vielleicht nur eine Sache: Wäre dein Prota ambivalent angelegt und nicht eindimensional, würden sich mir viele Fragen nicht aufdrängen, die mich leider von den Figuren distanzieren. Momentan werde ich von beiden weggepusht, weil ich in keine Figur einsteigen kann.
Lass ihn auch liebenswerte Seiten haben, aufmerksam und zärtlich sein, dann könnte ich die Liebe der Frau und somit die Tragik der Beziehung nachvollziehen. Das deutest du in der Badewannenszene an, doch es kippt allzu schnell wieder. Lass ihn großzügig sein und keinen Kontrollfreak, gib ihm was, dass ich ihn als Leser mögen kann – um dann von seinem nächsten Aussetzer so brutal getroffen zu werden wie seine Frau.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde, sie weiß nie, mit wem sie gerade redet, muss sich in jeder Situation seiner erst versichern. Natürlich wäre es hilfreich, wenn er nicht nur Kaffeetassen schleudern würde, sondern in seinem pathologischen Zustand auch Hand an sie legen würde – und sie nachher dafür aufrichtig um Verzeihung bittet. Das würde die latente Bedrohung, in der sie mit ihm lebt, diesen unerträglichen Schwebezustand, den Tanz auf der Rasierklinge aufzeigen. Ich denke da an Borderline-Betty Blue, die sich ein Auge rausreißt, als sie erfährt, dass sie nicht schwanger ist. Ist es nicht furchtbar, wenn jederzeit alles passieren kann und der geliebte Mensch immer wieder entgleist? Und selbst die Ohnmacht zu fühlen, es nicht verhindern zu können?
Die Zeichnung "er ist einfach ein gestresster Arsch" hat das Mitgefühl bei mir verhindert.

Noch eine kleine Bemerkung: Mit der Puppenspieler-Klammer tust du dir keinen Gefallen, da sie einen Determinismus schafft, der die Figuren eher fesselt, als verständlich macht.

Das Thema 'Macht in der Beziehung' ist für mich keinesfalls ausgelutscht, kann es gar nicht sein, solange zwei sehr ungleiche Wesen zueinander finden. Es ist eine Frage der Herangehensweise, wie du diesen Konflikt anlegst. MMn wäre es gut, du würdest andere Schlaglichter auf die Figuren zulassen, damit ich sie von anderen Seiten sehen kann. Ich sehe da Potential in deinem Text, können tust du es allemal.
Zum Rest äußere ich mich nach deiner Überarbeitung. ;) Ich hoffe, du kannst davon was brauchen ...

Peace, Linktofink
 
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Hallo @Achillus,
schön, dass du noch mal geantwortet hast.
Setzten wir unsere kleine Diskussionsrunde also fort.
Mein Problem mit Sozialdramen ist häufig, dass mich sowohl die beschriebene Ungerechtigkeit als auch die Unfähigkeit der Opfer, Widerstand zu leisten, wütend macht. Die Frage ist immer, welchen Anteil am Gesamtumfang der Erzählung solche Darstellungen haben.
Da bin ich ganz bei dir. In der besprochenen KG ist der Anteil des „Dramas“ 100 Prozent, also gibt es viel Potential für Ärger und Wut. Ich kenne diese Gefühlslage auch von mir. Man möchte die Betroffenen im Film und in der Realität so lange schütteln, bis sie begreifen, was Sache ist. Aber auf der anderen Seite ist es auch eine interessante Herausforderung, solche gestörten Menschen in Geschichten zu kreieren.

Jeder Text oder Film hat eine Aussage. Die Aussage mag widersprüchlich sein oder trivial oder gänzlich absurd, aber einen Text/ Film ohne Aussage gibt es nicht.
Davon gehe ich aus. Behaupte aber, dass die Rezipienten des gleichen Textes/Filmes zu unterschiedlichen Erkenntnissen gelangen können/werden. Und zwar in Abhängigkeit vom Alter, Geschlecht, Bildung, Lebensumständen, Erfahrungen, Empathievermögen und was weiß der Geier. Kurz Persönlichkeit und Biografie steuern das, was ich an Botschaft/Aussage erkenne.

Wenn also der weiße Hai ein promiskuitives Kiffer-Mädchen frisst, den Sohn eine ledigen Frau oder einen einsamen, latent homosexuellen Fischer – allesamt Figuren, die nicht dem konservativen amerikanischen Leitbild entsprechen – und der Hai als beinahe übernatürliches Wesen inszeniert wird, dann steckt da eine Ideologie dahinter, selbst wenn Autor und Regisseur das selbst gar nicht verstehen.
Das kann ich mir nicht vorstellen, dass weder Autor noch Regie die Message nicht bewusst aussenden. Da steckt doch Strategie und System dahinter.

Aus dem Grund ist es gut, wenn man sich als Autor hin und wieder fragt, was die eigene Geschichte eigentlich bedeutet, welche Konfliktlösungsstrategien die Figuren anwenden und ob sie damit durchkommen.
Bisher hab ich mich als verantwortungsbewussten Schreiber gesehen. Kaum hat mich ein Thema beim Wickel, erarbeite ich einen szenischen Plot, der ein Minimum an Spannung garantieren soll. Die Prämisse brauch ich schon deshalb, um mich nicht zu verzetteln. Oft existiert sie wortwörtlich, manchmal als grobe Richtschnur.

Wenn meine Prämisse lauten würde: Opfer psychischer Gewalt haben nicht die Kraft, sich aus der emotionalen Beziehung zu befreien und sehen ehe Suizid als Ausweg als andere Lösungen, da erkenne ich, dass der Text genau das beweist.
Ob das jetzt einen Ausbund an Kreativität darstellt, sei dahingestellt.
Und was sagt die Geschichte damit aus? Wenn man es hart ausdrückt, sagt sie: Frauen, ihr werdet immer die Sklaven der euch unterdrückenden Männer bleiben. Widerstand ist allenfalls durch Selbstopferung möglich.
Genau das sollte die KG nicht sein, eine Aufforderung an die Frauen, sich zu ducken und zu dulden. Und der in Kauf genommene Tod ist als mögliche Lösung, nicht als Opfergabe zu sehen, zumal der Peiniger mit im Fahrzeug sitzt.
Nach wie vor ist nicht klar, wie sich die Prota verhalten wird. Offenes Ende!

Hinzu kommt dieser titelgebende Verweis auf einen allmächtigen Puppenspieler. Nicht die Menschen lenken ihr Schicksal, sie sind nur Puppen an den Fäden eines herzlosen Spielers. Das ist sehr fatalistisch und lässt nicht viel Raum für Hoffnung, Kreativität und Schönheit.

Meine Antwort vor vier Tagen:
Die Prota gebraucht den Puppenspieler als Ausrede und leugnet somit seine und ihre Verantwortung für's Handeln. Der Puppenspieler im Titel ist Chris.
Dachte mir, die Doppeldeutigkeit ist offensichtlich.
Der Titel ist nun mehrmals als unglücklich gewählt bzw. als irreführend angesprochen worden.
Die Doppelbödigkeit gefällt mir immer noch. Für mich ist Chris der Puppenspieler, der die Prota nach seinem Willen tanzen lässt. Die Prota flüchtet mit dieser Sichtweise aus ihrer eigenen Verantwortung und entschuldig das kranke Verhalten ihres Mannes.

Warum bin ich die Einzige, die das so erkennt? Wo ist mein blinder Fleck?

Hey, schön, wenn Du die Asymmetrie unserer Beziehung korrigieren willst. Ich warte auf Deinen Kommentar zu einer meiner Geschichten!
Also wollen tu ich das schon lang. Das wird auch, aber warten würde ich an deiner Stelle nicht. :lol:

Liebe Grüße,
peregrina


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Hallo @Katla,

Du hast meine Geschichte aufmerksam gelesen, analysiert, bewertet und Schlussfolgerungen gezogen. Du bist sehr tief eingetaucht und verrätst mir, was du von ihr hälst.
Dankeschön!

Ich hangel mich mal an deinen Anmerkungen entlang:
Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so laut und allgegenwärtig, dass ich spüre, wie sie auf meine Schultern drückt. Doch ich brauche sie, weil sie mir hilft, mich halbwegs in meinem Leben zu orientieren, in dem ich mich verlaufen habe.
Nachdem ich den gesamten Text durchgelesen habe, denke ich zum Anfang: Okay, aber die Stille hilft ihr doch gar nicht, denn sie versucht sich ja noch nicht mal, sich zu orientieren. Außerdem ist das ‚verlaufen‘ eine billige Ausrede,..,
Die Erzählerin empfindet die Stille als Ruhespender und so als Hilfe, um ihre Gedanken sortieren zu können. Ich denke schon, dass sie bestrebt ist, sich zu orientieren. Aber sie leugnet sofort, wenn sich Erkenntnis einstellt. Deshalb auch die „billige Ausrede“ des Verlaufens. Die Metapher find ich sehr passend für ihre Verlorenheit.
Mittlerweile ist der Anfang etwas abgeändert, weil die Stille doch nur für innere Ruhe sorgt. Aber „Verlaufen“ muss bleiben.

Du zeigst hier eine Reihe Auswege aus dem Dilemma:
(Paar-)Therapie, Beziehung in getrennten Wohnungen weiterführen, Trennung, weg zu Familie oder Freunden, Frauenhaus, Ausland … keine Ahnung, aber wenn sie in Deutschland und nicht in irgendeinem totalitären Staat wohnt, stehen ihr alle Türen offen.
Natürlich stehen Türen offen, doch sie wird nicht hindurchgehen, weil sie aus der emotionalen Abhängigkeit (noch) nicht ausbrechen kann.

Fuck! Hier dachte ich, das sei ein subtiler Hinweis darauf, dass der Typ sie schlägt (geronnenes Blut wird braun), dabei ist das nur Kaffee. Hm, echt? Ich hab auch schon einen Teller hingeknallt, obwohl ich weder manipulativ noch gewalttätig bin. Das sagt mir nur: Der Typ war hilflos. Immerhin hat er so vielleicht Gewalt gegen sie vermeiden können - das spricht doch für ihn.
Wenn ich jedes Mal beim Gefühl der Hilflosigkeit Porzellan zerschlagen würde, müssten wir von Papptellern essen. Fest steht, er hat eine Tasse gegen die Wand gepfeffert. Ob aus Hilflosigkeit (Wut) oder weil er damit seine Frau schonen wollte, (kann ich mir übrigens nicht vorstellen, aber wenn es so ist, dann wäre die Figur doch ambivalenter als von anderen Lesern wahrgenommen), geht nicht aus dem Text hervor. Ich sehe ihn als jemanden, dessen Frustrationschwelle sehr niedrig liegt.

Gern hätte ich davon gelesen, was sie denn über die Situation denkt, außer 'es gab ein Donnerwetter' - wie hat sie sich verhalten? Was hätte sie zur Deeskalation beitragen können, und warum meint sie, ist ihr das misslungen?
Solch analytisches Vorgehen trau ich meiner Prota nicht zu. Sie wäre nicht in dieser Beziehung gefangen, wenn sie imstande wäre, ihrer beider Verhalten zu bewerten.
Außerdem war der Tassenwurf als Einstimmung auf die Problematik gedacht. Ich dachte, wäre ein Geniestreich meinerseits.

Er spricht Bände, über mich, über ihn, über unsere Ehe. Ich kann ihn deuten wie ein Psychologe das bizarre Gebilde eines Rorschachtests.
Äh, nein. Sie kann schon ihren Mann nicht deuten, die Beziehungsstrukturen noch viel weniger und sich selbst schon mal gar nicht. In dem gesamten Text ist kein Funke davon zu entdecken, dass sie irgendwas deuten kann.
Besser hätte ich es nicht zusammenfassen können. Orientierungslos, hilflos, planlos.
Da ist ganz schön was los.

Ab davon, dass auch ein Rorschach nicht wirklich ‚zu deuten‘ ist (dafür sind die Tests nicht da, der Psychologe kann aus der Deutung seines Patienten etwas schlussfolgern, ein Psychologe deutet die nicht selbst):
Natürlich, hätte mir nicht passieren dürfen: ein grober sachlicher Fehler, ist mir erst nach deinem Hinweis klar geworden.

… eigentlich behauptet sie damit, dass die Ehe auch nicht durchschaut werden kann. Das ist eine Kapitulation der Erzählerin gleich am Anfang einer Geschichte, …
Das sehe ich anders. Sie gibt damit zu, dass sie die Ehe gerne durchschauen würde, es aber nicht kann. Sie kapituliert nicht, sie ist bemüht zu verstehen, steht sich selbst im Wege, weil sie nicht wahrhaben will, was sie erkennt. Auf der Gefühlsebene hat sie es erfasst, ihr Verstand weigert sich. So meine Absicht. Nach den vorgenommenen Eingriffen kann ich gar nicht sagen, welchen Eindruck die Prota nun hinterlässt.

… und ich frage mich, was der Text mir überhaupt eröffnen kann.
Eine berechtigte Frage. Für mich einer der wichtigsten Aussagen deines Komms, du gehst mit hohen Erwartungen, sogar mit Vorurteilen durch die Geschichte, die du bei jedem weiteren Punkt bestätigt siehst.

Nein, ich bin eine, der es im entscheidenden Augenblick an Intuition und Weitblick fehlt. Ich habe weder das Donnerwetter noch die fliegende Tasse kommen sehen.
Naja, ihr fehlt Einsicht und Selbstanalyse, dann könnte sie gut ohne Intuition auskommen.
'Donnerwetter' klingt nach einem Kleinkind - magst du das nicht konkreter benennen?
Wie gesagt, es gibt Veränderungen: Donnerwetter ist gestrichen und Intuition war sowieso im Bezug auf den Phönix unsinnig, wie Achillus festgestellt hatte.

Ich greife zum Filzstift und beginne zu schreiben, erst unsicher, doch mit jedem weiteren Wort löst sich der Aggregatzustand der Erstarrung auf.
Das ist schief: Es klingt, als gäbe es die Erstarrung in gasförmig, flüssig und gefroren.

Reine Interpretation. Ihre Erstarrung ist der Aggregatzustand "gefroren", er löst sich auf, wird zum Dunst oder Tränen.

Bin ich bin zu weich, zu nachgiebig? Läd ihn das ein, mich immer weiter zu verformen. Für ihn eine sportliche Herausforderung mit Unterhaltungswert, wie weit kann er gehen, bis ich zerbreche. Was für ein Unsinn! Mein Mann ist keiner, der mich zerbrechen will. Er liebt mich.
Die Frage, die sie sich besser stellen sollte, wäre: Liebe ich ihn? Und wenn ja: Warum?
Abgesehen davon, dass der Schwachsinn im Tagebuch ihre Zerrissenheit und ihr Bestreben ihn zu verteidigen darstellen sollten, weiß sie ganz sicher, dass sie ihn liebt.
Ich glaubte, der Text macht deutlich, sie ist emotional an ihn gefesselt, ein Grund, warum sie so schnell nicht davonrennt. Beim Warum stoße ich als Autor am meine Grenzen.

So verhuscht passiv-aggressiv, wie die Frau bisher rüberkam, bin ich hier auf seiner Seite.
Sorry, ich sehe keine aggressiven Ansätze in ihrem Verhalten. Verhuscht und unsicher, ja, das ist pure Absicht.

Sie stößt viel mehr an ihre Grenzen als er, wenn sie es nichtmal schafft, ihm zu sagen, wo sein verdammter Rasierer liegt.
Meine Absicht war, einfach mal zu zeigen, wie falsch und unrational sich ein ohnehin ängstliches Menschlein verhalten kann.

Geht ihr das gar nicht mal durch den Kopf, dass sie überreagieren könnte? Wäre er so, würde sie ihm selbstbewußt gegenüberstehen?
Nein, solche Gedanken beschäftigen sie nicht. Wie kann ich ihm alles recht machen, was kann ich tun, dass er mich liebt? Sie weiß in der ersten Version der KG gar nicht, wie Selbstbewusstsein buchstabiert wird.

Der Text liefert mir Null zur Vorgeschichte, und das wäre absolut essentiell gewesen: Wie konnte es soweit kommen? War sie schon immer so? Haben das andere Typen auch mit ihr gemacht, und wieso holt sie sich keine professionelle Hilfe?
Die Kritikpunkte nehme ich an. Keine Vorgeschichte, keine Erklärungen von meiner Seite. Ich bin davon ausgegangen, dass diese Paar-Konstellationen nicht zufällig entstehen. Stark und schwach „erkennen“ sich, schließen unterbewusst einen Pakt.

Und bei seiner Entschuldigung wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, plotmässig einzuhaken: Okay, der Ball ist in ihrem Feld - was nu? Ach so, sie ist wie gelähmt. Schade.
Wenn doch das Faszinierendste für mich das nicht Loskommen des „misshandelten“ Partners aus der Abhängigkeit ist und das in der KG thematisiert wird, in welche Richtung sollte sich der Plot hier entwickeln?

Okay, er ist auch ein Arschloch. Damit hab ich jetzt ein Problem: Sie hat einen an der Waffel und er ist ein manipulatives kleines Würstchen – ich kann keinen der Prots ausstehen, und hoffe auf weiteres Personal, das hier Licht ins Dunkel bringen könnte. Leider passiert es nicht, leider wird die Geschichte nicht so erzählt, dass irgendwo eine Analyse stattgefunden hat, wenn nicht schon ein Ausweg angedeutet.
Da muss man kein Einstein sein, um zu erkennen: Die KG ist leider nur das Ergebnis einer Istzustands-Analyse, die mit keinen neuen Erkenntnissen und schon gar keinen Lösungsansätzen aufwarten kann. Nur bekannte, hundertmal gehörte und gelesene Fakten in Emotionen gegossen. Das tut mir leid, dass die KG nicht das leistet, was du erwartest hast, liebe Katla.
Und du bist ja nicht allein mit deinen Erwartungen.

Deute ich das richtig: Sie ist Hausfrau und lebt von seinem Geld? Gibt gern das hübsche Mädchen an der Seite eines erfolgreichen Managers? Tja, da mag ein Grund sein, dass sie sich nicht trennen will, und das macht sie mir nicht sympathischer.
Das siehst du nicht richtig. Finanzielle Aspekte würden auf eine bewusste Entscheidung hindeuten, dann würde die Prota in der Geschichte nicht leiden oder wäre verstört.

Chris ruft nach mir, findet mich im Bad und starrt mich an, als hätte er vergessen, wie ich nackt aussehe.
Das nun wieder finde ich echt witzig. Bitte mehr davon.
Sollte keine Stelle zum Lachen sein?

In der untersten Schublade?“, frage ich und hoffe auf ein Wunder.
Wie alt ist die denn? Vier? Herrje. Schon vom Lesen könnte ich ne Tasse an die Wand knallen.
Alles eine Frage des Temperaments und der Gesamtpersönlichkeit.

Widerwillig zieht er sie auf. „Da is nix.“ Seine Stimme bebt. Wie so oft in letzter Zeit hat er sie nicht unter Kontrolle. Und damit kann er nicht umgehen.
Also, ich deute das anders als die Protagonistin: Mag ja sein, dass der Typ ein bisschen gestört ist. Aber wenn die sich einfach nicht in den simpelsten Situationen normal verhalten kann … dann ist das doch zum aus der Haut fahren. Das muss für ihn – der nach vermutlich 10 Stunden Arbeit gestresst von einem Stressjob kommt – doch zum ausrasten sein, wenn die ihm nichtmal einestraighte Antwort geben kann. Das wirkt, als ob sie ihn provozierte. (Meine Vermutung: das tut sie auch, und zwar so lange, bis er sie schlägt.)
Sehr gute Analyse. Sie kann sich nicht „normal“ benehmen, weil sie Angst hat, ihn zu erzürnen. Das ist ja das Schöne an der Stelle, mit ihrer Vermeidungsstrategie fordert sie seine Aggression heraus. Erreicht genau das Gegenteil.

Chris bückt sich nach dem Heft, blättert durch die Seiten und liest. Für einen Moment will ich glauben, dass ich ihm den Blick in mein Innerstes gewähren muss. Dann wird er mich endlich erkennen.
Was denn erkennen? Von dem Geschriebenen – wenn das alles so ist, wie am Anfang zitiert – ist leider nichts zu erkennen, was ihm helfen könnte. Ich erkenne sie schon nicht, obwohl die Autorin versucht, mir dabei zu helfen ...
Doch, du hast sie sehr gut erkannt. Na ja, in aller Bescheidenheit, ganz ohne meine Hilfestellung wär’s nicht möglich gewesen.

Er macht das Badezimmer zur Bühne, hält mein Tagebuch mit ausgestrecktem Arm weit von sich und rezitiert:“ Bin ich bin zu weich, zu nachgiebig? Läd ihn das ein, mich immer weiter zu verformen. Für ihn eine sportliche Herausforderung mit Unterhaltungswert, wie weit kann er gehen, bis ich zerbreche.
Naja, die Bühne hat sie ihm aber bereitet, und gibt hier das dankbare Publikum ab.
Ihre Gedanken lesen sich wirklich extrem selbstzerstörerisch (non-con Masochismus), das ist definitiv eine psychische Störung und nicht eine dusselige Situation, in die sie sich kurzzeitig verrannt hat.
Weiß nicht, ob die paar Zeilen selbstzerstörerisch wirken? Auf mich eigentlich nicht.
Dass sie nicht gehen kann, weil sie noch nicht so weit ist, könnte auf Selbstzerstörung hindeuten. Figur überzeichnet? Bestimmt.

Aber auch hier: Wie konnte sie so werden? Warum fällt das niemandem in ihrem Umfeld auf?
Ja, die Info fehlt. Warum niemand das bemerkt? Sie ist aus ihrer gewohnten Umgebung durch den Umzug herausgerissen.

Chris schreit: „Bremsen! Brems doch!“
Naja – Suizid-Mord ist auch keine Lösung. Auch nicht als Drohung, wenn gar nix passiert und sie rechtzeitig bremst.
Als Lösung für die KG sicher einfallslos. Dass die Prota Feitod als Ausweg sieht, ist gar nicht abwegig. Warum sollte das Gasgeben nicht als Warnschuss von Chris wahrgenommen werden? Sie kehrt doch genau in dem Moment das Machtverhältnis um.

Fazit: Die haben sich beide verdient, die haben echt beide einen an der Kanne.
Das würde ich anders formulieren: Beide sind keine Persönlichkeiten, mit denen ich zu tun haben möchte. Und sie haben sich gesucht und gefunden.

… warum Frauen in Gewaltbeziehungen bleiben.
Und dabei haben Psychologinnen etwas sehr interessantes festgestellt: Frauen scheinen nicht in diesen destruktiven Beziehungen zu bleiben, weil ihnen die Gewalt irgendwas Verqueres ‚gibt‘. Sondern sie bleiben, weil der Moment der Entschuldigung später, das Sich-Kleinmachen des Partners, Geschenkekaufen, Verwöhnen etc. ihnen etwas gibt, das eine gleichberechtigte, gesunde Beziehung nicht leisten kann.
Interessant! Die Frauen genießen die Macht, die sie in dem Moment erleben. Die Macht hat Suchtpotential?
Bislang dachte ich, die Frauen haben Angst vor dem Alleinsein, reden sich ein, ohne den Partner nicht existieren zu können, auch finanziell, wollen es den Kindern nicht zumuten. Oft kommen die Paare nach Trennungen wieder zusammen.

Für mich steht außerdem der Titel einer Geschichte nicht auf Ebene des Erzählers, sondern des Autors – indem du deinen Prot „Puppenspieler“ nennst, so wie die Prota es tut, beziehst du hier eine Position, die dem Text nicht guttut.
Kann sein, dass ich die Aussage nicht begreife.
Ich entscheide mich für den Titel „Der Puppenspieler“, weil ich Chris als solchen sehe. Damit positioniere ich mich. Meine Protagonistin stelle ich so dar, dass sie von einem allmächtigen Puppenspieler faselt, der alle Verantwortung für Tun und Lassen der beiden übernimmt. Sie hat so gewaltig einen an der Kanne, um dein Bild zu strapazieren, dass ihr Blick getrübt ist.
Und unter diesen Voraussetzungen nimmt der Text Schaden?

Ich finde es frustrierend, dass ich aus dem Text nichts mitnehmen kann, außer Verachtung für sämtliche Figuren darin: keine komplexen Gedanken, keine Analysen, keine neue Sicht, kein Twist, keinen literarischen Konflikt. Denn: In einem Krimi ist ein Mord Teil des Plots, aber dient nicht als Konflikt, der muss anders angelegt sein (Privatprobleme des Ermittlers etc). Nichtmal einen spannenden 'schwarzen Abgrund' der Psyche.
In der Summe hast du mein Personal genau so erlebt, wie es der Leser erleben sollte. Das Gerede und Handeln, oder gerade das Nichthandeln, hat bei dir Gefühle ausgelöst und das ist der Aspekt, der meinen Text im Sinne meiner Absichten zu einem „guten Text“ macht. Dass deine Erwartungen hinsichtlich komplexer, innovativer Gedanken und tiefenpsychologischer Analysen nicht erfüllt wurden, liegt einerseits daran, dass ich mich dem Thema von einer anderen Seite genähert habe (offensichtlich den ausgetretenen Weg gegangen bin) und das nicht ohne Grund. Mir reichte in diesem Fall die Zustandsanalyse. Andererseits, und das weiß ich aus eigener Erfahrung, enttäuscht kann man nur werden, wenn Ansprüche zu unrealistisch sind.

Sorry Peregrina, dass ich nichts Positives sagen kann. Ich würde mich ja freuen, wenn du an dem Text was frickeln würdest, was ihn neu und innovativ macht.
Ich dachte, wir sind in einer Schreibwerkstatt, und am Text arbeiten ist selbstverständlich. Zu neuen Ufern werde ich dich nicht führen können, auch nicht nach der Überarbeitung. Da müsste ich meine Herangehensweise auf den Kopf stellen. Einigen wir uns darauf, wir lassen die KG als abschreckendes Beispiel hier stehen. Und ich nähere mich in einer anderen Geschichte dem Thema erneut und habe schon, bevor ich mit dem Schreiben beginne, den ultimativen Lösungsansatz in petto.

Es gibt übrigens einen einzigen Spielfilm, der für mich bei dem Thema je funktioniert hat. Dort sind sowohl der Mann als auch die Frau sehr komplex und nachvollziehbar, es wird keine Gewalt entschuldigt oder gar beschönigt, aber auch nicht in Opfer-Täter-Klischees verharrt. (Leider ist der Film schwer zu bekommen, nur auf DVD/VOD ohne Untertitel: Den man älskar / Someone to Love, SWE 2007, Regie Åke Sandgren).
Den Film würde ich mir gerne ansehen, zumal die Schweden für die Darstellung von feinen Beziehungsgeflechten und Zwischentönen berühmt-berüchtigt sind.

Danke für die Mühe, die du in den Text gesteckt hast. Ist ja unglaublich.

Liebe Grüße,
peregrina


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Hallo @linktofink,

danke für dein Feedback. Ich kann nur hoffen, dass du nicht doch schon die Überarbeitung gelesen hast und dieser Eindruck ist hängen geblieben. Dann stürz ich mich vom Balkon! Oder lese den spannenden Roman weiter.

Wann warst du denn hier?

Liebe Grüße von peregrina
 
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Monster-WG
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04.03.2018
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Hey @peregrina, heute mittag :Pfeif:, ich hoffe, mein Komm hat dich nicht aus den Schuhen gehauen, war nicht meine Absicht. Hüstel.
Scusi, linktofink
 
Senior
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01.05.2009
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2.010
Hallo @peregrina ,

Weiß nicht, ob die paar Zeilen selbstzerstörerisch wirken? Auf mich eigentlich nicht.
Dass sie nicht gehen kann, weil sie noch nicht so weit ist, könnte auf Selbstzerstörung hindeuten. Figur überzeichnet? Bestimmt.
Ja, auf mich schon. Ihr gesamtes Verhalten wirkt selbstzerstörerisch auf mich. Auch z.B. dass sie ihn so lange in der Irre rumführt, bis er den Rasierer findet, das ist doch eine bewußte und sehr offensichtliche Lüge, bei der sie selbst sagt, dass er ausflippen wird. Sie flirtet mit der Opferperspektive ("wann bricht er mich?"), suhlt sich in dieser Rolle. Ich sehe kein echtes Leiden, sondern eine Herausforderung von Gewalt. Sowas sage ich nicht so schnell, übrigens.

Ja, die Info fehlt. Warum niemand das bemerkt? Sie ist aus ihrer gewohnten Umgebung durch den Umzug herausgerissen.
Ich hab das nicht so gelesen, dass sie ganz woanders hingezogen ist, das kann doch genauso in der selben Stadt passiert sein - außerdem: So ein Abgleiten passiert nicht von jetzt auf heute, also waren da vorher Leute, die was beobachtet haben sollten.

Als Lösung für die KG sicher einfallslos. Dass die Prota Feitod als Ausweg sieht, ist gar nicht abwegig. Warum sollte das Gasgeben nicht als Warnschuss von Chris wahrgenommen werden? Sie kehrt doch genau in dem Moment das Machtverhältnis um.
Sekunde - ich geh völlig mit, wenn du Suizid als Freiheit beschreibst, die eine Person hat und ausüben kann. Aber da sitzt noch jemand mit im Auto, und damit ist es auch Mord. Du hast das oben in deiner Antwort an Achillus auch schon unterschlagen (sorry, das klingt härter, als es gemeint ist), aber es ist echt nicht cool, jemanden zu killen, nur weil der ein bissl fies war.
ImA kehrt sie hier gar nichts um, sie
- erkennt ihre eigenen Probleme immer noch nicht
- kapituliert, und ist nicht bereit, eine gangbare Lösung zu suchen
- ermordet jemanden (oder droht damit), nur, weil sie zu feige ist, der Realität und ihrer Mitschuld an der Ehemisere in die Augen zu sehen.
Wo hat sie hier Macht? Ihre Reaktion beweist ein Maximum an Ohnmacht.

Interessant! Die Frauen genießen die Macht, die sie in dem Moment erleben. Die Macht hat Suchtpotential?
Sucht würde ich nicht sagen, aber es ist ein pathologisches Verhaltensmuster, das stets wiederholt wird. Ähnlich wie pathologische Muster bei Serientätern, die ein Problem lösen wollen, das so natürlich nicht zu lösen ist, daher oft die Gewaltspirale.

Kann sein, dass ich die Aussage nicht begreife.
Ich entscheide mich für den Titel „Der Puppenspieler“, weil ich Chris als solchen sehe. Damit positioniere ich mich. Meine Protagonistin stelle ich so dar, dass sie von einem allmächtigen Puppenspieler faselt, der alle Verantwortung für Tun und Lassen der beiden übernimmt. Sie hat so gewaltig einen an der Kanne, um dein Bild zu strapazieren, dass ihr Blick getrübt ist.
Und unter diesen Voraussetzungen nimmt der Text Schaden?
Ich finde deine Antwort ganz außerordentlich spannend - du betonst in deiner Antwort auf deinen Komm eine extreme Distanz du deiner Prota, die ich im Text selbst nicht wiederfinden kann. Das muss nicht passieren, indem du die Prota bloßstellst (auf keinem Fall!), aber dass du Nebenpersonal oder einen Antagonisten entwirfst, der sie infrage stellt. Indem du auf Autorenebene den Puppenspieler so verwendest wie die Prota, stellst du dich auf ihre Seite, übernimmst (wie ich das im Text auch sehe) ihre Perspektive. Und eben diese unkritische Haltung, die durch nix gebrochen wird, tut dem Text nicht gut: er liest sich wie Opferliteratur, dabei kann ich beim allerbesten Willen nicht sehen, wo er mehr "Schuld" hat als sie.

In der Summe hast du mein Personal genau so erlebt, wie es der Leser erleben sollte. Das Gerede und Handeln, oder gerade das Nichthandeln, hat bei dir Gefühle ausgelöst und das ist der Aspekt, der meinen Text im Sinne meiner Absichten zu einem „guten Text“ macht.
Erm, nimm's mir nicht übel. dass ich hier widerspreche. Ich habe Widerwillen gegen deine Protagonisten, so wie du sie innerhalb des Themas gezeichnet hast - dass ich kein Fan von Manipulation oder gar häuslicher Gewalt bin, stand schon fest, bevor ich deinen Text gelesen habe, und da benötige ich wirklich keine Bestätigung. Der Text (also die Fiktion, die Geschichte, die Figuren, der Plot ...) selbst hat bei mir nicht funktioniert, weil er aussagemässig nicht aus dem Puschen kommt. Was ist deine Prämisse? "Ist halt so!" kann keine sinnvolle Haltung sein, wenn du so eine KG schreiben willst.

Ich hab deine Überarbeitung gelesen, und sehe, da steckt ne ganz schöne Ecke Arbeit hinter. Boa, Hut ab! Jetzt bin ich aber völlig irritiert. Das sind jetzt zwei Leute, die sich irgendwie geeinigt haben, zusammen zu sein, und sich gegenseitig anätzen, und dann ist diese Kurzschlushandlung am Ende - das ist jetzt überhaupt nicht mehr schlüssig. Ich verstehe schon die Sache mit der Stille am Anfang nicht, aber am Ende noch weniger: Die rasen mit 180 Kmh durch die Kurve, er schreit rum, und da soll Stille aufkommen? Das Bild passt nicht zur Geschichte.

Du sagtest, Geld sei für die Prota kein Grund für's Zusammensein. Ich sehe aber keinen anderen. Was wird erwähnt? 1. Er hat einen Schuljungenwuschelkopf, 2. Er hat schöne Hände, 3. (implizit) Er hat Geld, von dem auch sie sehr bequem leben kann. Mehr wird nicht gesagt. Mir fehtl immer noch die Balance - ich sehe nun seine manipulative Seite, sein Mangel an anger management vielleicht, aber nicht, was sie an ihm schätzt. Du hättest ihn gar nicht sympathischer machen müssen, sondern ihn genau so lassen, wie er war, nur die Prota sollte mAn folgerichtiger und komplexer dargestellt werden. Du hast ja eine 1.-Person-Perspektive, sie kann den Mann so negativ sehen, wie sie will, nur sollte der Leser auf einer anderen Ebene die Erzählerin nicht ebenso negativ sehen müssen.

Also, äh, was ist denn jetzt dein Thema, in dieser Version? Eine Beziehung, die irgendwie vage scheiße läuft?

Du hast irgendwo geschrieben, vielleicht solltest du den Text mal aus seiner Perspektive schreiben, und ich meine, das wäre eine wunderbare Option. Dann nämlich würde die Beschreibung der Prota genau so hinhauen, wie sie jetzt da steht.
Ich hab mal rein aus Neugier deine anderen Texte im Quickread überflogen, und gesehen, dass du in fast allen aus der Perspektive einer Mittelstands-Mittvierzigerin (oder max. Mittdreißigerin) schreibst, die diffuse Probleme mit ihren Partnern oder anderen Männern hat (meist so, dass sie vage Bedürfnisse hat, die sie nicht benennen kann, deren Erfüllung sie aber einklagt), und die eine scheinbar hilflose / machtlose Position in Verhältnissen oder Situationen einnimmt, denen sie eigentlich objektiv gesehen entkommen könnte. Bzw. unterwerfen sich deine Protas öfter Zwängen, die faktisch nicht da sind. Klar hat man immer eine Perspektive, die man spannend findet, vielleicht auch eine, die absolut konträr zu dem eigenen Verhalten als Autorin stehen, aber ich glaube es tut ganz gut, die fiktionale Welt auch mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. (Deinen mit Abstand stärksten Text sehe ich beim Copywrite - da lese ich eine reflektierte, sehr spannende Distanz der Autorin zu ihren Prots, und eine individuelle, folgerichtige Sichtweise. Sowas brauchte dieser Text, dann klappte das ganz wunderbar.)

Andererseits, und das weiß ich aus eigener Erfahrung, enttäuscht kann man nur werden, wenn Ansprüche zu unrealistisch sind.
Nö, ich denke nicht, dass ich unrealistische Ansprüche habe. Das einzige, das ich möchte ist: Eine neue, stark individuelle Sicht auf ein Thema und/oder (eines reicht manchmal schon) eine innovative Ausarbeitung eines Themas / einer Prämisse. Kurz: Jemand fügt den Millionen Texten im www einen weiteren hinzu, weil er etwas zu sagen hat, und nicht, weil er - harsch ausgedrückt - Buchstaben auf einer Tastatur zu einer zusammenhängenden Geschichte verbinden kann. Sag bitte nicht, das sei ein überzogener Anspruch. :sconf:

Ich bin total ins Schwafeln gekommen, sorry! :Pfeif:

Liebe Grüße nochmal, Katla
 
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„Vergiss den Empfang heut Abend nicht! Ich will angeben mit dir.“
[…]
Ich starre auf den Monitor, will die Bewerbung, meinen Lebenslauf löschen, bringe es nicht fertig.

Moin, Peregrina,

alles schon gesagt, selbst Anfang und Ende spiegeln sich bereits in den Eingangszitaten, dass ich mich praktisch bequem zurücklegen kann, um dass zu tun, was ich am besten zu tun vermag (oder mir auch nur einbild, wer weiß das schon).

Das mythische Denken personifiziert das Schicksal als (in alfabetischer Reihenfolge) von Moiren / Nornen / Parzen usw. geBraut oder personifiziert in Fortuna u.a. vorherbestimmt wie ja auch im Monotheismus der „Puppenspieler“ vermeintlich die Fäden führt, die sogar mit dem Konzept der Prädestination der reformierten Kirche Grundlage des wirtschaftlichen Fortschritts wird (wie sie z. B. in Max Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ vorgetragen / dargestellt wird) – für die (der von Dir gewählte Name drängt sich da geradezu auf) Chris ein Musterbeispiel des Tüchtigen und Erfolgreichen zu sein scheint. Nun war Luther keineswegs Freund Calvins und schon gar nicht des wehrhaften Zwinglis, denn nach ihm erschließt sich das Himmelsreich allein durch Gnade, die man nicht unbedingt durch Tüchtigkeit erfährt – und Gnade kann allein Gott gewähren.

Du ahnst, warum ich diese Einleitung wähle: Der luthersche Wurf nach dem Teufel mit dem Tintenfass, der heute noch auf der Wartburg gepflegt wird.
Mein Blick klebt an dem braunen Fleck auf der frisch geweißten Wand. Ein bizarres Gebilde, das Bände spricht, ...
und das Symbol des Phönix ist eng mit dem (ägyptischen) Mythos des Osiris verknüpft, der – wie der Baldr der nordischen Mythen – umgebracht wird, während aber Baldr als Frühling wieder aufersteht, wird Osiris Herr der Unterwelt, sein Weib Isis und sein Sohn Horus (der zum Himmelsgott wird) kommt als Madonna mit Kind nach der Wintersonnenwende verkitscht unter den Weihnachtsbaum und man tut so, als könne man den Kindesmord des Herodes wie die Kreuzigung ausblenden … wo sich auf ganz andere Weise einer seinem Schicksal ergibt als hier. Man kann auch mit Stärke sein Schicksal annehmen ...

So hat jeder sein Kreuz zu tragen, aber die wenigsten erstehen auf und die Icherzählerin ergibt sich kampflos in ihr Schicksal, bei dem mich interessierte, wie sie da hineingeraten konnte … Der wichtigste Teil im Wort "Eroberer" ist von "oben" abgeleitet

Aber nehmen wir das Wort selber, das „Schicksal“ ins Visier, das gemeinhin mit dem „Fatum“ gleichgesetzt wird-

Im Mittelhochdeutschen gibt es das Wort nicht und nach dem grimmschen Wörterbuch ist es eine Substantivierung des „schicken“ und – überrascht Dich vielleicht – wurde zunächst im Altniederlädischen durch Anhängen der Endsilbe „sel“ (nhd. „sal“) zum schicksel, wobei niemand so genau weiß, wir die Endung sel/sal in die Welt kam (vllt., dass ist mein Gedanke, eine ähnliche Funktion wie heute die Endung „ung“???), die ja von der Drangsal (drängen) bis zur Trübsal verwendet wird.

Die Icherzählerin „schickt“ sich also in ihr „Schicksal“. Doch das Verb „schicken“ bedeutet nicht nur ein „sich schicken“, fügen, was in seinem zwoten Partizip „geschickt“ durchschimmert, das nicht nur das handwerkliche Geschick meint, obwohl diese Kombination es auf den Punkt bringt: Der Mensch hat sein Geschick in der eigenen Hand – oder nach Brecht, des Menschen Schicksal ist der Mensch. Er muss sich nur trauen, sie zur Traudel werden und nicht lieber in den Tod rasen ...

Wie dem auch sei und - sofern man es bei der Thematik überhaupt sagen darf -
gern gelesen vom

Friedel
 
Senior
Beitritt
28.11.2014
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Liebe @peregrina,

zur sprachlichen und formalen Gestaltung deines Textes muss ich nicht viel sagen. Das haut hin und liest sich wirklich gut.

Allerdings hatte ich nach dem ersten Lesen deines Textes ähnliche Gedanken, wie sie schon einige meiner Vorkommentatoren geäußert haben.

Nun, nach deinen Erklärungen, lese ich deine Geschichte anders, hakle mich nicht mehr fest an der Hintergrund-Ehegeschichte, an dem Arsch von Mann mit dem merkwürdigen Rollenverständnis und der aggressiven Tonlage, am passiven Verhalten deiner Protagonistin, sondern nehme deinen Text als Darstellung ihrer Gedanken, Empfindungen und vor allem ihrer Wahrnehmung der Realität hin. Und so erhält deine Geschichte für mich etwas ‚Wasserdichtes‘. Indem du ausschließlich ihre Sicht wiedergibst, spielt es am Ende kaum eine Rolle, was sich da wirklich abspielt, ob Chris so oder so ist, ob er genervt ist, weil er in seinem Beruf überfordert ist, ob seine Reaktionen sich auf ihre Passivität zurückführen lassen, ob er ein guter oder ein schlechter Mensch ist. All das lässt sich nicht wirklich bewerten, weil es dem Leser (ausgenommen mal seine verbalen Äußerungen) gefiltert durch die Wahrnehmung deiner Protagonistin präsentiert wird. Alles, was ich zu seinem oder zu ihrem Verhalten äußere, würde vermutlich mehr über mich als über die beiden aussagen.

So erlebe ich eine Frau, die ihren Mann als aggressiv empfindet, Angst vor seinen Reaktionen hat, zittert, wenn er auftaucht, ängstlich stillhält, wenn er sie berührt, glaubt, dass er sie zerbrechen will, gleichzeitig aber abhängig ist von seiner Bestätigung

Chris soll stolz auf mich sein.

und sich selber versichert, dass er sie noch liebt

Er liebt mich.


Dieses für sie nicht zu bewältigende Gefühlschaos lässt sie am Ende in Kismet-Erklärungen flüchten: Sie fühlt sich als Marionette, deren Fäden ein imaginärer Puppenspieler zieht. Das sind für mich allerdings Wahrnehmungen einer überspannten oder gestörten Person. Für mein Empfinden beschreibst du hier einen sehr labilen Menschen, der nicht in der Lage ist, den ehelichen Konflikt rational auszutragen, sondern sich aufgrund seines Unvermögens in einen Begründungszusammenhang flüchtet, der dann zur finalen Kurzschlussreaktion führt. Ich persönlich empfinde ihr Verhalten an dieser Stelle als hysterisch.

Ob sie immer so war oder erst durch die konkrete Beziehung so geworden ist, ob sich da allmählich zwischen den beiden etwas entwickelt hat, thematisiert dein Text nicht.

Wie gesagt, erlaubt mir die Erzählerposition keine Kritik an den Verhaltensweisen deines Personals. Ich muss alles so hinnehmen, wie deine Ich-Erzählerin die Dinge wahrnimmt und darstellt. Immanent kann ich das Dargestellte nicht kritisieren. Dein Text bekommt damit für mich etwas Geschlossenes, beinahe Unantastbares. Ob die von dir gezeichnete Person in sich stimmig ist, kann ich nicht entscheiden, und auch nicht die Frage nach der Plausibilität ihres Verhaltens beantworten. Ich bin kein Psychologe, der da sicher einiges zu sagen könnte.

Als normaler Leser kann ich am Ende lediglich konstatieren, dass es wohl Menschen gibt, die zu schwach sind, einen Ehekonflikt zu lösen, deren Wahrnehmung die Realität (möglicherweise) verzerrt, die sich in ihrer Hilflosigkeit in die Idee versteigen, dass eine imaginären Macht sie leitet und so am Ende völlig kopflos zwei Leben gefährden bzw. opfern.

Zum Schluss lässt mich dein Text etwas verwirrt und auch ein bisschen unzufrieden zurück. Worüber soll ich nachdenken: über das blöde Rollenverhalten und die Aggressivität von manchen Männern? Das ist nichts Neues. Über die durchschimmernde Täter-Opfer-Konstellation? Nur, was ist da wirklich dran? Was ist Realität, was Produkt der übersteigerten Wahrnehmung deiner Protagonistin? Indem du mit der gewählten Erzähler-Position das Dargestellte nach meinem Empfinden unangreifbar machst, bringst du mich als Leser in die Situation, deine Geschichte lediglich zu konsumieren. Eine Haltung zu dem von dir Geschilderten kann ich nicht einnehmen, weil dies die einseitige Sicht auf das Geschehen nicht zulässt. Vielleicht würde eine andere Erzählperspektive deiner Geschichte besser tun. Eventuell auch eine erkennbarere Entwicklung der Psyche deiner Protagonistin.

Die Katastrophe am Ende würde mir nämlich als Resultat eines allmählichen psychischen Abdriftens mehr einleuchten.
Das von dir eingeführte Puppenspieler-Motiv soll vermutlich eine Steigerung ihrer (verzerrten) Wahrnehmung ausdrücken. Ich frage mich aber, ob das ihre (immer schon vorhandene) Einstellung zum Leben ist oder ob sie sich ihre eigene Willenlosigkeit in dieser konkreten Ehesituation so erklärt.

Deine Aussage in einem Kommentar hat mich verwirrt:

Die Prota gebraucht den Puppenspieler als Ausrede und leugnet somit seine und ihre Verantwortung für's Handeln. Der Puppenspieler im Titel ist Chris.
Dachte mir, die Doppeldeutigkeit ist offensichtlich.
Im Text sagst du:
Ich sehe, wie sich sein Mund öffnet und wieder schließt und stelle mir vor, wir sind Marionetten und hängen an Fäden, die von einem unsichtbaren Puppenspieler gezogen werden. Lippen, Arme und Beine gehorchen nicht unserem Willen. Wir haben keinen Einfluss darauf, was wir sagen und tun. Er nicht. Ich nicht.
Doch der Puppenspieler ist bei uns, hält die Fäden in den Händen. Er führt Regie, steuert meine Bewegungen und tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch.
Das scheint sich für mein Empfinden zu widersprechen.

Liebe @peregrina, der Inhalt deines Textes – so gut er auch geschrieben ist - konnte mich leider nicht so recht packen. Allerdings fand ich die Kommentare, die er ausgelöst hat, und deine Erwiderungen darauf sehr interessant. Und wenn ein Text so viel Diskussionspotential in sich birgt, dann ist das doch auch schon was.

(Ich fürchte, auch ich bin ins Schwafeln geraten.:D)

Liebe Grüße
barnhelm
 
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Hey @peregrina, heute mittag :Pfeif:, ich hoffe, mein Komm hat dich nicht aus den Schuhen gehauen, war nicht meine Absicht. Hüstel.
Falscher Zeitpunkt! Trotzdem alles im grünen Bereich, lieber linktofink. So schnell haut mich nix aus den Pantoffeln.
Meine Ansage:
Dann stürz ich mich vom Balkon!
Sollte nur ein Manipulationsversuch sein, Mitgefühl und so, beim nächsten Besuch der KG, die Samthandschuhe anzuziehen. Ist doch leicht zu durchschauen. :lol:
Die Geschichte steckt im Bearbeitungsmodus, also, mach einen großen Bogen um sie.


Hallo @Katla,
du hast da wieder ein paar spannende Aspekte auf den Tisch gepackt. Dankeschön!

Aber ich muss mal aufhören damit, meinen Text, meine Figuren, meine Ab- und Ansichten zu verteidigen (sonst lande ich noch auf der Opferseite), stattdessen werde ich darüber nachsinnen, wie ich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln die vielen Hinweise umsetzte (erst kräftig schütteln und filtern). Gleichzeitig probiere ich weitgehend, mir und meiner ursprünglichen Erzählintention treu zu bleiben, um den anspruchsvollen Leser (irgendwann) zu einem literarischen Höhepunkt zu führen.
In dieser Phase brauch ich emotionale Distanz, zum Text, zum Kritiker und auch zu mir, sowie zwei, drei Tage Zeit, bis ich den Blick über den Tellerrand wage.
Ich kann erst erfolgreich am Text arbeiten, wenn ich weiß, was ich genau an Impulsen umsetzen will. Im Moment – das sehe ich selbst und das habe ich befürchtet – ist die KG weder Fleisch noch Fisch.

Danke noch mal und ich lasse hören von mir, sobald ich Genaues weiß.


Hallo @Friedrichard,
dich kann ja sowieso nix aus der Ruhe bringen und du bist ja Kummer, sprich lange Wartezeiten von mir gewöhnt. Danke vorab für dein Interesse am Text und die Infos. Bis bald.


Liebe @barnhelm,
auch für deine intensive Auseinandersetzung mit der KG herzlichen Dank. Vielleicht hast du mitbekommen, dass ich schon gebastelt habe. Leider läuft die Geschichte gerade völlig aus der Spur, ich will sie einfangen, doch ich bin einen Ticken zu lahm.

Liebe Grüße an alle,
peregrina
 
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Hallo @linktofink,

danke für dein Interesse an meiner Geschichte.
ich hab gelesen, dass du überarbeitest und will dir nicht dazwischen grätschen. Vielleicht nur eine Sache: Wäre dein Prota ambivalent angelegt und nicht eindimensional, würden sich mir viele Fragen nicht aufdrängen, die mich leider von den Figuren distanzieren.
Ambivalenz war mein großes Ziel der Überarbeitung. Du hattest die bearbeitete Fassung gelesen! Klasse! Entweder sind die Bilder unterbelichtet oder überbelichtet. Ein Extrem jagt das andere.

Lass ihn auch liebenswerte Seiten haben, aufmerksam und zärtlich sein, dann könnte ich die Liebe der Frau und somit die Tragik der Beziehung nachvollziehen.
Guter Einwurf! hell hat diese Punkte auch benannt. Und ich hoffe nun, dass die männlich Figur vielschichtiger wahrgenommen wird.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde, sie weiß nie, mit wem sie gerade redet, muss sich in jeder Situation seiner erst versichern
So mein Bestreben, gleich von Anfang an. Scheint nicht gelungen. Ist aber auch schwer, hauptsächlich durch Dialoge die Kehrtwende in den Emotionen zu zeigen. Ich übe weiter.

Natürlich wäre es hilfreich, wenn er nicht nur Kaffeetassen schleudern würde, sondern in seinem pathologischen Zustand auch Hand an sie legen würde – und sie nachher dafür aufrichtig um Verzeihung bittet. Das würde die latente Bedrohung, in der sie mit ihm lebt, diesen unerträglichen Schwebezustand, den Tanz auf der Rasierklinge aufzeigen.
Hilfreich, aha! Gerade darauf lege ich Wert: keine Handgreiflichkeiten: Weil verbale Gewalt so schwer zu definieren und zu packen ist, ist das so ein spannendes Thema. Die Grauzone größer. Ein blaues Auge kann man sehen.

Ich denke da an Borderline-Betty Blue, die sich ein Auge rausreißt, als sie erfährt, dass sie nicht schwanger ist.
Du kannst Filme kennen! Heftig!

Ist es nicht furchtbar, wenn jederzeit alles passieren kann und der geliebte Mensch immer wieder entgleist? Und selbst die Ohnmacht zu fühlen, es nicht verhindern zu können?
Richtig! Zu solchen Situationen kann es aber auch kommen, wenn keine körperliche Gewalt im Spiel ist.

Die Zeichnung "er ist einfach ein gestresster Arsch" hat das Mitgefühl bei mir verhindert.
Eindimensionale Figuren sind nie die Lösung. Aber wie gesagt, ich wollte eigentlich anders.

Noch eine kleine Bemerkung: Mit der Puppenspieler-Klammer tust du dir keinen Gefallen, da sie einen Determinismus schafft, der die Figuren eher fesselt, als verständlich macht.
Ja, die Idee, nicht selbst entscheiden zu können, völlig machtlos zu sein, macht meine weibliche Figur handlungsunfähig. Da ich aber auch zeigen wollte, dass Betroffene nicht so einfach ausbrechen können, passt der Puppenspieler-Leitgedanke für mich immer noch.

Das Thema 'Macht in der Beziehung' ist für mich keinesfalls ausgelutscht, kann es gar nicht sein, solange zwei sehr ungleiche Wesen zueinander finden.
Schön, dass du das auch so siehst. Beziehungen sind schon ein unerschöpflicher Quell, und erst noch die Kombi mit Macht, da können sich Autoren herrlich austoben.

Es ist eine Frage der Herangehensweise, wie du diesen Konflikt anlegst. MMn wäre es gut, du würdest andere Schlaglichter auf die Figuren zulassen, damit ich sie von anderen Seiten sehen kann.
Ja, wie ich das Thematik angefasst habe, entspricht wohl nicht den allgemeinen Erwartungen. Bei der zweiten Überarbeitung hab ich eine Freundin aus dem Hut gezaubert, die dem Leser eine Außensicht auf die Prota ermöglichen soll. Ob das reicht, um sie deutlicher zu erkennen, und ob damit auch der "Determinismus" etwas gebrochen werden konnte, ich kann es momentan nicht einschätzen.

Ich sehe da Potential in deinem Text, können tust du es allemal.
Das ehrt dich, dass du mir das zutraust.
Ich bleib am Ball, auch wenn er mir ab und zu aus den Händen rutscht.

Danke dir recht herzlich und man liest sich.

Liebe Grüße von peregrina.


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Hallo @Katla,

danke für deine nochmalige Mühe. Da sind noch ein paar Dinge, die wir besprechen sollten.
Die Szene im Bad zum Beispiel.
Ihr gesamtes Verhalten wirkt selbstzerstörerisch auf mich. Auch z.B. dass sie ihn so lange in der Irre rumführt, bis er den Rasierer findet, das ist doch eine bewußte und sehr offensichtliche Lüge, bei der sie selbst sagt, dass er ausflippen wird. Sie flirtet mit der Opferperspektive ("wann bricht er mich?"), suhlt sich in dieser Rolle. Ich sehe kein echtes Leiden, sondern eine Herausforderung von Gewalt. Sowas sage ich nicht so schnell, übrigens.
Möglicherweise hast du eine psychologische Ausbildung, die mir fehlt. Trotzdem hab ich gerade die Szene mit dem Rasierer so belassen. Natürlich lügt sie, verhält sich irrational, das bestreite ich auch nicht. Sie provoziert Gewalt, aber in meiner Vorstellung eben nicht bewusst, sondern durch Unsicherheit oder Angst gesteuert, also unterbewusst.

Ich hab das nicht so gelesen, dass sie ganz woanders hingezogen ist, das kann doch genauso in der selben Stadt passiert sein
In Variante eins stand: … der Hauskauf, der Umzug in die fremde Stadt.

- außerdem: So ein Abgleiten passiert nicht von jetzt auf heute, also waren da vorher Leute, die was beobachtet haben sollten.
Da hast du natürlich bis zu einem bestimmten Punkt recht. Doch meine Vorstellung war, dass der Gatte in der Öffentlichkeit ein Charmebolzen ist. Damit die Geschichte das beweisen kann, hätte ich eine Szene mit Publikum gebraucht, war einst angedacht, hab ich wieder verworfen. In der neuen Fassung ist es eine Freundin, die eingeweiht ist.

Als Lösung für die KG sicher einfallslos. Dass die Prota Feitod als Ausweg sieht, ist gar nicht abwegig. Warum sollte das Gasgeben nicht als Warnschuss von Chris wahrgenommen werden? Sie kehrt doch genau in dem Moment das Machtverhältnis um.
Sekunde - ich geh völlig mit, wenn du Suizid als Freiheit beschreibst, die eine Person hat und ausüben kann. Aber da sitzt noch jemand mit im Auto, und damit ist es auch Mord. Du hast das oben in deiner Antwort an Achillus auch schon unterschlagen (sorry, das klingt härter, als es gemeint ist), aber es ist echt nicht cool, jemanden zu killen, nur weil der ein bissl fies war.
Wie immer wir das nennen wollen: Suizid, Freitod, erweiterter Suizid, Mord. Fakt ist, dass sie Gas gibt, eine Affekthandlung, geboren aus Hilflosigkeit und Verzweiflung. Und Fakt ist auch, dass die KG an der Stelle endet, an der sie die Bremse treten könnte.

Wo hat sie hier Macht? Ihre Reaktion beweist ein Maximum an Ohnmacht.
Yes! Komisch, dass ich Chris trotzdem auf dem Beifahrersitz schlottern sehe.

Ich finde deine Antwort ganz außerordentlich spannend - du betonst in deiner Antwort auf deinen Komm eine extreme Distanz du deiner Prota, die ich im Text selbst nicht wiederfinden kann. Das muss nicht passieren, indem du die Prota bloßstellst (auf keinem Fall!), aber dass du Nebenpersonal oder einen Antagonisten entwirfst, der sie infrage stellt.
Das hab ich so nicht erkannt. Warum hast’n das nicht gleich so deutlich gesagt?

Indem du auf Autorenebene den Puppenspieler so verwendest wie die Prota, stellst du dich auf ihre Seite, übernimmst (wie ich das im Text auch sehe) ihre Perspektive. Und eben diese unkritische Haltung, die durch nix gebrochen wird, tut dem Text nicht gut: er liest sich wie Opferliteratur, dabei kann ich beim allerbesten Willen nicht sehen, wo er mehr "Schuld" hat als sie.
Eine „Schuld“-frage wollte ich weder stellen noch beantworten. Es gibt ja immer mehrere Wege zum Ziel. In der aktuellen Fassung erscheint eine Freundin, die versucht, die Prota aufzuwecken, wieder mal. Sie hat die Hauptaufgabe, den Determinismus zu brechen. Ich kann nur hoffen, dass dieser Schachzug vom Leser nicht als plumper Versuch entlarvt wird, meine Weltanschauung zu etablieren.
Glaubenssätze aus der frühen Jugend der Protagonistin fungieren nun als antagonistische Kraft, die die Prota am Ausbrechen genau so hindern wie ihr „Glaube“ an den Puppenspieler.

Ich habe Widerwillen gegen deine Protagonisten, so wie du sie innerhalb des Themas gezeichnet hast - dass ich kein Fan von Manipulation oder gar häuslicher Gewalt bin, stand schon fest, bevor ich deinen Text gelesen habe, und da benötige ich wirklich keine Bestätigung. Der Text (also die Fiktion, die Geschichte, die Figuren, der Plot ...) selbst hat bei mir nicht funktioniert, weil er aussagemässig nicht aus dem Puschen kommt. Was ist deine Prämisse? "Ist halt so!" kann keine sinnvolle Haltung sein, wenn du so eine KG schreiben willst.

Besser Verachtung und Widerwille beim Leser zu erzeugen als gar keine Empfindungen. :D Aber Ernst beiseite, die Agonie der Figuren, der lahme Plot, die ausbleibende Lösungsvariante, die falsche Prämisse, sind natürlich alles Kritikpunkte, die ich gelten lassen muss. Ausführung und Schwere des Themas passen möglicherweise nicht zueinander.

Jetzt bin ich aber völlig irritiert. Das sind jetzt zwei Leute, die sich irgendwie geeinigt haben, zusammen zu sein, und sich gegenseitig anätzen, und dann ist diese Kurzschlushandlung am Ende - das ist jetzt überhaupt nicht mehr schlüssig.
So was kommt von so was. Schnelle Überarbeitung, möglichst alle Hinweise einarbeiten, mich wundert dieses Ergebnis auch nicht. Und das größte Problem, ich habe gegen meine innere Überzeugung angeschrieben, dass auch eine KG als Psychogramm einer Ehe eine Daseinsberechtigung haben darf.

Ich verstehe schon die Sache mit der Stille am Anfang nicht, aber am Ende noch weniger: Die rasen mit 180 Kmh durch die Kurve, er schreit rum, und da soll Stille aufkommen? Das Bild passt nicht zur Geschichte.
Wieso ist Stille als Einstieg nicht nachvollziehbar? Es soll Menschen geben, die Ruhe und Stille in unserer lärmenden Gesellschaft als angenehm und tröstlich empfinden.
Die Sehnsucht passt zur Prota, Stille ist für sie das Gegenteil von den Streitigkeiten mit Chris.

Der Schluss der KG läuft für mich in Zeitlupe ab, die Sekunden dehnen sich aus, alle Geräusche verstummen, die Prota befindet sich in einer Blase aus nichts.
Ich kann dich mit meinen Ideen nicht erreichen? Okay, damit kann ich vorläufig leben, arbeite aber daran, dieses Manko auszugleichen.

Du sagtest, Geld sei für die Prota kein Grund für's Zusammensein. Ich sehe aber keinen anderen. Was wird erwähnt? 1. Er hat einen Schuljungenwuschelkopf, 2. Er hat schöne Hände, 3. (implizit) Er hat Geld, von dem auch sie sehr bequem leben kann. Mehr wird nicht gesagt.
Sie leben in einer Ehe (Zugewinngemeinschaft bleibt unerwähnt), wenn sie sich scheiden lässt, geht sie finanziell nicht leer aus. Warum sollte Geld also ein Bindemittel sein?

Mir fehtl immer noch die Balance - ich sehe nun seine manipulative Seite, sein Mangel an anger management vielleicht, aber nicht, was sie an ihm schätzt. Du hättest ihn gar nicht sympathischer machen müssen, sondern ihn genau so lassen, wie er war, nur die Prota sollte mAn folgerichtiger und komplexer dargestellt werden.
An beiden Figuren hab ich gedreht. Nun noch einmal. War in Variante zwei sympathischer als in Variante eins? Ich denke nicht. Ehe bin ich doch übers Ziel hinaus geschossen und er wurde noch aggressiver wahrgenommen, dachte ich.

Du hast ja eine 1.-Person-Perspektive, sie kann den Mann so negativ sehen, wie sie will, ..
darüber bin ich mir klar
nur sollte der Leser auf einer anderen Ebene die Erzählerin nicht ebenso negativ sehen müssen.
Wie ich diesen Schachzug im praktischen Schreiben umsetzen soll, ist mir ein Rätsel.
Ich kann ja nur probieren, an den Figuren zu feilen.
Leider kann ich gar nicht beurteilen, wie sie nun rüberkommen.

Also, äh, was ist denn jetzt dein Thema, in dieser Version? Eine Beziehung, die irgendwie vage scheiße läuft?
Nee, das Thema verbale Gewalt wollte ich nicht begraben.

Du hast irgendwo geschrieben, vielleicht solltest du den Text mal aus seiner Perspektive schreiben, und ich meine, das wäre eine wunderbare Option. Dann nämlich würde die Beschreibung der Prota genau so hinhauen, wie sie jetzt da steht.

Du meinst in den Kopf des Mannes schlüpfen? Dann würde der Leser die verängstigte Prota durch seine Augen sehen? In dem Falle wird Chris aber zum unzuverlässigen Ich-Erzähler. Und der Leser wäre geneigt, unter diesen Umständen ihre Persönlichkeit zu kaufen, und seine gleich dazu? Das versteh ich nicht.

Nö, ich denke nicht, dass ich unrealistische Ansprüche habe. Das einzige, das ich möchte ist: Eine neue, stark individuelle Sicht auf ein Thema und/oder (eines reicht manchmal schon) eine innovative Ausarbeitung eines Themas / einer Prämisse. Kurz: Jemand fügt den Millionen Texten im www einen weiteren hinzu, weil er etwas zu sagen hat, und nicht, weil er - harsch ausgedrückt - Buchstaben auf einer Tastatur zu einer zusammenhängenden Geschichte verbinden kann.
Diese Aussage steht unter meiner Geschichte, das heißt also im Klartext, du schlussfolgerst, ich habe der Welt nix zu sagen? Oder nur, du hättest die Geschichte anders geschrieben?

Sag bitte nicht, das sei ein überzogener Anspruch.
An Literatur im Allgemeinen sicher nicht, doch an meine Geschichte im Besonderen schon.

Ich bin total ins Schwafeln gekommen, sorry!
Mach nur, ich bin gut im Zuhören und so ganz nebenbei beute ich dein Wissen aus.
Danke, dass du mich lässt!

Liebe Grüße von peregrina



-------------------------------



Hallo lieber @Friedrichard,

danke für deinen Besuch und deine interessanten Anmerkungen.

„Vergiss den Empfang heut Abend nicht! Ich will angeben mit dir.“
[…]
Ich starre auf den Monitor, will die Bewerbung, meinen Lebenslauf löschen, bringe es nicht fertig.
alles schon gesagt, selbst Anfang und Ende spiegeln sich bereits in den Eingangszitaten, …
Ja, Alpha und Omega haben es mir angetan, Kreise, die sich schließen, Klammern, die verbinden. Wobei, ich sag’s der Deutlichkeit halber gerne noch mal, das Löschen des Lebenslaufes heißt nicht zwangsläufig, dass am Ende der KG Leben ausgelöscht wird.
Es ist nur eine mögliche Interpretation.

… dass ich mich praktisch bequem zurücklegen kann, um dass zu tun, was ich am besten zu tun vermag (oder mir auch nur einbild, wer weiß das schon).
Ja, mach mal. Aber ob dein Selbstbild und das, was ich im Forum von dir habe, deckungsgleich sind, ich hab keine Ahnung.

– für die (der von Dir gewählte Name drängt sich da geradezu auf) Chris ein Musterbeispiel des Tüchtigen und Erfolgreichen zu sein scheint.
Die Bedeutung des Namens hatte ich nicht erforscht, ich fand es nur prickelnd, einen zu verwenden, der sowohl in männlicher als auch weiblicher Gestalt existiert.

Du ahnst, warum ich diese Einleitung wähle: Der luthersche Wurf nach dem Teufel mit dem Tintenfass, der heute noch auf der Wartburg gepflegt wird.
Mein Blick klebt an dem braunen Fleck auf der frisch geweißten Wand. Ein bizarres Gebilde, das Bände spricht, ...
Nein, ich ahnte es nicht. An Luther hatte ich nicht gedacht beim Kaffeetassen-Weitwurf, obwohl ich schon mehrmals die Wartburg besucht habe. Sollte der olle Martin Aggressionen verspürt haben, dann nur, weil ihm der Teufel arg dicht auf den Leib gerückt war.

So hat jeder sein Kreuz zu tragen, aber die wenigsten erstehen auf und die Icherzählerin ergibt sich kampflos in ihr Schicksal, bei dem mich interessierte, wie sie da hineingeraten konnte …
Ja, der Schrei nach Aufklärung wird immer lauter.
Die neue Fassung versucht, auf diese Frage mit Andeutungen zu antworte. Die Prägung durchs Elternhaus.

Der wichtigste Teil im Wort "Eroberer" ist von "oben" abgeleitet
Ja, Friedel, einer muss oben sein, sag ich ja, und wenn das auch nicht immer der männliche Part ist, so ist es doch der Eroberer.

Die Icherzählerin „schickt“ sich also in ihr „Schicksal“. Doch das Verb „schicken“ bedeutet nicht nur ein „sich schicken“, fügen, was in seinem zwoten Partizip „geschickt“ durchschimmert, das nicht nur das handwerkliche Geschick meint, obwohl diese Kombination es auf den Punkt bringt: Der Mensch hat sein Geschick in der eigenen Hand – oder nach Brecht, des Menschen Schicksal ist der Mensch. Er muss sich nur trauen, sie zur Traudel werden und nicht lieber in den Tod rasen ...
Noch kann ich die Hauptfigur taufen, sie ist ja namenlos. Doch ob sie zur Traudel taugt, wage ich zu bezweifeln. Wir beide müssten philosophieren, welche Handlungsweise erfordert mehr Mut, Gas geben oder bremsen. Das ist abhängig vom psychischen Zustand des Fahrzeugführers.
Und die Chance bleibt, dass sie bremst.

Wie dem auch sei und - sofern man es bei der Thematik überhaupt sagen darf -
gern gelesen ...
Nee, das meinst du nicht? Ich freu mich trotzdem.

Dankesehr fürs Lesen und Kommentieren.

Liebe Grüße von peregrina



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Liebe @barnhelm,
danke für deine Auseinandersetzung mit der kleinen Unvollkommenen.

Allerdings hatte ich nach dem ersten Lesen deines Textes ähnliche Gedanken, wie sie schon einige meiner Vorkommentatoren geäußert haben.
Das ist schön für mich, deine Gedanken zur KG zu erfahren. Aber von welcher Ähnlichkeit sprichst du? Da hoffe ich doch, dass es dieser Hauptgedanke war: Was will mir die Autorin sagen, was ich noch nicht wüsste?
Sie wollte keine neuen Erkenntnisse vermitteln, sie wollte eine Geschichte schreiben, die das Thema verbale Gewalt anhand von kleinen Szenen einer Ehe behandelt.
Wie naiv, nicht wahr? Dass diese Absicht a) nicht ausreicht, hab ich schon eine Weile begriffen. Leider fehlt mir b) immer noch die Idee, welche neue Sicht auf diese Art Beziehung ich dem Leser anbieten könnte.

Nun, nach deinen Erklärungen, lese ich deine Geschichte anders, hakle mich nicht mehr fest an der Hintergrund-Ehegeschichte, an dem Arsch von Mann mit dem merkwürdigen Rollenverständnis und der aggressiven Tonlage, am passiven Verhalten deiner Protagonistin, sondern nehme deinen Text als Darstellung ihrer Gedanken, Empfindungen und vor allem ihrer Wahrnehmung der Realität hin. Und so erhält deine Geschichte für mich etwas ‚Wasserdichtes‘.
Aber dazu hat es doch nicht meine Erklärungen gebraucht.
Dass ich in der Regel mit einem Ich-Erzähler durch die Handlung führe, ist dir bekannt. Das hat Gründe. Einerseits kann ich mich, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, besser in die Figur hineinversetzen (was ich bis vor wenigen Tagen als eine meiner Stärken angesehen habe) und andererseits nutze ich die Ich-Perspektive, gerade weil sie keine sicheren Aussagen liefert. Das ist grundsätzlich so. Ich kann akzeptieren, wenn du meine Erzählerin als „wasserdicht“ bezeichnest, die Geschichte wird es aber dadurch nicht automatisch.

Indem du ausschließlich ihre Sicht wiedergibst, spielt es am Ende kaum eine Rolle, was sich da wirklich abspielt, ob Chris so oder so ist, ob er genervt ist, weil er in seinem Beruf überfordert ist, ob seine Reaktionen sich auf ihre Passivität zurückführen lassen, ob er ein guter oder ein schlechter Mensch ist. All das lässt sich nicht wirklich bewerten, weil es dem Leser (ausgenommen mal seine verbalen Äußerungen) gefiltert durch die Wahrnehmung deiner Protagonistin präsentiert wird. Alles, was ich zu seinem oder zu ihrem Verhalten äußere, würde vermutlich mehr über mich als über die beiden aussagen.
Die Perspektive, eine bewusste Entscheidung, die mir aber noch nie zum Vorwurf gemacht wurde.
Im Umkehrschluss würde das heißen, all meine Geschichten, in denen ein Ich-Erzähler (nur von seiner Warte aus) über die Geschehnisse berichtet, sie sicher auch bewertet, erlauben dem Leser keine Rückschlüsse auf nichts? Was muss ich also tun, um das zu ändern? Muss ich das Ehe-Dilemma aus der personalen Perspektive erzählen? Soll ich im Ich bleiben und zwischen Mann und Frau switchen?

So erlebe ich eine Frau, die ihren Mann als aggressiv empfindet, Angst vor seinen Reaktionen hat, zittert, wenn er auftaucht, ängstlich stillhält, wenn er sie berührt, glaubt, dass er sie zerbrechen will, gleichzeitig aber abhängig ist von seiner Bestätigung
Ja, das erlebst du richtig, sie will es ihm recht machen, sie will Bestätigung und Anerkennung (Liebe) und sie redet sich ein, er liebt sie auch. Übrigens, sie hält in der Badewanne still, nicht weil sie berührt wird, sondern weil sie damit rechnet, unter Wasser gedrückt zu werden.

Dieses für sie nicht zu bewältigende Gefühlschaos lässt sie am Ende in Kismet-Erklärungen flüchten: Sie fühlt sich als Marionette, deren Fäden ein imaginärer Puppenspieler zieht.
Sie sucht nach einer Begründung, Entschuldigung, ja, um Verantwortung zu delegieren. Sie stellt sich vor, dass sie beide nicht frei entscheiden.

Das sind für mich allerdings Wahrnehmungen einer überspannten oder gestörten Person. Für mein Empfinden beschreibst du hier einen sehr labilen Menschen, der nicht in der Lage ist, den ehelichen Konflikt rational auszutragen, sondern sich aufgrund seines Unvermögens in einen Begründungszusammenhang flüchtet, der dann zur finalen Kurzschlussreaktion führt. Ich persönlich empfinde ihr Verhalten an dieser Stelle als hysterisch.
In der ersten Fassung sehe ich sie eingeschüchtert und verstört, nicht gestört. Das Ergebnis eines langjährigen Prozesses. Hysterisch sollte sie nicht wirken, ehe verzweifelt, unrational. Aber das hab ich mittlerweile zur Genüge erklärt.

Ob sie immer so war oder erst durch die konkrete Beziehung so geworden ist, ob sich da allmählich zwischen den beiden etwas entwickelt hat, thematisiert dein Text nicht.
Ist das so ein großes Defizit?
Ich geh davon aus – und davon steht nichts in der KG - dass gewisse Anlagen vorhanden sind, dass sich die „Geber“ und „Nehmer“ dieser ungleichen Beziehungen erkennen, zu Beginn alles in Ordnung scheint und sich die Situation entwickelt und verschärft. Ein Prozess hat sie zu dieser schwachen, nachgiebigen Frau gemacht. Und der Puppenspieler ist für sie ein Blitzgedanke, der keinen religiösen Ursprung hat.

Zum Schluss lässt mich dein Text etwas verwirrt und auch ein bisschen unzufrieden zurück. Worüber soll ich nachdenken: über das blöde Rollenverhalten und die Aggressivität von manchen Männern? Das ist nichts Neues. Über die durchschimmernde Täter-Opfer-Konstellation?
Da bin froh, dass für dich Täter und Opfer nur durchschimmern. Also doch keine reine Opferliteratur?
Ja, liebe barnhelm, was müsste die Geschichte Überraschendes bereit halten, das den Leser fesselt, welcher Aha-Effekt hätte die Wirkung, dass der Leser nachdenkt.
Ich stehe da vollkommen ahnungslos und zermartere mir den Kopf.

Nur, was ist da wirklich dran? Was ist Realität, was Produkt der übersteigerten Wahrnehmung deiner Protagonistin? Indem du mit der gewählten Erzähler-Position das Dargestellte nach meinem Empfinden unangreifbar machst, bringst du mich als Leser in die Situation, deine Geschichte lediglich zu konsumieren.
Eine Haltung zu dem von dir Geschilderten kann ich nicht einnehmen, weil dies die einseitige Sicht auf das Geschehen nicht zulässt.
Trifft das nicht auf alle Geschichten zu, die aus der Ich-Perspektive erzählt werden, und die Hauptfigur nur einen Gegenspieler hat, der nicht mal aus Fleisch und Blut sein braucht?

Vielleicht würde eine andere Erzählperspektive deiner Geschichte besser tun. Eventuell auch eine erkennbarere Entwicklung der Psyche deiner Protagonistin.
Welche Erzählperspektive? Personaler Erzähler?

Die Katastrophe am Ende würde mir nämlich als Resultat eines allmählichen psychischen Abdriftens mehr einleuchten.
Natürlich wäre es optimal gewesen, den Entwicklungsprozess, der ja über Jahre führt, darzustellen. Ich dachte, die Kurzgeschichte bietet mir hierfür nicht genug Raum.
Da hätte ich riesige Zeitsprünge choreographisch umsetzen müssen. Also hab ich mich beschränkt auf die Darstellung eines Tages. Sicher nicht clever.
Doch selbst die Darstellung der psychischen Veränderungen, die ja auch wieder durch die Brille der unzuverlässigen Ich-Erzählerin betrachtet würden, könnte der Leser anzweifeln. Was hätte ich da gekonnt?

Das von dir eingeführte Puppenspieler-Motiv soll vermutlich eine Steigerung ihrer (verzerrten) Wahrnehmung ausdrücken. Ich frage mich aber, ob das ihre (immer schon vorhandene) Einstellung zum Leben ist oder ob sie sich ihre eigene Willenlosigkeit in dieser konkreten Ehesituation so erklärt.
Deine Aussage in einem Kommentar hat mich verwirrt:

Die Prota gebraucht den Puppenspieler als Ausrede und leugnet somit seine und ihre Verantwortung für's Handeln. Der Puppenspieler im Titel ist Chris.
Dachte mir, die Doppeldeutigkeit ist offensichtlich.

Im Text sagst du:

Ich sehe, wie sich sein Mund öffnet und wieder schließt und stelle mir vor, wir sind Marionetten und hängen an Fäden, die von einem unsichtbaren Puppenspieler gezogen werden. Lippen, Arme und Beine gehorchen nicht unserem Willen. Wir haben keinen Einfluss darauf, was wir sagen und tun. Er nicht. Ich nicht.

Doch der Puppenspieler ist bei uns, hält die Fäden in den Händen. Er führt Regie, steuert meine Bewegungen und tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch.

Das scheint sich für mein Empfinden zu widersprechen.
Ich sehe keinen Widerspruch. Die Prota stellt sich den Puppenspieler vor. Ich als Autor wähle den Titel, der sowohl den imaginären aus ihrer Vorstellungswelt als auch den Ehemann meinen könnte.

Ursprünglich war das Puppenspieler-Motiv sowohl als Entschuldigung für die Ausraster von Chris als auch ihre Schwäche (und Scham darüber), sich nicht wehren zu können, gedacht. Dass meine Erklärungen Wellen schlagen, damit habe ich nicht gerechnet. Die Einführung des Puppenspielers habe ich nun in den Konjunktiv gesetzt, am Schluss sitzt er zwar noch im Auto, ist aber nicht mehr so dominant.

Liebe @peregrina, der Inhalt deines Textes – so gut er auch geschrieben ist - konnte mich leider nicht so recht packen.
Wenn ein Text, die Leser nicht erreicht, kann er nicht gut geschrieben sein. Da ist eine Kluft zwischen Absicht und Ausführung. Denn mich beeindruckt die Tatsache, dass Betroffene oftmals erst nach Jahren die Kraft finden, sich aus Gewaltbeziehungen zu lösen, immer noch. Und das muss die KG transportieren.

Allerdings fand ich die Kommentare, die er ausgelöst hat, und deine Erwiderungen darauf sehr interessant. Und wenn ein Text so viel Diskussionspotential in sich birgt, dann ist das doch auch schon was.
Das Potential ergibt sich aber nur aus dem Umstand, dass ich meine Botschaft nicht deutlich machen konnte und die Geschichte viele Fragen nicht beantwortet hat.

Vielen Dank für die Auseinandersetzung mit der KG, auch wenn ich nicht alle Anmerkungen restlos verstanden habe.

Liebe Grüße von peregrina



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Liebe @maria.meerhaba,

danke für dein Feedback zur Geschichte.

Zu dieser frühen Stunde ist die Stille so allgegenwärtig, ich spüre, wie sie sich an mich schmiegt, mich streichelt.
1. Ich mag deinen ersten Satz. Ist sehr schön.
Diesen mag ich auch, der vorherige war nicht so glücklich gewählt.

2. Ich mag es auch, wenn man drei Beispiele hat. „wie sie sich an mich schmiegt, mich streichelt, mich irgendwas“. Ich finde einfach, wenn man drei Beispiele hat, gibt es den Satz einen gewissen Rhythmus.
Stimmt absolut. Aber ich wollte es nicht übertreiben. :lol:
3. Ich hasse stille Momente. Da fühle ich mich immer verloren und nicht wie deine Prot.
Das ist interessant. Doch, mir geht es wie meiner Hauptfigur, die Ruhe besonders am frühen Morgen, wenn noch alles schläft, hat es in sich.

Aggregatzustand der Erstarrung um.
Aggregatzustand ist ein sehr hässliches Wort.
Sehr technisch, wenig ästhetisch, aber ich finde es (momentan noch) originell.

diese Geschichte zu lesen, war echt unangenehm.
Hey, da war ich überrascht. Ich war ganz sicher, dass ich nach der ersten Überarbeitung alles, was die KG an Emotionen beim Leser freisetzen konnte, versehentlich getilgt hatte. Aber es scheint doch nicht so zu sein. Da bin ich erleichtert.

Das mit dem Puppenspieler finde ich echt bescheuert. Das ist ein echt blöder Gedanke, den deine Figur hat und sich daran stützt und es in die Länge, doch andererseits warum nicht, oder? Deine Figur hat diesen Gedanken, glaubt daran, also von mir aus, ich finde ihn halt blöd.
Das ist wirklich ein seltsamer Gedanke, weil man, wenn man daran glaubt, aufhört zu entscheiden und zu kämpfen. Ich fand, solche Ideen passen sehr gut zu der Figur, so wie ich sie mir vorstelle.

Und wieder zurück: Wieso war es so unangenehm zu lesen? Weil ich hier die Angst der Figur gespürt habe und nicht weiterlesen wollte. Aus Angst nicht weiterlesen wollte. Verstehste?
Ja, das hatte ich bereits nach deinem ersten Satz begriffen. Aber, wenn die Figur ihre Angst zu dir als Leser transportiert, deshalb brauchst du doch keine Angst zu haben.:lol:

Also das hast du gut gemacht. Ihre Angst und ihren Minderwertigkeitskomplex habe ich zwischen jede Zeile gespürt und das ist handwerklich gesehen eine echt gute Leistung, für die ich deine Geschichte respektiere. Das ist gut gemacht.
Es hat sich schon bis zu mir rumgesprochen, dass du sehr emotional reagierst. Und wenn du das so beurteilst, dann freu ich mich, logisch. Ich verbuch diese Bemerkung auf der Habenseite, da sieht’s augenblicklich mau aus.

Das Ende kommt dann viel zu plötzlich und na ja, mir hat er nicht gefallen, weil das schon so was von 08/15 ist. Oft gelesen, oft benutzt und viel zu plötzlich.
Das stimmt nur bedingt. Wenn sich am Schluss die Figuren das Leben nehmen, sieht es oft so aus, als wüsste der Autor nicht mehr weiter. Hier hatte ich den Plan, dem Leser zwei Wahlmöglichkeiten zu lassen. Gibt sie weiterhin Gas oder bremst sie. Das beantwortet die Geschichte nicht mehr, weil ich vorher aussteige, also aus der Geschichte.. Außerdem (angelesenes Wissen und Gespräche) sind Selbstmordgedanken der Betroffenen keine Seltenheit, war keine Notlösung.

Die Vorarbeit hier gerät zu kurz, damit dieses Ende in meinen Augen funktioniert. Da ist einfach nicht genug, damit das sich entfalten kann, sondern macht den Eindruck (kein Vorwurf, sondern es macht nur den Eindruck), als wolltest du die Geschichte sehr schnell zu einem Ende führen oder als hättest du selbst nicht gewusst, wie das enden soll. Also das Ende braucht mehr, damit es funktioniert.
Vorbereiten des Endes in dem Sinne, der Leser bekommt Infos, die ihn ahnen lassen, was passieren könnte, konnte ich gar nicht geben, weil es sich eben um eine Kurzschlusshandlung handelt.

Mittlerweile hab ich schon wieder an der Geschichte gebastelt, selbst das Ende hat gelitten.

Sonst hast du eine echt tolle Atmosphäre geschaffen, die funktioniert hat und ich fand diese Atmosphäre auch sehr gut gelungen.
Gut, du meinst, die Stimmung stimmt! Aber ansonsten bin ich sehr zerrissen, wenn ich die KG beurteilen sollte. Aber das muss ich ja auch nicht.

Noch mal danke für deine Einschätzung und - ganz wichtig - für deine Empfindungen der Angst.

Liebe Grüße von peregrina
 
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