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Der Verführer

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Der Verführer

„… der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen und ...“
„Bla bla bla … Lou, bitte. Verschone mich. Das Gelaber ist ja nicht zum Aushalten, das ist ja voll öd.“
„Das ist kein Gelaber, Blödmann. Das ist von Camus.“
„Camus, na und? Wen juckt’s … gib mir lieber noch ein Stück Schokolade.“
„Hab keine mehr.“
„Was heißt, du hast keine mehr?“
„Hab nur die fünf mitgehabt.“
„Fünf Schokoriegel für die Abandon? Alter, wir brauchen noch mindestens einen Tag bis rauf.“
„Zwei, bei deinem Tempo. Na ja, wollte halt Gewicht sparen … ahnte ja nicht, dass wir so langsam sind.“
Max streckt den Kopf aus dem Biwaksack und starrt in die schwarze Leere unter sich. Herrgott, er weiß, dass er langsam ist. Jeder, der mit Lou klettert, ist für den zu langsam, aber trotzdem …
„Du lässt Schokolade unten und schleppst stattdessen ein verdammtes Scheißbuch mit? Soll das ein Witz sein?“
Er haucht ein paarmal auf seine klammen Finger, fummelt den Tabak aus dem Anorak und beginnt, sich eine zu drehen.
„Scheiße, ist mir kalt … mach endlich das blöde Licht aus, man sieht ja gar nichts vom Himmel.“
Lou stopft das Buch in den Rucksack und als er die Stirnlampe ausschaltet, flammt über Max der Nachthimmel auf, das Firmament scheint förmlich zu explodieren. Ihm ist, als stürze er nach oben, als reiße es ihn aus der Wand geradewegs hinauf ins All, hinein in diese funkelnde Unendlichkeit, immer tiefer und tiefer hinein. Für einen Augenblick weiß er nicht recht, wo oben und unten ist, es dreht ihm schier den Magen um. Er atmet tief durch.
„Heilige Scheiße, Lou, schau dir das an!“
„Was?“
„Na den Himmel. Die Sterne.“
„Na ja, Sterne halt. Toll.“
„Lou, verdammt!“
„Sind nur Lichtpunkte, Mäx … oben die Sterne, unten der Gletscher. Und wir zwei irgendwo dazwischen, so what? Scheiß auf die Sterne. Scheiß doch drauf.“
„Sag mal, was ist denn mit dir los?“
Der Typ ist wirklich verrückt. Ist der aus Stein? Max will ihm am liebsten an die Gurgel, will ihn an den Schultern packen und ihn schütteln. Er hat schön langsam die Schnauze voll von ihm. Obendrein spürt er noch immer leichte Kopfschmerzen und die Wunde an der Augenbraue pocht unangenehm mit jedem Schlag seines Herzens.


„Geh nicht mit diesem Spinner“, hatte Raffaele ihn vor ein paar Tagen noch gewarnt, „der ist total verrückt. Echt schnell und unheimlich stark, das schon, verteufelt schnell, aber er ist vollkommen meschugge. Ein durchgeknallter Ami halt. Lass den seinen Scheiß doch alleine machen.“
Es mache einfach keinen Spaß, mit Lou zu klettern, sagte Raffaele. Ihm selbst sei das im Juni am Grand Capucin schnell klar geworden, das Lachen sei ihm sehr bald vergangen. Schon nach wenigen Seillängen seien sie sich furchtbar in den Haaren gelegen, und die Gefahr, sich gegenseitig etwas anzutun, sei bald größer gewesen, als sich am Fels einen Fingerknöchel aufzuschürfen. Sie hätten dann kurzerhand - „schweigend“, betonte Raffaele, „vollkommen wortlos“ - das Material aufgeteilt, er, Raffaele, habe sich wieder zum Gletscher abgeseilt und Lou sei alleine weiter, habe dann nur hundert Meter unter dem Gipfel einen Wettersturz aussitzen müssen, dreißig Stunden lang, und als sie sich kurz darauf am Zeltplatz über den Weg liefen, - „ohne uns in die Augen zu schauen“ - habe Lou noch immer mehr tot als lebendig ausgesehen. Aber geschehen sei ihm nichts, diesem Helden. Vergönnt hätte ihm Raffaele sonst was, dem blöden Coglione.
Nie wieder würde er mit Lou klettern, nicht für viel Geld.
„Der ist einfach zu, zu …“, lange suchte Raffaele nach den deutschen Wörtern, „ … zu humorlos, zu besessen, zu plemplem eben und gleichzeitig so gefühllos. Ja, so verbittert irgendwie. Der machte mir richtig Angst, der Typ.“
Und dann schlug Raffaele Max vor, sie könnten gemeinsam die Aiguille Verte machen, sobald das Wetter stabil sei, oder die Blaitiere-Ostwand, tutto disteso, ganz entspannt.
„Irgend so einen Mädchenkram halt. Soll ja Spaß machen. In einem Tag rauf und am nächsten wieder runter und dann im Nash Bier saufen bis zum Umfallen.“ Und er grinste dabei von einem Ohr zum anderen.
Raffaele hatte leicht reden, der hing seit Mai in Chamonix herum, holte sich einmal im Monat einen Scheck seines Vaters vom Postamt und brauchte ansonsten nichts weiter zu tun, als auf gutes Wetter zu warten. Dem lief nichts davon. Im Gegenteil, seit Max ihn Ende Juli kennengelernt hatte, zog Raffaele mit dem mittlerweile dritten Mädchen herum, eines blonder und hübscher als das andere, deutsche oder australische Rucksack-Touristinnen, die seinem italienischen Charme einfach nichts entgegenzusetzen wussten.
Für ihn, Max, aber wäre in genau einer Woche der Spaß vorbei, endgültig, sein Urlaub wäre zu Ende, und das wär‘s für dieses Jahr gewesen mit Chamonix und mit seinem Traum, gerade mal zwanzigjährig die Jorasses-Nordwand zu machen. Das Geld war ihm schon vor Tagen ausgegangen.
Wie gemeingefährlich irre hätte ein Typ also sein müssen, überlegt sich Max, dass er abgelehnt hätte, wenn der ihn in an den Crozpfeiler mitnehmen wollte? Vermutlich wäre er einem buckligen, stotternden Schwachsinnigen hinterhergelaufen, hätte der nur auf die Jorasses gezeigt und ihm eine Hand gereicht.
Wie hätte er ablehnen können?


Das mit der Zigarette will nichts werden, pfeif drauf, er hat eiskalte Finger und lässt das Zeugs schließlich entnervt fallen, lässt Papier und Tabakkrümel davonsegeln in die Tiefe, hinaus in diese endlosen siebenhundert Meter bitterkalter Leere zwischen ihm und dem Leschaux-Gletscher. Verstreut für die Ewigkeit.
Irgendwann einmal hat er von nordamerikanischen Indianern gelesen, die Tabakopfer darbringen, bevor sie einen Baum fällen oder einem Karnickel oder einem Lachs ans Leben gehen, sich vorher gar noch entschuldigen bei ihnen für den Kummer und die Schmerzen, die sie ihnen nun bereiten müssten. Leistet er jetzt etwa Abbitte beim Berg, weil er ihm mit den Steigeisen den Fels zerschrammt, ihm die Eisbeile in die Flanken haut und ihm Haken zwischen die Rippen drischt? Will er sich gar den Berg gewogen machen?
Soll er Lou fragen, was der von dieser Schnapsidee hält?
Es ist noch nicht einmal Mitternacht, doch schon jetzt spürt Max, wie ihm sein Verstand entgleitet, ihm davontrudelt wie das Zigarettenpapier. Er kann sich kaum vorstellen, wie er die Nacht überstehen soll. Die Aussicht, noch gut fünf Stunden auf die ersten Sonnenstrahlen warten zu müssen, fünf endlose, eiskalte, frierende Stunden, fünfmal sechzig endlose Minuten, deren jede ihm länger und frostiger erschiene als die vorherige, ist schlicht haarsträubend. Und dazu dieser schweigsame Verrückte neben ihm. Herrgott im Himmel!
Warum Lou überhaupt in die Berge geht, ist Max in den letzten zwei Tagen mehr und mehr zu einem Rätsel geworden. Der scheint für keines dieser Wunder, die Max Gänsehaut machen, Augen zu haben. Ein zaghafter, dann immer gleißenderer Sonnenaufgang nach einer grausam kalten Biwaknacht? Endlich Wärme, das schon. Aber die Schönheit dieses Mysteriums? „Drauf geschissen“, sagt Lou höchstens. Die Farben des Granits, diese zahllosen Nuancen von Anthrazitgrau über Ocker bis golden? Dieser Farbkontrast der Felsen zum blauen Himmel und dem weißen Gletscher tief unter ihnen? „So what?“, murrt Lou. Das Heulen eines Sturmes oder das Vorbeischweben dicker Schneeflocken bei Windstille, das Sirren und Pfeifen von Steinschlag oder die Leere und Endlosigkeit einer mondlosen Wolkennacht, das eine so einschüchternd wie das andere, die ehrfurchtgebietenden Blicke in die Tiefe und diese Momente vollkommener Schönheit, Stille und Wahrhaftigkeit, das gleichzeitige Bangen vor Ungemach, diese jederzeitige Möglichkeit, dass entweder Schlimmes oder eben nichts Schlimmes geschähe, und man auf nichts davon Einfluss hätte, auf gar nichts, man es nur sehen, hören und erdulden könne, … das alles scheint nicht den geringsten Eindruck auf Lou zu machen. Der bewegt sich in dieser senkrechten Welt ebenso leidenschaftslos, als ginge er in irgendeiner Stadt auf dem Weg zu irgendeiner Arbeit über irgendeine Straße. Lustlos, freudlos und verbissen, als sei er auf einem Kreuzzug nicht nur gegen den Berg, sondern gegen das gesamte Wunder des Universums, und ja, auch gegen sich selbst.
Am Nachmittag hatte Max eine leidlich einfache Seillänge vermasselt. Als er sich streckte, um einen Klemmkeil zu legen, brach die winzige Schuppe aus, an die er sich mit zwei Fingern der Linken krallte, sofort rutschten ihm die Schuhspitzen weg und er sauste in die Tiefe. Die Zwischensicherungen flogen ihm eine nach der anderen um die Ohren, die fragilen Verbindungen, die er in der letzten halben Stunde so beherzt wie mühsam zwischen Seil und Fels geschaffen hatte, all die Keile, Messerhaken, Rurps und Copperheads hielten nicht, Stück für Stück löste sich der ganze Krempel aus der Wand, ging auf wie ein müder Reißverschluss. Einzig der letzte Klemmkeil sieben Meter über dem Standplatz blieb drin und nach einem endlosen, atemlosen Zwanzigmeterflug hing Max gute vier Meter unter Lou im Seil. Er leckte sich Blut, das ihm von der Stirne tröpfelte, von den Lippen, spuckte aus und fluchte wie ein Bierkutscher. Und dann? Was hörte er von Lou?
„Alter, auf die Art kommen wir nie rauf.“
Als er wieder oben am Stand war, das ganze rausgefetzte Zeug, die Keile, Schlingen, Haken und Karabiner vom Seil löste, sie sortierte und an seinen Gurt hängte und dabei kurz in Lous mürrische, unbeteiligte Miene sah, verstand er endlich, was ihm Raffaele hatte sagen wollen. Ja, Lou machte auch ihm Angst.
Wortlos begann er, neuerlich hochzusteigen. Seine Wut ließ ihn die aufgeschlagene Augenbraue vergessen, ließ ihn die Griffe so fest packen, als wolle er den Fels zerkrümeln, er verzichtete auf das Legen der fragwürdigen Sicherungen, hörte Lou lachen und brüllen - “Willst du dich umbringen, Mäx?“ - ignorierte ihn und erreichte dreißig Meter höher den nächsten Standplatz. Er überlegte ernsthaft, sich aus dem Seil zu binden und einfach weiter zu klettern, höher und immer höher zu steigen, bloß weg von diesem Arschloch.
Natürlich tat er es nicht. Allein der Gedanke daran sträubte ihm die Haare. Er war verärgert und ratlos. Schon als Junge hatte er von dieser Wand geträumt, und jetzt, da er endlich hier war, musste es mit einem Irren sein. Er hätte heulen können.
Schließlich hatte er sich in die zwei Standhaken eingehängt, sich eine Zigarette gedreht und Lou nachgesichert. Scheiß drauf.


„Schläfst du, Mäx?“
„Fast.“
In Wahrheit ist an Schlaf nicht zu denken. Max weiß kaum noch, wie er sitzen soll. Die Seile, auf denen sie wegen der Kälte hocken, drücken ihm unangenehm in den Hintern, bei jeder Bewegung schmerzt der Klettergurt an den Hüften und der Stundenzeiger seiner Uhr scheint festgefroren zu sein. Schrecklich gerne würde er jetzt Schokolade essen und hinterher eine rauchen.
„Wird ein harter Tag morgen, Mäx.“
„Ich weiß. Die sechsundzwanzigste Länge. Die verfluchte Schlüsselstelle.“
„Du wirst sie vorsteigen.“
„Spinnst du? Ist nicht dein Ernst.“
„Doch … Du musst.“
„Was heißt, ich muss?“
„Ganz einfach. Weil ich‘s nicht tun werde.“
„Lou, Alter, spinnst du jetzt vollkommen?“
„Das ist dein Trip, Mäx.“
„Hey, Mann, was redest du da? Wir machen die Abandon gemeinsam.“
„Nein, Mäx, das ist ganz allein dein Trip. Stell dir vor, du seist alleine hier.“
„Jessas, Lou, was soll der Scheiß?“ Max dreht sich zu Lou. Nicht eine Haarsträhne ist von dem zu sehen.
„Warum kletterst du, Mäx?“, hört er ihn aus dem Biwaksack murmeln.
„Äh, … weil die Berge so wunderbar sind?“
„Red doch keinen Quatsch. Die kannst du dir auch von der Terrasse einer Berghütte aus anschauen. Und dabei noch ein Bier trinken … Wie viele Schlangen klettern durch Schleichen und Kriechen bis zum Gipfel eines Baumes empor, der allein zum Aufenthalte für die Vögel der Luft gemacht zu seyn scheinet?
„Hä?“
„Warum kletterst du, Mäx? Was willst du dir beweisen?“
„Verdammt, gar nichts will ich mir beweisen. Ich find’s einfach saugeil.“
„Saugeil, ja, so was dachte ich mir schon … Hör mir zu Mäx, ich erzähl dir jetzt eine Geschichte: Vor vielen Jahren führte ich einmal einen Mann auf einen Berg, ich weiß nicht mehr, wie der Berg hieß. Als wir oben waren, deutete ich um mich und zeigte auf die Gipfel, die uns umgaben, und die Täler, die dazwischen lagen, und auf all das Land ringsum. In den Ebenen wuchsen Bäume, die reichlich Früchte trugen, und auf den Feldern gedieh das Korn. Die Menschen dort unten gingen ihrem Tagewerk nach und trachteten, ihre Goldstücke zu horten und zu mehren. Doch sie erkannten nicht das Wunder ihres Daseins, weil der eine dem anderen die Magd neidete und den Knecht, die Kuh und den Stier.
Warum zeigest du mir all dieses Blendwerk, fragte mich der Mann.
Siehest du den hohen Gipfel dort, der alle anderen überragt? Den will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest, sagte ich zu ihm.

„Sag mal, Lou, nimmst du Drogen?“
„Ach was, ich verarsch dich doch nur.“
Max verdreht die Augen. Was gäbe er dafür, jetzt Raffaele an seiner Seite zu haben statt dieses Geistesgestörten.
„Lou, zieh verdammt noch mal nicht so am Biwaksack. Der gehört dir nicht alleine.“
„Wie hast du mich gerade genannt?“
„Was?“
„Ach, vergiss es.“

Schließlich nickt Max doch ein und er träumt, wie Lou an ihm vorbeistürzt, immer und immer wieder, mit weitaufgerissenen Augen und einem irren Lachen. Lous blutverschmiertes Gesicht sieht aus wie sein eigenes.
Als er aufwacht, fühlt er sich wie zerschlagen, er spürt jeden Muskel und jeden Knochen, aber er ist froh, zumindest dem Alptraum entkommen zu sein. Hoch über ihm vergolden die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den Fels und der Himmel dehnt sich endlos. Doch sofort erkennt er, dass irgendwas nicht stimmt. Der Alptraum ist Wirklichkeit geworden und geht weiter.
Lou ist weg! Mutterseelenalleine kauert Max auf dem schmalen Sims.
„Lou?“, flüstert er. „Lou!“, brüllt er.
Verzweifelt bemüht er sich, aufzuwachen, und gleichzeitig weiß er, dass er wach ist. Er ist eindeutig wach, aber vermutlich übergeschnappt. Halluziniert er? Lou kann nicht weg sein, hier kann man sich weit und breit nirgends verstecken. Ist Max gar gestorben? Hat ihn in der Nacht der Schlag getroffen oder ist er erfroren? Und ist dies nun das Leben nach dem Tod?
Langsam dämmert ihm die Wahrheit. In der Nacht muss Lous Sicherung versagt haben und er ist vom Felsband gerutscht und lautlos in der Tiefe verschwunden. Passieren nicht immer wieder die blödesten Unfälle am Berg?
Er beugt sich vor und blickt in den Abgrund.
„Lou!“, brüllt er, „Lou!“
Niemals zuvor in seinem Leben ist er sich so alleine vorgekommen, so vollkommen einsam und hilflos, so aus der Welt geworfen, so unbedeutend und klein. Er fühlt sich so verloren und nichtig wie ein Klecks Vogeldreck auf dem riesigen Deck eines Schlachtschiffes, ein winziger Fleck auf einem lotrecht stehenden, tausend Meter hohen Schlachtschiff.
„Lou!“, brüllt er noch einmal, dann steigen ihm Tränen in die Augen und er beginnt zu schluchzen wie ein Kind.
An Abseilen ist nicht zu denken, nicht nur Lou ist weg, sondern auch das zweite Seil, auch Lous Rucksack, der Kocher und sein restliches Zeug. Alles ist weg, als wäre Lou nie hier gewesen.
Ihm ist klar, dass er so gut wie tot ist, er würde hier sterben, hier, in der beeindruckendsten und schönsten Wand der Alpen. Mutterseelenalleine und gerade mal zwanzigjährig, das darf einfach nicht wahr sein. Nie mehr wieder würde er einen Sonnenaufgang sehen oder das Meer oder gar ein Mädchen, nie mehr eines küssen, nie mehr würde er klettern können. Nie mehr Schokolade essen, nie mehr Musik hören.
Er kramt den Walkman aus dem Rucksack, stöpselt die Ohrhörer an und schaltet ihn ein. Black Flag wüten los und er dreht die Lautstärke hoch. Dann schließt er die Augen und bemüht sich, an gar nichts zu denken. Nicht an Kathis wunderschönes Lächeln und ihre weiche Haut und nicht an sein Motorrad, nicht an seine Eltern und schon gar nicht an Lou. Schließlich legt er den Kopf in den Nacken und starrt die Wand hoch. Vielleicht noch hundert Meter senkrechter Fels liegen über ihm, bevor sich der Pfeiler langsam zurückzulehnen beginnt, das weiß er von dem Foto, das seit Jahren über seiner Werkbank hängt.
Kein Beinbruch in Wahrheit. Er kann hier sitzenbleiben und heulen wie ein Kind. Oder er kann klettern.
Kiss or kill … Er ist gut und stark, er ist in Bestform, das weiß er. Im Grunde müsste es zu schaffen sein. Die Abandon im Alleingang. Wahnsinn.
Mit zittrigen Fingern steckt er sich ein Stück Brot in den Mund, trinkt den Rest des lauwarmen Tees aus der Thermosflasche und fängt dann an, seinen Kram zusammenzupacken.
Sobald seine Hände am Fels liegen, fühlt er sich ruhiger. Es gelingt ihm, sein Denken vollständig auszuschalten und all sein Dasein einzig auf die Strukturen des Granits zu richten. Er beginnt zu klettern und kommt höher und höher. Er wird nicht sterben. Nicht heute. Nicht hier.
Er nicht.

Doch irgendwann kommt er nicht mehr weiter. Der Riss, dem er gut achtzig Meter gefolgt ist, hat sich mehr und mehr verengt und verliert sich nun zusehends vor seiner Nase. Er blickt hoch. Eine vertrauenerweckende Leiste, die er über sich erkennen kann, ist unerreichbar weit weg. Dazwischen gibt es nichts, nur glatten, gnadenlosen Stein, wie blankpoliert. Minutenlang tastet er den Fels ab, er streichelt, beschwört und beschimpft ihn. Nichts. Er verlagert das Gewicht, ändert die Fußstellung, sucht weiter. Nichts. Ganz schnell hat sich der Tod genähert. Max kann ihn nicht sehen, aber er ist da.
Immer wieder muss er die Hände am einzigen Griff abwechseln, um die verkrampften Unterarme auszuschütteln. Schweiß perlt ihm von der Stirn in die Augen, Milchsäure und Angst vergiften seine steinhart zusammengezogenen Muskeln. Er bittet und bettelt. Nur einen einzigen Griff noch, einen klitzekleinen, bitte! Er kämpft und leidet und flucht, bis er spürt, dass seine Unterschenkel zu zittern beginnen. In wenigen Augenblicken werden ihm die Zehenspitzen abrutschen, das weiß er. Jetzt ist der Tod ganz nahe. Hastig fummelt er seinen allerkleinsten Messerhaken vom Gurt, zwängt die Spitze in den winzigen Riss und drischt ihn mit dem Hammer hinein. Nicht einmal zu Hälfte verschwindet das lächerliche Stück Eisen. Pfeif drauf, man hat nicht immer die Wahl, denkt er, knotet einhändig eine Reepschnurschlinge um das herausragende Ende, so knapp wie möglich am Fels, und steigt mit dem rechten Fuß hinein. Der Haken knirscht erbärmlich, als er ihn vorsichtig belastet, und Max spürt das Rucken, als er sich einen Millimeter bewegt. Als hätte der ganze Berg gezittert. Aber der Haken hält. Max atmet tief durch, legt die Stirn an den Fels. Nein, er wird heute nicht sterben, er kommt aus dem Schlamassel raus. Er weiß ganz genau, was er nun zu tun hat. Und er ist gut, er ist stark. Er ist in Bestform. Der blöde Tod kann ihn mal.
Er wird sich mit der rechten Hand am Haken festhalten, die Linke den Fels hochgleiten lassen, um seinen Körper zu stabilisieren, und dann ganz behutsam beginnen, das rechte Bein durchzudrücken, ganz langsam. Und dann, genau in dem Augenblick, wenn er nach hinten zu kippen droht, das Bein vollends strecken und gleichzeitig mit der Rechten emporschnellen und die Leiste packen. So wird das gehen. Ein ums andere Mal stellt er sich die Bewegungen vor, bis er sicher ist, dass er es schaffen wird. Mit einem Stück Schokolade im Mund wäre es noch einfacher, denkt er, beinahe ein Kinderspiel. Lächerliche zwei Meter noch, und er hätte die Schlüsselstelle hinter sich. Zum ersten Mal an diesem Morgen hat er ein Grinsen im Gesicht. Herr im Himmel, ist es schön hier.
Er wartet, bis sich sein Herzschlag beruhigt hat, atmet ein paarmal tief durch und schaltet den Verstand aus. Jetzt muss er sich einfach auf die Muskeln und Sehnen seiner Arme und Beine verlassen. Die wissen, was zu tun ist.
Als hätte sein Körper es dutzende Male geübt, führt er die Bewegungen aus, so vollkommen präzise und millimetergenau, so kraftvoll und sicher, als hätte ein Choreograf sie ersonnen. Doch eben, als er mit den Fingerkuppen der rechten Hand den Rand der Leiste berührt, schießt der Haken aus dem Riss.
Und Max fällt ins Leere.
Unbeeindruckt davon röhrt ihm Henry Rollins in die Ohren - Gimme, gimme, gimme - und Max fällt und fällt und fällt, bis der schmale Sims, auf dem er die Nacht verbracht hat, kurz seine Flugbahn stört. Mit zertrümmertem Rückgrat und kaum langsamer stürzt er weiter in die Tiefe. Er hofft, dass ihm auf seinem Weg nach unten nun nichts mehr in die Quere kommt.
Aus den Ohrhörern dröhnt noch immer Henry Rollins und seine Stimme klingt wie die von Lou.
Sie verhallt schließlich ungehört auf dem Gletscher.


Zitate aus:
Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos
Stjepan Zanović, Stephan Hannibals, eines alten Schäfers von Albanien, philosophische Gedanken an Friedrich Wilhelm, Kronprinzen von Preußen
Black Flag, Gimme, gimme, gimme
Weitere Inspirationen aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 4

 
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14.08.2012
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Das ist mein erster Versuch, einen Alptraum von mir literarisch zu bearbeiten. Entsprechend unsicher bin ich, ob das Ding als Geschichte taugt, oder ob es eher ein reines Minderheitenprogramm ist.
(Vorbild für die Route in der Geschichte war mir übrigens die real existierende No Siesta am Crozpfeiler in der Grand Jorasses-Nordwand)

 
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26.02.2009
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Hallo Ernst!

Du hast „Spannung“ vergessen! Philosophisches, Seltsam, Spannung, muss es heißen! Meine Fresse, ist das spannend! Und gut geschrieben. Wirklich.

Ist Max Sisyphos oder ist er eher der Stein?
Mit dieser Frage hast du nicht gerechnet, oder?

Lieben Gruß!

 
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Hallo Ernst!
Lou, zieh ver… Dass es sich bei dem einen der Männer, die da in der Wand hängen, um den Teufel handelt, war mir recht schnell klar, aber erst beim zweiten Lesen hab ich diesen schönen Hinweis verstanden. Lou Cypher, alles klar.
Ich habe zum Bergsteigen etwa dasselbe Verhältnis wie der Papst zum Freistilringen, aber nach den ersten Zeilen bin ich drangeblieben, weil Du einem das Lesen hier wieder mal sehr leicht machst. Das ist alles sehr gut geschrieben, mit der für eine solche Story nötigen Sachkenntnis und Begeisterung für die Schönheiten der Natur.

flammte über Max der Nachthimmel auf, das Firmament schien förmlich zu explodieren. Ihm war, als stürzte er nach oben, als risse es ihn aus der Wand geradewegs hinauf ins All, hinein in diese funkelnde Unendlichkeit,
Ein zaghafter, dann immer gleißenderer Sonnenaufgang nach einer grausam kalten Biwaknacht? Endlich Wärme, das schon. Aber die Schönheit dieses Mysteriums? „Drauf geschissen“, sagte Lou höchstens. Die Farben des Granits, diese zahllosen Nuancen von Ocker bis golden? Dieser Farbkontrast der Felsen zum blauen Himmel und dem weißen Gletscher tief unter ihnen? „So what?“, murrte Lou. Das Heulen eines Sturmes oder das Vorbeischweben dicker Schneeflocken bei Windstille, das Sirren und Pfeifen von Steinschlag oder die Leere und Endlosigkeit einer mondlosen Wolkennacht, das eine so einschüchternd wie das andere; die ehrfurchtgebietenden Blicke in die Tiefe und diese Momente vollkommener Schönheit, Stille und Wahrhaftigkeit;
Obendrein herrscht eine merkwürdige Spannung, die sowohl durch den Titel als auch die diversen Zitate gespeist wird und eine wirklich dichte Atmosphäre heraufbeschwört. Die Charakterzeichnungen sind gelungen, die Länge der Geschichte, besser gesagt, die Kürze, gefällt mir. Und der Interpretationsmöglichkeiten sind viele (Legion). Zum Beispiel sind da Max‘ Wunde und Kopfschmerzen, die den Verdacht nahelegen, das er schon abgestürzt ist und das Folgende sich bereits in seiner persönlichen Hölle abspielt.
Tja, da gibt’s eigentlich nichts zu meckern. Im Grunde ist es eine Fantasy-Story mit philosophischem Unterbau, aber da willst Du wohl nix von wissen… Respekt.
Herzliche Grüße
Harry

 
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28.12.2009
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Hallo ernst,

unzweifelhaft dein bester Text bisher.

Nüchtern, kein Wort zu viel, spannend, auch philosophisch, etwas rätselhaft.
Mehr kann ich dazu (noch) nicht sagen. Ein ernst offshore Text, durch und durch.

Hat mir gut gefallen.

Gruss Jimmy

 
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22.10.2011
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Ja, sehr schön geschrieben, Mister offshore. Und unglaublich spannend.
Ich glaube, wenn ich mal nicht mehr selber laufen und Berge und Landschaft gucken kann, dann lese ich deine Naturbeschreibungen. Die sind einfach wunderwunderschön. Man merkt, dass das von jemandem geschreiben worden ist, der mit Leib und Seele die Natur liebt.

Warum sagt der Lou irgendwann "Mäx" zum Max? Hat das eine tiefere Bedeutung, die sich mir nicht erschlossen hat? Ich hab mir da gar nichts bei gedacht, muss man ja auch niht, man kann es als Lous Marotte nehmen, aber nachdem Lou ja die erste Silbe von Luzifer repräsentiert, muss man ja ein bisschen hellhörig werden.

Es gab in der Geschichte für mich jenseits der exzellenten Unterhaltung ein Fragezeichen.
Es ist ja eine Geschichte über die Verführung, so heißt ja schon dein Titel. Jemand verführt sich selbst oder lässt sich verführen dazu, dass er zu hoch hinaus will, Hybris begeht und dadurch zu Fall kommt.
Mir ist aber die Verführergestalt hier zu verschwommen. Ich meine damit nicht, dass Luzifer nicht auch eine Halluzination sein könnte, dass Max ohnehin alleine losgezogen ist. Das ist nicht mein Problem.
Aber worin soll denn eigentlich die Verführung bestehen? Dass er da in Wahrheit, um überhaupt seinen Traumberg zu meistern, mit dem Teufel klettert, nun gut, das finde ich am Anfang noch ganz gut gelöst. Er klettert mit einem Typen, mit dem er noch nicht mal Bier trinken gehen würde, so scheiße finden den alle. Also keiner, dem man irgendwas anvertrauen würde und dann vertraut man ihm ausgerechnet sein Leben an? Also da passt die (Selbst)Verführungssituation noch für mich.
Mir gefielen auch die Stellen, als der Luzifer immer "scheiß drauf" oder "so what" zu allem Schönen sagt. Und ihn auf seine unnachahmliche Art dann anstachelt, weil er zu langsam sei: "Alter so kommen wir nie rauf".
Wo ich dann echt hängen geblieben bin, das war, als Lou der vorher den Wortschatz eines Fünfjährigen hat, auf einmal quasselt wie ein ganzes Aposteltribunal. Okay, du kannst natülich sagen, da ist der Lou ohnehin nur noch eingebildet, aber trotzdem. Auch Max Reaktionen sind mir da zu verhalten. Ich finde das reicht nicht, wenn er nur "Hä" sagt oder Lou fragt, ob er Drogen nehme. Im Grunde ist das ja die erste Schlüsselstelle deiner Geschichte. Und die ist mir zu schnell gegangen. Hier muss sich der Max für oder gegen die Verführung durch die nach außen verlagerte Verführungsgestalt entscheiden. Er kriegt gesagt, er solle alleine weiterklettern. Aber da will er sich ja gar nichts selbst beweisen, sondern findet das Klettern einfach nur saugeil. Also wo ist da jetzt die Verführung?
Man kann das natürlich über das Wortspiel machen Lou zieh verdammt ..., Max nennt den Verführer beim Namen. Aber das finde ich ein bisschen vordergründig. Mir ist das hier nicht genügend auf die Spitze getrieben. Ich könnte dir noch nicht mal sagen, ob an dieser Stelle Luzufer nun mit Stolz über das Gelingen seines Verführungsplans in die Tiefe stürzt, oder weil die Verführung gar nicht geklappt hat.
Im Übrigen: Hätte Harry das mit dem Namen nicht raugefunden, ich glaube, ich hätte das noch nicht mal gemerkt. Ich könnte dir noch nicht mal sagen, ob Max an der Stelle der Verführung gefolgt ist oder die Verführung bemerkt hat und ihr durch die Namensnennung widersteht oder ob das eine Pattsituation sein soll. Ich fand das jedenfalls definitiv rausreißend aus der Geschichte.
Später dann am Berg, als er alleine ist, da ist es dann anders. Da entscheidet er sich tatsächlich weiterzuklettern. Aber was wäre denn die Alternative gewesen? Du schreibst, er wäre ohnehin gestorben. Na gut, also klettert er weiter. Das einzig "Vermessene", wenn man das überhaupt noch so nennen will, das ist, dass er kurz sich den Gedanken macht, er könnte es vielleicht doch schaffen. Aber meine Güte, eine große Wahl hat er ja nun tatsächlich nicht. Da ist nicht mehr groß was mit Verführung.
Wenn du die Verführung schon (ausgedacht oder nicht) nach außen legst, dann sollte die für meine Begriffe verdeutlicht werden. Wie und wordurch verführt der Lou ihn denn. Mag sein, dass ich da auf dem Schlauch stehe, aber ich finde das wirklich undeutlich.
Mir gefiele die Geschichte übrigens auch ganz genauso gut ohne dass du diesen Luziferkram reinbringst und ohne dass Lou am Berg so einen Apostelkram vor sich hinbrabbelt.
Sorry, dass ich da ein wenig ungehalten klinge, das meine ich nicht, aber deine Geschichte ist so toll, ich finde die braucht diese künstlich wirkenden Einsprengsel, diese philosophische Verdichtung gar nicht. Dass einer mit dem Falschen losklettert, weil er unbedingt hoch will, das ist doch allein schon die geile Idee. Also alles was du schreibst, wenn der Max sich bedauert, dass er in dieser unendlichen Schönheit ist mit einem, der das gar nicht zu würdigen weiß usw. Und alles, was an Konflikten dadurch zwischen den beiden hervorgerufen wird. Bis hin zu dem Punkt, dass er ihn im Traum fallen sieht. Aber zusammen mit dem Luziferkram gibt es halt für mich diese Stelle, wo die beiden darüber sprechen, dass er alleine weiterklettern soll. Die ist dann für mich winfachnoch zu verschwommen.

die ehrfurchtgebietenden Blicke in die Tiefe und diese Momente vollkommener Schönheit, Stille und Wahrhaftigkeit; das gleichzeitige Bangen vor Ungemach, diese jederzeitige Möglichkeit, dass entweder Schlimmes oder eben nichts Schlimmes geschähe, und man auf nichts darauf Einfluss hätte, auf gar nichts, man es nur sehen, hören und erdulden könne, … das alles schien nicht den geringsten Eindruck auf Lou zu machen.
könnte = du hattest ja vorher Sätze, in denen du Irreales (Möglichkeiten) angibst, da soltest du den Konj 2 schon beibehalten. "Könne" ist indirekte Rede.
darauf = finde ich grammatikalisch da unrund, man hat auf nicht darauf Einfluss. Da stimmen die Bezüge nicht. Ich würde es weglassen, oder durch "mehr" ersetzen.

Eine wirklich packend geschriebene Geschichte. Unglaublich schön geschrieben. Und dieses Bild zum Schluss, wenn der Max in die Tiefe stürzt mit der Stimme von Henry Rollins im Kopfhörer. Also puuhh, du packst deine Leser ganz schön an den Kaldaunen. Himmel nochmal.
Also - großes Kompliment, wenn ich auch wegen der Schlüsselstelle gemeckert hab, das ist einfach toll und hat mir mal wieder einen Scheißmorgen gerettet.
Ganz liebe Grüße und
ähhh ... bitte pass ein bisschen auf beim Klettern, lass dich ja zu nichts verführen.

 
Seniors
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Servus flammbert,

flammbert112 schrieb:
Nicht genug, dass dein Protagonist mit einem offensichtlich geisteskranken Psychopathen klettert,

bzw. mit einem, der so tut, als wäre er einer. In vielerlei Gestalt nämlich treibt der sein Unwesen.
(Knurre nicht, Pudel! Zu den heiligen Tönen,
Die jetzt meine ganze Seel umfassen,
Will der tierische Laut nicht passen
. Usw.)

Hier entsteht der Eindruck, dass der Prot nicht mehr ganz bei Sinnen ist, vielleicht hätte man das noch ein bisschen mehr ausbauen können, sodass der Leser sich quasi selbst eine Meinung bilden muss: Ist der Prot jetzt bescheuert oder alles um ihn herum?

Ich würde mal sagen, bescheuert ist er nur insofern, dass er durch eine tausend Meter hohe Nordwand steigt. Alles andere ist, äh …, Interpretationssache des Lesers. Das soll jetzt kein Witz sein, selbst ich hab mindestens drei Lesarten für diese Geschichte und weiß nicht recht, welche ich vorziehe.

Inhaltlich war mir die Dichte an Fachjargon teilweise ein bisschen hoch, manches konnte ich mir selbst herleiten, aber ich habe zum Beispiel keinen Schimmer was
Rurps und Copperheads
sind.

Ich weiß schon, dass es so eine Art Gratwanderung ist, über ein Spezialthema zu schreiben, von dem nur wenige eine Ahnung haben. Einerseits muss man den einschlägigen Jargon verwenden, um authentisch und glaubwürdig zu klingen, andererseits kann man die notwendigen Fachbegriffe innerhalb des Textes natürlich nicht erklären, weil sich die Figuren in der Geschichte ja auch keine Sekunde den Kopf darüber zerbrechen, womit sie gerade hantieren. So hab ich halt ein paar unumgängliche Fachtermini eher beiläufig erwähnt, in der Hoffnung, dass sich deren ungefähre Bedeutung aus dem Zusammenhang ergibt.
(Rurps übrigens sind „Real ultimate rockpitons“, zum Teil gerade mal fingernagelgroße Stahlplättchen mit einer Öse, die in winzigsten Rissen Halt finden sollen. Copperheads wiederum sind kleine Kupferstücke mit einem Stahlkabel dran, die man mit dem Felshammer in kleinste Löcher drischt, wenn wirklich nichts anderes mehr reinpasst, wobei sich das Kupfer plastisch verformt und die Form des Loches bzw. Risses annimmt und dadurch eine Klemmkraft entsteht. Diese Hilfsmittel werden allerdings nur beim technischen Klettern verwendet.)

Ich denke zum Text muss ich nichts weiter sagen, der ist wirklich gut geschrieben, bei deinen Beschreibungen des Kletterns (bzw. des Abstürzens) habe ich doch tatsächlich Schweißhände bekommen.

Das ist ein tolles Kompliment, flammbert. Vielen Dank.


harrytherobot schrieb:
Dass es sich bei dem einen der Männer, die da in der Wand hängen, um den Teufel handelt, war mir recht schnell klar,

Sehr aufmerksam gelesen, Harry, Respekt.
Auch wenn ich mit Religion genau gar nichts am Hut habe, fand ich es einfach legitim, in einer Geschichte, die mit dem Stichwort Seltsam versehen ist, mit so mythologischen Legenden herumzuspielen, wie z.B. Jesu Versuchung durch Luzifer „Lou“ Teufel, und als Kontrastprogramm zur durchgeknallten, düsteren Figur des Lou nannte ich den charmanten italienischen Kletterkumpel kurzerhand Raffaele, dessen Name natürlich auf den gleichnamigen (guten) Erzengel verweisen soll. (Ihn Michelangelo zu nennen, fand selbst ich zu crazy.)

Aus den Ohrhörern dröhnte noch immer Henry Rollins und seine Stimme klang wie die von
Lou. Sie ver -
hallte schließlich ungehört auf dem Gletscher.

Diese blöde Schlusspointe konnte ich mir allerdings nicht verkneifen. Die hab ich jetzt aber rausgeschmissen, bzw. die Zeilenumbrüche wieder normalisiert.

Und der Interpretationsmöglichkeiten sind viele (Legion).

Über den (erfundenen) Routennamen Abandon darfst du auch noch nachdenken, Harry, wenn du magst.

Das ist alles sehr gut geschrieben,

Vielen Dank, Harry, für dein Interesse und dein Lob.


Asterix schrieb:
Meine Fresse, ist das spannend! Und gut geschrieben. Wirklich.

Wow, Asterix, find ich toll, dass ich mit diesem „Nischenthema“ auch dich begeistern konnte.

Ist Max Sisyphos oder ist er eher der Stein?
Mit dieser Frage hast du nicht gerechnet, oder?

Nein, hab ich in der Tat nicht, sah ich Max doch eher in der Rolle des Ikarus.

Herzlichen Dank, Asterix.

PS

Du hast „Spannung“ vergessen! Philosophisches, Seltsam, Spannung, muss es heißen!

Du hast wohl recht, allerdings bin ich schlicht zu dämlich, zum Text nachträglich ein weiteres Stichwort hinzuzufügen. Vielleicht kann mir wer dazu einen Tipp dazu geben.


jimmysalaryman schrieb:
unzweifelhaft dein bester Text bisher.

Dein Ernst, Jimmy?
Jessas, meine Selbsteinschätzung ist wirklich unter jeder Sau. Ich befürchtete nämlich, dass gerade mal eine Handvoll Bergbesessener mit dieser Geschichte etwas anfangen kann. Aber vielleicht haben ja in Wahrheit weit mehr Menschen diese heimliche Sehnsucht nach der großartigen Natur und man kann sie durch so einen Text erreichen.

Ich hab mich über dein Lob jedenfalls sehr gefreut, Jimmy.


Dir, liebe Novak, will ich morgen antworten. Du hast in deinem ausführlichen Kommentar so viele Dinge angesprochen, über die muss ich noch ein wenig nachdenken. Aber schon einmal danke für dein tolles Lob.

 
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Hallo ernst offshore,

ja, ja, die verteufelten Intellektuellen, aber lesen die heute immer noch Camus? Ist der Teufel ein 68iger, der sich als Fremdenführer bewährt? Ist es gar der Zyniker BHL (Bernard-Henri Lévy)? Dass sich der Naturbursche, der Sterne, Berge u.a. naiv bewundert, von so einem hat einfangen lassen, leuchtet ein.
Teufel? Mag sein. Wo ist der Teufelspakt? Warum macht der Teufel das? Was hat er davon?
Mir scheint der Teufel eher der Boandlkramer zu sein. Ein Totentanz am Berg.
Oder sagt der Text, dass Intellektuelle sich eher abseilen als Beseligte?
Berggeschichten sind immer spannend, weil jeder Schritt zum Tod führen kann.
Wirkungsvoll hast du den Stoff arrangiert und kombiniert. Verlust des Urlaubs, neue Chance, Warnung, Übergehen der Warnung, die Schritte zum Verderben. Langsam steigt Max höher und stürzt ab. (Ich bin kein Fachmann, aber warum steigt er weiter, obwohl der Haken wackelt? Ich hätte das nicht getan. Sicher, irgendwie muss er ja hinunter.) Ist es echte Hybris oder die Dämlichkeit, die viele Bergtote verursacht? Irgendwie ist mir Max nicht sympathisch. Aber Lou, wenn er sagt:

"Alter, auf die Art kommen wir nie rauf.“
Worum geht es dem Teufel:
Den will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest, sagte ich zu ihm.“
Nur eine Verarsche? Hier hättest du vielleicht die Ansprüche von Lou weiter fassen können/müssen. Worum geht es: Gipfelsturm für ???
Wer verführt wen? Sicher Lou den Max! Aber verführen solche einfachen Menschen wie Max nicht auch dazu, sie zu verarschen? Wer also wen? Eine teuflische Angelegenheit!
Es war dein Alpentraum? Was sagt dir damit dein Ubw?
Geh lieber am Ostseestrand spazieren, lern aber vorher schwimmen, wenn du es noch nicht kannst. Aber kommt nicht dann ein Verführer, der dir sagt, weiter draußen schwimmt es sich besser?
Sehr gern gelesen.
Herzlichst
Wilhelm Berliner

 

Mix

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Hi ernst,

tja, was soll ich zu deiner Geschichte sagen? Sie ist grandios geschrieben, inhaltlich ist sie - entgegen deiner Bedenken - durchaus ansprechend. Ich denke, viele Menschen fühlen sich in irgendeiner Art und Weise zur Natur hingezogen, da kommt deine Geschichte mit ihren wunderbaren Beschreibungen gerade recht.

Mir gefällt an deiner Geschichte außerdem, dass sich so viel in sie hineininterpretieren lässt. Ist Lou der Teufel (lustig übrigens, dass bei dir ausgerechnet ein Ami den Teufel verkörpert^^)? Ist er eine Halluzination? Ist er nur irgendein Spinner? Verlässt der Teufel sein Opfer, nachdem die Verführung gelungen ist und Max ohne Möglichkeit auf Rückkehr auf dem Felsvorsprung kauert? Oder ist der Spinner tatsächlich einfach im Schlaf in die Tiefe gestürzt? Ich kann mich nicht entscheiden, aber gerade das finde ich gut. Ich mag es, wenn ein Autor mir etwas mitgibt, über das ich mir den Kopf zerbrechen kann.

Tja, am Ende stirbt Max (den du übrigens als Charakter gut ausgearbeitet hast), traurig, und wenn er auch nicht sterben wollte, so stirbt er wenigstens inmitten dieser atemberaubenden Naturkulisse. Einen schöneren Ort zum Sterben hätte es für Max doch kaum geben können.

Verbesserungsvorschläge hab ich fast keine. Mir sind nur ein paar Kleinigkeiten aufgefallen:

das Firmament schien förmlich zu explodieren.
Ich würde sagen, das Füllwort kannst du weglassen.

Ihm war, als stürzte er nach oben, als risse es ihn aus der Wand geradewegs hinauf ins All, hinein in diese funkelnde Unendlichkeit, immer tiefer und tiefer hinein.
Das hervorgehobene "hinein" kannst du weglassen. Dann vermeidest du auch eine Wortwiederholung.

Für einen Augenblick wusste er nicht recht, wo oben und unten war, es drehte ihm schier den Magen um.
Noch ein Füllwort, das weg kann.

Die Seile, auf denen sie wegen der Kälte hockten, drückten im unangenehm in den Hintern,
ihm
Verzweifelt bemühte er sich, aufzuwachen, und gleichzeitig wusste er, dass er wach war. Er war eindeutig wach, aber vermutlich übergeschnappt.
Gewiss kannst du hier eine Formulierung finden, die nicht dreimal "wach" beinhaltet?

Mehr hab ich nicht gefunden. Wie gesagt, der Text ist grandios geschrieben und ich hab ihn sehr gern gelesen.

Gruß
Mix

 
Seniors
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Hey ernst,

ich mag Zitate und Querverweise, wenn man sie stilvoll in den Text verwebt, aber ein nicht ganz unwesentlicher Nebeneffekt ist eben, dass man seine Erzählung mit Zipfeln der Weltliteratur verknotet, sich der Gedanken und der Wirkung anderer Zeilen nicht beraubt, aber doch in gewisser Weise bedient, und der Text dadurch – fast automatisch – besser wird. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich ein Buch aufschlage und es nach dem Lesen des vorangestellten Zitats schon toll finde. Nur kann der Autor gar nichts dafür, er hat mein beeindruckendes Gesicht nicht erarbeitet. Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit. Der Autor wählt die Zitate und setzt sie. So oder so sind sie für mich eine Bereicherung, mein Problem damit ist einfach, ob ich den Schriftsteller dafür loben oder verurteilen soll. So viel dazu, weil du mit einem Zitat beginnst, das ich sehr mag.

Dein Text ist dicht und klug und deswegen muss das Einstiegszitat eine Rolle spielen. Ich interpretiere das schlicht so, dass Max glücklich ist und sein wird, auch im Sturz. Was mich auch etwas verwirrt hat, war, wie die Art des Dialoges wechselt, also am Anfang sagt Max „Hör mir auf mit dem Gelaber“ und Lou verteidigt Camus, dann sagt Lou zu allem „Scheiße!“, „Ist doch egal!“ und „Interessiert mich nicht.“, und gegen Ende haut Lou das Wahnsinnszitat raus. Ich kann mich an zwei, drei Romane erinnern, die das Besteigen eines Gipfels als Kern bearbeiten. Da ist eine Schlüsselszene in „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann und „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic, auch in seinem Roman „Das Leben der Wünsche“, bei Daniel Kehlmann verschiebt sich die Realität beim Aufstieg, Alexander von Humboldt und sein Gefährte Bonpland fallen übereinander her, kämpfen gegeneinander, bei Thomas Glavinic ist es ja immer eine Frage, in welcher Realität wir uns gerade befinden, aber beide Male befinden wir uns beim Aufstieg eines Berges nicht in unserer Realität, nicht, in der, die wir kennen, seltsame Dinge geschehen, er sieht Dinge, die es nicht gibt. Und spätestens seit meinem Lungenphysiologiesemniar weiß ich, was der niedrige Sauerstoffpartialdruck mit uns anstellen kann. Insofern muss sich dein Protagonist Max, nicht einmal verletzt haben, um das alles zu phantasieren, freilich kann er sich auch verletzt haben, er kann aber auch in einer Phantasie leben, ohne Hypoxie, Hirnödem oder Gehirnerschütterung. Jemand hat ja eingeworfen, dass er das bei Fantasy einordnen würde. Ich würde das nicht tun. Und zurück zu dem, was ich eigentlich sagen wollte: Dass Lou auf einmal solch Geschichte erzählt, ist nicht groß verwunderlich, im Gegenteil: nahezu folgerichtig. Und wenn’s der Teufel ist, der auch immer zu einem gehört, ist’s ja nur ein Teil von Max und der darf gewiss sprechen, wie er will.

Lous blutverschmiertes Gesicht sah dabei aus wie sein eigenes.
Das spricht auch dafür, dass es Lou nicht gibt. Und dann ist Lou auch noch:

verteufelt schnell

Sprachlich mag und kann ich nicht viel meckern, das ist sehr gut geschrieben, vor allem die Naturbeschreibungen:

Lou stopfte das Buch in den Rucksack und als er die Stirnlampe ausschaltete, flammte über Max der Nachthimmel auf, das Firmament schien förmlich zu explodieren. Ihm war, als stürzte er nach oben, als risse es ihn aus der Wand geradewegs hinauf ins All, hinein in diese funkelnde Unendlichkeit, immer tiefer und tiefer hinein.
Das ist echt toll, erst dieses Ausknipsen der Stirnlampe, die ja den Nachthimmel anknipst, dann die „förmliche Explosion“, die ja fast übertrieben ist, aber dann stürzt er nach oben, es zieht ihn schon nach oben, wieder so eine Anspielung, dass es am Ende nach „oben“ geht, obwohl er nach „unten“ stürzt. Schön fand ich auch den Ausdruck: „funkelnde Unendlichkeit“.

Das mit der Zigarette wollte nichts werden, pfeif drauf, er hatte eiskalte Finger und ließ das Zeugs schließlich entnervt fallen, ließ Papier und Tabakkrümel davonsegeln in die Tiefe, hinaus in diese endlosen siebenhundert Meter bitterkalter Leere zwischen ihm und dem Leschaux-Gletscher. Verstreut für die Ewigkeit.
Hier mag ich, wie der Erzähler fast in die Ich-Perspektive rutscht, als wäre es auch ihm unmöglich, die Feder mit den kalten Fingern sicher zu führen.

Am Nachmittag hatte Max eine leidlich einfache Seillänge vermasselt. Als er sich streckte, um einen Klemmkeil zu legen, war die winzige Schuppe, an die er sich mit zwei Fingern der Linken krallte, ausgebrochen, sofort rutschten ihm die Füße weg und er sauste in die Tiefe. Die Zwischensicherungen flogen ihm eine nach der anderen um die Ohren, die fragilen Verbindungen, die er in der letzten halben Stunde so beherzt wie mühsam zwischen Seil und Fels geschaffen hatte, all diese Keile, Messerhaken, Rurps und Copperheads hielten nicht, Stück für Stück löste sich der ganze Krempel aus der Wand, ging auf wie ein zahnloser Reißverschluss. Einzig der letzte Klemmkeil sieben Meter über dem Standplatz blieb drin und nach einem endlosen, atemlosen Zwanzigmeterflug hing Max gute vier Meter unter Lou im Seil. Er leckte sich Blut, das ihm von der Stirne tröpfelte, von den Lippen, spuckte aus und fluchte wie ein Bierkutscher. Und dann? Was hörte er von Lou?
„Alter, auf die Art kommen wir nie rauf.“
Das fand ich auch stark. Diese präzise, aber niemals unverständliche Beschreibung. (Okay, was Rurps und Copperheads sind, wusste ich auch nicht, aber darum geht es ja nicht.) Und dann Lou, wie er „nachtritt.“

Mutterseelenalleine kauerte Max auf dem schmalen Sims.
Es passt einfach jedes Wort!

Sobald seine Hände am Fels lagen, fühlte er sich ruhiger. Es gelang ihm, sein Denken vollständig auszuschalten und all sein Dasein einzig auf die Strukturen des Granits zu richten. Er begann zu klettern und kam höher und höher. Er würde nicht sterben. Nicht heute. Nicht hier.
Er nicht.
Das fetzt auch. Auch, weil es unerwartet kommt. Ich hab mir schon überlegt, wie ich da wieder runterkommen würde.

Als hätte sein Körper es dutzende Male geübt, führte er die Bewegungen aus, so vollkommen exakt und millimetergenau, so kraftvoll und elegant, als hätte ein Choreograf sie ersonnen. Eben als Max mit den Fingerkuppen der rechten Hand den Rand der Leiste erreichte, schoss der Haken aus dem Riss
„Vollkommen exakt und millimetergenau, so kraftvoll und elegant, als hätte ein Choreograf sie ersonnen.“ – Ich wollte den Satz einfach mal tippen, weil er so schön ist!

Ja, Fuck! Ich höre mich schon wie ein Schleimer an, aber ich bin mir sicher, du schmierst den Schleim wie Öl in irgendeine knarzende Formulierung und dann läuft sie wieder geschmeidig, wie sie einst gedacht war. Mir hat das gut gefallen, ich überlege, was ich dir Konstruktives sagen könnte, aber mir fällt nicht viel ein. Ich weiß ja nicht, was du geträumt hast, ich möchte das auch gar nicht wissen, am Ende sind’s Dinge, die mir dann passieren, bei dir weiß man ja nie. Aber aus einem Traum so etwas zu schnitzen, das ist kein leichtes Handwerk, weil da die Sägespäne wie Schlafsand wirkt und einem die Klarheit vernebelt, in diesem Feinstaub der Phantasie nicht danebenzugreifen und die Gedanken zu verlieren. Ich halte ja die meisten Träume für, beispielsweise, unverfilmbar, weil sie mit so vielen Emotionen einhergehen, die man nie benennen oder aussprechen kann, oftmals denkt man im Wachen: Warum habe ich eigentlich so gefühlt im Traum, ich habe doch gar nichts besonderes getan, oder man tut etwas Schreckliches und es fühlt sich gut an, usw. Hier wird einem zumindest ein bisschen kalt, deine Erfahrungen macht das Szenario glaubhaft und die Geschichte mit Lou mischt dem ganzen etwas Tieferes, Metaphysisches bei. Ich find’s stimmig, und man kann viel reinlesen und reindenken, der moderne Sisyphos, der an die Spitze möchte, einfach, weil er es geil findet, und um an die Spitze zu gelangen, riskiert er sogar sein Leben, den Tod, nein, er nimmt ihn in Kauf, was ja eine sarkastische Parabel zum Denken des karrieregeilen oder konsumgetriebenen Menschen sein kann. Das ist jetzt schon eine ausufernde Deutung, die den Fuß des Berges nicht mehr kitzelt, aber solche Gedanken hat dein Text ausgelöst in mir und wenn ein Text so etwas mit mir macht, spricht das für ihn.

Was die Verführung ist und wer verführt und wer verführt wird, weiß ich noch nicht genau, aber ich habe mich jedenfalls von dir verführen lassen und das hat Spaß gemacht.

Beste Grüße
markus.

 
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Der Schokoriegel ! Der Schokoriegel ! Der Schokoriegel !

„Was heißt, du hast keine mehr?“
„Hab nur die fünf mitgehabt.“

Aber und hallo Ernst, weshalb hast du dein vertikales Drama nicht "Der Schokoriegel" benannt, zu bananeal? Dein Publikum irrt herum und fragt sich, womit du es verführt hast und dein Protzifer den Mäx insgl.
Schokolade, natürlich. Man stelle sich nur mal einen Marsmandelriegel vor, so aufrichtig gegen und zwischen Himmel und Hölle drapiert. Wer fände daran nicht keinen Halt und stiege trotzdem, hoch und höher? Als sei der Himmel, ausgerechnet der, ein Schokodies oder mindestens das Gipfelkreuz zartbittern. Aber well, natürlich hats der Gehörnte fast 6-fach in der Tasche, dieses natürlich höllische Produkt.

Aber genug des flachländischen Analytikums. Hier ist ja mehr und gar Musik drin, unerhört Hörens- und Lesenswertes sotosay. Die Befürchtung, derart Universelles, Existenzielles, Offshoresches und Weitgestirntes könne wo möglich "Minderheitenprogramm" sein und auch noch versuchen, es als "Versuch" zu deklarieren, ja, das grenzt, lieber Ernst, schon an Krokettery. Hier spielt wohl die Furcht hinein, von Lobhudel-Strudeln erfasst zu werden, denn die Luft wird ja dünn und dünner dort droben, ein Problem auch, was das Übersichhinausschaffen anbelangt.
Ich kann Dir da aber leider auch nicht sonderlich aus der Patsche helfen, dein Hochgebirgsdrama ist Dir ausnehmend gut gelungen, der Aufbau, der Umfang, das autorenspezifische Gepräge, die Dialoge, das Hineingeflochtene (hier wenigstens der Hinweis, dass es dies m.g.E. nicht zwingend benötigte), die mephistolische Dimension usf.. Ich meine, so etwas kann ja auch leicht nach unten losgehen oder jedenfalls in etwas abgleiten, was mir beizeiten, gerade an Bergsteiger-Dramen, den Genuß verödete, nämlich dieser schwülstig-klebrige Tragikdrama-Kitsch, "Hubert ist am Berg geblieben, aber es hatte nicht anders sein sollen"-Scheiß.
Einzig der Schluß, an welchem ebenfalls gar nichts auszusetzen ist, er ... hätte ... auf Kosten der Unerhörtheit, zu Gunsten des freien Falls des Lesers auch bereits hier

Und nichts mehr war wie vorher.

- aber nein, lieber ein austrianisches: passt scho.
Grüsse von
7

 
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Verdammt, Novak, du bist so eine genaue, so eine gnadenlos analytische Leserin. Also dir kann man wirklich kein X für ein U vormachen. Sich bei dir mit einem nur so halbwegs ausgearbeiteten Plot durchzuschummeln, klappt einfach nicht ...
Nein, ich werde anders anfangen. Also in erster Linie lese ich da ganz viel Lob aus deinem Kommentar heraus und das freut mich wirklich, das macht mich schon stolz. Dass du meinen Stil magst, und ja, meine Naturbeschreibungen, das hast du mir ja schon unter meiner allerersten Geschichte gesagt, aber ich hör’s halt immer wieder gern.

Novak schrieb:
Warum sagt der Lou irgendwann "Mäx" zum Max?
Ncht irgendwann, sondern andauernd. Ganz einfach, weil er Ami ist. (Bzw. für diese Schandtat in die Rolle eines solchen geschlüpft ist.)

So, und jetzt muss ich versuchen, mich rauszureden:

Wo ich dann echt hängen geblieben bin, das war, als Lou der vorher den Wortschatz eines Fünfjährigen hat, auf einmal quasselt wie ein ganzes Aposteltribunal. Okay, du kannst natülich sagen, da ist der Lou ohnehin nur noch eingebildet, aber trotzdem. Auch Max Reaktionen sind mir da zu verhalten. Ich finde das reicht nicht, wenn er nur "Hä" sagt oder Lou fragt, ob er Drogen nehme. Im Grunde ist das ja die erste Schlüsselstelle deiner Geschichte. Und die ist mir zu schnell gegangen.
Also der Max bildet sich den Lou nicht ein, der Lou ist real. (Na ja, so real, wie ein Teufel halt sein kann.) Und wenn Lou plötzlich so eloquent daherzuschwafeln beginnt, offenbart er sich sozusagen, da spricht sein wahres höllisches Ich. Aber ich versteh schon, dass du das gerne etwas mehr ausgestaltet gehabt hättest, du nennst es ja auch ganz richtig eine Schlüsselstelle des Textes. Ich selbst wollte diese Szene ursprünglich auch ausweiten, vor allem weil mir das Schreiben in dieser altertümlichen, "biblischen" Sprache echt Spaß gemacht hat, ich hätte da seitenweise so weiterfaseln können. Allerdings, wenn der Teufel in dieser Szene sozusagen unzweifelhaft manifest geworden wäre, hätte die Geschichte eine ganz eindeutige Richtung bekommen, die ich aber nicht wollte. Es sollte einfach bei diesen mehr oder weniger versteckten Andeutungen bleiben, so dass man sich als Leser ununterbrochen fragen müsste: Ist das echt der Teufel? Oder ist gar Max es, der Drogen nimmt? Halluziniert Max? Aber Raffaele ist doch auch mit dem Typen geklettert, also was jetzt?
Darum mochte ich es auch so, wie Lou sich da aus der Affäre zieht, er hat sich ja verquasselt, sich quasi verraten beinahe:

„… Siehest du den hohen Gipfel dort, der alle anderen überragt? Den will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest, sagte ich zu ihm.“
„Sag mal, Lou, nimmst du Drogen?“
Ach was, ich verarsch dich doch nur.
Also das ist echt meine Lieblingstelle.

Hier muss sich der Max für oder gegen die Verführung durch die nach außen verlagerte Verführungsgestalt entscheiden. Er kriegt gesagt, er solle alleine weiterklettern. Aber da will er sich ja gar nichts selbst beweisen, sondern findet das Klettern einfach nur saugeil. Also wo ist da jetzt die Verführung?
Das hast du ein bisschen falsch verstanden, glaub ich. Lou sagt Max nicht, er müsse alleine weiterklettern, sondern er müsse die Schlüsselseillänge vorsteigen, durchaus gesichert, aber halt am sogenannten scharfen Ende des Seils. Lou gibt sozusagen die Rolle des Führenden ab und drängt Max in die Verantwortung. Und er versucht, seinen Ehrgeiz anzustacheln:

„Nein, Mäx, das ist ganz allein dein Trip. Stell dir vor, du seist alleine hier.“
Aber weil Max offenbar nicht darauf einsteigen will, muss er es am nächsten Tag halt auf die harte Tour erfahren. Ja, der Louzifer ist schon ein ziemlicher Arsch.

Wenn du die Verführung schon (ausgedacht oder nicht) nach außen legst, dann sollte die für meine Begriffe verdeutlicht werden. Wie und wordurch verführt der Lou ihn denn. Mag sein, dass ich da auf dem Schlauch stehe, aber ich finde das wirklich undeutlich.
Ach Novak, ich glaub, ich sollte jetzt ein wenig in den anderen Kommentaren nachlesen, was ich mir beim Schreiben eigentlich gedacht habe, ich bin mittlerweile wegen der vielen Interpretationsmöglichkeiten schon ganz blöd im Schädel.
(Ich könnte es mir natürlich auch leicht machen und sagen, vergesst es, mit Verführer ist nicht der teuflische Lou gemeint, sondern der grandiose Crozpfeiler …)

Also - großes Kompliment, wenn ich auch wegen der Schlüsselstelle gemeckert hab, das ist einfach toll und hat mir mal wieder einen Scheißmorgen gerettet.
Genau dafür habe ich die Geschichte geschrieben, liebe Novak, für dich und deine wunderschönen Morgen.
Vielen Dank.

PS
So sehr ich deine überaus klugen, hellsichtigen und kompetenten Kommentare schätze, hier ist dir ein klassischer Kritiker-Anfängerfehler unterlaufen:

ähhh ... bitte pass ein bisschen auf beim Klettern, lass dich ja zu nichts verführen.
Du projizierst offenbar die Figur aus der Geschichte auf den Autor.
Des offshores einzige extreme Freizeitbetätigung allerdings ist Minigolfspielen. Was sagst du jetzt, Novak?


Wilhelm, Mix, markus, 7miles!
Was für tolle Kommentare ihr da abgeliefert habt, Wahnsinn! Trotzdem müsst ihr euch mit einer Antwort von mir noch etwas gedulden.
Ich weiß schon, man sollte keine neue Geschichte einstellen, wenn man vor lauter Arbeit nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Andererseits beflügeln mich eure Kommentare förmlich (tschuldige, Mix).

Einstweilen lieben Dank euch allen.

 
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Hallo offshore

Ich traute meinen Augen nicht, dass Du Minderheitenrechte ansprichst, wie ich vor dem Lesen des verarbeiteten Albtraums zur Kenntnis nahm. Na ja, Minoritäten hatten es mir seit jeher angetan, dann will ich mal gütig gestimmt in Deinen Osteralbtraum Einblick nehmen - Stimmungsschwankungen vorbehalten.

Im ersten Satz wurde mir der Alb gegenwärtig, eine Louis-Trenker-Geschichte war mein spontaner Gedanke, bis Sisyphos mir die Last nahm. Vermeintlich.

Sollte er Lou fragen, was der von dieser Schnapsidee hielt?

Ich bin mit Klettermaxe-Latein nicht vertraut, aber Schnapsidee dünkt mich für das vorgehend gezeigte magische Denken nicht die treffende Wortwahl. Der zitierte Indianer will den Zorn seiner Naturgötter nicht heraufbeschwören oder zollt schlicht Respekt der Natur gegenüber, so wie er sie versteht. Wenn der Protagonist sich der Rothaut in dem Moment nahe fühlt, was er mit seiner Vorstellung des belebten Steins tut, ist es für ihn eine Wahrheit. Auch wenn er sich der Wirklichkeit bewusst ist, dass dies nicht sein kann, desavouiert er sich selbst, wenn er seine Gefühle mit einem solchen Wort negiert.

„Alter, auf die Art kommen wir nie rauf.“

:lol: Das war jetzt ein herzlich lautes Lachen von mir, meine Güte, mitten in der Nacht.

[…] hörte Lou brüllen - “Willst du dich umbringen, Mäx?“ - ignorierte ihn und erreichte dreißig Meter höher den nächsten Standplatz.

Mensch offshore, Du bringst mein Verständnis zum Absturz, fehlt da nicht ein Komma nach der eingeschobenen direkten Rede?

Unglaublich, ich bin aus der Felswand raus! Diese unheimliche Intensität und Dichte, welche Du da hineinbrachtest, waren schlicht faszinierend und beeindruckend. Dass eine Berggeschichte mich zu solchen Worten animieren könnte, hätte ich nicht gedacht.

Ob es als Geschichte taugt, diese Frage, welche Du aufwarfst, stellte ich mir weniger als die, ob es eine ist? Da es nicht rein Fiktion abhandelt, einem erfahrenen Albtraum literarischen Ausdruck schenkt, nähert es sich wohl jener Epiphanie an, die Joyce einer seiner Figuren gab. Also eine Situationsgeschichte, die sich durch ihre starke Verdichtung kristallisiert. – Nun sag nicht, dass Du Dir dessen nicht bewusst warst, dass der Geist von Joyce mit im Bett lag.

Vom Trauminhalt her scheint es mir klar, dass Dir solche Widerwärtigkeiten auftreten können, haust Du ja auch in Wirklichkeit mit geschmiedetem Eisen auf arme Felswände ein. Aber bei der literarischen Auswahl, von der Du träumst, es gäbe da Autoren mit sinnlicheren Motiven, auch wenn die eingetretenen sich hier vorzüglich fügten. :D

Es war mir ein Vergnügen, ein Stück Nacht, um dies zu lesen, um die Ohren zu schlagen.

Schöne Grüsse

Anakreon


PS: Ich wollte nicht gleich zu Anfang mit einem Einwand beginnen, aber die Endung folgenden Zitats ist mir störend:

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen und -“

In der Typografie verwendet man zwar den Halbgeviertstrich für Satzellypsen, doch vielfältiger und in der Literatur gängig, sind die Auslassungszeichen … für wegfallende Bestandteile.

 
Seniors
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Hier muss sich der Max für oder gegen die Verführung durch die nach außen verlagerte Verführungsgestalt entscheiden. Er kriegt gesagt, er solle alleine weiterklettern. Aber da will er sich ja gar nichts selbst beweisen, sondern findet das Klettern einfach nur saugeil. Also wo ist da jetzt die Verführung?
Das hast du ein bisschen falsch verstanden, glaub ich. Lou sagt Max nicht, er müsse alleine weiterklettern, sondern er müsse die Schlüsselseillänge vorsteigen, durchaus gesichert, aber halt am sogenannten scharfen Ende des Seils. Lou gibt sozusagen die Rolle des Führenden ab und drängt Max in die Verantwortung. Und er versucht, seinen Ehrgeiz anzustacheln:
Klar, es geht ums Vorsteigen, hatte ich eigentlich auch gemeint, zu blöd aber auch, hab das beim Kommentieren aus den Augen verloren, mein Argument bleibt da trotzdem, es bezieht sich ja auf die Verführung.
Aber wurscht, das weißt du ja auch.

Du projizierst offenbar die Figur aus der Geschichte auf den Autor.
Des offshores einzige extreme Freizeitbetätigung allerdings ist Minigolfspielen. Was sagst du jetzt, Novak?
:rotfl:

Aber offshore, vergiss doch bitte nicht unsere gemeinsame Begeisterung am Hallenhalma. Du hast fünf Pokale zuhause stehen, warum willst du das verheimlichen.
Und ohhh ohhh ohhh, MInigolf kann auch ganz schön gefährlich sein.
http://www.myvideo.de/watch/5028762/Minigolf_Unfall

 
Seniors
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Wilhelm Berliner schrieb:
Wo ist der Teufelspakt? Warum macht der Teufel das? Was hat er davon?
Ich muss gestehen, Wilhelm, ich weiß es nicht. Vielleicht einfach deshalb, weil er ein Arsch ist. Boshaftigkeit gehört ja quasi zur Jobdescription eines Teufels. Aus Jux und Tollerei vermutlich. Und was er davon hat? Möglicherweise nicht mehr als höllisches Amüsement. Es bereitet ihm einfach Spaß, arme Menschlein zu Hybris und Hochmut zu verführen und sich dann an ihrem Scheitern zu ergötzen. Oder es ist die pure Rachsucht. Schließlich ist ja Luzifer selbst ein Gefallener.

Ich bin kein Fachmann, aber warum steigt er weiter, obwohl der Haken wackelt? Ich hätte das nicht getan.
Ich mit Sicherheit auch nicht. Aber der Haken wackelt ja eigentlich nur der Spannung für die Leser wegen. (Gerade was die Kletterszenen betrifft, gibt es einige absurde Details im Text, für die man mich in einem Klettermagazin, wenn schon nicht vierteilen, so doch zumindest mit faulem Obst bewerfen würde. Hätte ich mich allerdings um größtmögliche Genauigkeit und Echtheit bemüht, wäre der Text für klettertechnische Laien vermutlich unlesbar geworden.)

Auf jeden Fall vermittelt mir dein Kommentar das Gefühl, du hättest den Text nicht nur mit Vergnügen gelesen, sondern auch genug zum Drübernachdenken darin gefunden, Und das freut mich natürlich.

Vielen Dank, Wilhelm.


Mix schrieb:
grandios geschrieben,

Dieses Lob von einem, der selbst sehr souverän mir der Sprache umzugehen weiß, macht mich natürlich ganz besonders stolz. Vielen Dank, Mix.

Mir gefällt an deiner Geschichte außerdem, dass sich so viel in sie hineininterpretieren lässt.
Ja, das war natürlich auch meine Intention. Deshalb verzichtete ich auch auf allzu explizite Hinweise, was es mit diesem düsteren Lou nun tatsächlich auf sich habe, bzw. relativierte die Hinweise, wenn ich sie doch verwendete, gleich wieder. („Ach was, ich verarsch dich doch nur.“)

Ist er eine Halluzination? Ist er nur irgendein Spinner? Verlässt der Teufel sein Opfer, nachdem die Verführung gelungen ist und Max ohne Möglichkeit auf Rückkehr auf dem Felsvorsprung kauert? Oder ist der Spinner tatsächlich einfach im Schlaf in die Tiefe gestürzt? Ich kann mich nicht entscheiden, aber gerade das finde ich gut. Ich mag es, wenn ein Autor mir etwas mitgibt, über das ich mir den Kopf zerbrechen kann.
Umso mehr freut es mich, wenn mir das gelungen ist.

Zu deinen Verbesserungsvorschlägen:

das Firmament schien förmlich zu explodieren.
Ich würde sagen, das Füllwort kannst du weglassen.

Für einen Augenblick wusste er nicht recht, wo oben und unten war, es drehte ihm schier den Magen um.
Noch ein Füllwort, das weg kann.

In diesen zwei Fällen betrachte ich die Begriffe weniger als Füllwörter, sondern vielmehr als notwendig, weil sie ja die Aussagen relativieren sollen. In Wahrheit explodiert ja weder das Firmament, noch dreht sich Max der Magen wirklich um. Es wirkt halt nur beinahe (fast, geradezu, förmlich, nachgerade) so, als ob.
Und auch die von dir beanstandeten Wortwiederholungen sind in beiden Fällen von mir ganz bewusst gesetzt. Aber sowas ist halt immer Geschmackssache. (Keine Geschmackssache allerdings ist der Tippfehler, der ist mir einfach nur peinlich. Danke fürs Aufspüren.)

Vielen Dank, Mix.

M. Glass schrieb:
Ja, Fuck! Ich höre mich schon wie ein Schleimer an,

Nein, nein, markus, das passt schon. Darfst mir ruhig gehörig einschenken. Ich bin erwachsen und abgebrüht genug, um mit solchen Lobhudeleien umgehen zu können, ohne dem Größenwahn anheimzufallen.
Aber jetzt im Ernst: Ich freue mich nicht nur ehrlich über dein Lob, sondern überhaupt mag ich deine Kommentare sehr. Also nicht nur die unter meinen Geschichten, sondern alle. Weil sie nicht nur ungemein klug und reflektiert, sondern für sich genommen richtige kleine Sprachkunstwerke sind, literarische Pretiosen sozusagen. Ich finde, dass kann hier kaum einer so gut wie du. (Eventuell noch 7miles. Aber der spielt in einer anderen Liga. Ich nehme an, der raucht irgendwas, bevor er seine Kommentare verfasst.)

Ich möchte dir zu deinem Kommentar noch viel mehr sagen, markus, und ich werde es auch tun, versprochen, aber nicht mehr heute. Das Arbeitspensum der letzten Woche hat mir ein ziemliches Schlafdefizit beschert, ich bin momentan echt am Eingehen.
Also bitte hab noch ein wenig Geduld.

Ebenso bitte ich 7miles und Anakreon um Geduld.

Ich hau mich jetzt nämlich aufs Ohr.

offshore

 
Seniors
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Hey offshore,

hat mir gut gefallen, deine Bergsteigerstory. Einerseits finde ich das von der Sprache und den Bildern her ziemlich gut geschrieben, andererseits ist da auch ein schöner roter Faden und ein toller Konflikt zu sehen; ich finde, das macht die beiden Figuren und ihre Klettertour gerade so spannend, weil sie eigentlich gar nicht miteinander wollen, aber trotzdem irgendwie müssen - dein Prot meint ja, er wäre mit jedem Dahergelaufenen den Gipfel besteigen gegangen, egal wer, und das finde ich einen schönen Konflikt, der sich da zusammenbraut. Dass Lou der Teufel sein mag, oder alles doch eben bloß ein schlechter Alptraum ist, ich weiß nicht, nachdem ich den letzten Satz gelesen hatte, hab ich mich ein bisschen geärgert, dass ich deinen ersten Kommentar gelesen hatte (dass du einen Alptraum verarbeiten willst), weil ich beim Lesen die ganze Zeit die Augen offen hielt, wo hier die Traumfrequenz o.ä. versteckt ist. Diese Metaebene, dass Lou Luzifer ist, und er dann mit gruseligen altdeutschen Sätzen daherkommt, mhm, ja, das ist schon was Offshoremäßiges, aber braucht es das wirklich? Also ich finde, wäre Lou tatsächlich einfach nur ein irrer Ami (wir wissen es letztendlich nicht), dessen Befestigung an dem Schlafsackdings nachts losgegangen und mit ihm in die Tiefe gestürzt wäre, das hätte mir auch vollkommen gereicht. So hat das noch mal einen skurrilen Touch bekommen, okay, das hat die Geschichte für mich nicht kaputt gemacht, und manchen mag das gefallen. Du machst das gerne, dieses Skurrile (ich weiß nicht, wie ich es anders nennen soll), aber ich finde, das bräuchtest du gar nicht immer. Vllt wurde das ja in Kommentaren schon geklärt (ich hab nicht alle gelesen), aber Markus schrieb was von Sauerstoffmangel bei Bergsteigern, da dachte ich beim Lesen auch kurz daran, ob da das Gehirn nicht seine Streiche spielt, und dein Prot wirklich halluziniert. Ich glaube, du bist ein sehr guter Erzähler, und so eine klar erzählte Handlung ohne Ausschweifung ins Phantastische, bloß ein paar interessante Prots und ein Abenteuer, das würde ich gerne mal von dir lesen. Also jetzt gar nicht als Kritikpunkt hier an der Geschichte gedacht, sondern einfach als Ansporn oder Wunsch oder so :)
Ähm, ja, zum einen fand ich dieses Bergsteigerding echt richtig interessant zu lesen, weil ich damit auch gar nichts am Hut habe und du dich da ja anscheinend ziemlich gut mit auskennst, aber mir ging es stellenweise auch so, dass da sehr viel Fachbegriffe genannt wurden (für Haken usw.), und ja, man kann sich das als Leser schon erschließen, was da gemeint ist, aber wenn du in einem Absatz viele dieser Fachwörter benutzt ist es halt schade, weil Nicht-Bergsteiger kein Bild vor Augen haben beim Lesen für das ganze Utensil. Also das passt schon hier, aber für Folgetexte meine ich, würde ich aufpassen.

Drei Sachen noch:

Als er aufwachte, fühlte er sich wie gerädert,
Ich glaube, da ist dir eine Floskel durch die Finger gerutscht!

Nicht an Kathis weiche Haut und ihr wunderschönes Lächeln
An dieser Stelle habe ich kurz gestockt - Kathi? Wer ist das? Klar, wenn man plötzlich ganz alleine kurz vor einem Gipfel steht und dem Tod ins Auge sieht, da denkt man an seine Lieben, aber als Leser fand ich das dann doch bisschen komisch, das im soweit fortgeschrittenen Text noch eine Figur wie Kathi in den Ring geworfen wird

Es war noch nicht einmal Mitternacht, doch schon jetzt spürte Max, wie ihm sein Verstand entglitt, ihm davontrudelte wie das Zigarettenpapier.
Das fand ich supergut.

Ich fand's spannend und skurril und sehr angenehm und anschaulich zu lesen.

Grüße

 
Seniors
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7miles schrieb:
Aber genug des flachländischen Analytikums. Hier ist ja mehr und gar Musik drin, unerhört Hörens- und Lesenswertes sotosay. Die Befürchtung, derart Universelles, Existenzielles, Offshoresches und Weitgestirntes könne wo möglich "Minderheitenprogramm" sein und auch noch versuchen, es als "Versuch" zu deklarieren, ja, das grenzt, lieber Ernst, schon an Krokettery. Hier spielt wohl die Furcht hinein, von Lobhudel-Strudeln erfasst zu werden, denn die Luft wird ja dünn und dünner dort droben, ein Problem auch, was das Übersichhinausschaffen anbelangt.

Wahnsinn, 7miles, ich hätt’s nicht besser formulieren können. Einzig das mit der Koketterie - ich nehme mal an, die meintest du, und nicht z.B. die Krokanterie, die zwar auch mit Schokolade, aber halt nicht so sehr viel mit Literatur zu tun hat - also einzig das mit der Koketterie, will ich so nicht stehen lassen. Auch wenn selbige ein Wesenszug ist, den man mir gerne nachsagt (Hallo Chefin!), darf man sie mir in diesem Falle wirklich nicht zum Vorwurf machen. Meine Bedenken waren ehrliche und aufrichtige, im Ernst, Spaß ohne, kein Witz.

Ich meine, so etwas kann ja auch leicht nach unten losgehen oder jedenfalls in etwas abgleiten, was mir beizeiten, gerade an Bergsteiger-Dramen, den Genuß verödete, nämlich dieser schwülstig-klebrige Tragikdrama-Kitsch, "Hubert ist am Berg geblieben, aber es hatte nicht anders sein sollen"-Scheiß.

Schon seit Langem geisterte mir die Idee durch den Kopf, einmal einen radikalen Gegenentwurf zur klassischen, herkömmlichen Bergsteigerliteratur zu schreiben. Also all diese Klischees - bedingungsloses Vertrauen in den Seilpartner, Bergkameradschaft bis in den Tod, „wer die Berge liebt, kann kein wirklich schlechter Menschen sein“ usw. - gnadenlos zu dekonstruieren, der großartigen Kulisse der Berge sozusagen Streit, Zerwürfnis und zwischenmenschlichen Wahnsinn (und Punkrock) gegenüberzustellen. Und hier kommt

… die mephistolische Dimension

… ins Spiel. Wel mir nämlich keine realistische, plausible Figurenkonstellation dazu einfallen wollte - wer geht schließlich freiwillig mit einem Arschloch in die Berge? – griff ich kurzerhand auf den leibhaftigen Herrseibeiuns zurück. Und ja, den sehe ich in der Geschichte nicht als Ausgeburt von Max‘ Phantasie, sondern durchaus als reale Person, ich mein, schließlich ist ja auch Raffaele mit ihm geklettert. (Der hat’s halt früh genug gecheckt, dass es vernünftiger sei, umzukehren.)

Wie auch immer, 7miles, was immer du dir zu der und über die Geschichte gedacht hast, schon dass sie dich zu solch einem Kommentar inspiriert hat, ist für mich Rechtfertigung genug, sie geschrieben zu haben.

Vielen Dank für deine so kreative Auseinandersetzung mit dem Text.


Anakreon schrieb:
„Alter, auf die Art kommen wir nie rauf.“
Das war jetzt ein herzlich lautes Lachen von mir, meine Güte, mitten in der Nacht.
Ja, Anakreon, als ich Lou diesen Satz in den Mund legte, hatte ich auch ein jacknicholsonsches, um nicht zu sagen diabolisches, Grinsen im Gesicht. Diese lakonische, so bitterböse Grausamkeit Lous mochte ich auch sehr. Ist definitiv mein Lieblingssatz in der Geschichte.

Diese unheimliche Intensität und Dichte, welche Du da hineinbrachtest, waren schlicht faszinierend und beeindruckend. Dass eine Berggeschichte mich zu solchen Worten animieren könnte, hätte ich nicht gedacht.
Na ja, insofern waren meine Bedenken was die Massentauglichkeit der Geschichte betrifft ja durchaus berechtigt. Umso mehr freut es mich, dass ich dich damit erreichen konnte.

[…] hörte Lou brüllen - “Willst du dich umbringen, Mäx?“ - ignorierte ihn und erreichte dreißig Meter höher den nächsten Standplatz.
Mensch offshore, Du bringst mein Verständnis zum Absturz, fehlt da nicht ein Komma nach der eingeschobenen direkten Rede?

Streng betrachtet ja.
Schließlich müsste ohne die eingeschobene Rede hinter … hörte Lou brüllen ja auch ein Komma stehen. Ich entschied hier allerdings nicht nach satzzeichentechnischer Korrektheit, sondern nach ästhetischen Gesichtspunkten. Ich wollte die Symmetrie zwischen den Gedankenstrichen nicht mit einem Komma hinter dem Anführungszeichen zerstören. Nicht sehr dudenkonform, ich weiß.

… aber die Endung folgenden Zitats ist mir störend:
Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen und -“
In der Typografie verwendet man zwar den Halbgeviertstrich für Satzellypsen, doch vielfältiger und in der Literatur gängig, sind die Auslassungszeichen … für wegfallende Bestandteile.

Ich verwendete dieses Satzzeichen quasi aufs Geratewohl. Die drei Auslassungspunkte wirken in der direkten Rede für mich nämlich wie eine Sprechpause, hier aber wollte ich darstellen, dass Max Lou ins Wort fällt. Ich meine, das in Büchern schon so gelesen zu haben.

Es freut mich ehrlich, Anakreon, dass du Freude an der Geschichte hattest.
Vielen Dank für deine netten Worte.


Zigga, du bist als nächster dran, und du, markus, hörst auch noch einmal von mir.

 
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zigga schrieb:
hat mir gut gefallen, deine Bergsteigerstory. Einerseits finde ich das von der Sprache und den Bildern her ziemlich gut geschrieben,
Was soll dieses vollkommen entbehrliche Füllwort, zigga?
„… finde ich das von der Sprache und den Bildern her gut geschrieben“, klingt doch wesentlich besser. Meinst du nicht auch?
(„... finde ich das von der Sprache und den Bildern her echt unheimlich ursuper hirnwegfetzend sehr gut geschrieben“, klänge noch besser, wenn auch ein wenig adjektivlastig.)

Diese Metaebene, dass Lou Luzifer ist, und er dann mit gruseligen altdeutschen Sätzen daherkommt, mhm, ja, das ist schon was Offshoremäßiges, aber braucht es das wirklich? […] Du machst das gerne, dieses Skurrile (ich weiß nicht, wie ich es anders nennen soll), aber ich finde, das bräuchtest du gar nicht immer. […] Ich glaube, du bist ein sehr guter Erzähler, und so eine klar erzählte Handlung ohne Ausschweifung ins Phantastische, bloß ein paar interessante Prots und ein Abenteuer, das würde ich gerne mal von dir lesen. Also jetzt gar nicht als Kritikpunkt hier an der Geschichte gedacht, sondern einfach als Ansporn oder Wunsch oder so.
Vielleicht sollte ich dir ein paar grundsätzliche Sachen zu meinem Schreiben sagen, zigga: Meine allerersten Geschichten (die ich in ihrer ursprünglichen Form hier im Forum gar nicht eingestellt habe), schrieb ich eigentlich hauptsächlich für meine Söhne auf, einzig in der Absicht, Erinnerungen weiterzugeben. Und das waren dann auch so Texte in der Art, wie sie dir womöglich vorschweben: Authentisch, realitätsnah und sehr linear erzählt. Nicht unspannend, das nicht, aber mir selbst einfach zu brav, zu mainstreammäßig irgendwie. In der Geschichte „Nordwand“ (nach wie vor mein persönlicher Lieblingstext, der auch auf einer wahren Begebenheit aus meinem Leben fußt), brachte ich erstmals so ein surreales Element hinein, eine Ebene, die sich erst nach und nach als vom Protagonisten imaginiert entschlüsselt. Für mein Gefühl machte diese Mehrdeutigkeit, die sich ganz am Ende der Geschichte dann auflöst, die Geschichte einfach stärker und intensiver. Und seit damals ist es mir halt ein Anliegen, bzw. macht es mir einfach Spaß, ungewöhnliche Handlungen mit einer zusätzlichen Prise Irrealität zu würzen. Nenne das jetzt meinetwegen egozentrisch, ich mag sowas halt, und überdies entspricht es auch irgendwie meinem Verständnis von der Welt, in der ich lebe. („Es gibt keinen Grund, nicht verrückt zu werden.“)

Ähm, ja, zum einen fand ich dieses Bergsteigerding echt richtig interessant zu lesen, weil ich damit auch gar nichts am Hut habe und du dich da ja anscheinend ziemlich gut mit auskennst, aber mir ging es stellenweise auch so, dass da sehr viel Fachbegriffe genannt wurden (für Haken usw.), und ja, man kann sich das als Leser schon erschließen, was da gemeint ist, aber wenn du in einem Absatz viele dieser Fachwörter benutzt ist es halt schade, weil Nicht-Bergsteiger kein Bild vor Augen haben beim Lesen für das ganze Utensil. Also das passt schon hier, aber für Folgetexte meine ich, würde ich aufpassen.
Keine Bange, zigga, mein (vermutlich nächster) Text hat mit Klettern überhaupt nichts zu tun. Momentan schreib ich nämlich an einer furchtbar traurigen Liebesgeschichte (hallo Novak), also wenn ich nur daran denke, kommt mir das Heulen, kein Witz. Mal sehen, ob was daraus wird.

Vielen Dank, zigga.

 
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Hallo offshore,
ich kann Dir nur zustimmen. Ich finde das von der Sprache und Bildern her total extrem, echt irre, übergeil, absolut männlich, wortfetzig, seilhart, gnadenlos muskulös und jessasmässig geschrieben.

Max fiel ins Leere.
Das erinnert mich an Joe Simpson (Touching the Void).
Viele Grüsse
Fugu

 
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Fugusan schrieb:
Ich finde das von der Sprache und Bildern her total extrem, echt irre, übergeil, absolut männlich, wortfetzig, seilhart, gnadenlos muskulös und jessasmässig geschrieben.
zigga, hast du das eh gelesen? So geht‘s ja auch.

Also das, Fugusan, nenn ich mal einen ehrlichen, kompromisslosen, hammerharten Kommentar. Geht runter wie Honig. Willst du dir nicht meine anderen Geschichten auch vornehmen? Hach, ich mag solche Kommentare einfach.

Vielen Dank.

offshore


PS
Von Joe „Six Lifes“ Simpsons *) aberwitziger Geschichte am Siula Grande gibt es übrigens eine wirklich packende Verfilmung (deutscher Titel: "Sturz ins Leere"), ein Dokudrama, das auch Leute, die mit den Bergen nichts am Hut haben, kaum kalt lässt.

*) Ein alpiner Alptraum
Die haarsträubendste Geschichte am Bonattipfeiler ereignete sich allerdings Jahre später. Die Protagonisten: ein Felssturz und zwei Briten, einer davon Joe Simpson, Autor von „Sturz ins Leere“ und bekannt für sein Talent, Katastrophen magisch anzuziehen. Mit seinem Landsmann Ian Whitaker bezieht Joe im Dunkeln einen Biwakplatz auf einer schmalen, simsartigen Schuppe mitten in der Wand. Zur Sicherung klinken sie sich in ein Stück Seil, das sie zwischen einem alten Haken und einem Granitzacken gespannt haben. Eine Stunde später, Joe hat sich bereits in den Biwaksack verkrochen, Ian entleert gerade seinen Darm, bricht plötzlich der gesamte Sims unter ihnen weg, mit ihm ihre gesamte Ausrüstung samt Bergstiefel.
Die Briten benötigen einige Zeit, bis sie realisieren, in welch grauenhafter Lage sie sich befinden. Es kommt aber noch schlimmer: Plötzlich gibt das Fixseil etwas nach, der Haken hat sich bewegt, und auch der Felszacken droht auszubrechen. Bei jeder Bewegung zittert das Seilstück, müssen die Gefangenen des Pfeilers damit rechnen, im nächsten Moment aus der Wand zu fliegen. Ohne Ausrüstung und in Strümpfen gibt es für sie auch keine Möglichkeit, ihre jämmerliche Sicherung zu verbessern, geschweige denn, sich selbst aus der fatalen Lage zu befreien. Sie können nur stillhalten und warten.
Erst zwölf Stunden Todesangst später taucht ein Hubschrauber auf und setzt einen Rettungstrupp oberhalb von ihnen ab. Einige Zeit später sind beide in Sicherheit, der Alptraum hat ein Ende.

Zitiert aus: klettern.de, November 2005

 

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