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Der Verführer

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Der Verführer

„… der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen und ...“
„Bla bla bla … Lou, bitte. Verschone mich. Das Gelaber ist ja nicht zum Aushalten, das ist ja voll öd.“
„Das ist kein Gelaber, Blödmann. Das ist von Camus.“
„Camus, na und? Wen juckt’s … gib mir lieber noch ein Stück Schokolade.“
„Hab keine mehr.“
„Was heißt, du hast keine mehr?“
„Hab nur die fünf mitgehabt.“
„Fünf Schokoriegel für die Abandon? Alter, wir brauchen noch mindestens einen Tag bis rauf.“
„Zwei, bei deinem Tempo. Na ja, wollte halt Gewicht sparen … ahnte ja nicht, dass wir so langsam sind.“
Max streckt den Kopf aus dem Biwaksack und starrt in die schwarze Leere unter sich. Herrgott, er weiß, dass er langsam ist. Jeder, der mit Lou klettert, ist für den zu langsam, aber trotzdem …
„Du lässt Schokolade unten und schleppst stattdessen ein verdammtes Scheißbuch mit? Soll das ein Witz sein?“
Er haucht ein paarmal auf seine klammen Finger, fummelt den Tabak aus dem Anorak und beginnt, sich eine zu drehen.
„Scheiße, ist mir kalt … mach endlich das blöde Licht aus, man sieht ja gar nichts vom Himmel.“
Lou stopft das Buch in den Rucksack und als er die Stirnlampe ausschaltet, flammt über Max der Nachthimmel auf, das Firmament scheint förmlich zu explodieren. Ihm ist, als stürze er nach oben, als reiße es ihn aus der Wand geradewegs hinauf ins All, hinein in diese funkelnde Unendlichkeit, immer tiefer und tiefer hinein. Für einen Augenblick weiß er nicht recht, wo oben und unten ist, es dreht ihm schier den Magen um. Er atmet tief durch.
„Heilige Scheiße, Lou, schau dir das an!“
„Was?“
„Na den Himmel. Die Sterne.“
„Na ja, Sterne halt. Toll.“
„Lou, verdammt!“
„Sind nur Lichtpunkte, Mäx … oben die Sterne, unten der Gletscher. Und wir zwei irgendwo dazwischen, so what? Scheiß auf die Sterne. Scheiß doch drauf.“
„Sag mal, was ist denn mit dir los?“
Der Typ ist wirklich verrückt. Ist der aus Stein? Max will ihm am liebsten an die Gurgel, will ihn an den Schultern packen und ihn schütteln. Er hat schön langsam die Schnauze voll von ihm. Obendrein spürt er noch immer leichte Kopfschmerzen und die Wunde an der Augenbraue pocht unangenehm mit jedem Schlag seines Herzens.


„Geh nicht mit diesem Spinner“, hatte Raffaele ihn vor ein paar Tagen noch gewarnt, „der ist total verrückt. Echt schnell und unheimlich stark, das schon, verteufelt schnell, aber er ist vollkommen meschugge. Ein durchgeknallter Ami halt. Lass den seinen Scheiß doch alleine machen.“
Es mache einfach keinen Spaß, mit Lou zu klettern, sagte Raffaele. Ihm selbst sei das im Juni am Grand Capucin schnell klar geworden, das Lachen sei ihm sehr bald vergangen. Schon nach wenigen Seillängen seien sie sich furchtbar in den Haaren gelegen, und die Gefahr, sich gegenseitig etwas anzutun, sei bald größer gewesen, als sich am Fels einen Fingerknöchel aufzuschürfen. Sie hätten dann kurzerhand - „schweigend“, betonte Raffaele, „vollkommen wortlos“ - das Material aufgeteilt, er, Raffaele, habe sich wieder zum Gletscher abgeseilt und Lou sei alleine weiter, habe dann nur hundert Meter unter dem Gipfel einen Wettersturz aussitzen müssen, dreißig Stunden lang, und als sie sich kurz darauf am Zeltplatz über den Weg liefen, - „ohne uns in die Augen zu schauen“ - habe Lou noch immer mehr tot als lebendig ausgesehen. Aber geschehen sei ihm nichts, diesem Helden. Vergönnt hätte ihm Raffaele sonst was, dem blöden Coglione.
Nie wieder würde er mit Lou klettern, nicht für viel Geld.
„Der ist einfach zu, zu …“, lange suchte Raffaele nach den deutschen Wörtern, „ … zu humorlos, zu besessen, zu plemplem eben und gleichzeitig so gefühllos. Ja, so verbittert irgendwie. Der machte mir richtig Angst, der Typ.“
Und dann schlug Raffaele Max vor, sie könnten gemeinsam die Aiguille Verte machen, sobald das Wetter stabil sei, oder die Blaitiere-Ostwand, tutto disteso, ganz entspannt.
„Irgend so einen Mädchenkram halt. Soll ja Spaß machen. In einem Tag rauf und am nächsten wieder runter und dann im Nash Bier saufen bis zum Umfallen.“ Und er grinste dabei von einem Ohr zum anderen.
Raffaele hatte leicht reden, der hing seit Mai in Chamonix herum, holte sich einmal im Monat einen Scheck seines Vaters vom Postamt und brauchte ansonsten nichts weiter zu tun, als auf gutes Wetter zu warten. Dem lief nichts davon. Im Gegenteil, seit Max ihn Ende Juli kennengelernt hatte, zog Raffaele mit dem mittlerweile dritten Mädchen herum, eines blonder und hübscher als das andere, deutsche oder australische Rucksack-Touristinnen, die seinem italienischen Charme einfach nichts entgegenzusetzen wussten.
Für ihn, Max, aber wäre in genau einer Woche der Spaß vorbei, endgültig, sein Urlaub wäre zu Ende, und das wär‘s für dieses Jahr gewesen mit Chamonix und mit seinem Traum, gerade mal zwanzigjährig die Jorasses-Nordwand zu machen. Das Geld war ihm schon vor Tagen ausgegangen.
Wie gemeingefährlich irre hätte ein Typ also sein müssen, überlegt sich Max, dass er abgelehnt hätte, wenn der ihn in an den Crozpfeiler mitnehmen wollte? Vermutlich wäre er einem buckligen, stotternden Schwachsinnigen hinterhergelaufen, hätte der nur auf die Jorasses gezeigt und ihm eine Hand gereicht.
Wie hätte er ablehnen können?


Das mit der Zigarette will nichts werden, pfeif drauf, er hat eiskalte Finger und lässt das Zeugs schließlich entnervt fallen, lässt Papier und Tabakkrümel davonsegeln in die Tiefe, hinaus in diese endlosen siebenhundert Meter bitterkalter Leere zwischen ihm und dem Leschaux-Gletscher. Verstreut für die Ewigkeit.
Irgendwann einmal hat er von nordamerikanischen Indianern gelesen, die Tabakopfer darbringen, bevor sie einen Baum fällen oder einem Karnickel oder einem Lachs ans Leben gehen, sich vorher gar noch entschuldigen bei ihnen für den Kummer und die Schmerzen, die sie ihnen nun bereiten müssten. Leistet er jetzt etwa Abbitte beim Berg, weil er ihm mit den Steigeisen den Fels zerschrammt, ihm die Eisbeile in die Flanken haut und ihm Haken zwischen die Rippen drischt? Will er sich gar den Berg gewogen machen?
Soll er Lou fragen, was der von dieser Schnapsidee hält?
Es ist noch nicht einmal Mitternacht, doch schon jetzt spürt Max, wie ihm sein Verstand entgleitet, ihm davontrudelt wie das Zigarettenpapier. Er kann sich kaum vorstellen, wie er die Nacht überstehen soll. Die Aussicht, noch gut fünf Stunden auf die ersten Sonnenstrahlen warten zu müssen, fünf endlose, eiskalte, frierende Stunden, fünfmal sechzig endlose Minuten, deren jede ihm länger und frostiger erschiene als die vorherige, ist schlicht haarsträubend. Und dazu dieser schweigsame Verrückte neben ihm. Herrgott im Himmel!
Warum Lou überhaupt in die Berge geht, ist Max in den letzten zwei Tagen mehr und mehr zu einem Rätsel geworden. Der scheint für keines dieser Wunder, die Max Gänsehaut machen, Augen zu haben. Ein zaghafter, dann immer gleißenderer Sonnenaufgang nach einer grausam kalten Biwaknacht? Endlich Wärme, das schon. Aber die Schönheit dieses Mysteriums? „Drauf geschissen“, sagt Lou höchstens. Die Farben des Granits, diese zahllosen Nuancen von Anthrazitgrau über Ocker bis golden? Dieser Farbkontrast der Felsen zum blauen Himmel und dem weißen Gletscher tief unter ihnen? „So what?“, murrt Lou. Das Heulen eines Sturmes oder das Vorbeischweben dicker Schneeflocken bei Windstille, das Sirren und Pfeifen von Steinschlag oder die Leere und Endlosigkeit einer mondlosen Wolkennacht, das eine so einschüchternd wie das andere, die ehrfurchtgebietenden Blicke in die Tiefe und diese Momente vollkommener Schönheit, Stille und Wahrhaftigkeit, das gleichzeitige Bangen vor Ungemach, diese jederzeitige Möglichkeit, dass entweder Schlimmes oder eben nichts Schlimmes geschähe, und man auf nichts davon Einfluss hätte, auf gar nichts, man es nur sehen, hören und erdulden könne, … das alles scheint nicht den geringsten Eindruck auf Lou zu machen. Der bewegt sich in dieser senkrechten Welt ebenso leidenschaftslos, als ginge er in irgendeiner Stadt auf dem Weg zu irgendeiner Arbeit über irgendeine Straße. Lustlos, freudlos und verbissen, als sei er auf einem Kreuzzug nicht nur gegen den Berg, sondern gegen das gesamte Wunder des Universums, und ja, auch gegen sich selbst.
Am Nachmittag hatte Max eine leidlich einfache Seillänge vermasselt. Als er sich streckte, um einen Klemmkeil zu legen, brach die winzige Schuppe aus, an die er sich mit zwei Fingern der Linken krallte, sofort rutschten ihm die Schuhspitzen weg und er sauste in die Tiefe. Die Zwischensicherungen flogen ihm eine nach der anderen um die Ohren, die fragilen Verbindungen, die er in der letzten halben Stunde so beherzt wie mühsam zwischen Seil und Fels geschaffen hatte, all die Keile, Messerhaken, Rurps und Copperheads hielten nicht, Stück für Stück löste sich der ganze Krempel aus der Wand, ging auf wie ein müder Reißverschluss. Einzig der letzte Klemmkeil sieben Meter über dem Standplatz blieb drin und nach einem endlosen, atemlosen Zwanzigmeterflug hing Max gute vier Meter unter Lou im Seil. Er leckte sich Blut, das ihm von der Stirne tröpfelte, von den Lippen, spuckte aus und fluchte wie ein Bierkutscher. Und dann? Was hörte er von Lou?
„Alter, auf die Art kommen wir nie rauf.“
Als er wieder oben am Stand war, das ganze rausgefetzte Zeug, die Keile, Schlingen, Haken und Karabiner vom Seil löste, sie sortierte und an seinen Gurt hängte und dabei kurz in Lous mürrische, unbeteiligte Miene sah, verstand er endlich, was ihm Raffaele hatte sagen wollen. Ja, Lou machte auch ihm Angst.
Wortlos begann er, neuerlich hochzusteigen. Seine Wut ließ ihn die aufgeschlagene Augenbraue vergessen, ließ ihn die Griffe so fest packen, als wolle er den Fels zerkrümeln, er verzichtete auf das Legen der fragwürdigen Sicherungen, hörte Lou lachen und brüllen - “Willst du dich umbringen, Mäx?“ - ignorierte ihn und erreichte dreißig Meter höher den nächsten Standplatz. Er überlegte ernsthaft, sich aus dem Seil zu binden und einfach weiter zu klettern, höher und immer höher zu steigen, bloß weg von diesem Arschloch.
Natürlich tat er es nicht. Allein der Gedanke daran sträubte ihm die Haare. Er war verärgert und ratlos. Schon als Junge hatte er von dieser Wand geträumt, und jetzt, da er endlich hier war, musste es mit einem Irren sein. Er hätte heulen können.
Schließlich hatte er sich in die zwei Standhaken eingehängt, sich eine Zigarette gedreht und Lou nachgesichert. Scheiß drauf.


„Schläfst du, Mäx?“
„Fast.“
In Wahrheit ist an Schlaf nicht zu denken. Max weiß kaum noch, wie er sitzen soll. Die Seile, auf denen sie wegen der Kälte hocken, drücken ihm unangenehm in den Hintern, bei jeder Bewegung schmerzt der Klettergurt an den Hüften und der Stundenzeiger seiner Uhr scheint festgefroren zu sein. Schrecklich gerne würde er jetzt Schokolade essen und hinterher eine rauchen.
„Wird ein harter Tag morgen, Mäx.“
„Ich weiß. Die sechsundzwanzigste Länge. Die verfluchte Schlüsselstelle.“
„Du wirst sie vorsteigen.“
„Spinnst du? Ist nicht dein Ernst.“
„Doch … Du musst.“
„Was heißt, ich muss?“
„Ganz einfach. Weil ich‘s nicht tun werde.“
„Lou, Alter, spinnst du jetzt vollkommen?“
„Das ist dein Trip, Mäx.“
„Hey, Mann, was redest du da? Wir machen die Abandon gemeinsam.“
„Nein, Mäx, das ist ganz allein dein Trip. Stell dir vor, du seist alleine hier.“
„Jessas, Lou, was soll der Scheiß?“ Max dreht sich zu Lou. Nicht eine Haarsträhne ist von dem zu sehen.
„Warum kletterst du, Mäx?“, hört er ihn aus dem Biwaksack murmeln.
„Äh, … weil die Berge so wunderbar sind?“
„Red doch keinen Quatsch. Die kannst du dir auch von der Terrasse einer Berghütte aus anschauen. Und dabei noch ein Bier trinken … Wie viele Schlangen klettern durch Schleichen und Kriechen bis zum Gipfel eines Baumes empor, der allein zum Aufenthalte für die Vögel der Luft gemacht zu seyn scheinet?
„Hä?“
„Warum kletterst du, Mäx? Was willst du dir beweisen?“
„Verdammt, gar nichts will ich mir beweisen. Ich find’s einfach saugeil.“
„Saugeil, ja, so was dachte ich mir schon … Hör mir zu Mäx, ich erzähl dir jetzt eine Geschichte: Vor vielen Jahren führte ich einmal einen Mann auf einen Berg, ich weiß nicht mehr, wie der Berg hieß. Als wir oben waren, deutete ich um mich und zeigte auf die Gipfel, die uns umgaben, und die Täler, die dazwischen lagen, und auf all das Land ringsum. In den Ebenen wuchsen Bäume, die reichlich Früchte trugen, und auf den Feldern gedieh das Korn. Die Menschen dort unten gingen ihrem Tagewerk nach und trachteten, ihre Goldstücke zu horten und zu mehren. Doch sie erkannten nicht das Wunder ihres Daseins, weil der eine dem anderen die Magd neidete und den Knecht, die Kuh und den Stier.
Warum zeigest du mir all dieses Blendwerk, fragte mich der Mann.
Siehest du den hohen Gipfel dort, der alle anderen überragt? Den will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest, sagte ich zu ihm.

„Sag mal, Lou, nimmst du Drogen?“
„Ach was, ich verarsch dich doch nur.“
Max verdreht die Augen. Was gäbe er dafür, jetzt Raffaele an seiner Seite zu haben statt dieses Geistesgestörten.
„Lou, zieh verdammt noch mal nicht so am Biwaksack. Der gehört dir nicht alleine.“
„Wie hast du mich gerade genannt?“
„Was?“
„Ach, vergiss es.“

Schließlich nickt Max doch ein und er träumt, wie Lou an ihm vorbeistürzt, immer und immer wieder, mit weitaufgerissenen Augen und einem irren Lachen. Lous blutverschmiertes Gesicht sieht aus wie sein eigenes.
Als er aufwacht, fühlt er sich wie zerschlagen, er spürt jeden Muskel und jeden Knochen, aber er ist froh, zumindest dem Alptraum entkommen zu sein. Hoch über ihm vergolden die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den Fels und der Himmel dehnt sich endlos. Doch sofort erkennt er, dass irgendwas nicht stimmt. Der Alptraum ist Wirklichkeit geworden und geht weiter.
Lou ist weg! Mutterseelenalleine kauert Max auf dem schmalen Sims.
„Lou?“, flüstert er. „Lou!“, brüllt er.
Verzweifelt bemüht er sich, aufzuwachen, und gleichzeitig weiß er, dass er wach ist. Er ist eindeutig wach, aber vermutlich übergeschnappt. Halluziniert er? Lou kann nicht weg sein, hier kann man sich weit und breit nirgends verstecken. Ist Max gar gestorben? Hat ihn in der Nacht der Schlag getroffen oder ist er erfroren? Und ist dies nun das Leben nach dem Tod?
Langsam dämmert ihm die Wahrheit. In der Nacht muss Lous Sicherung versagt haben und er ist vom Felsband gerutscht und lautlos in der Tiefe verschwunden. Passieren nicht immer wieder die blödesten Unfälle am Berg?
Er beugt sich vor und blickt in den Abgrund.
„Lou!“, brüllt er, „Lou!“
Niemals zuvor in seinem Leben ist er sich so alleine vorgekommen, so vollkommen einsam und hilflos, so aus der Welt geworfen, so unbedeutend und klein. Er fühlt sich so verloren und nichtig wie ein Klecks Vogeldreck auf dem riesigen Deck eines Schlachtschiffes, ein winziger Fleck auf einem lotrecht stehenden, tausend Meter hohen Schlachtschiff.
„Lou!“, brüllt er noch einmal, dann steigen ihm Tränen in die Augen und er beginnt zu schluchzen wie ein Kind.
An Abseilen ist nicht zu denken, nicht nur Lou ist weg, sondern auch das zweite Seil, auch Lous Rucksack, der Kocher und sein restliches Zeug. Alles ist weg, als wäre Lou nie hier gewesen.
Ihm ist klar, dass er so gut wie tot ist, er würde hier sterben, hier, in der beeindruckendsten und schönsten Wand der Alpen. Mutterseelenalleine und gerade mal zwanzigjährig, das darf einfach nicht wahr sein. Nie mehr wieder würde er einen Sonnenaufgang sehen oder das Meer oder gar ein Mädchen, nie mehr eines küssen, nie mehr würde er klettern können. Nie mehr Schokolade essen, nie mehr Musik hören.
Er kramt den Walkman aus dem Rucksack, stöpselt die Ohrhörer an und schaltet ihn ein. Black Flag wüten los und er dreht die Lautstärke hoch. Dann schließt er die Augen und bemüht sich, an gar nichts zu denken. Nicht an Kathis wunderschönes Lächeln und ihre weiche Haut und nicht an sein Motorrad, nicht an seine Eltern und schon gar nicht an Lou. Schließlich legt er den Kopf in den Nacken und starrt die Wand hoch. Vielleicht noch hundert Meter senkrechter Fels liegen über ihm, bevor sich der Pfeiler langsam zurückzulehnen beginnt, das weiß er von dem Foto, das seit Jahren über seiner Werkbank hängt.
Kein Beinbruch in Wahrheit. Er kann hier sitzenbleiben und heulen wie ein Kind. Oder er kann klettern.
Kiss or kill … Er ist gut und stark, er ist in Bestform, das weiß er. Im Grunde müsste es zu schaffen sein. Die Abandon im Alleingang. Wahnsinn.
Mit zittrigen Fingern steckt er sich ein Stück Brot in den Mund, trinkt den Rest des lauwarmen Tees aus der Thermosflasche und fängt dann an, seinen Kram zusammenzupacken.
Sobald seine Hände am Fels liegen, fühlt er sich ruhiger. Es gelingt ihm, sein Denken vollständig auszuschalten und all sein Dasein einzig auf die Strukturen des Granits zu richten. Er beginnt zu klettern und kommt höher und höher. Er wird nicht sterben. Nicht heute. Nicht hier.
Er nicht.

Doch irgendwann kommt er nicht mehr weiter. Der Riss, dem er gut achtzig Meter gefolgt ist, hat sich mehr und mehr verengt und verliert sich nun zusehends vor seiner Nase. Er blickt hoch. Eine vertrauenerweckende Leiste, die er über sich erkennen kann, ist unerreichbar weit weg. Dazwischen gibt es nichts, nur glatten, gnadenlosen Stein, wie blankpoliert. Minutenlang tastet er den Fels ab, er streichelt, beschwört und beschimpft ihn. Nichts. Er verlagert das Gewicht, ändert die Fußstellung, sucht weiter. Nichts. Ganz schnell hat sich der Tod genähert. Max kann ihn nicht sehen, aber er ist da.
Immer wieder muss er die Hände am einzigen Griff abwechseln, um die verkrampften Unterarme auszuschütteln. Schweiß perlt ihm von der Stirn in die Augen, Milchsäure und Angst vergiften seine steinhart zusammengezogenen Muskeln. Er bittet und bettelt. Nur einen einzigen Griff noch, einen klitzekleinen, bitte! Er kämpft und leidet und flucht, bis er spürt, dass seine Unterschenkel zu zittern beginnen. In wenigen Augenblicken werden ihm die Zehenspitzen abrutschen, das weiß er. Jetzt ist der Tod ganz nahe. Hastig fummelt er seinen allerkleinsten Messerhaken vom Gurt, zwängt die Spitze in den winzigen Riss und drischt ihn mit dem Hammer hinein. Nicht einmal zu Hälfte verschwindet das lächerliche Stück Eisen. Pfeif drauf, man hat nicht immer die Wahl, denkt er, knotet einhändig eine Reepschnurschlinge um das herausragende Ende, so knapp wie möglich am Fels, und steigt mit dem rechten Fuß hinein. Der Haken knirscht erbärmlich, als er ihn vorsichtig belastet, und Max spürt das Rucken, als er sich einen Millimeter bewegt. Als hätte der ganze Berg gezittert. Aber der Haken hält. Max atmet tief durch, legt die Stirn an den Fels. Nein, er wird heute nicht sterben, er kommt aus dem Schlamassel raus. Er weiß ganz genau, was er nun zu tun hat. Und er ist gut, er ist stark. Er ist in Bestform. Der blöde Tod kann ihn mal.
Er wird sich mit der rechten Hand am Haken festhalten, die Linke den Fels hochgleiten lassen, um seinen Körper zu stabilisieren, und dann ganz behutsam beginnen, das rechte Bein durchzudrücken, ganz langsam. Und dann, genau in dem Augenblick, wenn er nach hinten zu kippen droht, das Bein vollends strecken und gleichzeitig mit der Rechten emporschnellen und die Leiste packen. So wird das gehen. Ein ums andere Mal stellt er sich die Bewegungen vor, bis er sicher ist, dass er es schaffen wird. Mit einem Stück Schokolade im Mund wäre es noch einfacher, denkt er, beinahe ein Kinderspiel. Lächerliche zwei Meter noch, und er hätte die Schlüsselstelle hinter sich. Zum ersten Mal an diesem Morgen hat er ein Grinsen im Gesicht. Herr im Himmel, ist es schön hier.
Er wartet, bis sich sein Herzschlag beruhigt hat, atmet ein paarmal tief durch und schaltet den Verstand aus. Jetzt muss er sich einfach auf die Muskeln und Sehnen seiner Arme und Beine verlassen. Die wissen, was zu tun ist.
Als hätte sein Körper es dutzende Male geübt, führt er die Bewegungen aus, so vollkommen präzise und millimetergenau, so kraftvoll und sicher, als hätte ein Choreograf sie ersonnen. Doch eben, als er mit den Fingerkuppen der rechten Hand den Rand der Leiste berührt, schießt der Haken aus dem Riss.
Und Max fällt ins Leere.
Unbeeindruckt davon röhrt ihm Henry Rollins in die Ohren - Gimme, gimme, gimme - und Max fällt und fällt und fällt, bis der schmale Sims, auf dem er die Nacht verbracht hat, kurz seine Flugbahn stört. Mit zertrümmertem Rückgrat und kaum langsamer stürzt er weiter in die Tiefe. Er hofft, dass ihm auf seinem Weg nach unten nun nichts mehr in die Quere kommt.
Aus den Ohrhörern dröhnt noch immer Henry Rollins und seine Stimme klingt wie die von Lou.
Sie verhallt schließlich ungehört auf dem Gletscher.


Zitate aus:
Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos
Stjepan Zanović, Stephan Hannibals, eines alten Schäfers von Albanien, philosophische Gedanken an Friedrich Wilhelm, Kronprinzen von Preußen
Black Flag, Gimme, gimme, gimme
Weitere Inspirationen aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 4

 
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Hallo Ernst.
Das Wandern, in dem Fall das Klettern scheint unsere Schnittstelle zu sein.
Ich habe die Geschichte atemlos genossen, gerade zurück aus den Allgäuer Alpen. Deshalb haben mir die Beschreibungen der Bergwelt sehr gut getan, so vom "Heimweh" geplagt.

Und noch eine Schnittstelle fällt mir zu unseren Protagonisten ein, beide suchen das Selbe. In der Grenzerfahrung das Ich zu finden. Den tieferen Sinn. Der einem nur am Rande des Todes begegnet.
So absurd Dir der Weg meiner Höhlenfrau vorkommt, so unverständlich sind für mich Extremkletterer.

Aber alle diese Menschen brauchen den Kick der Endzeitstimmung, um das Leben zu lieben.
All das entspringt dem selben Bedürfnis.

Davon einmal abgesehen bin ich entzückt von Deiner Art zu schreiben. Deine Art Dialoge zu führen sind für mich sehr inspirierend. Die gezeichneten Bilder sind sehr klar, ich erfasse sie wie die Berggipfel bei guter Fernsicht.
Ich liebe diese Geschichte.
Bis bald,
Gretha

 
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Gretha schrieb:
Und noch eine Schnittstelle fällt mir zu unseren Protagonisten ein, beide suchen das Selbe. In der Grenzerfahrung das Ich zu finden. Den tieferen Sinn. Der einem nur am Rande des Todes begegnet.
So absurd Dir der Weg meiner Höhlenfrau vorkommt, so unverständlich sind für mich Extremkletterer.
Also ich seh das schon ein bisschen anders, Gretha.
Nichts liegt uns Kletterern nämlich ferner, als die Nähe des Todes zu suchen.
Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, wir müssten allesamt potentielle Selbstmörder sein, eine heimliche Todessehnsucht in uns haben, aber vielmehr trifft das Gegenteil zu. Wir hängen am Leben schon allein deshalb, weil wir noch möglichst lange das machen wollen, was unsere größte Leidenschaft ist. Vermutlich entsteht das Vorurteil daraus, dass sehr viele Leute aufgrund wahrhaft einschüchternder Bilder die Gefahr einfach maßlos überschätzen. Natürlich wird es obendrein auch von bestimmten Profi-Kletterern bedient, weil haarsträubende Geschichten sich in der breiten Öffentlichkeit halt am leichtesten verkaufen lassen..
Aber gerade das Klettern in hohen Schwierigkeitsgraden, oder gar dessen kompromissloseste Form, das Free Solo (alleine und ungesichert) wird in aller Regel von Menschen ausgeübt, die sich dabei ihrer Fähigkeiten - und ihrer Grenzen – vollkommen und ununterbrochen bewusst sein müssen. Hasardeure wirst du darunter keine finden.
(Wenn du dir überdies die Statistiken über Bergunfälle anschaust, wirst du sehen, dass die bei weitem meisten Opfer nicht Kletterer sind, sondern ungeübte Wochenendtouristen, die aufgrund von Selbstüberschätzung, mangelhafter Ausrüstung, unzureichender körperlicher Verfassung, usw. in die Bredouille geraten, oder - wie bei den vielen haarsträubenden Unfällen z.B. am Everest - Leute, die glauben, ein dickes Scheckheft sei der wichtigste Ausrüstungsgegenstand beim Bergsteigen.)

Dafür, dass der arme Max derart in der Scheiße sitzt, kann man ja nicht Sorglosigkeit oder gar Todessehnsucht verantwortlich machen, sondern einzig den teuflischen Lou. (Bzw. den Umstand, dass dem Autor der Geschichte, dem herzlosen Hund, Max‘ Leben halt keinen Pfifferling wert war.)

Davon einmal abgesehen bin ich entzückt von Deiner Art zu schreiben. Deine Art Dialoge zu führen sind für mich sehr inspirierend. Die gezeichneten Bilder sind sehr klar, ich erfasse sie wie die Berggipfel bei guter Fernsicht.
Ich liebe diese Geschichte.
Das ist so ein schönes Kompliment, Gretha, das musste ich jetzt einfach noch einmal fett hervorheben. Ganz vielen Dank.

offshore

 
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maria.meerhaba schrieb:
Verdammt, du hast wunderschöne Albträume.

„Träume sind all das, woraus man erwachen kann‘‘, sagte zumindest Paul Valéry. Elias Canetti wiederum sagte „Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“
Tja, maria, und obwohl der Begriff „wunderschöner Albtraum“ ja eigentlich ein Oxymoron ist, gefällt es mir sehr, dass du ihn verwendest, um damit meine Geschichte zu charakterisieren.

Vielen Dank für dein schönes Kompliment, maria.

offshore

 

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