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03.10.2020
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Dickhäuter

Sandra spürte kühlen Sand zwischen ihren Zehen. Möwen hockten auf den Pfählen der Palisade und der Wind zerzauste ihre Federn. Meer und Firmament bestanden aus demselben nassen Grau. Die Linie des Horizonts löste sich darin auf.
Ihr Bruder Emil setzte sich und fuhr mit den Händen durch den Sand. Du kannst die blöde Muschel selber suchen, sagte er. Ich hab keine Lust.
Der Nachbar hatte ihnen von Muscheln erzählt, die sangen. Haltet sie ans Ohr, hatte er gesagt. Dann hört ihr sie. Aber passt auf, dass sie euch nicht beißt! Sein Lachen klang nach Wellen und Nordsturm. Älter als Hannes’ Lachen. Mächtiger. Aber Hannes, ihr Vater, lachte sowieso nur noch selten.
Sandra nahm ein Schäufelchen aus dem Jutesack und gab es Emil. Willst du Sandburgen bauen?, fragte sie. Ihr Bruder nahm das Plastikwerkzeug entgegen, ohne den Blick zu heben.
Ja, sagte er trotzig. Ich bau ihr eine Burg!
Sandra hob die Hand, ließ sie wieder sinken. Ich geh ein Stück am Strand entlang, sagte sie. Bleib bitte hier und warte auf mich.
Sie ging zum Ufer und beobachtete den Schaum der Wellen. Bläschen zerplatzten. Das Wasser floss vor und zurück. Draußen auf dem Meer war kein Schiff zu sehen. Das schwache Licht der Sonne lief über die Wellen. Es roch nach Salz und Tang und etwas Schwerem, das sie ins Wasser zog.
Sie wandte sich ab und lief ein Stück den Strand entlang, begann mit ihrem Schäufelchen zu graben. Der Sand wurde schwerer, je tiefer sie grub. Schließlich blubberte Wasser am Grund der Grube. Nach kurzer Zeit hatte sie ihren eigenen kleinen See. Die Kälte des Wassers stach in ihre Finger. Es war so kalt wie Hannes’ Berührung.

Am nächsten Tag ging Sandra allein ans Meer. Der Wind hatte nachgelassen und die Möwen kreisten weit draußen über einem Fischkutter. Sie hatte von der Muschel geträumt. Auch jetzt war die Wärme noch da. Abgesehen vom Rauschen der Brandung war es still. Wenn sie genau hinhörte, strich eine Melodie durch die Dünen.
Sandra folgte der Melodie, das Schäufelchen ausgestreckt. Weiße Krebse wuselten vor ihr davon, buddelten sich ein. Ihr Fuß blieb in einem halbversunkenen Netz hängen. Sie erreichte die Stelle, an der sie ihren See gegraben hatte. Die Grube war nun größer als am Tag zuvor. Über einen Kanal war sie mit dem Meer verbunden. Salzwasser spülte Seegras und Muschelbruchstücke hinein. In der Mitte der Lache lag ein Wal.
Seine Haut war dunkel. Nässe glänzte ölig darauf. Der Kopf war zerfurcht von tiefen Narben. Die Flossen lagen neben ihm ausgebreitet. Seine Finne war geknickt und hing herunter. Je näher Sandra kam, desto weiter öffnete sich das Auge des Wals. Es war blau wie die Tiefe des Meeres. In seinem Zentrum leuchtete ein Teppich feiner Adern.
Der Wal prustete durch sein Atemloch und Wassertröpfchen sprühten Sandra ins Gesicht. Sie spürte die Kälte des Wassers, als sie in die knietiefe Lache trat. Unbeweglich lag das Tier, bis Sandra so nah war, dass sie ihre Hand an seinen Körper legen konnte. Er war ganz weich und sie fühlte nach dem Herzschlag. Sobald sie ihn berührte, wurde die Melodie stärker. Sandra schluckte trocken.
Eine zähe Flüssigkeit troff aus dem Auge des Wals. Sandra wischte sie mit einem Büschel Seegras weg. Danach fuhr sie mit den Spitzen ihrer Finger die Falten um das Auge entlang. Der Wal begann zu singen.

Ein Rütteln an ihrer Schulter. Hannes stand an ihrem Bett. Sein Gesicht lag im Halbdunkel. Was ist passiert?, fragte er. Seine Stimme klang gepresst. Emil ist verschwunden!
Das Bett ihres Bruders war leer. Vor dem Fenster leuchteten die letzten Sterne in der Morgendämmerung.
Hast du dich wieder mit ihm gestritten?, fragte Hannes.
Sandra schüttelte den Kopf.
Zieh dich an, sagte er, wir müssen ihn suchen. Schon hatte er das Zimmer verlassen. Sie rutschte von der Bettkante, zog Daunenjacke und Regenhosen über den Pyjama, stapfte nach unten in die Küche und schlüpfte in ihre Gummistiefel. Ihr Vater wartete draußen auf dem Treppenabsatz. Leichter Nieselregen fiel.
Ich war im Dorf, sagte Hannes. Die Felder hab ich abgesucht. Niemand hat ihn gesehen. In seinen schwieligen Fingern hielt er eine Taschenlampe.
Wart ihr am Strand?, fragte er.
Sandra ging ihm hinterher. Der Gesang des Wals steckte ihr noch in den Ohren. Emils Schäufelchen lag im Sand und zwei Möwen zankten darum, pickten mit ihren Schnäbeln nach dem roten Plastik. Sie stoben auf, als Sandra und Hannes näher kamen. Sie hob das Schäufelchen auf und schüttelte den nassen Sand ab. Das ist seins, sagte sie.
Wir müssen weiter! Vielleicht ist er im Wasser!
Sandra blieb einen Moment unschlüssig stehen. Dann hastete sie ihm nach. Hinter der nächsten Düne sah Hannes den Wal. Er lag in seiner Lache und ruderte schwach mit den Flossen. Herrgott!, sagte Hannes, als er die Düne hinunterstapfte. Was für ein Tier!
Hannes schaltete die Taschenlampe aus und gab sie Sandra. Seine Stiefel schmatzten im Wasser. Schließlich stand er neben dem Wal. Das Auge blieb geschlossen. Sobald ihr Vater das Tier berührte, verstummte der Gesang.
Wir sollten nicht so nah ran. Vielleicht ist er gefährlich.
Ach was, sagte Hannes und strich mit der Hand dem Wal entlang, ging weiter bis zur Schwanzflosse, die träge durch das seichte Wasser glitt. Er ist schwach. Er stirbt.
Aber wo ist Emil?, fragte sie.
Ich weiß, wo er ist, sagte Hannes.

In der folgenden Nacht wachte Sandra aus einem traumlosen Schlaf. Kein Geräusch hatte sie aufgeweckt, ein Gefühl. Sie stieg aus dem Bett, kleidete sich an und tapste die Stufen hinunter. Im Wohnzimmer lag Hannes’ Decke auf dem Sofa, aber er selbst war nicht da. Sie lauschte in das Haus. Nichts.
Sandra öffnete die Haustür. Ging im silbernen Licht hinunter zum Strand. An der Palisade blieb sie kurz stehen, als markierte sie eine Grenze, nach deren Überschreiten es kein Zurück mehr gab. Sie atmete tief ein und schmeckte den Geruch des Meeres auf der Zunge.
Der Wal sang nicht. Selbst das Rauschen der Wellen schien gedämpft und weit entfernt. Kurz vor dem höchsten Punkt der Düne ging sie in die Knie und kroch das letzte Stück. Sand geriet unter ihre Kleider, aber das spürte sie nicht. Aus der Grube drang ein dumpfes Geräusch.
Hannes stand in der Grube. Der Mond spiegelte sich in der Lache und verschwamm mit jedem Axtschlag. Ihr Vater schlug die Seite des Wals auf. Von den Brustflossen bis zum Schwanz. Schwärzliches Blut tropfte vom Kopf seiner Axt. Der Wal versuchte erfolglos, sich wegzubewegen.
Schließlich warf Hannes die Axt in den Sand, strich sich durchs Haar und riss die Wunde mit seinen behandschuhten Händen auf. Sandras Magen zog sich zusammen. Ihr Vater arbeitete sich durch den Wal. Fleischstücke platschten in die Lache.
Hannes krempelte die blutigen Hemdsärmel hoch. Er drehte sich noch einmal um. Blickte zur Kuppe der Düne, als würde er ahnen, dass seine Tochter sich dort vor ihm versteckte. Dann stieg er in das Fleisch des Wals. Er rollte sich darin ein, die Arme um die Knie geschlungen, und versank. Das Letzte, was sie sah, war der klaffende Schlitz in der Seite des Wals, der sich im Mondlicht langsam schloss.

Am nächsten Morgen ging Sandra erneut zum Strand. Der Gesang war zurückgekehrt. Sie fand die Grube und die blutige Axt im Sand, aber der Wal war verschwunden. An seiner Stelle lag etwas Kleineres im Wasser. Sandra steckte es in ihren Jutesack. Auf dem Rückweg kreisten Möwen über ihr.
Der Nachbar saß auf einem Stuhl in seinem Garten und ließ sich die ersten Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen. Na, schon wach?, fragte er und winkte.
Sandra stieß das Holztor auf und ging zu ihm, legte den Jutesack auf das Tischchen neben seine Kaffeetasse. Der Nachbar blickte hinein und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Ah, du hast sie gefunden, sagte er und lächelte. Meine Ohren sind nicht mehr die besten, aber ich hab dich schon von weitem gehört.

 
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Hallo @deserted-monkey,

ich kann nur einen Leseeindruck wiedergeben, mit einer Interpretation tue ich mich schwer.

Sandra spürte kühlen Sand zwischen ihren Zehen. Möwen hockten auf den Pfählen der Palisade und der Wind zerzauste ihre Federn. Meer und Firmament bestanden aus demselben nassen Grau. Die Linie des Horizonts löste sich darin auf.
Wie du mit minimalistischen und wenigen Pinselstrichen eine Atmosphäre zeichnest, ist absolut beeindruckend.
Ihr Nachbar hatte ihnen von Muscheln erzählt, die sangen. Haltet sie ans Ohr, hatte er gesagt. Dann hört ihr sie. Aber passt auf, dass sie euch nicht beißt! Sein Lachen klang nach Wellen und Nordsturm. Älter als Hannes’ Lachen. Mächtiger. Aber Hannes lachte sowieso nur noch selten.
Auch hier: Die Charakterbeschreibung der beiden Männer kann man besser nicht machen, so im en passant, wobei für mich mehrere Türen aufgemacht werden, auch mit der folgenden Beschreibung der Geschwister:
Willst du Sandburgen bauen?, fragte sie. Ihr Bruder nahm das Plastikwerkzeug entgegen, ohne den Blick zu heben.
Ja, sagte er trotzig. Ich bau ihr eine Burg!
Zunächst hast du die Personen eingeführt, es bleiben Fragen offen, die neugierig machen: Wer ist dieser Nachbar, warum lacht der Vater nicht mehr, für wen will der Kleine eine Sandburg bauen? Es ist gleichzeitig eine bedrohliche Atmosphäre, nicht an- oder ausgesprochen, die über diesen lakonisch kurzen Sätzen schwebt.
Sie ging zum Ufer und beobachtete den Schaum der Wellen. Bläschen zerplatzten. Das Wasser floss vor und zurück. Draußen auf dem Meer war kein Schiff zu sehen. Das schwache Licht der Sonne lief über die Wellen. Es roch nach Salz und Tang und etwas Schwerem, das sie ins Wasser zog.
Und auch diese Beschreibungen hauen mich in der Kürze um: Bläschen platzen, Wasser fließt vor und zurück, kein Schiff, schwaches Licht. Aber wieder eine dunkle Wolke: Etwas Schweres, das sie ins Wasser zog. Die Kälte des Wassers wird mit der Berührung ihres Vaters in Verbindung gebracht, der immer mit seinem Vornamen genannt wird, was ich als distanziert empfinde. Die Geschichte wird quasi aus Sicht eines personalen Erzählers (in dem Fall: Erzählerin) beschrieben, da hätte es ja auch "Vater" sein können. Du betonst diese Distanz mehrmals.
In der Mitte der Lache lag ein Wal.
Und spätestens hier wird es skurril und kippt aus der Realität. (Hat dich der Wal vor Wismar bzw Poel inspiriert?) Da kann kein Wal liegen. Aber er liegt da.
Hier kann man noch vermuten, dass es ein Traum des Mädchens war, denn im nächsten Absatz wird sie geweckt, es gibt einen Switch in die Realität (?): Ihr Bruder ist verschwunden.
Bei der Suche treffen sie auf den Wal, der bei dem Mädchen gesungen hat und nun, da der Vater sich nähert, verstummt.

Aber wo ist Emil?, fragte sie.
Ich weiß, wo er ist, sagte Hannes.
Was weiß der Vater plötzlich? Denn vor dem Wal, wusste er es nicht, sonst hätte er nicht gesucht.
Mitten in der Nacht wachte Sandra aus einem traumlosen Schlaf. Kein Geräusch hatte sie aufgeweckt, ein Gefühl.
Wieder bleibt der Verlauf der Geschichte diffus, sie erwacht aus einem Schlaf, was ist Realität und was Traum, es verwischt hier.
An der Palisade blieb sie kurz stehen, als markierte sie eine Grenze, nach deren Überschreiten es kein Zurück mehr gab.
Wird sich aufklären, welche Grenze sie hier überschreitet? Sie beobachtet, wie ihr Vater den Wal zerhackt, versteckt sich dabei vor ihm. Das Bild, in dem der Mann sich in den Wal begibt ist verstörend (wie auch die Tötungsszene, wenn es denn eine ist). Es wird nicht aufgeklärt, am nächsten Morgen liegt anstelle des Wals dort die Muschel.
Für was der Wal steht? Die Muschel? Ein Dickhäuter ist ein Wal höchstens im übertragenen Sinne, den Begriff benutzt man für Elefanten oder Nashörner, jedenfalls für Landsäugetiere. Du hast viele Fährten gelegt, bin sehr gespannt auf weitere Kommentare, die mehr Licht ins Dunkel bringen. Obwohl ich mir vieles nicht erklären kann, hat mir die Geschichte sehr gefallen. Sie ist spannend, die Atmosphäre ist extrem dicht und sie ist sprachlich großartig erzählt. Gut möglich, dass ich viele Hinweise nicht oder gar falsch zugeordnet habe.

Schönen Gruß von

Jaylow

 

Hallo @Jaylow

Vielen Dank für deine Zeit und deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe. Ich sehe, dass sich der Inhalt Dir nicht vollständig erschlossen hat, Du aber trotzdem etwas mit der Geschichte anzufangen wusstest. Das ist nicht selbstverständlich und freut mich deshalb umso mehr. Ich schreibe in letzter Zeit öfters Geschichten, in welchen die Grenzen der Realität verwischen, das ist ein Ausprobieren, aber es macht mir vor allem auch Spass, solche Stories zu schreiben, klar.

Wie du mit minimalistischen und wenigen Pinselstrichen eine Atmosphäre zeichnest, ist absolut beeindruckend.
Die Charakterbeschreibung der beiden Männer kann man besser nicht machen
Es ist gleichzeitig eine bedrohliche Atmosphäre, nicht an- oder ausgesprochen, die über diesen lakonisch kurzen Sätzen schwebt.
Und auch diese Beschreibungen hauen mich in der Kürze um
Obwohl ich mir vieles nicht erklären kann, hat mir die Geschichte sehr gefallen. Sie ist spannend, die Atmosphäre ist extrem dicht und sie ist sprachlich großartig erzählt.
Erstmal ein riesiges Dankeschön für das ganze Lob!

Wer ist dieser Nachbar, warum lacht der Vater nicht mehr, für wen will der Kleine eine Sandburg bauen?
Schön, dass es für Dich so funktioniert hat und Du dir diese Fragen gestellt hast. So wie Du es beschreibst, sollte es wirken, und den Leser hoffentlich tiefer in die Story ziehen. Das scheint bei Dir gut geklappt zu haben.

Die Kälte des Wassers wird mit der Berührung ihres Vaters in Verbindung gebracht, der immer mit seinem Vornamen genannt wird, was ich als distanziert empfinde. Die Geschichte wird quasi aus Sicht eines personalen Erzählers (in dem Fall: Erzählerin) beschrieben, da hätte es ja auch "Vater" sein können. Du betonst diese Distanz mehrmals.
Freut mich sehr, dass Du das erkannt hast. Genau, diese Distanz zwischen Hannes und Sandra ist meiner Meinung nach eines der Kernelemente der Geschichte.

Hat dich der Wal vor Wismar bzw Poel inspiriert?
Absolut.

Hier kann man noch vermuten, dass es ein Traum des Mädchens war
Wieder bleibt der Verlauf der Geschichte diffus, sie erwacht aus einem Schlaf, was ist Realität und was Traum, es verwischt hier.
Die Traum-Lesart liegt natürlich nahe, ich habe sie aber nicht als reine Auflösung gedacht.

Was weiß der Vater plötzlich? Denn vor dem Wal, wusste er es nicht, sonst hätte er nicht gesucht.
Eine Lesart wäre, dass Hannes vermutet, dass sich Emil im Innern des Wals befindet.

Für was der Wal steht? Die Muschel? Ein Dickhäuter ist ein Wal höchstens im übertragenen Sinne, den Begriff benutzt man für Elefanten oder Nashörner, jedenfalls für Landsäugetiere.
Ich möchte noch nicht allzu viel dazu sagen. Werde aber zu einem späteren Zeitpunkt gerne meine Überlegungen und meine eigene Interpretation teilen. Was Du zum "Dickhäuter" schreibst ist absolut korrekt, mir war bewusst, dass das irritieren kann, und ja, es ist im übertragenen Sinne gemeint. Und ob es sich tatsächlich auf den Wal bezieht? ;) Aber ja, kann deine Gedanken absolut nachvollziehen.

Ich danke Dir sehr für deinen Leseeindruck und hoffe, dass ich in den nächsten Tagen und Wochen wieder etwas mehr Zeit für das Forum finde. Deine neuste Geschichte bspw. habe ich schon gelesen :-) Also bis bald.

Beste Grüsse,
d-m

 
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Hallo @deserted-monkey ,

wieder mal ein atmoshärisch dichter Text aus deiner Feder.
Viel Stimmung:

Meer und Firmament bestanden aus demselben nassen Grau.
Nass, grau, kühl.

Dafür nimmst du eine bildstarke Sprache, das ist gekonnt. Sinnlich spürbar.

Mit dem Wal kommt dann entweder etwas Märchenhaftes oder Traumartiges dazu. (Dass nicht mal halbwegs klar ist, was von beiden, oder vlt noch was ganz anderes, dazu später mehr).
Dass der Wal ein Symbol ist, das ist ebenfalls klar. Nur, wofür er steht, das ist wieder sehr unklar und da überlässt du dem Leser nur extrem undeutliche Hinweise.

Stilistisch ist das fein gemacht. Die Stimme erscheint klar, die Rätsel kommen in einem guten Tempo, die Steigerung des Geschehens ist wohldosiert. Und Bilder: Muschel, Gesang, Wal ... sind eindrücklich.

Nur, was ich oben schon andeutete: Der Text ist zu verschlüsselt, zumindest für mich. Wenn es nicht nur ein, zwei, oder drei Wege einer Interpretation gibt, sondern eine unklare Zahl, entsteht Frust – und die Befürchtung, der Autor habe selbst keine Aufschlüsselung – und überlasse das deshalb völlig dem Leser.
(Ich habe seinerzeit die Serie 'Lost' geschaut und mich gefragt, wie zur Hölle die Macher die vielen Rätsel am Ende auflösen würden. Nun, das Meiste wurde nicht aufgelöst oder durch in sich unlogischen Bullshit, nur ein kleiner Teil – etwa 20 Prozent – waren befriedigend: frustrierend wenig).

Dein Wal könnte stehen für: Trauer, Verdrängtes im Unterbewusstsein, Antagonist, Familiengeheimnis, Wandlung, die Wahrnehmung des Kinds ... und und und ... das ist zu viel Offenheit.

Um es klar zu machen, müssten die Hinweise, wie die Beziehung Hannes-Emil-Sandra gestrickt ist, klarer sein, oder einige deiner Bilder/Rätsel weniger kryptisch ausfallen.

Ach was, sagte Hannes und strich mit der Hand dem Wal entlang, ging weiter bis zur Schwanzflosse, die träge durch das seichte Wasser glitt. Er ist schwach. Er stirbt.
Der Wal hat Emil geschluckt, stirbt nun, und Hannes öffnet ihn mit der Axt, weil er Emil rausholen will, der nachts verschwunden ist, um daraufhin ebenfalls im Wal zu verschwinden, der seinerseits am nächsten Morgen verschwunden ist und den Gesang nun der Muschel überlässt, die er mit aus dem Meer da in die Lache gezogen hat. Sorry, da bin ich mit der Deutung überfordert. Fast alle sind am Ende verschwunden. Bin neugierig, ob da jemand anderer klarer sieht ...

Die Wal-Szene ist eine der stärksten, unheimlichsten Szenen, die ich seit Langem gelesen habe. Gerade dass der da unmöglich sein kann, ist das Unheimliche, ich verwende so absurde Sachen auch gern und liebe sie.
Es könnte also ein starkes, faszinierendes Leseerlebnis werden.


Nun gespannt auf deine Antwort
Flic

 

Hi @deserted-monkey,

du erlaubst mir hoffentlich, auf einen Kurzbesuch vorbeizukommen. Erst mal würde ich mich den Vorkommentatoren anschließen sowohl (oder vor allem) in der Wahrnehmung des äthetischen Eindrucks als auch der Kritik, dass das eine oder andere - oder auch der Kern - zu verschlüsselt sei. Ich würde fast sagen, ich komme auch mit Geschichten ganz gut zurecht, die ich in dem Sinn nicht verstehe, dass ich sie nicht eindeutig festlegen kann. Das geht mir über weite Strecken auch hier so, d.h. da ist eingies drin, was ich als Bild mitnehmen kann, ohne mich unbedingt fragen zu müssen, was das jetzt heißt.
Es funktioniert aber nicht durchgehend, und ich vermute, das liegt daran, dass du zum Teil mit dem Traum spielst. Träumt Sandra oder träumt sie nicht, ist der behautete "traumlose Schlaf" wirklich traumlos, ist das Aufwachen wirklich ein Aufwachen? Das finde ich nicht ganz klar, und das finde ich dann auch für mich nicht ganz zufriedenstellend gelöst. Was mir dabei ganz konkret nicht so gut gefällt, ist, wie mehrere solcher Sequenzen direkt aufeinanderfolgen:
Einmal hier:

Danach fuhr sie mit den Spitzen ihrer Finger die Falten um das Auge entlang. Der Wal begann zu singen. // Von einem Rütteln an ihrer Schulter wurde sie geweckt.
Beides könnte ein Taum sein, denn sie könnte ja im Traum schin-geweckt werden.
Dann auch hier:
Ich weiß, wo er ist, sagte Hannes. // Mitten in der Nacht wachte Sandra aus einem traumlosen Schlaf.
Sie erwacht - klingt danach, dass sie doch zuvor geträumt hat (und den Traum nur z.B. vergessen). Denn es ist mitten in der Nacht, nicht mitten in der folgenden Nacht. Und dann folgt aber etwas, das sichb genauso gut anbietet, als Traum gelesen zu werden, wie das Vorangehende.
Und da man nun den Behauptungen, was Traum sei und was nicht, nicht mehr so richtig trauen kann, könnte auch alles ein Traum sein.

Jetzt sagst du zwar:

Die Traum-Lesart liegt natürlich nahe, ich habe sie aber nicht als reine Auflösung gedacht.
Und das finde ich nicht generell problematisch, aber die Iteration dieses möglichen Motivs überzeugt mich nicht so. Ich würde ganz gerne erklären, warum, aber das ist nicht so einfach, muss ich also erst mal so stehen lassen, damit aus dem Kurzbesuch kein Langbesuch wird.

Ich hab nämlich noch was, was ich loswerden will und wovon ich denke, das geht besser.
Hier am Anfang hast du relativ viel Personal auf wenig Raum:

Sandra spürte kühlen Sand zwischen ihren Zehen. Möwen hockten auf den Pfählen der Palisade und der Wind zerzauste ihre Federn. Meer und Firmament bestanden aus demselben nassen Grau. Die Linie des Horizonts löste sich darin auf.
Emil setzte sich und fuhr mit den Händen durch den Sand. Du kannst die blöde Muschel selber suchen, sagte er. Ich hab keine Lust.
Ihr Nachbar hatte ihnen von Muscheln erzählt, die sangen. Haltet sie ans Ohr, hatte er gesagt. Dann hört ihr sie. Aber passt auf, dass sie euch nicht beißt! Sein Lachen klang nach Wellen und Nordsturm. Älter als Hannes’ Lachen. Mächtiger. Aber Hannes lachte sowieso nur noch selten.
Sandra nahm ein Schäufelchen aus dem Jutesack und gab es Emil. Willst du Sandburgen bauen?, fragte sie. Ihr Bruder nahm das Plastikwerkzeug entgegen, ohne den Blick zu heben.
Man weiß dabei nicht viel darüber, wie sie alle zueinander stehen. Der Nachbar ist der Nachbar, das ist klar. Dass Emil Sandras Bruder ist, erfährt man später als nötig, ich hab's mal hervorgehoben. Bis dahin hätte ich eher auf die Mutter getippt. Wer Hannes ist, weiß ich an der Stelle noch lange (glaube ich) nicht. Es könnte - wenn man weiß, dass Emil der Bruder ist - immer noch ganz gut Sandras Freund sein (Emil sechs, sieben, Sandra vierzehn, fünfzehn).
Eine Möglichkeit, die Wartezeit auf diese Auflösung ohne viel Aufwand zu verkürzen, wäre z.B. zu schreiben: Ihr Nachbar hatte den Kindern von Muscheln erzählt. Eine elegantere wäre eventuell, die Perspektive auf Sandra von Anfang an kindlicher wirken zu lassen (sofern sie es sein soll). [Auch eine Möglichkeit wäre, sie nicht Sandra zu nennen, so dass man eine ca. Fünfzigjährige vor Augen hat ... War grad Neugierug: Sandra 1975 auf Platz 1 der beliebtesten Namen (auf Deutschland bezogen), da liege ich mit 50 ja gar nicht schlecht.]
Nun gut, also: Während die Unschärfen in der Haupthandlung zur Atmosphäre dazugehören, wirken die Unschärfen in den Bezügen locker vermeidbar.

Besten Gruß
erdbeerschorsch

 

Hallo @deserted-monkey

Zuerst will ich sagen, dass mich dein Sprachstil sehr anspricht. Er ist sehr ruhig und bildhaft und nicht erklärerisch. Die Länge der Geschichte finde ich ebenfalls ansprechend, da sie gut in einem Happen runter geht. Aber nachdem ich deine Geschichte das erste mal gelesen habe, dachte ich mir am Schluss: Hä?
Also ich habe nicht durchgeblickt, was du mir mit der Geschichte sagen wolltest.

Nach einmaligen lesen ist mir aufgefallen dass du mehrmals beschreibst, wie Sandra aufwacht:

Am nächsten Tag ging Sandra allein ans Meer.
Von einem Rütteln an ihrer Schulter wurde sie geweckt.
Mitten in der Nacht wachte Sandra aus einem traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen ging Sandra erneut zum Strand.
Wenn man erwacht, kann es passieren dass man das Erwachen einfach träumt. Also man denkt man wäre wach, obwohl man träumt. Das ist kein seltenes Phänomem und nennt man falsches Erwachen.
Ich habe mich gefragt, ob die Geschichte halb Traum, halb Realität ist und man als Leser nicht ganz differenzieren kann/soll, welchen Bewusstseinszustand gerade stattfindet. So wäre die Szene, wo Sandras‘ Vater in den Wal steigt geträumt und der nachfolgende Morgen dann Realität. Dass sie die Axt dort findet deutet darauf hin, dass etwas in dieser Art passiert sein muss und wirft die Frage auf, ob ihr Vater wirklich in den Wal gestiegen ist.

So, diesen Eindruck hatte ich, als ich deine Geschichte das erste mal gelesen habe (Das war vor drei Tagen). Ich lese die Geschichte jetzt noch einmal und schaue, ob sich mir sonst noch was erschliesst.

Hab mich leider von den anderen Kommentare blenden lassen und hab vor allem das da gesehen:

Die Traum-Lesart liegt natürlich nahe, ich habe sie aber nicht als reine Auflösung gedacht.
Da war ich offensichtlich die ganze Zeit auf dem Holzweg und habe mir die letzten paar Tage umsonst den Kopf zerbrochen. :( Das meine ich jetzt nichtmal ironisch oder so, weil mich die Geschichte ein bisschen verfolgt hat, vor allem auch, weil ich einen Kommentar dazu schreiben wollte.

Ich kann meine Meinung grösstenteils mit @erdbeerschorsch teilen. Dass das Träumen involviert sein muss, ist für mich die einzig logische Schlussfolgerung, sofern man annimmt, dass sich die Geschichte realistischen (also nicht übernatürlichen) Aspekten bedient. Das habe ich beim zweiten mal Lesen auch aktiv versucht zu ignorieren, bin aber beim besten Willen nicht auf eine andere Schlussfolgerung gekommen. Möchte jetzt auch gar nicht allzuviel auf den Elefanten im Porzellanladen zeigen. Die Traum-Leseart liegt für mich mit Abstand am nächsten.

Diese Frage lässt mich aber immernoch nicht los: Warum steigt ihr Vater in den Wal und verschwindet mit ihm?
Die Geschichte habe ich auf jedenfall gern gelesen und regt zum nachdenken an.

Besten Gruss
Carlo

 

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