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Die Ausfahrt

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26.05.2026
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Die Ausfahrt

Du beschleunigst aus der langgezogenen Kurve und spürst, wie sich die Last auf das Hinterrad verlagert. Die zunehmende Geschwindigkeit hebt dein Motorrad von allein aus der Kurvenschräglage, am Beginn der Geraden schaltest du in den nächsthöheren Gang. Du hast genau die richtige Drehzahl erwischt, ohne Rucken nimmt die Maschine weiter Fahrt auf.

Du hörst das Rauschen des Windes, aber du spürst fast keinen Luftwiderstand. Du kennst das Gefühl, es tritt bei einer gewissen Außentemperatur auf.
Schnurgerade führt die Straße durch die Felder auf ein Waldstück zu. Die Getreideernte ist vorbei, aber du kannst noch den Geruch von Stroh und Weizen wahrnehmen. Als du in den Schatten des Waldes eintauchst, wird es schlagartig ein paar Grad kühler. Es ist dunkler und es riecht auch anders. Feuchter, erdiger. Du magst das.

Du bremst die erste Kurve einer Links-rechts Kombination an, lässt aber, während du in die Schräglage kippst, die Vorderradbremse noch einen Hauch angezogen. Dabei taucht die Gabel ganz leicht ein und das zusätzliche Gewicht gibt dem Vorderreifen mehr Grip. Am Scheitelpunkt gibst du die Bremse frei, drehst am Gasgriff, bremst, und wirfst dich in die nächste Kurve.
Heute hast du diesen Teil deiner Runde besonders gut hinbekommen. Du freust dich. Du bist im Flow.

Die Straße führt wieder aus dem Wald und in einem leichten Rechtsknick auf einen flachen Hügel zu. Es ist Sonntagvormittag, du hast erst ein Auto gesehen und ansonsten die Straße für dich gehabt. Die Hügelkuppe ist noch etwa einen Kilometer entfernt, die Straße ist leer und doch zögerst du, deinem Motorrad die Sporen zu geben. Du kennst die Strecke und weißt, dass auf dem Hügel eine Kreuzung ist. Ja, du hast Vorrang, aber zu dieser Jahreszeit sind die einmündenden Straßen nicht einzusehen, da der Blick auf sie vom Mais auf den Feldern verstellt ist. Du musst darauf vertrauen, dass ein querendes Fahrzeug an der Stopptafel stehen bleibt. Du hasst das.

Du willst schnell über die Kreuzung kommen und gibst schließlich doch beherzt Gas.

Als du in Kreuzung einfährst, siehst du von links ein schwarzes Auto auf dich zukommen. Zum Reagieren ist es viel zu spät. Zum Fürchten auch. Du erkennst noch ein helles Gesicht hinter dem Steuer des Wagens, aber es passiert zu schnell, um Details auszumachen.

Das Auto verfehlt das Heck deiner Honda um wenige Zentimeter. Der Schlenker, den du ohne Nachdenken ausgeführt hast, passiert erst nach der Kreuzung. Im Rückspiegel siehst du, dass der Wagen eine Vollbremsung hinlegt. Du greifst in die Vorderradbremse und ziehst sie graduell stärker an, um das Vorderrad nicht zu blockieren. Gleichzeitig trittst du auf die Hinterradbremse und bringst so das Motorrad ein Stück nach der Kreuzung zum Stillstand. Jetzt fürchtest du dich.

Du schaltest in den Leerlauf, klappst den Seitenständer aus und schaltest die Zündung aus. Während der heiße Motor beginnt, beim Abkühlen leise zu ticken, steigst du ab und drehst dich in Richtung Kreuzung um. Das Auto steht auch ein Stück nach der Kreuzung auf der querenden Straße. Der Fahrer des Wagens hat eine Hand am Lenkrad und sieht dich mit weit aufgerissenen Augen an. Er sieht sehr jung aus.

Du hast weiche Knie und winkst dem jungen Mann zu. Bevor du auf ihn zu gehst, ziehst du deine Handschuhe aus und nimmst den Helm ab. Er soll keine Angst vor dir haben, denkst du. Nicht noch mehr Angst.

Langsam gehst du auf das Auto zu. Der junge Fahrer starrt dich immer noch an. Du machst die Lederjacke auf, weil du plötzlich zu schwitzen beginnst.
Du bleibst beim offenen Fenster des Wagens stehen, bückst dich und siehst hinein. Der Fahrer hat immer noch eine Hand am Lenkrad, in der anderen hält er ein Blatt Papier, auf dem du glaubst, eine Handschrift erkennen zu können. Der junge Mann weicht ein Stück zurück. Wahrscheinlich glaubt er, dass du ihn jetzt anschreien wirst. Früher hättest du das wahrscheinlich getan, denkst du dir. Aber heute nicht. Du bist nur froh, zu leben.

“Wir beide haben gerade großes Glück gehabt”, sagst du und stützt dich mit einer Hand an der Kante des Autodaches ab.
“Es tut mir leid. Ich …”, stammelt er und wedelt mit dem Papier.
“Ein Brief?”
“Ja. Von meiner Freundin.”
“Wichtig?”
Der junge Mann schluckt.
“Nein.”
“Aber sie hat etwas Schönes geschrieben, oder?”
Er nickt.
Du seufzt und richtest dich wieder auf.
“Komm gut nach Hause”, sagst du und klopfst auf das Autodach.
Dann drehst du dich um und gehst zu deinem Motorrad zurück. Du hörst, wie hinter dir der Wagen gestartet wird und losfährt.
Bei deiner Honda angekommen, zündest du dir eine Zigarette an und überlegst, wann du das letzte mal einen Brief geschrieben hast.
Nachdem du geraucht hast, setzt du den Helm wieder auf, ziehst die Handschuhe an und startest den Motor.
Du steigst auf, fährst los und das Motorrad, das um ein Haar als ein unförmiger Haufen Metall geendet hätte, bringt dich sicher die paar Kilometer nach Hause.

Dort schreibst du einen Brief. Einen langen.

 

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