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Die Hortensien brauchen Wasser

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03.09.2024
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Die Hortensien brauchen Wasser

In der sanften Brise bewegt sich die Bettwäsche träge auf den Wäscheleinen. Schatten gleiten auf dem ausgeblichenen Grün des Rasens, es hat seit Tagen nicht geregnet. Sie wird die Hortensien gegen Abend gießen müssen, die Blätter hängen schlaff unter den verblassenden Blüten, als wären sie müde und verbeugten sich vor der sengenden Sonne. Sie geht in den Garten, entfernt die Klammern, schüttelt die Laken und wirft sie flüchtig gefaltet in den Wäschekorb. Als sie das letzte Stück Stoff von der Leine nimmt, steht er direkt vor ihr. Dürr und ausgemergelt wie die Pflanzen im Garten. Eine schwarze Sonnenbrille in dem bleichen Gesicht. Das Tuch entgleitet ihr und fällt zu Boden.
Julian!
Er sagt nichts, steht nur da. Seine Augen sind hinter den dunklen Gläsern verborgen. Sie tritt auf das Laken, geht auf ihn zu und umarmt ihn. Er lässt es geschehen.
Komm, wir gehen rein!
Sie zieht ihn hinter sich her ins Haus. Hier ist es kühler.
Willst du was trinken? Hast du Hunger?
Er lässt sich auf einen Stuhl fallen. Den auf der linken Seite, dort hat er immer gesessen.
Nur Wasser, danke.
Sie nimmt ein Glas aus dem Schrank, schenkt ihm ein.
Du solltest was essen!
Er schüttelt den Kopf.
Geht es dir gut, wo wohnst du?
Sie könnte eine Pizza aufbacken, das geht schnell. Oder Carbonara machen. Würstchen sind auch im Kühlschrank.
Ich komm klar, mach dir keine Sorgen!
Sie holt ein paar Kekse aus dem Schrank, stellt sie auf den Tisch. Er nimmt die Sonnenbrille nicht ab. Seine Finger, die das Glas umklammern, sind ungepflegt, die Nägel zu lang und schmutzig. Das T-Shirt hat Flecken, die Jeans ebenfalls. Schlimmer sind die auf seinem Handrücken.
Willst du ein Bad nehmen? Dann musst du dich beeilen, dein Vater kommt in einer Stunde.
Er schüttelt wieder den Kopf.
Hast du vielleicht ein frisches T-Shirt?
Sie hat frische Shirts, hat all seine Sachen aufbewahrt, die er nicht mitgenommen hat. Sie liegen im Schrank, oben in seinem Zimmer. Ihr Mann wollte das Zimmer zum Büro umfunktionieren, aber sie hat sich geweigert. Und sich dieses Mal durchgesetzt. Es ist noch alles, wie es war. Wenn sie nach oben geht, um es zu holen, wird Julian weg sein. Er weiß, wo sie das Geld aufbewahrt. Ein paar Scheine, für den Markt oder einen Notfall, man weiß ja nie. Im Küchenschrank in der Blechdose hinter dem Kaffee. Sie sieht ihn an, tausend Fragen schießen ihr durch den Kopf. Sie möchte etwas sagen, ihn nochmal umarmen. Julian sitzt am Tisch und wartet.
Sie nickt, erhebt sich und geht schwerfällig die Treppe hinauf. Oben in seinem Zimmer räumt sie seine Sachen in den großen braunen Lederkoffer. T-Shirts, Pullover, Hosen, alles. Nimmt die Bilder und Fotos von der Wand. Unten hört sie die Tür zuschlagen.
Sie setzt sich auf das Bett und streicht über das Laken. Kurz ausruhen. Sie muss die Wäsche noch reinholen. Dann die Hortensien wässern.

 

Hallo Jaylow,

eine kurze Geschichte, die viel zwischen den Zeilen erzählt. Ich habe sie sehr gern gelesen.

Besonders gelungen finde ich, wie Julian und seine Mutter größtenteils alltägliche Sätze zueinander sagen, aber jeder davon trägt in der Situation eine große Bedeutung, fast wie ein Code zwischen den beiden. Das ist so gut gemacht, dass du, glaube ich, den Text sogar noch mehr in die Richtung zuspitzen und verdichten könntest (wenn du möchtest, und es dir dann nicht zu obskur wird).

Geht es dir gut, wo wohnst du?
Sie könnte eine Pizza aufbacken, das geht schnell. Oder Carbonara machen. Würstchen sind auch im Kühlschrank.
Ich komm klar, mach dir keine Sorgen!
Das ist so direkt, dass es fast schon heraussticht aus dem Rest des indirekten und subtilen Dialogs zwischen Julian und seiner Mutter. Du könntest probieren, wie es wirkt, wenn die laut ausgesprochenen Sätze sich hier auch auf "Hast du Hunger?" – "Nein, keine Sorge" beschränken würden und der Rest nur mitschwingt.

Auch die Hinweise auf den Vater könnten für mich etwas indirekter bleiben – das würde mir als Leserin mehr Raum geben, mir selbst eine Vorstellung von ihm zu machen.

Willst du ein Bad nehmen? Dann musst du dich beeilen, dein Vater kommt in einer Stunde.
Hier würde mir z.B. sowas reichen wie: "Willst du ein Bad nehmen? Sie schaut zur Wanduhr. Julian müsste sich beeilen."


Potentielle weitere Streichkandidaten:
"Ihr Mann wollte das Zimmer zum Büro umfunktionieren, aber sie hat sich geweigert."
"Sie sieht ihn an, tausend Fragen schießen ihr durch den Kopf."

Für mich würden die letzten Abschnitte auch gut ohne die Sätze funktionieren.
So bliebe auch offener, ob das hier eine einmalige Ausnahmesituation ist, oder ob Julian schon öfter mal aufgetaucht ist und es fast schon sowas wie eine Routine zwischen den beiden ist. Dass die Mutter Julians Absichten sofort durchschaut, und dass sie hinterher in der Lage ist oder zumindest versucht sich so extrem schnell wieder auf die Hortensien und die Wäsche zu fokussieren, würde ich als Hinweis darauf lesen, dass das Ganze hier vielleicht nicht zum ersten Mal passiert ist, was ich eine interessante Option fände. Die "tausend Fragen", die ihr durch den Kopf schießen, passen dagegen nicht so gut zu dieser Lesart.

Perfekt finde ich den gesamten ersten Absatz. Die Wäsche die sich "träge" im Wind bewegt, die "müden" Hortensien, kann ich mir super bildlich vorstellen. Und die Laken bilden das ideale Setting, hinter dem Julian plötzlich auftauchen kann, wie eine vermisst geglaubte Person in einer Filmszene.

Viele Grüße
labaava

 
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Hallo @Jaylow

Der Text und die darin geschilderte Situation haben mir sehr gut gefallen. Ich lese es so, dass sich die Mutter aus Liebe zu ihrem Sohn sogar von ihm bestehlen lässt bzw. vielleicht auch schon in der Vergangenheit hat lassen. Die Ausgangslage finde ich richtig interessant und stark. Dass er da so abgewrackt bei ihr erscheint, finde ich auch gut, es öffnet den Raum für Interpretation, was mit ihm geschehen ist. Aufgrund seines Erscheinungsbilds könnte er an einer Drogensucht leiden. Abgesehen von den Flecken auf seinen Handrücken gibst Du keine weiteren Hinweise. Da seine Mutter nichts dergleichen sagt, bin ich mir nicht ganz sicher, ob meine Lesart aufgeht.

Allgemein hat mir auch die Stimmung des Textes gut gefallen, die wird richtig greifbar durch den sonnenverbrannten Garten, durch die körperliche Arbeit des Wäschehängens, oder auch an Stellen wie hier:

Sie tritt auf das Laken, geht auf ihn zu und umarmt ihn.
Das mit dem Treten auf das Laken ist ein schönes Detail, das mir gefallen und die Situation gut untermalt hat.

Ein paar kritische Anmerkungen:

Willst du ein Bad nehmen? Dann musst du dich beeilen, dein Vater kommt in einer Stunde.
Er schüttelt wieder den Kopf.
Hast du vielleicht ein frisches T-Shirt?
Sie hat frische Shirts, hat all seine Sachen aufbewahrt, die er nicht mitgenommen hat. Sie liegen im Schrank, oben in seinem Zimmer. Ihr Mann wollte das Zimmer zum Büro umfunktionieren, aber sie hat sich geweigert. Und sich dieses Mal durchgesetzt.
Der Vater wird sehr spät eingeführt und ich habe den Eindruck, in der aktuellen Form wirkt die Figur eher entbehrlich. Oder soll die irgendwie Druck auf Julian erzeugen (dein Vater kommt in einer Stunde)? Wenn dem so ist, würde ich versuchen, den Vater und seine Rolle besser bzw. deutlicher aus dem Text sprechen zu lassen. Steht er für eine Bedrohung, soll er als Gegensatz zur Mutter fungieren, oder ist er gar der Grund für Julians Verhalten? Die Fragen müssen nicht beantwortet werden, sollten sich für mich aber etwas deutlicher aus dem Text ergeben. Aus der Passage hier wird der Vater für mich nicht greifbar, dass sich die Mutter gegen ihn durchsetzen konnte, sagt eher etwas über sie aus, als über ihn. Weshalb mir der oben zitierte Abschnitt -- bezogen auf den Vater -- momentan eher überflüssig als plotrelevant erscheint.

Sie sieht ihn an, tausend Fragen schießen ihr durch den Kopf.
Das hier untergräbt für mich die bis hierhin etablierte Routine. Es las sich für mich so, dass der Sohn nicht zum ersten Mal 'zu Besuch' ist. Auch die Reaktion der Mutter habe ich so empfunden, als wisse sie Bescheid, was mit ihrem Sohn geschehen ist. Also dass sie sich halt damit abgefunden hat. Hier bekomme ich dann eher das Gegenteilige vermittelt.

Er weiß, wo sie das Geld aufbewahrt. Ein paar Scheine, für den Markt oder einen Notfall, man weiß ja nie. Im Küchenschrank in der Blechdose hinter dem Kaffee.
Falls Du an ein wenig Kürzung noch interessiert bist, wäre das hier vielleicht ein Satz. Das Versteck charakterisiert die Frau nicht, es ist ein sehr naheliegendes Versteck, beinahe ein klischeehaftes, deshalb finde ich, der Leser muss das gar nicht so genau wissen. Wichtig ist, dass der Sohn weiss wo sie es versteckt und das steht ja klipp und klar am Anfang dieser Passage.

Sie nickt, erhebt sich und geht schwerfällig die Treppe hinauf. Oben in seinem Zimmer räumt sie seine Sachen in den großen braunen Lederkoffer. T-Shirts, Pullover, Hosen, alles. Nimmt die Bilder und Fotos von der Wand. Unten hört sie die Tür zuschlagen.
Wenn meine Einschätzung zutrifft, dass der Sohn nicht zum ersten Mal zurückgekehrt ist, finde ich, verläuft das Gespräch etwas zu glatt, bzw. müsste es ja für sie irgendwo einen Kipppunkt gegeben haben, wo sie sich entschlossen hat, sein Zimmer nun doch auszuräumen. Das ist ein starker Moment, aber den Auslöser sehe ich noch nicht und ich denke, da wäre allenfalls noch Potential. Also im Gespräch könnte auch subtil mitschwingen, was mit dem Sohn geschehen sein könnte. Die Mutter fragt nicht, also muss sie es wissen. Ich fände es toll, wenn dieses Wissen angedeutet würde. Also gerade was die Emotionen der Figuren anbelangt, denke ich, könntest Du im Dialog noch mehr herausholen, dann passt es hier dann auch besser, warum die Mutter nun abschliesst (ausser halt, es ist aus endgültiger Resignation, aber selbst das könnte vielleicht etwas besser vorbereitet werden).

Dies soweit von meiner Seite. Gerne gelesen, und weiter so!

Beste Grüsse,
d-m

 

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