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Die Revolution des Alfred Schrader

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05.07.2020
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Die Revolution des Alfred Schrader

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Aus für alle Beteiligten unerfindlichen Gründen hatte der Hahn vom alten Martin Traubel beschlossen, den nahenden Tag immer schon einige Stunden im Voraus anzukündigen. Traubel, der neben einem tiefen Schlaf auch mit den zweifelhaften Vorzügen einer an der Schwelle zur Taubheit kratzenden Schwerhörigkeit gesegnet worden war, bekam von den neuesten Aktivitäten seines Hahns natürlich nichts mit. Sein Nachbar Alfred Schrader hatte jedoch die besseren Ohren, deutlich schlechtere Schlafgewohnheiten und war über die ganze Sache dementsprechend not amused. Schrader hatte, nachdem er zwei äußerst kurze Nächte in der stetig schrumpfenden Hoffnung zubrachte, das Tier würde vielleicht von sich aus wieder zur Räson kommen, damit begonnen an die Vernunft des Hahns zu appellieren.
Bemüht freundlich wies er das Tier darauf hin, dass es eigentlich noch zu früh war ein derartiges Spektakel zu veranstalten und bat darum, der Hahn möge sich doch am gängigen Arbeitsrhythmus seiner Artgenossen orientieren. Schrader rechnete natürlich nicht ernsthaft damit, dass das betreffende Federvieh ihn verstand, hegte aber doch zumindest die leise Hoffnung, dass vielleicht seine beruhigende und friedliche Stimmlage mit der er die Bitte vortrug, einen positiven Effekt auf das Tier haben könnte und vielleicht sogar dafür sorgte, dass es sich in Zukunft ein wenig zusammennahm. Doch er musste leider feststellen, dass der Hahn offensichtlich wenig beeindruckt von seinem Vortrag war und keinerlei Anstalten dahingehend unternahm, auch nur irgendetwas an seinem Verhalten ändern zu wollen. Stattdessen fuhr er unbeirrt damit fort, zu einer Uhrzeit zu krähen, die wirklich jeder Beschreibung spottete und die Schrader mittlerweile zunehmend persönlich nahm.
Der Versuch, seinen Nachbarn Martin Traubel auf das fragwürdige Verhalten seines Hahns hinzuweisen, scheiterte buchstäblich daran, dass Traubel nicht verstand, was sein Nachbar von ihm wollte. Schrader, dem mittlerweile mehr und mehr die Geduld schwand, brach diesen Versuch schließlich ab und ließ den irritierten Traubel am Gartenzaun stehen. Nachdem er aber selbst mit unverhohlenen Drohungen unter Verweis auf das Konzept von Aktion und Reaktion, die er des Nachts dem krähenden Hahn von seinem Schlafzimmerfenster aus wütend zurief, nicht weiterkam, eskalierte die Situation schließlich in der Nacht auf den zwölften Mai.
Schrader hatte, in seinem Bett stehend wohlgemerkt, beschlossen, seine bisherigen Versuche, auf diplomatischem Wege eine Einigung erzielen zu wollen, mit sofortiger Wirkung einzustellen. Dieser Hahn, der vermutlich direkt aus der Hölle gekommen war, hatte offensichtlich bereits vor längerer Zeit seinerseits entschieden, den Boden jedweder vernunftbasierten Kommunikation verlassen zu wollen, und sollte jetzt sehen, was er davon hatte.

So kam es, dass ein einigermaßen irritierter Hahn Alfred Schrader dabei beobachten konnte, wie dieser im Schlafanzug und mit einem Gartenrechen in der Hand über den Zaun geklettert kam. Da nicht davon auszugehen war, dass dieser seltsame Mensch angetreten war, um im Mondschein ein paar Blätter zusammenzukehren, vermutete der Hahn, dass womöglich feindliche Absichten im Spiel waren. Die zerzausten Haare, das hochrote Gesicht und der über dem Kopf erhobene Rechen schienen diese Einschätzung zu stützen. Allerdings hatte der Hahn aufgrund seines fortgeschrittenen Alters in letzter Zeit nicht nur erhebliche Probleme mit der korrekten Uhrzeitbestimmung gehabt, sondern war im Allgemeinen auch etwas träge. Insbesondere wenn es darum ging, schnelle Entscheidungen treffen zu müssen. Nur kurze Zeit, nachdem er schwerfällig damit begonnen hatte, die Vor- und Nachteile einer Flucht gegen einen Kampf mit einem möglicherweise überlegenen Gegner abzuwägen, wurde er bereits von einem beherzten Schlag mit dem Rechen niedergestreckt. Schrader war mindestens so überrascht wie der Hahn, denn er hatte fest damit gerechnet, dass sein gefiederter Widersacher zumindest irgendeinen Schritt unternehmen würde, um dem herabsausenden Gartenrechen auszuweichen. Doch es sah beinahe so aus, als ob der Hahn in sich gegangen und nach kurzer Sichtung der Faktenlage zu dem Schluss gekommen war, die Konsequenzen seines Handelns klaglos annehmen zu wollen. So oder so, er war nicht mehr.
Betreten betrachtete Schrader das tote Tier zu seinen Füßen. Das war nun doch anders gelaufen, als er sich das vorgestellt hatte. Der Versuch, das Ganze unter pragmatischen Gesichtspunkten zu betrachten, schließlich war es ihm immerhin gelungen, seinen Standpunkt unmissverständlich klar zu machen, scheiterte. Stattdessen besah er sich die Fakten. Er stand im Schlafanzug und mitten in der Nacht im Garten seines Nachbarn und hatte soeben dessen Hahn erschlagen. Dass, so war sich Schrader ziemlich sicher, würde mindestens zu einigen kritischen Nachfragen führen und er fühlte sich im Moment wirklich nicht in der Lage, adäquate Antworten bieten zu können. Alfred Schrader beschloss daher, für den Moment einen geordneten Rückzug anzutreten. In geduckter Haltung, den Gartenrechen über der Schulter und mit einem ziemlich schlechten Gewissen kletterte Schrader zurück über den Zaun und schlich nach Hause.

Da an Schlaf in dieser Nacht ohnehin nicht mehr zu denken war, hatte er beschlossen sein angeschlagenes Nervenkostüm mit etwas Schnaps zu beruhigen. Nachdem er sein Glas zum Andenken an den kürzlich verstorbenen Hahn erhoben hatte, denn er war immer noch ziemlich beeindruckt von dessen stoischer Gelassenheit im Angesicht des Todes, kam er zu dem Schluss, dass es wohl an der Zeit war, sich einige Gedanken grundlegender Natur zu machen. Was, zur Hölle, war eigentlich mit ihm los? Er war immerhin ein erwachsener Mann jenseits der fünfzig! Es galt einen ungeschönten Blick auf seine aktuellen Lebensumstände zu werfen, um zu sehen, was da im Argen lag. Entschlossen suchte Schrader Stift und Papier, denn er hatte sich überlegt, dass es wohl das Beste wäre, eine Art Liste anzufertigen, mit Dingen, die seiner Meinung nach gut liefen und Dingen, an denen er zukünftig arbeiten wollte. Dann, so dachte er, konnte er zumindest grob einsortieren, wo er so stand im Leben. Beschwipst und mit einer leichten Euphorie gratulierte er sich selbst für diese eigentlich schon längst überfällige Idee. Er trank einen weiteren Schnaps, schüttelte sich und machte sich mit frischem Mut und geröteten Wangen ans Werk.

Bereits nach einigen wenigen Minuten stellte er die Vorteile seiner soeben angefertigten Liste grundlegend infrage. Im Groben sah es nämlich folgendermaßen aus. Zur eigenen Erschütterung musst er konstatieren, dass er wahrscheinlich spontan und über Nacht, zu einem einsamen Mann jenseits der fünfzig und mit schwindendem Haupthaar verkommen war. Seine sozialen Kontakte beschränkten sich im Wesentlichen auf seine Arbeitskollegin Frau Dürer aus der Bank die sich, wie er vermutete, bereits jenseits der achtzig bewegte und offensichtlich anstrebte, eines nicht mehr allzu fernen Tages in Erfüllung ihrer Pflichten am Bankschalter dahinzuscheiden, sowie aus Martin Traubel, seinem schwerhörigen Nachbarn. Wobei, diese Beziehung aufgrund der jüngsten Ereignisse einer echten Belastungsprobe entgegen schlitterte. Ebenfalls düster verhielt es sich mit seinen Hobbys. Denn nachdem er darüber nachgedacht hatte, fiel ihm auf, dass er gar keine zu haben schien. Zumindest fielen ihm keine ein, was vermutlich ein eher schlechtes Zeichen war. Seinen Kater Danton hatte er zuerst auf der „Haben“-Seite seiner Liste einsortiert, musste aber, nachdem er nochmal darüber nachgedacht hatte zugeben, dass das so einfach auch nicht war. Danton war selbst für einen Kater, denn diese Wesen sind ja alle irgendwie speziell, wirklich außerordentlich eigensinnig. Irgendwie hatten sie beide es bisher nicht so richtig geschafft, eine harmonische Ebene zu finden, und Schrader war mehr als einmal von einem katzenartigen Schemen mit scharfen Krallen attackiert worden, nur um danach erschüttert in seinem Schlafzimmer Zuflucht zu suchen. Jedenfalls war er meist darum bemüht, seinem seltsamen Haustier, von dem er nicht wusste, was er zu halten hatte, aus dem Weg zu gehen.
Beruflich sah es auch nicht besser aus. Seit über dreißig Jahren arbeitet er in der kleinen Bank im Ort. Unterhielt sich über die immer gleichen Dinge mit Frau Dürer und bediente die immer gleichen Kunden. Bisher war ihm allenfalls unterbewusst aufgefallen, wie stupide das Ganze eigentlich war. Nun aber, wo die Dinge offen auf dem Tisch lagen, ging ihm auf, dass dieser Stumpfsinn ihn ohne jeden Zweifel früher oder später in den Wahnsinn treiben würde. Mit Blick auf die Ereignisse dieser Nacht korrigierte er seine Einschätzung dahingehend, dass er vermutlich schon ein ordentliches Stück auf diesem Pfad beschritten hatte. Vielleicht, so grübelte er, verhielt es sich mit ihm und dieser Bank wie mit diesen armen Fröschen, von denen er einmal gelesen hatte. Die man in kaltes Wasser setzte, nur um dann langsam die Temperatur in den Kochtöpfen zu erhöhen bis die Frösche im wahrsten Sinne des Wortes gar waren, ohne es zu bemerken. Vielleicht war er auch schon kurz davor gar zu sein. Medium sozusagen. Und die Bank, dieses furchtbare Gemäuer, war so etwas wie sein Kochtopf.

Schrader besah sich die Liste. Ein Schriftstück, dass ihm ohne falsche Rücksichtnahme offenbarte, dass er wohl an der einen oder anderen entscheidenden Weggabelung seines Lebens falsch abgebogen war. Da er sich, es sei denn man brachte ihn um seinen Schlaf, in der Regel für einen rationalen Menschen hielt, versuchte er diese, zugegeben ziemlich unschönen Erkenntnisse in etwas Sinnvolles umzuwandeln. Mit einem Seufzen nahm er sich ein Blatt zur Hand und schrieb, ohne lange zu zögern:
Selbstaufgabe
Um nichts anderes ging es hier. Das war ihm nun klar geworden. Wenn er weiter machte wie bisher, würde er seine Wünsche und Hoffnungen, sich selbst und Dinge, die ihm bis zum jetzigen Zeitpunkt in ihrer Dringlichkeit nicht einmal im Ansatz bewusst gewesen waren, aufgeben. Das war traurig aber eben auch bequem. Das Leben würde wie bisher, wie alles, selbst seine Scheidung vor ein paar Jahren auf eine merkwürdig unaufgeregte Art und Weise dahinplätschern. Es würde sich nichts ändern und wenn er ehrlich war, war das nicht einmal so schlecht, wie es klang. Denn wenn man sich erst einmal damit abgefunden hatte, ein einsamer Mann jenseits der fünfzig, mit schwindendem Haupthaar, überschaubaren sozialen Kontakten und einem Job zu sein, der in manchen dunklen Stunden in seiner Sinnlosigkeit den Aktivitäten eines gewissen Sisyphos gleich zu kommen schien, dann war das zwar alles immer noch nur schwer zu ertragen, aber man dachte nicht mehr so viel darüber nach. Das war ohnehin der Trick. Solange man sich nur Mühe gab, bloß nicht allzu viel über dies oder jenes nachzudenken, kam man eigentlich ganz gut zurecht. So war zumindest Schraders Erfahrung gewesen. Man durfte nur unter gar keinen Umständen den Fehler begehen, zu erörtern was „gut“ in diesem Zusammenhang eigentlich bedeutete. An dieser Stelle verdunkelte sich Schraders Gesicht.
Es sah nun einmal so aus, dass Schrader über diesen Punkt hinaus war. Selbstaufgabe hatte er in den vergangenen Jahren bereits mit all ihren Folgen zu Genüge praktiziert. Daran festzuhalten würde vermutlich einem Selbstmord auf Raten gleich kommen. Denn wer weiß, vielleicht würde er sich beim nächsten Mal nicht mit einem renitenten Hahn, sondern stattdessen mit einem ausgewachsenen Stier anlegen, in der unausgesprochenen Hoffnung, sein überlegener Gegner möge seiner ganzen traurigen Existenz doch an diesem Punkt einfach ein schnelles Ende bereiten. Er goss sich einen weiteren Schnaps ein. Der Alkohol entfaltete mittlerweile spürbar seine Wirkung und dennoch hatte Schrader sich selten so klar gefühlt. Er nahm ein weiteres Blatt zur Hand und schrieb ohne Umschweife:
Ausbruch
Dann hob er sein Glas, um erneut auf den Hahn zu trinken. Dieser seltsame Vogel war soeben trotz seiner nicht wegzudiskutierenden Unzulänglichkeiten noch einmal gewaltig in Schraders Ansehen gestiegen. Denn nicht zuletzt dank ihm, wusste er nun, was zu tun war.

Als die Dämmerung wenig später einsetzte, begann ein denkwürdiger Tag in der jüngeren Geschichte des Ortes.


2​
Frau Dürer, die sich selbst zwar immer schon mindestens eine halbe Stunde vor offiziellem Arbeitsbeginn in den heiligen Hallen der Bank einfand, war einigermaßen überrascht, an diesem Montagmorgen Alfred Schrader zu sehen, als dieser den Eingangsbereich betrat. Denn zum einen war es noch einige Minuten vor acht und zum anderen hatte sich Frau Dürer in ihrem Kalender notiert, dass sich geschätzter Arbeitskollege den heutigen Tag freigenommen hatte. Etwas, was sie selbst zwar nur äußerst ungern zu tun pflegte. Aber im Laufe der Zeit hatte sie gelernt, ihren Unmut über derlei schamlos zur Schau getragenen Müßiggang, ihrer Arbeitskollegen zu verbergen. Alfred Schrader nun etwas unentschlossen wirkend im Eingangsbereich zu beobachten, ließ Frau Dürer die Stirn runzeln. Konnte es etwa sein, dass sie sich im Tag geirrt hatte? Dieser geradezu absurde Gedanke hätte Frau Dürer beinahe dazu hingerissen, ihre Lippen zu einem Grinsen zu verziehen. Doch mit dem Grinsen hielt es Frau Dürer wie mit der Freizeit, es war ihre Sache nicht. Natürlich hatte sie sich nicht im Tag geirrt! Stellte sich also die Frage, was er dann hier wollte? Die ohnehin schon beachtlichen Falten auf ihrer Stirn wurden von stolzen Hügeln zu gewaltigen Bergen. Frau Dürer schätzte es ganz und gar nicht, wenn sich die Dinge anders verhielten, als zu erwarten gewesen wären. An einem dunklen Tag in den 60er Jahren, den sie am liebsten aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz getilgt hätte, war einmal eine junge Frau mit ihrer Tochter in der Filiale erschienen und Frau Dürer hätte in einem Moment der Schwäche beinahe hörbar die Luft eingesogen als sie sah, dass das kleine Mädchen doch tatsächlich eine Hose trug. Selbstverständlich wusste Frau Dürer nicht näher darüber Bescheid, welche vermutlich ernsthaften Probleme in der Familie herrschten, aber eine Jungshose für ein kleines Mädchen? Das ging entschieden zu weit! Natürlich änderten sich die Kleidervorstellung in den darauf folgenden Jahren dramatisch und selbst Frau Dürer hatte sich zähneknirschend damit abgefunden, dass auch Frauen mittlerweile Hosen trugen, ohne dabei vor Scham im Boden zu versinken, aber an diesem Tag hatte diese offensichtliche Unordnung der Dinge Frau Dürers gesamten Tagesablauf durcheinandergebracht. Sie hatte sich gleich mehrere Rechtschreib- und Überweisungsfehler erlaubt und späteren Tagesverlauf sogar ein Tintenfass umgestoßen. Nur durch ein beherztes Eingreifen Alfred Schraders waren damals einige sehr wichtige Dokumente gerettet worden. Ein furchtbarer Tag, nicht nur in der Retrospektive und nun schien sich hier schon wieder so ein merkwürdiger und ja, sie schämte sich nicht, die Tatsache zu benennen, geradezu gefährlicher Bruch mit der natürlichen Ordnung anzukündigen. Nicht nur, dass Schrader gar nicht hier sein sollte, er trug zu allem Überfluss auch noch geschmacklose Freizeitkleidung und hatte aus Gründen, die sich ihr momentan nicht erschlossen eine große Stofftasche bei sich.
Er kam nun mit schnellen Schritten und einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht auf sie zu und bevor sie selbst die Initiative ergreifen konnte, um ihn mit einem angemessen missbilligenden „Guten Morgen Herr Schrader“ darauf hinzuweisen, dass erstens sein äußeres Erscheinungsbild mitnichten dem Hausstandard entsprach und zweitens seine Anwesenheit an diesem Morgen weder erwartet noch erwünscht worden war, hatte er seinerseits bereits das Wort an sie gerichtet. Scheinbar hatte sie ihn aber nicht richtig verstanden was sie, ebenfalls entgegen aller sonstigen Routine aber wen scherte hier überhaupt noch irgendetwas, dazu nötigte, sich leicht nach vorne zu beugen, um noch einmal nachzufragen. Sie hatte sich, erwartbarer Weise doch nicht verhört. Stattdessen musste sich dieser Schrader im Laufe des Wochenendes einen sehr bedenklichen Sinn für Humor angewöhnt haben. Anders konnte sie sich den geradezu grotesken Inhalt des soeben Gehörten nicht erklären. Allerdings irritierte Frau Dürer zunehmend, dass Schrader keinerlei Anzeichen machte, dass es sich bei dem, was er soeben gesagt hatte, um irgendeine Art missratenem Witz handeln konnte. Er blickte sie nur ernst an.
„Das ist ein Banküberfall. Das Geld bitte Frau Dürer.“
Er hatte es wieder gesagt und dieses Mal bestand keine Chance, dass sie sich verhört haben konnte. Alfred Schrader, ihr stets auf eine beruhigende Art von einer Leidenschaftslosigkeit erfüllte Arbeitskollege war im Begriff die Bank, gewissermaßen ja auch seine Bank, zu überfallen! Noch während Frau Dürer damit beschäftigt war diese unerwartete Wendung des frühen Tages in ihr bröckelndes Weltbild einzusortieren, zog Alfred Schrader eine uralte Pistole aus seiner Jackentasche.


3​
Nachdem Frau Dürer die Pistole in Schraders Hand erblickt hatte und beim besten Willen kein Zweifel mehr darin bestehen konnte, was hier gerade ablief, war sie zu der Überzeugung gelangt, die derzeitigen Ereignisse erforderten einer angemessenen Reaktion ihrerseits. Daher hatte sie beschlossen, dass was sich vor ihren Augen abspielte schlicht nicht akzeptieren zu wollen. Es war nicht so, dass sie nicht wahrnahm was der, in ihrer Gunst soeben erheblich gefallene Arbeitskollege vorhatte, oder dass sie es nicht verstand. Sie war nur zu der persönlichen Überzeugung gelangt, dass es wohl das Beste wäre es nicht zu akzeptieren. Denn, so ihr Gedankengang, würde sie dieser völlig absurden Eskalation zu viel Wirkmächtigkeit einräumen, bestand die reelle Gefahr, dass ihr auf Ordnung und Vorhersehbarkeit aufgebautes Weltbild ernsthaften Schaden nehmen konnte. Ihr Verstand hatte daher die notwendigen Maßnahmen in die Wege geleitet, alle Gedankengänge in dieser Richtung untersagt und angeordnet, sich tunlichst so zu verhalten, als sei alles so wie immer.

Die Vorgänge in Frau Dürers Kopf waren mindestens so einschneidend, wie die Ereignisse in der Bank, führten aber dazu, dass Alfred Schrader plötzlich von einer sehr freundlichen Frau Dürer überrumpelt wurde, die ihm mit entrücktem Blick versicherte, dass sie sich selbstverständlich sofort darum kümmern werde, das Geld zu besorgen. Weiterhin tadelte sie den verdutzten Schrader, da dieser ja vermutlich das notwendige schriftliche Bestätigungsschreiben des Bankdirektors für derart einschneidende Finanztransaktion zuhause vergessen hatte. Sie wolle aber mal nicht so sein und gedenke, ihm das Geld trotzdem zu überlassen. (An dieser Stelle kam es innerhalb des Kopfes von Frau Dürer beinahe zu einer Revolte einiger unbeirrbarer Gedankenstränge, die darauf pochten, dass dieser Vorgang aber nun wirklich nicht den formalen Vorgaben des Bankwesens entsprach. Aber die Mahner wurden von der Gehirnleitung sofort brutal niedergekämpft). Natürlich müsse sie aber trotz allem darauf bestehen, dass Alfred Schrader eine Quittung unterschreibe.

Schrader, der mit vielem aber nicht mit einer derartigen Reaktion gerechnet hatte, unterschrieb die Quittung, die ihm die geschäftsmäßig dreinschauende Frau Dürer hinhielt, widerstandslos und war zwei Minuten später damit beschäftigt, große Mengen Geldbündel in seine Stofftasche zu packen. Während er Bündel um Bündel in den Sack stopfte, kamen ihm allerdings erste Zweifel, ob sein Überfall wohl dem allgemeinen Bankraubstandard entsprach. Zugegeben, er war nicht vom Fach aber, dass er soeben eine Quittung unterschrieben hatte, machte ihn misstrauisch. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr schien sein Banküberfall, einer eingehenden Überprüfung nicht wirklich standzuhalten. Ein schlimmer Verdacht keimte in ihm auf. War er womöglich im Moment gar nicht dabei, seinen verhassten Arbeitsplatz zu überfallen, sondern lediglich im Begriff, eine mit gewissen Formfehlern behaftete Geldtransaktion vorzunehmen?
Schrader hielt inne. Es war nicht zu fassen. Sein Leben, vom Beginn seiner Geburt bis zum gestrigen Abend war geradezu schockierend gleichförmig dahingeplätschert. Und jetzt, nachdem ihn nicht zuletzt dieser todesverachtende Hahn dazu gebracht hatte, aus dieser alles verzehrenden Gleichförmigkeit auszubrechen, indem er eine Bank überfiel, etwas was sich in seinem begrenzten Erfahrungshorizont nun einmal am weitesten weg von jeglicher sonstigen Routine seines Lebens bewegte, fand er sich dabei wieder, wie er dafür doch tatsächlich eine Quittung unterschrieb!

Frau Dürer sah ihn höflich aber bestimmt in der Erwartung an, dass er, nachdem er erhalten habe wonach er gefragt hatte, doch nun bitte die Bank verlassen solle. Schrader tat ihr den Gefallen, drehte sich um und schlurfte geknickt in Richtung Ausgang. Zwei Besucher kamen in die Bank, nahmen an ihm aber keinen weiteren Anstoß, was ihm einen zusätzlichen schmerzhaften Stich in der Herzgegend versetzte. Er war geschlagen. Bevor er die Bank verließ, holte er noch einmal die Pistole hervor. Er wusste gar nicht, ob diese alte Ding überhaupt funktionierte. Er hatte sie in einem Schrank, den er einmal auf dem Flohmarkt gekauft hatte, unter einem Holzverschlag gefunden. Vermutlich das Überbleibsel irgendeines greisen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, zumindest dem Alter der Waffe nach. Gedankenverloren richtete Schrader die Waffe gen Decke und drückte ab. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte, Schrader ließ vor Schreck seine Stofftasche fallen, aus der einige Geldbündel kullerten, die beiden Besucher schrien panisch auf und von der Decke rieselte etwas Putz. Nur Frau Dürer, hielt sich aufrecht hinter ihrem Schalter und tat so, als ob sie nichts gehört hätte.

Es braucht vermutlich nicht viel Vorstellungskraft sich auszumalen, was das Abfeuern einer Schusswaffe innerhalb einer Bank so alles nach sich zieht. Jedenfalls hätten die allermeisten an Schraders Stelle vermutlich die Beine in die Hand genommen und zugesehen, dass sie Land gewinnen. Schrader aber nicht, denn er verbrachte wertvolle Minuten mit dem Versuch, die beiden in ihren Grundfesten erschütterten und kreidebleichen Besucher zu beruhigen und sich für die verursachten Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Seine Versuche verliefen aber nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass er immer noch mit der Pistole herumfuchtelte, größtenteils im Sande.
Der abgefeuerte Schuss hatte indes nicht nur innerhalb der Bank für einige Bestürzung gesorgt, sondern auch die Passanten vor dem Gebäude dazu veranlasst, doch lieber ihre Schritte etwas zu beschleunigen. Es dauerte auch nicht lange, bis sich ein aufrechter Bewohner Braunschlags ein Herz nahm, um den örtlichen Polizeiposten darüber in Kenntnis zu setzen, dass da irgendetwas Komisches in der Bank vor sich ging. Auf die verhaltene Nachfrage, was er denn mit komisch meinen würde, druckste der einsilbige Anrufer zunächst etwas herum und brummte dann etwas von einem lauten Knall. Der Polizist am anderen Ende der Leitung wurde mit einem Mal sehr ernst.

Schrader war immer noch damit beschäftigt den beiden verängstigten Besuchern sowie einer zunehmend abwesend erscheinenden Frau Dürer zu erklären, dass er den Schuss keinesfalls abgegeben habe, um irgendeine Art Bedrohungsszenario aufzubauen, sondern lediglich, um zu überprüfen, ob die Pistole noch funktionstüchtig sei. Gleichwohl gestand er selbstkritisch ein, dass er damit wirklich hätte abwarten können. Aber es waren in den letzten Stunden wahrlich einige Dinge geschehen, die ihn immer noch ziemlich in Beschlag nahmen und er hoffe daher auf das Verständnis der Betroffenen. Die beiden Besucher rückten ein wenig enger zusammen und drückten anhand ihrer verstörten Gesichter aus, dass sich hier zumindest im Moment keine fruchtbare Konversation entspannen würde. Und auch Frau Dürer schien auf nicht absehbare Zeit mit tiefgreifenderen Problemen beschäftigt zu sein. Schrader beschloss, dass es besser an der Zeit war das Feld zu räumen, zumal er eine Polizeisirene hören konnte. Er brach seine unfruchtbaren Versuche, die Wogen glätten zu wollen, endgültig ab, stopfte das Geld zurück in die Tasche und trat, nachdem er den Anwesenden ein letztes Mal aufmunternd zugelächelt hatte, hinaus ins Freie.


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Zwei Gedanken kamen ihm, als er aus der Bank trat, und ließen ihn trotz der allgemeinen Anspannung lächeln. Er hatte es geschafft. Er hatte den Bruch vollzogen und wenn am Ende auch nur durch eine versehentlich abgefeuerte Pistole. Es gab jetzt kein Zurück mehr in sein altes Leben und egal wie das alles ausging, hatte er seiner bisherigen Existenz eine entscheidende Wende verpasst. Zudem hatte er seit Neuestem eine Tasche voll Geld in seinem Besitz, was so schlecht auch nicht war. Die Welt stand ihm offen. Ein ungewöhnliches und beinahe vergessenes Gefühl breitete sich in ihm aus. Das Gefühl, zum ersten Mal seit langer Zeit das richtige getan zu haben und eine leichte prickelnde Vorfreude auf das, was da noch kommen sollte. Vergnügt bog er um eine Ecke und dachte darüber nach, wie einfach es am Ende doch gewesen war, diesem ganzen eingerosteten Alten den Rücken zu kehren.

Nachdem er um die nächste Ecke bog, sah er sich einem uniformierten Polizisten gegenüber. Für einen kurzen Augenblick sagte keiner der beiden etwas, sie schauten sich nur an. Dann zog der Polizist eine Waffe, richtete sie auf den erstarrten Schrader und schrie:
„Sofort die Hände hoch! Tasche auf den Boden und Hände hoch!“
Doch Schrader tat nichts dergleichen. Blass und mit fest zusammengepressten Lippen stand er bloß da. Seine Hand umklammerte den Trageriemen der Stofftasche und er schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Sofort die Hände hoch!“
Schrader schüttelte nun deutlich sichtbar den Kopf und sagte mit leiser aber entschlossener Stimme:
„Nein. Dieser Teil ist vorbei.“
Dann ging er langsam an dem verdutzten Polizeibeamten vorbei und vollführte eine Geste, wie um dem Betreffenden einen guten Tag zu wünschen. Nach zehn Metern war sich Schrader ziemlich sicher, dass abgesehen von den zunehmend verzweifelt klingenden Rufen des Polizisten nichts weiter geschehen würde. Nach fünfzehn Metern traf ihn ein Schuss zwischen die Schulterblätter. Schrader taumelte, fing sich und setzte seinen Weg schwankend aber unbeirrt fort. Ein zweiter Schuss erklang und er stürzte auf den Boden. Dieses Mal ging er nicht weiter.

Die Revolution des Alfred Schrader war soeben abgesagt worden. Die Ordnung war durch einen zwar brutalen aber unvermeidlichen Akt wiederhergestellt und Frau Dürer stand immer noch hinter ihrem Schalter und verzog keine Miene während draußen mehr und mehr Sirenen erklangen.
 
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Hallo @Habentus ,

schon der erste Satz ist leider zum Aussteigen, selbst wenn es nur durch die Zeichensetzung verursacht wird.

Auch im weiteren Verlauf verwendest du teilweise lange Sätze, und die fehlenden Kommas sorgen nicht unbedingt für einen guten Lesefluss.

Ich habe dir mal aufgelistet, was mir in den ersten drei Absätzen aufgefallen ist. An der Stelle habe ich erstmal aufgehört, auch zeitlich bedingt, aber es hat mich auch inhaltlich nicht so richtig interessiert, wie es weitergeht.

Aber Texte Richtung Humor und Satire sind ja auch immer ein Wagnis, also schon mal Respekt, dass du es versuchst! Ist halt nicht ganz so mein Fall, aber die Sprache finde ich für das Thema schon mal angemessen.

Aus, für alle Beteiligten unerfindlichen Gründen, hatte der Hahn vom alten Martin Traubel beschlossen, den nahenden Tag immer schon einige Stunden im Voraus anzukündigen.
Kein Komma nach "Aus" ; bin mir auch nicht sicher, ob ein Komma nach "Gründen" kommt

Schrader hatte, nachdem er zwei äußerst kurze Nächten in der stetig schrumpfenden Hoffnung zubrachte, ...
Nächte

Schrader rechnete natürlich nicht ernsthaft damit, dass das betreffende Federvieh ihn verstand, hegte aber doch zumindest die leise Hoffnung, dass vielleicht seine beruhigende und friedliche Stimmlage mit der er die Bitte vortrug, einen positiven Effekt auf das Tier haben könnte und vielleicht sogar dafür sorgte, dass es sich in Zukunft ein wenig zusammennahm.
Die Einleitung der Nebensätze könntest du ein wenig variieren, nicht jeweils mit "dass" beginnen ; ein Komma nach "Stimmlage" ; außerdem würde ich diesen langen Satz in zwei oder drei Sätze unterteilen.

Schrader hatte, in seinem Bett stehend wohlgemerkt, beschlossen, seine bisherigen Versuche auf dem diplomatischen Wege eine Einigung erzielen zu wollen, mit sofortiger Wirkung einzustellen.
Ein Komma nach Versuche ; "dem" streichen ; diplomatischem

Die zerzausten Haare, das hochrote Gesicht und der über dem Kopf erhobene Rechen schien diese Einschätzung zu stützen.
schienen

Insbesondere wenn es darum ging schnelle Entscheidungen treffen zu müssen.
Komma nach "ging"

Nur kurze Zeit, nachdem er schwerfällig damit begonnen hatte, die Vor- und Nachteile einer Flucht gegen einen Kampf mit einem möglicherweise überlegenen Gegner abzuwägen wurde er bereits von einem beherzten Schlag mit dem Rechen niedergestreckt.
Komma nach "abzuwägen" ;
Ziemlich überraschend an dieser Stelle, so schnell hatte ich nicht damit gerechnet ;)

Dass, so war sich Schrader ziemlich sicher würde mindestens zu einigen kritischen Nachfragen führen und er fühlte sich im Moment wirklich nicht in der Lage, adäquate Antworten bieten zu können.
Komma nach "sicher"

Entschlossen suchte Schrader Stift und Papier, denn er hatte sich überlegt, dass es wohl das Beste wäre eine Art Liste anzufertigen, mit Dingen, die seiner Meinung nach gut liefen und Dingen, an denen er zukünftig arbeiten wollte.
Komma nach "wäre"

Soweit also meine Eindrücke, viele Grüße,
Rob
 
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Seinen Kater Danton hatte er zuerst auf der „Haben“-Seite seiner List[e] einsortiert, musste aber, nachdem er nochmal darüber nachgedacht hatte[,] zugeben, dass das so einfach auch nicht wahr. Danton war selbst für einen Kater, denn diese Wesen sind ja alle irgendwie speziell, wirklich außerordentlich eigensinnig. Irgendwie hatten sie beide es bisher nicht so richtig geschafft[,] eine harmonische Ebene zu finden[,] und Schrader war mehr als einmal von einem katzenartigen Schemen mit scharfen Krallen attackiert worden[,] nur um danach erschüttert in seinem Schlafzimmer Zuflucht zu suchen. Jedenfalls war er meist darum bemüht, seinem seltsamen Haustier, von dem er nicht wusste, was er zu halten hatte, aus dem Weg zu gehen.

Mein lieber Schollie,

auf der vergeblichen Suche nach „Satire“ - die nach Tucholsky eigentlich „alles darf“, also auch „schlecht“ ... - war für mich die Verwechselung nicht von dass und das, aber in ähnlicher Liga wie „ließ“ (Prät. von „lassen“) und „lies“ (Imper. von „lesen“) von „war“ (ob als Hilfs- oder Vollverb, scheißegal) mit der Eigenschaft „wahr“. Ein Versehen, dass sicherlich in dieses Geklapper und Geplapper passt, dass ich mich @Rob F getrost anschließe mit dem Unterschied, dass ich die Geschichte – müsste ich sie hörend ertragen – mir unerhörtes Geplappere wäre. Warum ich den sicherlich "zufälligen" Irrtum erwähne - der zwote steht direkt davor - eine "List" kann wohl aufgelistet werden, ist aber allemal was anderes als eine Liste.

Klassischer Fehlstart,

@Habentus -
und dennoch willkommen hierorts,

aller Anfang ist schwer ... versuch's vllt. mal mit einfachen Sätzen, auch Kleist hat seine Kuriositäten erzeugt und doch die erste moderne, deutschsprachige Komödie geschaffen.
 
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Hallo @Rob F und @Friedrichard und danke für eure Kommentare! Ich gebe zu, dass ich den Text auf jeden Fall nocheinmal auf Fehler und Zeichensetzung kontrollieren muss. Das hätte ich sicherlich vorher auch schon tun sollen. Trotzdem danke, dass ihr versucht habt, euch dem Text anzunähern. Zeichensetzung ist eine große Schwäche von mir. Das nächste Mal werde ich daher wohl deutlich mehr Zeit investieren müssen, bevor ich hier einen Text hochlade. Ich gelobe aber Besserung :)

Von @Friedrichard hätte ich allerdings neben den absolut berechtigten Kritikpunkten, was Zeichensetzung und Rechtschreibung angeht, auch gerne gewusst, was du inhaltlich so schlimm an der Geschichte findest? Ist sie dir nicht interessant genug oder gefällt dir schlicht der Stil nicht?

Viele Grüße,
Habentus
 
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Von @Friedrichard hätte ich allerdings neben den absolut berechtigten Kritikpunkten, was Zeichensetzung und Rechtschreibung angeht, auch gerne gewusst, was du inhaltlich so schlimm an der Geschichte findest? Ist sie dir nicht interessant genug oder gefällt dir schlicht der Stil nicht?

»Erst gestern sang er in der Nacht
Sein Liedchen süß wie Harfen.
Um fünf Uhr bin ich aufgewacht
Und konnte nicht mehr schlafen«,
singt uns Thomas Gesella1, und Deinem Wunsch zu folgen, hätten wir aber ein volles Programm vor uns,

lieber Habentus,

und das ohne Garantie auf Vollständigkeit. Da woll‘n mer ma‘ schau‘n, wie‘t in Ruhrlatein so heißt, wat mer da so rausfinden, ohne jeden Satz durchzkäuen.

Auf jeden Fall gilt, dass das gesprochene Wort flüchtig ist: Kaum der Zunge entsprungen, geht‘s zum einen Ohr rein, lädt mehr oder weniger seinen Inhalt ab und flieht zum andern wieder raus (für Halbtaube wie Herrn T. und mich ist die Richtung gar vorgegeben und gelegentlich eher weniger als Behinderung, denn als Gnade Gottes anzusehen). In Schriftform eingefangen offenbart sich dem Lesenden jede Schwäche!, und das – um es so einfach wie möglich zu erklären - aus einer gewissen Logik heraus, wenn Sätze kleist‘schen Formates gebildet werden, dass ich zur Faustformel greife, je länger der Satz, desto höher die Fehlerwahrscheinlichkeit – und sei es die Zeichensetzung, die Aufzählungen, Haupt- und Nebensätze und wie nebenbei Anfang und Ende wörtlicher Rede trennen muss.

Ich denke, dass Du „Humor“ hast, zumindest wünsch ich es uns beiden, und „Humor“ ist mehr als ein „wenn man trotzdem lacht“, ein Gefühl der Freude, wenn ein an sich verunsicherndes Ereignis (Gesella wird z. B. auf den Kopf gekackt und Du hast nicht den Mut verloren, „Alfred Schrader“ und die „Revolution“ zu retten) durchschaut werden will und – das kann jetzt nicht sonderlich überraschen – i. d. R. auch wird - insbesondere, wenn die eine Seite die Sicht der anderen Seite übernehmen kann und das Gelächter wechselseitig wird.

Da müssen wir gar nicht so viel dran arbeiten -
bin ich von überzeugt.

Kommt die von Dir die angekündigte „Satire“ hinzu, die bissige Seite des Humors mit einer Prise Sarkasmus und – nicht zu vergessen – ausgeteilte Ironie in der Selbstironie zu ergänzen und komplettieren. Satire streichelt nicht, sie muss beißen und folglich wehtun – die bissigsten Satiren, die ich kenne, stammen von Jonathan Swift (“A Modest Proposal for preventing the children of poor people in Ireland, from being a burden on their parents or country, and for making them beneficial to the publick“) und Tucholsky („Werfen Sie das hässliche Kind weg, gnädige Frau; ich mache Ihnen ein neues …“ aus: „Deutsch für Amerikaner“). Der Biss (bei Swift „buchstäblich“ zu nehmen) ist kurz und schmerzhaft. Der Biss kann durch Tiraden und Wortkaskaden nur verhindert werden und gerät zu einem Bisschen …

Nehmen wir beispielhaft den ersten Satz

Aus für alle Beteiligten unerfindlichen Gründen hatte der Hahn vom alten Martin Traubel beschlossen, den nahenden Tag immer schon einige Stunden im Voraus anzukündigen.
Lieb gemeint, aber Du willst doch keine Fabel schreiben über die Sozialpsychologie des Haushuhns in der Rolle seines Chefs und Propheten!

Ein Gockel von „dummen Huhn“ weiß noch nicht einmal, dass der neue Tag mit mitternächtlichem Glockenschlag eingeläutet wird (hört denn das noch einer, wenn er jahrelang unter oder in der Nähe von einem Kirchturm lebt?) Ein Hahn verrichtet sein Tagewerk ohne Arbeitsplatzbeschreibung oder Plan, wie ja auch der Taube weniger hört als sein Nachbar mit gesundem Gehörgang und die Redewendung, dass der Einäugige König unter Blinden sei im übertragenen Sinn für alle Sinne gilt, außer man sei von Sinnen oder ein bisschen Plemmkacki.

Zwotens würd ich also nun mal getrost behaupten, Du trägst zu viel Informationen, die es zur Geschichte nicht bedarf. Heißt für den ersten Satzkonstruktionen
Aus für alle Beteiligten …
also den beiden Nachbarn, die zu erweitern ist um die Gemeinschaft der Lesenden
… unerfindlichen Gründen …
siehe Anmerkung zur Psychologie des Geflügels, warum kräht der Hahn? Warum rauscht der Wasserhahn?, könnte man ergänzen und antworten: Weil man hinhört!
hatte der Hahn vom alten Martin Traubel beschlossen, …
nun die Eigentumsfrage und somit Verantwortung in Sachen Hahnekrähen gelöst ist, hätten wir nun im Rahmen einer Beschwerde den zu beklagenden Besitzer und Verantwortlichen, für die verfrühte Ankündigung
den nahenden Tag immer schon einige Stunden im Voraus anzukündigen.
denn wie der Pawlowsche Hund wird auch der Hahn nicht wissen, wie und was ihm geschieht, geschweige denn Beschlüsse fassen (da wären wir dann bei der Fabel – die – das lässt sich nicht ausschließen – durchaus satirisch daherkommen kann – zumindest mit Augenzwinkern)

Das mag zum Ballast genügen, wobei ich aus einem Urteil zu Kleve (dem Ort der "Schwanenburg" und der Lohengrin-Sage) weiß, dass der (mehr oder weniger) ländliche Nachbar den Hahnenruf um drei Uhr morgens schon aushalten muss und heute ging am Niederhein die Sonne um 6:19 Uhr MESZ auf. Das Urteil wird keineswegs eine Landflucht auslösen ...

So viel beispielhaft zum Ballast.

Dass ich nix hab gegen lange, zusammengesetzte Sätze, belegt schon allein die Liebe zu Heinrich von Kleist – sonst hätt‘ ich hierorts den „Michael Kohlhaas“ nicht nur aus historischer Sicht rezensiert.

Aber bergen – schon aus einer gewissen Logik heraus - zusammengesetzte Sätze („Tiraden“) nicht mehr Fehlerquellen als einfache Sätze und sei es, dass der Autor selbst die Übersicht verliert – was sich hier bei Dir vor allem in der fehlerhaften Zeichensetzung offenbart.

Kleist war eher Dramatiker als bloßer Erzähler. Seine willkürlich erscheinende Zeichensetzung sind verkappte Regieanweisungen an Theaterleute, wie sie tatsächlich heute noch in Theatermanuskripten gepflegt werden und keine Rechtschreibreform, da kann Herr Duden oder das gesamte Institut für deutsche Sprache oder die Kulturministerkonferenz nix dran ändern.

Aber die Theatermanuskripte sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Eine Grenze, die Du hierorts oder allgemeiner durch das Internet überschritten hast.

Ähnliches folgt aus dem und gilt für den nächsten Satz
Traubel, der neben einem tiefen Schlaf auch mit den zweifelhaften Vorzügen einer an der Schwelle zur Taubheit kratzenden Schwerhörigkeit gesegnet worden war, bekam von den neuesten Aktivitäten seines Hahns natürlich nichts mit.
Für den ich nur den Ballast in meiner Sicht kennzeichnen will
Sein Nachbar Alfred Schrader hatte jedoch die besseren Ohren, deutlich schlechtere Schlafgewohnheiten und war über die ganze Sache dementsprechend not amused.
Alternativ könnte der Name bestehen bleiben - dass einer der Nächsten, eben der Nachbar gemeint ist, sollte sich dem geneigten Leser durchaus von selbst einleuchten.

In der Folge begänne der dritte Satz wie folgt aus

Schrader hatte, nachdem er zwei äußerst kurze Nächte in der stetig schrumpfenden Hoffnung zubrachte, …
usw. usf.

Ich hoffe, Du verstehst, was ich meine, und kannst etwas mit anfangen.

Tschüss

Friedel

1Thomas Gesella »Der Vogel« aus: ders.: »Saukopf Natur. Was mal gesagt werden muss.« Gedichte, München 2016, S. 26
 
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05.07.2020
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Hallo @Friedrichard,
entschuldige bitte die späte Antwort. Ich danke dir für deine ehrliche und direkte Rückmeldung. Das wird mir sicherlich weiterhelfen, auch wenn ich zugeben muss, dass nicht alles, was du anmerkst, meiner Meinung entspricht. Mit vielem hast du aber (nicht zuletzt aufgrund deiner Erfahrung) sicherlich recht. Gerade die überwuchteten und vermutlich zu langen Satzkonstruktionen sollte ich mir anschauen. Wie gesagt, danke für deine Anmerkungen.

Grüße,
Habentus
 

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