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Drachentöter
Drachentöter ist ein lukrativer Beruf. Nach einer langen und gefahrvollen Ausbildung darf der Drachentötergeselle seinen eigenen Drachen erlegen und hätte dann für sein Leben ausgesorgt. Jetzt zeigt sich aber die zweite Gefahr für den Drachentöter. Hat er erst einmal Drachenblut geleckt, kann er schwer aufhören. Das Drachentöten wird zu einer todbringenden Sucht. Für die Drachentöter, die kaum lange genug leben, um Meister zu werden, und für die Drachen, die langsam, aber sicher aussterben. Ein Drache ist bis zu seinem siebzigsten Lebensjahr ein Jungtier und wird erst jetzt, wenn er überlebt hat, ein Erwachsener, um dann mit fünfhundert Jahren Senior zu werden. Aber das ist inzwischen nur noch Theorie. Der älteste, in den letzten Jahren erlegte Drache hatte seinen Zähnen nach ein Alter von dreihundert Jahren und er hatte sich jahrhundertelang in einem aktiven Vulkankrater versteckt. Leider hat auch ein Drache alle Jahre Hunger und muss dann mit der menschlichen Gesellschaft und ihrem saftigen Getier in Kontakt kommen. Die Vorliebe für zarte Jungfrauen ist eine Erfindung der Menschen. Drachen fressen saftige Ochsen und massive Ackergäule. Die großen Mengen, die sie verzehren, sorgen schnell für Konflikte mit den betroffenen Landwirten und Viehzüchtern.
Ronald hatte schon als Junge von Drachen geschwärmt. Er sammelte Drachenzähne und Drachenschuppen und als es Zeit für eine Lehre wurde, ging er zu einem Drachentöter in die Ausbildung. Während seiner vierjährigen Lehrzeit hatte er drei Lehrmeister. Einer zog sich bei seinem letzten Einsatz schwere Wunden zu und setzte sich zur Ruhe. Die anderen beiden boten Ronald reiches Anschauungsmaterial, wie man eine Tötung lieber nicht durchführen sollte. So hatte sich der eine von hinten an den Drachen herangeschlichen. Er meinte nämlich: "Drachen haben keine Augen im Hinterkopf." Als er von dem kräftigen Drachenschwanz gegen eine Felswand geklatscht wurde, half ihm die Erfahrung, dass Drachen Annäherungssensoren im Körper haben, auch nichts mehr. Der andere hatte sich eine Grube angelegt, aus der heraus er auf den Bauch des Drachen einstechen wollte. Immerhin sprach es sich schnell herum, dass Drachen keinen weichen Bauch haben, sondern am ganzen Körper mit harten Schuppen geschützt sind.
Und nun war es endlich so weit. Der Ausbildungsrat hatte seine Prüfungen abgenommen und Ronald wurde zum Drachentötergesellen ernannt. Wie gelernt, griff Ronald zum DTM - Drachentötermagazin - und schlug die Seite "Drachensichtungen" auf. Als er ein Junge war, umfasste diese Abteilung des Magazins vier Textseiten und zahlreiche Bilder. Jetzt reichte eine dreiviertel Seite und Ronald musste nach Durchsicht feststellen, dass der nächste gesichtete Drachen einige Tausend Kilometer entfernt in Narwan lebte. Aus seiner Lehrzeit wusste Ronald, dass es in Narwan zahlreiche arbeitslose Drachentöter gab, also wäre es sinnlos, sich auf diesen beschwerlichen Weg zu machen. In Varower gab es laut DTM derzeit wenigstens vier Drachen. In den kaum zugänglichen Gebirgsketten von Varower gab es vermutlich einige Drachenfamilien, aber wie sie dort lebten, war unbekannt. Ähnlich wie bei den Menschen begab sich der Nachwuchs, sobald er flügge war, auf Wanderschaft und kam dann aus den Bergen herab in die fruchtbaren Täler von Varower.
Als Ronald in Varower ankam, hörte er, ein erfahrener Drachentöter sei nach seinem erfolgreichen Kampf mit einem ausgewachsenen Drachen an seinen schweren Verletzungen verstorben. Kurz vor seinem Tod hätte er noch gestöhnt, dass der Drache nicht alleine gewesen sei. Da Drachen Einzelgänger sind, erschien diese Bemerkung eigenartig und Ronald reiste zu dem Ort, an dem der Drachenkampf stattgefunden hatte. Das kleine Tal, in dem der Drachenkadaver lag, war von nahezu undurchdringlichen Wäldern umgeben. Als Roland sich in dem Tal umschaute, fiel ihm etwas auf. Allerdings dauerte es, bis ihm klar wurde, dass es still war. Zu still für eine drachenfreie Landschaft. Kein Vogel sang in den Bäumen. Kein Kaninchen hoppelte über die Wiese. Es gab auch keine Anzeichen für die Anwesenheit größerer Tiere. Und dann durchbrach ein Stöhnen die lastende Stille. Ronald orientierte sich an dem fortgesetzten Stöhnen und schlängelte sich durch dichtes Unterholz in den Wald. Hier strebten riesige Nadelbäume gen Himmel und sie standen so dicht, dass kaum ein Sonnenstrahl den Waldboden erreichte. Und in einem verfilzten Dornengestrüpp fand er sie: Zwei kleine Drachen, etwa vier Meter lang mit langen, stämmigen Beinen und einer kurzen, breiten Schnauze.
"Was macht ihr denn hier?", fragte er und wollte sich selbst treten für diese dumme Frage. Drachen konnten schließlich nicht wie Menschen sprechen, sondern sie trompeteten.
"Mama ist gestorben und wir haben Hunger", sagte der eine Drache.
"Ihr könnt in Menschensprache reden? Das habe ich noch nie gehört."
"Drachen reden nicht gerne. Untereinander tauschen wir Gedanken aus, da haben wir eine größere Reichweite. Und wenn ein älterer Drache etwas in Menschensprache sagen will, dauert es lange, bis er seine Gedanken sortiert hat."
"Und solange wartet ein Drachentöter nicht. Das leuchtet mir ein. Aber was mache ich mit euch? Hier gibt es in der Nähe kein Wild mehr und ich habe nicht genug Geld, um euch etwa einen Ochsen zu kaufen."
Der zweite Drache, der bis jetzt nichts gesagt hatte, zeigte plötzlich zwei Hände, die bisher an seinem Körper verborgen waren, führte einige eigenartige Bewegungen aus und vor Ronald lag ein Sack. Er schaute hinein und fand zahlreiche Münzen.
"Du bist als erstes Lebewesen nach dem Tod unserer Mutter gekommen. Deshalb bist du nun für uns verantwortlich."
Ronald überlegte auf dem Weg zum nächsten Bauernhof hin und her. Nachdem er einen fetten Ochsen gekauft und in den Wald getrieben hatte, schlief er, während die Drachen ihr Mahl verspeisten. Dann setzte er sich zu ihnen und sie führten ein langes Gespräch.
Im Ergebnis ritt Ronald in die Stadt und kaufte einen einsamen, schon lange verlassenen Bauernhof und eine große Rinderherde. Hier lebte er von den wenigen Nachbarn weitgehend unbeachtet mit seinen Zöglingen und ihrem Futtervorrat. Und mehr ist aus seinem langen Leben als Drachenadoptivvater nicht zu berichten.