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Serie Emma - Das Strandhaus

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07.02.2001
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Emma - Das Strandhaus

Emma - Das Strandhaus

In Gedenken an meine Urgroßmutter, Emma.

Das Rauschen des Meeres verstummt für einen Moment, als ich die Fensterladen schließe. Dann, unendlich viel leiser als zuvor, erklingt es erneut.
Ich blicke durch die trüben Fensterscheiben und ziehe meinen Mantel enger um die Schultern.
Es ist kalt hier drinnen.
Mein Atem hinterlässt weiße Dampfwolken, die einen Moment in der Luft vor mir verharren, als würde sich etwas in ihnen materialisieren wollen und sich dann wieder auflösen.
Der Strand liegt grau und trübe da.
Dunkle Wolken verdecken die tief stehende Wintersonne.
Ich muss daran denken, wie wir als Kinder die meiste Zeit unserer Sommerferien hier verbrachten. Wie wir in den tobenden Wellen tauchten, von ihnen verschlungen und wieder ausgespuckt wurden.
Strandgut gleich fand man uns dann später. Müde und bewegungslos im weißem Sand, die nackten Glieder in die wärmende Sonne haltend.
Im Haus sind alle Möbel mit großen, weißen Laken verhangen und wirken so wie geisterhafte Abbilder ihrer selbst. Alles hier ist nur in flackernden Umrissen zu erkennen. In einer anderen Welt, die nur von den unbekümmerten Augen eines Kindes erfasst werden kann, würden die leeren Räume palastartig und geheimnisvoll wirken.
Für mich aber sind sie kahl und trostlos.
Wieder an den Ort zu kommen, an dem ich die schönsten Stunden meiner Kindheit verbrachte, kann die Wunden nicht heilen, die das Leben als Erwachsene meiner Seele zugefügt hat.
Irgendwann im Laufe des Lebens, werden die Farben blasser und die Dinge verlieren ihren Glanz. Plötzlich gibt es nichts mehr hinter den Dingen, das scheinbar nur darauf wartet entdeckt oder ersonnen zu werden.
Die Zeit der Fantasie ist begrenzt.
Das Schlagen einer Uhr reißt mich aus meinen Gedanken und für einen Moment suchen meine Augen verwundert nach der Quelle des Geräusches.
Dort hängt sie, Omas alte Wanduhr, schlägt unbekümmert noch im selben Takt, der schon das Heranwachsen von drei Generationen überdauert hat. Selbst wandelnde Jahreszeiten, die damit verbundenen Einbrüche von Kälte und Sommerhitze konnten ihr nichts anhaben.
„Wie sieht das Meer aus?“, die kindliche Stimme von Emma reißt mich erneut aus meinen Gedanken.
Sie steht noch in der Tür, die Hände fast andächtig gefaltet und blickt mich mit ihren stets seltsam leeren Augen an. Doch so leer ihre Augen sind, so strahlend ist ihr Gesicht. Die Wangen leicht gerötet die braunen Haare vom Wind zerzaust und mit einem Lächeln auf den Lippen entdeckt sie die unbekannte Umgebung tastend, riechend, horchend
„Heute ist es dunkelblau. Der Wind peitscht die Wellen hoch, so dass kleine Schaumkronen entstehen.“, ich bin es gewohnt Emma die Welt zu beschreiben, dabei bittet sie mich immer wieder, auch auf kleine Dinge zu achten.
Der Schmetterling weckt dasselbe Interesse in ihr, wie das tosende Meer oder der funkelnde Sternenhimmel.
„Sind Schiffe auf dem Wasser? Sind Menschen am Strand?“, Emma sucht sich den Weg zu mir, dafür nutzt sie ihren kurzen Hilfsstab. Ich bin versucht ihr entgegen zu gehen, doch ich bleibe stehen.
„Geben sie ihrem Kind die Möglichkeit, trotz seiner Behinderung selbstständig zu sein.“, waren die Worte des Arztes.
Ich nehme ihre kleine Hand, als sie mich erreicht. Ihre Finger sind wie immer kalt und ich reibe sie in meinen Händen. Nebenbei blicke ich hinaus in den Sturm und suche nach Menschen am Strand und nach Schiffen auf dem Meer.
„Ein Mann geht am Strand entlang. Er trägt einen langen Mantel und einen roten Schal. Bald wird er den Weg hinauf kommen, der durch die Dünen zu unserem Haus führt. Schiffe sind keine auf dem Meer“.
Emma nickt und sieht so aus, als würde sie sich die Szene gerade vor ihrem inneren Auge ausmalen. Wie die Welt in Emmas Gedanken wohl aussehen mag, habe ich mich schon oft gefragt und ich habe auch sie gefragt. Die Schultern hat sie gezuckt und mich angelächelt.
„Wenn du etwas Wundervolles fühlst, schließt du doch manchmal die Augen, oder?“, ich habe damals nur stumm mit dem Kopf genickt, sie scheint es gespürt zu haben oder vielleicht war ihr eine Antwort nie wichtig.

„Es ist kalt hier.“, flüstert Emma und ich sehe ihren Atem, ihre rote Nase und nehme sie in meine Arme.
„Wir bleiben nicht mehr lange. Ich will nur noch einmal durch alle Räume gehen, sehen ob alles in Stand ist.“.
„Willst du es wirklich verkaufen, Mama?“.
Ich beuge mich zu ihr hinunter und küsse ihr Haar.
„Ich muss, das weißt du doch.“, aber sie weiß nicht warum. Ich habe es ihr nie gesagt, vielleicht ist es nicht einmal mehr wichtig.
Mit dem Geld, das mir der Verkauf des Hauses einbringt, kann ich Emma die OP zahlen. Eine OP die ihr wieder das Augenlicht schenken könnte.
Noch heute schmerzt es mich, wenn ich an den Tag denke, an dem sie es verlor. Ich fuhr den Wagen, ich war es die nur einen Moment wegsah und dann …
Die Bilder des Unfalles haben sich tief eingegraben. Sie liegen in mir begraben und haben mir endgültig meine kindliche Fantasie gestohlen. An diesem Tag ist das letzte Stück Kind in mir gestorben und ich wurde endgültig erwachsen.

In den nächsten Minuten gehe ich noch einmal durch das ganze Haus, nehme Abschied von einer Zeit, die schon zu lange zurück liegt.
Emma wartet an der Tür auf mich und ich gehe zu ihr, nehme ihre Hand und dann gehe ich doch noch einmal zurück.
„Omas Uhr müssen wir mitnehmen.“, sage ich zu Emma und nehme die, seit Jahren stetig schlagende Uhr von der Wand.
Dann gehen wir endgültig und während ich, mit Emma auf dem Rücksitz, aus der Einfahrt fahre, rinnen ein paar Tränen über meine Wangen, die ich hastig wegwische.
„Die Erinnerung wird doch bleiben, Mama.“, Emma hält Omas Uhr in ihren Armen.
„Ja, das wird sie.“, sage ich und im Rückspiegel wird das Strandhaus immer kleiner.

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Dies ist der erste Teil.

Der 2. Teil: Emma- Schön das es dich gibt

 

Hi Steffi

Hier die versprochene gute Kritik *hüstel*
:D

Die triste Athmosphäre zu Beginn hast du schön eingefangen, gerade weil du keine aufwendigen Bilder formulierst, sondern die kahle Landschaft mit einem kahlen Satz beschreibst: "Der Strand liegt grau und trübe da"

Auch das Gespräch mit Emma weckt beim Leser Emotionen gerade durch die lakonische, rein beobachtende Darstellung.
Besonders der Satz hat mir gefallen: "„Wenn du etwas Wundervolles fühlst, schließt du doch manchmal die Augen, oder?“

Der würde mMn noch besser wirken, wenn du den hier weglassen würdest: „In diesen Momenten bist du in meiner Welt, Mama.“.
Sowieso klingt das ein bisschen arg weise für so ein kleines Mädchen ;)

Gut auch, dass der Gedanke mit der verschwundenen Fantasie bei der Unfallbeschreibung nochmal aufgegriffen wird und so die Geschichte in sich geschlossen wird.

>>„Die Erinnerung wird doch bleiben, Mama.“
Falls die Doppeldeutigkeit hier gewollt ist, und also auch die Erinnerung Emmas an die Zeit, als sie noch sehen konnte gemeint ist, ist das ein perfekter Schluss :thumbsup:

LG
Christoph

 

Ein schöner, einfühlsamer Text. Stilistisch sicher geschrieben, Appetitmacher für mehr. Zwei Textstellen haben mir besonders gut gefallen:

Im Haus sind alle Möbel mit großen, weißen Laken verhangen und wirken so wie geisterhafte Abbilder ihrer selbst.

[...]

Plötzlich gibt es nichts mehr hinter den Dingen, das scheinbar nur darauf wartet entdeckt oder ersonnen zu werden.

Gerne will man hier weiterlesen, mehr erfahren. Eine ganze Geschichte lesen. Doch die Momentaufnahme ist wunderbar gelungen.

 

Salut st.a.r. ;

habe wie versprochen nun auch Teil eins gelesen.
Super! :thumbsup: Ich mag deine Art zu schreiben.
Das mit dem erwachsen werden....., leider hast du damit den Nagel auf den Kopf getroffen. :crying:
Aber so toll formuliert...(schnief)
Mach so weiter, ich freu mich drauf... :read:
MfG Sumi

 

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