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Guter Junge

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Guter Junge

Luca steht vor der Kellertür und wartet. Er zählt auf zwanzig und danach noch einmal, bis Tim ruft, er sei bereit. Luca öffnet die Tür und sieht seinen Kumpel auf einer Picknickdecke liegen.
«Was haben wir denn da?», fragt er, kniet hin und rollt Tim auf den Rücken. «Eine Leiche mitten im Wald!» Die Untersuchung beginnt. Tims Uhr ist nicht mehr am Handgelenk, am Hals sind zwei rote Punkte. «Raubüberfall», sagt Luca nach einer Weile. «Getötet von einem Vampir.»
Tim lacht und hebt einen roten Filzstift in die Höhe. Dann packt er Luca am Arm.
«Und jetzt bin auch ich einer!», ruft er und tut so, als würde er zubeißen.
Später spielen sie Verhör. Luca ist Verbrecher und Tim Polizist. Das Verhör ist streng. Luca muss sich ausziehen, damit man sehen kann, ob er bewaffnet ist. Auf einmal hebt Tim die Kleider vom Boden und rennt aus dem Keller.
«Viel Spaß auf dem Weg nach Hause», ruft er, stampft die Treppe hoch und kehrt erst zurück, als Luca die Tränen kommen.
«Weichei!» Tim drückt ihm die Kleider in die Hand, und er zieht sich an, die Socken zuerst, der Boden ist schrecklich kalt. Tim legt die Hand auf seine Schulter, damit er das Gleichgewicht nicht verliert. Er sagt: «Hast du wirklich geglaubt, dass ich nicht wiederkomme?»

***​

Nach der Schule trifft Luca fast immer auf Tims Vater, der eine Werkstatt im Haus hat. Manchmal ist er drinnen, beugt sich über ein Fahrrad oder steht hinter der Kasse. Die meiste Zeit aber ist er draußen und blickt in die Ferne. Auch dieses Mal sitzt er auf dem Schaufenstersims. In der Hand hält er eine Flasche Bier.
«Willst du?», fragt er.
Luca blickt die Fassade hoch. Hätte seine Mutter einen sechsten Sinn - wie ein Reh vielleicht oder wie dieser Vogel, an dessen Namen er sich nicht erinnern kann - stünde sie jetzt am Fenster, würde es aufreißen und dann so: «Hast du sie noch alle? Einem Zehnjährigen, bist du noch bei Trost, Hans?» Luca kneift die Augen zusammen, die Fensterscheibe spiegelt das Licht der Sonne.
Das Bier schmeckt bitter. Er weiß, man gewöhnt sich daran, also nimmt er noch einen Schluck.
«Danke», sagt er und setzt sich neben Hans.
«Warum kommst du jetzt schon nach Hause?»
«Es ist zwölf.»
«Tatsächlich? Ich habe kein gutes Zeitgefühl, weißt du? Tim isst bei seiner Tante, der kommt immer erst um vier.»
Luca blickt zur Seite. Am Tag zuvor hat er wieder mit Tim gespielt. Danach hat er den Gürtel verkehrt herum durch die Schlaufen gezogen und als er nach Hause gekommen ist, hat seine Mutter gefragt, ob er die Hosen ausgezogen habe und warum. Luca zupft am Etikett, eine Ecke hat sich gelöst. Hans nimmt ihm die Flasche aus der Hand und trinkt einen großen Schluck. Er stellt keine Fragen.
Luca mag die Gespräche mit Tims Vater. Eigentlich sind es keine Gespräche, weil nur Hans redet, und vieles davon versteht Luca nicht, aber das macht nichts, weil sie zwei Männer sind, die eine Pause von der Arbeit machen und zusammen Bier trinken.
Heute aber spricht Hans wenig. Nach seinem Satz über das Zeitgefühl ist er verstummt und dreht die Flasche in seinen Händen. Luca schaut auf die Uhr, er sollte nach oben gehen. Da reicht ihm Hans noch einmal das Bier. In den Bäumen schreien Krähen. Hans hebt den Kopf.
«Üble Viecher», sagt er. «Können einen Körper nicht öffnen. Der Schnabel ist zu schwach, also picken sie Augen aus oder machen sich am Arschloch zu schaffen.»
«Igitt!»
Hans lacht. «Bist ein guter Junge», sagt er und legt die Hand auf Luca Schulter. Dann blickt er verwundert zur Straße. «Was machst du denn hier?», fragt er.

***
Tim muss bei Tante Silvia essen. Sie ähnelt seiner Mutter. Dunkle Haare. Dünne Augenbrauen. Eine Nase, über die man mit dem Finger gleiten kann, und der Finger ist ein Skispringer. Aber bei Silvia würde Tim das nie tun. Wenn er mittags die Wohnung betritt, steht sie in der Küche, hat eine Schürze umgebunden und seufzt. Stellt sie einen Topf auf den Tisch, tut sie so, als wäre er hundert Kilo schwer. Sie fragt, was Vater macht und wie die Auftragslage ist. Was für ein komisches Wort. Tim zuckt dann immer mit den Schultern. Er isst schnell. Er sagt, dass er noch Hausaufgaben zu erledigen hat.
Heute hat Silvia einen Zettel an die Tür gehängt. Musste dringend weg! Tim rüttelt an der Türklinke. Würde Vater ihm ein Handy erlauben, dann hätte Silvia ihn anrufen können, und er wäre nicht vergebens … Alle in der Klasse haben eines, außer Karin. Wie sie dasitzt, in der hintersten Reihe, die Haare, als hätte ein Vogel ein Nest gebaut und mittendrin die Lust verloren. Wenn sie was nicht begreift, schließt sie die Augen und wippt mit dem Oberkörper. Die krümlige Karin.
«Wir haben Geld nur für Dinge, die wir brauchen», hat Vater gesagt. Na also! Er braucht ein Handy, weil er sonst im Getto vor verschlossenen Türen steht. Zwanzig Minuten muss er nun zur Werkstatt laufen.
Tim setzt sich auf die Stufen. Im Treppenhaus ist es kühl, der Schweiß auf seiner Oberlippe kitzelt. Er reibt sich den Nacken, trocknet die Hand am T-Shirt ab. Sein Puls beruhigt sich und auf einmal kommt dieses Gefühl aus der Mitte des Körpers, als wäre er ein Ballon, als würde man ihn aufblasen. Das ist eine Mission! In der Wüste, kurz vor dem Verdursten. Sie finden das Grab des Pharaos. Im Innern Tonnen von Gold und eine Wasserquelle. Aber dann: Der Eingang verschüttet. Jetzt geht's ums Überleben! Hundert Kilometer zurück über den heißen Sand. Einer wird dran glauben müssen. Den werden sie fressen und sein Blut in Feldflaschen füllen. Junge, da musst du hart sein.
Tim muss bei Silvia essen, weil Vater mittags arbeitet. Gerade dann müsse die Werkstatt offen sein, sagt er. Da wollen die Leute nach Hause fahren und merken, dass sie einen Platten haben oder dass die Bremsen hinüber sind, und dann kommen sie zu ihm, weil der Gander dann geschlossen hat. Als Tim ihn gefragt hat, wie die Auftragslage ist, hat er gesagt: «Der Gander, das Arschloch, macht alles billiger. Und er kommt von hier.»
Nach der Schule putzt Tim manchmal Ketten und ölt sie, Schläuche wechseln kann er auch. Er fegt den Boden, während Vater hinter der Kasse sitzt und Rechnungen schreibt. Meistens aber gibt es nichts zu tun. Abends ist Vater müde. Er redet wenig und lacht nie. Er sitzt auf dem Sofa und schaut fern. Tim hat einen eigenen Sessel, auf dem Sofa ist nicht genug Platz für zwei.
Vor ein paar Tagen hat Tim noch einmal nach der Auftragslage gefragt. «Warum willst du das wissen?», hat Vater geschrien. «Ich hab dir gesagt, was du antworten sollst!»
Tim stapft durch die Hitze. Die Schatten der Autos, die ihm entgegenkommen, sind rasierklingenscharf. Zehn Zentimeter über dem Boden gleiten sie über den Gehsteig, und wenn Tim nicht hoch genug springt, muss er auf blutigen Stümpfen weitergehen. Jedes Mal, wenn er landet, schlägt der Rucksack gegen den Rücken und der Atlas sticht zwischen die Schulterblätter. Soll er den Rucksack öffnen und das Buch verschieben? Nein, das gehört zur Mission. Heißer Wüstensand und schwebende Klingen und Stiche in den Rücken, das ganze Programm. Schau her, Papa! ich bin durch die Wüste gelatscht und beklage mich nicht und bereite mir etwas zu essen zu, kein Problem. Oder soll ich Sandwiches holen? Für uns beide? Gefressen haben sie übrigens einen anderen. Nicht mich, Papa. Nicht mich!
Tim schafft es in sechzehn Minuten. Er biegt um die Ecke und sieht seinen Vater mit Luca vor dem Schaufenster sitzen. Die Tür zur Werkstatt ist geschlossen. Vater arbeitet nicht. Er hat die Hand auf Lucas Schulter gelegt. Luca hat eine Bierflasche in der Hand und kichert. Vater lacht. Als er Tim sieht, hört er damit auf. «Was machst du denn hier?», fragt er.

***​

Es gibt Braten mit grünen Bohnen. Kartoffelstock liegt auf Lucas Teller. Mit der Gabel fabriziert er ein Loch in die Mitte, die Mutter gießt Sauce hinein, ein Bergsee entsteht.
«Wie war’s in der Schule?», fragt sie und Luca erzählt, dass die Lehrerin einen Jungen angeschrien hat, obwohl er bloß eine Minute zu spät gekommen ist.
«Aber zu dir ist sie nett?»
«Geht so.»
«Du sagst es mir, wenn sie böse zu dir ist?»
«Ja.»
Das Bratenstück ist ein U-Boot. Langsam taucht es auf, das Wasser fließt an den Seiten herab, und dann geht es wieder nach unten, bis Lucas Mutter sagt, er soll endlich essen.
Später räumt Luca Teller und Besteck in die Spülmaschine, die Mutter zieht Frischhaltefolie über die vier großen Scheiben Fleisch, die sie für den Vater übriggelassen haben, weil er am Abend immer einen Riesenhunger hat.
Heute hat Hans nicht vor der Werkstatt gesessen. Luca hat durch das Fenster geschaut, die Hände über den Augenbrauen an die Scheibe gepresst. Eine Reihe Fahrräder ganz vorne, hinten war es zu dunkel, um etwas zu sehen. Vielleicht war Hans gar nicht da. Vielleicht hat er zugemacht. «Der wird bald dichtmachen», hat Lucas Vater einmal gesagt. «Der ist faul wie Fallobst, bald geht ihm das Geld aus.»
«Und dann?», hat Luca gefragt.
«Dann gibt’s Ramschverkauf und wenn er Glück hat, stellt ihn Gander ein.»
«Kannst nicht du ihn einstellen?», hat Luca gefragt und der Vater hat gelacht.
Bevor er wieder zur Schule geht, spielen Luca und seine Mutter eine Partie Rummikub. Früher hat er immer verloren, jetzt nicht mehr. Er mag es, die Plättchen zu verschieben, und dann wieder zurück, bis sein Plan aufgeht. Die Sonne scheint durchs Fenster, Mutter zieht die Vorhänge zu, damit es im Wohnzimmer nicht zu heiß wird. Als sie sich wieder hinsetzt, hat Luca herausgefunden, wie er die Zwei und die Fünf loswerden kann. «Gewonnen!», ruft er und reißt die Arme in die Höhe.

***
In der Werkstatt gibt es nichts zu tun. Vater sitzt auf seinem Bürostuhl und trinkt Bier. Tim geht zu ihm hin.
«Darf ich einen Schluck haben?», fragt er.
Vater zieht die Flasche weg. «Geh nach Hause», sagt er. «Ich komme später nach.»
Als Tim die Tür zur Werkstatt schließt, sieht er Luca nach Hause kommen. Tim stellt sich ihm in den Weg.
«Wen haben wir da! Stehen bleiben, Beine auseinander!» Er legt die Hand auf Lucas Schultern, mit der anderen greift er in seine Hosentasche, kneift ihn in den Oberschenkel, zieht die Hand wieder heraus. «Aha!» ruft er. «Heroin? Kokain? Sag’s gleich, wir finden es so oder so heraus!»
«Keine Ahnung, wovon Sie reden», müsste Luca jetzt sagen, so wie immer, wenn sie Verhör spielen. Er dreht sich aber bloß um, blickt nach oben und macht drei Schritte zurück.
«Kein Bock?», fragt Tim.
Luca zuckt mit den Schultern.
«Keine Widerrede! Hände über den Kopf und Abmarsch!» Tim zieht den Kellerschlüssel aus der Tasche und lässt ihn vor Lucas Gesicht baumeln. Dann packt er Lucas Arm und dreht ihn hinter den Rücken. «Ich hab ein paar neue Tricks, Verhörtechnik eins a», sagt er, schiebt Luca vor sich her, den ganzen Weg bis zum Haus, wo Tim wohnt. Wenn Luca zu langsam läuft, drückt er seinen Arm nach oben.
Tim schließt das Kellerabteil auf, schubst Luca hinein und löscht das Licht. Er kann ihn atmen hören, ein leichtes Pfeifen, als hätte er ein Loch im Hals. Er knipst die Taschenlampe an, die trotz schlankem Griff schwer in der Hand liegt, und lässt den Lichtkegel über das Gerümpel gleiten, über die Skis und über das Bügelbrett, an dem früher seine Mutter gestanden hat, und im TV lief Werbung oder ein Liebesfilm. Stühle unter staubigen Tüchern. Spinnweben in den Ecken.
«Riechst du es?», fragt Tim. «Kannst du den Typen riechen, den ich letzte Woche verhört habe? Er muss irgendwo da hinten liegen.» Tim zielt mit der Taschenlampe in eine Ecke. «Zumindest die Hälfte davon, den Rest hab ich gefressen.»
Luca kichert, so wie am Tag zuvor, als er mit Tims Vater Bier getrunken hat. Tim sagt, er soll damit aufhören. «Wo hast du die Drogen versteckt?», fragt er. «Im Rucksack? Am Körper etwa? T-Shirt ausziehen und Hose runter!»
Während Luca den Gürtel löst, schiebt Tim einen Fuß zwischen seine Beine, und dann ein Tritt nach links, und einer nach rechts, beinahe fällt Luca um. Wie eine Giraffe beim Saufen steht er jetzt da, die Arme gegen die Wand gestemmt. Tim zieht ihm den Gürtel aus den Schlaufen, sagt: «So, dann wollen wir mal», und lässt die Schnalle baumeln. Er knipst die Taschenlampe aus und peitscht den Gürtel zweimal aufs Bügelbrett.
Das Abtasten erledigt er schnell, denn er hat einen Plan. Der Plan ist in Tims Bauch entstanden, als Luca auf Giraffe gemacht hat. Er ist die Brust hochgekrochen und nun steckt der Plan im Hals fest, der sich anfühlt, als würde Tim auf die Zähne beißen. Dabei hat er den Mund weit offen. Das Spiel ist noch nicht zu Ende. Heute nicht.
«Hab ich gesagt, du sollst dich bewegen?» Tim legt die Hand auf Lucas Rücken, etwas oberhalb des Hinterns, der Strahl der Taschenlampe zeigt zwischen die Arschbacken und der Kegel wird kleiner, und im Keller wird es dunkel, und als Tim die Taschenlampe blitzschnell umdreht und zustößt, beißt er tatsächlich auf die Zähne, erwischt dabei ein Stück seiner Zunge.

***
Zwei Tage ist es her. Luca kommt von der Schule, Hans sitzt vor der Werkstatt und hat ein Bier in der Hand.
«Durst?», fragt er und streckt Luca die Flasche hin. Er blickt ernst. Weiß er, was passiert ist? Wird er es den Eltern erzählen? Weshalb hast du bloß die Hose ausgezogen, werden sie fragen.
«Lieber nicht», sagt er und geht zur Tür.
«Guten Appetit!», ruft Hans ihm nach. Als Luca oben ist, dreht er sich um und will Danke rufen, aber er krächzt bloß wie ein Vogel, er versteht nicht mal selbst, was er ins Treppenhaus schreit.
Er öffnet die Tür, der Duft von Fleischkäse dringt in seine Nase. Nachdem er die Schuhe ausgezogen hat, rennt er in die Küche und gibt der Mutter einen Kuss auf die Wange.
«Alles klar, mein Kleiner?», fragt sie. «Hat dich die Lehrerin in Ruhe gelassen?»
Luca nickt und setzt sich hin. Es tut fast nicht mehr weh, er spürt fast gar nichts mehr. Er holt einen Comic aus dem Zimmer und setzt sich wieder an den Küchentisch. Arthur und Richard entdecken ein Gehirn, so groß wie ein Haus. «Ich werde euch vernichten», sagt es. «Allein mit meinen Gedanken.»
Der Fleischkäse schmeckt gut, der Kartoffelsalat nicht so.
«Spielen wir Rummikub?» fragt Luca nach dem Essen.
«Wenn du möchtest. Aber dieses Mal kommst du mir nicht so leicht davon, das sag ich dir.»
Die Mutter irrt sich. Luca hat schon zu Beginn einen Joker und später zieht er noch einen und als er reinen Tisch macht, hat sie dreiundvierzig Minuspunkte auf der Hand.
«Wo bleibt dein Jubel?» fragt sie. Luca hebt die Arme.
 
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MRG

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Guten Abend @Peeperkorn,

was für eine Geschichte. Sie hat mich einerseits bestürzt zurückgelassen und andererseits zutiefst beeindruckt. Ist für mich persönlich bislang die beste Geschichte, die ich bei den Wortkriegern gelesen habe. Das liegt vor allem an deiner subtilen Schreibweise und der absoluten Präzision - es war kein Wort zu viel oder zu wenig. Anbei mein subjektiver Leseeindruck:

Hans sitzt vor dem Schaufenster, in der Hand hält er eine Flasche mit gelbem Etikett und roter Schrift.
«Willst du?», fragt er.
Finde das hier geschickt gemacht. Du leitest den Schauplatz deiner Geschichte ein und gleichzeitig ist das ein gutes Beispiel für "show don't tell". Durch die Frage geht es dann direkt in die Handlung, funktioniert gut für mich.

Das Bier schmeckt bitter. Simon weiß, man gewöhnt sich daran, also nimmt er noch einen Schluck.
Hier ist mir deine subtile Schreibweise besonders aufgefallen. Du sagst hier einiges zwischen den Zeilen, was ich mir als Leser selbst erschließen kann. Für mich steckt darin, dass Simon schon einige Erfahrungen mit Alkohol gesammelt hat. Zudem zeichnest du ein erstes Bild von Simon: ein 11 jähriger Junge, der cool sein will, aber seinen Platz eigentlich noch gar nicht gefunden hat. Er passt sich stark an sein Umfeld an und schaut weniger auf seine eigenen Bedürfnisse.

und wie sein Vater: «Etwas zu warm für meinen Geschmack.»
Das hat meine Interpretation von Simon bestärkt.

Und wie sie damit angefangen haben - einer ist Polizist und der andere muss machen, was er sagt, und dann wird getauscht - das weiß er nicht mehr so genau. Einmal hat er danach den Gürtel verkehrt herum durch die Schlaufen gezogen.
Die Stelle musste ich zweimal lesen, weil ich dachte, ich hätte mich verlesen. Es steckt für mich die Andeutung von Missbrauch in diesen Worten, wieder auf eine ganz subtile Art präsentiert.

Oben in den Bäumen veranstalten die Krähen ein Riesengezeter. Hans hebt den Kopf.
Mir ist aufgefallen, wie du die Umwelt mit der Reaktion von Hans verknüpft hast. Das schafft eine echt wirkende Atmosphäre. Ich finde das ausgesprochen elegant gemacht, werde ich mir abschauen.

Hans lacht. «Bist ein guter Junge.»
Hier das Kompliment, was die Beziehung zwischen Hans und Simon verdeutlicht.

Sie fragt, was Hans macht und wie die Auftragslage ist. Was für ein komisches Wort.
Du schaffst es, dass man als Leser die Perspektive von Tim einnimmt. Liegt vor allem an der Beobachtung "Was für ein komisches Wort", die kein Erwachsener hätte äußern können.

Im Treppenhaus ist es kühl, der Schweiß auf seiner Oberlippe kitzelt.
Es ist eine Beschreibung, die ich so noch nicht oft gelesen habe. Das liest sich anders und irgendwie frisch. Es liest sich absolut nicht wie ein Klischee und das gefällt mir.

Als Tim ihn gefragt hat, wie die Auftragslage ist, hat er gesagt: «Der Gander, das Arschloch, macht alles billiger, und er stammt von hier und die Leute schieben ihr kaputtes Fahrrad lieber ins Nachbardorf als zu mir. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen.»
Durch den Dialog wird deutlich, was Hans für einen Charakter hat. Er beschuldigt andere, versucht sich selbst die Dinge schön zu reden und sieht sich als Opfer, was sich nicht unterkriegen lassen darf. Zumindest habe ich es so verstanden.

Die Schatten der Autos, die ihm entgegenkommen, sind rasierklingenscharf. Zehn Zentimeter über dem Boden gleiten sie über den Gehsteig, und wenn Tim nicht hoch genug springt, muss er auf blutigen Stümpfen weitergehen.
Das finde ich eine starke Stelle, weil wieder die Perspektive von Tim deutlich wird. Mir sind vor allem zwei Punkte aufgefallen: Du machst einerseits deutlich, dass es sich in gewisser Weise noch um ein Kind handelt. Er denkt sich selbst Spiele aus. Andererseits deutest du durch die blutige Fantasie Gewaltpotential bei Tim an. Wer denkt sich als Kind bzw. als Jugendlicher (er ist etwas älter als Simon, der 11 Jahre alt ist) so ein Spiel aus?

Tim schafft es in sechzehn Minuten. Er biegt um die Ecke und sieht seinen Vater mit Simon vor dem Schaufenster sitzen.
Das hat mir die böse Ahnung aufsteigen lassen. Furchtbar.

«Du sagst es mir, wenn was passiert? Wenn sie böse zu dir ist?»
«Ja.»
Der Dialog liest sich sehr authentisch. Es wird deutlich, dass eine Mutter zu einem Kind spricht. Ich finde, dass deine Dialoge generell exzellent sind. Außerdem verstärkst du die in der Luft hängende Gewalt. Du bereitest mich als Leser auf etwas Böses vor.

«Kannst nicht du ihn einstellen?», hat Simon gefragt
Das verdeutlicht die emotionale Beziehung und Verstrickung von Simon zu Hans. Ich frage mich, ob man das auch als eine gewisse Abhängigkeit lesen kann. Wieder subtil gelöst, sodass es mich zum Nachdenken anregt.

«Ich hab ein paar neue Tricks, Verhörtechnik eins a», sagt er, schiebt Simon vor sich her, und wenn der zu langsam läuft, drückt er seinen Arm nach oben.
Hier wird die Gewalt eingeführt, die im späteren Verlauf stattfindet. Ich hatte Mitleid mit Simon und ich war auch wütend.

Tim spürt ein Ziehen zwischen den Beinen. Einer hat die Frau zu spielen und heute ist das Simon.
Das Abtasten erledigt er schnell, denn er hat einen Plan. Der Plan ist in Tims Bauch entstanden, als Simon auf Giraffe gemacht hat. Er ist die Brust hochgekrochen und nun steckt der Plan im Hals fest, der sich anfühlt, als würde Tim auf die Zähne beißen. Dabei hat er den Mund weit offen.
Das sind zwei Stellen, die mir die Kehle zuschnüren.

die Arme gegen die Wand gestemmt .
Hier eine Kleinigkeit: Leerzeichen vor dem Punkt.

Tim legt die Hand auf Simons Rücken, etwas oberhalb des Hinterns, der Strahl der Taschenlampe zeigt zwischen die Arschbacken und der Kegel wird kleiner, und im Keller wird es dunkel, und als Tim die Taschenlampe blitzschnell umdreht und zustößt, beißt er tatsächlich auf die Zähne, erwischt dabei ein Stück seiner Zunge.
Die Gewalt passiert und du hast mich als Leser schon vorher darauf vorbereitet. Trotzdem ist das schwer zu verdauen.

Zwei Tage ist es her. Hans sitzt vor der Werkstatt und hat ein Bier in der Hand.
«Durst?», fragt er und streckt Simon die Flasche hin. Er blickt ernst. Weiß er, was passiert ist? Wird er es den Eltern erzählen? Weshalb hast du bloß die Hose ausgezogen, Simon?
Ich habe mich gefragt, weshalb du nach der Missbrauchsszene die Perspektive von Hans einnimmst. Beim zweiten Lesen, hatte ich plötzlich eine böse Ahnung. Ich sehe Hans als Strippenzieher, allerdings bin ich mir da noch nicht ganz sicher. Das liegt an folgender Stelle:

«Was machst du denn hier?», fragt er.
Hans scheint Simon lieber zu haben als Tim. Daher könnte Tim auch aus Neid handeln und er will Simon dafür bestrafen, dass Hans Simon lieber mag als ihn. Dann ist mir allerdings nicht klar, weshalb Hans von dem Übergriff weiß?

Es tut fast nicht mehr weh, er spürt fast gar nichts mehr. Er würde am liebsten losheulen.
Simon tut mir leid.

Als sie sich wieder hinsetzt, hat Simon herausgefunden, wie er die Zwei und die Fünf loswerden kann. «Gewonnen!», ruft er und reißt die Arme in die Höhe.
«Wo bleibt dein Jubel?» fragt sie. Simon hebt die Arme.
Wieder ein tolles Beispiel für "show don't tell". Simons Schmerz wird deutlich. Ich finde auch gut, dass du vorher das Kartenspielen schon eingeführt hast, sodass das Ende nicht aus dem Nichts kommt.


Insgesamt hat mich die Geschichte in Mark und Bein getroffen. Habe sie zweimal aufmerksam gelesen und bin von der Dichte der Geschichte beeindruckt. Das ist schon ganz hohes Niveau. Danke dafür.


Beste Grüße
MRG
 
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10.07.2020
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Hallo @Peeperkorn,

ich kann mich @MRG nur anschließen: eine bedrückende, dichte Story, auf hohem Niveau erzählt.

Ich musste langsam lesen und ein paar Mal zurückspringen, um die Beziehungen der Figuren zueinander nachzuvollziehen. Aber das ist der Dichte des Textes und Deinem elliptischen Erzählstil geschuldet, es ist also eine Eigenschaft des Textes und kein Makel. ;)

Das langsame, konzentrierte Lesen hat sich aber mehr als gelohnt. Du erzählst eine abgründige Geschichte von Missbrauch unter Kindern/Jugendlichen aus den Perspektiven des Täters und des Opfers. Und obwohl du nur andeutest, entsteht ein verstörendes Bild dessen, was da passiert (Giraffe usw.).

Ein beeindruckender Text, vielen Dank dafür!

Viele Grüße

Christophe
 
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20.05.2017
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Moin @Peeperkorn
ich werde gar nicht viele Worte verlieren. Alles sehr sauber. Viel habe ich noch nicht von Dir gelesen, aber die Welt der Kinder und Jugendlichen auf dem Dorf ist Dein Milieu nicht? Die Stimmen hast Du auf jeden Fall drauf, webst sie auch geschickt in die Erzählstimme. Wirklich clean.
Was mich aber ernsthaft beeindruckt hat, ist die subtile Wiederkehr des Krähenmotivs.
Können Körper nicht öffnen - Tims Hilflosigkeit
Picken Augen - Schaltet das Licht aus
Und Arschloch - Die Taschenlampe
Dazu der Rabenvater. Er sitzt auf seiner Stange und kräht. Geil!
Nach der ersten Lektüre stört mich nur eine einzige Sache:
aber [SIMON] krächzt bloß wie ein Vogel,
Entweder ich habe das Krähenmotiv hineingelesen (und es sollte gar keine neue Ebene eröffnen, sondern nur das Arschloch foreshadowen) oder es wird an dieser Stelle (nahezu! ist ja nur "ein Vogel" ... ist also keine furchtbare Sünde) doppelt belastet.

So oder so, good shit.

LG
Sisorus
 
Mitglied
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20.08.2019
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Lieber @Peeperkorn

ich bin sehr beeindruckt von Deiner Geschichte. Sprachlich ist mir überhaupt nichts negativ aufgestoßen. Die Geschichte hat ein langsames Tempo, ich habe konzentriert gelesen, bin mit jedem Satz tiefer eingetaucht. Die Story hat mich tief in der Seele berührt, lässt mich traurig und nachdenklich zurück.

Das Bier schmeckt bitter. Simon weiß, man gewöhnt sich daran, also nimmt er noch einen Schluck.

Hier habe ich sofort Mitgefühl mit Deinem Protagonisten. Ein kleiner Junge sollte sich nicht an Bier gewöhnen.

«Danke», sagt er und wie sein Vater: «Etwas zu warm für meinen Geschmack.»

Und auch hier zeigst Du dem Leser auf subtile Art und Weise, dass der Vater gerne einen über den Durst trinkt.

iner ist Polizist und der andere muss machen, was er sagt, und dann wird getauscht - das weiß er nicht mehr so genau. Einmal hat er danach den Gürtel verkehrt herum durch die Schlaufen gezogen.

Da hatte ich noch die Hoffnung, dass es "nur" um körperlichen Missbrauch/ Schläge geht, was schon schlimm genug wäre

«Keine Ahnung, wovon Sie reden», müsste Simon jetzt sagen, er dreht sich aber bloß um, blickt nach oben, wo er wohnt, und macht drei Schritte zurück.
«Kein Bock?», fragt Tim.
Simon schüttelt den Kopf.

Der arme Kerl. Kein Wunder, dass er keinen Bock hat. An der Stelle hab ich so Gänsehaut gekriegt

Es tut fast nicht mehr weh, er spürt fast gar nichts mehr. Er würde am liebsten losheulen.

Und ich würde am liebsten mitheulen.

Vielen Dank für diese Geschichte!

Ganz liebe Grüße,
Silvita
 
Beitritt
28.12.2009
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1.721
Hallo,

Und wie sie damit angefangen haben - einer ist Polizist und der andere muss machen, was er sagt, und dann wird getauscht - das weiß er nicht mehr so genau. Einmal hat er danach den Gürtel verkehrt herum durch die Schlaufen gezogen. Als er nach Hause gekommen ist, hat die Mutter gefragt, ob er die Hosen ausgezogen hat und warum, und noch Tage später hat sie wieder davon angefangen und ihm nicht geglaubt.

Ich finde, du verrätst hier zu viel. Tim ist älter, er wäre in so einer Konstellation auch eher dominant, also mit Rollentausch ist da doch eher weniger, nehme ich mal an. Tim hat durch das Altersgefälle auch mehr Erfahrungen, er nutzt diese Situation wahrscheinlich für sich auch, er verführt Simon. Das ist auch eine Frage, die mir sofort in den Sinn kommt: Wie alt sind die? 11, 12, dann spielen die nicht mehr Polizist, da würde das schon einen seltsamen Beigeschmack haben, außer beide wissen, dass es eine eindeutig sexuelle Komponente hat und sie tun es heimlich. Das ist eine, finde ich, wichtige Frage, weil sie die fragile Konstruktion des Textes schnell zusammenfallen lassen kann.

Die Mutter, die da ständig nachfragt. Das ist ebenfalls wichtig, weil es ja auch das Milieu etabliert; ich habe immer das Gefühl, da wird eher gar nicht nachgefragt, und so kann eine Mißbrauch überhaupt erst richtig entstehen - Ersatzobjekttäter im Nahfeld, da gibt es für Außenstehende oft die eindeutigsten Konstellationen und Bilder, die aber von den Eltern nicht gesehen und bemerkt werden. Hier entscheidet sich also, was für Eltern Simon hat. Fragt sie wirklich noch Tage später nach? Das klingt nach Helikoptereltern.

Und seit er mit Tims Vater Gespräche führt, hat er noch weniger Lust, Verhör zu spielen. Eigentlich sind es keine Gespräche, weil nur Hans redet, und vieles davon versteht Simon nicht, aber das macht nichts, weil sie sind zwei Männer, die eine Pause von der Arbeit machen und zusammen Bier trinken.

Da steckt ja drin, dass Simon diese Verhörspiele mitmacht, weil er denkt, das lade seinen sozialen Status irgendwie auf: Respekt, Maskulinität, auch das Durchhalten, diese seltsame Verbissenheit. Hans ist ganz eindeutig erwachsen und ein Mann, der männliche Dinge tut, eine Art Vorbild, und durch diese Gesten, das Biertrinken und das Reden, bekommt Simon das Gefühl, auch mehr Mann zu sein, zu werden. Klingt abgedroschen, aber hier hätte ich mir eine Szene gewünscht, wo das deutlich wird, wo man das spürt, wo es im Text bewiesen wird.

Oben in den Bäumen veranstalten die Krähen ein Riesengezeter.

Ich spüre da eine Gravität im Text selbst, es geht um wichtige, existenzielle Dinge, und ich finde, ein Wort wie Riesengezeter passt da nicht rein. Ich bin da vielleicht auch sehr empfindlich, aber für mich sind gute Texte immer auch archaisch, die sprechen auch immer das Reptiliengehirn an, da geht es stets um Blut, Schweiß, Tränen, und so ein Wort schmeißt mich aus diesen tiefen Sphären hinaus.

«Üble Viecher», sagt er. «Aasfresser. Können einen Körper nicht öffnen, der Schnabel ist zu schwach. Also picken sie Augen aus oder machen sich am Arschloch zu schaffen.»
Kann raus, mMn, denn er erklärt danach ja, was ein Aasfresser ist.

Eine Nase, über die man mit dem Finger gleiten kann, und der Finger ist ein Skispringer.

Da geht es mir ähnlich. Dieses Bild fällt aus der sonstigen Wucht heraus. Du weißt, ich habe ganz grundsätzlich Schwierigkeiten mit Bildern, und ich weiß auch, dass du mit diesen Bildern einen bestimmten erzählerischen Duktus verfolgen möchtest (wahrscheinlich), da es in dem Text um Jugend, Heranwachsen und auch das Verspielte, Assoziative darin geht, aber mich wirft so etwas aus dem Lesefluss. (Vielleicht bin das aber auch einfach nur ich, dont give a fuck.)

Karin! Wie sie dasitzt, in der hintersten Reihe, die Haare, als hätte ein Vogel ein Nest gebaut und mittendrin die Lust verloren.
Hier ähnlich. Ich finde auch das nachfolgende Bild, wo sie mit dem Oberkörper wippt, sehr viel stärker. Und krümlig, das ist eine perfekte Charakterisierung.

«Wir haben Geld nur für Dinge, die wir brauchen», hat Vater gesagt.
Du hattest die Auftragslage erwähnt, sicher nicht ohne Grund, ich denke, das wird klar, dass die nicht auf Rosen gebettet sind. Ich würde da dem Leser vertrauen, dass er das versteht. Der Junge hat kein Handy, Auftragslage, alles klar.

Als Tim ihn gefragt hat, wie die Auftragslage ist, hat er gesagt: «Der Gander, das Arschloch, macht alles billiger, und er stammt von hier und die Leute schieben ihr kaputtes Fahrrad lieber ins Nachbardorf als zu mir. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen.»

Schon fast zu viel verraten. "Der Gander kommt eben von hier." Den Rest kann der Leser sich denken, du hast das mit dem restlichen Text schon so gut vorbereitet, da brauchst du so einen erklärenden Dialog doch gar nicht, oder?

Die Schatten der Autos, die ihm entgegenkommen, sind rasierklingenscharf. Zehn Zentimeter über dem Boden gleiten sie über den Gehsteig, und wenn Tim nicht hoch genug springt, muss er auf blutigen Stümpfen weitergehen. Jedes Mal, wenn er landet, schlägt der Rucksack gegen den Rücken und der Atlas sticht zwischen die Schulterblätter. Soll er den Rucksack öffnen und das Buch verschieben? Nein, denn das gehört zur Mission. Heißer Wüstensand und schwebende Klingen und Stiche in den Rücken, das ganze Programm.

Das klingt für mich aber eher nach Simon. Ich habe die Konstellation der beiden Jungen beim Lesen die ganze Zeit im Kopf, und da ist Tim älter und dominanter. Würde der noch so herumträumen, sich so der Fantasie hingeben? Ist es nicht eher so, dass Tim diesen Bereich der Fantasterei bereits verlassen hat, er ist doch derjenige, der die Spiele angeleitet hat, also so habe ich das jedenfalls verstanden, einer muss damit beginnen, und Simon erinnert sich sicherlich nicht ohne Grund NICHT daran. (Es kann natürlich auch ganz anders sein, andersherum, aber so habe ich es nicht gelesen.) Da sind mir die beiden Jungs zu ähnlich, die gleichen sich in ihrem psychologischen Profil an. Um das Innere nach Außen zu kehren, also ein Motiv zu finden, den Figurendruck erschaffen, da braucht es für Tim doch etwas Handfestes.


Das Bratenstück ist ein U-Boot. Langsam taucht es auf, das Wasser fließt auf den Seiten herab, und dann geht es wieder nach unten, bis Simons Mutter sagt, er soll endlich essen.

Hier passt das alles zusammen: Der Junge ist offensichtlich ein Träumer, der viel assoziiert, der alles in eine Art selfmade-film zusammenschneidet. Hier wirkt das sehr stark, da passt es zu der Situation und ich kenne den Jungen auch etwas besser.


«Kannst nicht du ihn einstellen?», hat Simon gefragt und der Vater hat gelacht. «Das wäre ja was, ein Fahrradmechaniker in meinem Büro, einer, der nicht weiß, wie man einen Computer hochfährt.»
Brauchst du gar nicht zu erklären, denke ich. Der Vater ist in einer anderen Position, ein höherer sozialer Rang, das wird sofort klar, was er von Tims Vater hält. Auch in dem Dialog davor würde ich kürzen, ihn einfach nur sagen lassen: "Der ist faul wie Fallobst."
«Aha!» ruft er. «Coke? Sugar? Sag’s gleich, wir finden es so oder so heraus!»
Schwierig wegen dem Alter. Coke und Sugar, wissen Kids, was das ist? Scheint mir ja auch eher ein provinzielles Setting zu sein. Wenn du jetzt böse wärst, könntest du da irgendwie die Flüchtlingsdebatte mit reinbringen, und Tim überprüft, ob Simon hier überhaupt die richtigen Papier bei sich trägt. Vielleicht aber etwas zu politisch unkorrekt, ähem? :D

«Keine Widerrede, du Fotze! Hände über den Kopf und Abmarsch!»

Fotze ist ein hartes Wort. Ich nehme ihm das hier auch nicht ab, dass er da sofort so raushaut, das wirkt so aufgesetzt, auch wenn ich weiß, dass hier ein Machtgefälle dargestellt werden soll. Ich würde das einfach weglassen und ihn agieren lassen.

«Riechst du es?», fragt Tim. «Kannst du den Typen riechen, den ich letzte Woche verhört habe? Er muss da hinten irgendwo liegen.» Tim zielt mit der Taschenlampe in eine Ecke. «Zumindest die Hälfte davon, den Rest hab ich gefressen.»

Das ist supermorbide, und da habe ich auch viel eher Tim vor Augen. Der bräuchte eigentlich viel krassere Gedankenspiele, wie er einer Katze den Kopf zertrümmert oder Katrin Schmerzen zufügt, in dem er sie skalpiert, wegen ihrer beschissenen Frisur - also, du weißt, was ich meine. Da ist die Unschuld schon zerbröckelt, da kommt schon etwas Anderes zum Vorschein, da lauert etwas, und das braucht ein adäquates Output.

Simon kichert, Tim sagt, er soll damit aufhören. «Wo hast du die Drogen versteckt?», fragt er. «Im Rucksack? Am Körper etwa? Unter die Titten geklebt? T-Shirt ausziehen und Hose runter!»

Simon kichert, weil er ihn nicht ganz ernst nimmt. Tim müsste hier aber anders reagieren, finde ich, der redet dann nicht mehr, der agiert. Der knallt ihm mit der Taschenlampe eins in den Rücken, der wird wütend, da lastet permanent Druck auf ihm, er wird zur Tante abgeschoben, der Laden des Vaters geht den Bach runter, eine grausame Situation, in die er gepresst wird - irgendwann muss es eskalieren. Und warum muss einer die Frau spielen? Das verstehe ich nicht. Das wirkt fast wie eine Entschuldigung.

Während Simon den Gürtel löst, schiebt Tim einen Fuß zwischen seine Beine, und dann ein Tritt nach links, und einer nach rechts, beinahe fällt die Fotze um.

Ich verstehe, dass du den Erzähler sehr personal, sehr nah gestaltet hast, aber wenn der Erzähler sich im Vokabular angleicht, gerade bei einem Wort wie Fotze, dann finde ich, verringert sich die Wirkung. Es wirkt wie eine Verbrüderung im Geiste, und vertieft den Text nicht, es wirkt einfach wie shock value, wie eine krasse Wiederholung, um was zu verdeutlichen? Die Situation, die ist so heavy, so heftig, da finde ich, hast du es gar nicht nötig, so reinzugehen. Das reicht schon vollkommen aus.

Er blickt ernst. Weiß er, was passiert ist? Wird er es den Eltern erzählen? Weshalb hast du bloß die Hose ausgezogen, Simon?

Ich glaube, alle diese Fragen stecken in dem ernsten Blick. Der Leser fühlt diese Fragen.

Simon nickt und setzt sich hin. Es tut fast nicht mehr weh, er spürt fast gar nichts mehr. Er würde am liebsten losheulen.

Das würde ich zeigen. Er rutscht ständig auf dem Stuhl hin und her, wegen den Schmerzen, und dann fragt ihn die Mutter: "Sag mal, tut es dir weh, was hast du?" So einen vollkommen undifferenzierten, unbewusst distanzlosen Einwurf, der ihn aber natürlich voll in die Wunde trifft, und der kann im Grunde nicht antworten, es entsteht eine dichte, unfassbar gruselige Atmosphäre.

Das Ende. Der Fleischkäse ist im Zusammenhang das Übelste an der ganzen Geschichte, weil es Leben, Tod, Verfall symbolisiert. Ein intensiver, organischer Geruch. Mir hat es beim Lesen den Hals zusammengezogen, weil man automatisch assoziiert - der Geruch von Blut, von Körpern, von Körpersäften, die sich einem für immer einbrennen, dann dieser analoge Geruch in der scheinbar unschuldigen Wirklichkeit der Eltern, Fleischkäse, das ist krass. Damit würde ich auch enden. Der Fleischkäse schmeckt gut. Das ist in seiner Harmlosigkeit schon so richtig schön bedrohlich, eine fiese, offene Schwingung.

Ja, wichtig, solche Texte. Mir fehlt etwas der Fokus, hier wird sehr viel auf sehr wenig Raum erzählt, und auch von vielen Dingen erzählt. Tim, Simon, Tims Vater, Simons Mutter. Sehr viele Schwingungen, die nebenbei laufen, und dann frage ich mich, was ist der Hauptfaden? Das Verhältnis von Tim zu Simon. Mir fehlt auch etwas die Motivation - warum tun die Figuren eben genau das, was sie tun? Was bewegt sie dazu? Und wie gehen sie verändert aus dieser Szene heraus? Man muss das nicht genau alles nacherzählen, man muss auch zu keiner Konklusion kommen, sonst wäre es ein Text, der eben auf diesem einen krassen Effekt basiert, und ich denke nicht, dass du das wolltest. Wie soll ich das sagen, was ich da empfinde, das ist schwierig, in Worte zu fassen. Simon ist vielleicht die größte Leerstelle. Er lässt da etwas mit sich machen, macht mit, und er empfindet es mehr und mehr als falsch, er bleibt passiv, er investiert alles in seine Gedanken, das Gehirn, das alles vernichtet, aber warum? Er hat eine besorgte Mutter, einen anscheinend gebildeten Vater, alles Vorbilder, die ihm ein gewisses Maß an Ethik und Verständnis vorleben sollten/könnten. Ihm fehlen ganz offensichtlich die Werkzeuge dazu, sich zu öffnen. Warum ist das so? Was fehlt? Bei Tim ähnlich. Er scheint der dominante Part zu sein - wo drückt sich das noch aus, wie kommt er zu diesem Verhalten, was macht ihn glauben, dass das richtig ist?Wo hat er das gelernt? Und wenn er so ein Naturell ist, müsste er dem Vater nicht eigentlich Widerworte geben und sagen: Wenn das mein Laden wäre, würde der brummen, du verdammter loser? Oder andersherum: Wenn er gemobbt werden würde und dann nach unten treten, den Schwächeren benutzen, so wie er benutzt und gedemütigt wird. Hier kommt das alles aus dem Nichts. Vielleicht kann ein so knapper Text das aber auch gar nicht leisten, Peter, ich weiß es nicht. Es sind Fragen, die sich mir beim Lesen eben gestellt haben.

Das korreliert mit dem Titel, i get it. Er ist eben kein harter Junge (Simon), oder eben doch (Tim), bzw die Vorstellung, der Mythos davon. Nur wird mir nicht klar, was sie damit einlösen würden, wenn sie diesem idolisierten Bild entsprächen. Das fasst es vielleicht gut zusammen. Simon gibt auf, er will kein harter Junge mehr sein, was hat sich für ihn geändert, was ist seine Erkenntnis?

Gruss, Jimmy
 
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Einmal hat er danach den Gürtel verkehrt herum durch die Schlaufen gezogen.

Der Titel passte auch im Plural zu Deinem gewohnt souverän erzählten Werk über den elfjährigen Simon und den vielfältigen „Beziehungen“ zu älteren incl. der Ältern,

lieber Peeperkorn,

wobei mir zum ersten Mal auffällt, wie häufig das vielgestaltige „zu“ (Präposition, Konjunktion, Adverb, Präfix) verwendet wird. Dass ich bei einem Spiel (das es bereits seit den 30er Jahren gibt) nachschlagen musste, konnte nicht den vielgenannten Lesefluss stören (wo auch immer der zu verorten wäre) und ist für mich kein Manko – wieder was gelernt!, und dass ich weniger durch meinen Altvorderen denn als Wölfling schon Erfahrung mit Allohol hatte, ist auch kein Geheimnis. Welche Wirkung auf dem schneebedeckten Plettenberg (Sauerland) die "Taufe" zum Jungpfadfinder für die nackten Zwölfjährigen auf die älteren hatte, legte sich rasch der Mantel des Schweigens und die Gnade des Vergessenkönnens. Ob's den "Ritus" noch gibt - k. A.


So will ich weniger von einem realistischen als einem geradezu naturalistischem Werk sprechen und noch schnell vor Mittag ein paar Flusen aufzeigen:

«Der wird bald zumachen», hat Simons Vater einmal gesagt.
Nicht falsch, aber in wirtschaftlich schweren Zeiten passte „muss bald dichtmachen“ besser, denn der „Laden“ macht ja jeden Abend „zu“. Selbst „schließen“ trifft auf Feierabend und Firmen-/Betriebsaufgabe zu.

Hier würd‘ ich sogar noch ein „zu“ zulegen
Die Sonne scheint durchs Fenster, Mutter zieht die Vorhänge [zu], …
selbst wenn es in anderer Funktion im gleichen Satz nochmals auftaucht
..., damit es im Wohnzimmer nicht zu heiß wird.

Er legt die Hand auf Simons Schulter, mit der anderen …
Linke oder rechte Sch., „Schultern“ erspart die Präzisierung

«Ich hab ein paar neue Tricks, Verhörtechnik eins a», sagt er, schiebt Simon vor sich her, und wenn der zu langsam läuft, drückt er seinen Arm nach oben.
Warum das Komma?
Ähnlich hier
Tim legt die Hand auf Simons Rücken, etwas oberhalb des Hinterns, der Strahl der Taschenlampe zeigt zwischen die Arschbacken und der Kegel wird kleiner, und im Keller wird es dunkel, und als Tim die Taschenlampe blitzschnell umdreht und zustößt, beißt er tatsächlich auf die Zähne, erwischt dabei ein Stück seiner Zunge.

Tolles Bild!, auf den ausreißenden wurde schon verwiesen
Wie eine Giraffe beim Saufen steht Simon jetzt da, die Arme gegen die Wand gestemmt .

However -

FRiedel
 
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@Peeperkorn

Es liest sich so "leicht" und es liegt so schwer…

Es ist herrvorragend geschrieben, keine Frage..., aber es lässt mich auch mit einigen Fragen zurück.
Im Grunde ist Tim der treibende Part, aber Charakterlich setzt du sie auf die gleiche Ebene.
Sie sind beide Fantasy geladen. Sie wechseln sich ab bei Mann und Frau, was bedeutet das Simon gleichmassen beteiligt ist. Also eher Doktorspiele...
Wiederum weiss Simon gar nicht recht wie er die Freundschaft zu Tim einordnen soll, denn Freunde sind sie ja eigentlich nicht, so wie er selbst sagt.
«Keine Ahnung, wovon Sie reden», müsste Simon jetzt sagen, er dreht sich aber bloß um, blickt nach oben, wo er wohnt, und macht drei Schritte zurück.
Die Hoffnung das seine Mutter aus dem Fester sieht... weil er nicht mit will. Dann fehlt vielleicht der Psychische druck, der von Tim ausgeht. Denn ein Freund ist er ja nicht, er sieht auch nicht zu ihm auf, warum geht er mit, hat er doch nichts zu verlieren.

Als Simon oben ist, dreht er sich um und will Danke rufen, aber er krächzt bloß wie ein Vogel, er versteht nicht mal selbst, was er ins Treppenhaus schreit.
Beschreibt perfekt die Verwirrung, mit der er gerade kämpft.
«Gewonnen!», ruft er und reißt die Arme in die Höhe.
«Wo bleibt dein Jubel?» fragt sie. Simon hebt die Arme.

Das spricht einfach Bände...

Ich finde du zeigst hier Beispiellos das Kind, das in seiner kindlichen Welt noch gar nicht einordnen kann, was gerade passiert ist sondern nur, dass es passiert ist und es ihm schlecht dabei geht. Und die grösste Angst dabei ist, dass die Erwachsenen was gemerkt haben…

Lieber @Peeperkorn ich wollte mir gar nicht anmassen deinen Text zu "korrigieren" ich habe trotzdem versucht etwas konstruktives beizutragen.

Liebe Grüsse

No One
 
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Hey @MRG

was für eine Geschichte. Sie hat mich einerseits bestürzt zurückgelassen und andererseits zutiefst beeindruckt.
Danke dir!
Finde das hier geschickt gemacht. Du leitest den Schauplatz deiner Geschichte ein und gleichzeitig ist das ein gutes Beispiel für "show don't tell". Durch die Frage geht es dann direkt in die Handlung, funktioniert gut für mich.
Gut. Ich kann mich erinnern, dass hier vor einiger Zeit mal gefragt wurde, weshalb es nicht optimal sei, eine Geschichte mit einer Dialogzeile zu beginnen. Meine Meinung: Verortung (Wo? Wer?) findet in diesem Fall immer erst im Nachhinein statt, was eher ungünstig ist.
Und wie sie damit angefangen haben - einer ist Polizist und der andere muss machen, was er sagt, und dann wird getauscht - das weiß er nicht mehr so genau. Einmal hat er danach den Gürtel verkehrt herum durch die Schlaufen gezogen.
Die Stelle musste ich zweimal lesen, weil ich dachte, ich hätte mich verlesen. Es steckt für mich die Andeutung von Missbrauch in diesen Worten, wieder auf eine ganz subtile Art präsentiert.
Ja, das ist zunächst nur ein Spiel, die beiden Jungen handeln bis dahin ja auch einvernehmlich, beide sind phantasiebegabte Kinder, die unterscheiden sich in vielen Punkten gar nicht so sehr voneinander. Und doch gibt es dieses fragile Gleichgewicht, das sehr schnell kippen kann.
Das finde ich eine starke Stelle, weil wieder die Perspektive von Tim deutlich wird. Mir sind vor allem zwei Punkte aufgefallen: Du machst einerseits deutlich, dass es sich in gewisser Weise noch um ein Kind handelt. Er denkt sich selbst Spiele aus. Andererseits deutest du durch die blutige Fantasie Gewaltpotential bei Tim an. Wer denkt sich als Kind bzw. als Jugendlicher (er ist etwas älter als Simon, der 11 Jahre alt ist) so ein Spiel aus?
Ich wollte - wie gesagt - zeigen, dass sich die beiden Jungs nicht sehr voneinander unterschieden. Und doch: Beide sind phantasiebegabt, aber Tims Phantasien sind anders gelagert, spielerisch, aber eben auch gewalttätig.
Hier eine Kleinigkeit: Leerzeichen vor dem Punkt.
Hab ich korrigiert, merci!
Tim legt die Hand auf Simons Rücken, etwas oberhalb des Hinterns, der Strahl der Taschenlampe zeigt zwischen die Arschbacken und der Kegel wird kleiner, und im Keller wird es dunkel, und als Tim die Taschenlampe blitzschnell umdreht und zustößt, beißt er tatsächlich auf die Zähne, erwischt dabei ein Stück seiner Zunge.
Die Gewalt passiert und du hast mich als Leser schon vorher darauf vorbereitet. Trotzdem ist das schwer zu verdauen.
Für mich die schwierigste Stelle im Text, technisch betrachtet. Gewalt zu zeichnen, ohne reisserisch zu werden, scheint mir keine einfache Sache zu sein.
Ich habe mich gefragt, weshalb du nach der Missbrauchsszene die Perspektive von Hans einnimmst. Beim zweiten Lesen, hatte ich plötzlich eine böse Ahnung. Ich sehe Hans als Strippenzieher, allerdings bin ich mir da noch nicht ganz sicher. [...]
Hans scheint Simon lieber zu haben als Tim. Daher könnte Tim auch aus Neid handeln und er will Simon dafür bestrafen, dass Hans Simon lieber mag als ihn. Dann ist mir allerdings nicht klar, weshalb Hans von dem Übergriff weiß?
Ich denke nicht, dass Hans mit der Sache etwas zu tun hat. Es wird die Perspektive von Simon eingenommen, der Angst hat, Hans könne davon erfahren haben - und es seinen Eltern erzählen, die dann fragen werden, weshalb Simon die Hosen ausgezogen hat. Es wird aber nicht gesagt, dass Hans tatsächlich davon weiss.
Neid/Eifersucht. Ja, ich denke, das ist das Scharnier im Text, anders lässt sich Tims Verhalten nicht so recht verstehen.
Insgesamt hat mich die Geschichte in Mark und Bein getroffen. Habe sie zweimal aufmerksam gelesen und bin von der Dichte der Geschichte beeindruckt. Das ist schon ganz hohes Niveau. Danke dafür.

Und ich danke dir! Ist eine etwas ältere Geschichte, die ich vor einem Jahr geschrieben habe. Ich hatte nie ein gutes Bauchgefühl bei diesem Text, jetzt habe ich mich endlich durchgerungen, ihn einzustellen, um herauszufinden, was mit diesem Ding nicht stimmt. Aber ich war jetzt nicht ganz unfroh darüber, diesen ersten und schönen Kommentar zu lesen. :D

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
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Lieber @Christophe

Jetzt kommt es also zum Direktkontakt. Vielen Dank, dass du reingeschaut hast!
eine bedrückende, dichte Story, auf hohem Niveau erzählt.
Vielen Dank!
Ich musste langsam lesen und ein paar Mal zurückspringen, um die Beziehungen der Figuren zueinander nachzuvollziehen. Aber das ist der Dichte des Textes und Deinem elliptischen Erzählstil geschuldet, es ist also eine Eigenschaft des Textes und kein Makel.
Das ist nett formuliert. Ich bin mir da nicht so ganz sicher. In meinem Kopf ist alles klar und ich schreibe nur das Nötigste und manchmal ist dann das eine oder andere Puzzleteil nicht so ganz am richtigen Ort, um ein flüssiges Gleiten durch den Text zu ermöglichen. Aber es ist schön, gibt es Leser wie dich, die sich von sowas nicht aufhalten lassen. Vielen Dank dafür!

Hey @Sisorus

Viel habe ich noch nicht von Dir gelesen, aber die Welt der Kinder und Jugendlichen auf dem Dorf ist Dein Milieu nicht?
Da zieht es mich immer wieder mal hin. Zu meinen Wurzeln halt. Intellektueller in Midlifecrisis mach ich aber auch. Und dann noch … na ja, immerhin zwei Dinge.
Was mich aber ernsthaft beeindruckt hat, ist die subtile Wiederkehr des Krähenmotivs.
Hast du unter deine Kreise und Schlingen nicht was übers Verstehen geschrieben und darüber, verstanden zu werden? Bei der Krähe habe ich gedacht, das merkt ja eh keiner, diese Parallele, und nun ist es sehr schön, dass doch. Freude!
Nach der ersten Lektüre stört mich nur eine einzige Sache:
aber [SIMON] krächzt bloß wie ein Vogel,
Entweder ich habe das Krähenmotiv hineingelesen (und es sollte gar keine neue Ebene eröffnen, sondern nur das Arschloch foreshadowen) oder es wird an dieser Stelle (nahezu! ist ja nur "ein Vogel" ... ist also keine furchtbare Sünde) doppelt belastet.
Hm. Ich dachte hier an einen Vogel, dem die Krähe die Augen auspickt. Dass die Krähe selbst ein Vogel ist, ist natürlich irgendwie blöd. Mal schauen, ob mir eine elegante Lösung einfällt.

Danke dir für diesen kleinen feinen Kommentar!

Hallo @Silvita

ich bin sehr beeindruckt von Deiner Geschichte. Sprachlich ist mir überhaupt nichts negativ aufgestoßen. Die Geschichte hat ein langsames Tempo, ich habe konzentriert gelesen, bin mit jedem Satz tiefer eingetaucht. Die Story hat mich tief in der Seele berührt, lässt mich traurig und nachdenklich zurück.
Das freut mich, auch wenn das ein wenig schräg ist, von wegen «traurig».

«Danke», sagt er und wie sein Vater: «Etwas zu warm für meinen Geschmack.»
Und auch hier zeigst Du dem Leser auf subtile Art und Weise, dass der Vater gerne einen über den Durst trinkt.
Hm. Ich merke gerade, dass das vielleicht etwas verwirrlich ist. Simons Vater kommt ja erst später vor und ob der viel trinkt, sollte nicht die Frage sein, sondern nur, dass Hans viel trinkt. Muss ich mir noch überlegen, ob ich da was ändern sollte.
«Keine Ahnung, wovon Sie reden», müsste Simon jetzt sagen, er dreht sich aber bloß um, blickt nach oben, wo er wohnt, und macht drei Schritte zurück.
«Kein Bock?», fragt Tim.
Simon schüttelt den Kopf.
Der arme Kerl. Kein Wunder, dass er keinen Bock hat. An der Stelle hab ich so Gänsehaut gekriegt
Nochmal: Hm. Eigentlich sollte Simon hier bloss ahnen, dass es diesmal anders wird. Bisher hat er ja bloss gesagt, dass es nicht mehr so Lust hat, Verhör zu spielen. Vielleicht sollte ich mal folgende Frage in die Runde werfen: «Wird eigentlich klar, dass diese Verhörspiele bisher eher harmlos gewesen sind, und es erst jetzt zu einem Übergriff kommt?» Wenn nämlich nicht, dann funktioniert die Geschichte nicht wirklich. Also zumindest nicht so, wie ich mir das gedacht habe.

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Lieber Gruss euch

Peeperkorn
 
Wortkrieger-Team
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Hallo @Peeperkorn,

ich hatte ziemlich Probleme in deinen Text zu kommen. Ich lass dir schon mal Feedback zu dem Anfang da, vllt hilft es dir ja.

Hätte seine Mutter einen sechsten Sinn - wie ein Reh vielleicht oder wie dieser Vogel, an dessen Namen er sich nicht erinnern kann - stünde sie jetzt am Fenster, würde es aufreißen und dann so: «Hast du sie noch alle, Hans? Einem Zehnjährigen, bist du noch bei Trost?»
Hier habe ich keine Ahnung, wer Hans ist und wie alt er ist. Und wessen Mutter ist es nun? Da sie mit Hans schimpft, denke ich, es ist seine Mutter, und Hans ist ein Teenager.

Eigentlich sind es keine Gespräche, weil nur Hans redet, und vieles davon versteht Simon nicht, aber das macht nichts, weil sie sind zwei Männer, die eine Pause von der Arbeit machen und zusammen Bier trinken.
Ein aufmerksamer Leser würde hier bemerken, dass Hans Tims Vater ist, aber wenn man einmal auf dem falschen Dampfer ist …

Und wie sie damit angefangen haben - einer ist Polizist und der andere muss machen, was er sagt, und dann wird getauscht - das weiß er nicht mehr so genau. Einmal hat er danach den Gürtel verkehrt herum durch die Schlaufen gezogen und als er nach Hause gekommen ist, hat die Mutter gefragt, ob er die Hosen ausgezogen hat und warum.
Hier ist schon dieser Hinweis auf den sexuellen Missbrauch, der kommt irgendwie so unnatürlich daher. Muss es denn direkt nach ein paar Zeilen in diese Richtung gehen? Dieses Wegschauen und das „So richtig Freunde sind sie nicht“, das finde ich irgendwie subtiler. Keine Ahnung, warum mich das stört. Vllt fühle ich mich da als Leser zu sehr gedrängt.

Tante Silvia ähnelt Tims Mutter.
Ich kenne weder Tim noch seine Mutter und jetzt soll ich damit die Tante vergleichen? Wessen Tante eigentlich? Tims? Oder Simons?

Aber bei Silvia würde er das nie tun.
Da der erste Abschnitt aus Simons Sicht ist, gehe ich davon aus, dass wir noch bei ihm sind und „er“ Simon ist.

Sie fragt, was Hans macht und wie die Auftragslage ist.
Wieso interessiert sie sich jetzt für Hans? Ich habe große Probleme die Personen und ihre Beziehungen unter einen Hut zu kriegen.

Tim zuckt dann immer mit den Schultern.
Ach, wir sind jetzt bei Tim! Also ist Silvia Tims Tante und deswegen fragt sie nach ihrem Bruder/ Schwager.

Danach sind die Perspektiven klarer, ich denke, weil du auch früher den Namen, der entsprechenden Person nennst.

Liebe Grüße,
NGK
 
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Hey @jimmysalaryman

Hammer-Kommentar! Hab vielen Dank.

Einige einfache Dinge habe ich gleich geändert, „Riesengezeter“ und „Aasfresser“ sind raus, ebenso die Erklärung von Simons Vater, weshalb er Tims Vater nicht einstellen will. Den Dialog davor habe ich gekürzt. Auch die Stelle über Gander und die Auftragslage ist gekürzt. Die Mutter fragt nicht mehr tagelang nach (bezüglich der Sache mit dem Gürtel).

Du hattest ja Bedenken in Bezug auf den Fokus der Geschichte. Dazu später mehr. Ich habe aber einen Aspekt aus der Geschichte rausgenommen, der wohl einfach too much war und sich nicht so einfügen wollte: Dass die Jungs diese Machtspielchen so spielen, dass die unterlegene Position automatisch von einer Frau eingenommen wird, und einer von beiden also eine solche spielen muss. Na ja, ich fand das einen interessanten Gedanken, aber das hat den Text wohl etwas überfrachtet. Ist nur ein kleines Ding, aber kann ja manchmal Wunder wirken. Damit ist auch der Begriff «Fotze» aus dem Text.

Eine weitere kleiner Änderung betrifft das Alter. Ich habe Simon ein Jahr jünger gemacht und die Aussage, dass Tim älter ist, habe ich rausgenommen. Das entspricht auch eher dem Geist der Geschichte, ich wollte die ganz bewusst ähnlich haben, die Phantasien, die sie haben, das Verspielte, aber bei Tim geht es in Richtung Gewaltphantasie, was angeboren sein mag, oder bedingt durch die Umstände, in denen er lebt. Das war für mich so der Rahmen, in der sich der Text bewegen sollte. Ich hoffe, dass sich dann solche Fragen, wie du sie zu Beginn deines Kommentars formuliert hast (Rollentausch, wenn doch der eine viel älter ist), nicht mehr aufdrängen. Ich denke, zehn ist ein akzeptables Alter für solche Spiele, ums mal salopp zu formulieren. Und wie gesagt, am Anfang soll Dominanz etc noch nicht so eine Rolle spielen. Ich wollte eher zeigen, wie aus diesem Rollenspiel auf einmal Ernst wird.

Bei einem wichtigen Punkt, vielleicht beim wichtigsten, bin ich nicht sicher, ob du den Text so gelesen hast, wie ich mir das vorgestellt habe. Du sprichst den Fokus und die Motivation an. Für mich ist das eigentlich klar gegeben: Die beiden spielen Verhör und Simon fühlt sich nicht ganz wohl dabei, vor allem, weil ihm dieses Missgeschick mit dem Gürtel passiert ist und er Angst hat, dass die Eltern dahinterkommen, was sie da treiben. So weit, so harmlos. Das entscheidende Motiv ist durch die zufällige Entdeckung Tims gegeben, dass sich sein Vater mit Simon unterhält und die Werkstatt geschlossen ist. Er hingegen wird zur Tante abgeschoben. Ich bin nicht sicher, ob diese entscheidende Wendung mit dem nötigen Gewicht versehen ist oder ob das überlesen wird.

Insofern denke ich schon, dass da ein klarer Faden im Text ist. Und dass die Geschehnisse auch nicht aus dem Nichts kommen. Da ist doch alles da, die Anlage, sowohl bei Simon, der etwas verträumte, verschlossene, bei Tim, der aggressive, ich finde auch nicht, dass man das psychologisch herleiten oder noch ausführlicher zeigen müsste. Und dann eben die Zurücksetzung durch Hans und die Racheaktion Tims. In meinem Kopf ist das alles stimmig, aber ich weiss nicht mehr so recht, ob das auch im Text steht. :shy:

Noch zu ein paar Details:
Eine Nase, über die man mit dem Finger gleiten kann, und der Finger ist ein Skispringer.
Da geht es mir ähnlich. Dieses Bild fällt aus der sonstigen Wucht heraus. Du weißt, ich habe ganz grundsätzlich Schwierigkeiten mit Bildern, und ich weiß auch, dass du mit diesen Bildern einen bestimmten erzählerischen Duktus verfolgen möchtest (wahrscheinlich), da es in dem Text um Jugend, Heranwachsen und auch das Verspielte, Assoziative darin geht, aber mich wirft so etwas aus dem Lesefluss. (Vielleicht bin das aber auch einfach nur ich, dont give a fuck.)
Ja, sehe den Punkt. Aber ich wollte eigentlich bewusst solche harmlos-kindlichen Bilder auch bei Tim einstreuen. Ist ja nicht so, dass Simon ein Engel und Tim der Teufel. Gilt auch für das Vogelnest in Karins Haaren.
«Wir haben Geld nur für Dinge, die wir brauchen», hat Vater gesagt.
Du hattest die Auftragslage erwähnt, sicher nicht ohne Grund, ich denke, das wird klar, dass die nicht auf Rosen gebettet sind. Ich würde da dem Leser vertrauen, dass er das versteht. Der Junge hat kein Handy, Auftragslage, alles klar.
Muss ich noch überdenken. Der Text bietet schon genug Schwierigkeiten, ich fand das hier auch eine gute Überleitung und darum habe ich es noch mal aufgegriffen.
Die Schatten der Autos, die ihm entgegenkommen, sind rasierklingenscharf. Zehn Zentimeter über dem Boden gleiten sie über den Gehsteig, und wenn Tim nicht hoch genug springt, muss er auf blutigen Stümpfen weitergehen. Jedes Mal, wenn er landet, schlägt der Rucksack gegen den Rücken und der Atlas sticht zwischen die Schulterblätter. Soll er den Rucksack öffnen und das Buch verschieben? Nein, denn das gehört zur Mission. Heißer Wüstensand und schwebende Klingen und Stiche in den Rücken, das ganze Programm.
Das klingt für mich aber eher nach Simon. Ich habe die Konstellation der beiden Jungen beim Lesen die ganze Zeit im Kopf, und da ist Tim älter und dominanter. Würde der noch so herumträumen, sich so der Fantasie hingeben? Ist es nicht eher so, dass Tim diesen Bereich der Fantasterei bereits verlassen hat, er ist doch derjenige, der die Spiele angeleitet hat, also so habe ich das jedenfalls verstanden, einer muss damit beginnen, und Simon erinnert sich sicherlich nicht ohne Grund NICHT daran. (Es kann natürlich auch ganz anders sein, andersherum, aber so habe ich es nicht gelesen.) Da sind mir die beiden Jungs zu ähnlich, die gleichen sich in ihrem psychologischen Profil an. Um das Innere nach Außen zu kehren, also ein Motiv zu finden, den Figurendruck erschaffen, da braucht es für Tim doch etwas Handfestes.
Wie gesagt, die Ähnlichkeit ist gewollt (und dadurch, dass die beiden jetzt etwa gleich alt sind, hoffentlich auch plausibler. Das psychologische Profil Tims ist einfach stärker in Richtung Gewalt ausgerichtet, da braucht es nur noch ein Streichholz und diese Streichholz ist eben die Zurücksetzung, die er erfährt, als er Simon mit seinem Vater vor der Werkstatt „erwischt“. Das ist in meinen Augen das Handfeste, nach dem du fragst.
«Aha!» ruft er. «Coke? Sugar? Sag’s gleich, wir finden es so oder so heraus!»
Schwierig wegen dem Alter. Coke und Sugar, wissen Kids, was das ist? Scheint mir ja auch eher ein provinzielles Setting zu sein. Wenn du jetzt böse wärst, könntest du da irgendwie die Flüchtlingsdebatte mit reinbringen, und Tim überprüft, ob Simon hier überhaupt die richtigen Papier bei sich trägt. Vielleicht aber etwas zu politisch unkorrekt, ähem?
Na, das wäre dann wirklich überfrachtet, mindestens. Ja, das lasse ich mir noch durch den Kopf gehen. Mein Patenkind wird bald neun, ich frag den mal, wie’s so steht mit Coke und Sugar. :D Ich glaube, ich kannte die Begriffe schon früh, aber ich habe einen älteren Bruder.
«Riechst du es?», fragt Tim. «Kannst du den Typen riechen, den ich letzte Woche verhört habe? Er muss da hinten irgendwo liegen.» Tim zielt mit der Taschenlampe in eine Ecke. «Zumindest die Hälfte davon, den Rest hab ich gefressen.»
Das ist supermorbide, und da habe ich auch viel eher Tim vor Augen. Der bräuchte eigentlich viel krassere Gedankenspiele, wie er einer Katze den Kopf zertrümmert oder Katrin Schmerzen zufügt, in dem er sie skalpiert, wegen ihrer beschissenen Frisur - also, du weißt, was ich meine. Da ist die Unschuld schon zerbröckelt, da kommt schon etwas Anderes zum Vorschein, da lauert etwas, und das braucht ein adäquates Output.
Den Punkt habe ich nicht kapiert. Das ist ja Tim, der spricht.
Simon kichert, Tim sagt, er soll damit aufhören. «Wo hast du die Drogen versteckt?», fragt er. «Im Rucksack? Am Körper etwa? Unter die Titten geklebt? T-Shirt ausziehen und Hose runter!»
Simon kichert, weil er ihn nicht ganz ernst nimmt. Tim müsste hier aber anders reagieren, finde ich, der redet dann nicht mehr, der agiert. Der knallt ihm mit der Taschenlampe eins in den Rücken, der wird wütend, da lastet permanent Druck auf ihm, er wird zur Tante abgeschoben, der Laden des Vaters geht den Bach runter, eine grausame Situation, in die er gepresst wird - irgendwann muss es eskalieren. Und warum muss einer die Frau spielen? Das verstehe ich nicht. Das wirkt fast wie eine Entschuldigung.
Sehe den Punkt. Aber ich wollte da noch eine verbale Zwischenstufe haben im Eskalationsgeschehen. Er handelt nicht völlig impulsiv, da reifen ja diese Pläne ihn ihm, die sich gewissermassen körperlich den Weg nach aussen, in die Handlung bahnen, so wie in der Szene, bevor er nach Hause läuft.
Er blickt ernst. Weiß er, was passiert ist? Wird er es den Eltern erzählen? Weshalb hast du bloß die Hose ausgezogen, Simon?
Ich glaube, alle diese Fragen stecken in dem ernsten Blick. Der Leser fühlt diese Fragen.
Da hatte ich lang gezögert, hatte die Sätze mal drin, mal wieder draussen und am Ende hat mir dann doch der Mut gefehlt (und fehlt immer noch). Ich will vermeiden, dass die Leser am Ende sagen: „Ich verstehe nicht, weshalb Simon das alles nicht seiner Mutter erzählt“. Ach, es ist immer wieder dasselbe, ich predige in meinen Kommentaren, dass man dem Leser mehr zutrauen solle und dann so was. Ich lasse das noch gären.
Simon nickt und setzt sich hin. Es tut fast nicht mehr weh, er spürt fast gar nichts mehr. Er würde am liebsten losheulen.
Das würde ich zeigen. Er rutscht ständig auf dem Stuhl hin und her, wegen den Schmerzen, und dann fragt ihn die Mutter: "Sag mal, tut es dir weh, was hast du?" So einen vollkommen undifferenzierten, unbewusst distanzlosen Einwurf, der ihn aber natürlich voll in die Wunde trifft, und der kann im Grunde nicht antworten, es entsteht eine dichte, unfassbar gruselige Atmosphäre.
Ja, das nehme ich noch in den Blick.
Das Ende. Der Fleischkäse ist im Zusammenhang das Übelste an der ganzen Geschichte, weil es Leben, Tod, Verfall symbolisiert. Ein intensiver, organischer Geruch. Mir hat es beim Lesen den Hals zusammengezogen, weil man automatisch assoziiert - der Geruch von Blut, von Körpern, von Körpersäften, die sich einem für immer einbrennen, dann dieser analoge Geruch in der scheinbar unschuldigen Wirklichkeit der Eltern, Fleischkäse, das ist krass. Damit würde ich auch enden. Der Fleischkäse schmeckt gut. Das ist in seiner Harmlosigkeit schon so richtig schön bedrohlich, eine fiese, offene Schwingung.
Auch das überlege ich mir. Wäre eine grosse Änderung, aber auf den ersten Blick sehr reizvoll. Merci für den Input!
Das korreliert mit dem Titel, i get it. Er ist eben kein harter Junge (Simon), oder eben doch (Tim), bzw die Vorstellung, der Mythos davon. Nur wird mir nicht klar, was sie damit einlösen würden, wenn sie diesem idolisierten Bild entsprächen. Das fasst es vielleicht gut zusammen. Simon gibt auf, er will kein harter Junge mehr sein, was hat sich für ihn geändert, was ist seine Erkenntnis?
Ich hab das gar nicht so auf Figurenentwicklung / Erkenntnis hin geschrieben. Eher so: am Ende erweist sich Simon als der harte Junge, der diesen Übergriff erträgt, in einer inneren Verhärtung, weil er sich aus Scham nicht öffnen kann.

Krasser Kommentar, Jimmy! Der hat viel ausgelöst. Vielleicht sollte dir mal wieder einer sagen, wie wertvoll deine Anwesenheit im Forum ist.

Lieber Gruss
Peeperkorn

[Edit: Ich habe jetzt den frühen Hinweis auf das Verhörspiel sehr deutlich abgeschwächt, auch weil @Nichtgeburtstagskind da noch mal in die gleiche Kerbe schlägt. Dafür musste ich die eigentliche Szene leicht anpassen. Damit sollten gleich zwei Probleme gelöst sein. Erstens gibt es diesen relativ frühen Hinweis auf einen Missbrauch nicht mehr und zweitens sollte jetzt klar werden, dass das Verhörspiel zwischen den beiden normalerweise anders abläuft (Rollenwechsel und nach dem Abtasten ist das Spiel fertig).
Jetzt lasse ich den Text mal eine Weile liegen.]
 
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Guten Morgen @Peeperkorn

Das freut mich, auch wenn das ein wenig schräg ist, von wegen «traurig».

Wieso findest Du es schräg, wenn ein Leser traurig reagiert, wenn es um Kindesmissbrauch geht?

Hm. Ich merke gerade, dass das vielleicht etwas verwirrlich ist. Simons Vater kommt ja erst später vor und ob der viel trinkt, sollte nicht die Frage sein, sondern nur, dass Hans viel trinkt. Muss ich mir noch überlegen, ob ich da was ändern sollte.

Ah ok. Ich dachte, Du möchtest dem Leser zeigen, in welchem Umfeld der Junge aufwächst.

Nochmal: Hm. Eigentlich sollte Simon hier bloss ahnen, dass es diesmal anders wird. Bisher hat er ja bloss gesagt, dass es nicht mehr so Lust hat, Verhör zu spielen. Vielleicht sollte ich mal folgende Frage in die Runde werfen: «Wird eigentlich klar, dass diese Verhörspiele bisher eher harmlos gewesen sind, und es erst jetzt zu einem Übergriff kommt?» Wenn nämlich nicht, dann funktioniert die Geschichte nicht wirklich. Also zumindest nicht so, wie ich mir das gedacht habe.

Oje. Also bei mir kam das tatsächlich so an, als wäre der Missbrauch nicht zum ersten Mal. Besonders wegen der Gürtelszene und seiner "Unlust" auf die Verhörspiele. Ich hatte das so interpretiert, dass Du den Leser subtil drauf hinweisen möchtest, dass da ein Missbrauch stattfindet.

LG Silvita
 
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Liebe @Silvita
Wieso findest Du es schräg, wenn ein Leser traurig reagiert, wenn es um Kindesmissbrauch geht?
Ach je, sorry. Das war zu verknappt ausgedrückt. Es fühlt sich schräg an, wenn man sich darüber freut, jemanden traurig gemacht zu haben. Nur das war gemeint.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
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Lieber @Peeperkorn

ach so :) Du darfst Dich ruhig drüber freuen :)
Kann verstehen, dass sich das etwas schräg anfühlt.

LG Silvita
 
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Hallo Peeperkorn,

deine Geschichte vom harten Jungen funktioniert für mich nicht so richtig. Schade, nach dem Titel und bei diesem Autor hatte ich mir eine Menge erhofft ;)

Hans sitzt vor seiner Werkstatt, in der Hand hält er eine Flasche mit gelbem Etikett und roter Schrift.
«Willst du?», fragt er.

Der Anfang soll wohl zeigen, dass der Simon langsam in die Erwachsenenwelt hineingleitet, etwas Coming of age wie in manchen Filmen, wo der Prot erst mal ankommt, den Schulranzen auf den Tisch schleudert ... Für mich fehlt der Einleitung aber ein bisschen der Punch, und sie leidet an diesen unklaren Figurenzuordnungen, die NGK schon beschrieben hat. Vielleicht bin das nur ich, aber ich brauche in dieser Geschichte sofort Klarheit, wer wer ist. Schön aber der Satz mit den Krähen, sehr schön, da zeigst du dein Können ...

Tims Tante ähnelt seiner Mutter.

Jetzt dieser Wechsel zu Tim, hm ... Das ist schon sehr langsam erzählt, ich würde weit lieber erst in der übernächsten Szene starten und direkt ins Geschehen geschmissen werden, vielleicht bin das nur ich ...

Es gibt Braten mit grünen Bohnen.

Ich bin jetzt mal nölig, das ist eine echte Wohlstandsstory bisher. Man jammert auf hohem Niveau, keinem geht es richtig schlecht, man isst gemeinsam und spielt Rummikub. Nicht dreckig genug ...

Tim erwischt Simon, als er von der Schule kommt.

Erst dieser Teil weckt mein Interesse. Die Szene erzählst du allerdings auch sehr mit angezogener Handbremse, aber trotzdem - das hat was, da baut sich ein Problem auf, das der Story bisher fehlte ...

«Wo bleibt dein Jubel?» fragt sie. Simon hebt die Arme.

Wunderschöner Satz, aber müsste die Geschichte nicht eigentlich hier erst richtig beginnen?

M.
 
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Lieber @Friedrichard

wobei mir zum ersten Mal auffällt, wie häufig das vielgestaltige „zu“ (Präposition, Konjunktion, Adverb, Präfix) verwendet wird. Dass ich bei einem Spiel (das es bereits seit den 30er Jahren gibt) nachschlagen musste, konnte nicht den vielgenannten Lesefluss stören (wo auch immer der zu verorten wäre) und ist für mich kein Manko – wieder was gelernt!, und dass ich weniger durch meinen Altvorderen denn als Wölfling schon Erfahrung mit Allohol hatte, ist auch kein Geheimnis.
Das war der autobiographische Ausgangspunkt der Geschichte: Meinen ersten Schluck Bier habe ich in der Autowerkstatt getrunken, die gegenüber lag, mit Loek, dessen Besitzer.
Warum das Komma?
Weil man darf! :) Da werden wir uns wohl nie einig. Ich setze vor "und" ein Komma, wenn das Subjekt wechselt.
Die Flusen sind weg, merci für die Hinweise.
Vielen Dank, lieber Friedel, es ist mir immer wieder Ehre und Freude!

Hey @NoOne
Die Hoffnung das seine Mutter aus dem Fester sieht... weil er nicht mit will. Dann fehlt vielleicht der Psychische druck, der von Tim ausgeht. Denn ein Freund ist er ja nicht, er sieht auch nicht zu ihm auf, warum geht er mit, hat er doch nichts zu verlieren.
Ja, ich hatte zuwenig klar herausgearbeitet, dass diese Spiele bisher freiwillig waren. Er zuckt jetzt mit den Schulter, statt den Kopf zu schütteln.
Ich finde du zeigst hier Beispiellos das Kind, das in seiner kindlichen Welt noch gar nicht einordnen kann, was gerade passiert ist sondern nur, dass es passiert ist und es ihm schlecht dabei geht. Und die grösste Angst dabei ist, dass die Erwachsenen was gemerkt haben…
Ja, das war ein Fokus. Ich wollte aber auch zeigen, wie schnell so etwas geschehen kann.

Vielen Dank für deine Rückmeldung, hat mich sehr gefreut!

Hallo @Nichtgeburtstagskind

Vielen lieben Dank für deine Intervention. Ich Dummerchen hatte in der Überarbeitung den einen oder anderen Namen durch "er" ersetzt und das hat den Anfang schwierig gemacht. Habe ich geändert, ebenso sollte jetzt gleich zu Beginn klar sein, dass Hans eine erwachsene Person ist, weil er jetzt vor "seiner Werkstatt" sitzt.
Hier ist schon dieser Hinweis auf den sexuellen Missbrauch, der kommt irgendwie so unnatürlich daher. Muss es denn direkt nach ein paar Zeilen in diese Richtung gehen? Dieses Wegschauen und das „So richtig Freunde sind sie nicht“, das finde ich irgendwie subtiler. Keine Ahnung, warum mich das stört. Vllt fühle ich mich da als Leser zu sehr gedrängt.
Guter Punkt. Ich habe das mal umgestellt und abgeändert.

Sehr hilfreich, vielen Dank!

Hey @Manlio

deine Geschichte vom harten Jungen funktioniert für mich nicht so richtig. Schade, nach dem Titel und bei diesem Autor hatte ich mir eine Menge erhofft
Ja, dieses: "Da habe ich aber mehr von dir erwartet". Da wird mir gleich ein wenig übel. War einer meiner Vorsätze als Lehrer, dass ich sowas niemals zu einer Schülerin oder einem Schüler sagen werde.
Der Anfang soll wohl zeigen, dass der Simon langsam in die Erwachsenenwelt hineingleitet, etwas Coming of age wie in manchen Filmen, wo der Prot erst mal ankommt, den Schulranzen auf den Tisch schleudert ...
Nein. Bereits der Anfang sollte Teil der Erklärung sein, weshalb es zum Übergriff kommt. Tim ist eifersüchtig auf Simon.
Für mich fehlt der Einleitung aber ein bisschen der Punch, und sie leidet an diesen unklaren Figurenzuordnungen, die NGK schon beschrieben hat.
Sollte jetzt besser sein.
Jetzt dieser Wechsel zu Tim, hm ... Das ist schon sehr langsam erzählt, ich würde weit lieber erst in der übernächsten Szene starten und direkt ins Geschehen geschmissen werden, vielleicht bin das nur ich ...
Du möchtest also, dass die Geschichte mit dem Übergriff beginnt? Ohne Herleitung? Ohne dass man die Figuren kennt? Ich glaube, was dich interessiert, interessiert mich eher weniger.
Ich bin jetzt mal nölig, das ist eine echte Wohlstandsstory bisher. Man jammert auf hohem Niveau, keinem geht es richtig schlecht, man isst gemeinsam und spielt Rummikub. Nicht dreckig genug ...
Ja, das nächste Mal werden sich die Protagonisten gleich im ersten Absatz in Sperma und Kot wälzen. Versprochen.
Erst dieser Teil weckt mein Interesse. Die Szene erzählst du allerdings auch sehr mit angezogener Handbremse, aber trotzdem - das hat was, da baut sich ein Problem auf, das der Story bisher fehlte ...
Keine Ahnung, was du erwartet hast. Aber bekommen hast du es offensichtlich nicht.
Wunderschöner Satz, aber müsste die Geschichte nicht eigentlich hier erst richtig beginnen?
Das finde ich ziemlich witzig. Du darfst "die" Geschichte, also das, was es über dieses Thema eigentlich zu sagen gäbe, gerne selbst schreiben.

Dein Kommentar hat mir nicht weitergeholfen. Ich bedanke mich für die Zeit, die du dem Text gewidmet hast.

Lieber Gruss an alle
Peeperkorn
 
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Den Punkt habe ich nicht kapiert. Das ist ja Tim, der spricht.

Jo, @Peeperkorn, da hab ich mich wohl mißverständlich ausgedrückt: Ich meinte das eigentlich positiv, im Sinne von: JETZT bekomme ich ein Bild von Tim vor Augen.

Wie gesagt, die Ähnlichkeit ist gewollt (und dadurch, dass die beiden jetzt etwa gleich alt sind, hoffentlich auch plausibler. Das psychologische Profil Tims ist einfach stärker in Richtung Gewalt ausgerichtet, da braucht es nur noch ein Streichholz und diese Streichholz ist eben die Zurücksetzung, die er erfährt, als er Simon mit seinem Vater vor der Werkstatt „erwischt“. Das ist in meinen Augen das Handfeste, nach dem du fragst.

Okay, ich verstehe. Ja, ich denke, wenn du das Alter der beiden veränderst, wirkt es besser, glaubwürdiger im besten Sinne. Der Punkt, an dem sich alles verändert, an dem sich alles entzündet, ist, dass Tim Simon mit seinem eigenen Vater erwischt. Dass Tims Vater Simon auf irgendeine Art und Weise auch emotional näher ist, als ihm selbst, der zur Tante abgeschoben wird. Im Grunde wäre hier das Motiv dann Eifersucht, oder? Ein sehr starkes Motiv, und jetzt, wenn ich das SO lese, ist das natürlich absolut nachvollziehbar. Das ist, glaube ich, auch eine Frage der Gewichtung - Tim sucht auch die Anerkennung von seinem eigenen Vater, von dem er sich übergangen fühlt, und dann ist diese Vertrautheit, dieses Männlichkeitsding, Bier trinken, miteinander reden, das ist etwas, was ihm fehlt, da trifft Simons Verhalten unbewußt auf die Wunde. Vielleicht könntest du da noch eine Szene einbauen, wo klar wird, wo sich dieses Beziehungsgefälle verhält, Tim nimmt sich eine Flasche Bier aus dem Kasten seines Vaters, und der reißt sie ihm aus der Hand, aber Simon darf dann trinken, du weißt, was ich meine. Jedenfalls ist mir nach deiner Antwort klar geworden, wie du diesen Text eingenordet hast, ich hatte den einfach unter einer anderen Folie gelesen; happens all the time, deswegen sind wir ja hier.

Gruss, Jimmy
 
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Hallo Peeperkorn,

zunächst einmal gratuliere ich zu einem sprachlich ausgefeiltem Text, der sich seinen Figuren gekonnt und behutsam annähert.

Das zentrale Motiv, die Eifersucht zweier Teenager aufeinander....die Taschenlampenvergewaltigung ist stark...allerdings fragt man sich, wo die Gegenwehr bleibt...bzw. warum sie ausbleibt...so einfach ist das ja nicht, jemanden einhändig zu bändigen, während man ihm mit der anderen...

vielleicht täusche ich mich, aber die Vergewaltigung kommt für mich sehr unvermittelt...da baut sich nix bzw. zu wenig vorher auf zwischen den beiden...man fragt sich auch: wenn sie beide super mit dem Vater des jeweils anderen flowen, wo ist dann das Problem?

das war jetzt so mein Senf nach dem ersten Lesen. Alles in allem eine interessante Geschichte, aus der man meines Erachtens noch mehr machen kann. Das Eifersuchtstthema weiter bündeln...vielleicht auch ein wenig Komik dazu...vielleicht sieht Tim (oder Simon) wie der andere geil mit dem eigenen Vater abflowt, versucht es dann bei seinem Vater und blitzt krass ab. Das würde die krasse Taschenlampenaction dann auch erklären...

aber noch mal: mir nicht ganz klar, wieviel Einverständnis in dieser Schlüsselszene liegt...also da wünsche ich mir einfach mehr Klarheit bzw. mehr Vorbereitung...

aber wie gesagt, schöner Stil !

Lg
N
 
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Hey @jimmysalaryman und @Nicolaijewitsch

Vielen Dank fürs (nochmalige) Reinschauen.

vielleicht täusche ich mich, aber die Vergewaltigung kommt für mich sehr unvermittelt...da baut sich nix bzw. zu wenig vorher auf zwischen den beiden...man fragt sich auch: wenn sie beide super mit dem Vater des jeweils anderen flowen, wo ist dann das Problem?
Tim flowt nicht mit Simons Vater, die begegnen sich im Text gar nicht. Ich seh schon, diese Verdichtung ist offenbar schwierig zu durchschauen. Das Problem sollte nur sein, dass Tims Vater es gut mit Simon hat - und mit Tim nicht so gut, sodass dieser eifersüchtig wird.
versucht es dann bei seinem Vater und blitzt krass ab.
Ja, das hat auch Jimmy vorgeschlagen. Ach, es ist ein Kreuz. Ich möchte zwar einen Auslöser haben, diesen aber möglichst minimal halten, wirklich nur so als kleinen Funken. Tim sieht, dass sein Vater Zeit mit Simon verbringt und das reicht schon aus. Ich möchte mit dem Text zeigen, wie wenig es braucht. Und je deutlicher ich den Anlass zur Eifersucht herausarbeite, umso mehr entferne ich mich von diesem Ziel. Aber momentan zahle ich den Preis des Nichtverstehens.
Ich habe jetzt über die körperliche Nähe zu arbeiten versucht. In einer neu hinzugefügten Szene sagt Tim, dass sein Vater abends müde ist und sie in getrennten Sesseln fernsehen. zusätzlich lasse ich Tims Vater die Hand auf Simons Schulter legen. Vielleicht hilft dieser Kontrast. Zudem habe ich kurz vor dem Übergriff, als Simon kickert, hinzugefügt, dass dieses Kichern dasselbe ist wie am Tag zuvor, als Simon mit Tims Vater Bier getrunken hat. Das wäre dann so etwas wie ein Trigger - hoffentlich auch für den Leser. Ich wollte es ja auch ein Stück weit so haben, dass Tim gar nicht so bewusst und reflektiert weiss, warum er so handelt. Ich kann es also auch nicht explizit in die Gedanken von Tim einflechten. Blöd halt, wenn die Leser ebenfalls nicht wissen, weshalb er so handelt.

wieviel Einverständnis in dieser Schlüsselszene liegt
Da hatte ich eigentlich daran gearbeitet. Weil sie die Rollen tauschen, kann man ja schon von Einverständnis ausgehen. Simon geht ja auch plus minus freiwillig mit und er kichert noch während des Spiels. Ich habe auch klarzumachen versucht, dass das Speil normalerweise mit dem Abtasten endet. Und der Übergriff, das geht ja so schnell, da kann sich Simon gar nicht wehren. Aber klar: Auch hier war es mein Ziel, den Grat zwischen Spiel und massivem Ernst möglichst schmal zu halten. Auch hier ist es ein Kreuz. Momentan habe ich den Eindruck, der Text wird entweder zu plump (in Bezug auf das, was ich mir vorgenommen habe) oder kommt bei den Lesern nicht an, weil er zu viele Fragen aufwirft.
Das Problem ist halt auch, dass der Konflikt nicht zwischen Tim und Simon entsteht, Simon ist nur ein Stellvertreter, ein Platzhalter, im wahrsten Sinn das unschuldige Opfer. Für ihn kommt es halt wirklich aus dem Nichts.
Ich wollte ein austariertes Mobile schreiben und jetzt kippt der Text ständig zur Seite. Am liebsten würde ich das Ding im See versenken. Naja, vielleicht wird's noch was.

Vielen Dank für eure Rückmeldungen! Das macht Spass, völlig unabhängig davon, was aus dem Text wird, und ich habe das Gefühl, sehr viel zu lernen. Merci!

Lieber Gruss
Peeperkorn
 

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