Was ist neu

Guter Junge

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Lieber @Peeperkorn

ein paar Aspekte, die miraufgefallen sind und die ich dir mitteilen möchte, weil sie mir die Lektüre erschwert haben.

Was Generelles: Das Nichtauserzählte, Angedeutete, das Maß an Weglassen, um dem Leser eigene Schlussfolgerungen zu ermöglichen, und szenischer Breite, erscheint mir unausgewogen - vor allem angesichts der Thematik, die mMn mehr erfordert.

Dann die Perspektive:
Hätte seine Mutter einen sechsten Sinn - wie ein Reh vielleicht oder wie dieser Vogel, an dessen Namen er sich nicht erinnern kann - stünde sie jetzt am Fenster, würde es aufreißen und dann so: «Hast du sie noch alle, Hans? Einem Zehnjährigen, bist du noch bei Trost?»
klar klingt das auf den ersten Blick wie ein personaler Erzähler, aber die Wortwahl passt nicht ganz: sechster Sinn, genauer Wortlaut der direkten Rede. Denkt der das wirklich genau so?

Simon denkt: Jetzt gucke ich auf die Uhr.
hier ganz ähnlich, deutlicher aber ein auktorialer Erzähler.

Danach verlieren sich die Spuren des auktorialen Erzählers und ich kann besser entauchen.

Sie ähnelt seiner Mutter. Dunkle Haare. Dünne Augenbrauen. Eine Nase, über die man mit dem Finger gleiten kann, und der Finger ist ein Skispringer.
tolle Stelle! Was mir besonders gefällt ist die Verwendung des Skispringerbildes, nicht als: wie ein, oder: als wäre...

Wenn sie was nicht begreift, schließt sie die Augen und wippt mit dem Oberkörper. Die krümlige Karin.
krümlig: da steckt so viel drin, stark!

Das ist eine Mission! In der Wüste, kurz vor dem Verdursten. Sie finden das Grab des Pharaos. Im Innern Tonnen von Gold und eine Wasserquelle.
Ich habe ja vor kurzem mit denselben Bildern gespielt, aber auf Tonnen von Gold ist man in den Pharaonengräbern nie gestossen.

Jetzt geht's ums Überleben! Hundert Kilometer zurück über den heißen Sand. Einer wird dran glauben müssen. Den werden sie fressen und sein Blut in Feldflaschen füllen.
das mit dem Blut: sehr fein!

Die Schatten der Autos, die ihm entgegenkommen, sind rasierklingenscharf.
Zehn Zentimeter über dem Boden gleiten sie über den Gehsteig, und wenn Tim nicht hoch genug springt, muss er auf blutigen Stümpfen weitergehen.
Das Bild der rasierklingenscharfen Autos wird zwar ausgearbeitet, aber so recht kann ich das Grauen nicht nachvollziehen. Für mich eine Stelle, die mehr Vorbereitung oder Volumen erforderte.

«Nein! Natürlich nicht, Papa! Schau her, ich bin durch die Wüste gelatscht und beklage mich nicht und bereite mir etwas zu essen zu, kein Problem. Oder soll ich Sandwiches holen? Für uns beide? Gefressen haben sie übrigens einen anderen. Nicht mich, Papa. Nicht mich!»
sagt der das wirklich und wenn ja, warum reagiert der Vater nicht?

Das Bratenstück ist ein U-Boot. Langsam taucht es auf, das Wasser fließt auf den Seiten herab, und dann geht es wieder nach unten, bis Simons Mutter sagt, er soll endlich essen.
mm, dieses Bild finde ich unscharf. Das muss ja ein ganz schön tiefer Teller sein, da braucht es mehr als die üblichen ca drei Zentimeter. Damit das Bratenstück auftauchen kann schätze ich, das müsste in einer Schüssel schwimmen und von der Mutter hochgeholt werden. Wolltest du das beschreiben?

«Wen haben wir da! Stehen bleiben, Beine auseinander!» Er legt die Hand auf Simons Schultern, mit der anderen greift er in seine Hosentasche, kneift ihn in den Oberschenkel, zieht die Hand wieder heraus. «Aha!» ruft er.
ja, die Missbrauchandeutungen, nichtkonsensuell, deutlich als Übergrifflichkeit gekennzeichnet, passt an sich schon, finde ich aber auch ein bisschen voyeuristisch angelegt, möglichst krass, damit jeder Leser sich maximal ekelt. Aber an sich passt es, müsste vielleicht umfangreicher erzählt werden.

«Riechst du es?», fragt Tim. «Kannst du den Typen riechen, den ich letzte Woche verhört habe? Er muss da hinten irgendwo liegen.» Tim zielt mit der Taschenlampe in eine Ecke. «Zumindest die Hälfte davon, den Rest hab ich gefressen.»
fast schon unfreiwillig lustig, satirisch, bisschen wie ein Spruch, der auch in einem Quentin Tarrantino Film gebracht werden könnte.

Wie eine Giraffe beim Saufen steht er jetzt da, die Arme gegen die Wand gestemmt.
na ja, das Bild, okay, aber ich beobachte nicht gerade häufig Giraffen beim Saufen.

«Wenn du möchtest. Aber dieses Mal kommst du mir nicht so leicht davon, das sag ich dir.»
Die Mutter irrt sich. Simon hat schon zu Beginn einen Joker und später zieht er noch einen und als er reinen Tisch macht, hat sie dreiundvierzig Minuspunkte auf der Hand.
starkes Ende

So weit: ich hoffe, du kannst was mit anfangen.

viele Grüße aus dem heute sonnigen Taunus
Isegrims
 
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Hallo @Peeperkorn,
ungewöhnlicher Text von Dir. Mein erster Reflex: glaub ich jetzt nicht, so hardboiled ist der Peeperkorn nicht ... Missbrauch unter Kindern, ein heißes Eisen, dem der Text sich stellt und mMn gerecht wird.

Tim isst bei seiner Tante, der kommt immer erst um vier und davor hat der Tag keine Stunden.
Das ist mir in diesem Coming of age-Kontext fast zu viel, weil es Hans nachdenklicher und weicher macht, als er sonst rüberkommt. Und Tims Zurücksetzung, die liegt ja in ihm begründet, in seiner Kälte, vllt. auch seiner Härte durch den Verlust von Tims Mutter, so muss es sein, denn das Bügelbrett steht im Keller und der Tim wird bei der Tante versorgt. Später im Text heißt es auch: "Junge, da musst du hart sein. Vater sagt, man muss hart sein."

Würde Vater ihm ein Handy erlauben, dann hätte Silvia ihn anrufen können, und er wäre nicht vergebens - wer in seiner Klasse hat ebenfalls keines?
Da Du den Satz abbrichst, würde ich hinter vergebens einen Dreipunkt setzen und den Gedankenstrich bitte in lang. ;)

Wenn sie was nicht begreift, schließt sie die Augen und wippt mit dem Oberkörper. Die krümlige Karin.
Davon hätte ich aus Gründen des Kontrastes gerne etwas mehr gelesen. Diese unbeschwerte Kindersicht. Da gilt es ja auch, eine Unschuld darzustellen, bevor sie zerstört wird.

Er braucht ein Handy, weil er sonst im Getto vor verschlossenen Türen steht.
Verstehe ich nicht. Sorry.

Vater muss mittags arbeiten. Gerade dann müsse die Werkstatt offen sein, sagt er. Da wollen die Leute nach Hause fahren und merken, dass sie einen Platten haben oder dass die Bremsen hinüber sind, und dann kommen sie zu ihm, weil der Gander dann geschlossen hat.
Auf Fahrradwerkstatt hab ich anfangs nicht geschaltet, kann auch als Autojob gelesen werden.

Tim stapft durch die Hitze. Die Schatten der Autos, die ihm entgegenkommen, sind rasierklingenscharf. Zehn Zentimeter über dem Boden gleiten sie über den Gehsteig, und wenn Tim nicht hoch genug springt, muss er auf blutigen Stümpfen weitergehen. Jedes Mal, wenn er landet, schlägt der Rucksack gegen den Rücken und der Atlas sticht zwischen die Schulterblätter. Soll er den Rucksack öffnen und das Buch verschieben? Nein, denn das gehört zur Mission. Heißer Wüstensand und schwebende Klingen und Stiche in den Rücken, das ganze Programm.
Das finde ich saustark. Da wird etwas mittransportiert, dieser starke Druck, der die Mitte des Körpers aufbläst wie einen Ballon und in einer Art Selbstkasteiung abgelassen wird, sich in der "Mission" ein erstes Ventil sucht.

Das Bratenstück ist ein U-Boot. Langsam taucht es auf, das Wasser fließt auf den Seiten herab, und dann geht es wieder nach unten, bis Simons Mutter sagt, er soll endlich essen.
Da ist sie, Simons kindliche Art, vllt. auch als Zeichen einer Unbeschwertheit, die sich nur die Privilegierten leisten können? Als Andeutung in die Richtung verstehe ich das, da wenig später Simons Vater sagt: "Der ist faul wie Fallobst, bald geht ihm das Geld aus." Und die Koppelung einer Personenbewertung mit dem Geld, über das diese verfügt, ist ein typisches Merkmal privilegierten Selbstverständnisses.

«Coke? Sugar? Sag’s gleich, wir finden es so oder so heraus!»
«Keine Ahnung, wovon Sie reden»
Ich auch nicht. :confused: Hab keinen älteren Bruder.

«Riechst du es?», fragt Tim. «Kannst du den Typen riechen, den ich letzte Woche verhört habe? Er muss da hinten irgendwo liegen.» Tim zielt mit der Taschenlampe in eine Ecke. «Zumindest die Hälfte davon, den Rest hab ich gefressen.»
Noch ist das für mich Spaß, weil Teil vom Spiel, doch im Nachhinein bekommt es einen bitteren Beigeschmack.

Der Plan ist in Tims Bauch entstanden, als Simon auf Giraffe gemacht hat. Er ist die Brust hochgekrochen und nun steckt der Plan im Hals fest, der sich anfühlt, als würde Tim auf die Zähne beißen. Dabei hat er den Mund weit offen. Das Spiel ist noch nicht zu Ende. Heute nicht.
Da kippt es und da, wo die Mission entstanden ist, entsteht jetzt ein Plan. Eine Vorstellung eines Gewaltausbruchs, die so ungeheuerlich ist, dass er imaginiert, auf die Zähne zu beißen, was er dann auch tut, als es zum Übergriff kommt. Mir fehlt da ein Anzeichen der Befriedigung auf Seiten Tims, denn die Erniedrigung des anderen muss ihm Erleichterung verschaffen.

Weshalb hast du bloß die Hose ausgezogen, Simon?
Auf den Selbstvorwurf könnte ich verzichten, das geht mir glaube ich etwas schnell. Ich denke, der Missbrauch traumatisiert, verstört und hinterlässt emotionale Kerben. Da geht es darum, das wegzudrücken, nicht wahrhaben zu wollen, wie du schreibst die Sorge darum, wer es mitbekommen hat. Das ist eine seelische Verletzung, die Taubheit hinterlässt. Dazu passt deine Beschreibung: Es tut fast nicht mehr weh, er spürt fast gar nichts mehr. Er würde am liebsten losheulen. Und durch die Taubheit geht auch das freudige Hochreißen der Arme nicht mehr.
«Wo bleibt dein Jubel?» fragt sie. Simon hebt die Arme.
Das passt für mich, auch die Abrechnung mit der Mutter, die nicht schützen konnte, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob mir der Schluss, dieses abrupte Abblenden so genügt. Schwierig. Persönlich würde ich mir eine Gegenreaktion wünschen, aber wahrscheinlich wäre das zu einfach.

Peace, ltf.
 
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Hey @Isegrims

Vielen Dank für deinen Kommentar!
Was Generelles: Das Nichtauserzählte, Angedeutete, das Maß an Weglassen, um dem Leser eigene Schlussfolgerungen zu ermöglichen, und szenischer Breite, erscheint mir unausgewogen - vor allem angesichts der Thematik, die mMn mehr erfordert.
Ja, ich weiss auch nicht, einerseits gefällt mir das so als Skizze, auf der anderen Seite braucht der Text womöglich wirklich mehr Raum. Vielleicht werde ich mich noch mal ganz grundsätzlich dransetzen, mal schauen.
klar klingt das auf den ersten Blick wie ein personaler Erzähler, aber die Wortwahl passt nicht ganz: sechster Sinn, genauer Wortlaut der direkten Rede. Denkt der das wirklich genau so?
Ja, das ist für mich so an der Grenze, sechster Sinn, ich glaube mein Patenkind würde das kennen, wenn es die Eltern verwenden zum Beispiel, das könnte schon zum Wortschatz gehören.
hier ganz ähnlich, deutlicher aber ein auktorialer Erzähler.
Dieses "Simon denkt: ich schaue auf die Uhr." Ja, das fällt etwas raus, ich habe das geändert. Merci für den Hinweis!
Das Bild der rasierklingenscharfen Autos wird zwar ausgearbeitet, aber so recht kann ich das Grauen nicht nachvollziehen. Für mich eine Stelle, die mehr Vorbereitung oder Volumen erforderte.
Ich weiss nicht, ich will da bloss zeigen, in welche Richtung Tims Phantasien gehen, mehr nicht.
sagt der das wirklich und wenn ja, warum reagiert der Vater nicht?
Dieses: "Warum weinst du?" Guter Punkt. Ich habe die Anführungszeichen entfernt, das sollten nur Gedanken sein.
mm, dieses Bild finde ich unscharf. Das muss ja ein ganz schön tiefer Teller sein, da braucht es mehr als die üblichen ca drei Zentimeter. Damit das Bratenstück auftauchen kann schätze ich, das müsste in einer Schüssel schwimmen und von der Mutter hochgeholt werden. Wolltest du das beschreiben?
Wir hatten da immer so einen kleinen See gemacht, im Kartoffelstock. Da kann man das Fleisch schon ganz eintauchen.
na ja, das Bild, okay, aber ich beobachte nicht gerade häufig Giraffen beim Saufen.
Musst du mal. Sieht wirklich schräg aus.

Hab vielen Dank fürs Reinschauen, lieber Isegrims. Hat den Text besser gemacht!

Hey @linktofink

Missbrauch unter Kindern, ein heißes Eisen, dem der Text sich stellt und mMn gerecht wird.
Das immerhin. War mir schon wichtig. Merci!
Das ist mir in diesem Coming of age-Kontext fast zu viel, weil es Hans nachdenklicher und weicher macht, als er sonst rüberkommt. Und Tims Zurücksetzung, die liegt ja in ihm begründet, in seiner Kälte, vllt. auch seiner Härte durch den Verlust von Tims Mutter, so muss es sein, denn das Bügelbrett steht im Keller und der Tim wird bei der Tante versorgt. Später im Text heißt es auch: "Junge, da musst du hart sein. Vater sagt, man muss hart sein."
Guter Punkt. Eigentlich wollte ich zeigen, dass Hans gerade mit Simon etwas weicher wird. Aber da ist viel zu wenig Kontext. Ich habe das also gestrichen.
Da Du den Satz abbrichst, würde ich hinter vergebens einen Dreipunkt setzen und den Gedankenstrich bitte in lang.
Done.
Davon hätte ich aus Gründen des Kontrastes gerne etwas mehr gelesen. Diese unbeschwerte Kindersicht.
Aber hier (Karins Frisur) geht es ja nicht um die unbeschwerte Kindersicht, sondern eher um die latente Aggressivität Tims.
Verstehe ich nicht. Sorry.
Der Vater sagt, er kaufe nur die Dinge, die sie brauchen. Und Tim denkt sich jetzt, ja genau, ich brauche ein Handy, weil mich dann Tante Silvia hätte anrufen und sagen können, dass sie nicht zu Hause ist.
Ich auch nicht. :confused: Hab keinen älteren Bruder.
Ja, ich dachte, ich warte mal, ob es da weitere Einwände gibt. Ich habe jetzt "Coke" und "Sugar" durch "Kokain" und "Heroin" ersetzt.
Da kippt es und da, wo die Mission entstanden ist, entsteht jetzt ein Plan. Eine Vorstellung eines Gewaltausbruchs, die so ungeheuerlich ist, dass er imaginiert, auf die Zähne zu beißen, was er dann auch tut, als es zum Übergriff kommt. Mir fehlt da ein Anzeichen der Befriedigung auf Seiten Tims, denn die Erniedrigung des anderen muss ihm Erleichterung verschaffen.
Ja, aber da wollte ich abblenden, das kann man sich doch denken. (Oder sich fragen, ob es so ist).
Auf den Selbstvorwurf könnte ich verzichten, das geht mir glaube ich etwas schnell. Ich denke, der Missbrauch traumatisiert, verstört und hinterlässt emotionale Kerben.
Das (Simon freiwillig die Hosen ausgezogen hat) war nicht als Selbstvorwurf gedacht, sondern er hat Angst, dass die Eltern ihn das fragen werden. Ich habe das jetzt etwas klarer gemacht.
Das passt für mich, auch die Abrechnung mit der Mutter, die nicht schützen konnte, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob mir der Schluss, dieses abrupte Abblenden so genügt. Schwierig.
Ja, mir bereitet das Ende ebenfalls Unbehagen. Aber ich wollte das bewusst nicht abrunden, ich wollte, dass der Text da hängenbleibt beim Leser, idealerweise.

Cooler Kommentar, lieber linktofink, ich danke dir dafür!

Lieber Gruss euch beiden
Peeperkorn
 
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Der Vater sagt, er kaufe nur die Dinge, die sie brauchen. Und Tim denkt sich jetzt, ja genau, ich brauche ein Handy, weil mich dann Tante Silvia hätte anrufen und sagen können, dass sie nicht zu Hause ist.
Ah, okay, mir war an dieser Stelle nicht klar, wer "er" ist, ich war beim Vater und bekam den Zusammenhang mit Getto und verschlossenen Türen nicht auf die Kette. Gruß
 
Wortkrieger-Team
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09.12.2016
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Lieber @Peeperkorn,

ich habe einen Faible für derartige Milieu-Studien, und deine geht schon gleich gut los. Hans bietet dem zehnjährigen Simon Bier an - da komme ich gleich rein in die "Verhältnisse."
Hans kann ich mir sehr gut vorstellen, auch Simons Mutter. Allerdings wurde mir erst im Laufe der Geschichte klar, wer zu wem gehört, auch Tim und Simon verschwammen ein wenig beim ersten Lesen, ich musste zunächst gucken, wer wer ist. Möglicherweise liegt das unter anderem daran, dass beide ein i in ihrem Namen haben, dann dachte ich, sie wären Brüder, denn am Anfang sah es für mich so aus, als wäre Simons Mutter Hansens Frau.

Simon blickt die Fassade hoch. Hätte seine Mutter einen sechsten Sinn - wie ein Reh vielleicht oder wie dieser Vogel, an dessen Namen er sich nicht erinnern kann - stünde sie jetzt am Fenster, würde es aufreißen und dann so: «Hast du sie noch alle, Hans? Einem Zehnjährigen, bist du noch bei Trost?»
Ich bin hier davon ausgegangen, dass Simon hofft, seine Mutter würde ihn vor dem eigenen Vater beschützen, es aber nicht tut. Dadurch, dass ich dachte, es handele sich bei den Dreien um eine Familie und die Geschichte mit dem Bier trinken beginnt, dachte ich, es ginge hier um die Alkoholabhängigkeit eines Zehnjährigen, der unter dem Verhältnis seiner Eltern leidet, es seinem Vater aber auch recht machen will. Er mag kein Bier, aber
Simon weiß, man gewöhnt sich daran, also nimmt er noch einen Schluck.
er trinkt öfter eines, um dem Vater zu gefallen.

«Warum kommst du jetzt schon nach Hause?»
«Es ist zwölf.»
«Tatsächlich? Ich habe kein gutes Zeitgefühl, weißt du? Tim isst bei seiner Tante, der kommt immer erst um vier.»
Hier dachte ich erst, eine neue Szene beginnt und die Mutter spricht. Und zwölf wäre Mitternacht. Ist nicht deine Schuld, war nur so ein Gedanke, weil ich ja immer noch davon ausging, es ginge um kindliche Alkoholabhängigkeit, u.a. weil die Eltern sich nicht kümmern, die Mutter vielleicht kein Zeitgefühl hat, weil sie tablettenabhängig ist. Ist wie gesagt nur meine Lesart gewesen, du sagst das ja nirgends. Und beim zweiten Lesen war mir auch klar, wer da spricht.
Trotzdem hast du - zumindest mich - in eine Richtung gelockt, in die es gar nicht ging, also musste ich die Dinge in meinem Kopf irgendwann neu ordnen.

Die Missbrauchsszene hat mich kalt erwischt, weil sie so knapp beschrieben wird, da gibt es nichts Reißerisches, und gerade deshalb haut sie voll rein. Das finde ich sehr gut gemacht.
Allerdings habe ich - ähnlich wie einige Kommentatoren vor mir - das Gefühl, dass noch irgendwas fehlt, um die Situation so eskalieren zu lassen. Ich finde, Simon könnte von Anfang an mehr Angst vor Tim haben, er scheint das alles so mitzumachen, ist ja auch manchmal Polizist. Du sagst zwar, dass sie keine engen Freunde sind, aber das wird so nebenbei erzählt, also dachte ich, sie sind halt Nachbarn und spielen zusammen, wenn grad kein anderer da ist. Dadurch wirkte der Übergang von der Nachbarschaftlichkeit zur Missbrauchsszene etwas überstürzt auf mich. Es wird schon klar, dass Tim eifersüchtig auf Simon ist, diese Gewaltphantasien wohl auch hat, weil sein Vater ihn mies behandelt, aber der Schritt, es wirklich zu tun, war mir zu kurz. Für mich hätte das Verhältnis zwischen Simon und Tim schon von Anfang an konfliktgeladener sein können, dass Simon Tim vielleicht aus dem Weg geht, weil er findet, dass der sich komisch benimmt. Und warum sich Hans zu Simon hingezogen fühlt. Simons Sympathie für Hans schien mir klarer, er kommt aus geordneten Verhältnissen, hat eine fürsorgliche Mutter, die sich Gedanken macht und mit ihm Rummikub spielt. Darauf ist Tim sicher auch eifersüchtig, denn seine eigene Mutter scheint ja nicht mehr da zu sein. Während also Simon von seinem Elternhaus gelangweilt scheint und bei dem unkonventionellen Hans nach Abenteuer sucht, sucht Tim Geborgenheit. Keiner von beiden scheint zufrieden mit dem, was er hat. Das finde ich sehr lebensecht dargestellt. Aber was sucht Hans bei Simon? Er (Simon) scheint mir eher der sanftere Typ zu sein, also nicht jemand, in dem Hans einen "richtigen Mann" heranwachsen sieht.

In den Kommentaren habe ich gelesen, dass Tim Simon in der Ursprungsversion als Fotze beschimpft, seine Gewaltphantasien also gegen eine Frau gerichtet waren. Das hast du jetzt geändert, aber für meinen Geschmack hat das die Geschichte verdichtet. Ich hatte eine klarere Vorstellung von Tims Elternhaus, nämlich, dass sein Vater die Mutter ebenfalls missbraucht hat, sie deshalb nicht mehr da ist, sich hat scheiden lassen. Das würde für mich erklären, weshalb Tim den Frauenhass seines Vaters übernommen hat, er fühlt sich im Stich gelassen, muss zudem noch täglich mit ansehen, wie Simons Mutter ihren Sohn behütet. Das brachte für mich mehr Licht ins Dunkel. In der jetzigen Version frage ich mich nämlich, wieso Tim ausgerechnet diese Art von Missbrauch wählt. Er hätte Simon ja auch einfach verprügeln können, aber dann wäre natürlich sofort sichtbar gewesen, dass da Grenzen überschritten wurden. Insgesamt war mir das Motiv aber nicht mehr ganz klar bzw. zu schwach. Wenn da noch ein paar Zwischenschritte kämen im Verhältnis Tim/Simon/Hans, würde sich mir die Situation besser erschließen.

Gepackt hat mich die Geschichte trotzdem, obwohl das eine oder andere eben noch ausgefeilt werden könnte.


Nach seinem Satz über sein Zeitgefühl
würde hier das Zeitgefühl schreiben, um das doppelte sein zu vermeiden.

«Können einen Körper nicht öffnen, der Schnabel ist zu schwach. Also picken sie Augen aus oder machen sich am Arschloch zu schaffen.»
Toller Hinweis auf das, was kommt. Und auch darauf, wie Hans seinen Sohn sieht.

Im Treppenhaus ist es kühl, der Schweiß auf seiner Oberlippe kitzelt.
Schönes Bild.

Mit der Gabel fabriziert er ein Loch in die Mitte, die Mutter gießt Sauce hinein, ein Bergsee entsteht.
Auch ein schöner Hinweis aufs Geschehen, und auch auf den Charakter der Mutter. Für mich hast du hier in einem Satz Simon, seine Mutter und das Gesamtgeschehen charakterisiert. Vielleicht ist das jetzt zu weit hergeholt, aber für mich zeigt das, dass die Mutter gerne alles zukleistert. Löcher werden gestopft, aber nicht mit dem, was wirklich gebraucht wird, sondern eher, damit sie unsichtbar werden. Es wird also über vieles hinweggegangen, obwohl sie sich ständig um ihn zu sorgen scheint. Wegen Leuten, die nicht wirklich gefährlich sind. Der Lehrerin in der Schule. Aber dass Simon immer mit Hans abhängt und öfter mal betrunken ist, scheint sie zu übersehen.

Die Tür aus Beton hat man eingebaut, falls es Krieg gibt.
Auch ein sehr schönes Detail.

Simon kichert, so wie am Tag zuvor, als er mit Tims Vater Bier getrunken hat.
Hier war ich immer noch auf dem Dampfer, dass Simon schon wieder betrunken ist.

Hoffe, du kannst mit meinen Anmerkungen was anfangen und wünsche dir eine schöne Restwoche.

Liebe Grüße,

Chai
 
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Liebe @Chai

Vielen Dank für diesen Kommentar. Mir scheint, ich habe nun einen klareren Blick auf die Geschichte.
Möglicherweise liegt das unter anderem daran, dass beide ein i in ihrem Namen haben, dann dachte ich, sie wären Brüder, denn am Anfang sah es für mich so aus, als wäre Simons Mutter Hansens Frau.
Ja, ich achte immer darauf, dass die Namen nicht ähnlich klingen, aber hier habe ich irgendwann mal einen Namen durch einen anderen ersetzt und nicht aufgepasst. Ich lasse das mal im Forum so stehen, aber für meine Version werde ich es ändern.
Die Missbrauchsszene hat mich kalt erwischt, weil sie so knapp beschrieben wird, da gibt es nichts Reißerisches, und gerade deshalb haut sie voll rein. Das finde ich sehr gut gemacht.
Danke! Das ist mir wichtig.
Für mich hätte das Verhältnis zwischen Simon und Tim schon von Anfang an konfliktgeladener sein können, dass Simon Tim vielleicht aus dem Weg geht, weil er findet, dass der sich komisch benimmt.
Das würde bedingen, dass ich die beiden schon vorher interagieren lasse. Und ich glaube inzwischen, dass das sowieso das Hauptproblem des Textes darstellt: Die beiden Figuren müssten zunächst gemeinsam eingeführt werden, danach wären auch die Familienverhältnisse klarer und die Leser wären besser vorbereitet auf das, was geschieht. Ich fand es reizvoll, das erste Aufeinandertreffen (im Text) gleich zum Höhepunkt zu machen. Hat nicht funktioniert, ich müsste die Geschichte wohl klassischer erzählen.
Das finde ich sehr lebensecht dargestellt. Aber was sucht Hans bei Simon? Er (Simon) scheint mir eher der sanftere Typ zu sein, also nicht jemand, in dem Hans einen "richtigen Mann" heranwachsen sieht.
Das ist ein guter Punkt. Ich habe mir gedacht, dass er zu Simon ein entspannteres Verhältnis aufbauen kann, weil er nicht für ihn verantwortlich ist. Und er ist halt einfach da, am Mittag. Hans macht sich selbst ja auch etwas vor, wenn er sagt, dass er mittags keine Zeit hat. Aber das kommt alles wohl nicht so richtig rüber.
Wenn da noch ein paar Zwischenschritte kämen im Verhältnis Tim/Simon/Hans, würde sich mir die Situation besser erschließen.
Ja, das ist die Quintessenz. Momentan steht der Text auf der Kippe. Entweder trete ich den ganz in die Tonne, was mir am wahrscheinlichsten erscheint, oder aber ich erweitere ihn auf mindestens die doppelte Länge. Manchmal funktioniert erzählerische Verdichtung, manchmal funktioniert sie halt nicht. Wieder was gelernt.
Gepackt hat mich die Geschichte trotzdem, obwohl das eine oder andere eben noch ausgefeilt werden könnte.
Danke dafür!

Hat mir sehr weitergeholfen, liebe Chai. Merci!

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
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10.09.2016
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Lieber @Peeperkorn ,

ich starte einfach rein: Es fällt mir schwer, die Figuren auseinanderzuhalten. Vielleicht liegt das an meiner Art zu lesen, aber anfangs kriege ich nicht mal Hans und Simon auseinander. Mir würde es wahrscheinlich sehr helfen, wenn ich mehr äußerliche Beschreibungsmerkmale hätte, etwas, woran ich festhalten kann, was ich der Person zuordne. Denn zumindest zu Beginn erscheinen mir die beiden Jungen fast wie Brüder. Das hat dazu geführt, dass ich den Anfang mehrfach gelesen habe und auch später nochmal zurückgegangen bin.
Die Idee bietet guten Zündstoff, finde ich. Ein Konflikt zwischen Eltern, der dann plötzlich von den Kindern ausgetragen wird. Die Krähe kann rückwirkend als Symbol der Vergewaltigung/des Übergriffs gedeutet werden. Du hast das insgesamt sehr szenisch umgesetzt. Ich finde auch, dass das sehr dicht ist. Es fällt mir aber auch ein bisschen schwer, diese Geschichte beim Lesen wirklich zu verdauen, ich habe konstant das Gefühl sie ist schneller als ich, wesentlich komprimierter als mein durchschnittlicher Lesefluss es bewältigt. Viel auf engem Raum. Stark ist sie natürlich schon. Aber ich frage mich auch, was ich von der Verbindung dieses sexuellen, gewalttätigen Übergriffs mit dem Konflikt der Eltern, der ja wirklich nur angerissen wird, halten soll. Es wirkt schon sehr dramatisch, sehr zugespitzt.

auf dem Sofa hat es nicht genug Platz

Wusste jetzt nicht, ob du den Dialekt drin haben wolltest. Sonst wäre es: auf dem Sofa ist nicht genug Platz

Atlas sticht zwischen die Schulterblätter.

Das ist nochmal so ein Punkt die Verschmelzung der Figurenrede und des distanzierten Erzählers, die eine Verortung der Erzählstimme erschwert. Manchmal wird da umgangssprachlich und mal sehr elaboriert erzählt. Die feinen Cuts, die du sicher gesetzt hast, entgleiten mir bisweilen.

Wasser fließt auf den Seiten herab

Wahrscheinlich auch Dialekt? Sonst: von den Seiten herab.

Das Bratenstück ist ein U-Boot. Langsam taucht es auf, das Wasser fließt auf den Seiten herab, und dann geht es wieder nach unten, bis Simons Mutter sagt, er soll endlich essen.
Später räumt Simon Teller und Besteck in die Spülmaschine, die Mutter zieht Frischhaltefolie über die vier großen Scheiben Fleisch, die sie für den Vater übriggelassen haben, weil er am Abend immer einen Riesenhunger hat.

Das zwar (wie alles andere auch ;) ) sprachlich hochwertig. Die Syntax aber finde ich hier in der Länge etwas überstrapaziert.

Heute ist Hans nicht vor der Werkstatt gesessen

Dialekt, sonst: hat gesessen.


Schaufenster geschaut

kleine Dopplung

Dann gibt’s großen Ramschverkauf

finde, es funktioniert in der Kürze genauso gut oder besser.

wenn er Glück hat, stellt ihn Gander ein und wenn nicht, dann nicht.

Diese Art Tautologie würde ich ihn hier nicht verwenden lassen. Das ist so intellektuell hintersinnig, passt für mich nicht zum Kontext. Da würde ich einfach schreiben: ... wenn er Glück hat, stellt ihn Gander ein, wenn nicht, hat er ein Problem.

trotz schlankem Griff

trotz schlanken Griffs (oder Griffes) – oder etwa nicht?

Die Tür aus Beton hat man eingebaut, falls es Krieg gibt.

Hier kippt es für mich, auch wenn sich das dann noch geschmeidig und zugleich sehr spannend fortentwickelt. Da ist es wieder, das beneidenswerte Gespür für Wendungen.

Ich finde, bei dem Stoff könnte man noch wesentlich mehr rausholen. Bei der Heftigkeit hätte ich mir wohl einfach etwas mehr Story gewünscht. Der Background (die Väter) sind wie darauf zugeschnitten, die Gewalttat zu erklären und geben dem eine politische Brisanz, bei einem eher geringen Umfang.

Hoffe du kannst mit meinen Punkten was anfangen. Ich will aber auch nicht müde werden, dir zu sagen, dass ich dein Schreiben für sehr hohes Niveau halte.

Gruß und bis bald!
 
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09.12.2019
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Hi @Peeperkorn ,

bezogen auf die bedrückende Stimmung kann ich mich den vorherigen Kommentatoren nur anschließen! Du vermittelst schon direkt mit den ersten Sätzen, in welchem Umfeld die Protagonisten leben, das kommt schon sehr beklemmend rüber.

Es wird dir hierbei, nehme ich an, weniger darum gehen, dass die Leser einen der Protagonisten wirklich besser kennenlernen. Dennoch finde ich, dass es zu viele Personen sind. Es werden ja recht schnell genannt:

Hans, Simon, Simons Mutter und Vater, Tim, Silvia, seine Klassenkameradin Karin ...

Wäre der Text nicht insgesamt so gut geschrieben, hätte es schon sein können, dass ich nach dem zweiten Absatz aufhöre zu lesen.

Aber das trübt für mich den "Lesespaß", sofern man das bei diesem Thema sagen kann, nur wenig. Toller Text, da nimmst du den Leser direkt mit in dieses bedrückende Umfeld!

Sehr gut fand ich auch den Gegensatz zum Schluss. In der vorletzten Szene die Vergewaltigung und direkt in der nächsten Szene sitzt Simon mit seiner Mutter am Tisch und sie spielen etwas, die heile Welt, als wäre nichts passiert.

Noch ein paar Details:

Nach seinem Satz über das Zeitgefühl ist er verstummt und dreht die Bierflasche in seinen Händen. Simon schaut auf die Uhr, es ist Zeit, nach oben zu gehen.
Vielleicht lässt sich einmal "Zeit" verhindern?

Er isst schnell. Er sagt, dass er noch Hausaufgaben zu erledigen hat.
Ich nehme an, du hast es mit Absicht so geschrieben, aber ich erwähne diese Wortwiederholung trotzdem mal ...


Tim hat einen eigenen Sessel, weil auf dem Sofa hat es nicht genug Platz für zwei.
"weil" könntest du streichen

«Ich hab dir gesagt, was du antworten sollst, warum tust du nicht, was ich dir sage? Die Auftragslage ist gut und jetzt lass mich in Ruhe!»
Ich würde nach "sollst" einen Punkt setzen, oder ein Ausrufezeichen.
Das "und" im zweiten Satz könntest du durch ein Komma ersetzen.

Nein! Natürlich nicht, Papa! Schau her, ich bin durch die Wüste gelatscht und beklage mich nicht und bereite mir etwas zu essen zu, kein Problem. Oder soll ich Sandwiches holen? Für uns beide? Gefressen haben sie übrigens einen anderen. Nicht mich, Papa. Nicht mich!
Diesen Gedankengang finde ich sehr gut geschrieben. Noch deutlicher kannst du die "Beziehung" so seinem Vater nicht vermitteln. Super!

Langsam taucht es auf, das Wasser fließt auf den Seiten herab, und dann geht es wieder nach unten, bis Simons Mutter sagt, er soll endlich essen.
... an den Seiten herab (?)

«Kannst du den Typen riechen, den ich letzte Woche verhört habe? Er muss da hinten irgendwo liegen.»
Ist nur eine kleine Änderung, aber als Vorschlag für den zweiten Satz:
"Er muss irgendwo da hinten liegen."
Ich weiß nicht so genau, warum, aber für mich passt "irgendwo" besser vorne im Satz.

Simon nickt und setzt sich hin. Es tut fast nicht mehr weh, er spürt fast gar nichts mehr. Er würde am liebsten losheulen. Er holt einen Comic aus dem Zimmer und setzt sich wieder an den Küchentisch.
Den Satz "Er würde am liebsten losheulen" würde ich entfernen. Oder es durch irgendwas zum Ausdruck bringen, anstatt es explitiz zu erwähnen.
Und du beginnst hier zweimal hintereinander mit "Er".

Soweit meine Eindrücke, viele Grüße!
Rob
 
Zuletzt bearbeitet:

Bas

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147
Hallo @Peeperkorn,


eigenartig. Ich versuche gerade, mich zurückzuerinnern, mir all das, was ich bisher von dir gelesen habe, noch mal vor Augen zu führen. Warum? Weil ich ergründen will, was für eine Art von Autor du eigentlich bist. Was ich an deiner Schreibe immer so spannend finde. Es hat wohl irgendetwas mit ... Kontrolle zu tun. Selbstkontrolle, Schreibkontrolle. Siehe Igel: Über 250 Seiten Kontrolle. Aber nicht die langweilige Art von Kontrolle, die bis-hier-hin-und-nicht-weiter-Kontrolle, sondern die genau-so-weit-wie-ich-will-Art von Kontrolle, die weil-ich-genau-weiß-wie-weit-gut-ist-Art. Und das spiegelt sich vor allem auch in der Sprache wider. "Wortgirlanden" - das Wort verfolgt mich gerade noch von anderswo - suche ich bei dir in aller Regel vergeblich. Erwarte ich auch nicht, will ich auch nicht. Und deshalb: Eigenartig. So was hier nämlich:

Hätte seine Mutter einen sechsten Sinn - wie ein Reh vielleicht oder wie dieser Vogel, an dessen Namen er sich nicht erinnern kann - stünde sie jetzt am Fenster, würde es aufreißen und dann so:

Simon blickt zur Seite, als er Tims Namen hört. Zusammen spielen sie manchmal Polizeiverhör und Simon ist der Polizist und Tim der Verbrecher und beim nächsten Mal umgekehrt

So richtig Freunde sind sie aber nicht, von wegen Fußball und gemeinsam in den See.

Die Gespräche mit Tims Vater mag Simon. Eigentlich sind es keine Gespräche, weil nur Hans redet, und vieles davon versteht Simon nicht, aber das macht nichts, weil sie sind zwei Männer, die eine Pause von der Arbeit machen und zusammen Bier trinken.

Weißt du, was ich meine? Ich habe da sehr gefremdelt. Und ich möchte da eigentlich auch nicht überinterpretieren, finde auch, dass es unglaublich langweilig wäre, wenn der Schuster, egal wie gut er ist, immer nur bei seinen Leisten bleibt, aber ich hoffe, das ist keine Reaktion auf eventuelle Fragen, die du dir in Bezug auf dein Schreiben stellst. Ob so ein "kontrolliertes Schreiben" eigentlich ... spannend ist.

Na, wie auch immer. Zurück zur Geschichte. Die meine Sorgen dann schnell in den Wind schießt, als sie Fahrt aufnimmt, die mich fast dazu verleitet, alles bisher Geschriebene wieder zu löschen, aber nein, ich lass es mal noch stehen.

Ich finde das ziemlich großartig, was ich da lese. Den Sound, das Tempo vor allem, die Sprache, auch den Inhalt, wenn man das so sagen kann, das ist wahnsinnig harmonisch alles. Und wahnsinnig ... innereienzusammenziehend. Weil das so Schlag auf Schlag geht, temporeich eben, und dann ... Dann ist das halt passsiert ... Und man weiß nicht, was man damit jetzt anfangen soll, mit dem Passierten, so wie Simon das nicht weiß, vermutlich noch die nächsten Jahre nicht, nehme ich an, es geht ja schon so los: Comic lesen, Rummikub, Arme hoch, weitermachen. Ein ekliges Gefühl, das die Geschichte in mir auslöst. Und gleichzeitig toll, eben weil sie etwas auslöst. Danke dafür!

Zwei Szenen noch, die ich nicht ganz gekauft habe, wo der Anfangseindruck wieder aufkam:

Er mag es, die Plättchen zu verschieben, und dann wieder zurück, weil nicht aufgeht, was er vorhatte, und dann geht es doch auf.

Die Tür aus Beton hat man eingebaut, falls es Krieg gibt.

Erschien mir beides zu konstruiert. Ansonsten - nichts zu meckern, tolles Ding!

Bas
 
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Hey @Carlo Zwei

Vielen Dank fürs Reinschauen, deiner und Robs Kommentar gaben mir den Kick, die Geschichte nicht aufzugeben, sondern mich nochmal ranzusetzen. Ich hoffe, in den folgenden Tagen eine grundsätzliche Überarbeitung einstellen zu können.
Es fällt mir schwer, die Figuren auseinanderzuhalten. Vielleicht liegt das an meiner Art zu lesen, aber anfangs kriege ich nicht mal Hans und Simon auseinander.
Es fällt mir aber auch ein bisschen schwer, diese Geschichte beim Lesen wirklich zu verdauen, ich habe konstant das Gefühl sie ist schneller als ich, wesentlich komprimierter als mein durchschnittlicher Lesefluss es bewältigt. Viel auf engem Raum.
Ich finde, bei dem Stoff könnte man noch wesentlich mehr rausholen. Bei der Heftigkeit hätte ich mir wohl einfach etwas mehr Story gewünscht.
Die Überarbeitung soll diese drei Fliegen gleichzeitig erschlagen. Ich plane, eine Szene vorzuschalten, in der Simon und Tim im Keller miteinander spielen, harmlos, aber schon mit der einen oder anderen irritierenden Komponente. Dann kennt man die beiden Figuren und weiss, dass sie Kumpel sind. Anschliessend die Szene, die jetzt am Anfang steht. Da kann ich "Hans" durch "Tims Vater" ersetzen. Damit sollte die Figurenkonstellation geklärt sein. Wie viel ich danach noch ausbaue, mehr erzähle, muss ich noch schauen, ich hätte schon Lust dazu.
Stark ist sie natürlich schon. Aber ich frage mich auch, was ich von der Verbindung dieses sexuellen, gewalttätigen Übergriffs mit dem Konflikt der Eltern, der ja wirklich nur angerissen wird, halten soll.
Der Konflikt der Eltern ist ja nicht wirklich ein offener Konflikt. Da sind bloss zwei Lebenswelten im selben Haus oder in derselben Nachbarschaft, was eine Art Hintergrundfolie darstellen und Anlass dazu geben soll, ob dieser Übergriff nun auch soziologisch erklärt werden könnte. Aber in erster Linie wollte ich das als Eifersuchts-/Rachegeschichte konzipieren. Tim sieht sich durch seinen Vater im Stich gelassen und zurückgesetzt. Dass er ihn dann mit Simon lachend vor dem Laden sieht, führt schliesslich zum Übergriff, zur Rache am Schwächeren.
trotz schlanken Griffs (oder Griffes) – oder etwa nicht?
Hab ein wenig gegoogelt und erfahren, dass "trotz" früher den Dativ verlangt hat. Mittlerweile ist der Genitiv üblicher, der Dativ aber nicht falsch. Als Feinheit habe ich zudem gesehen, dass der Dativ vor allem dann gebraucht wird, wenn der Artikel weggelassen wird: "trotz schlankem Griff" vs. "trotz des schlanken Griffs". Das deckt sich mit meinem Sprachgefühl.
Deine anderen Vorschläge habe ich umgesetzt. Seltsam, ich dachte, ich hätte mittlerweile die hochdeutschen Bildungen mit "hat" statt "ist" im Griff, das waren ein paar Flüchtigkeitsfehler.
Ich will aber auch nicht müde werden, dir zu sagen, dass ich dein Schreiben für sehr hohes Niveau halte.
Das ist sehr nett von dir. Gut schreiben heisst halt noch nicht: gut erzählen. Vor allem in diesem Bereich habe ich zu lernen und brauche weiterhin Hilfe und Unterstützung. Ich danke dir!

Hey @Rob F

Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich habe alle deine Vorschläge umgesetzt, dein gutes Auge war mir da sehr hilfreich. Die Doppelungen der Satzanfänge: Manchmal mache ich das absichtlich, weil es einen sehr eigentümlichen Rhythmus ergibt, das wirkt dann irgendwie nachhaltiger, habe ich das Gefühl. Im zweiten Fall, den du angemerkt hast, war das aber nicht so. Ich bin auch hier deinem Vorschlag gefolgt.
Dennoch finde ich, dass es zu viele Personen sind. Es werden ja recht schnell genannt:

Hans, Simon, Simons Mutter und Vater, Tim, Silvia, seine Klassenkameradin Karin ...
Vielen Dank für den Hinweis! Ich glaube nicht, dass es zu viele Personen sind. Aber ich führe sie ungeschickt ein. Es wäre wohl besser, mit den beiden Jungs zu beginnen, dann Tims Vater vorzustellen etc. Einfach etwas mehr Raum und mehr Text. Ich versuche das, in der grösseren Überarbeitung, die ich vorhabe, entsprechend zu gestalten.

Lieber Gruss euch beiden, habt einen guten Start in die Woche!
Peeperkorn
 
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Lieber @Bas

Ich finde das ziemlich großartig, was ich da lese.
Das wiederum finde ich extrem okay, so als Rückmeldung. :)
Weil ich ergründen will, was für eine Art von Autor du eigentlich bist. Was ich an deiner Schreibe immer so spannend finde. Es hat wohl irgendetwas mit ... Kontrolle zu tun. Selbstkontrolle, Schreibkontrolle. Siehe Igel: Über 250 Seiten Kontrolle. Aber nicht die langweilige Art von Kontrolle, die bis-hier-hin-und-nicht-weiter-Kontrolle, sondern die genau-so-weit-wie-ich-will-Art von Kontrolle, die weil-ich-genau-weiß-wie-weit-gut-ist-Art. Und das spiegelt sich vor allem auch in der Sprache wider.
Mensch. Ich finde ja, dass wir uns mehr auf der Metaebene austauschen sollten. Was wir machen, ist in den meisten Fällen ein ziemlich krasses Learning-by-Doing: Stellst eine Geschichte ein, nimmst an Rückmeldung, was du brauchen kannst, und hoffst, dass du es das nächste Mal irgendwie besser machst. Ich glaube, dass das tatsächlich die effektivste Weise ist, etwas zu lernen. Und doch vermisse ich manchmal den Blick aufs Allgemeine. Was für ein Erzähler will man sein? Wie entwickelt man sein Schreiben? Was tut man, wenn das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten? Wie geht man mit Krisen um? Und weshalb dreschen alle auf die Adjektive ein und am Ende liest man sie doch in jedem Roman?
Die Gefahr ist halt, dass solche Diskussionen sehr schnell in Allgemeinplätzen enden. Um konkreter zu werden, müsste man sich mehrere Geschichten einer Autorin, eines Autors anschauen, sich vergegenwärtigen, zu einer Synthese gelangen. Das gibt es selten. Und es ist ganz wunderbar, dass du mir auf dieser Ebene eine Einschätzung gibst und daher werde ich relativ ausführlich antworten.
Ich habe da sehr gefremdelt.
Im Frühling 2019 habe ich für den Totentanz ein Schreibstipendium ergattert und da dachte ich mir, dass es sinnvoll wäre, einen Teil der Summe für ein Mentorat auszugeben. In dieser Zeit las ich ein Interview mit einem Schweizer Schrifststeller, der fand, man gehe viel zu nett mit den Nachwuchsleuten um. Okay, habe ich mir gedacht, dem schreibst du eine Mail. Und so hat er etwa fünf oder sechs Texte von mir gelesen und wir haben uns ein paar Mal getroffen. Erwartungsgemäss hatte er wenig Lob im Gepäck, aber das wollte ich ja so. Immerhin hat ihm Antons Versuch ganz gut gefallen. Mein Hauptproblem aber sah er, du wirst lachen, in meiner kontrollierten Art zu schreiben. Literatur muss mehr zulassen, mehr an Sprache, mehr an Freiheit, Syntax brechen, aber auch inhaltlich, die Katzen nicht so schnell aus den Säcken lassen, die Karten nicht so schnell auf den Tisch legen! Er hat mir denn auch geraten, ich solle mich im freien Schreiben üben, am Morgen, zwei Stunden, direkt nach dem Aufstehen, ohne Zensur, alles, was mir einfällt. Er hat mir auch Lektüre empfohlen, George Saunders zum Beispiel und tatsächlich gehören drei seiner Geschichten zum besten, was ich je gelesen habe.

Ja, und in diesem Kontext habe ich diese Geschichte hier geschrieben, im freien Modus, der erste Text, den ich vorher nicht geplottet habe. Die Sätze, die du zitiert hast: Aber klar! Da gab es noch mehr davon, die stehen genau aus diesem Grund und vor diesem Hintergrund im Text. Saunders wechselt übrigens häufig die Perspektive, erzählt häufig personal, sprachlich aber ganz nahe bei den Figuren, bis hin zu kaputter Syntax etc. Ich schreibe nie bewusste Imitationen, aber wenn mich etwas beeindruckt, dann färbt es fast immer für eine Weile ab.

Versteh mich nicht falsch, ich denke, die Zusammenarbeit hat mir sehr viel gebracht, sie hat mich herausgefordert und mich zum Nachdenken angeregt. Womöglich habe ich, ganz konkret, Rückschritte gemacht, danach schlechter geschrieben als vorher, gezwungener. Aber im Ende bin ich sicher, dass daraus auch wieder Fortschritte erwachsen. Es war auch eine ziemlich geile Erfahrung, anlässlich eines Treffens zweieinhalb Stunden lang mitzuschreiben, während der Mentor mir erklärt, was alles an den vierzig Seiten nicht stimmt, die ich die Wochen zuvor geschrieben habe. :D

So. Ich bin verblüfft, wie sehr du den Nagel auf den Kopf getroffen hast. Und ich finde es natürlich schön, dass du "Kontrolle" nicht als Schimpfwort verwendest.
Und ich möchte da eigentlich auch nicht überinterpretieren, finde auch, dass es unglaublich langweilig wäre, wenn der Schuster, egal wie gut er ist, immer nur bei seinen Leisten bleibt, aber ich hoffe, das ist keine Reaktion auf eventuelle Fragen, die du dir in Bezug auf dein Schreiben stellst. Ob so ein "kontrolliertes Schreiben" eigentlich ... spannend ist.
Mach dir keine Sorgen, ich zweifle, seit ich schreibe, aber ich werde den Teufel tun, mich zu verbiegen. Entwickeln möchte ich mich aber schon.

Es steht noch eine grössere Überarbeitung an, die beiden Sätze, die du angemerkt hast, werden in diesem Kontext noch mal auf Herz und Nieren geprüft.

Es war mir ein Fest, lieber Bas! Vielen Dank für diesen Kommentar.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
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AWM

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Servus @Peeperkorn ich habe die Geschichte schon direkt nach der Veröffentlichung gelesen und sie hat mir sehr gefallen. Jetzt der zweite Durchgang. Habe mitbekommen, dass du einiges geändert hast. Mir gefällt dein Text immer noch, ich muss aber sagen, dass ich die Ursprungsversion besser fand (ich weiß, dass man so etwas nicht gerne hört).
Das ganze war bedrohlicher. Du hast mehr vorausgedeutet als jetzt (dass das Spiel sexualisiert ist) und ich habe den Text damals mit diesem unguten Gefühl gelesen, genau zu wissen, worauf das hinausläuft. Ich habe auch das Gefühl, dass die Szene im Keller damals umfangreicher war.
Ein bisschen hatte mich das an Jack Ketchums Evil erinnert. Dort begehen ja Kinder, angeführt von einer frustrierten Erwachsenen die größten Grausamkeiten in einem Keller an einem Mädchen. Und weil es alle machen und die Autorität ( die Erwachsene) es gutheißt, haben sie nicht das Gefühl, etwas Böses zu tun. Das Buch ist sicherlich Geschmacksache und sehr explizit und das muss man sich nicht als Vorbild nehmen. Ich finde aber, dass du die Szene im Keller unangenehmer und grausamer gestalten könntest. Damit meine ich nicht, dass du expliziter werden musst. Aber ich würde sie länger schreiben, langsamer aufbauen, wie das alles kippt und wie Simon merkt, dass er in der Falle sitzt und Tim von seinem Machtgefühl übermannt wird.
Generell finde ich, dass die Geschichte etwas länger sein könnte. Du könntest mehr zur Beziehung zwischen Simon und Tim schreiben, zeigen wie sich Tim gegenüber Simon hintenangestellt fühlt. Dann würden sie das Spiel einmal machen und Tim würde noch nicht gewalttätig werden, aber diese Grundzüge wären in dieser ersten Szene schon angelegt. Und dann gäbe es irgendeinen konkreten Katalysator für seine endgültige Tat, den ich hier noch etwas vermisse.

Hier noch meine Anmerkungen:
Hans sitzt vor seiner Werkstatt, in der Hand hält er eine Flasche mit gelbem Etikett und roter Schrift.
hält er eine Flasche Bier. Wieso so umständlich? Simon weiß ja, dass das Bier ist.
Simon blickt zur Seite, als er Tims Namen hört. Zusammen spielen sie manchmal Polizeiverhör und Simon ist der Polizist und Tim der Verbrecher und beim nächsten Mal umgekehrt. So richtig Freunde sind sie aber nicht, von wegen Fußball und gemeinsam in den See. Die Gespräche mit Tims Vater mag Simon. Eigentlich sind es keine Gespräche, weil nur Hans redet, und vieles davon versteht Simon nicht, aber das macht nichts, weil sie sind zwei Männer, die eine Pause von der Arbeit machen und zusammen Bier trinken.
Mir hat das in der Ursprungsversion besser gefallen. Da hast du mehr vorausgedeutet und man wusste sofort, dass da was nicht stimmt. Das war für mich gleich ein Haken weiterzulesen und den hast du hier (so wie ich mich jedenfalls erinnere) reduziert. Ich finde vor allem hier, dass du den zweiten Satz streichen solltest: So richtig Freunde etc.
Er wendet sich ab, als er den Namen hört und dann die Erwähnung des Spiels. Dass sie keine richtigen Freunde sind, bagatellisiert das Ganze für mich, dass Simon das in dem Moment denkt oder der Erzähler das erwähnt. Ich finde es geht ja darum, dass Simon ein ungutes Gefühl bei Tim hat und dieses ungute Gefühl verdichtet sich in diesem Spiel, bei dem er merkt, dass etwas nicht ganz richtig ist.
«Können einen Körper nicht öffnen, der Schnabel ist zu schwach. Also picken sie Augen aus oder machen sich am Arschloch zu schaffen.»
Würde einen Punkt machen nach öffnen. So wirkt das wie so ein erklärender Nachschub.
Eine Nase, über die man mit dem Finger gleiten kann, und der Finger ist ein Skispringer. Aber bei Silvia würde Tim das nie tun.
Finde den Vergleich super. Dass er das bei ihr nie tun würde, finde ich aber nicht erwähnenswert. Bei wem tut man denn sowas?
Stellt sie einen Topf auf den Tisch, tut sie so, als wäre er hundert Kilo schwer.
Super. Kenne solche Frauen.

Würde Vater ihm ein Handy erlauben,
Manchmal schreibst du Vater und manchmal Papa. Vater ist natürlich distanzierter. Mir gefällt Papa meist besser. Es drückt den Wunsch nach Nähe aus, ist kindlicher und wenn das Verhältnis distanziert ist, macht es das noch schmerzhafter.
Wer in seiner Klasse hat ebenfalls keines? Karin!
Würde das hier nicht als Frage formulieren. Er weiß ganz genau, wer sonst keines hat und er steht mit deshalb mit jemandem auf einer Stufe, der nach seinem Ermessen unter ihm stehen müsste.
Außer Karin haben alle in seiner Klasse eines.
hätte ein Vogel ein Nest gebaut und mittendrin die Lust verloren.
super
Die krümlige Karin.
auch das
und auf einmal kommt dieses Gefühl aus der Mitte des Körpers, als wäre er ein Ballon, als würde man ihn aufblasen. Das ist eine Mission!
das auch.
und eine Wasserquelle.
Wasserquelle ist so bisschen nüchtern für seine Perspektive. Oase?
sein Blut in Feldflaschen füllen.
super
Junge, da musst du hart sein. Vater sagt, man muss hart sein.
Vater muss mittags arbeiten.
Würde den ersten Satz streichen. Das ist mir sonst zu überbetont, dass er diese Einstellung von seinem Vater hat.
Vor ein paar Tagen hat Tim noch einmal nach der Auftragslage gefragt. «Warum willst du das wissen?», hat Vater geschrien. «Ich hab dir gesagt, was du antworten sollst. Warum tust du nicht, was ich dir sage? Die Auftragslage ist gut, jetzt lass mich in Ruhe!»
Würde nach "Ich hab dir gesagt, was du antworten sollst." aufhören.
Die Schatten der Autos, die ihm entgegenkommen, sind rasierklingenscharf. Zehn Zentimeter über dem Boden gleiten sie über den Gehsteig, und wenn Tim nicht hoch genug springt, muss er auf blutigen Stümpfen weitergehen.
toll
Jedes Mal, wenn er landet, schlägt der Rucksack gegen den Rücken und der Atlas sticht zwischen die Schulterblätter. Soll er den Rucksack öffnen und das Buch verschieben?
Auch das. Diese Details sind sehr nah dran und gut beobachtet. Ich kenne dieses Dilemma jedenfalls :D
Nein, denn das gehört zur Mission.
würde "denn" streichen.

Kartoffelstock liegt auf Simons Teller. Mit der Gabel fabriziert er ein Loch in die Mitte, die Mutter gießt Sauce hinein, ein Bergsee entsteht.
Auch hier wieder ein Lob
«Du sagst es mir, wenn was passiert? Wenn sie böse zu dir ist?»
Du sagst es mir, wenn sie böse zu dir ist? würde mir reichen
Das Bratenstück ist ein U-Boot. Langsam taucht es auf, das Wasser fließt an den Seiten herab, und dann geht es wieder nach unten, bis Simons Mutter sagt, er soll endlich essen.
Auch eine super Stelle
weil er am Abend immer einen Riesenhunger hat.
finde ich überflüssig und würde ich streichen
beißt er tatsächlich auf die Zähne, erwischt dabei ein Stück seiner Zunge.
gefällt das "tatsächlich" nicht.
Der Fleischkäse schmeckt gut, der Kartoffelsalat nicht so.
Würde ich streichen.

Gruß
AWM
 
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@alle: Die neue Version ist hochgeladen. Simon heisst neu Luca. Der Titel ist geändert, weil ich das "hart" nicht mehr so sehr betonen möchte.

Hey @AWM

Vielen Dank für deinen Kommentar, der hat mir geholfen und mich ein Stück weit auch in meinen Änderungsvorhaben bestätigt.
Jetzt der zweite Durchgang. Habe mitbekommen, dass du einiges geändert hast. Mir gefällt dein Text immer noch, ich muss aber sagen, dass ich die Ursprungsversion besser fand (ich weiß, dass man so etwas nicht gerne hört).
Kein Problem. Ich finde das sehr spannend und es ist gewiss eine Illusion, wenn man denkt, jede Änderung an einem Text sei auch eine Verbesserung. Ich ändere ja jeweils ziemlich schnell und manchmal etwas zu schnell. Der Vorteil ist, dass ich am Ende Rückmeldungen zu zwei oder mehreren Versionen habe.
Das ganze war bedrohlicher. Du hast mehr vorausgedeutet als jetzt (dass das Spiel sexualisiert ist) und ich habe den Text damals mit diesem unguten Gefühl gelesen, genau zu wissen, worauf das hinausläuft.
Die Vorausdeutung sollte jetzt wieder da sein, insofern ich dem Spiel der beiden eine ganze Szene gewidmet habe, und zwar als Einstieg in den Text. Das sollte auch die Probleme lösen, die einige LeserInnen mit der Figurenkonstellation hatten. Ist jetzt klarer, hoffe ich.
Ich finde aber, dass du die Szene im Keller unangenehmer und grausamer gestalten könntest. Damit meine ich nicht, dass du expliziter werden musst. Aber ich würde sie länger schreiben, langsamer aufbauen, wie das alles kippt und wie Simon merkt, dass er in der Falle sitzt und Tim von seinem Machtgefühl übermannt wird.
Das ist ein guter Punkt. Meine Grundprämisse ist ja mit dem Gedanken verbunden, wie schnell so etwas kippen kann, von Spiel zu echter Gewalt und diese Schnelligkeit wollte ich auch im Text haben. Ich denke noch darüber nach, aber ich finde es momentan stimmig. Die Szene ist jetzt aber etwas besser eingeleitet, hoffe ich.
Generell finde ich, dass die Geschichte etwas länger sein könnte. Du könntest mehr zur Beziehung zwischen Simon und Tim schreiben, zeigen wie sich Tim gegenüber Simon hintenangestellt fühlt. Dann würden sie das Spiel einmal machen und Tim würde noch nicht gewalttätig werden, aber diese Grundzüge wären in dieser ersten Szene schon angelegt. Und dann gäbe es irgendeinen konkreten Katalysator für seine endgültige Tat, den ich hier noch etwas vermisse.
Ja, die neue Einstiegszene sollte da etwas ausmachen. Und den Katalysator habe ich etwas deutlicher herausgearbeitet. Ich habe auf eine Idee von Jimmy zurückgegriffen: Tim möchte (zu einem späteren Zeitpunkt) auch Bier trinken, aber der Vater gibt ihm keines und schickt ihn von der Werkstatt nach Hause. Danach dann der Übergriff. Ich hoffe, das ist jetzt stimmiger (und aber auch nicht zu erklärend).
hält er eine Flasche Bier. Wieso so umständlich? Simon weiß ja, dass das Bier ist.
Hast recht. Ich habe auch sonst die meisten deiner Vorschläge übernommen.
Wasserquelle ist so bisschen nüchtern für seine Perspektive. Oase?
Das Problem ist, dass die Quelle im Innern der Pyramide sein muss, sonst kämen sie ja an das Wasser. Es geht so oder so nicht auf, was nichts macht, weil es ja die spontane Fantasie Tims ist. Aber das wäre zu widersprüchlich.
gefällt das "tatsächlich" nicht.
Ja, mir auch nicht so recht. Aber ich finde, es braucht das hier, weil vorher ja gesagt wird, dass Tim sich beinahe auf die Zähne beisst.

Ein sehr wertvoller Kommentar, ich habe mich sehr darüber gefreut!

Lieber Gruss
Peeperkorn
 

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