Hallo @brudervomweber,
mir gefällt dieser Kontrast am Anfang zwischen der kindlich erscheinenden Zima und der Wohnung mit der altertümlichen Einrichtung. Das hat beim Lesen meine Neugier geweckt, ob sich dahinter noch ein tieferer Sinn verbirgt oder ein späterer Twist folgt. Ich finde, das ist ein gelungener Schachzug zu Beginn.
Die Geschichte hat die ganze Zeit über einen unheimlichen Unterton, angefangen bei der Kühle der Wohnung, der altertümlichen Einrichtung, dem nicht vorhandenen WLAN, dem gruseligen Gemälde bis hin zur Zubereitung der Suppe. Ich finde, Du schaffst es gut, die Spannung aufrechtzuerhalten und den Leser immer wieder in eine leichte Gruselstimmung zu versetzen. Gleichzeitig ist da aber auch immer diese emotionale Spannung, also Boris' Begehren nach Zima/Roga, was in Verbindung mit den Gruselelementen einen tollen Mix schafft.
Kritisieren würde ich aber, dass ab der Stelle, an der Roga erwähnt, dass Zima fort sei, für mich vorhersehbar war, dass es sich bei Zima und Roga um ein und dieselbe Person handelt. Der Gedanke kam mir sogar schon früher, als Boris die 3 Bilder betrachtet. Das hat mich am Ende nicht mehr überrascht, aber vielleicht war das auch so gewollt.
Allerdings kam dann das Ende, als sich Boris in einen Säugling verwandelt, wiederum unerwartet, was das für mich wieder wettgemacht hat. Auch wenn die Idee einer kinderfressenden Hexe nicht unbedingt sehr innovativ ist, hast Du es trotzdem geschafft, mich gut zu unterhalten und am Ende zu schocken. Beim Googeln der Baba Yaga fiel mir auf, dass Du zum Teil deren Mythologie aufgreifst. Die Grundidee, aus der Baba Yaga in all ihren Formen einer dreifaltigen Göttin (Tochter, Mutter, Großmutter), eine Geschichte mit dieser Wendung zu machen, finde ich kreativ!
Ein paar weitere Kritikpunkte habe ich allerdings noch:
Beim Betreten des hohen Treppenhauses mit dem gefliesten Boden und den steilen Holzstiegen hat er [die] Kühle angenehm empfunden gegenüber der sommerheißen Straße.
Fehlt hier nicht eigentlich der Artikel "die"? Mit dem Artikel liest es sich flüssiger und macht für mich auch mehr Sinn.
Zima lächelt und zeigt ihre ebenmäßigen strahlenden Zähne. "Hallo, Boris", ruft sie heiter und schnipst vor seinem Gesicht mit den Fingern der rechten Hand. "Aufwachen!"
Die Info, ob es sich um die rechte oder linke Hand handelt, finde ich an dieser Stelle überflüssig. Sie lenkt eher ab, statt etwas zur Handlung oder Atmosphäre beizutragen.
Die Läufer am Boden, die Tapeten, auch die Möbel.
Ich finde, dieses "auch" ist hier ein überflüssiges Füllwort.
"Warum grinst du, was ist los?" fragt sie
Hier fehlt ein Komma.
Eine Wand besteht fast ausschließlich aus in Leder gebundenen Büchern, auf dem Sims eines Kamins stehen einige Fotografien in silbernen Bilderrahmen, über dem Kamin das in dunklen Tönen gehaltene Ölgemälde eines Greises mit einem langem fusseligen Bart und einer Krone auf dem knochigen Schädel, über die Haarbüschel wie Wattebäusche ragen, und einem eingefallenen Gesicht, aus dem zwei schwarze Augen in den Raum blicken. Ein ausladender Kristallleuchter hängt von der Decke.
Zwischen "Büchern" und "auf dem Sims" würde ich einen Punkt statt einem Komma machen. Generell hast Du in der Geschichte manchmal sehr lange Sätze, wo ein Punkt meiner Meinung nach manchmal angebrachter als ein Komma wäre.
Mich stört, dass hier zweimal "Kamin" hintereinander kommt. Du beschreibst erst die Gegenstände über dem Kamin (auf dem Sims) und danach noch mal den Ort über dem Kamin, also das Ölgemälde, und erwähnst dabei zweimal Kamin. Vielleicht könntest Du diese Info mit dem Ölgemälde etwas fließender verpacken, ohne Kamin erneut zu erwähnen. Vielleicht so: "Auf dem Sims eines Kamins stehen einige Fotografien in silbernen Bilderrahmen und weiter darüber das in dunklen Tönen gehaltene Ölgemälde eines Greises mit einem langem fusseligen Bart ...".
"Wow", sagt Boris beeindruckt.
Hier fehlt das Ausrufezeichen nach dem "Wow".
"Ich hole uns was zu trinken!" ruft sie heiter und tänzelt über den Flur in den gegenüberliegenden Raum.
Hier fehlt ein Komma.
Zwar trägt auch sie ein weißes Sommerkleid, aber sie ist höher gewachsen, erwachsener, weiblicher.
Dieses Füllwort könntest Du weglassen.
Das Gesicht hat ihn bereits von der Fotografie aus gefesselt, aber auf die[se] Stimme war er nicht gefasst gewesen. Die Stimme der Mutter ist wie ein Zauberspruch, eine etwas heisere, dunkle Stimme, fraulich, aber zugleich hart, selbstsicher, erfahren. Er kann sich bereits jetzt nicht mehr vorstellen, dass die[se] Frau eine andere Stimme haben kann.
Wenn Du "die Stimme" in "diese Stimme" ändern würdest, klingt der Satz für mich flüssiger. Das Gleiche bei "die Frau".
Weiterhin stört mich, dass Du hier viermal hintereinander "Stimme" hast.
Vielleicht so: Das Gesicht hat ihn bereits von der Fotografie aus gefesselt, aber auf diese Stimme war er nicht gefasst gewesen. Sie klang wie ein Zauberspruch, etwas heiser, dunkel und fraulich, aber zugleich hart, selbstsicher und erfahren. Er kann sich bereits jetzt nicht mehr vorstellen, dass diese Frau eine andere Stimme haben kann.
"Zima hat mir erzählt, dass du da bist."
Ich finde keine Stelle zuvor in der Geschichte, wo Zima erwähnt, dass ihre Mutter Roga auch im Haus ist. Daher wundert mich diese Aussage von Boris und ich frage mich, ob er lügt, was für mich aber keinen Sinn machen würde in dieser Situation. Aber es kann natürlich sein, dass Zima ihm zuvor, also vor dem Beginn der Geschichte, ihm die Info gegeben hat. Trotzdem hat es mich beim Lesen verwirrt.
Die eigene Eselhaftigkeit ist ihn bereits unangenehm, viel peinlicher aber ist ihm die Tatsache, dass er eine Erektion hat. Roga blickt ihm gottlob unverwandt in die Augen.
Dieses "gottlob" funktioniert für mich nicht. Es würde bedeuten, dass es Boris freut oder erleichtert, dass Roga ihn direkt in die Augen schaut, aber vorher wird sehr deutlich, dass ihm die ganze Situation eher unangenehm ist.
"Hühnersuppe?" fragt Boris, während er schneidet.
Hier fehlt ein Komma.
Roga lächelt und bedeutet ihm mit einer feinen Geste der linken Hand näherzutreten.
Die Info, ob rechte oder linke Hand, finde ich hier wieder überflüssig.
Zima ist vergessen, und auch, dass er eigentlich gehen wollte. Boris begehrt diese Frau, ohne zu wissen, weshalb. Normalerweise reizen ältere Frauen ihn nicht, aber diese … dieses Weib ist eine Versuchung jenseits aller Altersgrenzen und Bedenken.
Dass Boris' Begierde nun von Zima auf Roga umschwenkt, ist eine schöne Wendung, die die Geschichte am Leben hält.
Sie weist auf ein Schneidebrett am Küchentisch, auf dem rosiges Fleisch liegt. Und ein Küchenmesser.
Boris ist dankbar, sich setzen zu können, so kann er seine fleischliche Erregung vor Roga verbergen. Das Messer ist scharf und schneidet das rosige Fleisch mühelos.
Das zweite "rosig" würde ich weglassen. Die Info lieferst Du schon ein paar Sätze zuvor und später fühlt es sich dann einfach überflüssig an.
Bei dem Schneiden des Fleisches wurde mir mulmig. Hier ahnte ich schon wieder, dass etwas grundlegendes nicht stimmt. Gelungene Gruselstimmung.
Roga ist da, packt sein linkes Handgelenk mit sanftem, entschlossenem Griff und führt die Hand zum Mund, ihre Lippen umschließen Zeige- und Mittelfinger, er spürt, wie seine Fingerspitzen in die feuchte, warme Mundhöhle eindringen und Rogas Zunge an der Wunde reibt, zärtlich fast.
Dieses "ist da" finde ich überflüssig. Dass sie da ist, also neben ihm, ist mir in dem Moment klar, wenn sie sein Handgelenk greift.
Insgesamt eine sehr schöne Wendung, das habe ich nicht kommen sehen. Wie einer meiner Vorredner dachte ich hier zwischenzeitlich, ich wäre vielleicht in einer Vampirgeschichte gelandet, aber das Ende hat mich dann sehr positiv überrascht, weil sich herausstellte, dass es doch um die Baba Yaga geht.
Ab hier und in der folgenden Sexszene hat es mich zunächst ein wenig verwundert, dass Roga so über Boris herfällt. Aber es macht im weiteren Verlauf absolut Sinn, dass sie ihn versucht zu verführen, in eine Falle zu locken und er quasi unter ihrem Bann steht.
Boris stöhnt, und Rogas rechte Hand findet seinen Schritt.
Die Info, ob rechte oder linke Hand, finde ich hier wieder überflüssig.
Vor ihm, über ihm steht Roga, eine Göttin, Aphrodite selbst, und ihr Schoß senkt sich auf sein Geschlecht, umschließt Boris mit pulsierender Wärme, in einem Mahlstrom der Erregung und Lust, ihre Augen strahlen wie Eis in der Sonne, und wie ein Feuer fährt es durch ihn oben zum Mund herein und unten in nicht enden wollender Ejakulation wieder hinaus, bis er sich selbst nicht mehr fühlt, als wäre er ein Teil von ihr, als wäre er ganz und gar in ihr und hätte aufgehört zu sein, er ist blind und taub und Roga ist über ihm und wird groß und größer und die Ewigkeit verschlingt ihn ganz.
Hier würde ich an den markierten Stellen wieder mehr einen Punkt anstatt eines Kommas erwarten. Das macht diesen sehr langen Satz auch kürzer.
Boris schaut zur Seite, blickt [direkt] in Rogas schönes Gesicht direkt vor ihm,
Ich finde so liest es sich angenehmer.
Die Alte tanzt durch die Küche, singt eine heisere Melodie und dreht sich dazu im Kreis, dreht Pirouetten, in ihren Händen lässt sie auch ihn tanzen, Boris wird schwindlig, er will herunter, will nach Hause, aus dem Traum aufwachen.
Hier beschreibst Du, dass sie sich im Kreis dreht, was später mit Pirouetten noch mehr detailliert wird. Ich würde eins von beiden weglassen, weil im Kreis drehen und Pirouetten für mich redundant ist.
Hier riecht es entsetzlich, Boris beginnt sogleich wieder zu weinen. Nach Blut und Exkrementen, es riecht nach Angst.
Hier hast Du eine Dopplung von "riecht". Das zweite "riecht" würde ich besser weglassen. Es funktioniert auch ohne.
Daran hängen, kopfüber an je einem Bein aufgefädelt, kleine Leiber, Säuglinge, Babies, so wie er eines ist.
Ähnlich wie bei im Kreis drehen und den Pirouetten. Da Säugling und Baby eigentlich redundant ist, würde ich eins von beiden weglassen.
Roga küsst ihn auf die Stirn, streichelt ihm die Wange. Jaga summt ein Schlaflied und setzt die Klinge an.
Dann öffnet sie ihm die Kehle.
Es ist keine Hühnersuppe gewesen.
Das geht unter die Haut. Ein schockierendes Ende!
Wirklich ein schöner Text!
Viele Grüße
Nachtgoblin