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Thema des Monats Lalelu

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04.12.2002
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Lalelu

Ein Raunen geht durch die Menschenmenge, die sich auf dem Lunafeld versammelt hat. Nacheinander steigen die Äthernauten aus der Einschienendampfbahn, die sie von den Unterkünften zum Schussplatz brachte und grüßen die Kanone.
Wie ein Monument ragt der Lauf der "langen Agathe", wie die Presse das Kilometer lange Stahlrohr liebevoll nennt, aus der Erde. Bald wird das Projektil, das noch neben dem Koloss auf seinem Podest steht, damit hinauf geschossen. In den Äther, weg von der Erde und hin zum Mond, vielleicht zu den Sternen. Silbern wie der Mond selbst glitzert auf der Spitze des Gefährts das Emblem der Expedition, ein Schwan im Blitzlichtgewitter der Zeitungsleute.
Der Bedeutung des Augenblicks bewusst tritt die designierte Besatzung der Mondfähre aus dem Zug und marschiert zum Startplatz.
An der Spitze der Reihe Doktor Wilhelm von Ley, Vater des Projekts. Von der Öffentlichkeit geliebt und verlacht gleichermaßen. Mit hoch erhobenem Kopf schreitet er - seine Luftglocke unter dem Arm - die Treppe zur Kapsel hinauf. Er schlägt die Hacken zusammen und nickt Fritz de Valier zu, einem der Mäzenen des Unternehmens.
Die Menge schaut ernst, erst auf den einen dann auf den anderen.
Ihm folgt Achim Mirak, groß, blond, Pilot, Ingenieur, Dichter und Arzt. Er winkt der Menge, die Menge winkt zurück.
Am Ende Wernher Kummersdorf, der Wochenschaureporter mit ewig laufender Kamera und - ihm untergehakt - seine Verlobte, die reizende Madeleine Ziolkowski, de Valiers Nichte. Ihre blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden wie bei einem kleinen Mädchen. Sie lächelt mal hierhin und mal dorthin. Die Menge jubelt.
Die vier Menschen verschwinden in der Kapsel. Mirak winkt noch ein letztes Mal, die Menge winkt noch einmal zurück. Drei Namenlose schrauben die Öffnung zu und überlassen das Projektil dem Ladekran. Unter Dröhnen spannen sich die Tragegurte und an einem Stahlseil erhebt sich das Geschoss in die Luft, um schließlich in Agathes dunklem Schlund zu versinken.

Die Zeit für den Schuss ist fast gekommen, de Valier tritt, da die eigentlichen Helden ihren Beifall bekommen haben, an ein Mikrofon und laudiert die Mondfahrer und sich selbst. Er schleudert seinen Kopf herum, deutet auf die Kanone, den Himmel, beschwört Vergangenheit und Zukunft bis der Schrei einer Sirene ihn verstummen lässt. Eiligst verschwindet er in seinem Wagen, der, aus Vorsicht oder aus Versehen, sogleich in die Ferne entkommt.
Eine laute Stimme schallt nun aus einem Dutzend Megaphonen auf allen Seiten der Tribünen:
Zehn... Neun... Acht...
Die Menge verstummt.
Sieben... Sechs... Fünf...
Kein Techniker, kein Finanzier ist mehr zu sehen.
Vier... Drei... Zwei...
Stille, ein Vogel zwitschert in den Bäumen einem anderen zu.
Eins.
Ein Donnerschlag unterbricht das Gespräch, Menschen halten sich die Ohren und den Kopf, nicht wenige gar den erstaunten Mund. Im Qualm entgeht ihnen der Schatten, den Agathe ausspuckt fast, das Projektil, die Kapsel, der Schwan.
Höher, immer höher rast sie hinauf in den Himmel, zum Mond, den Sternen entgegen.
Aller Lärm verlässt die Welt hier unten, alles blickt zum Firmament.
Stille, wieder.
Hälse recken sich, wie Hunde, die nach einem Stück Fleisch schnappen.
Kein Vogel wagt sich jetzt hervor, als spürten sie das Gewicht des Augenblicks.
Immer kleiner wird das mutige Gefährt auf seinem Weg. Kleiner wird's, ein Punkt nur, kleiner noch...

KLONK! hallt es vom Firmament. Ein Glockenschlag der lässt die Erde beben. Der Aufstieg ist am End.

Und irgendwo, weit fort in seinem sicheren Wagen, hört niemand De Valier:
Da hab ich mich wohl getäuscht.

--
Thema des Monats Januar/Februar 2007: Täuschung

 

Ich hab's ja immer gewusst, dass wir nicht AUF sondern IN einer Kugel leben:D .

Hey asta

Recht kurz, aber nicht schlecht geschrieben. Jules Verne lässt grüßen.

Eins ist mir aufgefallen:

Ein Donnerschlag unterbricht das Gespräch, Menschen halten sich die Ohren und den Kopf. Nicht wenigen strömt es rot heraus.
Das klingt irgendwie holprig.

Ansonsten nette und kurzweilige Unterhaltung. Der Plot ist nicht sonderlich tiefsinnig, aber ausreichend skuril;) .

Viktorianische Grüße

omno

 

Hallo und danke für's Lesen.

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes zum Thema des Monats einstellen, aber da hab ich mich leider furchtbar verzettelt. Aber es kommt irgendwann halt ohne Monatsthema.

Die holprige Stelle werde ich ändern.

Versprochen.

Gruss
Andreas

 

Kurz und knackig mit guter Pointe. Mir hat's gefallen!:thumbsup:

Gruß
patosch

 

Ich mach’s auch kurz und schließ mich an.
Eine kleine Retro-Praline: Mit wenig Text viele schöne Bilder im Kopf entstehen lassen.

Cruz von F. P.

 

Hi astra,

Das schafft auch nur selten einer, dass ich mich nach der Lektüre am Hinterkopf kratze und ratlos an die Decke stiere.
Was ist KLONK!? Und inwiefern hat er sich getäuscht? Weil er nicht Jules Verne ist?
Oder weil der Anpressdruck die Kosmonauten zu tubenfertigem Muss zermalmt hat?

Ein verwirrter Proxi

 

Hallo Proproxilator,

"KLONK" ist das Geräusch der Raumkapsel, die mit hoher Geschwindigkeit gegen das Firmament stößt. Und da sowohl die wagemutige Besatzung als auch der Finanzier eigentlich weiter fliegen wollten, haben sie sich alle getäuscht.

Zugegeben: weit hergeholt, aber was soll's?

Grußi

 

Hi asta!

Ein kleines Stück Retro-SF, gehalten in einer schön altmodischen Sprache. Angenehm und amüsant zu lesen.
Die Pointe am Schluss finde ich als Leser allerdings erklärungsbedürftig. Dachte zuerst, die wären auf dem Mond aufgeschlagen, aber dann kam der Schlusssatz, und ich tippte auf Bruchlandung. Das mit dem Firmament wäre mir nie und nimmer in den Sinn gekommen.
Dabei ist gerade diese Lösung so passend zum Szenario. Wäre schade drum, wenn es dann von der halben Leserschaft missverstanden wird. ;)
Reicht ja schon ein Satz wie: "Und als die Kapsel, vom Firmament abgeprallt, mitsamt Besatzung wieder zur Erdscheibe herniedersaust ..."

Weiter gibt es allerdings nicht zu sagen. Denn viel nimmt man aus solchen Texten leider nicht mit, und vergessen sind sie auch schnell. Selbst wenn sie gut zu lesen sind.

Ciao, Megabjörnie

 

Hallo Megabjörnie und danke für's Lesen.

Wahrscheinlich hast Du recht, meine Frau hat das Ende auch nicht verstanden. Ich hab's geändert.

Gruß

 

Mmh... eigentlich fand ich das Original besser:dozey:
Aber ich bin ja nich das Maß aller Dinge:shy:

Greetz
omno

 

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