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Passt doch!

Tina bürstet sich durch das feuchte Haar, als ihr Handy summt. Sie hört die Sprachnachricht ab. „Hi Süße. Boah, die haben ja ein scheiß Wetter angesagt und Bernd hat den Wagen. Sorry, aber zu Fuß oder mit dem Rad … zu ungemütlich. Und die Öffentlichen sind mir zu voll. Lass uns das verschieben auf nächste Woche, ja? Bussi!“
Tina stellt sich ans Fenster, beäugt misstrauisch den Himmel. Blaue Wolken. So ein Unsinn. Seufzend tippt sie: „Okay. Wir telefonieren.“
Schade, hat sie sich doch so auf Frühstück und Klönen gefreut. Ein bisschen hungrig ist sie auch schon. Aber sie hat noch nicht mal eine Scheibe Brot im Haus. Ihre Freundin wollte ja alles mitbringen!

Sie schnürt den Morgenmantel fest zu und zieht die Kapuze über. Schlüpft in die Pantoffeln, öffnet die Haustür und fischt die Tageszeitung aus dem Briefkasten. Solange das Haar an der Luft trocknet, kann sie einen Blick hineinwerfen und sich später in aller Ruhe ums Frühstück kümmern.
„Hm“, stutzt sie, als sie eine Benachrichtigungskarte findet. Wir kommen wieder am … Wie morgen? Morgen ist sie nicht da. Und überhaupt war sie die ganze Zeit zu Hause!
Da auf der anderen Straßenseite steht ja der Hermes-Wagen! Wenn sie Glück hat, erreicht sie ihn noch.

Tina schaut sich kurz um. Kein Mensch unterwegs, die Nachbarn auf der Arbeit, die Kinder in der Schule. Was soll’s, wenn sie den Müll ab und an im Morgenmantel vor die Tür bringt, kann sie das eine Mal auch zehn Meter weiter laufen. Hastig überquert sie die Straße, sieht den Fahrer einsteigen und losfahren. Sie ruft und winkt mit der blauen Karte, der Wagen hält einige Häuser weiter wieder an.
Den kriegt sie! Jetzt läuft sie los, verliert einen Pantoffel, winkt erneut und erreicht den Wagen, nachdem der Fahrer wieder eingestiegen ist. Sie klopft an der zugeklebten Rückscheibe, aber der Wagen rollt weiter! Fluchend schmeißt sie den verbliebenen Pantoffel hinterher, streckt beide Zeigefinger in die Luft und folgt dem Wagen auf nackten Sohlen. Ihr Morgenmantel flattert, die Kapuze verrutscht.
Eine Passantin hält ihrem Kind die Augen zu. Aus einem entgegenkommenden Bus starren Leute durch die Scheibe. Tina zieht die Kapuze tiefer ins Gesicht.
Puh, denkt sie, als das Auto hundert Meter entfernt vor einer Ampel stoppt, von der sie weiß, dass die Rotphase lang anhält.
Sie kommt immer näher. Nassgeschwitzt und atemlos stellt sie sich schließlich vor den Wagen und streckt die Hände aus, als wollte sie ihn am Weiterfahren hindern. Ein Fußgänger ist stehen geblieben, zückt sein Handy, filmt. Der Fahrer macht große Augen, hupt, fuchtelt wild herum. Die Scheibenwischer gehen an, Tina rückt die Kapuze gerade und schnürt den Gurt des Morgenmantels zu.
Die Ampel springt auf Grün. Der Fahrer kurbelt an der Scheibe. „Aus dem Weg! Ich hab’s eilig!“
Sie kommt herum und keift: „Das hab ich gemerkt! Deswegen schellen Sie auch nicht an! Verteilen nur Zettel!“
Er beäugt sie von oben nach unten an. „Was wollen Sie eigentlich?“
Sie hält ihm die Karte hin. „Ich will nur mein Paket! Los, her damit!“
Der Fahrer runzelt die Stirn. Als das Hupen hinter ihm schlimmer wird, schaltet er die Warnblinkanlage an, schnappt sich die Karte und steigt aus.
Der Passant mit dem Handy und Tina folgen ihm zur Beifahrerseite, wo er die große Schiebetür öffnet. Während er im Paketstapel nach der richtigen Sendung sucht, dabei jeden Adressaufkleber mit den Angaben auf der Karte abgleicht, hat sich auf dem Bürgersteig eine Menschenmenge versammelt. Der Mann mit dem Handy stellt sich abseits, um alles ins Bild zu bekommen.
Rufe schallen herüber. „Ja, Sauerei! Mir werfen Sie auch nur Zettel in den Briefkasten, obwohl ich den ganzen Tag anwesend bin!“ – „Richtig so! Würde ich mir auch nicht gefallen lassen!“ Dazwischen immer wieder Buh-Rufe und Pfeifen.
Der Hermes-Fahrer steckt den Kopf heraus. „Ist ja gut! Ich suche ja schon!“ Die zwei Autofahrerinnen, die vorher gehupt haben, steigen aus, gesellen sich zu Tina und blicken auf den Stapel. „Da ist bestimmt auch meins bei!“, ruft eine von ihnen. „Hedwig Schlöppel, Günser Straße 20!“
„In der Straße war ich heute noch gar nicht“, hört man den Paketmann gedämpft aus der hinteren Ecke rufen, während er weiter die Aufkleber kontrolliert.
Ein Passant löst sich aus dem Menschengewühl, kommt näher, stellt den Fuß auf die Ladefläche und ruft: „Und wo ist meins? Ich hab heute auch so ne Karte bekommen!“ Ihm gelingt es, sich an den anderen vorbeizuquetschen und ins Auto zu steigen. „Das muss ungefähr so groß sein. Eine Carrerabahn“, sagt er und hält die Hände auseinander.
„Stellen Sie sich hinten an!“, schimpft Tina und reißt den Mann an der Jacke. Der Fahrer dreht sich um, schaut in mehrere Handys, die auf ihn gerichtet sind. „Jetzt ist aber gut! Verlassen Sie sofort mein Auto!“ Kaum hat er es ausgesprochen, dringen drei weitere Passanten ins Fahrzeuginnere, kippen im Gedränge die Stapel um und wühlen sich auf Knien durch die Sendungen. Kartons werden zerdrückt, hinten scheppert es in einem Paket mit einem Vorsicht zerbrechlich!-Aufkleber.
Mittlerweile ist das Auto umzingelt. Ein älterer Herr stellt seinen Rollator ab, humpelt heran und ruft: „Und ich kann jedesmal für meine Frau mit dem Bus zur Paketstation in die Stadt fahren, da wir angeblich nie anzutreffen sind! Zwei Stunden bin ich dafür unterwegs!“ Unentwegt schlägt er mit seinem Gehstock gegen die Karosserie. Drei junge Männer stoßen hinzu. „Ich warte schon seit Monaten auf meine Playstation!“, ruft einer von ihnen und fängt an, am Fahrzeug zu wippen. Die beiden anderen nehmen den Takt auf, zusammen versuchen mittlerweile ein Halbes Dutzend Passanten, das Fahrzeug zum Schaukeln zu bringen. „Aufhören!“, schallt es heraus. „Ihr macht noch mehr Durcheinander! Ich kann meine Carrerabahn sonst nie finden!“
Auf der Gegenspur rollen Autos im Schritttempo vorbei, die Fahrer gaffen neugierig durch die Scheiben. Ein DHL-Transporter hält am Stauende, wendet umständlich auf dem Bürgersteig, Leute springen zur Seite, eine Frau schiebt ihren Kinderwagen weg. „Da ist noch so einer!“, ruft jemand und läuft dem gelben Auto hinterher, das mit quietschenden Reifen die Flucht ergreift. Zwei weitere Männer nehmen ebenfalls die Verfolgung auf, bleiben nach hundert Metern völlig erschöpft stehen und kehren zurück, wo sie Applaus erwartet.
Der Applaus wird frenetisch, als Tina endlich ihr Paket wie eine Trophäe in die Höhe hält und durch das Spalier hochgereckter Arme schreitet. Schulterklopfen, Selfies. Tina genießt das Bad in der Menge.

Langsam trabt sie zurück, dreht sich um, sieht zwei Leute mit Paketen fortlaufen, findet einen Pantoffel. Die Geräuschkulisse nimmt ab; aus der Ferne ist ein Martinshorn zu hören. Sie eilt um die Ecke und stellt sich ganz nah an die Hauswand. Sie will den Morgenmantel schließen und bemerkt, dass sie den Gürtel verloren hat und vergräbt sich unter der Kapuze. Als die Sirenen verstummen, geht sie weiter. Das Paket klemmt sie unter den Arm, mit der anderen Hand hält sie den Morgenmantel eng zusammen.
Da kommt ihr ein schrecklicher Gedanke: hat sie ihren Hausschlüssel dabei? Panisch tastet sie die beiden Seitentaschen ab.

Zehn Minuten später kauert sich Tina mit der Zeitung auf dem Treppenabsatz ihrer Nachbarin. Ihr hat sie einen Reserveschlüssel anvertraut. Weit kann sie nicht sein, steht doch das Küchenfenster auf kipp.
Nach einer gefühlten halben Stunde hat Tina die Zeitung ausgelesen und legt sie beiseite. Sie friert, die Haare und der Schweiß sind schon getrocknet. Da sieht sie eine gebrechliche Dame mit zwei Einkaufstaschen die Straße hochkommen. Frau Bramscheid! Endlich.

Die Alte schaut verdutzt drein, als Tina ihr zuwinkt, und lässt die Tüten fallen. Äpfel rollen heraus, ein Kohlkopf und Zitronen. Tina geht ihr entgegen und hebt alles auf. „Ich bin’s, Tina, von nebenan.“
„Ach, Sie sind es.“ Frau Bramscheid pustet aus. „Ich hab Sie gar nicht erkannt.“
„Ich trage jetzt Blond“, sagt Tina und wühlt sich durchs Haar. „Der Schlüssel. Ich habe ihn stecken lassen und komme nicht mehr rein.“
„Ja, was machen Sie auch draußen im Bademantel?“
„Eine lange Geschichte. Ich …“, sie schaut sich um, „ich wollte nur die Zeitung reinholen.“
„Stellen Sie die Einkäufe bitte hier im Flur ab!“ Dann sagt die Alte: „Würde es Ihnen was ausmachen, hier im Flur zu warten? Ich komme sofort wieder. Soll ich Ihnen ein Handtuch bringen oder eine heiße Schokolade machen?“
„Danke, geht schon.“
Tina sieht, wie die Alte noch im Mantel und mit Hut durch die Wohnung schwirrt, und hört, wie im Hintergrund Schubladen und Schränke geöffnet und wieder geschlossen werden. „Ich hab ihn gleich. Ich hab ihn gleich“, wiederholt Frau Bramscheid mantraartig.

Nachdem Tina erneut geduscht, die Füße mit Schmerzsalbe eingerieben, sich fertig angezogen und geschminkt hat, überlegt sie, wie sie ihrer Nachbarin zur Wiedergutmachung für die Nachbarschaftshilfe und Umstände eine kleine Freude bereiten kann. Eine Schachtel Pralinen, vielleicht einen Blumenstrauß, ein Schwedenrätsel-Magazin.
Doch da kümmert sie sich später drum. Jetzt ist erst mal das Paket dran. Das muss die dicke, teure Kapuzenjacke sein, die sie vorsorglich für kalte, fiese Wintertage bestellt hat.
Beim Öffnen des Kartons reißt sie an einem Falz den Fingernagel ein. Auch das noch! Als hätte der Tag nicht schon gut genug angefangen. Nachdem sie sich den Nagel gefeilt hat, befreit sie die Jacke aus der Tüte; mehrere Papiere und Unterlagen purzeln auf den Boden. Sie probiert das gute Stück an. Verdammt! Die Ärmel sind viel zu lang, die Farbe nicht wie online abgebildet. Geht gar nicht!
Was soll’s? Zurücksenden soll heutzutage so einfach sein. Sie packt die Jacke wieder ordentlich ein, hebt den Papierkram auf, füllt den Retourenzettel aus, legt ihn hinein, umschließt den Karton mit Tesafilm und klebt den Rücksendeaufkleber aufs Paket.
Ihr fällt ein, wo sie zuletzt eine Hermes-Paketstation gesehen hat. Nur ein paar Straßen weiter. In der Nähe des Bäckers, wo sie sich direkt ein paar frische Brötchen besorgen kann. Und ein Stück weiter befindet sich ein guter Metzger. Dann zaubert sie sich halt selbst ein schönes Frühstück!
Ihr Magen hängt auch langsam schon auf halb acht!

Sie schaut erneut aus dem Fenster, zieht sich eine leichte Strickjacke über die Bluse und steckt das Handy ein. Das Batteriesymbol ist rot – kein Problem, sie ist ja nur ein paar Minuten unterwegs.
Als sie ein paar Minuten später den Kiosk erreicht, stöhnt sie. Die Rollladen sind heruntergelassen und mit Graffiti beschmiert. Nirgendwo Angaben über Öffnungszeiten. Auf dem Handy schaut sie nach der nächsten Paketstation. Knapp sieben Kilometer; eine Gegend, in der sie sich nicht auskennt. Zu Fuß zu weit, die Füße schmerzen sowieso noch. Da ist sie verhungert, bevor sie zu Hause ankommt.
Kurzentschlossen macht sie kehrt und holt ihr Fahrrad aus der Garage, steckt das Handy auf die Halterung am Lenker und das Paket in den Drahtkorb. Für das Auto ist die Strecke wirklich zu kurz. Sie regt sich ja selbst immer auf, wenn die Nachbarn mit ihrem SUV Brötchen holen. Sie startet Google Maps und radelt los.

Das Wetter wird schlechter. Ein Wind weht auf.
Auf halber Strecke, zwischen Maisfeld und Acker, gibt der Handyakku seinen Geist auf. Unbeirrt radelt sie weiter, stößt schließlich auf einen begehbaren Kiosk mit Café, der leider kein Hermes, sondern DHL anbietet.
Mit einem „Hallo“ tritt sie ein und bleibt an der Theke stehen, hinter der ein älterer Mann steht. Er hat seinen Strickpulli in die Cordhose gestopft, darüber trägt er Hosenträger. Ungerührt blättert er eifrig in einer Zeitschrift weiter.
Glücklicherweise kann sie sich noch an die Adresse erinnern. „Wissen Sie, wie ich zur Brunhilde-von-Stein… Steinwehr-Straße 13 b komme?“
„Bitte?“ Erschrocken blickt er auf, klappt das Magazin zu und lässt es unter der Theke verschwinden. „Moment.“ Er nestelt an seinem Hörgerät, für kurze Zeit gibt es ein pfeifendes Geräusch von sich. „Nö, tut mir leid, nie gehört“, antwortet er knapp.
Tina blickt auf die Zeitschriftenauslage. „Sie haben nicht zufälligerweise Karten? Faltpläne?"
Schmunzelnd zupft er an den Hosenträgern. „Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, junge Frau. Da hätten Sie fuffzehn Jahre eher kommen müssen.“
„Wissen Sie, mein Handy ist leer und …“
„Warum sagen Sie das nicht gleich?“, empört er sich. Aus dem unteren Regal hinter sich wuchtet er einen Karton auf den Tresen und öffnet den Deckel. Ein Stapel vergilbter und abgegriffener Erotikmagazine kommt zum Vorschein. Der Alte setzt sich die Brille auf. „Das ist die falsche Box.“ Schnell schließt er den Karton, stellt ihn zurück, legt eine alte Wolldecke drüber und kramt eine Kiste hervor, zu Tinas wiederholter Verblüffung randvoll mit Kabeln, Steckern und Adaptern gefüllt.
Er hält ihr ein Kabel nach dem anderen vor die Nase. „USB C, Micro-USB, Lightning? Oder Induktion …?“
Tina holt ihr Handy aus der Tasche.
„Ah, iPhone 11. Induktion. Geben Sie mal her! Möchten Sie solange einen Kaffee?“
Sie reicht ihm das Smartphone und schaut sich um. Drei runde Holztische stehen im kleinen Raum verteilt, wohl zusammengeklaubt aus alten Spelunken. Mit spitzen Fingern zieht sie einen Stuhl hervor, wischt mit dem Ellenbogen über die Sitzfläche und setzt sich an den Rand.
„Schwarz, Zucker, Milch, Süßstoff?“, fragt er und zupft bei jedem Wort an den Hosenträgern. „And’ren Gästen den Platz wegnehmen geht nämlich nich!“, knurrt er.
Sie schaut hinaus. Es hat angefangen zu nieseln. Weit und breit keine Möglichkeit zum Unterstellen. Widerwillig setzt sie sich wieder hin. „Schwarz.“
Als er den Kaffee vor Tina abstellt, knurrt ihr Magen. Er muss es gehört haben, lächelt. „Brötchen? Salami, Käse, Schinken, Mett?“ Er schätzt sie unter seiner Brille ab.
Tina blickt durch das fettige Glas der kleinen Kühltheke und runzelt die Stirn. „Haben Sie auch was Eingepacktes? Solch ein Sandwich wie im Supermarkt zum Beispiel?“
„Nö, nur das!“
„Käse, bitte!“ Wohl das kleinste Übel.
Sie wischt verblasste Lippenstiftreste vom Tassenrand und nippt am Kaffee. Bitter und lauwarm. Tina überlegt, wie lange der Kaffee wohl schon in der Aufwärmglaskanne gestanden hat.
Der Alte serviert das Brötchen auf einem Pappteller. Hält es dabei mit seinem riesigen vergilbten Daumen fest. „Macht fünf Euro.“
„Wie?“, echauffiert sie sich und kramt Geld aus dem Portemonnaie. Sie schaut hinüber zum Zeitschriftenregal. „Geben Sie mir bitte noch drei von den Rätselheften. Die dicken Sammelbände da!“
Dann beißt sie gierig ein großes Stück Brötchen ab. Kaut, verzieht das Gesicht. Keine Gaumenfreude, denkt sie. Als sie sich die ausgetrocknete Käsescheibe anschaut, die sich an den Rändern schon hochgebogen hat, fragt sie sich, ob die Kühltheke überhaupt am Strom angeschlossen ist.

Eine Viertelstunde später steigt sie aufs Rad, öffnet Google Maps. Das neue Ziel liegt sechs Minuten entfernt. Das Handydisplay beschlägt; Feuchtigkeit perlt ab. Tina friert, sie knöpft die dünne Jacke bis zum Hals zu.
Die Strecke geht bergauf. Das Käsebrötchen kommt ihr hoch. Es herrscht Gegenwind. Sie rülpst.

Nach zehn Minuten kommt sie an, stellt das Rad ab, holt das Paket aus dem Drahtkorb und betritt das Geschäft. Ein alter Tante-Emma-Laden, Relikt aus vergangenen Zeiten. Holzregale mit Lebensmitteln, Dingen des täglichen Bedarfs; etwas Kleidung, Spielzeug.
„Guten Tag“, sagt die Frau im Strickpullover an der Kasse. Sie nimmt das Paket entgegen, scannt es. Es macht ‚mööp‘.
„Stimmt was nicht?“, fragt Tina. „Versuchen Sie es noch mal!“
Die Frau scannt erneut. Es macht ‚mööp‘.
„Das kann doch wohl nicht wahr sein“, japst Tina. „Geben Sie mal her!“ Sie tritt näher und entreißt der Frau den Scanner. ‚Mööp, mööp‘.
„Heh!“, entrüstet sich die Frau.
„Ist der Scanner vielleicht kaputt?“
„Geben Sie wieder her!“
Tina gibt das Gerät zurück. Die Frau prüft den Batteriestatus, drückt verschiedene Knöpfe, es piept und summt, mehrere Symbole blinken auf. Sie schüttelt den Scanner, haucht über die Leseeinrichtung und wischt mit einem Taschentuch drüber. Diesmal führt sie das Gerät ganz langsam immer näher an das Etikett. ‚Mööp.‘ „Der Code wird nicht erkannt.“
„Das hab ich auch gemerkt! Kann man das manuell machen, ich meine irgendeinen Zettel ausfüllen? In einer Kladde eintragen? So wie früher!“
„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Da …“
„Ja, ja, ich weiß! Vor fuffzig Jahren …“, blafft Tina. „Bestimmt ist der Scanner einfach nur abgestürzt und muss neu gestartet werden!“
Die Frau schaltet das Gerät aus und wieder an. Es fährt nicht mehr hoch.
„Tut mir echt leid. Einen Moment, bitte.“ Die Frau dreht sich um und ruft: „Diethild, komm mal bitte! Und bring dein Werkzeug mit. Der Scanner!“
Ein burschikoses Mädchen, vielleicht dreizehn Jahre alt, kommt aus dem hinterem Raum. Eine kleine Werkzeugkiste in der Hand, Farbkleckse auf der Jeans.
„Meine Tochter kann das“, sagt die Frau mit hochnäsig piepsiger Stimme. „Sie hat jetzt in der Schule Werken.“
„Ich schraube das Device auf und prüfe, ob die Platine richtig sitzt, alle Lötstellen top sind“, erklärt Diethild und grinst dabei frech. „Vielleicht Wackelkontakt, vielleicht sind Fremdkörper drin. Vielleicht auch was Kompliziertes.“
Tina nickt. Diethild schraubt das Gerät auf.
„Darf ich Ihnen solange einen Cappuccino bringen? Geht auf’s Haus“, fragt die Frau.
„Das ist aber nett.“
Während die Frau nach hinten verschwindet, schaltet Diethild den Scanner schon wieder an. „Alles easy. War ein bisschen staubig. Sollte jetzt funktionieren.“
Das Gerät fährt nicht hoch. Diethild schüttelt es, versucht es erneut, schraubt es schließlich auf – und zerlegt das Gerät in seine Einzelteile.
Als die Frau mit zwei Cappuccini zurückkehrt, stößt sie gegen ihre auf dem Boden hockende Tochter. Die Heißgetränke schwappen über, Dietlinde fallen Bauelemente aus den Händen.
„Pass doch auf, Mama! Jetzt hast du alles durcheinandergebracht!“, brüllt Diethild und wühlt durch dutzende Einzelteile.
„Tschuldigung, Dieti.“ Und an Tina gewandt sagt sie: „Ach, jetzt sind sie übergelaufen. Ich mache uns neuen Cappuccino.“
Beim Umdrehen wirft sie einen Blick auf den Karton, der auf der Theke liegt. Vorsichtig stellt sie die Gläser ab, holt ihre Brille hervor, wischt mit dem Taschentuch über die Gläser und begutachtet den Aufkleber. „Moment! Das ist ja nicht Hermes, sondern DHL!“
„Wie bitte? Aber es wurde durch Hermes geliefert!“, empört sich Tina.
„Da wird sicherlich auch ein Rücksendeaufkleber für Hermes dabei gewesen sein.“ Belehrend schaut sie Tina an. „Einige Firmen bieten die Retoure über verschiedene Versender an. So, wie es für den Kunden am bequemsten ist. Kundenservice.“
„Oh“, sagt Tina. Am bequemsten, denkt sie, Kundenservice, – und ihr fällt wieder ein, wie ihr der ganze Papierkram aus dem Paket entgegengesegelt kam.
„Die nächste DHL-Station heißt ‚Café chez Horst‘. Nicht weit von hier. Ein netter, älterer Herr führt den Laden. Er ist nett …“
„Und die übernächste?“, zischt Tina.
Schulterzuckend schaut die Frau sie an. „Die Hauptpost am Hauptbahnhof? Oder auf der Hauptstraße?“
Beim Hinausgehen hört Tina noch die Frau zu ihrer Tochter sagen: „Was heißt das, du kannst es nicht mehr zusammenbauen?“

Der Regen nimmt zu. Ein kalter Wind weht. Sie stellt sich an die Hauswand neben dem Eingang, findet im Internet eine andere DHL-Station, noch vor der Hauptpost am Hauptbahnhof oder auf der Hauptstraße gelegen. Sie fasst sich an die Ohren, kalt und wahrscheinlich auch rot, öffnet wieder die Ladentür. Zwei Köpfe strecken sich hinter der Theke hervor, als Tina hineinruft: „Verkaufen Sie Kopfbedeckungen?“
Zähneknirschend bezahlt sie neunzehn Euro fünfundachtzig für eine farbenfrohe Wollmütze, die zwar warm, aber auch wie selbst gehäkelt aussieht und kein Preisschild aufweist.

Zwanzig Minuten später erkennt sie schon von Weitem das gelbe DHL-Zeichen über der Tür des Zeitschriftenladens. – Puh!
Als sie das Paket aus dem Drahtkorb holt, bemerkt sie, dass eine Klebestelle aufgegangen ist. – Verdammt!
„Guten Tag“, sagt sie und deutet auf das Paket. Im Hintergrund bimmelt noch die Türglocke. „Entschuldigung. Haben Sie Tesa? Können Sie mir das bitte zukleben?“
Die Frau im Hosenanzug verzieht das Gesicht.
Tinas Stimme schwankt. „Ich bezahle es Ihnen auch.“
„Macht vierzig Cent.“
Tinas Kinnlade fällt herunter. Sie bezahlt mit 2- und 1-Cent-Stücken, obwohl sie zwei Zwanziger hat.
„Andere nehmen fünfzig“, bemerkt sie, zählt das Geld akribisch nach und bringt einen Klebestreifen an, gerade groß genug, dass er das Paket zuhält. Keinen Millimeter zu viel! Dann scannt sie das Paket. ‚Mööp!‘ Der Code wird nicht erkannt!
Tina steht da mit verkniffenem Gesicht. „Das darf doch nicht wahr sein! Aber Sie sind doch DPD! Ich meine DHL! Versuchen Sie es noch mal!“
Es macht wieder ‚Mööp‘.
„Auch so ne billige China-Ware? Jetzt sagen Sie mir nicht, im Hinterzimmer wartet ihr Sohn mit seinem Brecheisen!“
„Wie bitte?“ Die Frau streicht über den Aufkleber. ‚Mööp‘. „Tut mir leid. Das Etikett ist aufgeweicht.“
„Kann man den mit einem Fön wieder trocknen?“
„Ja, schon“, überlegt sie, „aber die Striche werden dadurch nicht wieder gerade. Besorgen Sie sich einen neuen Code! Den können Sie ganz einfach am Handy herunterladen.“
„Ja, das geht?“ Erleichtert holt Tina ihr Smartphone hervor. Genug aufgeladen ist es. Jetzt kann nichts mehr schief gehen.
Die Frau rollt die Augen. „Sie laden sich die DHL-App herunter und fordern einen neuen QR-Code an. Den bekommen Sie sofort per Email und ich scann den dann ein.“
Tina öffnet den App-Store auf dem Handy, findet das Programm, drückt auf ‚Laden‘. Das Fortschrittssymbol kommt ins Stocken, die Übertragung droht abzubrechen. Sie geht zum Fenster, schnappt sich auf dem Weg dorthin einen Trittschemel, der vor den hohen Regalen mit den Schreibwaren steht, stellt sich drauf und hält das Smartphone ganz hoch und nah an die Scheibe. „Ah jetzt …“
Die Frau schaut auf die Uhr. „Sehr gut. Wir hätten nämlich gleich Frühstückspause.“
„Verdammt! Jetzt hängt’s! – Will der mein Passwort? – Wie ‚Softwareupdate‘? Ich will kein Update! Warum klappt das nicht?“
„Zeigen Sie mal!“, sagt die Frau, stellt sich neben Tina und schaut hoch. „Hat das Android?“
„Ich hab Induktion.“
„Genug Speicher haben Sie aber?“
„Ist ganz neu. Das Display aber schon ausgetauscht.“
„Ach so, na ja, meins ist alt und von der Telekom und hat auch nur eine Vier-Gigabyte-Flatrate …“
„Es hat geklappt!“, unterbricht Tina. „Installiert!“
„Wunderbar! Auf jeden Fall geben Sie dann jetzt Ihre Kunden- und die Sendungsdaten ein und …“
„Prima!“, faucht Tina und springt vom Schemel.
„Huch!“, erschrickt die Frau.
„Aua!“, stöhnt Tina auf und knickt mit dem Fuß um. Sie presst die Kiefer aufeinander, humpelt zum Ausgang und schlägt die Tür hinter sich zu.
Die Bimmel über der Tür klingelt unaufhörlich.
Alle notwendigen Daten stehen auf der Rechnung, die natürlich zu Hause zusammen mit dem anderen, dem ‚bequemen’ Rücksendeaufkleber auf dem Küchentisch liegt.

Sie schiebt das Fahrrad aus Hör- und Sichtweite der Frau, die ihr mit verschränkten Armen hinterherschimpft und gibt ihre Heimadresse ein. Fünfzehn Kilometer ist sie mittlerweile vom wohligen Zuhause entfernt.
Dunkle Wolken am Himmel. Regen wie Bindfäden. Sie zieht die Mütze noch tiefer ins Gesicht, haucht sich in die Hände und reibt sie gegeneinander. Dann radelt sie los. Hat sie doch zuletzt erst den Muddy, den Women’s Schlammlauf überstanden, – und das sogar mit einer Zerrung im Bein – was soll ihr da noch geschehen?
In den Bäumen ringsherum knackt es in den Ästen. Autoscheinwerfer von allen Seiten. Klack, klack – Laternenlicht springt an. Eine Katze verzieht sich in einen düsteren Hauseingang. Autos schleichen vorbei, Scheibenwischer kämpfen gegen das Nass an. In der Ferne donnert es.
Auf dem Radweg weicht sie einigen Biotonnen aus, die der Sturm niedergerissen hat, schlittert über feuchtes Laub, hält gerade mal so das Gleichgewicht. Plötzlich schießt direkt neben ihr ein Auto durch eine Pfütze, groß wie ein See. Ein gewaltiger Wasserschwall platscht auf.
Fluchend und nass bis auf die Unterhose bleibt sie stehen, lässt die Schultern hängen. Tränen in den Augen. Ihr Handy! Sie holt es hervor, überlegt kurz, jemanden anzurufen, der sie mit dem Auto abholen könnte. Keine Chance! Der Akku ist leer. Trotzig wischt sie die Tränen fort, reißt sich Mütze und Strickjacke vom Körper und stopft das triefende Zeug in den Drahtkorb.
Frau Bramscheids Rätselhefte! Sie hebt sie hoch. Völlig durchnässt Und was ist das? Dieser Horst hat ihr tatsächlich neben dem kalten Kaffee und dem ausgetrockneten Käsebrötchen auch noch drei identische Hefte angedreht!
Jetzt. Ist. Das. Paket. Dran.
Mit ihrem Hausschlüssel stößt sie Löcher in den Karton, als würde sie mit einem Messer auf einen Menschen einstechen, zerfetzt ihn geradezu. Sie zieht die warme Winterjacke an, stülpt die Kapuze über und zurrt die Bänder ganz eng. Die Ärmel baumeln ihr über die kalten Hände. Die falsche Farbe der Jacke in der Düsterheit kaum auszumachen.
Sie schmeißt den Karton oder das, was es mal war, auf den Boden. Stampft immer wieder auf den einzelnen Teile herum, bis sie die Schmerzen im Fuß nicht mehr spürt und nur noch flache Stücke übrig bleiben, die sie über die Bordsteinkante schiebt.
Wo sie wie Papierbötchen in den Fluten des abfließenden Regens mitgerissen und schließlich in Richtung Gully getrieben werden.

 
Seniors
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08.01.2002
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Hallo @GoMusic ,

also schreiben kannste. Das alles hat sich sauber runtergelesen, flott geschrieben, gar keine Frage und gut formuliert, bin über praktisch nix gestolpert.
Aber nun kommt mein Aber: der Plot ist allzu schlicht. Klar, es passiert viel und man kann auch deiner Prota gut folgen in ihren Handlungen und Gedankengängen, aber ich hätte mich nicht getraut, so etwas ansich Schlichtes als Thema für eine Geschichte zu nehmen.
Ich hoffe, ich bringe dich damit nicht in eine Identitätskrise oder gar zu Schlimmeren, aber wenn du schon so gut schreiben kannst, es dir also kaum schwer fällt, Sachverhalte gut darzustellen und anschaulich zu sein dabei und obendrein auch noch ein gewisses Tempo in deine Handlungen zu bringen vermagst, man also nicht einschläft ob der Langatmigkeit, wieso (verflucht nochmal) suchst du dir nicht anspruchsvollere Themen raus?
Trau dir doch mal was zu? Ich trau es dir jedenfalls zu und finde, diese Geschichte ist schlicht verschenktes Potential. Sorry, aber ich möchte es nicht feinfühliger dosieren.

Ein bisschen Textkram ist auch noch, aber echt sehr sehr wenig:

reißt sich dabei an einer Falz den Fingernagel ein.
Wenn einer Frau der Fingernagel einreißt, dann übergeht sie diese Katastrophe nicht einfach. Hier müsstest du mindestens noch einen Satz anfügen, was sie nun vorhat, um den zu retten bzw. was sie bedauernderweise feststellt, was nun alles an dem Nagel gemacht werden muss. Mindestens feilen! Und damit ist dieser Nagel kürzer als die anderen und es sieht ungleich aus und aus Frauensicht dann katastrophal, um dir mal ein wenig Frauengedankeninput zu geben.
purzeln auf dem
den
umschließt den Karton mit Tesafilm, hebt den Papierkram auf, füllt den Retourenzettel aus, legt ihn hinein
Hier bist du mit der Reihenfolge ins Schleudern geraten: Erst den Retourenzettel ausfüllen, dann den Retourenzettel rein in den Karton, dann den Karton mit Tesafilm umschließen.
„Ein paar Minuten reichen sicher. Möchten Sie Kaffee?“
Ich zweifele an, dass der Mann sagt, dass ein paar Minuten reichen. Wozu sollte er das tun?
Er wird ihr sicherlich etwas zu trinken anbieten. Daher würde ich den zweiten Satz stehen lassen, den ersten ersatzlos streichen.
Kundenservice! Pah!
Hier weiß ich nicht so genau, was sie für eine Frau ist. Ist sie tatsächlich der Ansicht, dass der Kundenservice mau ist? So wie du es vom Sachverhalt her angelegt hast, ist der Kundenservice genau das Gegenteil. Für verpeilte Menschen muss dieser Service nichts anbieten an extra idiotensicheren Möglichkeiten. Also aus meiner Sicht hat der Service alles getan, um eine Retoure leicht zu ermöglichen. Was also genau willst du nun andeuten?
Wenn du damit sagen willst, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennt, dann bring doch noch einen kleinen Satz dazu an, dass man weiß, dass sie jetzt grad echt die Peilung nicht mehr hat. Das würde ihren Gedankengang verständlicher machen.

Fazit: Ich nehme dir hiermit hoch und heilig dein Versprechen ab, dass deine nächste Geschichte inhaltlich mehr Wucht enthält! Falls dir dazu der Mut fehlen sollte, schreib mich direkt an, dann schau ich mir gerne deinen nächsten geplanten Plot daraufhin an.

Lieben Gruß
lakita

 
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22.01.2013
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402

Hallo GoMusic,
deine Geschichte hat mich ganz ermattet zurückgelassen - ich konnte mich zu gut einfühlen in die Irrfahrt der armen Tina . War sehr, sehr schön zu lesen - besonders der Päckchenmord am Ende :)! Zu mäkeln habe ich nichts, daher ist dieser Kommentar ziemlich kurz ...
Danke für's Lesevergnügen,
Eva

 
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Beitritt
04.12.2020
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74

@GoMusic Ich finde es Klasse, wie du aus einer alltäglichen Situation solch eine Geschichte zaubern kannst. Es gehört viel Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen dazu, um Dynamik in das Handeln zu bringen. Du machst kurze Sätze und deine Story liest sich flott mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Habe sie gern gelesen. Danke.

 
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Beitritt
21.03.2021
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92

Moin @GoMusic,

danke für Deine Geschichte.
Ich stimme @lakita zu, sie liest sich zügig weg.
Viele Kleinigkeiten fand ich super, trotzdem hättest Du mich beim Tante-Emma-Laden beinahe verloren, da es mir dann doch a) zu viel Banalität und b) deine Prota für meinen Geschmack ein wenig zu überzeichnet und dadurch das große Ganze unglaubwürdig rüberkam. Dein gutes Tempo und deine Erzählstimme haben mich den Text beenden lassen.

Die Strecke geht bergauf. Das Käsebrötchen kommt ihr hoch. Es herrscht Gegenwind. Sie rülpst.
An dieser Stelle hast Du mich zum lachen gebracht. Die kurzen, knackigen Sätze mit dem Rülpser am Ende machen deine Figur sehr menschlich. Hat mir gut gefallen.

Was soll’s? Zurücksenden ist ja heutzutage so einfach.
Das klingt, als würde sie nicht zum ersten Mal eine Retoure versenden. Vieles was danach passiert, widerlegt mMn diesen Gedankengang.

Auf halber Strecke, zwischen Maisfeld und Acker, ist der Handyakku leer. Unbeirrt radelt sie weiter, stößt schließlich auf einen begehbaren Kiosk mit Café, der leider kein Hermes, sondern DHL anbietet.
Sie geht hinein, begrüßt den älteren Mann hinter der Theke und liest die Adresse vom Handy ab.
Wie kann sie die Adresse vom Handy ablesen, wenn bereits vor dem Kiosk der Akku leer ist?


Gerne gelesen,
Seth

 
Monster-WG
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10.07.2019
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281

Hallo @GoMusic :-)

schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen :-)

Mich hat der Plot an eine "umgekehrte" Suche nach dem Passierschein A38 (oder A35) aus Asterix erobert Rom erinnert. Tina wird Opfer eines hochkomplexen Logistiksystems, das den simplen Alltagsakt einer Retoure zur Odyssee werden lässt. Natürlich übertreibst du hier (15km Radfahrt im stadtnahen Raum?). Aber die Übertreibung dient dem Unterhaltungswert. Deine Story muss aber auch die Motivation Tinas erklären. Mich hat es gewundert, dass sie das Paket zurückgibt. Wenn sie ein Paket abholt und das Paket von hohem Wert ist (egal ob persönlich oder monetär), könnte dies ihre Motivation plausibler erklären. Aber ja, das nur als simple Idee.

Ich schließe mich @lakita an. Schreiben kannst du gut, sehr gut. Aber deine Geschichte enthält so viel komisches und absurdes Potential. Da wären die Figuren in ihren winzigen Läden. Wenn ich an die Paketshops hier in der Suburbia nachdenke ... kleine Textilstickereiläden, Haushaltsgeschäfte, alte Postbeamte in ihren Schreibwarennischen, die in vergilbten Büchern nach Postwegen in Armenien suchen ... herrlich, herrlich. Oh, jetzt tanzt die Phantasie ein bisschen! Aber deine Geschichte möchte unterhalten, also unterhalte uns!

Hermes,“
Warum kursiv?
Ihr Handy summt. Sie hört die Sprachnachricht ab. „Hi Süße. Boah, die haben ja ein scheiß Wetter angesagt. Und Bernd hat den Wagen. Sorry, aber zu Fuß oder mit dem Rad ist mir das zu ungemütlich. Und mit den Öffentlichen mag ich nicht, wegen Corona. Lass uns das auf nächste Woche verschieben, ja? Bussi!“
Ich hab' nicht ganz verstanden, was dieses Treffen zur Geschichte beisteuert. Tina erhält ein Paket, Tina probiert die Jacke an, Tina beginnt ihre Retour-Odyssee. Eigentlich beginnt die Geschichte mit ihrem Beschluss, das Paket zurückzugeben, alles andere davor scheint mir Zusatzstoff zu sein.
Sie schaut erneut aus dem Fenster und zieht sich eine leichte Strickjacke über ihre Bluse. Als sie ein paar Minuten später den Kiosk erreicht, stöhnt sie. Geschlossen. Wahrscheinlich ein Opfer von Corona.
Hm, denkt sie das als erstes? Opfer von Corona, das heißt, der Kiosk öffnet nie wieder? Er ist insolvent?
Mit spitzen Fingern zieht sie einen Stuhl hervor, wischt mit dem Ellenbogen über die Sitzfläche und setzt sich auf den Rand. „Äh, ich weiß nicht …“
Könntest du streichen.
Sie errötet, erhebt sich, schaut hinaus. Es hat angefangen zu nieseln. Weit und breit keine Möglichkeit zum Unterstellen. Widerwillig setzt sie sich wieder hin und bestellt den kleinsten Kaffee.
Ist eine Kleinigkeit, vielleicht bin ich hier sehr genau, aber sie empfindet Scham, wenige Zeilen später scheint sie verärgert zu sein. Vielleicht bleibst du bei der Scham und nutzt sie als Handlung: Was tut Tina, um Horst entgegenzukommen?

Das war's!
Lg
kiroly

 
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Hallo lakita,

schön, dass du vorbeigeschaut und einen tollen Kommentar dagelassen hast.

also schreiben kannste. Das alles hat sich sauber runtergelesen, flott geschrieben, gar keine Frage und gut formuliert, bin über praktisch nix gestolpert.

Danke für. Freut mich sehr.

Aber nun kommt mein Aber: der Plot ist allzu schlicht. Klar, es passiert viel und man kann auch deiner Prota gut folgen in ihren Handlungen und Gedankengängen, aber ich hätte mich nicht getraut, so etwas ansich Schlichtes als Thema für eine Geschichte zu nehmen.
Ich habe mich aber getraut :-)
Klar, Humor ist oft nicht tiefgründig, veralbert schlichte, tägliche Handlungen. Von nichts anderem erzählen bzw. tragen Comedians vor.
Ich finde daran nichts Verwerfliches.
Ausgeklügelte Handlungen spare ich mir derweilen für andere Geschichten auf.


Ich hoffe, ich bringe dich damit nicht in eine Identitätskrise oder gar zu Schlimmeren, aber wenn du schon so gut schreiben kannst, es dir also kaum schwer fällt, Sachverhalte gut darzustellen und anschaulich zu sein dabei und obendrein auch noch ein gewisses Tempo in deine Handlungen zu bringen vermagst, man also nicht einschläft ob der Langatmigkeit, wieso (verflucht nochmal) suchst du dir nicht anspruchsvollere Themen raus?
Danke, mir geht es weiterhin gut.

Ich persönlich finde die Genres Humor, Kinder und Erotik als die schwierigsten hier. Ich habe dazu bisher noch keinen Text geschrieben, das war mein erster in der Rubrik Humor.

Habe im Laufe der Lesungen, die ich besuche, festgestellt, dass zwischendurch etwas Auflockerndes, etwas Lustiges zwischen all den ernsten Themen eine Wohltat für die Zuhörer sein kann.
Und ich wollte mein Repertoire halt um einen schnellen, humorvollen Text erweitern, um vorbereitet zu sein, wenn ich wieder mal was vorlesen sollte.
Anders: An und an mal ne Schale Pommes rotweiß, nicht immer selbst kochen :-)

Ich trau es dir jedenfalls zu und finde, diese Geschichte ist schlicht verschenktes Potential.
Danke, dass du es mir zutraust.

Ich finde nicht, dass ich Potential verschenkt habe. Ich habe vielleicht ein paar Stunden Lebenszeit fürs Schreiben "verschenkt", dafür aber viel zurückbekommen, wenn ich die anderen Kommentare sehe und an die Reaktionen denke, die ich woanders erlebt habe – nämlich einigen ein Schmunzeln oder Lachen geschenkt.
Da ist nichts verschenkt.


Wenn einer Frau der Fingernagel einreißt, dann übergeht sie diese Katastrophe nicht einfach. Hier müsstest du mindestens noch einen Satz anfügen, was sie nun vorhat, um den zu retten bzw. was sie bedauernderweise feststellt, was nun alles an dem Nagel gemacht werden muss. Mindestens feilen!
Guter Hinweis.
Habe ich sofort angepasst, genau sowie bei deinen Fehlerkorrekturen.

„Ein paar Minuten reichen sicher. Möchten Sie Kaffee?“
Ich zweifele an, dass der Mann sagt, dass ein paar Minuten reichen. Wozu sollte er das tun?
Er wird ihr sicherlich etwas zu trinken anbieten. Daher würde ich den zweiten Satz stehen lassen, den ersten ersatzlos streichen.
Stimmt. Ist nun gekürzt.


Kundenservice! Pah!
Hier weiß ich nicht so genau, was sie für eine Frau ist. Ist sie tatsächlich der Ansicht, dass der Kundenservice mau ist?
Ist nun angepasst.

Wegen "beim nächsten Mal inhaltlich mehr Wucht":
Keine Sorge – Mut fehlt mir nicht, bzw. hat mir bei meinen anderen, bisherigen Geschichten, die auch durchaus anspruchsvolle(re) Themen behandeln, auch nicht gefehlt.

Vielen Dank nochmal. Habe mich sehr gefreut.

Wünsche dir einen schönen Abend.
Liebe Grüße, GoMusic

 

MRG

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Hallo @GoMusic,

schön mal wieder etwas von dir zu lesen. Ich muss allerdings sagen, dass ich mit dieser Geschichte nicht viel anfangen konnte. Während des Lesens habe ich mich immer wieder gefragt, um was es dir im Kern geht, also was du hier eigentlich erzählen möchtest. Habe dann gelesen, dass es dir um einen flotten und humorvollen Text ging. Daher denke ich, dass mir dein Text nicht so gut gefallen hat, weil er meinen Humor nicht getroffen hat. Ich fand die Prota doch allzu ernst und auf mich hat es etwas konstruiert gewirkt. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass es für andere Leute besser funktioniert als für mich; finde Humor eine wirklich schwierige Angelegenheit, gerade weil ich als Leser auch sofort Erwartungen daran habe. Kann ansonsten noch sagen, dass ich den Lesefluss sehr gut fand, das hast du geschickt gemacht.

Was mir jedoch noch aufgefallen ist, sind die Wetterbeschreibungen. Ich finde, dass du die noch etwas ausschmücken könntest und mich als Leser noch mehr in die Umgebung reinziehen könntest, wenn du dir dafür etwas mehr Zeit nimmst und meine Sinne ansprichst.

Ich gehe im Detail auf meinen Eindruck ein:

Tina bürstet sich gerade durch das feuchte Haar, als es an der Tür klingelt. Verdutzt schaut sie auf die Uhr. Maria? So früh?, fragt sie sich.
Den Einstieg fand ich nicht weltbewegend, hat mich aber doch gut in die Geschichte reingezogen. Was mich etwas gestört hat, war das "fragt sie sich", das ist meiner Einschätzung nach etwas redundant.

Jetzt schaut sie sich erst mal die Jacke an und sieht dann weiter. Voller Vorfreude öffnet sie den Karton und reißt sich dabei an einer Falz den Fingernagel ein. Der Tag fängt ja wirklich schon gut an.
Ich möchte hier die Präzision und finde es von dir geschickt, wie du das Wort "Falz" einsetzt.

In der Nähe vom Bäcker, wo sie sich direkt ein paar frische Brötchen besorgen kann. Und ein Stück weiter ist ja ein guter Metzger. Na also!
Insgesamt finde ich den Ton locker und manchmal ist mir das etwas zu viel gewissen; das meinte ich weiter oben damit, dass ich den Text manchmal etwas konstruiert finde. Das "Na also!" liest sich für mich etwas zu gewollt.

Ne, zu Fuß zu weit. Da ist sie ja verhungert, bevor sie wieder zu Hause ankommt.
Hier finde ich die Formulierung "Ne, zu Fuß zu weit" auch wieder etwas zu flapsig, kann mir allerdings gut vorstellen, dass das genau deine Absicht war. Auf mich wirkt es etwas zu locker, das kann aber auch gut an meinem Geschmack liegen.

Das Wetter wird schlechter. Ein Wind weht auf.
Das meinte ich damit, dass du hier noch Potential hast. Wie genau fühlt sich das an? Würde mir hier als Leser mehr wünschen, als nur die Information, dass das Wetter schlechter wird.

Auf halber Strecke, zwischen Maisfeld und Acker, ist der Handyakku leer.
Das fand ich einen guten Einfall und ich hatte erwartet, dass das der Grund für Probleme wird. Hat mich interessiert, wollte wissen, wie es wohl weitergeht.

Zufälligerweise hat der Mann ein passendes Ladekabel und schließt es an. „Möchten Sie solange einen Kaffee?“
„And’ren Gästen den Platz wegnehmen geht nich! Bitte draußen warten“, sagt er und deutet entschieden zur Tür.
Erst ist er locker und höflich, hilft ihr ohne Bezahlung weiter und dann dreht sich das auf einmal und er wird herrisch. Für mich hat das nicht zusammengepasst. Ich hätte dann eher erwartet, dass er zu sie so etwas sagt, dass sie ihr Handy nur aufladen darf, wenn sie etwas bestellt. Bin hier etwas drüber gestolpert.

Der Mann serviert das Brötchen auf einem Pappteller. Hält es dabei mit seinem riesigen, vergilbtem Daumen fest. „Macht fünf Euro.“
„Wie?“ Verärgert kramt sie Geld aus dem Portemonnaie.
Denke, dass das eigentlich der Kern des Humors ist: Alles geht schief und sie muss immer tiefer in die Tasche greifen.

„Die nächste DHL-Station ist ‚Café chez Horst‘. Nicht weit von hier. Ein netter, älterer Herr führt den Laden.“ Sie zeigt in die Richtung, aus der Tina gekommen war.
Die Reise geht weiter und ich hätte mir gewünscht, dass du dir etwas mehr Zeit für die Beschreibung der Orte genommen hättest. Ich hatte hier den Eindruck, dass es etwas eilig war.

Der Regen ist stärker geworden. Ein kalter Wind weht.
Hier ist mir das noch einmal mit dem Wetter aufgefallen. Wieder weht der Wind, aber da fehlt mir etwas, da hätte ich mir noch mehr gewünscht, um das erleben zu können.

Zähneknirschend bezahlt sie dreizehn Euro fünfundachtzig für eine farbenfrohe Wollmütze, die zwar warm, aber auch wie selbst gehäkelt aussieht, und kein Preisschild aufweist.
Hier muss sie wieder blechen, tja das ist schon mies und die Situation ist schon sonderbar und denke, dass es wirklich daran liegt, dass das nicht so mein Humor ist.

Plötzlich schießt direkt neben ihr ein Auto durch eine Pfütze, groß wie ein See. Wassermassen stürzen auf sie hernieder. Ein Dammbruch.
Das einzig Trockene am Körper ist ihre Unterhose.
Und wieder geht alles schief.

Sie schmeißt den Karton oder das, was es mal war, auf den Boden. Stampft immer wieder auf ihm herum, bis nur noch ein flaches Etwas übrig bleibt, das sie mit dem Fuß über die Bordsteinkante stößt.
Finde ich gut geschrieben und ist auch ein gutes Beispiel für den Lesefluss. Ich finde, dass du gut schreiben kannst. Wahrscheinlich hat mir die Geschichte einfach deshalb nicht so gefallen, weil ich eine andere Art Humor bevorzuge. Was den Text an sich angeht ist mir vor allem das mit dem Wetter aufgefallen und an einigen Stellen hätte ich mir eine noch detailliertere Beschreibung der Orte gewünscht.

Ich hoffe, dass du damit etwas anfangen kannst.


Beste Grüße
MRG

 
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Hallo Eva,

danke fürs lesen und kommentieren.

deine Geschichte hat mich ganz ermattet zurückgelassen - ich konnte mich zu gut einfühlen in die Irrfahrt der armen Tina
Das freut mich sehr.

War sehr, sehr schön zu lesen - besonders der Päckchenmord am Ende :)!
Danke für das Lob.

Danke für's Lesevergnügen,
Und dir für deinen Kommentar. Das tut richtig gut.


Hallo Billi,

schön, das du hierhin gefunden hast.

Ich finde es Klasse, wie du aus einer alltäglichen Situation solch eine Geschichte zaubern kannst. Es gehört viel Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen dazu, um Dynamik in das Handeln zu bringen.
Wow. Klasse.
Ja, Alltägliches allein ist ja langweilig, aber auf die Spitze getrieben ... ;)
Danke für deine Einschätzung.


Du machst kurze Sätze und deine Story liest sich flott mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Habe sie gern gelesen.
Schön, dass du schmunzeln solltest. Das war das Ziel.

Danke euch beiden.

Vielleicht schreibe ich in Zukunft weitere solcher kleinen Geschichten. Ich wurde auf den Geschmack gebracht. Für so Zwischendurch als Auflockerung auf jeden Fall gut geeignet.

Gerade auch für mich, da ich dann in Ruhe herumalbern kann. Das Kind im Manne und so ... :lol:

Einen tollen Tag.

Liebe Grüße, GoMusic

 
Monster-WG
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Guten Morgen @GoMusic

ich schließe mich einigen Vorredern an. Super schreiben kannst Du und weißt ja hoffentlich auch, dass ich großer Fan Deiner Texte bin. Die Geschichte ist super flüssig geschrieben, ich bin nah bei der Prota, kann mir alles bildlich vorstellen, bin in den Szenen dabei. Aber mir ist die Thematik auch ein wenig zu banal. Du schreibst über einen typischen "Scheißtag", den bestimmt jeder von uns schon einmal erlebt hat. Hat nen guten Unterhaltungswert, aber mir persönlich ist das zu wenig tiefgründig. Weißt ja, als Thrillerfan stehe ich eher auf Abgründe. Hat aber trotzdem Spaß gemacht, die Story zu lesen.

Hier noch ein paar Kleinigkeiten.

Der Tag fängt ja wirklich schon gut an.

Streichkandidat. Unnötiges Füllwort.

Auf dem Radweg weicht sie einigen Biotonnen aus, die der Sturm niedergerissen hat, schlittert über feuchtes Laub, hält soeben das Gleichgewicht.

Das klingt seltsam.
Vorschlag: hält gerade mal so das Gleichgewicht

Plötzlich schießt direkt neben ihr ein Auto durch eine Pfütze, groß wie ein See. Wassermassen stürzen auf sie hernieder. Ein Dammbruch.
Das einzig Trockene am Körper ist ihre Unterhose.

Das ist dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und am Ende ist die Jacke noch zu was gut :D

Mit ihrem Hausschlüssel stößt sie Löcher in den Karton, als würde sie mit einem Messer auf einen Menschen einstechen, zerfetzt ihn geradezu. Sie zieht die warme Winterjacke an, stülpt die Kapuze über und zurrt die Bänder ganz eng. Die Ärmel baumeln ihr über die kalten Hände. Die Farbe der Jacke ist in der Düsterheit kaum auszumachen.

Müsste es nicht Düsternis oder Dunkelheit heißen?

Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag,
Silvita

 
Monster-WG
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Hallo @GoMusic ,

ich mag deinen Schreibstil und stimme dir zu, dass Humor ein schwieriges Genre ist und auch, dass eine witzige Geschichte gut platziert in einer Lesung auf jeden Fall eine Bereicherung ist. Leider fand ich deine Geschichte - bis auf ein paar Flashlights wie den gut platzierten Rülpser - der deinem wirklich guten Schreibstil geschuldet ist - nicht so witzig.
Für mich klingt die Geschichte in einen Satz zusammengefasst so: "Eine Frau ist zu blöd den Wetterbericht zu checken, nachdem sie auf eine Schlechtwetterfront hingewiesen wird und beweist dabei, dass sie ebenfalls zu blöd ist den Ladestand ihres Handys zu prüfen und eine heute alltägliche Retoure abzuschicken."
Das ist mir zu viel "zu blöd".

Für mich hätte die Geschichte was witziges, wenn sie nach der Meldung ihrer Freundin, noch bevor sie den Wetterbericht checken kann, eine Nachricht bekäme, dass ihr das Paket nicht zugestellt werden kann, weil sie nicht zuhause erreichbar war, aber beim Blick aus dem Fenster - wegen dem Wetter - gesehen hat, dass das Lieferauto an ihrem Haus vorbeifährt, sich daraufhin auf die Jagd nach ihrem Paket begibt und letztlich mit leerem Akku triefend nass eine zu große Winterjacke in den Händen hält.
Da wäre weniger Blödheit und immer noch ganz viel alltägliches im Spiel.

Liebe Grüße
feurig

 
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Hallo @GoMusic ,


Ich habe mich aber getraut :-)
Klar, Humor ist oft nicht tiefgründig, veralbert schlichte, tägliche Handlungen. Von nichts anderem erzählen bzw. tragen Comedians vor.
Ich finde daran nichts Verwerfliches.
Ausgeklügelte Handlungen spare ich mir derweilen für andere Geschichten auf.
Verwerfliches sollst du dir auch nicht vorwerfen. So extrem habe ich es nicht gemeint.
Und ich räume ein, dass nicht nur der Geschmack darüber, ab wann etwas witzig oder gar sehr witzig ist, weit auseinander klaffen kann und schon gar nicht lässt sich über den Humorgeschmack streiten (es sei denn, er gerät an die strafbare Grenze, was aber bei dir nicht mal andeutungsweise der Fall ist).
Es spricht aber auch rein gar nichts gegen tiefgründigen Humor oder?

Die Frage, die sich mir nach deiner Antwort stellt ist die, ob man nicht grundsätzlich immer das Optimum an Niveau anstreben sollte, um dann auf diesem Höchstpunkt gute witzige Texte zu verfassen.
Oder ob man schlicht sagen sollte: dieses hier ist ein Text für eher schlichtere Gemüter, wobei dann schon mal die Frage ist, wer ist das genau, welche Leser habe ich da vor mir, und damit ist es ein guter Text, weil er genau diese Leser gut unterhält.
Ich habe darauf keine abschließende Antwort.

Und da du mir (so hoffe ich doch), meine Kritik nicht Übel genommen hast, kann es auch damit sein bewenden haben.


Ich persönlich finde die Genres Humor, Kinder und Erotik als die schwierigsten hier. Ich habe dazu bisher noch keinen Text geschrieben, das war mein erster in der Rubrik Humor. Habe im Laufe der Lesungen, die ich besuche, festgestellt, dass zwischendurch etwas Auflockerndes, etwas Lustiges zwischen all den ernsten Themen eine Wohltat für die Zuhörer sein kann.
Und ich wollte mein Repertoire halt um einen schnellen, humorvollen Text erweitern, um vorbereitet zu sein, wenn ich wieder mal was vorlesen sollte.
Anders: An und an mal ne Schale Pommes rotweiß, nicht immer selbst kochen :-)
Ja, ich stimme dir in soweit zu als ich auch Humor und Erotik für arg schwierig empfinde.

Und ja, auch mir ist bei meinen Lesungen aufgefallen, dass das Publikum oftmals erfreut ist, auch mal leichteste Kost konsumieren zu dürfen und nicht immer angestrengt jeden einzelnen Satz komplett in sich aufnehmen zu müssen.
Aber ich erinnere mich auch an die Lesungen, die einmal monatlich hier in Hamburg unter der Leitung von gox stattfanden und wo sich zum Teil immer wieder die gleichen Herren mit ihren immer gleichgerichteten Humortexten zu Worte meldeten und ich heilfroh war, dass die Lesezeiten auf maximal 10 Minuten begrenzt waren. Solche seichten Sachen können auch gerne mal reinste Folterinstrumente beim Zuhören werden.
Ich plädiere daher immer für das hohe Niveau, aber hätte jetzt auch keine Mordgedanken, wenn du mich für eine arrogante Frau deswegen halten würdest. :D

Lieben Gruß


lakita

 
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Hallo Seth,

freue mich, dass du dabei bist.

Ich komme derzeit mit den Antworten kaum hinterher. Auch jetzt nur schnell in der Pause ... Sorry fürs Warten ...

Ich stimme @lakita zu, sie liest sich zügig weg.
Das ist schon mal gut.


Viele Kleinigkeiten fand ich super, trotzdem hättest Du mich beim Tante-Emma-Laden beinahe verloren, da es mir dann doch a) zu viel Banalität und b) deine Prota für meinen Geschmack ein wenig zu überzeichnet und dadurch das große Ganze unglaubwürdig rüberkam.
Freut mich, dass du einiges super findest. Ist immer so eine Frage, was übertreibt man und wie weit. Ist dann teilweise auch Geschmacksache.

Ja, Banalität, da stimme ich dir zu. Sie sollen als Träger/als Basis für das dienen, was dabei alles schief gehen kann, für das Absurde.

Dein gutes Tempo und deine Erzählstimme haben mich den Text beenden lassen.
Super. Danke, dass du durchgehalten hast und deine Gedanken mit mir teilst.


Die Strecke geht bergauf. Das Käsebrötchen kommt ihr hoch. Es herrscht Gegenwind. Sie rülpst.
An dieser Stelle hast Du mich zum lachen gebracht. Die kurzen, knackigen Sätze mit dem Rülpser am Ende machen deine Figur sehr menschlich. Hat mir gut gefallen.
:bounce:


Was soll’s? Zurücksenden ist ja heutzutage so einfach.
Das klingt, als würde sie nicht zum ersten Mal eine Retoure versenden. Vieles was danach passiert, widerlegt mMn diesen Gedankengang.
Sehr guter Hinweis. Stimmt!
Habe es nun dahin geändert, dass sie gehört hat, dass Retournieren so einfach sein soll.


Wie kann sie die Adresse vom Handy ablesen, wenn bereits vor dem Kiosk der Akku leer ist?
Ist korrigiert. Kam mit dem Ablauf selbst schon durcheinander. :hmm:


Hallo kiroly,

habe mich auch über deinen Besuch gefreut.

Natürlich übertreibst du hier (15km Radfahrt im stadtnahen Raum?). Aber die Übertreibung dient dem Unterhaltungswert. Deine Story muss aber auch die Motivation Tinas erklären. Mich hat es gewundert, dass sie das Paket zurückgibt. Wenn sie ein Paket abholt und das Paket von hohem Wert ist (egal ob persönlich oder monetär), könnte dies ihre Motivation plausibler erklären. Aber ja, das nur als simple Idee.
Sehr gute Idee.
Ich habe nun eingebaut, dass die Jacke teuer ist. So wird sie das teure Stück also keinesfalls behalten und für zahlen wollen.
Bei preiswerterer Kleidung überlegt man ja manchmal, sie doch zu behalten, auch bei kleinen Mängeln oder hier einer Farbe, die ihr nicht ganz so gefällt.


Ich schließe mich @lakita an. Schreiben kannst du gut, sehr gut. Aber deine Geschichte enthält so viel komisches und absurdes Potential. Da wären die Figuren in ihren winzigen Läden. Wenn ich an die Paketshops hier in der Suburbia nachdenke ... kleine Textilstickereiläden, Haushaltsgeschäfte, alte Postbeamte in ihren Schreibwarennischen, die in vergilbten Büchern nach Postwegen in Armenien suchen ... herrlich, herrlich. Oh, jetzt tanzt die Phantasie ein bisschen! Aber deine Geschichte möchte unterhalten, also unterhalte uns!
Die Figuren, die du beschreibst, sind aber auch ganz schon Klischee :lol:
Gefällt mir. Wenn ich die Story später (wenn der ganze Kleinkram überarbeite ist) mal im Großen überarbeite, überlege ich mir, die Typen noch schräger darzustellen.
Ich komme dann sicher auf dich zurück.


Ich hab' nicht ganz verstanden, was dieses Treffen zur Geschichte beisteuert. Tina erhält ein Paket, Tina probiert die Jacke an, Tina beginnt ihre Retour-Odyssee. Eigentlich beginnt die Geschichte mit ihrem Beschluss, das Paket zurückzugeben, alles andere davor scheint mir Zusatzstoff zu sein.
Das (geplatzte) Treffen führt die Konflikte "Frühstück / Hunger" und "mieses Wetter" ein.

Hm, denkt sie das als erstes? Opfer von Corona, das heißt, der Kiosk öffnet nie wieder? Er ist insolvent?
Da denke ich noch drüber nach.


Ist eine Kleinigkeit, vielleicht bin ich hier sehr genau, aber sie empfindet Scham, wenige Zeilen später scheint sie verärgert zu sein. Vielleicht bleibst du bei der Scham und nutzt sie als Handlung: Was tut Tina, um Horst entgegenzukommen?
Ja, Scham, dann Verärgerung ...
Hm, ein zu großer Unterschied. Der Scham ist nun gestrichen.


Ich danke euch beiden für eure tollen Kommentare.
Ihr habt mir sehr geholfen.

Schönen Tag und liebe Grüße,
GoMusic


*** to be continued **

 
Wortkrieger-Team
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Hallo MRG,

schön, dass du am Ball geblieben bist, obwohl du eine andere Art Humor bevorzugst.
Ich konnte mit deinen Anmerkungen viel anfangen.

Im Einzelnen:

Habe dann gelesen, dass es dir um einen flotten und humorvollen Text ging. Daher denke ich, dass mir dein Text nicht so gut gefallen hat, weil er meinen Humor nicht getroffen hat.
Bin nicht so Experte, denke aber, dass es unzählige Arten an Humor gibt. Ich selbst mag z.B. lieber Torsten Sträter (Gruß an dich, du alter Wortkrieger, falls du mitliest) als Mario Barth. Schwierig, da passend für alle Humorfans zu schreiben.

Ich fand die Prota doch allzu ernst und auf mich hat es etwas konstruiert gewirkt.
Die Story hat einen echten Hintergrund. Hat die Bekannte eines Bekannten doch tatsächlich das falsche Etikett aufgeklebt. Wie konnte sie nur? :D
So entstand meine Idee.

Andere fanden die Prota nicht ernst, sondern blöd. So unterschiedlich sind die Lesereindrücke.

Kann ansonsten noch sagen, dass ich den Lesefluss sehr gut fand, das hast du geschickt gemacht.
Danke.

Was mir jedoch noch aufgefallen ist, sind die Wetterbeschreibungen. Ich finde, dass du die noch etwas ausschmücken könntest und mich als Leser noch mehr in die Umgebung reinziehen könntest, wenn du dir dafür etwas mehr Zeit nimmst und meine Sinne ansprichst.
Gute Idee. Denke ich drüber nach für ein nächstes großes Update.


Was mich etwas gestört hat, war das "fragt sie sich", das ist meiner Einschätzung nach etwas redundant.
Ja, ist nun weg.


Ich möchte hier die Präzision und finde es von dir geschickt, wie du das Wort "Falz" einsetzt.
Gebe den Dank an die o.g. Bekannte eines Bekannten weiter. Genau das ist ihr auch passiert und genau dieses Wort hat sie benutzt :)


Das "Na also!" liest sich für mich etwas zu gewollt.
Ist geändert. Sollte nun besser sein.


Das Wetter wird schlechter. Ein Wind weht auf.
Das meinte ich damit, dass du hier noch Potential hast. Wie genau fühlt sich das an? Würde mir hier als Leser mehr wünschen, als nur die Information, dass das Wetter schlechter wird.

Auf halber Strecke, zwischen Maisfeld und Acker, ist der Handyakku leer.
Das fand ich einen guten Einfall und ich hatte erwartet, dass das der Grund für Probleme wird. Hat mich interessiert, wollte wissen, wie es wohl weitergeht.
Git, dass das zum Weiterleben animiert.


Erst ist er locker und höflich, hilft ihr ohne Bezahlung weiter und dann dreht sich das auf einmal und er wird herrisch. Für mich hat das nicht zusammengepasst. Ich hätte dann eher erwartet, dass er zu sie so etwas sagt, dass sie ihr Handy nur aufladen darf, wenn sie etwas bestellt. Bin hier etwas drüber gestolpert.
Okay, er ist nun ein wenig weniger herrischer.


Denke, dass das eigentlich der Kern des Humors ist: Alles geht schief und sie muss immer tiefer in die Tasche greifen.
Ja, es wird immer teuerer.
Am Ende könnte eigentlich noch ihr Rad kaputt gehen (Memo für mich: notieren). :)


Die Reise geht weiter und ich hätte mir gewünscht, dass du dir etwas mehr Zeit für die Beschreibung der Orte genommen hättest. Ich hatte hier den Eindruck, dass es etwas eilig war.
Eilig war nur die Prota.
Stimmt, Wetter und Orte, da ist Potential.


Sie schmeißt den Karton oder das, was es mal war, auf den Boden. Stampft immer wieder auf ihm herum, bis nur noch ein flaches Etwas übrig bleibt, das sie mit dem Fuß über die Bordsteinkante stößt.
Finde ich gut geschrieben und ist auch ein gutes Beispiel für den Lesefluss. Ich finde, dass du gut schreiben kannst.
:bounce:


Ich hoffe, dass du damit etwas anfangen kannst.

Und ob!

Hab vielen Dank.

Wünsche dir einen tollen Tag.
LG, GoMusic

 
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Der Text hat Potential, zeigt er doch den alltäglichen Wahnsinn. Genau aus diesem Grund hätte sich der Wahnsinn der Protagonistin meiner Meinung nach über die Handlung noch deutlich steigern können. Auch denke ich entgegen der anderen Kommentare, dass das schnelle, pointierte Tempo einen Nachteil hat: Es spiegelt nicht die Qualen der Figur wieder, sodass die Form hier nicht dem Inhalt dient. Der Leser müsste sich vielmehr mit der Protagonistin durch die Kette der Ereignisse quälen, anstatt diese wie eine Aneinanderreihung von Witzen wohltemperiert serviert zu bekommen. Natürlich darf der Text dadurch nicht in die Langeweile oder Geschwätzigkeit a gleiten. Gut ausgeführt würde dieser Twist einen Text von höchster, geradezu klassischer Komik schaffen können.

 
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Zuletzt bearbeitet:

Hallo Silvita,

schön, dass es dich hierhin verschlagen hat.

Super schreiben kannst Du und weißt ja hoffentlich auch, dass ich großer Fan Deiner Texte bin.
:herz:


Aber mir ist die Thematik auch ein wenig zu banal. Du schreibst über einen typischen "Scheißtag", den bestimmt jeder von uns schon einmal erlebt hat. Hat nen guten Unterhaltungswert, aber mir persönlich ist das zu wenig tiefgründig. Weißt ja, als Thrillerfan stehe ich eher auf Abgründe. Hat aber trotzdem Spaß gemacht, die Story zu lesen.
Ja, ist dann auch Geschmacksache. Ich kenne noch viel banalere humoristische Texte ;)

Schon mal gut, dass der Unterhaltungswert vorhanden ist. Auf mehr kam es mir hier nicht an. Mal zwischendurch etwas, das man schnell konsumiert, das alles Ernste und Tiefgründiges und alle Gedanken für einen Moment vergessen lässt.


ich mag deinen Schreibstil und stimme dir zu, dass Humor ein schwieriges Genre ist und auch, dass eine witzige Geschichte gut platziert in einer Lesung auf jeden Fall eine Bereicherung ist.
Ja, das war das Ziel.
So vor der Pause einer Lesung einen witzigen Text, bevor es danach wieder mit Krimis etc. weitergeht.

Edit: Ich habe ganz vergessen zu sagen, dass ich deine Vorschläge und Korrekturen gerne übernommen habe, @Silvia
Das gilt auch für alle andere Kommentatoren in den Fällen, wo ich das nicht explizit erwähnt habe.


Hallo feurig,

freue mich sehr über deinen Besuch und Kommentar.

Leider fand ich deine Geschichte - bis auf ein paar Flashlights wie den gut platzierten Rülpser - der deinem wirklich guten Schreibstil geschuldet ist - nicht so witzig.
Wenigstens eine Stelle. :lol:

"Eine Frau ist zu blöd den Wetterbericht zu checken, nachdem sie auf eine Schlechtwetterfront hingewiesen wird und beweist dabei, dass sie ebenfalls zu blöd ist den Ladestand ihres Handys zu prüfen und eine heute alltägliche Retoure abzuschicken."
Das ist mir zu viel "zu blöd".
Ich hatte es oben bei einem anderen Kommentar schon angemerkt, dass der wahre Hintergrund ein falsches Etikett und somit das Aufsuchen des falschen Paketshops der Auslöser meiner Idee dieser Geschichte war. Das könnte jedem passieren, der unbedarft bei Rücksendungen ist. Das halte ich nicht für unbedingt blöd. :)
Auch ein Handy kann mal zwischendurch "leer" werden, gerade wenn man nicht plant, für längere Zeit unterwegs zu sein.
Bei dem Nichtbeachten des Wetterberichts ist es ähnlich.
Der Text baut ja gerade darauf, dass alle drei Dinge auf einmal auftreten.
Kann man "blöd" oder nennen oder Pech. Nur ein Element fände ich aber zu wenig, um etwas aufzubauen, das sich immer weiter zuspitzt. Blödheit oder Pech ist oft der Hintergrund für spaßige Geschichten.
Sicher gibt es auch andere, nicht-blöde Zustände oder Erlebnisse, die sich für humoristische Texte eignen, aber das ist nicht unbedingt das, was ich selber gerne höre, sehe oder lese, wenn ich einfach mal abschalten will. Und man soll ja ruhig darüber schreiben, was man selbst gerne liest. Darum.


Für mich hätte die Geschichte was witziges, wenn sie nach der Meldung ihrer Freundin, noch bevor sie den Wetterbericht checken kann, eine Nachricht bekäme, dass ihr das Paket nicht zugestellt werden kann, weil sie nicht zuhause erreichbar war, aber beim Blick aus dem Fenster - wegen dem Wetter - gesehen hat, dass das Lieferauto an ihrem Haus vorbeifährt, sich daraufhin auf die Jagd nach ihrem Paket begibt und letztlich mit leerem Akku triefend nass eine zu große Winterjacke in den Händen hält.
Da wäre weniger Blödheit und immer noch ganz viel alltägliches im Spiel.
Auch eine gute Idee. Das fände ich aber noch blöder, bzw. direkt am Anfang schon blöd und ohne große Steigerungsmöglichkeiten, weiß doch jeder, dass es i.d.R. einen erneuten Zustelltermin-Versuch gibt oder sich ein Zettel im Briefkasten befindet, wo man es am Folgetag abholen kann. Da muss man das Teil aber unbedingt sofort benötigen, um dem hinterherzujagen. :lol:
Gute Idee, wie gesagt. Lässt sich was draus machen.

Vielen Dank euch beiden.

Eine tollen Tag und liebe Grüße,
GoMusic

 
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Hallo lakita,

danke für deine Rückmeldung.

Verwerfliches sollst du dir auch nicht vorwerfen. So extrem habe ich es nicht gemeint.
Und ich räume ein, dass nicht nur der Geschmack darüber, ab wann etwas witzig oder gar sehr witzig ist, weit auseinander klaffen kann und schon gar nicht lässt sich über den Humorgeschmack streiten (es sei denn, er gerät an die strafbare Grenze, was aber bei dir nicht mal andeutungsweise der Fall ist).
Genau, über Geschmack lässt sich streiten.
Ich habe deinen Kommentar aber auch nicht als extrem gesehen. Hast doch nur gesagt, dass ich gut schreibe könne und das nutzen solle, für eine tiefgründige (Humor-)Geschichte. Alles gut.

Es spricht aber auch rein gar nichts gegen tiefgründigen Humor oder?
Dann sehe ich diese kleine Story hier mal als Start in die Rubrik Humor und nehme mir vor, (auch) mal tiefgründigere Humorgeschichten zu schreiben. :thumbsup:

Die Frage, die sich mir nach deiner Antwort stellt ist die, ob man nicht grundsätzlich immer das Optimum an Niveau anstreben sollte, um dann auf diesem Höchstpunkt gute witzige Texte zu verfassen.
Oder ob man schlicht sagen sollte: dieses hier ist ein Text für eher schlichtere Gemüter, wobei dann schon mal die Frage ist, wer ist das genau, welche Leser habe ich da vor mir, und damit ist es ein guter Text, weil er genau diese Leser gut unterhält.
Ich habe darauf keine abschließende Antwort.
Das ist schwierig. Bei der Zielgruppe kann man sich ganz leicht verschätzen. Ich habe parallel testweise an einen noch schlichteren humorvollen Text gearbeitet und den woanders gepostet (hier bei WK passt der nicht rein). Das war der Text mit den meisten "Daumen hoch"-Kommentaren. Gerade von den Lesern und auch Mit-Autoren, die sonst nur ernste Sachen schreiben. Verrückt.

Kommt neben dem Geschmack auch auf die Stimmung des einzelnen ein, ob man gewillt ist, sich darauf einzulassen. :)
So, ich denke jetzt ist aber auch genug über "tiefgründig" geplaudert worden. Dieser Text hier leistet das nicht und soll es auch nicht.
Ich will ja hier keine anderen Autoren abschrecken, die mit dem Gedanken spielen, hier auch erstmals einen humoristischen Text zu posten. :Pfeif:


Und da du mir (so hoffe ich doch), meine Kritik nicht Übel genommen hast, kann es auch damit sein bewenden haben.
Siehst du richtig.


Aber ich erinnere mich auch an die Lesungen, die einmal monatlich hier in Hamburg unter der Leitung von gox stattfanden und wo sich zum Teil immer wieder die gleichen Herren mit ihren immer gleichgerichteten Humortexten zu Worte meldeten und ich heilfroh war, dass die Lesezeiten auf maximal 10 Minuten begrenzt waren. Solche seichten Sachen können auch gerne mal reinste Folterinstrumente beim Zuhören werden.
Bei solchen Autorentreffen bin ich auch regelmäßig. Auch dort gibt es diese gleichen Herren und ist es auf 10 Min. beschränkt. Glücklicherweise :Pfeif:

Ich plädiere daher immer für das hohe Niveau, aber hätte jetzt auch keine Mordgedanken, wenn du mich für eine arrogante Frau deswegen halten würdest. :D
Wir kennen uns ja schon ein bisschen und ich denke, so weit wird es nicht kommen. :lol:

Hallo Henry K.

schön, dass du hierhin gefunden hast.

Der Text hat Potential, zeigt er doch den alltäglichen Wahnsinn.
Danke.

Genau aus diesem Grund hätte sich der Wahnsinn der Protagonistin meiner Meinung nach über die Handlung noch deutlich steigern können.
Noch mehr steigern? Ups.

Auch denke ich entgegen der anderen Kommentare, dass das schnelle, pointierte Tempo einen Nachteil hat: Es spiegelt nicht die Qualen der Figur wieder, sodass die Form hier nicht dem Inhalt dient. Der Leser müsste sich vielmehr mit der Protagonistin durch die Kette der Ereignisse quälen, anstatt diese wie eine Aneinanderreihung von Witzen wohltemperiert serviert zu bekommen. Natürlich darf der Text dadurch nicht in die Langeweile oder Geschwätzigkeit a gleiten.
Das ist auch eine gute Idee.
Du meinst, dass das hohe Tempo wie Stakkato wirkt und der Leser immer zum nächsten Witz geworfen wird, ohne die Chance zu haben, so richtig mitzuleiden? (Nun, auch das ist schwierig hinzubekommen, finde ich.)
So wie du es sagst, ist die Geschichte tatsächlich nicht konzipiert, würde sie es durch entspr. bedachte Überarbeitungen auch wohl nie werden.

Vielleicht passt deine vorgeschlagene Weise in einen neuen Text, wenn ich eine tiefgründige Humorstory schreibe.
Ich werde mir das merken und darauf zurückkommen.

Gut ausgeführt würde dieser Twist einen Text von höchster, geradezu klassischer Komik schaffen können.
Ja, hoffe ich mal.;)

Ich danke euch beiden für eure Zeit und Worte.

Wünsche einen tollen Start ins Wochenende.

Liebe Grüße, GoMusic

 
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Hallo zusammen,

der Text ist nun ein wenig erweitert, hat mehr Details und anderes.

Auf eure folgenden zwei Anmerkungen möchte ich mich hiermit u.a. nochmal beziehen, MRG und Henry K.:

ich hätte mir gewünscht, dass du dir etwas mehr Zeit für die Beschreibung der Orte genommen hättest.
Die Orte – vor allem die Läden und die Typen in ihnen – sind nun detaillierter charakterisiert.

auch denke ich entgegen der anderen Kommentare, dass das schnelle, pointierte Tempo einen Nachteil hat: Es spiegelt nicht die Qualen der Figur wieder, sodass die Form hier nicht dem Inhalt dient. Der Leser müsste sich vielmehr mit der Protagonistin durch die Kette der Ereignisse quälen, anstatt diese wie eine Aneinanderreihung von Witzen wohltemperiert serviert zu bekommen.
Das Tempo ist nun ein wenig gedrosselt, da noch die eine oder andere neue Hürde zu überwinden ist bzw. die jeweils nächsten Tiefpunkte ein wenig weiter hinausgezögert werden und weil die Figuren stärker in den Vordergrund treten.

Das nur zur Info, falls ihr es euch nochmal anschauen möchtet.

Liebe Grüße, GoMusic

 
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@GoMusic Danke für den Hinweis, werde ich mir noch mal durchlesen. Vorher möchte ich aber noch ein paar Gedanken zur Frage abgeben, wie tiefgründig Humor sein muss. Ich lebe für Stand-up, Sitcoms und Komödien und meiner Meinung nach ist Tiergründigkeit keine Kategorie, die bei gutem Humor im Vordergrund steht - abgesehen davon, dass die Kritik natürlich immer tiefere Ebenen sucht und findet, sogar in Glossen übers Dschungel Camp.

Humor soll aber meiner Meinung nach nicht zum Nachdenken anregen, sondern uns vom Nachdenken befreien, uns überrumpeln und mitreißen. Und das kann auch durch höchste Albernheit und geradezu plakative Niveaulosigkeit funktionieren wie bei Monty Python oder in den Filmen der "Nackte Kanone"-Reihe, die ich für humoristische Meisterwerke halte, da keine Filmminute ohne Lacher bleibt. Das heißt nicht, dass man Humor vom Intellekt befreien MUSS (s. Woody Allen).

Also was macht "guten" Humor aus? Das ist natürlich eine nicht ganz in Worte zu fassende Preisfrage, die ich auch nicht beantworten kann. Ich denke aber, die Fähigkeit überpräzise Beobachtungen über Menschen und ihr reales Tun anzustellen ist hier ganz wichtig. Diese Beobachtungen muss man dann so abändern, dass ihre neue Form das Publikum übertölpelt. Sie denken kurz, Wahrheit serviert zu bekommen, und merken dann, daß dem nicht so war. Das Lachen löst die durch den Widerspruch erzeugte Spannung.

Die Überraschungsmomente müssen perfekt aufgebaut und getimt sein, etwas, das wohl in Schriftform noch schwerer zu erreichen ist als auf der Bühne oder im Film.

Also, lass dich nicht zu zu viel Niveau verleiten ;-) Die Menschen, denen alles zu platt ist und die sich vor sich selbst entschuldigen, wenn sie mal über einen "dummen Witz" gelacht haben, gibt es immer.

 
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@GoMusic So, jetzt habe ich mal etwas Zeit, mich genauer mit deinem Text zu beschäftigen. Die Anpassungen haben ihm in meinen Augen auf jeden Fall schon einmal gut getan.
Hier nun ein paar konkrete Beispiele zu grundsätzlichen Dingen, bei denen ich von meiner Warte aus noch Optimierungspotenzial sehe. Das ist natürlich nur meine subjektive Einschätzung ;-)

Das wird sicher die dicke, teure Kapuzenjacke sein, die sie vorsorglich für kalte, fiese Wintertage bestellt hat.
Die Beschreibung der Jacke kommt hier lieblos rüber, gewissermaßen wie aus Verpflichtung. Wie wäre es mit so was in der Art:

Das muss die Daunenjacke sein, die sie vorgestern bestellt hat. Es ist zwar noch nicht kalt draußen, aber im Supermarkt liegen schon die ersten Lebkuchen aus. Der Winter wird bald und plötzlich kommen, dann braucht sie eine warme Jacke. Ihre alte entspricht überhaupt nicht mehr der Mode. Also hat sie sich aufgerafft, endlich eine neue anzuschaffen, auch wenn sie Jackenkaufen hasst. Es ist so schwer eine zu finden, die gut sitzt und halbwegs bezahlbar ist. Auch die jetzt unten auf sie wartende, für die sie sich nach langem Suchen in unzähligen Online-Shops schließlich entschieden hat, ist alles andere als billig. 450 Euro wird Paypal in zwei Wochen dafür abbuchen.

Da sich die ganze Geschichte um die Jacke dreht, darf sie ruhig gebührend eingeführt werden, finde ich. Außerdem kann man hier primen, warum die Frau so motiviert ist, sie zurückzusenden: Sie hat (zu) viel Geld dafür bezahlt und braucht in ihren Augen dringend eine neue Jacke. Und nur durch die Rückgabe wird der Weg dahin frei. Durch konkrete kleine Elemente wie den speziellen Bezahlprozess via Paypal (natürlich nur ein beliebiges Beispiel) kann man mehr Alltagsnähe für den Leser schaffen und die Geschichte glaubwürdiger machen.

„Hi Süße. Boah, die haben ja ein scheiß Wetter angesagt und Bernd hat den Wagen. Sorry, aber zu Fuß oder mit dem Rad ist mir das zu ungemütlich. Und die Öffentlichen sind mir zu voll. Lass uns das auf nächste Woche verschieben, ja? Bussi!“
Tina stellt sich ans Fenster, beäugt misstrauisch den Himmel. Blaue Wolken. So ein Unsinn. Seufzend tippt sie: „Okay. Wir telefonieren“.
Schade, hat sie sich doch so auf Frühstück und Klönen gefreut. Ein bisschen hungrig ist sie auch schon. Aber es ist noch nicht mal eine Scheibe Brot im Haus. Ihre Freundin wollte ja alles mitbringen!

Für mich zu lang und dann wieder drübergehuscht. Ich würde in diese Richtung gehen:

„Hi, Süße! Ich höre grade den Wetterbericht und die sagen Starkregen an. Ich glaube, das ist mir zu riskant. Sei mir nicht böse! Wir holen das nach, ja? Bussi, ich melde mich!“
Tina stellt sich ans Fenster und beäugt misstrauisch den Himmel. Alles Blau. Seufzend schickt sie eine Whatsapp: „Okay. Wir telefonieren“
[Hier könnte man einen enttäuschten Smiley setzen, um die Geschichte stilistisch noch stärker mit dem realen Leben zu verzahnen.]
Schade, hat sie sich doch so auf das Frühstück und die anschließende Radtour gefreut. Sie hört ihren Magen grummeln. Hat sie überhaupt noch Brot im Haus? Wahrscheinlich nicht, ihre Freundin wollte ja Brötchen mitbringen. Sie geht in die Küche und öffnet den Schrank. Aus der hintersten Ecke zwinkert ihr ein angebrochenes Paket Pumpernickel zu. Pfui Teufel! Sie muss wohl oder übel zum Bäcker.

Voller Vorfreude öffnet sie den Karton und reißt sich dabei an einer Falz den Fingernagel ein. Der Tag fängt ja wirklich gut an.

Hier erlebt man die Verletzung nicht mit.

Sie legt das Paket vor sich auf den Tisch. Juppi! Hoffentlich wird es ein strenger Winter, damit ich sie oft tragen kann, denkt sie. Sie fährt mit dem Nagel über das Tape, mit dem das Paket versiegelt ist. Ein heftiger Stich in ihrem Finger. Blut tropft auf die braune Pappe. So ein Mist! Sie rennt ins Bad und fingert aus dem Schränkchen über dem Waschbecken die Schachtel mit den Pflastern hervor. Leer. Was nun? Sie reißt etwas Klopapier ab und wickelt es sich umständlich um den Finger. In der Kommode findet sie Tesafilm. Muss erst mal reichen. Sie kann ja gleich auch kurz bei der Apotheke vorbei.

Dass der Tag "wirklich gut anfängt" merkt der Leser selbst, denn er durchlebt die Dramen mit der Figur. Damit das gelingt, muss er Dinge wiedererkennen, wie sich ein Pflaster zu basteln, wenn man sich schneidet. Jeder kennt das, behaupte ich mal. Nur mit solchen realistischen Elementen wirkt die Geschichte trotz der mehr oder weniger kuriosen Verkettung von unglücklichen Zufällen nicht konstruiert.

Das ist dann auch, was ich in meinem früheren Kommentar mit Tempo rausnehmen meinte. Der Leser wird trotzdem bei der Stange bleiben, weil die Figur ja stets erneut eine Hürde überwindet. Ihm wird also immer wieder eine befriedigende Lösung serviert - bis dann das nächste Problem auftaucht. Ich denke, wenn er sich in den Situationen wiederfindet und sie pointiert, clever und einem guten Auge für die richtigen Details beschrieben werden, wird ihm nicht die Lust am Text vergehen, auch wenn dieser länger wird.

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele, wie gesagt. Ich will auch nicht den ganzen Text durchgehen. Ich glaube, es wird deutlich, in welche Richtung ich gehen würde. Ich wiederhole aber noch mal: Ist nur meine Meinung.

Grüße!

 

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