Hallo @Fliege und @H. Kopper ich würde euch mal zusammen auf eure Kritik antworten, da es ohnehin in die selbe Richtung zu gehen scheint. Ich muss dazusagen, dass ich mir ein wenig albern vorkomme, permanent gegen Kritiken anzuschreiben, die ja alle irgendwo zutreffen. Es fühlt sich dann manchmal so an, als verteidige ich hier etwas, was objektiv nicht zu verteidigen ist. ABER: In anderen Momenten frage ich mich dann wiederum, wie die Sichtweisen auf einen Text so dermaßen voneinander abweichen können. Ich möchte jetzt nicht behaupten, da die Wahrheit gepachtet zu haben. Im Gegenteil: Eure Kritiken (so wertvoll und wichtig sie für mich sind) verunsichern mich massiv.
Ich würde dennoch mal versuchen, einigermaßen selbstbewusst meinen Text zu verteidigen:
was auch immer ihm die Tränen in die Augen treibt, ist ja die eigentliche Geschichte
Das, was Henry in seinem Kommentar ja sehr detailliert ausbreitet, reduzierst du im Prinzip auf diesen Satz. Und ich lese das dann und frage mich: Ja, haben die denn alle einen anderen Text gelesen? Denn ich finde, dass das doch quasi nicht zu übersehen ist. Ich schreibe das hier jetzt bewusst überspitzt. Aber so wie ich es lese (und es scheint so zu sein, dass ich absolut textblind geworden bin ...) gibt der Text doch ziemlich deutlich klar, worum es hier geht. Der erste Satz lautet:
Mein Bruder trat bei einem Box-Turnier an, und er hatte noch nie einen Kampf verloren, und um mal in der Stimme eines anderen Mitglieds der wortkrieger zu sprechen:
Damit ist doch eigentlich alles klar.
Wenn die Kritik wäre, dass das zu plump sei, könnte ich das nachvollziehen. Dass aber nicht klar sein soll, warum der Junge später weint, bzw. dass es austauschbar sein soll, erschließt sich mir einfach nicht. Um noch mal zu betonen: Ich nehme deine Kritik ernst und ich fürchte, dass das Problem desTextes auf meiner Seite liegt und ich mir da grundlegendere Gedanken machen muss.
ich will nicht nerven und nun noch einmal herunterbeten, was ich zum letzten Text schon geschrieben habe.
Das tust du ganz bestimmt nicht! Im Gegenteil, schätze ich deine Kritiken und deine ausführlichen und ehrlichen Rückmeldungen wirklich sehr!
Jetzt kommt vielleicht der Einwand, dass es aber doch eine Kurzgeschichte, ja sogar Flash Fiction ist usw. Ja, dann muss das alles da rein, zumindest als Rückschluss aus Andeutungen, es muss aus dem Subtext sprechen, zwischen den Zeilen stehen, in den Dialogen oder dem Ausdruck der Figuren manifestiert sein oder sonstiges.
Als hättest du es geahnt, schreibst du das, haha. Ich werde nichtsdestotrotz damit argumentieren. Denn zumindest habe ich die Rubrik Flash Fiction so verstanden, dass es eben
keine, den üblichen Regeln des Geschichtenerzählens unterworfene Rubrik ist, sondern eben eine Unterrubrik, in der Texte vor allem ein Schlaglicht auf einezelne Momente werfen, ohne davor und danach weiter draufzublenden. Das war mein Anspruch. Ein kurzes Schlaglicht, ein Moment der Verunsicherung beim Erzähler (und beim Leser),
ein Riss. Dabei ist der Text nicht autobiografisch. Nicht mal ansatzweise. Was aber autobiografisch ist, ist der Umstand, dass ich mal eine Person habe weinen sehen, von der ich das einfach (in diesem Moment) niemals erwartet hätte. Das hat mich nachhaltig berührt (ist vielleicht nicht das zutreffendste Wort) und das war hier der Versuch, so etwas zu übertragen.
Den Inhalt des Textes kurz heruntergebrochen:
Der Erzähler und jüngere Bruder (und alle anderen) himmeln den älteren Bruder (den Boxer) mehr oder weniger an, er ist gewissermaßen ein Überflieger, verliert keinen Kampf und das wird mehr oder weniger auch weiterhin so angenommen. Er wirkt (vor allem auf den Erzähler) wie ein selbstsicheres, nicht aus der Bahn zu werfendes Vorbild, hat eine Freundin, alle haben Respekt usw.
Aber dann: Der Bruder entdeckt einen Moment der Schwäche beim älteren Bruder. Ein Riss in der Wahrnehmung entsteht. Der Kampf wird zwar gewonnen und am Ende sind alle augenscheinlich happy, aber der Zweifel, die verschobene Wahrnehmung bleiben beim Erzähler.
nüchtern und emotionslos zu berichten
Zunächst würde ich behaupten, dass das schlicht nicht zutrifft. Wir hatten es schon beim letzten Text: Nur weil ich die Emotionen nicht ausschreibe (
Ich war so erschüttert, als ich meinen starken Bruder dort so sitzen sah), heißt es doch nicht, dass die nicht vorhanden sind. Die Verunsicherung ist doch zumindest auch am Ende wahrnehmbar. Auch der Boxer reagiert ja nicht emotionslos -> Er scheucht seinen Bruder davon, er verzerrt das Gesicht.
Ich hätte natürlich auch schreiben können:
Geh mir aus den Augen, kleiner Bruder, der mich angehimmelt hat! Du sollst mich nicht in einem Moment der Schwäche und des Selbstzweifels sehen! Denn sonst habe ich die Befürchtung, dass du mich in Zukunft vielleicht mit anderen Augen wahrnimmst und ich den Heldenstatus verliere.
Klar, ist überspitzt formuliert, aber in die Richtung geht es doch schon. Ich finde (rein subjektiv) es würde ausformuliert schlicht nicht wirken. Es würde mich ausformuliert eher nerven, ehrlich gesagt.
Ich denke, diese Frage musst du beantworten können und zwar "aus dem Text heraus". Damit meine ich: Stile müssen immer eine Funktion haben.
Das kann ich. Nur werden wir da vermutlich nicht zusammenkommen :/
Ich denke, dass es nicht einfach falsch ist, nüchtern zu schreiben, sondern eine Frage der Schwerpunktsetzung. Was ist der Fokus des Textes? Der Fokus ist, Beobachtung und Subtext, statt eben offen ausformulierter Konflikt. Ich finde, dass das zulässig ist und nicht gegen die Grundregeln des Erzählens verstößt. Es gibt doch eine ganze Menge Texte, die mit Fragmenten, Brüchen, Beobachtungen und Andeutungen arbeiten. Da jetzt einfach zu sagen: Pah, alles Nichtgeschichten weil sie nicht dem klassischen Erzählmuster entsprechen und zu nüchtern bleiben, ist mir zu einfach.
In deinem Text ist der Protagonist in meinen Augen der boxende Bruder, während der Erzähler sprachlich agiert.
Da würde ich schon mal grundlegend widersprechen. Der Protagonist ist doch der Erzähler. Er beobachtet, er nimmt wahr. Später sucht er. Er findet. Er macht eine Beobachtung. Eine Beobachtung einer Situation, die er so nicht erwartet hat. Und daraus ergibt sich ein Bruch für ihn, eine Entwicklung seiner Person, wenn du so willst. Seine Sichtweise auf den Bruder verändert sich.
Ja, alles nicht hundertprozentig auserzählt, aber dennoch vorhanden. Ich würde zudem die steile These in den Raum stellen, dass alles, was ich hier aufgezählt habe, sich auch hundertprozentig aus dem Text ergibt.
ine Geschichte definiert sich so, dass Ereignisse sinnvoll aufeinander bezogen werden.
Ich würde behaupten, dass das hier der Fall ist:
Erzähler geht mit älterem Bruder zu Boxkampf, in der Erwartung, dass er gewinnt. Er bewundert ihn, so wie alle anderen auch. Vor dem Kampf verschwindet der Boxer (eine erste Irritation). Der Erzähler sucht und findet den Bruder. Er wird mit der Unsicherheit und den Selbstzweifeln des Bruders konfrontiert. Ein Bruch tut sich bei ihm auf. Der Kampf wird gewonnen (wird nicht auserzählt - weil es eben keine Bewandtnis hat) und auf der Heimfahrt schwimmt die Verunsicherung beim Erzähler weiter zwischen den Zeilen mit.
Anstatt vom ersten Riss zu erzählen, müsstest du also andeuten, dass es bereits Risse gibt – und dann davon erzählen, ob das Band hält oder komplett reißt
Du schreibst das so absolut, aber warum müsste das denn so sein?
Darauf wiederum reagiert der Bruder entweder beschwichtigend (wäre eine Niederlage für den Protagonisten, weil keine Entwicklung) oder selbstbewusst (Sieg = neues Leben, Entwicklung, Emanzipation). Das wäre zum Beispiel eine runde Geschichte.
Das wäre sicherlich keine Flash Fiction und da es immerhin in dieser Rubrik veröffentlicht wurde, ist das doch der Maßstab. Sicher wäre dein Vorschlag die klassischere Geschichte aber das ist doch kein Schlaglicht auf eine Szene.
Aber mal real talk: Du magst schon einen Punkt haben, dass ich mich zu wenig von erprobten Formen des Geschichtenerzählens leiten lasse. Ich werde das für mich definitiv mitnehmen und versuchen, in weiteren Texten mehr zu berücksichtigen. Mal sehen, ob es klappt.
Du willst bestimmt jetzt einiges entgegnen. Immer gerne! Ich bin nur davon überzeugt, dass keiner hier im Forum gegen Jahrtausende altes Wissen über die Erzählkunst wird argumentativ gewinnen können. Wenn man sich einmal mit den tieferliegenden Mustern vertraut gemacht hat, wird man sehen, dass selbst Dokus und so mancher Zeitungsartikeln, also Sach"texte" diesen Mustern folgen, weil sie funktionieren.
Tja, dann müsste man, würde man deiner Argumentation folgen, bei der Rubrik Flash Fiction doch den Deckel draufmachen, oder nicht? Denn gängige Erzählmuster sind hier doch kaum so anwendbar, wie du sie einforderst?
Außerdem gehe ich einfach nicht mit, mit dem Absolutheitsanspruch, den du hier so selbstsicher vorträgst. Natürlich funktionieren gute Geschichten nach einem bestimmten Muster. Auch oft auf die Art und Weise, wie du sie hier darlegst. Aber zu behaupten, dass es
nur so funktioniert, würde ich nicht zustimmen. Aber wie du schon selbst schreibst: Was soll ich hier denn gegen die objektive Wahrheit anargumentieren?
Ob wir jetzt zusammenkommen in der Bewertung oder eben mal wieder nicht: Danke für deinen Kommentar und deine Zeit!
Beste Grüße
Habentus