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Saitenblicke

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06.11.2004
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Saitenblicke

Tausende Tasten und ebenso viele Saiten, polierter Lack und mattes Holz. Dazwischen sich hindurchzwängende Hintern. David war dieser Einladung gefolgt, nicht wissend, was ihn erwarten würde. Bilder einer Ausstellung, Gruppenbild mit Dame inklusive.
Vernissage im schrägen Ambiente eines Klavierbauers in der Stempfergasse. Grüninger Klaviere. Einige tausend Jahre Grazer Kulturgeschichte trugen sich selbst zur Schau, Selbstzweck alternder Künstler, einer zu jedem sich durchzwängenden Hintern gehörend. Den einen oder anderen kannte David, Florian assistierte fleißig was den Rest betraf. So sehr aufgefallen wie männlich Kunst ist, war David früher nie so. Lag sicher daran, dass junge Künstler von Frauen umgeben sind, alte nur von Körpergeruch. Und das betraf nicht nur den alten Jakob von Kornberg, den als Heimatdichter verkannten Wirtshausliteraten der 70er Jahre.
Der zahnlose Literat saß auf einem in Plastikfolie verpackten Klavierhocker und schnorrte jede nicht vorbeikommende Frau um eine Zigarette an, den Doppler zwischen seinen Beinen. Den haben’s auf diesen Hocker gesetzt, falls er ein Lackerl macht, meinte Stefan, während er sich darauf konzentrierte, einen Plastikbecher zwischen den Klaviersaiten heraus zu kletzeln. Ausgerechnet aus dem polierten Bösendorfer, der zur Feier des Abends im Sonderangebot auf 24.000,- Euro reduziert worden war.
David suchte ein Bild für sein Wohnzimmer.
Grüß Dich. Das freut mich aber. Woher kenn ich Dich? Aus’m Buschenschank. Ach ja, beim Regner haben wir uns gesehen.
Zu früh waren sie gekommen, Florian hatte Recht gehabt. Je später der Abend desto hübscher die Frauen war sein Motto. Das hieß, vor Mitternacht erschien er selten wo, und ja, natürlich! Sie hätten das Fußballmatch im Fernsehen ruhig fertig schauen können.
Eine etwas ältliche Frau mit drallem Busen im Dirndlkleid, eine alte Vogelscheuche in Designerklamotten, ein etwas molliger Sack-und-Asche-Typ mit grell geschminkten Bussilippen und eine mittelalterliche Exbeauty, die ihren schwarzen Spitzen-BH zur Schau stellte. Irgendwo in der Nähe des Büffets waren noch aufregend lange Beine im Minirock zu sehen, der Rest des Körpers unter den Fangarmen eines Sunnyboys, der sein helles Strahlen auch schon vor Jahrzehnten verloren hatte. Viel mehr Weiblichkeit war nicht zu erkennen. Kein Publikum für die vielen Selbstdarsteller.
Das ist aber nett, dass Du gekommen bist. Wie geht’s deim Weiberl? Hast es gar net mit gebracht? Aso, welche ich meine? Ja klar, richtig, fallt mir grad wieder ein, muss ja schon mindestens 10 Jahre her sein, dass ihr auseinander seid. Wer, Du hast sie hinausgeworfen? Hättest mir sagen sollen, war eine geile Henn, hahaha.
Der Kornberg schreckt von seinem Hocker hoch, räuspert und schnäuzt sich gotterbärmlich in ein Stück Küchenrolle.
Der lange Lulatsch mit seinen weit über schulterlangen goldgefärbten Haaren, Enfant Terrible vergangener Epochen, überzog zwei Meter über seinem Skelett bedächtig sein zerknittertes Gesicht mit einem breiten zynischen Lächeln, für das er schon immer gefürchtet war. Der aus dem TV bekannte Dolf Kögler begann, Eigenes und Fremdes mit Klavierbegleitung zu rezitieren. Mit seinem kunstvoll geschnitzten Stock mit Elfenbeinknauf schlug der lange Lulatsch den Takt dazu, während der Kornberg in ehrfurchtsvolles Schweigen verfiel. Vielleicht auch deswegen, weil er endlich einen Joint ergattert hatte, den er nun auf seiner Unterlippe hin und her schob, während ihm der Rotz aus der Nase rann.
Eigentlich war David wegen der Bilder gekommen. Klar. Vernissage. Einige diskutierten sogar über die Bilder und waren nun froh, dass der Kögler seine bösen Lieder zum Besten gab. Das rettete sie davor, sich weiter über Werke äußern zu müssen, deren Wert sie an der Größe der Leinwand messen konnten.
Als der Rotwein weniger und der Weißwein wärmer wurde, entstand langsam wieder ein wenig Platz zwischen den Klavieren.
Flüglein Flüglein an der Wand, wer ist das Glänzendste im ganzen Land?
Florian polierte gerade mit Spitzen-BH den Schellack des Bösendorfer als der Abend endlich später wurde.
Nackter Popo auf schwarzem Flügel.
Der spätere Abend schwebte bei der Tür herein. Die Flirtversuche Davids schlugen leider fehl, die neu eingelangte Traumblondine war jedenfalls nicht halb so alt wie seine jüngste Zahnprothese. Sie widmete sich lieber der Bongotrommel als den alten Knackern. Die Blondine natürlich, nicht die Zahnprothese. Der Kögler war nach der dritten Zugabe dorthin verschwunden, wo er wahrscheinlich mehr verdiente, sodass nun das musikalische Feld dem Publikum überlassen war. Welches ausgiebig davon Gebrauch machte. Der junge Bassist konnte sich mit Müh und Not aufrecht halten. Glasiger Blick, große Pupillen. Aber Drive gab er vor, dass die Blondine dazuschauen konnte, den Rhythmus auf der Bongo zu halten. Fredi sang griechisch dazu, während Florian eine der Gitarren mit mehr Ambition als Können schlug. Spitzen-BH war ein wenig abgängig geworden, David versuchte sie ausfindig zu machen, fand aber wieder nur den burgenländischen Zweigelt. Das Büffet bestand ansonsten noch aus verschiedenen Aufstrichen und Zwiebelringen, das Brot war alle. Wohl oder übel eben Zweigelt. Bei dem war es egal, dass er warm war.
Als David das nächste Mal um Nachschub kam, lag der junge Bassist vollgekotzt am Boden. Ist ja widerlich, die Kotze pickt auf der Sessellehne, tragt’s das Schwein doch hinaus. Franky der Maler versuchte hilfsbereite Mitstreiter zu finden, um den Bassisten auf ein Möbelseitenteil zu verfrachten. Spitzen-BH versuchte währenddessen den Bassisten munter zu bekommen, schlug ihm ins Gesicht, rüttelte ihn, zerrte ihn hoch, worauf er seitlich auf seinen Kopf nieder krachte. Nun musste sie ihm entschuldigend die Speibe aus dem Gesicht küssen. Nein, Spitzen-BH törnte David auch nicht richtig an. Ist ja grauslich. Gerade als er sich zum Gehen entschließen wollte, kam eine süße kleine Schwarze herein mit ihrem Schäferhund an der Wollleine. Endlich hatte die Blonde Gesellschaft, nachdem sie bisher alle Annäherungsversuche der männlichen Besucher ignoriert hatte. Nein, nicht lesbisch. Eindeutig nicht. Die Blonde empfahl die Schwarze dem Florian, der sie sofort unter seine Fittiche nahm. Solcherart auf Zweisamkeit gebracht erwiderte die Blonde endlich Davids Flirten. Nachdem seine Zunge in ihrem Hals stecken geblieben war, musste er feststellen, dass die letzte Hürde leider doch unüberwindlich war.
Der Zweigelt begann den großen Ausstellungsraum zu überfluten, als sich endlich der kleine Boogievirtuose über den Bösendorfer hermachte. Das lenkte die Aufmerksamkeit wieder etwas mehr aufs Musikalische, sodass außer David niemandem auffiel, dass Spitzen-BH mittlerweile mit dem zweiten Gitarrespieler ein Duett am Klo bot. Die Klotür war nicht verschließbar, also gewann David ziemlich tiefe Einblicke.
Der Bassist war inzwischen von der Zweigeltflut ins Vorzimmer gespült worden, wo er in tiefer Bewusstlosigkeit liegen blieb.
Der Abend war noch einmal später geworden. Brünett, Wickeltuch über den Jeans, was die schlanken Hüften noch mehr betonte, und süße kleine Möpslein unter dem weißen T-Shirt. David setzte sich in ihre Nähe, doch leider hockte der alte Kornberg dazwischen, gab mit zahnlosem aber heftigen Nuscheln und Brummen einige Kostproben seiner Werke von sich. Vermutete David zumindest, er verstand kein Wort. Nicht einmal annähernd. Die Brünette amüsierte sich mit dem Literaten und musste deshalb nicht darauf achten, dass David einen giftiggrün tapezierten Hocker neben sie schob. Er wollte zwar ganz etwas anderes schieben, aber entsprechende Planung und Vorbereitung lohnen allemal. Ein wenig musste er das T-Shirt dehnen, obwohl auch einiges andere eng wurde.
Der Grüninger war unter eines seiner Pianinos gerutscht. Florian bearbeitete die kleine Schwarze, Spitzen-BH wieder kaltwarm den Bassisten und der lange Lulatsch seinen Stock. Die gesamte Society war in kollektive Trance gefallen.
Baba. War ganz toll. Ruf mich mal an. Tschüssi, wir hören voneinander.
Der News-Reporter kroch auf allen Vieren unter den Klavieren. Suchte seine Kamera. Traf dort unten den Grüninger, der ihn sofort vernaschte. Niemand würde jemals die Fotos sehen, die Kamera war von der Blonden gefressen worden. David war es egal, er war jetzt ohnehin mehr an Naturaufnahmen interessiert, hielt den Hintern der Brünetten auf der Treppe am Weg nach unten fest, um ihn heil und stolperfrei ins Freie zu bringen. Was leidlich gelang. Stadtpark. Der Abend war wirklich sehr spät geworden, wie David sich rasch live überzeugen konnte, nachdem er seine zartesten Saiten aufgezogen hatte.

© NoWall 06/2004

 

Diese Geschichte beruht - wie die meisten von mir - natürlich auf Selbsterlebtem.
Ob sie wirklich in diese Rubrik passt, weiß ich nicht. Aber für mich ist Gesellschaft auch die sog. Szene, sog. Highsociety.

Ähnlichkeiten von handelnden Personen sind nicht zufällig sondern beabsichtigt *ggg*

LG,
Norbert

 

Hallo Nowall,

als Nordlicht habe ich mit einigen Wörtern Probleme, das ändert allerdings nichts daran, dass ich mich gut amüsiert habe bei deiner Geschichte.
Natürlich sind auch diese Formen von Vernissagebeschreibungen nicht mehr sonderlich originell in der Idee. Hut ab aber vor dem Stil, in dem du sie umgesetzt hast.
Die ersten beiden Sätze allerdings. ;)

Tausende Tasten und ebenso viele Saiten, polierter Lack und mattes Holz. Dazwischen sich hindurchzwängende Hintern.
Zwängen sich denn die Hintern nur zwischen den Säiten oder zwischen das Holz durch? Und hocken sie tatsächlich in den aufgeklappten Flügeln? ;)

Lieben Gruß, sim

 

Thx.

Nee, betrifft logischerweise den letzten Satzteil: polierter Lack und mattes Holz.
Da dazwischen *lol*

LG,
Norbert

 

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