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Schreiben for Future? Warum werden die Klimakrise und die ökologische Krise in der Literatur so wenig thematisiert?

Senior
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ich weiß,

liebe @Katla ,

und seit dem Atlantis-Mythos und den sieben Plagen aus dem hebräischen Gründungsmythos bis zum Untergang der minoischen Kultur usw. usf. weiß ich ziemlich viel und die "kleine" Eiszeit, auf die Du anspielst, hatte ja bis zur industriellen "Revolution" ihre Auswirkungen auch auf die westl. Zivilisation.

Einschub 21.11.2020, ca 23.54 MEZ: Über das Schicksal der Wikinger auf Grönland berichtet übrigens auch gleich der von @kiroly genannte Kollaps von Jared Diamond.

"Wasser" spielte eine entscheidende Rolle übrigens wenige Generationen, bevor das Pferd wieder in Amerika heimisch wurde. Buchstäblich wurde die Mississppi-KUltur "ersäuft" (selbst Jefferson wunderte sich ob der Hügel (Mounds), die menschengemacht waren.
Die Geschichte der Anasazi am andern Ende des Halbkontinents ist wahrscheinlich umgekehrt, durch Trockenperioden beendet worden. Da gibt's die Mythen ihrer mutmaßlichen Nachkommen in den Pueblos, den Hopi.

Mein Interesse an Amerika ist übrigens weniger durch beispielsweise Levi-Strauss als Karl May geweckt worden, als ich in den Filmen der 60er Jahre den wahrscheinlich "primitivsten" Stamm in "Pueblos" vorgegaukelt bekam.

Wie dem auch sei - ich setz mal eins drauf: Schon der "natürlichst" lebende Stamm begeht Umweltsünden und selbst als Pfadfinder haben wir unsere Spuren hinterlassen und nicht nur im Suff.

Bis bald

"Muck",
so mein Name unter den "Geusen"
 
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Monster-WG
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Irgendwie hat mich ein Aspekt der Diskussion beschäftigt, @Perdita. Du hast ja explizit nach Literatur gefragt, nach fiktionaler Literatur, trotzdem ein nicht-fiktionales Werk: Kollaps von Jared Diamond (vielleicht schon ein Klassiker), ein Geograph, der sich mit den Wechselwirkungen zwischen dem Untergang einer Kultur und der Übernutzung ökologischer Ressourcen beschäftigt hat. Wurde, glaube ich, viel kritisiert, ich habe es gerne gelesen.

Andererseits: Rückkehr nach Reims von Didier Eribon. Da geht es nicht um den Klimawandel, beworben wird das Werk als Erklärung für den Aufstieg des Front Nationals in Nordost-Frankreich. Man läuft immer der Gefahr, nach der Lektüre eines tollen Textes die Welt durch dessen Schablone zu sehen. Das kann verfälschen. Oder aufdeckend sein.

Mich überrascht, wie lokal und klassenspezifisch FFF trotz universalen Anspruchs geblieben ist. Aus Leipziger Sicht: FFF empfand ich als ein Phänomen der Südvorstadt, von Plagwitz bis Neustadt-Neuschönefeld. Nicht eines von Mockau, Grünau oder Paunsdorf. Sprich das Phänomen einer akademisch (oder bald-akademischen) urbanen Mittelschicht, Abitur, weltoffen, nett, (angestrebte) Jobs mit hoher gesellschaftlichen Wertschätzung (was mit Systemrelevanz und Verantwortung nicht immer eine Schnittmenge bildet). Der urban-weltoffene Glaube, man kann alleine ganz, ganz viel schaffen und etwas ganz großes leisten. Ich arbeite in Leipzig-Land, in Böhlen, Markkleeberg, Rötha, Pegau, Zwenkau, bis Groitzsch, alles ehemalige Tagebauorte. Von den Azubis, die ich dort betreue, ging niemand zu FFF. Im Gegenteil, Greta Thunberg galt als nervige Zicke. "Eine Bratwurst für mich, eine für den Klimawandel". Albern, ja. Vielleicht Einzelfälle, ich weiß es nicht.

Auf die Gefahr hin, dogmatisch zu erscheinen, muss ich widersprechen. Eine eigene Realität basteln, das kann man in einer Geschichte, aber in der richtigen Welt gibt es Fakten, die sind wissenschaftlich extrem gut belegt.
Meinerseits missverständlich ausgedrückt, entschuldige! In diesem Thread wird nicht über Fakten geredet sondern über ein Verhalten, über eine Art, mit den Fakten umzugehen.

Für die meisten Menschen, die ich im Leipziger Land berate und versorge, ist der Klimawandel nur ein weiterer, wissenschaftlich fundierter und phantastisch vorgetragener Vorwand, ihr eigenes Leben einschränken zu müssen. Keine Ahnung wo das herkommt. Vielleicht summierten sich diese miesen Erfahrungen mit juristisch, ökonomisch und wissenschaftlich belegten und rhetorisch perfekt vorgetragenen "Notwendigkeiten". Arbeitslosigkeit, Hausverlust, höhere Benzinpreise, Wertverlust von Auto und Immobilien, Verlust von Sicherheit, ABM, Anrechnung des Lehrgehalts der Tochter auf eigenes Hartz IV, Wohngeldkürzung trotz fehlender Unterhaltszahlung des Partners, Verlust des Pflegegrads, Nicht-Auszahlung der Prämie Altenpflege, keine bezahlten Pausen (Exkurs: Es gibt wirklich Arbeitgeber, die in Stellenanzeigen pünktliche Gehaltszahlung angeben) im besten Fall gestiegene Haushaltskosten, die örtliche Großbäckerei kann wegen eines Fledermausart nicht ausbauen. Meist kleiden sich solche Notwendigkeiten in schöne Worte: " Wir nehmen ja alle mit, wir sind alle eins, wir sind tolerant, wir ziehen gemeinsam an einem Strang, wir wollen nur das Gute und das Gute ist das Beste für unseren Planeten. Wir differenzieren. Wir müssen immer differenzieren., Wir suchen nach optimalen Lösungen, in der alle gewinnen und niemand verliert." Meist entstehen dann unkonkrete, wolkige Vorschläge ("da müssen eben mehr Busse im ländlichen Raum fahren, dann nutzen die Leute den Bus, dann wird das schon").

Ich weiß, mit Klimawandel scheint das nichts zu tun zu haben - aber der Eindruck, bei jedem politisch wichtigen Thema auf der Verliererseite zu stehen, ist so tief, dass der simple Hinweis auf einen wissenschaftliche Begründung als Spott empfunden wird. Und so existiert ein großes Misstrauen gegen diese rhetorisch und juristisch bewanderte akademische Elite und Mittelschicht (in die ja FFF in 10-15 Jahren aufgehen wird).

@jimmysalaryman beschreibt das treffend:

Viele Menschen aus der Arbeiterklasse bzw der arbeitenden Bevölkerung haben wirklich eher andere Dinge zu tun, als sich um die Klimakrise zu kümmern: in diesem Dispositiv steckt ja sehr viel drin, ich muss mir Wissen anlesen, mich vernetzen, aktiv werden, diese ganze Sache übersehen, mein eigenes Verhalten organisieren und planen. Wenn du zwei Kinder und einen Job und eventuell noch einen Nebenjob hast, wirst du da eher weniger Zeit investieren können.

Was ich sagen will, und was mich auch ein wenig an dieser Diskussion stört: aus welcher Position das alles verhandelt wird.

Denn gegen diese Position kann ja, sagen wir mal, ein Zugbegleiter aus Rötha gar nicht argumentieren: Es ist ja ein wissenschaftlicher Fakt, dass etwas getan werden muss, denn der Planet liegt ja in einer gigantischen Notlage. Auf einem Kommunikationsmodell: Hier wird gesendet, aber der Empfänger wird nie zum Sender. Ich polemisiere: Was mich an FFF stört, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der ein Verhalten von allen geteilt werden muss. Verbunden mit dem Glauben, man sei sehr tolerant und freundlich, wenn man sich als tolerant und freundlich empfindet.

Ich möchte hier keinen kulturellen Klassenkampf heraufbeschwören. Ist ja nichts neues, was hier schreibe.

Ich hoffe, ich klang nicht zu konfus oder polemisch.

Lg aus Leipzig :-)
kiroly
 
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Passend zum Thema:

Von heute bis zum 6.12. findet das Climate Fiction Festival im Literaturhaus Berlin statt.

Beschreibung von der Webseite:

Das Climate Fiction Festival bietet Autor*innen und Wissenschaftler*innen eine Bühne, auf der sie ihre Arbeiten vorstellen und ihr gemeinsames Thema diskutieren können: das Klima, seine drastische Veränderung und die Möglichkeit der Literatur, auf die ökologische und gesellschaftliche Krise zu reagieren. Welche Rolle spielen Klima und Klimawandel in der Literatur der Vergangenheit und Gegenwart? Wie reagieren die Autor*innen auf die existentielle Dringlichkeit des Themas? Im Krimi, Thriller, Sci-Fi-Roman, Lyrik oder Sachbuch wird von einer der wichtigsten Herausforderungen unserer Gegenwart erzählt, werden Dystopien ausgemalt und neue Utopien entworfen.
Das Climate Fiction Festival Berlin ist weltweit das erste mehrtägige Literaturfestival mit dem Schwerpunkt Klimakrise und Literatur. Zur ersten Auflage im Dezember 2020 laden wir Autor*innen und Expert*innen aus Österreich, der Schweiz, Dänemark, Deutschland, der Türkei, England und den USA ein.

Alle Veranstaltungen sind kostenlos und live [...] auf dem YouTube-Kanal des Literaturhaus Berlin zu sehen.
 
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Alter Schwede ... so einen Thread lesen, während ich mir meine Marmeladeschnitten einschiebe, ist nicht unspannend. Aber aus meiner persönlichen Sicht sind die bisherigen 4 Seiten doch sehr akademisch.

Warum?
  1. Wir stecken mitten drin in den Veränderungen und werden oft von Entwicklungen überholt.
  2. Literatur OHNE verifizierbare Fakten ist schlechte Meinungsmache
  3. Literatur MIT verifizierbaren Fakten gibt es schon > wissenschaftliche Publikationen
  4. Die Komplexität der Korrelationen und Kausalitäten ist so hoch, dass sich Literatur schnell im Klugscheißermodus verirrt oder einfach nur Literatur für Wenige ist.
In der Tat denke ich, dass eine stete Diskussion in ALLEN Foren und auf allen Ebenen wichtig ist; aber eben immer als Versuch zur Sichtbarmachung von Lösungen und nicht als Einbindung in Literatur, Musik, Malerei oder anderer kultureller Ausdrucksmöglichkeiten, weil immer persönliche Sicht dabei ist. Oder anders gesagt: Der Topf kocht gerade über und wir sollten ihn vom Herd holen und nicht durch zu viel Kultur die Menschen auf den kochenden Topf hinweisen.

Insofern ist dies eine akademische Diskussion. Für viele Leser wäre es Science, für andere Fiction, die nächsten lesen es gar nicht. Inwiefern sollte das helfen? Als Antwort bliebe nur die eigene Gewissensberuhigung.

Letztendlich können wir sagen, dass wir alles wissen, was schief gelaufen ist. Und wenn wir es nicht wissen, dann können wir es seit vielen Jahren täglich beobachten. Und wenn wir es nicht beobachten aus sensorischer Blindheit, können wir es uns denken, und wenn das nicht hinhaut, müssen wir es eben glauben.

Was jetzt kommt, ist aber Off-Topic, gehört aber im Sinne dessen, was ich schrieb, dass eine Diskussion über Literatur ZUM BEschreiben und FORTschreiten der Krise zwecklos sei, unbedingt dazu. Denn vielmehr dazu geeignet, die Lage zu verbessern als Science-Literatur oder Fiction-Literatur es je könnten, ist die Gegenwart des Handelns. Denn Literatur spielt mit Emotionen, besser noch mit Ängsten. Und genau DAS wollen wir nicht. Das Handeln jedoch, die bewusste Umsetzung von Optionen in sichtbare Alternativen ist genau DAS, was nötig ist, UM zu verändern UND zu überzeugen. Literatur kann das nicht und ist auch gar nicht ihr Anspruch.

Das Handeln lässt sich auf zwei Pole verteilen:
  1. Staat
  2. Bürger
Ein Beispielmodell:
Seit etwas mehr als 1 Jahr haben wir eine PV-Anlage auf dem Dach.
Unser jährlicher Stromverbrauch im 4-Personen-Haushalt: 4.300 kWh
Unser jährlich erzeugter Strom: 7.860 kWh
Die Anlage besteht aus 24 Modulen auf 3 Dächern in Südausrichtung, aber WENIG geeignetem Winkel und MIT Winterverschattung durch Nachbarhaus. Trotzdem erzeugt die Anlage mehr als genug Strom. Für den Nachtbedarf ist eine 7,5 kWh-Batterie angehängt, die bei voller Ladung einen Tag überbrücken kann.

Kosten der Anlage:
Geleast von den Stadtwerken auf 18 Jahre für mtl. 130 €, was den momentanen Monatsabschlägen für den Strombezug entspräche. Wartung, Service und Ersatzteile im Preis inbegriffen.

Darf ich meinen überschüssigen Strom an meinen Nachbarn abgeben?
Nein. Das EEG erlaubt dies nicht. Es muss die Einspeisung ins Netz erfolgen.

Was ist im Winter?

Der Hauptanteil der 7,8 MWh wird von März bis Oktober erzeugt. Die Wintermonate sind geographisch bedingt schlecht. Möchte ich den Strom trotzdem nutzen, muss ich ihn speichern. Wie? Indem ich ihn mittels einer Elektrolyseanlage umwandle in Wasserstoff. Und der große Trick: In einem Katalysator entzieht die Anlage der Atmosphäre CO2 und katalysiert CO2 mit H zu NH4, Methan. Das Methan wird in einem Tank gespeichert und in der dunkleren Jahreszeit in einem Blockheizkraftwerk verbrannt. Das dabei entstehende CO2 wird wiederum zur Katalyse benutzt. Ich habe also Heizung UND Strom aus demselben Produkt. Die Anlage arbeitet komplett klimaneutral.

Gibt es solche Anlagen?
Ja, natürlich gibt es diese Anlagen. Sie arbeiten beispielsweise in Alzey oder Augsburg und versorgen dort Neubaugebiete mit Strom und Heizung, und zwar 100% klimaneutral.

Gibt es solche Anlagen für den Einzelhaushalt?
Nein, weil sie (noch) zu groß sind. Das Problem ist, dass diese Art Forschung und Entwicklung nur wenig vom Staat gefördert werden, weil sie etwas umsetzen könnten, was einer Revolution gleichkäme: Die Abschaffung des Energiemonopols. Und dagegen stehen die großen 4 und die Netzbetreiber.

Kann sich jeder eine PV-Anlage auf das Dach setzen?
Natürlich. Es gibt keine Probleme mehr mit Verschattung oder falschem Winkel. Die Leistung der Module lag vor zwei Jahren bei 250 Wh pro Modul. Jetzt sind wir schon bei 400 Wh und die Technik entwickelt sich rasant - nur nicht in Deutschland. Es gibt Module für vertikale Ausrichtung (Balkongeländer, Hauswände), die durch das Abfangen der Solarwärme sogar das Haus kühl halten.

Was ist mit der Batterie, wenn die mal kaputt ist?
Absolut kein Thema. Die Stadtwerke Neustadt haben einen Vertrag mit der Firma Duesenfeld im Münsterland, die Lithiumbatterien zu 97% recyclen kann. Diese Firma hat sogar mobile Recycelanlagen in 40-Fuß-Containern, die sie zur Verfügung stellt für städtische Entsorgungen. Kobalt, Lithium, Kupfer, all diese Rohstoffe können dort entnommen und wieder dem Kreislauf zugeführt werden. Im Übrigen gibt es eine 8jährige Vollgarantie auf die Batterie und auf die Anlage eine 18jährige Garantie, weil die Technik so ausgereift ist. Sie liegt auf dem Dach und funktioniert.

Warum macht nicht jeder so was?
Unwissen zum einen. Zum anderen eine unüberblickbare Finanzierung seitens des Staates, und nicht zuletzt ...

... ist der Staat sein größter Gegner!
Ja. Das ist er. Denn jeder, der sich auch eine noch so kleine ANlage zulegt, wird automatisch ein Stromerzeuger und muss sich beim Finanzamt als Gewerbe melden. Damit verbunden sind mehrseitige Formulare beim Finanzamt, dem Einspeiseunternehmen, dem Planungsunternehmen, dem Vertragspartner, dem Marktstammdatenregister (Bundesnetzagentur), damit ist verbunden eine Einnahme-Überschuß-Abrechnung beim Finanzamt, selbst wenn es nur 200 € Ertrag im Jahr sind - oder wenn man darüber liegt - die monatliche Umsatzsteuervoranmeldung, ein Eintragen als §19 Kleinunternehmerregelung mit Hinweis an den Provider, dass seine Gutschriften keine Mehrwertsteuer enthalten dürfen, eine ständige Auswertung der Einspeisungen 1.8.0 und 2.8.0 und vor allem eine Besteuerung der EIGENENTNAHME für den Betrieb, also schlicht, der Strom, den wir für uns verbrauchen, die 4.300 kWh. UND wenn eine Batterie da ist, für die noch mal dieselbe Prozedur gilt, weil sie im EEG als Energieerzeugungseinheit deklariert ist, also eine eigene Erzeugernummer bekommt.

Geht das auch anders? Das ist ja schrecklich!
Aber ja. Nähme der Staat das EEG komplett weg, ab in die Tonne, würden wir für den eingespeisten Strom keine 10,46 ct pro kWh bekommen, sondern diesen Strom einfach ohne Entgelt aus solidarischen Gründen ALLEN zur Verfügung stellen, DENN ... für den von uns erzeugten Strom, für den wir 10 ct bekommen, verlangen die Stromanbieter anderen Menschen momentan im Schnitt 31 ct.

WAS ist nun die LÖSUNG?
Die Lösung ist ganz einfach. Der Staat stellt jeder Kommune/Verbandsgemeinde/Stadt eine Anfangsfinanzierung zur Verfügung. Neubauten NICHT mehr ohne Solarzellen und Solarthermie. Auf Bestandsbauten, also vorhandene Dächer, kommen den Bedarfen entsprechend Solarzellen, Solarthermie. Für die kalten Jahreszeiten kommen Elektrolysanlagen, die Methan als Energieträger speichern, das im Sommer erzeugt wird. Größere Städte/Gemeinden planen Sektorenanlagen. Über die bestehende und bewährte Technik der Sektorenkopplung (AUCH zwischen den Städten/Kommunen) gelangen Strom und Wärme per Blockchain zu den Verbrauchern, die gleichzeitig Erzeuger sind.
Energie wird auf diese Art tatsächlich vergesellschaftet, und zwar extrem solidarisch. Strompreise würden sofort fallen, denn Transportwege sind über Sektoren regelbar und benötigen keine großen Leitungen.

Und die Absicherung gegen Stromausfall?
Die Firma, die die Elektrolyseblöcke herstellt, hat ihre Technik modulmäßig gestaltet, was bedeutet, dass Anlagen kombiniert werden für Gewerbegebiete, Industriegebiete, die natürlich in das "Dächer für alle-Prinzip" eingebunden sind. SO sind die meisten Betriebe in Deutschland problemlos mit Strom und Wärme versorgbar. Und die Sektorenkopplung sorgt genau dafür, dass Strom eben NICHT ausfällt und als erstes werden bei "Wolken" die Motoren anlaufen und Methan verbrennen.

Nachteile? Haben wir genug Strom?
Die Nachteile liegen in der Tat im Zusammenbruch der vier großen (Eon, Vattenfall, EnBW und RWE) mitsamt der dahinter stehenden Dividendenwirtschaft. Als Energieerzeuger bin ich Mitglied im Marktstammdatenregister. Dort sind ALLE Energie erzeugenden Einheiten hinterlegt. Von der kleinsten Wasser-, Wind. Solar-Anlage bis zum größten Braunkohlekraftwerk. Und als Mitglied kann ich dort ALLE technischen Daten abrufen. Einmal im Monat schaue ich dort rein. Und ich sehe, dass die meisten großen Blöcke (Eschweiler, Datteln) kaum jemals mit Vollast laufen. Meist liegen ihre Erzeugungslevel zwischen 30 und 60 %. Wir haben genug Strom. Der wird aber von WENIGEN erzeugt für VIELE, und die WENIGEN lassen sich das fürstlich entlohnen. Der oben beschriebene Weg ist die Erzeugung von VIELEN für ALLE, was eine extreme Minimierung der Preise nach sich zöge.

Ach je, die Arbeitsplätze bei den Energieunternehmen?
Eine ernste Frage? Okay. Mein Sonnenenergiehandwerker hat aufgrund der Nachfrage innerhalb von 3 Jahren von 10 Mitarbeitern auf 60 Mitarbeiter aufgestockt und er kommt IMMER noch nicht hinterher. Und als politisch-gesellschaftlicher Prozess ist der Staat mit über die Agenturen finanzierten Umschulungen von Kohleschauflern zu Modulträgern gefragt. Alleine die Installation von Solarmodulen und Kollektoren ist eine Investitions- und Konjunkturprogramm ohnegleichen mit der Schaffung von hunderttausenden Arbeitsplätzen. Der Bau der Sektorenkopplungen, der Bau der Elektrolyseanlagen, Hoch- und Tiefbau, Dachdecker, Elektriker usw. usw.

Ja ... und weiter?
Denken wir weiter. Unabhängige Kommunen ... die überall Ladesäulen platzieren können und sich kleine E-Auto-Flotten leisten für den gemeinsamen Gebrauch bei Einkaufsfahrten, Arztfahrten, wenn man sich mal so ein Ding übers Wochenende leiht. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt und die Entfaltungsoptionen würden die ganze Wirtschaft umwälzen. Weil wir unser System NICHT einschränken oder verschmälern, sondern es auf komplett neue Beine stellen. Aber eben auf umweltverträglichere Beine.

Und warum passiert es dann nicht?

Angst. Block- und Lobbydenken. Abhängigkeiten. Kurzer Tellerrand. Gebunden an ein kurzes, visionsfreies, mutloses Leben. Sicherheit für mich. Nicht für alle.

Und noch mal den Bogen zur Literatur. Literatur kann in DIESEM Fall aus meiner Sicht nur eine visionäre sein, aber mit ganz praktischen Handlungsangeboten, die technisch schon längst durchführbar sind, aber aus Gründen menschlicher Trägheit geflissentlich auf die Sintflut verschoben wird.

Morphin
 
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Wurden glaube ich noch nicht genannt:

- 2101 - Was aus uns wurde: Post-Climate-Fiction-Stories
- Bienen oder die verlorene Zukunft

Zwei Anthologien zum Thema, beide nur wenige Monate alt.
 
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Ich merk, ich werd lästig, aber beim Studium der heutigen Zeitung wurde ich auf folgendes Problem gestoßen durch Ranga Yogeshwar -

wenn mutmaßlich die Metropolen noch und noch wachsen und gleichzeitig der Drang zum Eigenheim immer größer wird mitsamt der darauffolgenden Betonierung der ländl. Regionen ...

Was, wenn die nächste Generation die Stadtflucht antritt?
Aufschub bis zur übernächsten?

Wieder drängt sich mir die Eigentumsordnung auf ... Da muss man kein Marxist sein - eine Ideologie, die so wenig mit ihrem Namensgeber zu tun hat wie die christlichen Kirchen und der Olymp.
 
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Hallo zusammen,

ich versuche, wieder in die Diskussion einzusteigen, und "überspringe" eine ganze Menge Beiträge. Sicherheitshalber möchte ich noch mal dazu sagen, das mache ich nicht, weil ich denken würde, dass die anderen es nicht wert wären, drauf zu reagieren, sondern schlicht weil ich nicht genug Zeit oder Energie habe, auf alles einzugehen. Vielleicht komme ich später noch dazu, auf weitere Beiträge zu antworten, aber da bin ich nicht sicher, weil ja die ganze Zeit neue dazu kommen. Also ich greife mir jetzt einfach Sachen raus, wo ich mich direkt animiert fühle, etwas dazu zu sagen. Wenn ihr in dem bisherigen Thread was geschrieben habt wo ihr das Gefühl habt, ich bin euch bisher eine Antwort schuldig geblieben, könnt ihr mir auch eine PN schreiben und dann würde ich mich bemühen da noch etwas dazu zu schreiben. Aber eigentlich läuft ja die Diskussion auch ohne meine Beteiligung gut ... :)

Hi @Manlio,

Ich habe das ziemlich schnell unterschrieben, aber vielleicht stimmt es nur im engeren Sinne, in Form von Literatur, die Klimawandel etc. ausdrücklich thematisiert. Viel größer könnte der Anteil derjenigen Bücher sein, die diese menschengemachten Probleme zumindest streifen oder in anderer Form verarbeiten.
Das fiel mir auf, als ich an zwei Bücher dachte, nämlich den Herrn der Ringe und Moby Dick. Im HdR wird das ja im Grund auch alles gebracht, aber bildhaft, als Fantasy - der "Unternehmer" Sauron, der Bäume fällen lässt, der das Idyll Mittelerde bedroht. Und in Moby Dick haben wir auch dieses moderne Thema, den Krieg des Menschen gegen die Natur, selbst wenn hier alles noch relativ harmlos aussieht, wenn ein paar Seemänner Jagd auf Wale machen. Und doch ist in dieser scheinbar romantischen Szene des frühen 19. Jahrhunderts alles angelegt, was später zu einem Riesenthema werden kann; der Fanatismus, mit dem das "unvernünftige Wesen" gejagt wird, der ist doch das Interessante, was ist das für eine Hybris, die uns antreibt, den Planeten "uns untertan" zu machen?
Ich möchte die These also etwas relativieren.

Das ist noch mal ein anderes - aber auf jeden Fall auch spannendes! - Thema. Mir ging es beim Starten des Threads erst mal um Literatur, wo die Autor:innen sich bewusst mit der Klimakrise/ökologischen Krise auseinandersetzen wollen.

Aber ich stimme dir zu, dass auch Literatur, die nicht mit dieser Intention entstanden ist, uns zu diesem Thema etwas "sagen" kann. Ich kann der "Tod des Autors"-These, also der Idee, dass man sich bei der Interpretation eines Werkes nicht unbedingt damit aufhalten muss, was der Mensch der es geschrieben hat sich dabei gedacht hat, auf jeden Fall was abgewinnen. Und ich finde es passt durchaus zu dieser Diskussion, auch über Werke zu reden, die vor der Zeit entstanden sind, wo es ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für diese Krisen gab, weil sich in vielen Fällen trotzdem etwas relevantes dazu "herauslesen" lässt. Aber das ist dann halt recht individuell.

Tolkien hat für mich persönlich keinen wirklichen Bezug zum Thema - was nicht heißen soll, dass es für andere nicht diese Bedeutung haben kann. Ich habe ähnliche Interpretationen wie deine auch schon mal an anderer Stelle gelesen. Aber für mich passt es nicht, Herr der Ringe als Kommentar zur ökologischen Krise in der realen Welt zu lesen, und zwar weil es eben so ein sehr eindeutiges "Gut und Böse"-Narrativ ist. Es gab zwar zahlreiche Kommentare in diesem Thread, die mir unterstellt haben, dass ich mit der Aussage "Menschliches Verhalten ist die Ursache des Artensterbens und der Klimakrise" meinen würde "Menschen sind böse". Aber ich sehe mich selbst und meine Artgenossen tatsächlich nicht als Orks oder sonstige Sauron-Anhänger. ^^

Niemand bohrt nach Öl oder holzt einen Wald ab und denkt sich dabei "Muahahaha, bald werde ich die Welt zerstört haben". Wir führen keinen Krieg gegen die Natur. Wir begehen fahrlässige Tötung - und wir stehen selbst auf der Liste der potenziellen Opfer.

Das heißt nicht, dass niemand moralisch zu verurteilen wäre - die Leute von Exxon beispielsweise, die lange bevor es Allgemeinwissen war Zugang zu Studien über die zu erwartenden Folgen der Klimakrise hatten und sich entschieden haben, diese unter Verschluss zu halten, denen würde ich auf jeden Fall individuelle Schuld anlasten und die wären als literarische Figuren klar "die Bösen". Aber ich fände es reichlich absurd, Menschen, die ihr Auto volltanken, um zur Arbeit fahren zu können, als Armee der Finsternis zu casten.

Moby Dick ... ich war sehr jung und schon damals sehr umweltbewegt, als ich das gelesen habe, und ich erinnere mich, dass aus meiner Sicht der weiße Wal der Held des Romans war und ich der Besatzung des Walfängerschiffs keinerlei Sympathien entgegen gebracht habe ... :D
Würde ich das Buch heute noch mal lesen, würde ich aber mit hoher Wahrscheinlichkeit andere Dinge darin sehen, die ganze religiöse Symbolik etc. war damals wirklich ein bisschen zu hoch für mich.

Es gibt aber auch für mich ältere Literatur, die etwas von dem einfängt, was ich persönlich mit unserem kollektiven Dilemma verbinde - vollkommen unabhängig von der Intention des Autors. Ganz oben auf meiner Liste ist da H. P. Lovecraft. Figuren, die miterleben, wie Mächte freigesetzt werden, die Menschen nicht begreifen können und denen gegenüber sie völlig hilflos sind - da sehe ich definitiv Parallelen zu meinem Lebensgefühl. Der uralte Kohlenstoff, der in den Permafrostböden gespeichert ist, ist zwar kein Tentakelmonster, aber er kann potenziell genauso viel Schaden anrichten und hat genausowenig Verständnis und Mitgefühl für die Menschheit, die ihn aus Unwissenheit und Hybris entfesselt ...

Selbst antike Werke haben Anknüpfungspunkte - die Leute damals verstanden halt was von Tragödien. Klimawissenschaftler:innen und Ökolog:innen mit Kassandra zu vergleichen, ist mittlerweile schon ein Klischee - aber der Vergleich trifft es eben auch verdammt gut.

Trotzdem finde ich persönlich es hilfreicher, Sachen von zeitgenössischen Autor:innen zu lesen, die sich bewusst und mit Intention mit dem Thema auseinandersetzen, als mir aus älteren Sachen was zusammenzusuchen.

Hi @bernadette,

Ich vermute, dass sich die Leute einerseits vor der komplexen Recherche scheuen, was auch löblich ist, ansonsten würde ja nur herumfantasiert werden.
Andererseits ist das Thema so komplex, dass es schwierig ist, da einen Teil rauszuziehen.

Nur eine KG auf emotionaler Ebene zu schreiben geht dabei auch nicht, Hintergrundwissen ist nötig. Für mich der Gedanke, wieso so wenige darauf anspringen.

Das ist bestimmt ein Faktor. Es gibt ja relativ wenige Belletristik-Autoren, die einen naturwissenschaftlichen Background haben - der schon erwähnte Andreas Eschbach ist grade das einzige Beispiel, was mir einfällt - sicher gibt es noch mehr aber kann glaube ich sicher davon ausgehen, dass es eine Minderheit ist. Das kann schon eine gewisse Hemmschwelle erzeugen, wenn man über Themen schreiben möchte, die etwas naturwissenschaftliches Hintergrundwissen voraussetzen.

Aber ich denke nicht, dass das Thema in der Hinsicht einzigartig ist und hab das Gefühl, dass es bei anderen Themen nicht so starke Hemmungen gibt. Es werden zahllose Krimis geschrieben und ich wage mal zu behaupten, dass viele der Autor:innen nicht wirklich viel Ahnung von Polizeiarbeit haben. :)

Wie tiefgehend die Recherche sein muss, hängt ja auch sehr davon ab, wo man den Fokus drauf legt. Wenn die Hauptfigur einer Geschichte ein:e Wissenschaftler:in ist, dann sollte man es schon glaubwürdig rüberbringen, dass die Figur etwas von ihrem Fachgebiet versteht, was wiederum bedeutet, dass man selbst auch genug davon verstehen muss, um drüber schreiben zu können.
Aber wenn es darum geht, wie die Krise sich auf den Alltag wissenschaftlicher Laien auswirkt - jemand geht im Park spazieren, sieht eine Menge tote Bäume und fühlt sich deswegen schlecht - dann muss man eigentlich nicht mehr wissen als die Figur und die Geschichte hat trotzdem etwas zu sagen und kann mMn auch gut sein, ohne dass da vor dem Schreiben irgendwelche Studien gewälzt wurden.
 
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