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Copywrite Szenen

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14.08.2012
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Szenen

Plötzlich blickt sie zu ihm. Sie wirkt überrascht, runzelt die Stirn. Schnell wendet sich Theo ab, er spürt, wie er rot wird. Hat sie gemerkt, dass er sie betrachtet? Dass er sie seit gut einer Viertelstunde anstarrt, als wäre sie eine Außerirdische? Theo könnte sich ohrfeigen. Er schaut zur Bühne, wiegt sich im Rhythmus der Musik und tut, als interessierte ihn nur die Band. In Wahrheit beginnt er, zum Takt der zornigen Gitarrenriffs sein Mantra zu flüstern: Drei Komma eins vier eins fünf neun zwei sechs fünf drei fünf acht neun sieben … mit jeder Zahl, die er murmelt, nimmt seine Nervosität ab, bis … neun neun neun neun neun zählt er. An dieser Stelle hört er immer auf. Fünfmal die Neun hintereinander, verrückt. Käme das direkt hinter dem Komma, stünde die fünfte Neun für ein Hunderttausendstel. Ein klitzekleines Hunderttausendstel! Das ist so gut wie nichts, egal wovon. Natürlich kann es auch viel sein. Ein Hunderttausendstel aller Sterne zum Beispiel wären immer noch unvorstellbare siebzig Billiarden, aber eben nichts im Vergleich zur Gesamtzahl. Oder ein Hunderttausendstel aller Atome. Was könnte man daraus bauen? Ein paar Millionen Galaxien vielleicht, aber sicherlich kein ganzes Universum.
Der Applaus reißt ihn aus seinen Gedanken. Er fällt in den Jubel mit ein und zwingt sich dabei, nicht zu ihr zu sehen.
Während des nächsten Songs aber beobachtet er sie wieder.
Nahe der kleinen Bühne lehnt sie allein an der Wand, ein verträumtes Lächeln um die Lippen. Sie wirkt, als wäre sie woanders, ganz weit weg. Doch hin und wieder schaut sie nun zu ihm, mit einem nachdenklichen, fragenden Gesichtsausdruck.
Ist sie eine Schönheit? Theo weiß es nicht zu sagen, ja, schön ist sie, aber da ist noch mehr an ihrer Erscheinung, irgendwas, wofür er keine Worte findet. Er kann sich nicht erklären, warum ihr Anblick ihn so fesselt. Ist es ihre Nase? Ihr Mund? Der versonnene Blick? Ihr Haar mit den hineingeflochtenen Zöpfchen? Der zierliche Schmuck, den sie trägt? Ihr Kleid, das so gar nicht hierher passt?
Geheimnisvoll wirkt sie, rätselhaft. Ihr Alter getraut er sich nicht zu schätzen, sie kann genauso gut zwanzig wie fünfunddreißig sein. Zweifellos ist sie älter als er. Sie hat etwas Ernsthaftes an sich, gleichzeitig etwas mädchenhaft Unschuldiges, Theo wollen nicht und nicht die richtigen Worte dafür einfallen. Edel? Mysteriös? Sphärisch? Außerirdisch? Oder doch einfach nur wunderschön?
Als die Band übergangslos Naptime zu spielen beginnt, löst sie sich von der Wand und kommt auf ihn zu.
Sie wird hinter ihm jemand entdeckt haben, denkt Theo. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass eine Frau wie sie allein hier ist.
Nein, sie schaut wirklich ihn an. Jetzt ist sich Theo sicher. Wie gebannt starrt er ihr entgegen. Er verliert sich in ihrem Gesicht und vergisst alles um sich herum. Er vergisst, dass er sich in den schäbigen Eingeweiden einer Fußballplatztribüne befindet, im räudigsten Club der Stadt, er vergisst, warum er hier ist, er vergisst die paar Dutzend Menschen um sich, er vergisst seine schwitzenden Hände, die dröhnende Musik, die Nachkommastellen. Ihm ist, als stolperte er blindlings in ein unbekanntes Land. Sie kommt tatsächlich auf ihn zu! Kurz erwägt er, sich einfach aus dem Staub zu machen.
Dann steht sie vor ihm.
„Hi“, sagt sie.
„Hi“, krächzt Theo. Er räuspert sich. „Hi.“
„Du schaust mich die ganze Zeit an.“
„Was?“ Er beugt sich zu ihr. Er hat sie ganz genau verstanden.
„Du schaust mich die ganze Zeit an. Warum?“
„Hab ich dich angeschaut? Echt?“
„Jetzt tu nicht so.“
„Ich weiß nicht … du hast mich doch zuerst angeschaut.“
Himmel, was redet er da? Er kommt sich vor wie der letzte Idiot. In der nächsten Sekunde wird sie die Augen verdrehen und ihn einfach stehen lassen, das weiß er.
„Na ja, weil ich halt glaub, dass wir uns kennen.“
„Äh .. nein, nein“, stammelt Theo, „also ich weiß nicht … ich glaub nicht. Hm … woher denn?“
„Willst du’s wirklich wissen?“
„Na klar.“
Sie unterhält sich nach wie vor mit ihm? Theo kann’s nicht fassen.
„Du lachst mich sicher aus.“
„Aber nein. Sag schon.“
„Du lachst nicht?“
„Ich lach nicht. Ich schwör’s.“
„Ich hab dich nämlich schon einmal gesehen … ein paarmal sogar“, sagt sie. Jetzt wirkt sie schüchtern, fast verlegen.
„Und wo?“
„In Träumen.“
„Wie bitte?“
„Jetzt schau nicht so. Ich hab von dir geträumt.“
„Ist nicht dein Ernst.“
„Ehrlich … ich kann’s dir sogar beweisen.“


Seit einer Stunde sitzen sie auf dem Rasen des Fußballplatzes und reden, zwei Plastikbecher mit Bier neben sich. Die Nacht ist außergewöhnlich warm. Leonie raucht eine Zigarette, drückt sie aus, um sich gleich darauf die nächste anzuzünden. Aus den Tiefen der Tribüne wummert die Musik. Noch einmal Naptime, Theo liebt diesen Song.
Er fühlt sich seltsam aufgeregt, beinahe wie vor einer Prüfung. Neunundzwanzig sei sie, hat sie ihm eben gesagt, und das verunsichert ihn gehörig.
„Und du hast wirklich keine Freundin?“, fragt sie ihn. „Warum nicht?“
„Hm, weiß nicht … hat sich halt irgendwie noch nicht ergeben.“
"Was, noch nie?"
Theo blickt an ihr vorbei in den Himmel.
„Da oben, siehst du? Das ist der Delphin. Das einzige Sternbild, das so aussieht, wie es heißt.“
„Jetzt lenk nicht ab … du hast gesagt, du bist einundzwanzig. Du lieber Himmel … und bist noch nie verliebt gewesen? Echt nicht?“
Theo zuckt mit den Schultern.
„Ich glaub’s nicht.“ Sie schüttelt den Kopf und nimmt einen Schluck vom Bier.
„Hast wohl keine Zeit dafür, was? Hast nur die Uni und deine Formeln im Kopf, stimmt‘s? … Als könnte man das Leben ausrechnen.“
Dann schweigt sie minutenlang, sieht ihn dabei an. Theo fällt ums Verrecken nichts Schlaues ein, was er sagen könnte.
„Was bist du im Sternzeichen, Theo?“
„Das meinst du jetzt aber nicht im Ernst.“
„Wieso?“
„Ich will nicht, dass du so was fragst.“
„Warum nicht?“
„Weil es dumm ist.“
„Ich bin nicht dumm, Theo.“
„Das hab ich doch nicht gesagt.“
Das war’s, denkt er, verdammt, er hat’s vermasselt, er hat sie wieder verloren, noch bevor …
„Und wie ist es mit Küssen? Sag bloß, du hast noch nie ein Mädchen geküsst.“
Er schluckt. „Doch, natürlich … also … nein. Eigentlich nicht.“
Jetzt möchte Theo wirklich am liebsten verschwinden. Er fühlt sich wie ein dummer Junge.
„Willst du mich küssen, Theo?“
Leonie wartet nicht auf seine Antwort. Sie beugt sich zu ihm und küsst ihn sanft auf den Mund.
„So ungefähr fühlt sich das an“, flüstert sie. Dann küsst sie ihn noch einmal.
Ohnmächtig wird Theo nicht, aber beinahe. Er verliert sich im Geschmack ihrer Lippen, er verirrt sich im Duft ihrer Haare, sein Mund erkundet ihr Gesicht, seine Hände suchen ihren Körper und sein Schwanz wird hart. Theo ist verliebt.
„Und du?“, fragt er.
„Was meinst du?“
„Liebst du wen?“
„Du meine Güte. Ununterbrochen. Und immer die Falschen. Bis jetzt.“
Sie lässt sich rücklings aufs Gras sinken und zieht Theo auf sich.


Ein Paar liegt auf dem Boden, in der Ecke eines Raumes. Nur die Oberkörper sind zu sehen. Die Frau trägt ein schwarzes Abendkleid, schulterfrei, ihre Haare sind hochgesteckt. Der Mann eng neben ihr, den rechten Ellbogen auf den Boden, den Kopf in die Hand gestützt. Seine Linke ruht auf der Brust der Frau. Auch er ist elegant gekleidet, mit Smoking, weißem Hemd, Fliege, das schwarze Haar streng zurückgekämmt. Ein Schönling. Ein Beau. Über die Frau gebeugt betrachtet er ihr Gesicht. Die Augen der Frau sind geschlossen. Von ihrem Hals hinweg breitet sich Blut auf dem Boden aus. Der Boden ist gelb, ockergelb, nein, eher sienabraun. Große quadratische Steinplatten, unregelmäßige Fugen dazwischen. Die Wand links ist nachtblau, die andere dunkelgrün. Ein bläuliches, kaltes Grün. Entlang einer Bodenfuge steht ein Wort geschrieben, der Perspektive folgend verkleinern sich die Buchstaben nach hinten zu.
„Piangere? Was heißt piangere?“, fragt Theo.
„Ist italienisch. Es bedeutet trauern“, antwortet Leonie.
Eineinhalb Quadratmeter Ölfarbe, in einem dunklen, schweren Holzrahmen. Er starrt auf die Leinwand. Es stimmt, die Frau sieht aus wie Leonie und das Gesicht des Mannes ähnelt seinem eigenen. Sie habe das Bild vor einem Jahr gemalt, behauptet sie. Theo kennt Leonie seit drei Stunden.
Aber das bedeutet doch nichts, denkt er. Nur ein Zufall. Leonie verhängt das Bild wieder mit dem Tuch.


„Lass uns zusammen träumen“, sagt Leonie.
„Wie meinst du das?“, fragt Theo.
„Na ja, halt gemeinsam in einem Traum sein. Im selben Traum. Gleichzeitig.“
„Das geht doch nicht. Das ist Unsinn.“
„Hast du es jemals versucht?“
„Du bist lustig. Mit wem denn?“
„Lass es uns versuchen.“
Leonie richtet sich auf, beugt sich über ihn und langt neben die Matratze. Theo schielt nach ihren Brüsten, die keine Handbreit vor seiner Nase im Kerzenlicht schimmern. Er atmet tief ein und schließt die Augen.
„Muss das jetzt wirklich sein?“, fragt er, als er das Klicken des Feuerzeugs hört.
„Klar. Die zum Morgenkaffee und die nach dem Ficken. Das sind die besten.“
Die nach dem Ficken … na ja, du musst es ja wissen.“
„Bist du etwa eifersüchtig?“
„Warum?“
„Du weißt schon, was ich meine, mein kleiner Dummkopf.“
In Wahrheit riecht Theo den Zigarettenrauch gar nicht ungern.
„Und außerdem mag ich das nicht.“
„Was?“
„Wenn du ficken sagst.“
Sie steckt eine Hand unter die Decke und legt sie auf seinen Bauch.
„Willst du mich noch einmal ficken, Theo?“, haucht sie ihm ins Ohr.


Als Theo erwacht, fühlt er sich großartig, ja, glücklich. Wie als Kind am Weihnachtsmorgen. Das also ist es, so fühlt sich das an. So seltsam, so aufregend. Oder träumt er doch? Nein, er ist wach. Aber noch will er die Augen nicht öffnen. Er schnuppert an seinen Fingern und augenblicklich regt sich sein Schwanz.
„Leonie und Theo, Theo und Leonie, Leonie und Theo, Theo und Leonie“, flüstert er vor sich hin. Er räkelt sich und öffnet die Augen.
„Leonie?“
Der Platz neben ihm ist leer.
Sein Blick fällt auf das verhängte Bild an der Wand gegenüber. Leonie und Theo? Er schüttelt den Kopf und steht auf.
„Leonie?“, ruft er. „Leonie?“
Er ist auf einem anderen Planeten, in einer neuen, fremden Welt. Ist das wirklich sein Leben? Nackt reckt und streckt er sich im Sonnenlicht und kommt sich dabei vor wie ein Filmheld.
Er schaut sich um. Ein großer, langgestreckter Raum, weiß gekalkte Ziegelwände, Eisensprossenfenster vom Boden bis zur Decke. Schräge Sonnenstrahlen, alte, zerschundene Eichenholzdielen. Ein paar Staffeleien, unzählige Bilder, Leinwände auf Keilrahmen, ein bizarr bemalter Paravent. Der Boden ist übersät mit Farbtuben, Dosen, Tiegeln, verschiedenem Werkzeug, Papierrollen, Zigarettenkippen. In Blechbüchsen stecken bunte Sträuße aus Pinseln, es riecht nach Ölfarbe und Terpentin. Er schlendert umher, als wäre er in einem Museum.
„Leonie?“
Die Bilder findet er großartig. Manche bunt und wild, andere düster und schemenhaft, aber alle scheinen sie eine Geschichte zu erzählen.
Leonies Reich. Eine beeindruckende Kulisse, ein einziger Farbenrausch. Und er hat mit dieser Leonie geschlafen! Mit dieser unglaublichen Frau. Er hat tatsächlich mit dieser Frau geschlafen? Er tänzelt und boxt in die Luft und kann nicht aufhören zu grinsen. So muss sich Johnny Depp fühlen, denkt er.
Hinter einem Vorhang am anderen Ende des Ateliers versteckt sich Leonies Bad. Ein Waschbecken, ein kleiner Spiegel, eine geflieste Duschecke. Dort haben sie sich vor ein paar Stunden ausgezogen und sich dann unter dem warmen Wasserstrahl nackt umarmt. Der Gedanke daran lässt ihn den Atem anhalten. Er spürt ein Ziehen im Magen, ein Zittern in den Beinen. So fühlt sich das also an - verliebt sein.
Er lugt hinter den Vorhang und entdeckt auf dem Spiegel rote Buchstaben:
Lauf mir ja nicht weg, Theo!
Er stellt sich unter die Dusche, lässt kaltes Wasser auf sich stürzen und schnappt nach Luft.


Eben, als er sich anzieht, taucht Leonie auf. Sie stellt zwei Einkaufstaschen ab, fällt Theo um den Hals, küsst ihn und flitzt sofort wieder Richtung Tür.
„Bin gleich wieder da. Ich hab noch nicht alles. Lauf mir ja nicht weg“, ruft sie über die Schulter zurück.
Theo denkt nicht daran. Es ist Wochenende, obendrein sind Ferien. Er wirft sich auf ein Sofa, schließt die Augen und malt sich sein weiteres Leben mit Leonie aus.
Als sie wiederkommt, trägt sie im linken Arm einen großen Bund Lilien, dutzende müssen das sein, und in der rechten Hand balanciert sie ein Kuchenblech.
„Hilf mir, Theo. Schnell.“
Theo springt auf und nimmt ihr das Blech ab.
„Vom Bäcker am Eck. Noch ganz warm ... hach, ich liebe Blumen.“ Sie strahlt ihn an, ganz atemlos ist sie.
„Zwanzig Stück Kuchen? Du bist verrückt, Leonie.“
„Ich bin verrückt? Du machst mir Spaß.“ Sie grinst ihn spöttisch an. „Also wenn ich verrückt bin, was bist denn dann du, ha? Ein Typ, der freiwillig Mathematik studiert, nennt andere verrückt? Im fünften Semester, hast du gesagt? Mit einundzwanzig? Ehrlich, findest du das etwa normal?“ Sie lacht. „Mein kleines Genie.“
Tatsächlich ist Theo neunzehn. Er hat ihr am Abend nicht die Wahrheit gesagt. Einundzwanzig klingt besser, hat er sich gedacht, erwachsener. Er hasst es, wenn man ihn Wunderkind nennt, er kann es einfach nicht mehr hören.
„Ich bin deine Frau, Theo, das spürst du doch, oder? Und du bist mein Mann“, hat sie ihm vor dem Einschlafen ins Ohr geflüstert.
Ihr Mann!


Zwei Tage lang setzen sie keinen Fuß vor die Tür des Ateliers.
Der Duft der Lilien hat den Geruch der Ölfarben überdeckt und mischt sich mit dem Duft von Leonies Geschlecht, mit dem Duft ihrer Haare, mit dem Duft ihrer Haut.
Sie lieben sich auf dem Bett, sie schlafen auf dem Bett, sie picknicken darauf. Leonie steckt Theo Obststücke in den Mund, füttert ihn mit Leckerbissen.
„Ich liebe Oliven“, sagt er.
„Ich weiß“, sagt Leonie.
„He, das ist meine Lieblingsschokolade.“
„Ich weiß.“
„Träumst du noch von mir?“
„Nein. Warum auch? Jetzt bist du ja hier.“


„Theo“, ruft Leonie aus dem Badezimmer, „was sollen die Zahlen auf dem Spiegel? Hast du eigentlich eine Ahnung, was so ein Lippenstift kostet?“
„Ich wollte nur ausrechnen, wie schön du bist.“
„Und da kommt unendlich raus? Bist du dir sicher, dass du dich nicht verrechnet hast, du Witzbold?“
„Ja. Hundertprozentig.“
„Mein Gott, du bist so süß.“


In den letzten Wochen seiner Ferien sind sie täglich zusammen.
„Heute musst du mir was zeigen, was ich nicht kenne, morgen zeig ich dir was, übermorgen bist wieder du dran, und so weiter.“ So lautet ihre Abmachung.
Ein junger Mann und eine schöne Frau. Hand in Hand ziehen sie durch den Sommer der Stadt, ein Liebespaar unter unzähligen anderen. So viele Liebespaare. Das Grinsen scheint in Theos Gesicht festgeschraubt zu sein.
An einem einzigen Tag schleppt ihn Leonie in acht Galerien.
„Deine Bilder gefallen mir besser“, sagt Theo jedes Mal beim Rausgehen und meint es ehrlich.
Einmal schlägt er einen Besuch im Planetarium vor. Kaum ist das Licht ausgegangen, hat Leonie die Hände unter seinem Hemd und die Zunge an seinem Ohr, und während Theo sich in den Tiefen des Alls verliert, bläst sie ihm einen.
„Ich hätte von dem Zeug eh nichts kapiert“, sagt sie anschließend. „Du weißt doch, dass ich dumm bin.“
Sie ist nicht dumm, sie ist anders als er, aber nicht dumm. Dass sich Theo manchmal nicht vorstellen kann, was in ihrem Kopf vorgeht, macht doch nichts, das ist nicht ungewöhnlich, sagt er sich. Sie kennen sich doch erst seit wenigen Tagen.


„Was ist eigentlich unter dem roten Tuch dort?“, fragt er sie eines Abends.
Leonie zuckt die Schultern, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, schweigt.
„Bilder?“
„Ja … nur ein paar Bilder.“
„Kann ich sie sehen?“
„Ich weiß nicht recht. Die sind nicht so toll. Außerdem … also, na ja, eigentlich sind die auch gar nicht von mir.“
„Von wem denn?“
Sie schaut an ihm vorbei. „Von irgendwem halt.“


„Wenn ich berühmt und reich bin, schenk ich dir einen Opalka.“
„Einen was? Ist das ein Tier?“
Sie lacht. „Nein, du Dummi. Ich meine den Maler. Würde irgendwie zu dir passen. Der hat immer nur Zahlen gemalt.“
„Hä?“
„War ein Pole. Lebt nicht mehr, glaub ich. Muss ein echt schräger Typ gewesen sein. 1965 hat er damit begonnen. Er hat eine Leinwand schwarz angemalt und links oben eine kleine weiße Eins draufgepinselt. Daneben eine Zwei. Und so weiter.“
„Was und so weiter?“
„Na ja, er hat Zahl für Zahl gemalt, fortlaufend, bis die Leinwand voll war. Dann hat er auf der nächsten weitergemacht. Wirklich täglich hat er dran gearbeitet und immer mit einem ganz kleinen Pinsel. Größe Null heißen die. Wart mal.“ Leonie springt aus dem Bett und läuft zu einem Regal. Theo folgt ihr mit den Augen und im Nu hat er wieder eine Erektion. Er kann sich an Leonie einfach nicht sattsehen. Sie kommt mit einem Pinsel zurück.
„Siehst du? So winzig sind die.“
„Lass das, Leonie. Du weißt, wie kitzlig ich bin.“
Sie wirft den Pinsel über die Schulter und lässt sich neben Theo aufs Bett fallen. Er zieht sie an sich.
„Wart noch ein bisschen, mein Schatz. Ich will dir das noch schnell fertig erzählen.“
„Mach schnell.“ Er vergräbt die Nase in ihrer Achselhöhle.
„Na ja, irgendwann war er dann bei einer Zahl weit über sieben Millionen. Das musst du dir mal vorstellen. Sieben Millionen! Über zweihundert Bilder. Und alle voll mit Zahlen.“
„Verrückt.“
„Aber was noch viel verrückter ist: Er hat bei jedem neuen Bild ein bisschen Weiß in die schwarze Grundierung gemischt. Jedes Mal genau ein Prozent mehr. Das heißt, seine Bilder sind immer heller geworden. Also der Hintergrund. Aber die Zahlen hat er weiterhin mit Weiß gepinselt. Bis halt irgendwann weiße Zahlen auf fast weißen Leinwänden drauf waren … er malt sich dem Licht entgegen, hat er einmal gesagt.“
„Mann, was für ein Spinner.“
„Wieso Spinner? Er wollte halt das Vergehen der Zeit dokumentieren. Vielleicht auch sein eigenes Vergehen. Als er gestorben ist, hat eine siebenstellige Zahl das markiert. Also seinen Tod. Und sein Werk war vollendet … er hat halt einen Plan gehabt, ein Konzept, ein Ziel, was weiß ich.“
Theo hebt den Kopf und schaut Leonie an.
„Was willst du mit deinen Bildern, Leonie?“
Sie blickt an ihm vorbei.
„Leonie?“
„Ach ich weiß nicht … ich will was verhindern, glaub ich … manchmal hab ich das Gefühl, ich kann was verhindern damit. Wenn ich’s male, dann passiert’s nicht in echt.“
„Was?“
„Ach vergiss es.“


Dutzende Kerzen stehen ums Bett herum. Theo kann nicht einschlafen. Er beobachtet die tanzenden Schatten an der Decke.
„Leonie?“, flüstert er. „... Leonie?“
„Hm?“
„Bist du wach?“
„Hm.“
„Darf ich dich was fragen?“
„Hm.“
„Sag mal … also versteh das jetzt bitte nicht falsch, aber … also das mit deinen Träumen früher … du weißt schon, wo du von mir geträumt hast, ich mein, das stimmt doch nicht, oder?“
Er dreht den Kopf zu ihr.
„Leonie?“
Sie schläft.
Behutsam löst er sich aus ihren Armen und steht auf.


Das erste ist ein Portrait von ihm. Der Kopf füllt das gesamte Bild, das Gesicht mit groben Pinselstrichen wie hingehackt, kobaltblau, gelb, rot, ocker. Im Kerzenlicht scheint es, als würden sich die Augen bewegen.
Das zweite zeigt ihn stehend an einen kahlen Baum gelehnt, in den Himmel starrend. Der Himmel voller blutroter Vögel, die Wiese dunkelblau. Vom Baum halb verdeckt ein Reh.
Auf dem nächsten Theo an einem Tisch sitzend, den Kopf in die Hände gestützt, vor ihm ein aufgeschlagenes Buch. Im Bildhintergrund ein wimmelndes Durcheinander schemenhafter Figuren. Derwische, gehörnte Menschen, wie Menschen gekleidete Tiere, dazwischen hingekritzelt Zahlen und Formeln.
Dann Theo in der klassischen Pose des Grandseigneurs, in einem Lehnstuhl, mit dunklem Anzug, Stehkragen, Stecktuch, ernstem Gesicht. In der Hand ein Revolver.
Dann Theo nackt auf einer Kuh reitend, eine Balancierstange in den Händen, lachend, einen Raubvogel auf der Schulter.
Dann Theo unter Wasser, in inniger Umarmung mit einem Delfin, umgeben von hunderten Zwergfischen. Blau in Blau.
Bild für Bild sieht Theo den Stapel durch.
Theo nackt, Theo verkleidet, Theo liegend, Theo sitzend, Theo mit erigiertem Penis, Theo mit abgeschnittenem Penis, Theo vom Himmel stürzend wie Ikarus, Theo lachend, Theo mit Blut im Gesicht …
Theo, Theo, Theo … Dutzende Bilder.
Und auf jedes Bild ist ein Wort gekritzelt: Theo


„Natürlich hab ich Angst. Von Tag zu Tag mehr.“
„Ich mach dir Angst, Leonie?“
„Also nein, nicht vor dir hab ich Angst, Theo, sondern … ach, ich weiß auch nicht. Dass du schon immer da warst. In meinem Kopf halt. Vor meinem Schicksal hab ich Angst, vor dem, was passieren wird. Und weil du mich jetzt gefunden hast.“
„Aber du hast doch mich angesprochen beim Konzert damals. Das war doch deine Entscheidung. Was hat denn das mit Schicksal zu tun?“
„Nein, du hast mich gefunden, Theo, glaub mir. Ich hab gewusst, dass das passiert. Ich glaube an solche Sachen, ehrlich. Und jetzt hab ich einfach Angst.“
„Leonie, bitte. Es gibt keine solchen Sachen. Was meinst du überhaupt damit? Willst du mir sagen, dass du an so Hokuspokus glaubst? An Vorsehung? Das ist doch lächerlich. Glaubst du wirklich an diesen Unfug?“
Er weiß, dass sie daran glaubt, und mehr und mehr ärgert ihn das. Er will sich nicht vorstellen müssen, dass Leonie wirklich so naiv ist. Entnervt winkt er den Kellner zu sich und bestellt noch ein Bier.
„Und die ganzen Bilder, die ich von dir gemalt hab? In den letzten zwei Jahren? Willst du sagen, das war Zufall?“
„Was denn sonst? Wahrscheinlich hast du mich irgendwo einmal gesehen. Na ja, unbewusst halt. In der Straßenbahn, oder bei irgendeinem Konzert, was weiß ich. So groß ist die Stadt ja nun auch wieder nicht. Wenn du willst, rechne ich dir die Wahrscheinlichkeit aus, wie oft sich Leute zwangsläufig über den Weg laufen.“
„Verdammt, immer willst du alles ausrechnen.“
„Nein, nicht ausrechnen. Verstehen will ich’s. Weil es für alles eine Erklärung gibt.“
„Und wie erklärst du dir, dass ich deinen Namen gewusst hab?“
„Hast du doch gar nicht.“
„Hab ich schon.“
„Das hast du mir aber nie erzählt.“
„Ich hab dir so vieles noch nicht erzählt.“
„Na ja, schon eine ganze Menge. Vom Milo hast du mir erzählt und vom Vincent. Und dann noch vom Heinrich, vom Ernst, von diesen ganzen Typen halt, die dich ge…“
„Hör auf, Theo. Hör sofort auf. Bitte!“
Theo sieht sie finster an. Er versteht nicht, warum er ihr wehtut, was da aus ihm raus will. Er weiß, dass er jetzt ihre Hand nehmen und sie anlächeln sollte. Sich entschuldigen. Zum Teufel, sie liebt ihn doch und er liebt sie erst recht und trotzdem benimmt er sich wie der allerletzte Arsch. Wie ein trotziges Kind, das auf seinem Lieblingsspielzeug herumtrampelt. Ihm ist zum Heulen.
Zum Glück taucht der Kellner auf und lenkt ihn ab. Er stellt das Bier und ein Schälchen mit Knabbereien auf den Tisch.
Leonie nimmt eine Pistazie und schnippt sie Richtung Ufer. Das Ding kullert über die Steinplatten der Promenade und bleibt liegen.
„Ich weiß genau, was jetzt passieren wird“, flüstert sie.
„Nein, Leonie. Das kannst du nicht wissen. Mach mich nicht wahnsinnig. Bitte.“ Wird sie jetzt aufstehen und ihn einfach sitzenlassen? Und was macht er dann?
„Doch, ich weiß es. Gleich wird die Pistazie weg sein ... glaub ich.“
„Was redest du da?“
Eine Krähe landet neben der Pistazie, pickt ein paar Mal mit dem Schnabel daran und flattert wieder davon.
„Hm, die war dir wohl zu groß. Pech gehabt, armer Vogel. Na ja, dafür kannst du fliegen.“
Ihre Worte sind kaum zu verstehen. Trotz der Hitze fröstelt Theo.
„Schau nicht so bös, Theo.“
Sie nimmt eine Rosine aus dem Schälchen.
„Komm, mach den Mund auf.“ Sie wirft und trifft ihn an der Nase.
„Na bitte, fast getroffen.“ Sie lacht übermütig. Manchmal benimmt sie sich wie ein zwölfjähriges Mädchen, denkt Theo.
„Sag was, Theo. Bitte. Was Liebes.“
Theo starrt auf den trägen Fluss. Ihm ist, als wären seine Kiefer zusammengeschweißt.
„Hättest sie schälen müssen.“
„Was?“
„Jessas, Leonie! Die Pistazie für den Vogel. Bist du wirklich so dämlich?“
Sie schaut ihn fassungslos an.
„Du bist ein richtiges Arschloch, Theo.“
Sie steht auf, wirft ein paar Münzen auf den Tisch und geht.
„Leonie!“


Wie ein Fels ragt die Fabrik ins Dunkel der Nacht, wie ein gestrandetes Schlachtschiff. Um die vierhundert Schritte lang und sechzig Schritte breit. Stundenlang streunt Theo um den alten Ziegelbau. Anfangs stur an den Mauern entlang und im Uhrzeigersinn, später immer unentschlossener und weiträumiger.
Jedesmal, wenn er eine Runde beendet und wieder um die letzte Ecke biegt, hält er die Luft an. Wäre er ein Kater, sträubte sich in diesen Augenblicken vermutlich sein Fell, so angespannt ist er. Und jedesmal, wenn er die unbeleuchteten Atelierfenster sieht, stößt er erleichtert die Luft aus und gleichzeitig verkrampft sich sein ganzer Körper. Dann geht er weiter und nimmt sich fest vor, dass dies nun wirklich die letzte Runde sein wird.
Nach dieser ginge er endgültig nach Hause, schwört er sich, schließlich ist er kein Hampelmann. Er lässt sich von einer Frau doch nicht verrückt machen. Von einer Frau noch dazu, die sich ernsthaft über Hokuspokus den Kopf zerbricht. Und über Sternzeichen! Die manchmal einfach durch ihn hindurch sieht, als wäre er Luft. Die Blödsinn träumt und das für bare Münze nimmt. Die nächtelang Bilder malt, und sich am nächsten Morgen nicht daran erinnern kann. Und, lieber Himmel, das viele Blut in ihren Bildern … Mann, in Wahrheit spinnt die doch, die hat doch echt einen Dachschaden …
Oh Gott, wenn sie nur nicht so wunderschön wäre. Theo biegt um die Ecke, blickt die Fassade hoch und schluckt. Kein Licht.
Nur eine Runde noch, aber wirklich die allerletzte. Eine Chance will er Leonie noch geben. Und keine Umwege, immer schön gerade die Mauern entlang. Vierhundertzwölf Schritte die Saccettistraße runter, vierundsechzig Schritte nach rechts, dann dreihundertvierundachtzig an der Rückseite und nochmal siebzig durch die Berggasse.
Theo trottet wieder los und um sich abzulenken, beginnt er ein wenig herumzurechnen. Als er in die Berggasse einbiegt, hat er das Ergebnis und weiß jetzt, dass die Berggasse die Saccettistraße in einem Winkel von 66,5° quert. Zumindest theoretisch, also wenn er davon ausgeht, dass die Straßen und die Fabriksmauern genau parallel verlaufen. Er überlegt, ob er Leonie erzählen soll, dass die Differenz von 66,5° auf 90° fast exakt der Schiefe der Ekliptik entspricht und er fragt sich, ob sie das auch für einen witzigen Zufall hielte, oder vielleicht gar eine drollige Analogie zu ihrer Beziehung darin fände. Wo’s schief ist, kommt man halt leicht ins Rutschen. So was in der Art. Sie macht ja gern solche Späßchen … oder ob es ihr egal wäre und sie nur sagen würde, ach du immer mit deiner langweiligen Rechnerei. Und bei diesen Gedanken spürt er wieder ein Ziehen im Bauch. Was, wenn er Leonie nun wirklich verloren hätte? Vielleicht könnte er ihr nie wieder auch nur irgendwas erzählen …
Er beginnt zu laufen. Was, wenn sie eben nach Hause gekommen ist? Er hetzt um die letzte Ecke und starrt hinauf zum Atelier. Kein Licht.
Er spürt einen Kloß im Hals, zieht Rotz die Nase hoch und spuckt aus. Verdammt, er will nicht heulen, er ist kein Kind. Er lehnt sich mit der Stirn an die Mauer und hat keine Ahnung, was er tun soll. Muss er jetzt wirklich nach Hause gehen? In sein einsames Bett, das er seit Wochen nicht benutzt hat? An die Decke starren und sich vorstellen müssen, wie Leonie in den Armen eines anderen Mannes …
Dann hört er das rhythmische Quietschen. Er erkennt es auf hundert Meter. Wie oft hat er ihr angeboten, das endlich in Ordnung zu bringen. Und jedesmal hat sie abgelehnt und lachend gemeint, das sei sicherer als ein Schloss, jeder halbwegs vernünftige Dieb würde das Fahrrad spätestens nach zwanzig Metern wieder stehenlassen. Theo dreht sich um und tatsächlich ist es Leonie auf ihrem uralten Waffenrad. Als sie ihn sieht, schmeißt sie das Ding hin und fliegt auf ihn zu, fällt ihm um den Hals und bedeckt sein Gesicht mit Küssen. Ihr Atem riecht nach Wein und sie schluchzt wie ein Kind.


Leonie steht rücklings an die Wand gelehnt, die Beine leicht geöffnet, die Hände neben sich an die Fliesen gelegt. Ihre Augen sind halb geschlossen und blicken ins Nirgendwo, vielleicht sehen sie die Wolken, aus denen der warme Regen fällt. Vor dem Hintergrund der weißen Fliesen wirken ihre Fingernägel wie Blutstropfen, denkt Theo, oder wie glänzende Edelsteine. Wie schön sie doch ist.
Er schließt die Augen, streckt die Arme aus und legt die Handflächen an ihre Brüste, je eine Hand an eine Brust, fast zögerlich, gerade mal, dass er sie berührt. Ganz sacht nur umspielt er die Konturen, wie ein Blinder, und so behutsam, als streichelte er ein schlafendes Kind. Und obwohl das Wasser so warm ist, vermeint er, mit den Fingerspitzen Gänsehaut zu fühlen. Leonie stöhnt verhalten und Theo spürt, wie sie ihren Oberkörper wiegt und den Berührungen seiner Hände folgt.
Er zwingt sich, die Augen nicht zu öffnen, macht sie auch nicht auf, als Leonie ihn an sich zieht, seine Rechte nimmt und an ihren Schoß presst. Er lässt sich vor ihr auf die Knie sinken und sie drückt seinen Kopf gegen ihren Unterleib, drängt sich ihm entgegen, öffnet die Beine und stößt dabei Laute aus, die wie das Maunzen einer Katze klingen, kaum hörbar eigentlich, aber als er von hinten eine Hand in ihren Schritt und den Daumen in ihre Spalte gleiten lässt, werden die Töne lauter, klagend, wie Schluchzen beinahe, und er spürt, wie sich ihre Finger in sein Haar krallen. Leonie windet sich und ihr Stöhnen macht ihn halb wahnsinnig. Es ist der Augenblick, in dem er erkennt, dass er diese Frau festhalten muss, unbedingt, für immer, dass sie seine Frau ist, sein Wunder, und dass er dieses Wunder nicht vorübergehen lassen darf. Er drückt die Nase, den Mund, die Stirn, sein Gesicht an ihr Geschlecht, als wolle er damit eins werden. Seine Frau! War er sich jemals einer Sache sicherer?
Doch plötzlich spürt er ein Stechen in der Brust, einen grellen Schmerz, der ihn wie eine Nadel durchbohrt, wie ein zuckender Lichtstrahl, quer durch, vom Rücken durchs Herz. Ihm bleibt die Luft weg, eine entsetzliche Angst packt ihn an der Kehle. Todesangst. Ich hab gerade einen Herzinfarkt, schreit es in ihm, nein, das gibt‘s ja nicht, oh Gott, mit neunzehn? Und als Nächstes, weil er sieht, wie sich das Wasser auf den Bodenfliesen rot färbt, denkt er, verrückt, dass Leonie ausgerechnet jetzt ihre Tage bekommt, und als Nächstes hört er Leonie schreien und ein Schwindel haut ihn beinahe um und die Knie wollen unter ihm wegrutschen. Er denkt noch, wie gefährlich solche glatten Fliesen eigentlich sind, ein Wunder, dass da nicht viel öfter was passiert, dann sackt er zusammen und knallt mit dem Kopf auf den Boden, sein linker Arm verkrampft sich, und er denkt, warum brüllt die denn so, die soll doch um Himmels Willen die Rettung rufen, und gleichzeitig sieht er das Ding in ihrer Hand und das Ding schleudert Blitze und dann sieht er, wie das Ding über ihren Unterarm fährt und eine rote Spur hinterlässt, eine lodernde Flamme, aber das sieht er in Wahrheit eher verschwommen, also nicht richtig, weil er die Augen kaum noch offen halten kann, wie ein Gewitterregen prasselt ihm das Wasser in die Augen, und gerade jetzt würde er sie so gern anschauen. Leonie, verdammt, tu doch was, will er schreien, Leonie, ich sterbe, ich hab einen Herzinfarkt, oh Gott oh Gott, hilf mir, Leonie. Aber er bekommt keinen Ton heraus, nur so eine Art Knurren. Und das Wasser wird immer röter und er beißt sich auf die Lippe, das tut überhaupt nicht weh, aber er schmeckt Blut, und er spürt noch, wie Leonie sich neben ihm niederlässt, seinen Kopf in ihren Schoß bettet und ihm über die Stirn streicht. Wie wunderschön ihr Gesicht ist, denkt er, so voller Liebe, und er will die Arme um sie schlingen, er will sie küssen, er will ihre glatte Haut spüren, ihren Bauch, ihre Brüste, ihren Mund, alles will er spüren, alles gleichzeitig, er will Leonie festhalten, er will, dass Leonie ihn festhält. Ganz fest.

 
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Vorlage war mir Verwirrungen von M. Glass.

(Und für die Neugierigen gibt's hier das Bild zur Geschichte.)

 
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Hallo Ernst,

du hast es tatsächlich noch pünktlich geschafft, Respekt! Denn dafür, dass du ein paar Tage zuvor noch über 3000 Wörter in die Tonne getreten hast, ist doch wirklich etwas Brauchbares daraus geworden. Ich habe die Vorlage noch nicht gelesen und weiß daher auch nicht, ob es mir damit ähnlich ginge, aber dein Text erzeugt eine ganz eigenartige Stimmung in mir. Ich würde es als Art Trostlosigkeit bezeichnen. Es finden sich endlich zwei, die schon lange darauf gewartet haben, warum finde ich das also trostlos, das sollte doch ein Grund zur Freude sein? Ich glaube es sind dein Stil, die Dialoge und die darin beschriebenen Gemälde, die diese Stimmung erzeugen. Das hast du so gut getroffen, dass beim Lesen bald das Gefühl aufkommt, es werde wohl auf kein Happy End hinauslaufen. Das finde ich gut gemacht.
Überhaupt würde ich behaupten, diese Geschichte lebt für mich eher vom Stil, als vom Inhalt selbst. Dieser bleibt für mich verschwommen, das ist eher so eine Momentaufnahme, ohne dass viele Hintergründe beleuchtet werden.

Er ist verliebt, zum ersten Mal in seinem Leben. Und die Frau, die er liebt, ist verrückt.
Und er ist ein Arschloch. Ein hochbegabtes, intelligentes Oberarschloch. Ein Wunderkind. In Wahrheit ein dummer Junge, der von nichts eine Ahnung hat.
Sie haben beide nicht den Funken einer Chance, so viel ist ihm klar.

Tja, das Ende. Also das ist für mich schon ein bisschen unbefriedigend. Denn kurz zuvor nimmt die Geschichte erst so richtig Fahrt auf, im letzten Dialog lässt du Theo Arschloch sein, das ist interessant. Und dann plötzlich diese Zusammenfassung in wenigen Zeilen. Da hätte ich mir mehr gewünscht.

Ich finde, das ist wie immer gut geschrieben. Ich wollte nie aufhören, das zu lesen und es ist dir wieder gelungen, das alles bildhaft (dieses Mal sogar wortwörtlich) zu gestalten, aber mir fehlt da etwas im Gegensatz zu anderen Geschichten von dir. Ich suchte nach dem richtigen Wort und bin bei "Leidenschaft" hängengeblieben. Ja, es wirkt irgendwie ein bisschen leidenschaftslos, deine Figuren hast du schon besser gezeichnet und dann ist es eben so schnell zum Ende getrieben. Ich würde sogar behaupten, man merkt dem Text ein wenig an, dass die Idee und die Charaktere dahinter nicht deiner eigenen Feder entsprungen sind.

Zusammenfassend hab ich das also gern gelesen, aber ich finde deine anderen, eigenen Geschichten einfach besser, so viel Ehrlichkeit sollte sein.

Grüße,
rehla

 
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Theos Liebe zu Leonie war das einzig Unlogische in seinem Leben
lasen wir im Dezember 2013 in der 3. Fassung bei Markus,

lieber ernst,

aber Liebe schert sich einen Dreck, weder um Logik noch Berechenbarkeit, was Theo wohl hier ein erstes Mal erfahren wird. Denn das vermute ich nun in Deiner Variation übers Thema erste Liebe eine Verjüngungskur der beiden Verliebten, was schon an einem einzigen Wort festzustellen ist: Ich kann mich nicht erinnern, dass M. auch nur einmal die Buchstabenfolge „f i c k“ verwendet hätte und es wird in Deiner Geschichte so etwas wie ein Pivotelement nebst Binnenreim von Ficken auf Klicken (wenn das Feuer der Liebe angezündet wird in Form einer Zigarette). Und es geht mir nicht die Bohne auf den Geist, weil selbst die verbale Auseinandersetzung um die vier Buchstaben spielerisch, statt verklemmt oder zwanghaft wirkt. Kurz: Mir gefällt diese Variation über ein älteres und doch for ever young-es Thema!

Trivialeres

Da ist dem sich und ihr aber unfreiwillig ein h vorweggekommen

Er fällt ihn den Jubel mit ein und zwingt sich dabei, nicht zu ihr zu sehen.
Hier beißt die Fälle-Falle zu
Leonie wartet nicht auf seine Antwort. Sie beugt sich zu ihm, legt die Hände an sein Gesicht und küsst ihn sanft auf den Mund.
Nicht klar? Stünde da nur
Sie beugt sich zu ihm, legt die Hände an sein Gesicht und küsst ihn
wär’s gut (und eigentlich genug Beschreibung, aber sie könnte „ihm“ ja auch die Stirn geküsst haben oder ein beliebiges anderes Teil …)
„Und du?“[,] fragt er.
Eisensprossenfenster vom Boden bis zu[r] Decke.
Eben[,] als er sich anzieht, taucht Leonie auf.

jedesmal
Da ist mein uralt-XP mit seinem gewachsenen Rechtschreibprogramm wahrscheinlich härter als die schwammige Dudenredaktion (oder doch nicht?): jedes Mal „jedes Mal“, erzwingt er automatisch
Er weiß, dass sie daran glaubt[,] und mehr und mehr macht ihn das wütend

Gern gelesen vom

Friedel

 
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rehla schrieb:
diese Geschichte lebt für mich eher vom Stil, als vom Inhalt selbst. Dieser bleibt für mich verschwommen, das ist eher so eine Momentaufnahme, ohne dass viele Hintergründe beleuchtet werden.

Tja, das Ende. Also das ist für mich schon ein bisschen unbefriedigend.

Ich finde, das ist wie immer gut geschrieben. Ich wollte nie aufhören, das zu lesen und es ist dir wieder gelungen, das alles bildhaft (dieses Mal sogar wortwörtlich) zu gestalten, aber mir fehlt da etwas im Gegensatz zu anderen Geschichten von dir. Ich suchte nach dem richtigen Wort und bin bei "Leidenschaft" hängengeblieben. Ja, es wirkt irgendwie ein bisschen leidenschaftslos, deine Figuren hast du schon besser gezeichnet und dann ist es eben so schnell zum Ende getrieben. Ich würde sogar behaupten, man merkt dem Text ein wenig an, dass die Idee und die Charaktere dahinter nicht deiner eigenen Feder entsprungen sind.

Zusammenfassend hab ich das also gern gelesen, aber ich finde deine anderen, eigenen Geschichten einfach besser,

Na ja, was soll ich sagen, rehla …
Ehrlich, ich selbst halte die Geschichte in ihrer jetzigen Form für (annähernd) misslungen, obwohl ich noch nie um eine Geschichte derart gerungen habe wie diesmal.
Eine Woche vor der Deadline war ich ganz knapp dran, den Krempel einfach hinzuschmeißen und meine Niederlage einzugestehen. Dabei hab ich mich wirklich gefreut, als mir markus zugelost worden ist und mir war damals auch sofort klar, dass ich mir Verwirrungen vornehmen werde. Diese Geschichte hat mich vor eineinhalb Jahren nämlich wirklich begeistert. Mittlerweile weiß ich allerdings, dass es vorwiegend die stilistische Brillanz war, die mich so beeindruckt hat, und weniger der Plot und die Figuren.
Je mehr ich mich mit denen jetzt auseinandergesetzt habe, umso weniger bin ich damit zurande gekommen: Ein jungfräulicher(!) Siebenundzwanzigjähriger und eine Frau, die sich umbringt, weil sie glaubt, dadurch ihre Liebe unsterblich machen zu können? Ich mein, das klingt doch einigermaßen bescheuert, oder?
markus‘ Thema, die Beziehung zweier Menschen aus vollkommen gegensätzlichen Lebenswelten, und dann das unvermeidliche Scheitern dieser Beziehung, also das fand ich eine wirklich spannende Idee, aber seine Figuren und ihr Verhalten erschienen mir halt überhaupt nicht mehr plausibel.
Deshalb verjüngte ich im zweiten Anlauf - tatsächlich hab ich eine Woche vor der Deadline vollkommen von vorne begonnen - Theo radikal, und Leonie machte ich nicht nur wesentlich älter als Theo, sondern sie ist obendrein ernsthaft psychisch krank. Theo ist in seiner jugendlichen Naivität aber einfach nicht imstande, ihre Krankheit zu erkennen. Na ja, zumindest hab ich mir das so vorgestellt. Natürlich ist mir dann die Zeit davongelaufen. Für mein Gefühl fehlen noch ganz wesentliche Szenen, viel zu viel steht zwischen den Zeilen. (Und gerade für eine authentische Darstellung von Leonies Verfasstheit hätte es auch ernsthafter Recherchearbeit bedurft.)
Am vernünftigsten wäre es vermutlich gewesen, hätte ich das Ding jetzt für ein paar Wochen weggesperrt und es mir irgendwann noch einmal in Ruhe vorgenommen. Aber das wollte ich irgendwie auch nicht. Scheiß drauf.
Aber immerhin sind wir hier ja in einer Textwerkstatt. Vielleicht bekomme ich wertvolle Tipps, wo und wie ich noch mal dran arbeiten sollte. Weil es sind schon auch ein paar gute Stellen und Ideen drin, find ich.

Vielen Dank, rehla.


von mir unter der Pepe-Geschichte schrieb:
Ich schwör’s dir, Friedel, irgendwann werde ich es schaffen, einen Text zu posten, in dem du nicht den allerallerscheißkleinsten Fehler finden wirst. (Und so mir das gelingt, kann ich mich dann ruhigen Gewissens vom wk-Forum abmelden und mich einer neuen großen Herausforderung stellen, z.B. während einer Einhand-Weltumsegelung eine romantische Oper komponieren, oder so was Ähnliches.)
Tja, was soll ich sagen, Friedel, es hat diesmal wieder nicht geklappt. Unter den Tisch gepurzelte Kommas, übersehene Tippfehler, Buchstaben, die sich während des Weges von meiner Originaldatei zur wk-Seite offenbar in Luft aufgelöst haben … Arrrghh! Es ist echt zum Haareraufen.
Na ja, muss ich halt noch eine Geschichte schreiben.

Friedrichard schrieb:
Hier beißt die Fälle-Falle zu
Leonie wartet nicht auf seine Antwort. Sie beugt sich zu ihm, legt die Hände an sein Gesicht und küsst ihn sanft auf den Mund.

Hab ich gerade ein Déjà-vu-Erlebnis?
Nein, das hatten wir nämlich schon einmal, erinnerst du dich? Und der Einfachheit halber kopier ich das jetzt einfach hierher:

offshore unter "Witwer" schrieb:
Friedrichard schrieb:
einmal schnappt die Fälle-Falle zu,
hier:

Dann küsst sie ihn auf den Mund.
Wen oder was küsst sie? – Ihn, wäre da zwingend korrekt.
Aber wem küsst sie auf den Mund? ...
Abgesehen davon, dass "Dann küsst sie ihm auf den Mund." für mein Gefühl schrecklich falsch klingt, und ich es schon aufgrund ästhetischer Erwägungen nicht ändern werde, sehe ich nicht ein, warum da ausschließlich der Dativ zwingend korrekt wäre.
Wen oder was küsst sie wohin?
Also ich sehe da zweimal den Akkusativ …

Ich bekam damals auch Schützenhilfe von floritiv:

floritiv schrieb:
Und natürlich gibt es grammatisch richtige Sätze, die zwei Akkusative beinhalten. Wenn ein Verb neben einem obliquen Akkusativ auch eine Orts-/Richtungsangabe binden kann und diese zufällig eine Präposition mit eigener Akkusativbindung hat, dann heißt es aufpassen, dass man nicht voreilig dem Präskriptivismus verfällt.

Was ich sagen will: Auch wenn du mir diesen Änderungsvorschlag noch hundertmal machst, Friedel, ich werde ihn weiterhin achselzuckend ignorieren.
Niemand, wirklich niemand sagt bei uns: „Sie küsst mir auf den Mund.“ Das klingt, mit Verlaub, einfach ... na ja, komisch halt.

Vielen Dank, Friedel, für deinen Besuch und dein unbestechliches Auge.


offshore

 
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Hallo offshore

Ärgerlich. Ich hätte die Geschichte eher nicht angeklickt, wenn sie korrekt mit Copywrite ausgezeichnet gewesen wäre. Der Grund dafür ist, dass ich bei Unterhaltungsliteratur nahezu geklonte Adaptionen i. d. R. nicht sehr schätze, da der Esprit welche den originalen Autor beim Schreiben erfüllen sollte, nicht einfach dupliziert werden kann. Es sei denn, der Kopist erkenne sich im Stoff selbst wieder und gehe darin wie in einem Flammenmeer auf.

Die Vorbehalte, welche rehla einbrachte, waren mir alsdann Bestätigung, dass mein Vorurteil nicht einfach aus der Luft gegriffen sein kann. Heute las ich nun noch Deine Antwort zu ihrem Kommentar, Deine Selbsteinschätzung, das Geknickt sein über diese Arbeit. Dies wiederum brachte mich nun in umgekehrte Opposition, vielleicht lösten dies Deine Worte aus: „Ich mein, das klingt doch einigermaßen bescheuert, oder?“ - Ich las sie nun doch und sei es nur, um mir zum Corpus Delicti eine differenzierte Meinung bilden zu können.

Desto tiefer ich in das Thema hineingezogen wurde, desto mehr gewann es an relativer Faszination. In der Ausgestaltung hat die Geschichte nicht zwingend Dein Kolorit, und doch ist Deine Schreibart unverkennbar vorhanden, das überschwängliche Deiner Figurenzeichnungen allerdings zurückgebunden. Wobei, wenn ich die Charaktere der beiden Protagonisten berücksichtige, sie authentisch auftreten. Bei markus hatte ich zum Original festgehalten, dass es mir wie ein Stück eines Adoleszenten erschien. Dies ist keine Negation, hat doch vergleichsweise Raymond Radiguet sein „Le diable au corps“ als siebzehnjähriger verfasst, und damit eine eindrückliche Figurenkonstellation erlaubt, wie sie hier auch auftritt. Dieses Gefühl, ein adoleszentes Werk zu lesen, war durch die Unbeholfenheit von Theo allgegenwärtig. Insgesamt ist die Rahmenhandlung zwar knapp, das Geschehen beinah skizzenhaft, und doch die Beziehung der beiden zueinander nachvollziehbar. Die Befindlichkeit von Leonie gibt dem Ganzen eine schräge Note, ihre vermeintlich präkognitive Fähigkeit, welche nicht zu Unrecht ihre Angst schürt, ist für die Rahmenhandlung unverzichtbar. Etwas mehr Feinarbeit an den Figuren, ein mehr spürbarer Austausch zwischen ihnen, der Liebende im Bann hält, wäre mir als Vertiefung denkbar.

Enttäuschend beinah ist der offene Ausgang der Geschichte. Dass sie keine zukunftsträchtige Beziehung aufbauen können, sieht der Mathematikstudent nach Gesichtspunkten der Logik wohl schon richtig, doch gäbe es da schon Variablen, die es so oder so ausklingen liessen.

Mein Vorurteil hat sich hier nicht zwingend bestätigt, da etwas von Dir Gewohntes mitschwang. Deine misanthrope Selbsteinschätzung des Geschriebenen musst Du mit gelingenden Retuschen jedoch selbst beheben. Denke einfach an Mozart, seine Auftragswerke, zu welchen er wahrscheinlich klare Rahmenvorgaben erhielt, erfüllten sich meist doch mit einem vollendeten Klang.

Und behebe den Schönheitsfehler in der Titelzeile, es ist ein Copywrite. :susp:

Schöne Grüsse

Anakreon

 
Team-Bossy a.D.
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Lieber offshore,

deine Vorlage ist nicht ganz einfach, aber der Romantikkram liegt dir ja. Von daher habe ich erstmal keine Bedenken, dass das völlig daneben gehen könnte. Das Timbre der Geschichte mag ich, aber den Schluss - den überhaupt nicht.

Da hat rehla Recht, wenn sie behauptet, dem Erzählten würde die Leidenschaft fehlen. Ich meine, wenn man jemanden wirklich liebt, also so richtig mit Herz und Seele und Immer-an-den-anderen-denken und Grinsen im Gesicht und deine Figur Theo resigniert schon komplett nach einigen kleinen Missverständnissen - wo käme denn da die Menschheit hin?

Erst wird dem Leser suggeriert, dass sich da zwei Seelen gefunden haben, so verschieden sie auch sein mögen, aber die Liebe, die ist stärker und lässt entweder Freiheiten zu, so dass beide damit leben können oder sie klebt die Liebenden so zusammen, dass beide nicht voneinander lassen können.

Dann bringst du zum Schluss wieder den mathematisch-denkenden Theo ins Rampenlicht (wie soll der nach diesen emotionalen Eindrücken denn überhaupt noch so denken können?) und machst den Deckel zu. (Deinen Zeitdruck lassen wir mal außen vor.)
Das tut der Geschichte im Fortlauf meiner Ansicht nach nicht gut. Da muss eine extremere Situation her oder ein grundsätzlich spitzerer Verlauf zum Ende hin. So kann ich Theos Reaktion nicht nachvollziehen.

Aber das könnte ja auch bewusst von dir so gedacht sein: Denn ein verhirnter Mathematiker reagiert ja nicht logisch.

Hier mal ein paar Details, die mir auffielen:


Plötzlich blickt sie zu ihm. Sie wirkt überrascht, runzelt die Stirn. Schnell wendet sich Theo ab, er spürt, wie er rot wird. Hat sie gemerkt, dass er sie betrachtet?

Als Einstieg finde ich diese Szene nicht so gelungen. Oder nicht gelungen formuliert. Vielleicht liegt das nur an dem Plötzlich ganz am Anfang. Da fühle ich mich als Leser, der nun noch gar nirgends angekommen ist, etwas fehl am Platz, irgendwo hereingeworfen. Ich meine, normalerweise beschreibt man doch erst irgendeinen Zustand, aber dann ändert sich plötzlich etwas. Wie soll sich denn etwas ändern, was noch gar nicht da war?


Dann steht die Frau vor ihm.
„Hi“, sagt sie.
In dem Moment von die Frau zu sprechen irritiert mich. Ich finde es unpassend. Schreib doch einfach sie.

Leonie raucht eine Zigarette, dämpft sie aus, um sich gleich darauf die nächste anzuzünden.
ausdämpfen? Noch nie gehört. Ich versteh zwar, was du sagen willst, aber diesen ureigenen Wiener Dialekt musst du ja nicht ausbreiten ;)


Aus den Tiefen der Tribüne wummert die Musik. Noch einmal Naptime, Theo liebt diesen Song.
Noch einmal Naptime, vermutlich als Zugabe, Theo liebt diesen Song (sonst wäre es doch komisch, wenn eine Band zweimal den gleichen Song spielt).

Dann schweigt sie minutenlang, sieht ihn dabei an.
Ich finde das immer etwas schwierig, wenn in solchen Zusammenhängen Zeitangaben gemacht werden.
Eleganter fände ich sowas wie: Dann schweigt sie eine geraume/längere Zeit ...


Sie beugt sich zu ihm, legt die Hände an sein Gesicht und küsst ihn sanft auf den Mund.
legt die Hände an seine Wangen


Ein Schönling. Ein Beau.
Das ist doch das Gleiche. Ich würde den Schönling streichen.


Theo kramt in seinem Kopf nach den Namen der Künstler, an die ihn die Bilder erinnern. Pechstein, Kirchner, Elvira Bach, Andreas Holzknecht fallen ihm ein.
Nein, das nehm' ich dem Jungspund nicht ab. Der verkriecht sich doch in Zahlenwerken, wie soll der sich mit Kunstgeschichte auskennen? Mit 19?

Als sie wiederkommt, trägt sie im linken Arm einen großen Bund Lilien, dutzende müssen das sein, und in der rechten Hand balanciert sie ein Kuchenblech.
Dutzende kann klein oder groß geschrieben werden. Ich fände es schöner, wenn es groß geschrieben wäre. Zumal, weil es separat steht.


Der Duft der Lilien hat den Geruch der Ölfarben überdeckt und mischt sich mit dem Duft von Leonies Geschlecht, mit dem Duft ihrer Haare, mit dem Duft ihrer Haut.
Bei aller Liebeslust, offshore. Lilien - und wenn es denn auch noch Duzende sind, stinken diese und zwar extrem (die hätte ich auf den Balkon gebracht) - da gibt es keine Melange deiner angeführten Düfte.

Sie lieben sich auf dem Bett, sie schlafen auf dem Bett, sie picknicken darauf.

Die Reihenfolge würde ich ändern: lieben, picknicken, schlafen (wenn es gar nicht mehr anders geht).

Leonie steckt Theo Dinge in den Mund, füttert ihn mit Leckerbissen.
Das liest sich sehr ... komisch, SM-mäßig? Oder soll das Füttern von Leckerbissen die Erklärung sein? Dann bitte im Satzbau nachbessern.


Er weiß, dass sie daran glaubt und mehr und mehr macht ihn das wütend. Er will sich nicht vorstellen müssen, dass Leonie so dumm sein könnte. Entnervt winkt er den Kellner zu sich und bestellt noch ein Bier.
Mir gefällt bei diesem Gedanke das Wort dumm nicht. Es hat nichts mit Dummheit zu tun, wenn sie andere Vorstellungen von Schicksal und Zufall hat. Naivität? Wäre das nicht passender?

Eine Krähe landet neben der Pistazie, pickt ein paar Mal mit dem Schnabel daran und flattert wieder davon.
Nimm' doch ein Spatz oder eine Möwe, denn eine Krähe, offshore, habe ich noch nie irgendwo an einer Promenade herumfliegen sehen. Oder gibt es so etwas in Wien an der Donau?

„Hm, die war dir wohl zu groß. Pech gehabt, armer kleiner Vogel. Na ja, dafür kannst du fliegen.“
Krähe- kleiner Vogel? Was fliegt denn Größeres bei dir rum?


Er ist verliebt, zum ersten Mal in seinem Leben. Und die Frau, die er liebt, ist verrückt.
Und er ist ein Arschloch. Ein hochbegabtes, intelligentes Oberarschloch. Ein Wunderkind. In Wahrheit ein dummer Junge, der von nichts eine Ahnung hat.
Sie haben beide nicht den Funken einer Chance, so viel ist ihm klar.

Also da packst du viel zu viel in einen Absatz rein.
Wenn du mir zuvor eine triftige Szene geliefert hättest, die unüberwindbare Felsspalten in ihrer Beziehung aufgezeigt hätte, hätte ich vielleicht mit:

Er ist verliebt, zum ersten Mal in seinem Leben. Und die Frau, die er liebt, ist verrückt. Sie haben beide nicht den Funken einer Chance, so viel ist ihm klar.

leben können.

Aber dazu hätte es davor viel mehr Streit oder für mich nachvollziehbare Differenzen gebraucht.

Im Original von Markus ist mir Leonie viel näher, bei deiner Version wird sie nicht so gut gezeichnet, das mal noch als Vergleich.

Sprachlich gefällt mir deine Geschichte gut. Es gibt ein paar Absätze, die sind richtig klasse, da freue ich mich, einige deiner passenden Dialoge zu lesen. Was irgendwie fehlt, ist der Rahmen. Das ganze ist für mich als Leser zum Ende hin nicht schlüssig. Ich frage mich, wie Theo so aus der Theorie heraus seine Liebe aufgeben kann. Das widerspricht meinem Weltbild von der schönsten Sache der Welt und hinterlässt ein schales Gefühl.

Ach ja, zum Schluss noch zum Anfang: der Titel ist für mich zu beliebig, der macht nicht neugierig.
Er dient ja nur dazu, die Form des Textes zu beschreiben. Das Gegenteil dazu wäre, würde man eine Handlung chronologisch in einem Rutsch schreiben, so ein Titel wie durchlaufender Handlungsstrang, wenn ich das damit etwas auf die Spitze treiben darf ;).

Liebe Grüße
bernadette

 
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Hab ich gerade ein Déjà-vu-Erlebnis?

Da bin ich aber erschossen, zum zwoten Mal! Bin doch auf'm Pfad nach Alzheim?

Okay, sagen wir mal, der "Mund" qualifiziere "ihn" näher - und wann hätt ich je was gegen schöneres gehabt?

Frohe Ostern und fröhliche Western nach einem Wort Wolfgang Neuss'!, vom

Friedel

 
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Hallo ernst

Drei Komma eins vier eins fünf neun zwei sechs fünf drei fünf acht neun sieben*… mit jeder Zahl, die er murmelt, nimmt seine Nervosität ab, bis …*neun neun neun neun neun*zählt er.

Das bedeutet, er kennt Pi mindestens bis zur 770. Stelle hinter dem Komma. Gut, er mag ein Wunderkind sein, aber diese Info würde ich dann trotzdem in den Text streuen, weil das schon außergewöhnlich ist. Auch mit der Nervosität - die nimmt stetig ab, und trotzdem ist er dann immer noch so aufgeregt? Scheint mir nicht die beste Methode zu sein für ihn, um mit der Aufregung umzugehen ;). Übrigens, nach den ersten fünf Neunen ist die nächste Zahl wieder eine 9 (und nein, ich kenne Pi nicht auswendig, aber diese Website hat er mir verraten).

Das ist so gut wie nichts, egal wovon. Natürlich kann es auch viel sein.

Finde ich prinzipiell gut, auch den Vergleich mit Sternen und Atomen, aber du solltest das anders formulieren, weil der erste Satz eine Behauptung aufstellt, der im zweiten gleich widersprochen wird.

„Jetzt schau nicht so. Ich hab von dir geträumt.“
„Ist nicht dein Ernst.“
„Ehrlich … ich kann’s dir sogar beweisen.“

Finde ich einen guten Abschluss für den ersten Abschnitt, das hat mich dann auch neugierig gemacht.

„Hast wohl keine Zeit dafür, was? Hast nur die Uni und deine Formeln im Kopf, stimmt‘s? … Als könnte man das Leben ausrechnen.“

Das geht schon verdammt schnell zwischen den beiden. Sie kennen sich erst seit wenigen Stunden (wenn überhaupt schon so lange), und Theo hat Leonie schon anvertraut, dass er noch nie eine Freundin hatte und noch nie verliebt war. Typischerweise ist das nicht das, was man gleich am Anfang erzählt. Und sie analysiert ihn hier auch schon so richtig - nur Formeln im Kopf, du willst das Leben ausrechnen etc. Ich fände es besser, wenn so etwas später käme, wenn das aus dem Dialog von Theo und Leonie erstmal selbst hervorginge - Leonie muss diese Info ja auch irgendwoher haben, Theo wird ihr das ja kaum so direkt erzählt haben.

„Was bist du im Sternzeichen, Theo?“
„Das meinst du jetzt aber nicht im Ernst.“
„Wieso?“
„Ich will nicht, dass du so was fragst.“*
„Warum nicht?“
„Weil es dumm ist.“

Hm, schon mutig von ihm. Da ist er total unerfahren, sehr aufgeregt, sitzt seiner Traumfrau gegenüber in wunderbarem Setting, und dann kommt er mit "Weil es dumm ist." Würde er wirklich riskieren, sie in diesem Augenblick zu verärgern? Vielleicht ist das ja seiner Egozentrik geschuldet, oder seinem unausgeprägten Sozialverhalten, aber das kommt für mich hier nicht so rüber. Hier wirkt er eher arrogant und besserwisserisch.

Sie lässt sich rücklings aufs Gras sinken und zieht Theo auf sich.

Geht mir hier auch zu schnell. Was findet sie denn an ihm so toll? Für mich als Leser ist Theo zu diesem Zeitpunkt noch sehr blass. Gut, es ist ein Copywrite, ich habe das Original nicht mehr genau im Kopf, aber man kennt die Figur ja schon daher. Aber wenn es kein Copywrite wäre - was wissen wir denn von Theo bis jetzt? Was wissen wir über die beiden? Sehr wenig, aber da haben sie direkt Sex in der Öffentlichkeit - das finde ich wenig glaubhaft.

Er starrt auf die Leinwand. Es stimmt, die Frau sieht aus wie Leonie und das Gesicht des Mannes ähnelt seinem eigenen.*
Aber das bedeutet doch nichts, denkt er. Ein Zufall. Leonie verhängt das Bild wieder mit dem Tuch.

Finde ich eine starke Szene. Überhaupt die ganze Geschichte mit den Bildern, dass sie ihn immer wieder gemalt hat, das finde ich die beste Idee des Textes. Das ist mysteriös, geheimnisvoll, auch ein wenig unheimlich.

„Lass uns zusammen träumen“, sagt Leonie.
„Wie meinst du das?“, fragt Theo.

Schade, dass du das mit den Träumen nicht weiter ausführst. Das geht danach irgendwie verloren, oder? So hängt es ein bisschen arg in der Luft - also entweder würde ich das weiter ausführen, oder streichen. Sonst ist es als bloße Referenz aufs Original etwas wenig.

Er tänzelt und boxt in die Luft
„Gebumst, gevögelt, gefickt.*Gefickt. Yeah, ich hab gefickt. Dreimal. Wahnsinn.“

Hm, na ja. Find ich jetzt ein etwas seltsames Verhalten für ein rational denkendes Mathe-Genie, aber vielleicht wird er hier ja auch schon von den Gefühlen überwältigt.

Tatsächlich ist Theo neunzehn. Er hat ihr am Abend nicht die Wahrheit gesagt. Einundzwanzig klingt besser, hat er sich gedacht, erwachsener. Er hasst es, wenn man ihn Wunderkind nennt, er kann es einfach nicht mehr hören.

Das kommt im Text noch zu wenig rüber, finde ich. Mal abgesehen vom Intro, wo er Pi vor sich hin murmelt, könnte das auch ein ganz normaler Junge sein. Ich sehe nicht, was ihn von anderen unterscheidet, was ihn so besonders macht. Auch dass er sich das Leben "ausrechnet" - woran erkenne ich als Leser das an der Figur?

Leonie steckt Theo Dinge in den Mund,

Da pflichte ich bernadette bei, das klingt sexuell anzüglicher, als du es an der Stelle wohl beabsichtigt hattest.

„He, das ist meine Lieblingsschokolade.“
„Ich weiß.“


„Träumst du noch von mir?“
„Nein. Warum auch? Jetzt bist du ja hier.“


„Heute musst du mir was zeigen, was ich nicht kenne, morgen zeig ich dir was, übermorgen bist wieder du dran, und so weiter.“ So lautet ihre Abmachung.

Die ersten beiden Dialoge finde ich zu beliebig, als dass man sie in eigene Absätze setzen müsste - den letzten viel besser. Da bekommt die Geschichte dann auch etwas Eigenes, das sind Stellen, wo es mich dann wirklich wieder interessiert, wie es weitergeht (ähnlich wie das Ende des ersten Absatzes). Davon bräuchte der Text mehr. Aber ähnlich wie bei "Lass uns gemeinsam träumen" bleibt dann auch dieser Vorschlag wieder in der Luft hängen. Gut, sie gehen in eine Galerie und ins Planetarium, aber das war es dann auch wieder. Schade, da hab ich mich beim Lesen dieser Stelle irgendwie auf "mehr" gefreut.

Das erste ist ein Portrait von ihm. Der Kopf füllt das gesamte Bild, das Gesicht mit groben Pinselstrichen wie hingehackt, kobaltblau, gelb, rot, ocker. Im Kerzenlicht scheint es, als würden sich die Augen bewegen.

Finde ich einen sehr guten Absatz. Wie schon gesagt, das ist eine tolle Idee, dass sie all die Bilder gemalt hat und jetzt vor ihm geheim halten will. Zwar lässt du auch das offen - letzten Endes erfährt man ja nicht, was es wirklich damit auf sich hat - aber an der Stelle finde ich es nicht so schlimm. Wäre natürlich schön gewesen, wenn es eine "Auflösung" gegeben hätte (bspw. sie stalkt ihn schon seit vielen Jahren oder so...). Ich bin jetzt nicht ganz sicher, wie du es verstanden haben möchtest - zunächst dachte ich, du willst das mit den Bildern absichtlich nicht auflösen, damit es eben geheimnisvoll und auch etwas romantisch bleibt. Dann hast du aber geschrieben, Leonie sei psychisch krank (was ich beim ersten Lesen des Textes so überhaupt nicht verstanden hatte) - also wohl doch eine Stalkerin?

Der Streit dann im Restaurant - es treffen da zwei unterschiedliche Ansichten zusammen bzgl. Schicksal und Zufall (etwas, was du auch in deinen Texten immer wieder gern thematisierst, ich mag das, weil ich das auch spannende Fragen finde). Das ist die einzige Stelle im Text, wo beide aufgrund ihrer unterschiedlichen Meinungen wirklich aneinandergeraten, und das führt dann auch gleich zum "Bruch". Das finde ich auch nicht so gut vorbereitet an der Stelle. Es war ja wirklich immer alles toll zwischen denen, drei Tage im Bett verbracht, total verliebt ... und jetzt, aus diesem Grund, sollen die auseinander gehen? Dabei sind es doch gerade auch unterschiedliche Ansichten in diesen Bereichen, die eine Beziehung bereichern können, wenn man darüber diskutieren und sich auch aneinander reiben kann. Es gibt ja auch kein "richtig" oder "falsch" hier, das sind philosophische Fragen, das muss den beiden doch auch klar sein.

Er ist verliebt, zum ersten Mal in seinem Leben. Und die Frau, die er liebt, ist verrückt.*
Und er ist ein Arschloch. Ein hochbegabtes, intelligentes Oberarschloch. Ein Wunderkind. In Wahrheit ein dummer Junge, der von nichts eine Ahnung hat.*
Sie haben beide nicht den Funken einer Chance, so viel ist ihm klar.

Ich weiß, du weißt es selbst - aber das muss natürlich aus dem Text hervorgehen. Das tut es für mich nicht. Weder, dass er ein Wunderkind ist, noch dass Leonie "verrückt" ist. Ich hab das nicht so gelesen, schon gar nicht das hier:

sondern sie ist obendrein ernsthaft psychisch krank.

Da musste ich erstmal schlucken, weil sich das so überhaupt nicht mit meinem Textverständnis gedeckt hat. Woran sollte man das festmachen? Daran, dass sie diese Bilder gemalt hat?

Du hast ja geschrieben, du bist mit dem Text überhaupt nicht zufrieden und so. "Misslungen" finde ich aber ein zu hartes Urteil. Da sind durchaus interessante Ansätze drin, auch tolle Ideen (hast du ja auch noch geschrieben, dass du das so siehst, und ich kann das nur bestätigen), das Problem ist einfach, dass viele davon ins Leere laufen. Ich denke, wenn du da nochmal rangehst und das ein wenig weiterführst (bspw. dieses "Lass uns zusammen träumen" oder "Jeder zeigt dem anderen etwas, das er noch nicht kennt"), dann wird der Plot sicherlich interessanter. Dann eben auch die Charaktere etwas mehr hervorheben: Er ein Wunderkind mit mangelndem Sozialverhalten, sie psychotisch. Da kannst du ruhig noch ne Schippe drauflegen und das anhand anderer Szenen zeigen (da ich selbst ja auch ein kleines Faible für Mathematik habe, würde mich interessieren, was du daraus machst). Dann könnte es auch etwas länger dauern, bis die beiden zusammenkommen - da könnten sich Konflikte schon andeuten, die dann am Ende auch zum Scheitern der Beziehung führen. So, in der jetzigen Form, geht alles halt etwas schnell.

Also ernst, wenn du den Text nochmal überarbeitest lese ich ihn auf jeden Fall nochmal. Denn auch hier gefällt mir dein Stil, der ist flüssig und zieht mich in die Geschichte.

Ach ja, und noch bei einem weiteren Punkt bin ich derselben Ansicht wie bernadette: Unbedingt nochmal den Titel überdenken :)

Viele Grüsse,
Schwups

 
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Anakreon, bernadette, Schwups

mir unter "Am Widerhaken" schrieb:
Es kann durchaus viel ungesagt bleiben, das wenige Gesagte allerdings muss in sich stimmig sein, damit man als Leser nicht dumm stirbt.
Äh, wie nennt man das, wenn man jemand anderem so was unter eine Geschichte schreibt und gleichzeitig bei der eigenen Geschichte diese Binse vollkommen außeracht lässt?
Hybris? Vermessenheit? Oder schlicht Blödheit? Hm.

An sich hab ich schon gestern mit meiner Antwort an Anakreon begonnen und auch mit der an bernadette, aber nachdem nun auch von Schwups noch ein Kommentar gekommen ist, der die Schwächen des Textes anspricht und quasi die Quintessenz aller Kritikpunkte darstellt, will ich meine Antworten (meine Rechtfertigungsversuche?) zusammenfassen.

So, das Angenehme gleich mal zu Beginn:

rehla schrieb:
Ich finde, das ist wie immer gut geschrieben.
Anakreon schrieb:
und doch ist Deine Schreibart unverkennbar vorhanden,
bernadette schrieb:
Sprachlich gefällt mir deine Geschichte gut. Es gibt ein paar Absätze, die sind richtig klasse, da freue ich mich, einige deiner passenden Dialoge zu lesen.
Schwups schrieb:
Denn auch hier gefällt mir dein Stil

Darüber freue ich mich natürlich, das ist mir wirklich wichtig. Ich glaube nämlich, dass ich unverhältnismäßig viel Arbeit in die sprachliche Gestaltung meiner Texte stecke.

So, und jetzt zum unangenehmen Teil:
Ich hab ja schon in meiner Antwort an rehla gesagt, dass ich mit der Geschichte überhaupt nicht zufrieden bin. Ja, und dafür, dass ich sie in dieser Form gepostet habe, könnte ich mir nachträglich echt in den Arsch beißen, bzw. mich verfluchen für meinen blöden Ehrgeiz, unbedingt die Deadline einhalten zu wollen. Aber weil immerhin ich es war, der die aktuelle Copywrite-Runde angezettelt hat, wollte ich halt nicht den Schwanz einziehen.
In Wahrheit ist ja diese ganze Copywrite-Idee nichts für mich, weil ich ja ganz genau weiß, dass sich meine Art zu schreiben überhaupt nicht mit Zeitdruck vereinbaren lässt. Ich habe ja nie so was wie ein Konzept, wenn ich beginne, ja, manchmal nicht einmal eine Idee, sondern aus einem oder zwei guten Sätzen entsteht mit Glück der nächste und so weiter, und so kann es schon mal passieren, dass ich stundenlang, abendelang an einer einzigen Szene herumtüftle, x-mal Worte umstelle oder austausche oder wegstreiche, anstatt am Plot weiterzuarbeiten. Und dann hab ich halt irgendwann ein paar fragmentarische Szenen, mit denen ich zwar stilistisch zufrieden bin, aber - wie in diesem Fall - nur noch einen Tag Zeit, um daraus eine Geschichte zusammenzumurksen.
Und da kann dann natürlich nix Gscheites dabei rausschauen …

Umso ärgerlicher, weil ihr alle, ganz besonders jetzt noch Schwups, haargenau die Schwächen angeführt habt, die mir selbst bewusst sind, all die Stellen, von denen mir klar war, dass sie so, wie sie jetzt sind, noch nicht funktionieren. Ja, teilweise decken sich eure Einwände fast aufs Wort mit dem, was ich mir selbst für eine etwaige Überarbeitung notiert habe. Zum Beispiel das:

Schwups schrieb:
Das geht schon verdammt schnell zwischen den beiden. Sie kennen sich erst seit wenigen Stunden (wenn überhaupt schon so lange), und Theo hat Leonie schon anvertraut, dass er noch nie eine Freundin hatte und noch nie verliebt war. Typischerweise ist das nicht das, was man gleich am Anfang erzählt. Und sie analysiert ihn hier auch schon so richtig - nur Formeln im Kopf, du willst das Leben ausrechnen etc. Ich fände es besser, wenn so etwas später käme, wenn das aus dem Dialog von Theo und Leonie erstmal selbst hervorginge - Leonie muss diese Info ja auch irgendwoher haben, Theo wird ihr das ja kaum so direkt erzählt haben.

Seit einer Stunde sitzen sie auf dem Rasen des Fußballplatzes und reden,

steht zwar zu Beginn dieser Szene, aber für den Leser heißt das in Wahrheit ja einmal gar nichts, weil er ja nicht wissen kann, dass ich mir das so als den klassischen Sich-kennenlernen-Smalltalk vorgestellt habe („Und was machst du so? Echt, du studierst? Und was? Wie alt bist du eigentlich?“ …bla bla bla, usw.)
Es gibt sogar einen Haufen Dialogzeilen zu dieser Szene, die ich dann aber nicht eingebaut habe, weil sie das Ganze zu sehr in die Länge gezogen hätten. Ich hoffte halt, dass es funktionieren könnte, an einer x-beliebigen Stelle in das Gespräch von Theo und Leonie einzusteigen, und wo dann auch klar ist, dass vieles schon vorher erwähnt worden sein muss.

Schwups schrieb:
Und sie analysiert ihn hier auch schon so richtig - nur Formeln im Kopf,
Leonie weiß zu dem Zeitpunkt ja schon, dass Theo Mathematik studiert. Ob es der Leser auch weiß?

Schwups schrieb:
Sie lässt sich rücklings aufs Gras sinken und zieht Theo auf sich.
Geht mir hier auch zu schnell. Was findet sie denn an ihm so toll?
Also es war mir schon klar, dass die Leser hier eventuell noch nicht erkannt haben können, dass Leonie in Theo „ihren Mann“ gefunden zu haben glaubt, den Mann, der schon jahrelang in ihren Träumen herumgeistert. Aber der Beweis dafür kommt ja dann gleich in der nächsten Szene, als Theo das Bild sieht.

Und das:

„Liebst du wen?“
„Du meine Güte. Ununterbrochen. Und immer die Falschen. Bis jetzt.“
Sie lässt sich rücklings aufs Gras sinken und zieht Theo auf sich.
... sollte natürlich auch ein Hinweis darauf sein.

Er tänzelt und boxt in die Luft
„Gebumst, gevögelt, gefickt. Gefickt. Yeah, ich hab gefickt. Dreimal. Wahnsinn.“
Hm, na ja. Find ich jetzt ein etwas seltsames Verhalten für ein rational denkendes Mathe-Genie, aber vielleicht wird er hier ja auch schon von den Gefühlen überwältigt.
Hm, na ja. Klingt jetzt vielleicht blöd, Schwups, aber ich muss dich das jetzt einfach fragen: Kannst du dich noch an den Morgen erinnern, nachdem du das erste Mal mit einer Frau geschlafen hast? (Bzw. mit einem Mann, ich kenn dich ja nicht so gut :)) Das allererste Mal in deinem Leben? Wie es dir da gegangen ist?
Also ich weiß noch genau, wie es mir damals gegangen ist und das ist verdamm lang her. Ich weiß noch, wie total neben der Rolle, euphorisiert, komplett gaga im Kopf ich war. Obwohl ich schon damals ein verdammt rationaler Hund war.

Schwups schrieb:
„Ich liebe Oliven“, sagt er.
„Ich weiß“, sagt Leonie.

„He, das ist meine Lieblingsschokolade.“
„Ich weiß.“

„Träumst du noch von mir?“
„Nein. Warum auch? Jetzt bist du ja hier.“

Die ersten beiden Dialoge finde ich zu beliebig, als dass man sie in eigene Absätze setzen müsste
Okay, die formale Gestaltung mag da vielleicht ein wenig artifiziell wirken, aber das Hervorheben als eigene Szene sollte die Bedeutung des Gesprochenen betonen. Leonie weiß wirklich sehr viel von Theo, woher auch immer.
Ob es so gelesen wird, weiß ich natürlich nicht.

Und apropos Szenen: ja, der Titel. Den mag außer mir vermutlich niemand.

Ganz zu Beginn war das der Arbeitstitel, also quasi der Titel als Programm, weil ja auch Markus' Original keinen durchgängigen Handlungsverlauf hat, sondern eher episodisch aufgebaut ist. Und von Anfang an plante ich, die Geschichte ebenfalls aus losen Szenen zusammenzusetzen.
Wie es dann ans Posten ging, hatte ich echt andere Sorgen, als mir über einen neuen Titel den Kopf zu zerbrechen und habe ihn kurzerhand beibehalten. Natürlich auch als eine Art billige Pointe, weil er so vollkommen aussagelos ist, also zumindest aussagelos in Bezug auf den Inhalt. Aber gleichzeitig beschreibt er halt perfekt die formale Struktur des Textes und kann, wenn man so will, auch als vorauseilender Rechtfertigungsversuch des Autors verstanden werden.

Aber bevor ich jetzt gar noch beginne, euch Leonies wahren Charakter zu erklären und meine Erläuterungen schließlich länger werden als die Geschichte selber, was ja immer ein ganz, ganz schlechtes Zeichen ist, will ich zum Ende kommen.
Und was würde da besser passen als dieser Absatz von Schwups?

Schwups schrieb:
Du hast ja geschrieben, du bist mit dem Text überhaupt nicht zufrieden und so. "Misslungen" finde ich aber ein zu hartes Urteil. Da sind durchaus interessante Ansätze drin, auch tolle Ideen (hast du ja auch noch geschrieben, dass du das so siehst, und ich kann das nur bestätigen), das Problem ist einfach, dass viele davon ins Leere laufen. Ich denke, wenn du da nochmal rangehst und das ein wenig weiterführst (bspw. dieses "Lass uns zusammen träumen" oder "Jeder zeigt dem anderen etwas, das er noch nicht kennt"), dann wird der Plot sicherlich interessanter. Dann eben auch die Charaktere etwas mehr hervorheben: Er ein Wunderkind mit mangelndem Sozialverhalten, sie psychotisch. Da kannst du ruhig noch ne Schippe drauflegen und das anhand anderer Szenen zeigen (da ich selbst ja auch ein kleines Faible für Mathematik habe*), würde mich interessieren, was du daraus machst). Dann könnte es auch etwas länger dauern, bis die beiden zusammenkommen - da könnten sich Konflikte schon andeuten, die dann am Ende auch zum Scheitern der Beziehung führen. So, in der jetzigen Form, geht alles halt etwas schnell.

Genau diese Ratschläge will ich beherzigen und mir die Geschichte noch einmal vornehmen, versprochen. Ihr alle nämlich habt mir das Gefühl gegeben, dass sie es wert sei.
Ganz lieben Dank für euer (teilweises) Lob und die vielen Vorschläge.


offshore

PS
Ich hab dich nicht vergessen, bernadette. Zu deinen vielen sprachlichen und stilistischen Anmerkungen schreib ich dir noch separat. Das schaff ich jetzt zeitlich nicht mehr.

*) Schwups
Das ist übrigens auch eine wirklich interessante und schön gemachte Seite zur Zahl Pi.

 
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Hallo Ernst,

ich hab die Geschichte schon beim Erscheinen gelesen, fand aber nicht die Zeit, etwas dazu zu schreiben. Habe die Kommentare nur überflogen, das Ende scheint einThema zu sein und das war es auch für mich. dazu sage ich nochher noch was
An die Originalgeschichte kann ich mich nur vage erinnern, die muss ich mir noch mal vornehmen.

INteressant finde ich den Grundaufbau, du verbindest einen verkopften Menschen und einen Künstler. Das gibt schon mal eine Menge Zündstoff. es zündelt auch zwischen den beiden und da sind wunderbare Szenen dabei. Die Mathematik kommt mir dabei allerdings etwas zu lasch daher, da würde ich mir in den Szenen mehr von wünschen. Lange Strecken habe ich da gar nichts von gespürt von dem rational Analytischem. Der Anfang mit Pi, der beleuchtete das so wunderbar.
das empfinde ich als Manko, davon ab lässt sich deine Geschichte wunderbar lesen, die Sprache ist eine Freude und kommt mit Witz und Biss daher.

Ich hab beim zweiten Lesen mal einige Stellen rausgepickt:

„Hm, weiß nicht … hat sich halt irgendwie noch nicht ergeben.“ Theo blickt an ihr vorbei in den Himmel.
„Da oben, siehst du? Das ist der Delphin. Das einzige Sternbild, das so aussieht, wie es heißt.“
„Jetzt lenk nicht ab … du hast gesagt, du bist einundzwanzig. Du lieber Himmel … und bist noch nie verliebt gewesen? Echt nicht?“
sehr schön, wie du hier die Verlegenheit einfängst.

„Was bist du im Sternzeichen, Theo?“
„Das meinst du jetzt aber nicht im Ernst.“
„Wieso?“
„Ich will nicht, dass du so was fragst.“
„Warum nicht?“
„Weil es dumm ist.“
„Ich bin nicht dumm, Theo.“
„Das hab ich doch nicht gesagt.“
du reitest in der Geschichte ganz schön auf der Dummheit rum. Mal ist sie dumm, mal ist er der Dumme. Und ob das an dieser Stelle wirklich passt. In Ordnung, er hat keine Erfahrungen mit Frauen. Aber da so brüsk zu reagieren? Dumm ist auch nicht das, was da wirklich passt. Ist es in seinen Augen nciht vielleicht unlogisch? Das würde viel eher passen. Man könnte da ja mit Wahrscheinlichkeit kommen, wie viele Sternenbilder gibt es auf wie viele Menschen, selbst mit Aszendeten verrechnet ergäbe das ba-ba-ba... Also so stell ich mit einen Wunderknaben eher vor ...


Jetzt möchte Theo wirklich am liebsten verschwinden. Er fühlt sich wie ein dummer Junge.
hier kommt dann gleich das Dumm zurück zu ihm. Beabsichtigt? Kommt sehr dicht. Und hier finde ich es auch wirklich passend. Klar, dass er sich so fühlt. Stimmig
Sie beugt sich zu ihm, legt die Hände an sein Gesicht und küsst ihn sanft auf den Mund.
an sein Gesicht, ja? Also ich bekomm da kein Bild.
„So ungefähr fühlt sich das an“, flüstert sie. Dann küsst sie ihn noch einmal.
Ohnmächtig wird Theo nicht, aber beinahe. Er verliert sich im Geschmack ihrer Lippen, er verirrt sich im Duft ihrer Haare, sein Mund erkundet ihr Gesicht, seine Hände suchen ihren Körper und sein Schwanz wird hart. Theo ist verliebt.
das ist wieder Großartig - dieser Gefühlscocktail, ich kann mich da sehr gut reinfühlen. Das ist so überschwänglich, na klar - dsas muss Liebe sein :D
„Und außerdem mag ich das nicht.“
„Was?“
„Wenn du ficken sagst.“
Sie steckt eine Hand unter die Decke und legt sie auf seinen Bauch.
„Willst du mich noch einmal ficken, Theo?“, haucht sie ihm ins Ohr.
meine Lieblingsstelle!
Als Theo erwacht, fühlt er sich großartig, ja, glücklich. Wie als Kind am Weihnachtsmorgen. Das also ist es, so fühlt sich das an. So seltsam, so aufregend. Oder träumt er doch? Nein, er ist wach. Aber noch will er die Augen nicht öffnen. Er schnuppert an seinen Fingern und augenblicklich regt sich sein Schwanz.
„Leonie und Theo, Theo und Leonie, Leonie und Theo, Theo und Leonie“, flüstert er vor sich hin. Er räkelt sich und öffnet die Augen.
„Leonie?“
Der Platz neben ihm ist leer.
Sein Blick fällt auf das verhängte Bild an der Wand gegenüber. Leonie und Theo? Er schüttelt den Kopf und steht auf.
„Leonie?“, ruft er. „Leonie?“
Das ist auch super gemacht. Da habe ich Angst um deinen Dummen Jungen bekommen, dass jetzt schon alles aus ist. An der richtigen Stelle platziert, ab hier schwingt das Zerbrechliche dauerhaft mit
„Ich liebe Oliven“, sagt er.
„Ich weiß“, sagt Leonie.


„He, das ist meine Lieblingsschokolade.“
„Ich weiß.“

ist das wichtig?
Also ich habe mich gefragt, woher sie das weiß. Das ist schon sehr penetrant. Zusätzlich durch die Hervorhebung, durch die Formatierung.
In meiner Wahrnehmung geht das zu sehr ins Surreale. Dass sie ihn kennt, dafür gibt er ja eine rationale Möglichkeit mit auf den Weg. Das ist stimmig für mich, aber das hier ... Hm
„Träumst du noch von mir?“
„Nein. Warum auch? Jetzt bist du ja hier.“
Sehr schön

Du weißt doch, dass ich dumm bin.“
Sie ist nicht dumm, sie ist anders als er, aber nicht dumm. Dass sich Theo manchmal nicht vorstellen kann, was in ihrem Kopf vorgeht, macht doch nichts, das ist nicht ungewöhnlich, sagt er sich. Sie kennen sich doch erst seit wenigen Tagen.
wieder dieses Rumreiten auf Dummheit. Ich find das zu plump für ihn
„Sag was, Theo. Bitte. Was Liebes.“
Theo starrt auf den trägen Fluss. Ihm ist, als wären seine Kiefer zusammengeschweißt.
„Hättest sie schälen müssen.“
„Was?“
„Jessas, Leonie! Die Pistazie für die Krähe. Bist du wirklich so dämlich?“
Sie schaut ihn fassungslos an.
super eingefangen
Und er ist ein Arschloch. Ein hochbegabtes, intelligentes Oberarschloch. Ein Wunderkind. In Wahrheit ein dummer Junge, der von nichts eine Ahnung hat.
Sie haben beide nicht den Funken einer Chance, so viel ist ihm klar.
würde er sich so reflektieren? Da schreibt mir zu sehr der Autor.
Naja und dann ist es auch vorbei. Da ziehst du dich in meiner Wahrnehmung zu einfach raus. SO ein bisschen nach oben ziehen dürftest du das Ganze schon noch.

Joah, sicherlich nicht dein stärkster Text, aber ich habe die Geschichte trotzdem sehr gerne gelesen, weil ich es einfach mag, wie du schreibst. Da ist noch zu feilen, klar, aber ich bin in einem Rutsch durch und mitgefühlt und -gebangt. Das ist eine Menge.

grüßlichst
weltenläufer

edit: INteresant fand ich in deinem Kom an ... öhm wenauchimmer, wie du eine Geschichte schreibst. Oder erstmal zu einer kommst. Immer wieder intzeresant, was für grundsätzlich unterschiedliche Ansätze es doch gibt. Mir tut ein Arschtritt hin und wieder ganz gut. Aber es kommt natürlich auf die Besohlung an :D

 
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bernadette schrieb:
Das Timbre der Geschichte mag ich, aber den Schluss - den überhaupt nicht.
Nun ja, bernadette, dass ich selbst die Geschichte für noch nicht richtig ausgereift hielt, als ich sie postete, weißt du ja mittlerweile, darum will ich jetzt auf die inhaltlichen Schwächen, die du anführst, gar nicht eingehen. Die sind mir ja alle bewusst.
Aber ich habe sowieso vor, die Geschichte noch einmal radikal zu überarbeiten. Nicht nur weil ich glaube, dass ich das markus einfach schuldig bin, sondern weil ich es auch schade um die vielen Ideen fände, die ich zur Geschichte noch im Kopf hab.

Jedenfalls fand ich es wieder toll, wie genau du gelesen hast und mit welch scharfem Blick du Unstimmigkeiten und kleine sprachliche Schwächen entdeckt hast. Und darauf will ich dir natürlich antworten:

Als Einstieg finde ich diese Szene nicht so gelungen. Oder nicht gelungen formuliert. Vielleicht liegt das nur an dem Plötzlich ganz am Anfang. Da fühle ich mich als Leser, der nun noch gar nirgends angekommen ist, etwas fehl am Platz, irgendwo hereingeworfen. Ich meine, normalerweise beschreibt man doch erst irgendeinen Zustand, aber dann ändert sich plötzlich etwas. Wie soll sich denn etwas ändern, was noch gar nicht da war?
Na ja, ich wollte unbedingt mit einem Blick direkt aus Theos Perspektive einsteigen. Das Setting, in dem er sich befindet, ist Theo in diesem Moment völlig gleichgültig, er hat ja nur Augen für die Frau, darum wollte ich es auch nicht den Lesern großartig beschreiben. Und in den nächsten Zeilen erschließt sich ja dann ohnehin sehr schnell, wo sie sich befinden. Also der Anfang gefällt mir nach wie vor, Ich glaub nicht, dass ich da noch mal groß was ändern werde.

Dann steht die Frau vor ihm.
„Hi“, sagt sie.
In dem Moment von die Frau zu sprechen irritiert mich. Ich finde es unpassend. Schreib doch einfach sie.
Da allerdings hast du vollkommen recht. Ich wollte einfach das zweimalige sie innerhalb von sechs Wörtern vermeiden. Ich hab‘s jetzt wieder geändert, und es klingt wirklich besser. Scheiß auf die Wortwiederholung.

Leonie raucht eine Zigarette, dämpft sie aus, um sich gleich darauf die nächste anzuzünden.
ausdämpfen? Noch nie gehört. Ich versteh zwar, was du sagen willst, aber diesen ureigenen Wiener Dialekt musst du ja nicht ausbreiten
„Eine Zigarette ausdämpfen“ ist bei uns kein Dialektausdruck, sondern einfach der gängige Begriff. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, den zu hinterfragen, genauso wenig wie, was weiß ich, ein Glas Wein einschenken oder eine Tür zuschlagen. Aber wenn es 90% der deutschsprachigen Leser nicht verstehen, muss ich es wohl umändern. Ja, aber in was überhaupt? Wie sagt ihr denn dazu? Ich weiß echt keine Alternative. Ausdingsbumsen? Hm.

Aus den Tiefen der Tribüne wummert die Musik. Noch einmal Naptime, Theo liebt diesen Song.
Noch einmal Naptime, vermutlich als Zugabe, Theo liebt diesen Song
(sonst wäre es doch komisch, wenn eine Band zweimal den gleichen Song spielt).
Also Theos Gedanken wäre das dann aber nicht. („Hä, wieso spielen sie das noch einmal? Ah, ist vermutlich die Zugabe.“)
Das ist einfach klar und sollte eigentlich auch den Lesern klar sein. Also das schreib ich sicher nicht dazu, weil es wie die Erklärung des Autors klingt.

Sie beugt sich zu ihm, legt die Hände an sein Gesicht und küsst ihn sanft auf den Mund.
legt die Hände an seine Wangen
Deinem Globmod-Kollegen weltenläufer hat das auch nicht gefallen. Ich hab’s jetzt ganz rausgestrichen. (Nach der Überarbeitung wird die Geschichte sowieso mehr als lang genug sein …)

Ein Schönling. Ein Beau.
Das ist doch das Gleiche. Ich würde den Schönling streichen.
Ach, du weißt doch, bernadette, wie sehr ich Redundanzen liebe.
Ich glaub ich lass es so, auch wenn ich dir nicht plausibel begründen kann, warum es mir gefällt.

Theo kramt in seinem Kopf nach den Namen der Künstler, an die ihn die Bilder erinnern. Pechstein, Kirchner, Elvira Bach, Andreas Holzknecht fallen ihm ein.
Nein, das nehm' ich dem Jungspund nicht ab. Der verkriecht sich doch in Zahlenwerken, wie soll der sich mit Kunstgeschichte auskennen? Mit 19?
Das wiederum wird unter Garantie rausfliegen. Das gefällt mir selber nimmer. Nicht, weil ich Theo nicht zutraue, zumindest ein bisschen Ahnung von Malerei zu haben, sondern weil es so nach affektiertem Namedropping klingt.
Aber mir erschien das als die einfachste Methode, um den Lesern einen Eindruck von Leonies Bildern zu vermitteln. (In einer früheren Fassung stand eh was anderes: „Teerstein, Kapellner, Elvira Fluss, Andreas Holzknecht“. Also quasi semifiktive Namen, die aber den einen oder anderen kunstaffinen Leser vielleicht hätten schmunzeln lassen, ein offshorescher metafiktionaler Witz sozusagen. Ich hab dann allerdings doch die echten Namen verwendet, weil ich fürchtete, dass ansonsten mancher Leser Theo für völlig bescheuert halten könnte.)

Dutzende kann klein oder groß geschrieben werden. Ich fände es schöner, wenn es groß geschrieben wäre. Zumal, weil es separat steht.
Für mein Gefühl bezieht es sich hier adjektivisch auf die Lilien im Satz davor. Mir gefällt es klein besser.

Bei aller Liebeslust, offshore. Lilien - und wenn es denn auch noch Dutzende sind, stinken diese und zwar extrem (die hätte ich auf den Balkon gebracht) - da gibt es keine Melange deiner angeführten Düfte.
Hmm …
Ehrlich, bernadette, auf die Gefahr hin, dass du mich jetzt für einen perversen Irren hältst, aber ich persönlich liebe den Duft von Lilien. Mehr kann ich dir da jetzt gar nicht dazu sagen.
(Vielleicht sollte ich im Kaffeekranz eine Leserumfrage starten?)

Sie lieben sich auf dem Bett, sie schlafen auf dem Bett, sie picknicken darauf.
Die Reihenfolge würde ich ändern: lieben, picknicken, schlafen (wenn es gar nicht mehr anders geht).
Tja, ist auch einer dieser Sätze, die ich x-mal variiert habe. So wie er jetzt dasteht, hat er für mich einfach die beste Rhythmik.

Das liest sich sehr ... komisch, SM-mäßig? Oder soll das Füttern von Leckerbissen die Erklärung sein? Dann bitte im Satzbau nachbessern.
Da hast wieder du Recht. Mir ist echt nicht aufgefallen, wie dämlich das klingt. Wird geändert.

Mir gefällt bei diesem Gedanke das Wort dumm nicht. Es hat nichts mit Dummheit zu tun, wenn sie andere Vorstellungen von Schicksal und Zufall hat. Naivität? Wäre das nicht passender?
Ein ähnlicher Einwand kam von weltenläufer.
Aber hier geht es schon um mehr als nur um die Wortwahl, das betrifft ja eigentlich schon die noch lange nicht gelungene Figurencharakteriserung. Und an der möchte ich ohnehin noch arbeiten.

Eine Krähe landet neben der Pistazie, pickt ein paar Mal mit dem Schnabel daran und flattert wieder davon.
Nimm' doch ein Spatz oder eine Möwe, denn eine Krähe, offshore, habe ich noch nie irgendwo an einer Promenade herumfliegen sehen. Oder gibt es so etwas in Wien an der Donau?
Tatsächlich sind in Wien, abgesehen von den Dohlen und den Saatkrähen, die nur zum Überwintern kommen, zwei Krähenarten ganzjährig heimisch, die Aaskrähe und die Nebelkrähe.
Natürlich hätte ich irgendeinen Vogel nehmen können, aber an der Krähe gefiel mir halt die, äh ... wie soll ich sagen, also diese quasi mystische Konnotation, die man mit ihr verknüpft. (Denk an die vielen Krähen, die z.B. in Märchen vorkommen.) Und das schien mir halt gut zu Leonies Zustand in dieser Szene zu passen. Okay, ich geb‘s zu, ist ziemlich verkopft …

„Hm, die war dir wohl zu groß. Pech gehabt, armer kleiner Vogel. Na ja, dafür kannst du fliegen.“
Krähe- kleiner Vogel? Was fliegt denn Größeres bei dir rum?
Nein, bernadette, das liest du falsch. Das soll ja kein präzises ornithologisches Attribut sein, sondern das sagt ja Leonie. So wie sie zu Theo „mein kleiner Dummkopf“ sagt. Ist im Grunde nur ein Kosename.

Ach ja, zum Schluss noch zum Anfang: der Titel ist für mich zu beliebig, der macht nicht neugierig.
Zum Titel hab ich ja auch schon was gesagt. Also der wird im Zuge der Überarbeitung sicherlich auch geändert werden.

Vielen Dank, bernadette für deine vielen Anregungen.

offshore.


Dich, weltenläufer, bitte ich noch um ein wenig Geduld.

 
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Hier kurz für Ausländer:

„Eine Zigarette ausdämpfen“ ist bei uns kein Dialektausdruck, sondern einfach der gängige Begriff.
Was ja im Umkehrschluss bedeutet, dass die Zigarette dampft ... ihr Özis habt ja schon komische Begriffe drauf ;)

In Deutschland drückt man eine Zigarette aus.
Oder man macht sie aus (ganz blöd, ich weiß, aber das sagen wir hier im Süddeutschen).

 
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bernadette schrieb:
Was ja im Umkehrschluss bedeutet, dass die Zigarette dampft ... ihr Özis habt ja schon komische Begriffe drauf
Ach ja?

In Deutschland drückt man eine Zigarette aus.
Und was bedeutet das im Umkehrschluss? :D

 
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weltenläufer schrieb:
Interessant finde ich den Grundaufbau, du verbindest einen verkopften Menschen und einen Künstler.
Danke fürs Lob, weltenläufer. Nur ist die Idee halt leider nicht auf meinem Mist gewachsen, die Figurenkonstellation hab ich ja annähernd 1:1 aus marcus’ Vorlage übernommen.

… und da sind wunderbare Szenen dabei.
Das allerdings geht auf mein Konto. Danke.

… lässt sich deine Geschichte wunderbar lesen, die Sprache ist eine Freude und kommt mit Witz und Biss daher.
Joah, sicherlich nicht dein stärkster Text, aber ich habe die Geschichte trotzdem sehr gerne gelesen, weil ich es einfach mag, wie du schreibst.
Und das auch.

du reitest in der Geschichte ganz schön auf der Dummheit rum. Mal ist sie dumm, mal ist er der Dumme. Und ob das an dieser Stelle wirklich passt. In Ordnung, er hat keine Erfahrungen mit Frauen. Aber da so brüsk zu reagieren? Dumm ist auch nicht das, was da wirklich passt. Ist es in seinen Augen nicht vielleicht unlogisch? Das würde viel eher passen. Man könnte da ja mit Wahrscheinlichkeit kommen, wie viele Sternenbilder gibt es auf wie viele Menschen, selbst mit Aszendenten verrechnet ergäbe das ba-ba-ba... Also so stell ich mir einen Wunderknaben eher vor ...
Na ja, und damit sprichst du auch schon die grundsätzlichen Schwächen des Textes an. Ich hab’s einfach nicht geschafft, die Komplexität, das gewaltige Potential, das in der Beziehung der beiden so gegensätzlichen Figuren zueinander steckt, wirklich auszuschöpfen. Und auch die Figuren selbst empfinde ich ja noch lange nicht als wirklich gelungen gezeichnet.
Theo mit seiner Obsession für Mathematik - überhaupt für alles Naturwissenschaftliche - und dazu seine völlige Unerfahrenheit mit Frauen, und daneben die exaltierte Leonie, von der man (Ich, der Autor? Der Leser? Theo? Sie selbst?) nicht recht weiß, ob ihre Träume, ihre Vorahnungen nur ihrem Hang zu esoterischem Denken entspringen, oder tatsächlich krankhaft psychotische Hirngespinste sind.
Ja, verdammt, da steckt noch so wahnsinnig viel drin … und tatsächlich hab ich ja noch einige Dialogfragmente in der Schublade und mittlerweile auch einige Ideen für einen neuen Schluss. Weil der jetzige Schluss, ja, der ist einfach nur hingemurkst. Der ist echt scheiße.

„Und außerdem mag ich das nicht.“
„Was?“
„Wenn du ficken sagst.“
Sie steckt eine Hand unter die Decke und legt sie auf seinen Bauch.
„Willst du mich noch einmal ficken, Theo?“, haucht sie ihm ins Ohr.
meine Lieblingsstelle!
Ja, meine auch. Und das fand ich schon deshalb witzig, weil du ja auch das gesagt hast:

edit: Interessant fand ich in deinem Kom an ... öhm wenauchimmer, wie du eine Geschichte schreibst. Oder erstmal zu einer kommst.
Weil genau diese Dialogszene nämlich war nicht nur die allererste, die ich sehr spontan unmittelbar nach dem Lesen von marcus' Text geschrieben, sondern auch die einzige, die ich aus dem ersten missglückten Entwurf gerettet habe. (Den ganzen Rest hab ich ja zerrissen, mit Benzin übergossen, angezündet, bin anschließend in der Asche herumgetrampelt. Ja, das war echt schlimm … also nicht das Vernichten, sondern der Text. Mann, der war echt schlecht.)
Jedenfalls hab ich um diese eine Szene herum eine Woche vor der Deadline noch einmal komplett von vorne begonnen.

Also insofern bin ich eh optimistisch, dass ich aus dem Ding noch eine wirklich gute Geschichte machen kann, auch weil sich der Aufbau aus Einzelszenen ja sehr gut dazu eignet, da und dort noch was einzufügen, ohne die ganze Struktur der bisherigen Geschichte über den Haufen zu werfen.
Und ohne den Zeitdruck eines drohenden Abgabetermins kann ich auch viel entspannter daran gehen. Momentan freue ich mich richtig drauf, mir die Story noch einmal vorzunehmen.
(Nur wird möglicherweise die arme rehla mit den Zähnen knirschen, weil sie auf die versprochene nächste Berggeschichte noch ein bisschen länger warten muss.)

Vielen Dank, weltenläufer, für deinen tollen Kommentar. Der ist mir (so wie die Komms der anderen) eine wirkliche Motivation, mich noch einmal an die Geschichte zu setzen.


offshore

PS
In meiner Antwort an bernadette hab ich irrtümlich ein Zitat von Schwups dir zugeschrieben, oder umgekehrt. Wie auch immer, ist nicht so schlimm, oder?

 
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Also insofern bin ich eh optimistisch, dass ich aus dem Ding noch eine wirklich gute Geschichte machen kann, auch weil sich der Aufbau aus Einzelszenen ja sehr gut dazu eignet, da und dort noch was einzufügen, ohne die ganze Struktur der bisherigen Geschichte über den Haufen zu werfen.

Also, jetzt komm auch noch ich. Und dein Zitat da oben, das unterschreib ich.
Ich hab die Kommentare nicht verfolgt, nur hin und wieder mal ein Bröckchen geschnappt. Ich weiß noch nicht mal mehr genau, was in Markus Geschichte genau passiert war, ich weiß nur, dass in der Geschichte hier das Potential zu einer wirklich verstörenden, vielleicht sogar zu einer wirklich richtig fiesen Horrorgeschichte steckt.

Am Anfang ist mir echt ganz unheimlich geworden, als ich bemerkte, dass die Leonie wirklich Bilder mit seinem Gesicht gemalt hat. Und das sofortige Besitzergrefen "Mein Mann", "Ich weiß" dieses ganze du gehörst jetzt mir - Zeug, also wenn mir das umgekehrt passieren würde, ich würde sofort abhauen, da saugt sich jemand in einen wie ein Succubus, da gibts nur noch Flucht. Aber ich bin auch ein paar Jährchen älter als dein Protagonist und er ist das erste Mal verliebt, der rafft das noch gar nicht, dass er da besessen wird, der ist auch noch glücklich über die neue Liebe und merkt die Gefahr nicht. Und dieses Besitzergreifende, aber auch seine anfängliche Naivität, das hast du alles hervorragend hingekriegt. Nur dann geht die Entwicklung zu schnell. Und das Ende einfach mit dem Verlassen und auch davor schon, wenn sie am Wasser sitzen und sie die Pistazie schmeißt, da bist du dann viel zu schnell und zu unentscheiden.

Ab hier klackerts für mich, ab da ist auf jeden Fall ein Wurm am beißen:

„Natürlich hab ich Angst. Von Tag zu Tag mehr.“
„Ich mach dir Angst, Leonie?“
„Also nein, nicht vor dir hab ich Angst, Theo, sondern … ach, ich weiß auch nicht. Dass du schon immer da warst. In meinem Kopf halt. Vor meinem Schicksal hab ich Angst, vor dem, was passieren wird. Und weil du mich jetzt gefunden hast.“
„Aber du hast doch mich angesprochen beim Konzert damals. Das war doch deine Entscheidung. Was hat denn das mit Schicksal zu tun?“

Ich denke mir, man muss sich ja auch überlegen, in welche Richtung die Geschichte gehen soll, tatsächlich seltsam? Dann ist Leonie aber auch nicht nur psychisch erkrankt, sondern dann spielt auch noch irgendeine andere merkwürdige Kraft eine Rolle, die eben, die für ihre Voraussicht, die sich in den Bildern zeigt, zuständig ist.
Oder es geht in Richung Thriller, dann stellt sich möglicherweise raus, dass das erste Biuld ein Zufall war, und sie die weiteren erst nach seinem Auftauchen gemalt hat, dann sollten die Bilder auch immer schlimmer und blutiger werden.
Und ob er sie dann verlässt oder im Streit totschlägt, das ist dann egal, aber für mich stimmt schon am Einbezug der Realität was nicht. Beziehungsweise, es wird nicht genutzt.
Dann kommt auch seine Veränderung zu kurz. Der Junge rafft ja irgendwann mal, dass das Verhältnis zwischen beiden nicht so supernormal ist. Da ist dann die Frage, solle er es merken und fliehen, oder soll er es immer noch nicht richtig merken und sich die Schuld an den Ereignissen geben? Im MOment gehts zu schnell und im Moment ist alles angelegt, aber dein wirkliches Thema ist nicht festgeklopft.

So, jetzt hör ich mal auf. Detailarbeit hab ich keine. Find ich auch unwichtig im Moment. Ich denke mir, du müsstest da einfach noch mal ran, die Geschichte hat noch keine Stringenz. Aber ist mir ehrlich gesagt wurscht, weil sie hat einen wunderbaren Beginn und sie hat einen Haufen Zündschnüre gelegt, du musst sie jetzt nur noch gekonnt verheddern und den Weg fürs Brennen etwas ausgestalten.
Oh Mann, ich hör jetzt wirklich besser auf.

Machs gut und lass dir die Sonne auf den Kopf scheinen.
Novak

 
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Hi ernst,

ich habs nicht ungern gelesen, soviel vorweg. Und ja, ich kann verstehen, dass du damit nicht ganz zufrieden bist ... rehla meinte, es fehle die Leidenschaft hier in der Geschichte - aber ich bin mir nicht sicher, da gab es ganz wunderbare Szenen - gerade in der ersten Hälfte der Story -, wie diese:

Ist sie eine Schönheit? Theo weiß es nicht zu sagen, ja, schön ist sie, aber da ist noch mehr an ihrer Erscheinung, irgendwas, wofür er keine Worte findet.

das fand ich schon sehr gut, den Satz habe ich bestimmt acht mal gelesen, wirklich. Also da sind schon Stellen - gerade in der ersten Hälfte -, da steckt Leidenschaft drin. Ich glaube, was dem Text hier einfach gefehlt hat, ist Zeit. Manchmal muss eine Geschichte gären, eine Zeit rumliegen, man hat eine erste, zweite Fassung geschrieben, aber die sind scheiße, und dann lernt man seine Figuren erst wirklich kennen und die Geschichte kommt so peu a peu - das, wie es jetzt hier steht, kommt mir eben noch nicht wie das Endprodukt vor, sondern wie fünfzig Prozent davor, nimm es mir nicht übel. Und das sage ich, weil ich deine anderen Geschichten alle kenne und weiß, wie hoch dein Niveau ist. Ich bin mir sicher, dass du daraus noch eine sehr gute Geschichte stricken kannst, gerade dieses Verlieben der beiden, da habe ich schon gespürt, dass du in der Sache drin warst - leider ist sie danach einfach von ihm besessen, er davon genervt, und dann kommt auch schon das Ende. Mir fehlt hier noch die große Emotion, die sonst in deinen Texten steckt und in jeder Zeile mitschwingt. Du hast mal ein Copywrite der Turmsprungtherapie geschrieben, das waren zwar auch für dich fremde Figuren, aber da war sehr viel Gefühl drin gesteckt, in dieser ersten Liebe. Das ist so etwas, was mir hier fehlt, was ich hier erst im Ansatz spüre; ich bin als Leser total dabei, als sie sich kennenlernen und er sein erstes Mal hat, dann bin ich noch halb dabei, als sie die restlichen Wochen im Bett verbringen, dann noch ein Viertel dabei, als sie das spinnen anfängt ... ich hoffe du verstehst, worauf ich hinaus will, ist gerade ein bisschen spät.

Das wird! Ich glaube irgendwie an den Text. Ich glaube, dass du, wenn du dir Zeit nimmst, dich wirklich in die Story vertiefen kannst, und was echt Gutes daraus schaffen kannst. Gerade als sie sich kennenlernen und verlieben, das hat mir sehr gut gefallen, das hast du drauf. Dann kommt die Phase, wo er rausfindet, dass sie Künstlerin ist und sie die ganze Zeit im Bett sind - da dürftest du nicht abbauen, da muss der Leser sich mit verlieben, und dann streust du langsam Konflikte und Hindernisse in ihre Beziehung, und brichst dem Leser langsam mit das Herz. Sie ist ein älterer, abergläubischer, einsamer, impulsiver Freigeist und er ein naiver, analytischer C3PO, das schreit doch nach Konflikt! :D

Oder wie wäre es, wenn du ihn durchdrehen lässt? Lass sie eine attraktive, faszinierende Frau sein, die ihn auf dem Konzert anspricht und ihm schöne Augen macht, so wie es jetzt schon dasteht - und er verliebt sich Hals über Kopf in sie, ist fasziniert von ihrer Art zu denken (die so gar nicht analytisch ist), sie lebt impulsiv, spontan, er muss immer alles vorplanen und ist eben so robotermäßig ... und sie hatte natürlich schon viele Liebhaber, das hat sie ihm ja erzählt ... er denkt den ganzen Tag an sie, und dann merkt er, dass sie anderen Männern auf der Straße Blicke zuwirft - oder hat er sich das nur eingebildet? Und dann entdeckt Theo diese geheimnisvollen Gemälde hinter dem Tuch, und darauf sind andere, nackte Männer, alles Männer, die mit ihr geschlafen haben, und Theo rechnet sich aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Mann und eine Frau ewig zusammenbleiben, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass er wieder eine wie sie findet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie ihn vergisst, weil sie nach ihm wieder zig andere Männer haben wird - und was ist die einzige Möglichkeit, wirklich für immer und ewig in ihrer Erinnerung zu bleiben? Sich vor ihr die Pulsadern aufschneiden, oder sie gleich mitnehmen ...

Hey, tut mir Leid, wenn das jetzt irgendwie scheiße rüberkommt, dass ich dir nen alternativen Plotvorschlag gemacht habe. Du hast bloß mal gemeint, dass dir Handlungen ausdenken oft am meisten Kopfzerbrechen bereitet, und vielleicht dient dir meine alternative Version ja als Inspiration!


Anmerkungen:

Drei Komma eins vier eins fünf neun zwei sechs fünf drei fünf acht neun sieben … mit jeder Zahl, die er murmelt, nimmt seine Nervosität ab, bis … neun neun neun neun neun zählt er. An dieser Stelle hört er immer auf.
Das fand ich super. Charakterisiert deinen Prot sehr schön am Anfang

„Liebst du wen?“
„Du meine Güte. Ununterbrochen. Und immer die Falschen.
:D Hat mir gefallen!

er verirrt sich im Duft ihrer Haare, sein Mund erkundet ihr Gesicht, seine Hände suchen ihren Körper und sein Schwanz wird hart. Theo ist verliebt.
Mhm ... der Schwanz kommt zweimal vor, glaube ich, und ich fand an beiden Stellen, dass es ein wenig den Erzählduktus bricht. Schwanz klingt für mich einfach sehr vulgär, so drückt sich der Erzähler sonst eigentlich gar nicht aus, zu platt für die sonst schöne und sensible Erzählstimme

In den letzten Wochen seiner Ferien sind sie täglich zusammen.
Den Satz könntest du dir überlegen, zu streichen. Man weiß als Leser ja schon, dass sie Tag und Nacht miteinander verbringen


Also Sprache und Dialoge sind top, gib dem Text noch bisschen Zeit und bleib dran.

Viele Grüße,
zigga

 
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Novak schrieb:
Ich denke mir, man muss sich ja auch überlegen, in welche Richtung die Geschichte gehen soll.

zigga schrieb:
Ich glaube, was dem Text hier einfach gefehlt hat, ist Zeit.

offshore schrieb:
Weil der jetzige Schluss, ja, der ist einfach nur hingemurkst. Der ist echt scheiße.
Nun ja, liebe Novak, lieber zigga, was kann ich euch sagen, was ich nicht schon weiter oben gesagt hätte?
Was viele andere offenbar zu motivieren scheint, Zeitdruck, ein Abgabetermin, eine Deadline, ist für mich der schiere Horror. Also nicht bei der Arbeit, aber halt beim Schreiben. Ich kann mir nicht einfach sagen: „Jetzt denk eine halbe Stunde nach, lass dir was einfallen und dann schreib das irgendwann nieder.“ Das geht einfach nicht. In Wahrheit sind all meine Geschichten ja nicht viel mehr als eine quasi aus sich selbst entstehende Aneinanderreihung von Wörtern und Sätzen. Das klingt jetzt bescheuert oder gar kokett, aber ich meine das ernst. Zum Beispiel kann ich nicht im Kopf eine Story einfach weiterspinnen, wenn ich den Text nicht vor mir habe. Und das schränkt mich natürlich schon sehr ein, weil auch wenn ich tagsüber während der Arbeit bisweilen den Kopf dafür freihätte, da komm ich einfach gedanklich nicht in die Geschichte rein. Ich muss leibhaftig vor dem Geschriebenen sitzen, darin hin und her lesen können, anders geht’s echt nicht. Und auf die Art verlier ich natürlich erst recht wieder Zeit, weil ich dann endlos an eigentlich fertigen Szenen herumbastle, mich furchtbar verzettele.
Kurz gesagt, meine Art zu schreiben ist schrecklich langsam und ineffizient.
So gesehen war es natürlich vollkommen hirnrissig, mich überhaupt auf dieses Copywrite einzulassen. Keine Ahnung, was ich mir damit beweisen wollte.

Aber egal. Es stecken ja auch jede Menge Komplimente in euren Kommentaren, vielen Dank dafür. Und die sehe ich als echten Ansporn, mir die Geschichte noch einmal vorzunehmen und sie zu vollenden, in aller Ruhe. Sie ist es wert, glaube ich. Weil in Ansätzen finde ich sie schon gut.

Novak schrieb:
ich weiß nur, dass in der Geschichte hier das Potential zu einer wirklich verstörenden, vielleicht sogar zu einer wirklich richtig fiesen Horrorgeschichte steckt.
Spontan wollte ich dir darauf natürlich antworten: Vergiss es, Novak.
Aber je länger ich darüber nachdenke … hm, so richtig fies und bös? Verstörend? Also Fliege würde mich dafür vermutlich lieben. Hmm …

Ganz vielen Dank euch beiden, für euer Lob, für eure Anmerkungen, für eure Arschtritte, na ja, für alles halt. Und dir, zigga, noch besonderen Dank für deine vielen Ideen zum Plot. Aber momentan hab ich eh schon eine ungefähre Ahnung, wo ich mit dem Ding hin will. (Aber vielleicht schreibst du ja irgendwann deine eigene Version der Leonie & Theo-Romanze. :D)

Ach ja, und dazu noch was, zigga:

zigga schrieb:
er verirrt sich im Duft ihrer Haare, sein Mund erkundet ihr Gesicht, seine Hände suchen ihren Körper und sein Schwanz wird hart. Theo ist verliebt.
Mhm ... der Schwanz kommt zweimal vor, glaube ich, und ich fand an beiden Stellen, dass es ein wenig den Erzählduktus bricht. Schwanz klingt für mich einfach sehr vulgär, so drückt sich der Erzähler sonst eigentlich gar nicht aus, zu platt für die sonst schöne und sensible Erzählstimme
Ich verstehe deinen Einwand. Ich bin mit der Wortwahl hier auch nicht wirklich zufrieden. Wieder einmal. Dasselbe Problem hatte ich ja schon in der Vinc & Elsie-Geschichte. Dort ging es um den Begriff Möse, und da kam‘s unter dem Text dann auch zu einer Diskussion über die Begriffswahl, wenn man erotische Szenen schreibt. Ist echt schwierig. Ich mein, mit einschlägigen Synonymen könnte man vermutlich Bände füllen, das Spektrum ist ja echt groß, es reicht von medizinischen Fachtermini über kindersprachliche Verniedlichungen bis hin zu richtig ordinären Schweinigeleien. Und darüber hinaus gibt‘s dann noch diese absurd blöden Wortschöpfungen auf Groschenheftniveau (Liebesspeer, et al). Aber genau in der Mitte dieser Skala fehlt es für mein Gefühl an ein paar … pff, wie soll ich sagen, na ja, an irgendwie unverfänglichen, quasi wertneutralen Begriffen.
Du hast keine Ahnung, zigga, was an der Stelle schon alles gestanden ist. Aber wer weiß, vielleicht küsst mich ja meine Muse noch mal. (by the way, feirefiz, eine Telefonrechnung wäre wieder zu bezahlen.)


offshore

 
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04.09.2013
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156

(Nur wird möglicherweise die arme @rehla mit den Zähnen knirschen, weil sie auf die versprochene nächste Berggeschichte noch ein bisschen länger warten muss.)

Ach was, Ernst, kein Thema. Ich seh das vollkommen locker.

Ich werde mir dann deine neue, überarbeitete Szenen-Geschichte ausdrucken, mich gemütlich mit einer Tasse Kaffee zurücklehnen und

die Blätter zerreißen, mit Benzin übergießen, anzünden und anschließend in der Asche herumtrampeln, bevor ich auch nur ein Wort gelesen habe.

So. :baddevil:

 
Seniors
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12.04.2007
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5.975

Aber hätt' denn Ähnliches an jenem 10. Mai unseligen Gedenkens irgendwelchen Nutzen gehabt? Und wer sollte die Rolle Erich Kästners übernehmen, der dem Geschehen zugeschaut hat,

liebe rehla?

 

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