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Theater

ViU

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30.03.2016
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Theater

Ein jeder kennt diese Art von Mädchen. Die Augen scheinen hell, doch Lider schließen sich scheu bei jeder Begegnung. Der Rücken ist gerade gestreckt, doch beugt er sich bei jedem Wort. Die Lippen lächeln rosig, doch erblassen sie bei jedem Zweifel traurig.

Das Theater ist aus. Schon seit 35 Minuten und 42 Sekunden. Und seit 35 Minuten und 42 Sekunden starrt er auf ihren Rücken. Diese zarten Flügelchen der leise tanzenden Schulterblätter, der zierliche Schwanenhals, die schmalen Schultern, die ein luftiges Taftkleid umspielt. Weinrot, so rot wie ihr Blut, wie ihre Lippen. Das Begehren in seinen Adern schnürt ihm beinahe die Kehle zu.

Seit 36 Minuten und 12 Sekunden verharrt er steif an das alte Mauerwerk gepresst. Die Hände suchen Halt im blanken Stein; Fingernägel kratzen Körnchen aus der Wand. Sie solle sich umdrehen! Ihm ihr schönes Gesicht zuwenden, mit ihren schlanken, weißen Beinen auf ihn zu stolzieren und einen zarten Kuss auf seine Wange hauchen. Doch sie lehnt nur schweigend an ihrem klapprigen Auto und raucht. Der Qualm verschleiert die Nacht und zieht weiße Schlieren im silbrigen Mondschein, dass sie wirkt wie ein erdfremder Engel.

Seit 37 Minuten und 2 Sekunden schnippt sie die Aschereste glühend auf das Pflaster. Dann den Stummel der verkohlten Zigarette. Sein Herz schlägt bis zum Hals, als er ein Stück aus dem Dunkel tritt, um sie nicht aus dem Blick zu verlieren. Ihr Haar wippt bei jedem Schritt um ihre Taille, als wolle es ihr ein neues Kleid formen.

Seit 38 Minuten und 21 Sekunden hat sie den Mann am Hause nicht bemerkt. Sie fühlt sich unbeobachtet, fühlt sich sicher. Vielleicht liegt es an der Zigarette, vielleicht am Mondschein, vielleicht am Theater.

Nach 39 Minuten und 10 Sekunden surrt der Motor auf und sie drückt das Gaspedal durch. Er taumelt aus dem Schatten. Betörte Sinne, lüsternes Grinsen, erhabener Blick, stürzt er vor die Reifen. Gummi quietscht. Ein Schrei. Hysterie. Er rappelt sich auf, schon umfassen die knochigen Finger seine Schultern. Ob er verletzt sei – mitnichten – ob es ihm gut ginge – bei ihrem Anblick– ob sie ihn heimbringen solle. Knirschend reißt ihr Kleid. Seine Hände pressen ihre Brüste gegeneinander, sein Becken drängt sich an ihres.

Vor 40 Minuten und 28 Sekunden wurde beschlossen, dem Engel die Unschuld zu rauben. Ihr feuchtes Blut ist kaum mehr als eine glänzende Spur im roten Taft. Die Wangen fahl, der Rücken krumm, die Lider schwer; nur der Lippenstift strahlt in ihrem toten Gesicht. Ein Engel gefallen aus Schönheit und Lust. Für 40 Minuten und 28 Sekunden – für nichts.

 

Hey ViU,

Mir hat deine Geschichte echt gut gefallen. Dein Stil ist klar und trotzdem interessant, inhaltlich authentisch und elaboriert, man merkt, dass du dir was dabei gedacht hast und bringst es auch verständlich rüber.

Ein paar Kleinigkeiten: Die Chronologie war für mich schwer eingängig. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann schreitet die Zeit in der Erzählung stetig fort, aber sobald statt "Seit..." auf einmal "Nach 39 Minuten...." kommt wird unklar, wo die Zeitreferenz (die Jetzt-Zeit) ist.

"Betörte Sinne, lüsternes Grinsen, erhabener Blick, stürzt er vor die Reifen." Hier stimmt es vom Satzbau nicht ganz, bei so assoziativen Aufzählungen (die ich gut finde!) muss man find ich immer aufpassen, dass es sich grammatikalisch trotzdem korrekt liest.

Viele Grüße, Francz

 

Hallo Francz,

danke für deine Kritik! Ich hatte gehofft, dass es verständlich ist, dass sich die Zeitangabe immer auf das Ende des Theaters bezieht und die Zeitangabe mit 'nach' eben auch die seit diesem Zeitpunkt vergangenen Minuten darstellt. Ich grübele seitdem ich deine Kritik gelesen habe (aber leider keine Zeit hatte, um zu antworten), inwieweit ich diese Stelle verändern könnte.

Nochmal danke,
ViU

 

Hola ViU,

es ist mir eine Ehre, eine Dame mit höchst anspruchsvollem Schreibstil begrüßen zu dürfen:
Willkommen im Klub!

Der Leser merkt von Anfang an Deine Freude am Schreiben, am Formulieren, am Modellieren. Dabei kommen schöne Sachen heraus. Mit gefällt das sehr gut – deswegen mein Post.
Deine Art zu schreiben spricht mich sehr an, denn sie ist kreativ. Es ist spürbar, dass Du viel Sorgfalt in diesen Text gesteckt hast, und das empfindet der Leser als Kompliment.
Wertschätzung auf Gegenseitigkeit.

Allerdings habe ich ein Problem mit den Zeitangaben.
Grundsätzlich würde ich fragen: Lohnt es, über dreißig Ziffern in einen dazu verhältnismäßig kurzen Text einzuarbeiten – und gewinnt die Geschichte dadurch?
Das mag eine schlimme Frage sein, denn jeder Autor liebt seinen Text und seine Ideen. Nur habe ich nicht unbedingt Lust, mir die ganzen Uhrzeiten zu merken, gar aufzuschreiben und zu vergleichen, um der vermuteten Pointe auf die Spur zu kommen.
Die vielen Zahlen dominieren den Text; aber ich brauche nicht viel Fantasie, mir vorzustellen, wie sehr ich Deine KG genossen hätte bei weniger ...

Auf jeden Fall freue ich mich auf Deine nächste Geschichte!
Schöne Grüße von
José

 

josefelipe

Dankeschön!
Ich glaube, ich habe die Zeiten selbst beim Überarbeiten immer überlesen und ignoriert, dass sie mir am Ende eigentlich gar nicht mehr aufgefallen sind. Das mag daran liegen, dass dieser Text über ein Jahr hinweg mit Korrekturen im dreimonatigen Abstand entstanden ist und ich ihn zum Ende hin nur noch Überfliegen konnte, weil er schon so fest in meinem Kopf verankert war, dass ich ihn fast auswendig aufsagen könnte.

Ich hoffe, ich enttäusche dich mit der nächsten KG nicht!
Liebe Grüße
ViU

 

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