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Wachs

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27.04.2026
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Wachs

Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs glänzt. Über beide Ohren strahlend kam Armin an diesem Nachmittag nach Hause, als er eine Kerze in der Hand trug. Er wollte sich gewiss sein, dass sie den Weg heim fände, und hielt sie deswegen die ganze Zeit fest. Erst als ich sie entgegennahm, ließ er sie los. Es war eine cremeweiße Kerze wie so viele andere. Doch Armin hatte ihr das Beliebige genommen, indem er ihr Farbe gab. Begeistert erzählte er: „Erst habe ich eine Form auf Papier gemalt. Dann habe ich es auf das Wachs gelegt und ausgeschnitten.“ Die Kerze war nicht länger gewöhnlich, auf ihr befand sich nun ein blaues Viereck und eine grüne Linie. Ganz unten, so weit wie möglich vom Docht entfernt, stand in goldenen Lettern sein Name geschrieben. „Damit jeder
noch weiß, dass ich die Kerze gemacht habe!“, sagte er. „Wenn wir sie anzünden, verschwindet mein Name zuletzt.“ Er war stolz auf sich, und ich auf ihn. „Ja, das war sehr klug.“, lobte ich ihn und zerzauste ihm seine Haare. Er kicherte und strich sie sich wieder glatt.
Ich fragte ihn, was das blaue Viereck und die grüne Linie darstellten, aber er gab mir jedes Mal eine andere Antwort. Also entschied ich mich dazu, mir selbst eine Interpretation zu überlegen. Der
grüne Strich ragte ein wenig aus dem blauen Viereck heraus, wie ein Schilf aus dem Wasser. Wie Armin aus den Kinderschuhen. Eines Tages wäre er groß, dachte ich. Mit diesem Gedanken wurde diese Kerze meine Hoffnung. Die guten Wünsche eines Vaters in Wachs gegossen. Nun hätte ich die Kerze nicht mehr anzünden können, ich hätte es nicht übers Herz gebracht. Einen Platz fand sie inmitten unserer Schrankwand als Mittelpunkt des Raumes. So wie Armin mein Mittelpunkt war, mit seinen blauen Augen und den dünnen Ärmchen und Beinchen, in seiner grünen Hose und mit weißblondem Haar.

Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs vergeht. Seit vierundzwanzig Jahren nun schon hatte eine Kerze ihren Platz inmitten der Schrankwand gefunden. Der Mittelpunkt, cremeweiß mit vereinzelter Farbe, kaum von Licht verblasst. Manchmal schien es so, als wäre sie das Einzige gewesen, was alle Farbe behalten hätte. Armin hatte sie als Kind gemacht. Ich weiß nicht mehr, ob es im Kindergarten oder in der Ferienfreizeit war. An jenem Nachmittag erzählte er voller Begeisterung, wie er erst Formen auf Papier gezeichnet, sie dann auf das Wachspapier gelegt und schließlich an der Schablone entlang das Musterstück ausgeschnitten hatte. Es war ein blaues Quadrat. Darunter ein grün geschwungener Strich. Manchmal behauptete Armin, es sei ein Grashalm, dann wieder
eine Seewelle und an anderen Tagen war es bloß eine Linie. Vermutlich war es sich selbst nicht ganz einig. Es war auch nicht wichtig. Dass die Kerze zwischen Schubladen und Regalen als Blickfang auserkoren wurde - das zählte. Nun zählte ich die Jahre, meine grauen Haare und die nie verblassten weißblonden Strähnen meines Sohnes.
Nicht nur einmal hatte ich darüber nachgedacht, die Kerze niederbrennen zu lassen. Ich hätte dabei zusehen können, wie eine Erinnerung ebenso wie er aus meinem Leben schwindet. Nur weniger plötzlich. Doch ich entschied mich dagegen, einem langen Leid beim Vergehen mit meiner Gegenwart zu beehren. Ebenso gegen das Abbrennen. Die Kerze blieb. Das blaue Quadrat meiner vergossenen Tränen und der grüne Strich verlorener Hoffnung blieben auch.
Ganz unten, so weit wie möglich vom Docht entfernt, hatte er in feinen Lettern seinen Namen geschrieben. Fünf goldene Klänge eines verklungenen Lebens. „Damit jeder noch weiß, dass ich die Kerze gemacht hab!“, begründete er es. Nie hätte ich geahnt, dass sie länger bei mir stehen würde, als er auf seinen Beinen.
Ich könnte genügend Gründe aufzählen, um diese Kerze zu hassen, aber es gelang mir nicht. Ich liebte diese Kerze. Ich liebte sie mit jeder Betrachtung und mit jedem flüchtigen Blick. Ich liebte sie, wenn ich mir auch nur gewiss sein konnte, dass sie einen Raum weiter an meinen Sohn erinnerte. Ich liebte diese Kerze, weil ich Armin liebte.

Neue Möbel, neue Tapete, altes Wachs. Es waren lange Jahre vergangen. Das Zimmer, in dem die Kerze seit Anbeginn stand, fiel der Zeit zum Opfer. Nicht aber die Erinnerung an Armin. Ich hatte versucht, mich abzulenken, die Trauer nicht jeden Platz einnehmen zu lassen. Der neue Anstrich war nur von kurzer Weile ein Trost. Die Kerze war der einzige Gegenstand, der überdauert hatte.
Noch immer die Mitte des Raumes, umgeben von all jenem, das mein Sohn nie hatte gekannt. Manchmal fragte ich mich, ob die Veränderung falsch war, dass ich der Kerze und damit Armin das
Vertraute nahm. Schnell aber kam ich zu der Ansicht, dass sich zwar alles änderte, ich aber für immer Vater bliebe und so die Kerze immer in diesem Zimmer.
Schon länger hatte ich das Wachs nicht mehr berührt, nur ab und an den Staub von ihm geblasen.
Das Quadrat war noch immer kobaltblau und die schmale Linie kräftig grün. Im Sonnenlicht glänzte jeder der fünf goldenen Letter seines Namens. An diesem Nachmittag konnte ich nicht widerstehen. Zwar war mir mit jeder Berührung unbehaglich zumute, befürchtete ich doch, etwas zerstören zu können, fühlte ich mich an jenem Tag aber so einsam, dass zwischen meine Fingerkuppe und Armins Kerze kein Gedanke passte.
Ich schloss die Augen, ließ meine Finger gleiten, das Leben ertastend, den Tod erahnend, die Sehnsucht ergeben. Auf einmal hielt ich inne, denn ich vernahm eine Delle. Ich sah auf und drehte die Kerze behutsam. Meine Augen mussten sich rot verfärbt haben, als mir die Tränen aufstiegen, flossen und fielen. Nicht aus Schmerz, vielmehr aus Liebe. Alleinige Liebe, die nichts mehr brauchte. Ich erinnerte mich daran, wie Armin sich weigerte, die Kerze aus der Hand zu geben und sie bis nach Hause in seinen Armen getragen hatte. Nun, all diese Jahre später, nach seinem Fortgang, war es mir, als sei er in diesem Moment kurz zurückgekehrt. Im Wachs hatte sich Armins Daumenabdruck abgezeichnet. Jede Rille war klar zu erkennen. Meine Hände hatten unzählige
Male gebraucht, um seine zu finden. Sonne fiel in den Raum, doch für mich warf sie keine Schatten. So fühlte sich die Umarmung meines Sohnes an.

 

Hallo @Jauzsoen ,

und herzlich willkommen hier im Forum. Ich mag die Grundidee deiner Geschichte, die Kerze, die unendliche Trauer des Vaters und die Erinnerung an den Sohn, besonders an diese Szene, als der Vater noch davon ausging, dass der Junge eines Tages groß sein wird. Der Schmerz des Vaters wird sehr spürbar und selbst der Trost am Ende, als er den Fingerabdruck seines Sohnes spürt ist so schmerzhaft. Also das Gefühl vermittelt sich schon sehr.

Nun hätte ich einiges anzumerken, vor allem Ideen, die das Ganze vielleicht noch ein bisschen dichter machen, auch Grammatikalisches oder auch Dinge, die mir besonders gut gefallen. Nimm dir davon, was du brauchen kannst. Und ich würde mich freuen, wenn du mir rückmelden könntest, was für dich davon Sinn macht und was nicht.

Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs glänzt.
Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs vergeht.
Neue Möbel, neue Tapete, altes Wachs.
Ich finde das wunderbar, wie du die drei Abschnitte mit so formal ähnlichen Aufzählungen einleitest.
Über beide Ohren strahlend kam Armin an diesem Nachmittag nach Hause, als er eine Kerze in der Hand trug. Er wollte sich gewiss sein, dass sie den Weg heim fände, und hielt sie deswegen die ganze Zeit fest. Erst als ich sie entgegennahm, ließ er sie los.
Hier erklärt der Vater noch einmal, warum der Sohn die Kerze den ganzen Weg nach Hause trägt. Ich fände es aber besser ohne den fetten Satz. Du hast das bereits so gut beschrieben, besonders auch, weil der Sohn die Kerze nur in die Hand des Vaters abgibt, denn schon hier zeigt sich das vertrauensvolle Verhältnis. Es ist als Leserin immer schöner, wenn ich selbst darauf komme und es nicht noch einmal erklärt kriege, was ich verstehen soll. Und im ersten Satz kommt mir das "als" ein bisschen holperig vor. Eine Möglichkeit: "Über beide Ohren strahlend kam Armin an diesem Nachmittag nach Hause. Er hielt eine Kerze fest in der Hand. Erst als ich sie entgegennahm, ließ er sie los."
Doch Armin hatte ihr das Beliebige genommen, indem er ihr Farbe gab.
Auch hier erklärt der Vater, was ich verstehen soll.
„Damit jeder
noch weiß, dass ich die Kerze gemacht habe!“, sagte er. „Wenn wir sie anzünden, verschwindet mein Name zuletzt.“ Er war stolz auf sich, und ich auf ihn. „Ja, das war sehr klug.“, lobte ich ihn und zerzauste ihm seine Haare. Er kicherte und strich sie sich wieder glatt.
Das finde ich wunderschön, auch die Idee dass sein Name ganz unten auf der Kerze steht. Dieses Kind ist so stolz auf sich und mit sich im Reinen, das ist wirklich berührend.
Ich fragte ihn, was das blaue Viereck und die grüne Linie darstellten, aber er gab mir jedes Mal eine andere Antwort. Also entschied ich mich dazu, mir selbst eine Interpretation zu überlegen.
Typisch für Kinder, den Erwachsenen irgendeine Antwort zu geben, um sie zufrieden zu machen.
Der
grüne Strich ragte ein wenig aus dem blauen Viereck heraus, wie ein Schilf aus dem Wasser. Wie Armin aus den Kinderschuhen. Eines Tages wäre er groß, dachte ich.
Schau doch noch einmal durch den ganzen Text. Da ist teilweise etwas mit der Formatierung schief gegangen, da sind Absätze, die da nicht hingehören. Um das zu korrigieren oder anderes zu verändern, gehe unter dem Text auf "bearbeiten", dann kannst du ihn im Fenster bearbeiten und gehst hinterher wieder auf "speichern".
"Wie Armin aus den Kinderschuhen", das ist süß.
So wie Armin mein Mittelpunkt war, mit seinen blauen Augen und den dünnen Ärmchen und Beinchen, in seiner grünen Hose und mit weißblondem Haar.
Der ganze Text wirkt so, als ob es kein anderes Leben gibt, als das zwischen Vater und Sohn. Das hat was sehr Hermetisches. Man erfährt gar nichts über die Mutter über das sonstige Leben des Vaters. Wahrscheinlich ist es einfach auch die Wahrheit, dass man niemals ganz über den Tod eines Kindes hinwegkommen kann. Aber es macht den Text auch ein bisschen künstlich.
Seit vierundzwanzig Jahren nun schon hatte eine Kerze ihren Platz inmitten der Schrankwand gefunden.
Im zweiten Abschnitt frage ich mich, ob es vielleicht Sinn machen würde, den in den Präsens zu setzen. Du hättest noch einen härteren Bruch zwischen damals und heute und würdest das häufige "hatte" vermeiden.
Armin hatte sie als Kind gemacht. Ich weiß nicht mehr, ob es im Kindergarten oder in der Ferienfreizeit war.
Hier spricht nun der Vater Jahre später, die Erinnerung verschwimmt ein wenig. Aber du hast damit auch einiges doppelt. Du erzählst es dem Leser zweimal.
Nun zählte ich die Jahre, meine grauen Haare und die nie verblassten weißblonden Strähnen meines Sohnes.
"nie verblassten weißblonden Strähnen meines Sohnes." hm, die verblassen doch nicht, oder?
Doch ich entschied mich dagegen, einem langen Leid beim Vergehen mit meiner Gegenwart zu beehren.
Dieser Satz kommt mir grammatikalisch falsch vor und deshalb verstehe ich ihn auch nicht so ganz.
„Damit jeder noch weiß, dass ich die Kerze gemacht hab!“, begründete er es.
Hier frage ich mich auch, warum du das noch einmal wiederholst.
Nie hätte ich geahnt, dass sie länger bei mir stehen würde, als er auf seinen Beinen.
Das finde ich total berührend, ein Satz, der wirklich trifft.
Das Zimmer, in dem die Kerze seit Anbeginn stand, fiel der Zeit zum Opfer.
Fiel zum Opfer? Das klingt sehr negativ. Veränderte sich? Ich finde das Bild übrigens sehr schön und treffend. Dass das Leben eben doch weitergegangen ist, neues gekommen ist, aber dass da immer noch diese tiefe Trauer und Erinnerung ist, symbolisiert durch die Kerze.
Noch immer die Mitte des Raumes, umgeben von all jenem, das mein Sohn nie hatte gekannt.
Auch hier ist die Grammatik seltsam.
Auf einmal hielt ich inne, denn ich vernahm eine Delle.
Vielleicht besser "ertastete" oder "spürte" ? Tolle Idee, übrigens mit der Delle. Da muss man echt schlucken.
Meine Augen mussten sich rot verfärbt haben, als mir die Tränen aufstiegen, flossen und fielen. Nicht aus Schmerz, vielmehr aus Liebe. Alleinige Liebe, die nichts mehr brauchte.
Möglicherweise ein Satz, der dir viel bedeutet. Aber das Bild, wie der Vater die Delle ertastet ist so stark. Auch seine Erinnerung danach. Ich würde den Satz weglassen, weil er wieder übererklärend ist.
Ich erinnerte mich daran, wie Armin sich weigerte, die Kerze aus der Hand zu geben und sie bis nach Hause in seinen Armen getragen hatte
Hier würde ich bei "Händen" bleiben, denn es geht ja um den Abdruck des Fingers.
Nun, all diese Jahre später, nach seinem Fortgang, war es mir, als sei er in diesem Moment kurz zurückgekehrt. Im Wachs hatte sich Armins Daumenabdruck abgezeichnet. Jede Rille war klar zu erkennen.
Ja, wunderschönes Bild.

Ich wünsche dir noch viel Spaß hier und möchte dich ausdrücklich ermutigen, auch unter anderen Texten zu kommentieren. Man lernt selber etwas dabei und man erhält auch mehr Kommentare.

Liebe Grüße von Chutney

P.S. Und noch ein Tip, weil ich gerade sehe, dass du noch eine Geschichte eingestellt hast. bleib erstmal bei einer und arbeite daran. Und wie gesagt, kommentiere andere.

 

Hallo Chutney,

zunächst möchte ich dir für deine ausführliche Rückmeldung danken.
Mit der Formatierung ist wirklich etwas schief gelaufen. Ich habe den Text aus meinem Open-Office-Dokument kopiert und ärgere mich über diese plötzlichen Absätze.

Selbst habe ich gar nicht bemerkt, wie oft ich mich wiederholt oder erklärt habe. Ich muss darauf vertrauen, dass der Leser oder die Leserin versteht, was ich zum Ausdruck bringen wollte und die Angst ertragen, dass ich falsch verstanden werden könnte.
Besonders das Weglassens des von dir markierten Satzes war für mich sehr hilfreich, weil ich nach deinem Vorschlag besagte Stelle noch einmal ohne den Satz gelesen habe und sie als kraftvoller empfand.

Auch muss ich meine verkrampfte Grammatik entwirren. Ich glaube, ich versuche zu viele Bilder gleichzeitig zu erschaffen und mit eigensinnigen Sätzen Wirkung entstehen zu lassen, doch liest es sich bloß wie eine holprige Steinanhäufung, unter dem der Schatten das Gras grau färbt.

Es ist gut, dass du mir mitgeteilt hast, welche Sätze dir besonders zusagten, weil ich so erfahre, welche Sätze wirken, welche verwirren und welche Zeilen die Geschichte tragen.

Ich habe mich in der Geschichte ausschließlich auf die väterliche Trauer konzentriert, weswegen es kein Drumherum und keine Mutter in der Geschichte gibt. Es wäre aber natürlich eine Überlegung wert, auch über diese Aspekte zu schreiben. Meine Befürchtung war, dass ich den Fokus verliere.

Noch einmal vielen Dank für deine liebe Begrüßung und vor allem für deine Anmerkungen. Wie du richtig erkannt hast, bin ich ein Neuer und muss mich erst noch zurechtfinden. Ich dachte, es könne nicht schaden, anderen mein Geschriebenes zu zeigen, um Fehler und Schwächen aufgezeigt zu bekommen. Denn nur so kann ich lernen und besser werden.

Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst und möchte, dass meine Geschichten so gut wie möglich sind.
Deswegen habe ich mich auch getraut, die zweite Geschichte zu zeigen, in der vermutlich noch mehr Schwächen zu lesen sind. Ich muss die Scham, dass eine Geschichte nicht gut genug ist, von mir stoßen, um mein Schreiben verbessern zu können, damit eine Geschichte (vielleicht) gut genug wird.

 

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