Was ist neu

Was bedeutet für euch Hochliteratur?

Hallo @The Dead Frog!

Da deine Frage zu Film/Serie in Bezug zur Hochliteratur mich interessiert hat, hab ich noch ein wenig nachgelesen. Zu Film/Fernsehen in Bezug auf Hochliteratur habe ich eigentlich nichts gefunden - hab aber auch nicht sehr geduldig gesucht. Ich bin aber auf eine Seite gestoßen, die recht gut die Unterscheidung von Hochliteratur, Populärliteratur und Trivialliteratur aufzeigt, ebenso wie die Probleme und Grenzen bei den Unterscheidungen. Hier der Link zur Seite:

https://www.br.de/alphalernen/faech...wurde und wird,und "Delectare" verbunden wird.

Ich habe mir die Beschreibung von Populärliteratur durchgelesen - das ist Literatur, die zum Zeitgeist passt, viel gelesen und gekauft wird, weil sie eben unterhält - was auch auf sehr viele Filme/Serien/Spiele zutrifft. Nehmen wir das Marvel-Universum (also hier mal nur die Filme, nicht die Comics - die kenne ich nicht gut genug, als dass ich mich trauen würde, ein Urteil zu fällen): Die Filme tragen recht wenig zur Gesellschaft bei, sind aber (momentan) bekannter als die Comics und werden super gerne gekauft. Ich traue mich sogar zu sagen, dass die Marvel-Filme heute bekannter unter den Leuten sind, als Faust - vor allem, wenn man nach dem Inhalt fragt und darum, worum es denn eigentlich geht. Aber ich weiß nicht, ob die Marvel-Filme deshalb als "Hochliteratur" gelten können, in dem Sinne, dass sie bereichernd sind oder die Gesellschaft prägen, indem sie neue Ideen liefern - prinzipiell schaut man die FIlme ja nur, weil sie einen unterhalten.
Übrigens habe ich beim Nachlesen auch gesehen, dass es ein eigenes Institut für Kino und FIlmkultur gibt - wurde 2000 gegründet; und da gibts dann auch "Schätze", also quasi Filme, die man gesehen haben muss usw. Das könnte quasi so das Gegenstück zur Hochliteratur sein, aber so genau habe ich mich da jetzt nicht eingelesen.

 

Hallo @The Dead Frog!

Mit den Marvelfilmen und dem Aufbruch hast du sicher recht, allerdings weiß ich nicht, ob gerade die verfilmten Comics vom Marvel-Universe zu den Graphic novels zählt - also die Vorlage. Bei Graphik Novels denke ich eher an so etwas wie V-wie Vendetta. Weil das ist so ein Comic der auch den Anspruch hat zu lehren, auf Probleme hinweist; sich mit Regierung und Volk beschäftigt, etc. während (da kann ich natürlich wieder nur von den Filmen reden, weil ich die Comics zu den marvelfilmen nicht gelesen habe) Marvel gerade bei der Verfilmung mehr wert auf Unterhaltung zu legen scheint. Darum habe ich es für mich als Populärliteratur eingeordnet, aber du sagst schon richtig, dass durch Marvel ein großer Aufbruch möglich wurde.

Ja, mit der Nachhaltigkeit sprichst du einen wichtigen Punkt an. Ich denke auch, dass es viel an der Menge liegt - so viele neue Bücher, Serien, Filme. Man liest/schaut legt es weg und hängt schon am nächsten. Das war früher sicher anders. Noch dazu kann man gar nicht mehr „up to date“ sein - nicht alles gelesen/gesehen haben, was gesellschaftlich relevant - oder wie wir heute sagen „gut“ ist. Und selbst wenn man vieles sieht, vermischen die Dinge sich, man weiß vielleicht gar nicht mehr so recht, wo man das eine gelesen und das andere gesehen hat, weil oft auch ähnliche Dinge zur gleichen Zeit bekannt werden. Und das schadet letzten Endes auch der Nachhaltigkeit von Werken.

Was deine These angeht: dem stimme ich zu. Ich will noch hinzufügen: ich finde das zeigt sich bei Harry Potter gut - dass der Ansatz, dass populärlitetatur die breite Masse erreicht bzw. Dafür geschrieben ist und so von hochliteratur unterschieden werden kann, veraltert ist, einfach auch deshalb, weil heutzutage der Zugang zu Medien aller Art leichter ist und sich oft ein „Hype“ ausbreitet, der letztlich dazu führen kann, dass auch Bücher/Serien, die für bestimmte Zielgruppen geschrieben wurden, in der Masse bekannt sind. Das zeigt sich unter anderem auch bei Fantasy (Harry Potter, Game of Thrones) oder bei Animes (Attack on Titan/Demon Slayer). Der Hype, der diese Werke begleitet hat, hat dazu geführt, dass die Relevanz von Fantasy bzw. auch Animes und damit auch Mittelalter, Japanische Kultur etc. gestiegen ist. Auch bei Vikings kann man das sagen - und natürlich wie du oben schon gesagt hast, war das auch bei Marvel mit den Comics der Fall. Fazit: Vieles, das früher vielleicht in kleinen Kreisen bekannt gewesen wäre und (nicht nur) darum leichter zur Hochliteratur gezählt worden wäre, wird heute zunächst als Populärliteratur gesehen. Vielleicht ist es daher besser, wenn man mehr auf den Inhalt schaut?

 
Zuletzt bearbeitet:

Allem voran wurde die Nische "Comics" aufgebrochen.

Comics waren nie eine Nische. Vielleicht in Deutschland, aber nicht in Frankreich, Belgien, Japan, den USA. Künstler wie Robert Crumb zum Beispiel waren schon seit den 1960ern Teil einer mehr oder weniger intellektuellen "Gegenbewegung", die sich mit dieser Kunstform ausgedrückt hat; das waren dann allerdings keine Superhelden in Stretch. Oder Japaner wie Yoshiharu Tsuge, die schon in den späten 50ern klassische Geschichten erzählt haben. Nur weil wir hier in Deutschland jahrelang YPS-Hefte und Superheldenschund gelesen haben, muss das in anderen Kulturen nicht genauso sein.

Warum fragt man sich so etwas eigentlich: Was ist Hochliteratur? Mit welcher Motivation? Und wer legt fest, was Hochliteratur ist? Wer legitimiert das dann? Irgendwelche Professoren? Germanisten? Literaten? Kritiker? Mit welchen Kriterien wird da gearbeitet? Sind das harte Faktoren oder doch eher weiche? Kann sich das auch wieder ändern? Was ist mit all den vergessenen Autoren, die heute kein Mensch mehr liest, die aber doch Klassiker verfasst haben; sind die auf einmal nicht mehr gültig? Bei solchen Fragestellungen schwingt immer etws Dünkelhaftes mit. Der eine ist arriviert und ein Klassiker, der andere darf da aber nicht mitspielen, aus welchen Gründen auch immer. Wer legt schlussendlich diese Qualitäten fest? Diese scharfe Trennlinie zwischen Hochliteratur und Trivialem, ähnlich wie U und E Musik, das ist so eine sehr deutsche Angelegenheit. In den USA ist das etwas anderes; ist es ein gutes Buch?, wäre da eher die Frage. Nun kann man sagen, die USA hat nicht so eine lange kulturelle Tradition, aber selbstverständlich werden dort auch Klassiker anerkannt, die eine Allgemeingültigkeit haben, nur ist das System an sich viel durchlässiger. Das Publikum geht anders mit solchen Fragen um: nun ist es so, dass Europäer auch oft die Nase rümpfen und monieren, dass die "Amerikaner an sich" ja gar keinen Geschmack haben, was natürlich elitär und auch reichlich dumm ist. Aber das geht in die ähnliche Richtung:

Ich will sozial ja nur soweit aufsteigen, dass Leute mich verstehen, wenn ich auf den Satz „Du siehst aber jung aus.“ mit „Ich hab ein Portrait im Dachboden, das für mich altert.“ antworte.
Da geht es um Distinktion. "Wie, du verstehst das Meme nicht?", sagt ja: Du kennst diesen Klassiker nicht, du bist nicht ausreichend gebildet, du gehörst nicht dazu. Du kennst das betreffende Buch um das es hier geht gar nicht, hahaha, du Dummkopf! Lies das erstmal, dann nehme ich dich ernst. Das ist Klassismus in Reinform. Ein paar Typen, die glauben, sie wissen genau Bescheid, ernennen irgendwelche Werke, die sie für wichtig und richtig halten, in den Status der Hochliteratur und alle anderen müssen das abnicken. Es ist eine elitäre Veranstaltung, wie die ganze Kunstwelt eine ist.

Was ich eigentlich sagen will: Man sollte all diesen Legitimationssystemen nicht zu viel Glauben und Beachtung schenken, weil man sonst eben diesen Systeme ihre Macht verleiht. Man sollte sich fragen: cui bono? Wem nutzt eine solche Unterscheidung, wer hat etwas von diesem Herrschaftswissen, wer darf diese Entscheidungen fällen, was Hochliteratur und was trivial ist, und was hat er davon? Weil worum geht es hier? Es geht doch um eine persönliche Richtschnur; was sind denn individuelle Klassiker? Die individuelle "Hochliteratur", die mir etwas über eine Person sagt, und die nicht über eine imaginäre Qualitätslinie entschieden wird? Ich kann sagen, Susan E. Hinton war sicher bedeutender in ihrer Wirkung auf mich als Günter Grass. Ich habe auch sonst kaum Klassiker gelesen; weil ich da nie den Sinn drin gesehen habe, aber das bin nur ich. Sicher gibt es Bücher, in die man mehr investieren muss, durch die man sich durcharbeitet, und das aus unterschiedlichsten Gründen, aber das müssen nicht die hochliterarischen Klassiker sein. Man sollte Bücher lesen, weil man der Überzeugung ist, dass sie einen persönlich bereichern, unabhängig davon, was irgendein Kritiker sagt, wie die Meinung da ausffällt.

 

Hey @jimmysalaryman!

Nachdem ich deinen Beitrag gelesen habe, denke ich, dass Hochliteratur echt sowas ist, über das man ewig diskutieren könnte - und wenn man dann noch andere Kulturen in Betracht zieht und wissenschaftliche Werke oder auch die Bücher von Stephen Hawking, usw. dann wird man ja gar nicht mehr fertig. Letztenendes ist es ja auch sehr subjektiv, was "unterhaltend und lehrreich" ist. Und ja, als ich das Meme gesehen habe, hab ich auch erstmal den Kopf geschüttelt. Ich mein, ja, ich fand's irgendwo witzig, aber grundsätzlich ist es, wie du sagst und ich sympathisiere da auch sehr stark mit @Ronnie - ich habe mich damals durch die Leseliste für die Deutschmatura durchgequält. Faust habe ich "gerne gelesen", wenn man das so sagen darf, nicht wegen dem Stil - ehrlich gesagt, hasse ich den Stil - sondern wegen der Geschichte. Ich bin ja ein riesiger Fan vom Teufel (und das hört sich verdammt falsch an, darum sage ich dazu: im literarischen Sinne). Ich hab auch nur Dorian Gray von Oscar Wilde gelesen, aber nur, weil meine Aufgabe für die Matura darin bestand, dass ich die beiden Werke miteinander vergleiche. Von Kafka habe ich nur "Die Wandlung" (ich hoffe, so heißt das Buch) gelesen und danach habe ich nie wieder etwas von ihm angefasst. Nicht weil es mich nicht interessiert hat - sondern weil es mich verstört und traurig gemacht hat. Was natürlich für das Buch spricht, aber mir ging's danach nicht sonderlich gut (übertrieben gesagt). ^^" Und ich glaube dann bin ich schon fast fertig mit den Klassikern, die ich "freiwillig" gelesen habe - dann gab's noch das Schulzeugs ... Sachen die man halt lesen musste. Texte, die sehr hochgelobt wurden, für Dinge, die ich nicht verstanden habe - da war so ein Buch das hieß, die schwarze Spinne oder so, da hab ich mich durchgequält- so richtig und ich lese verdammt gerne und fast alles, was man mir vor die Nase setzt, aber das Buch fand ich fast so schlimm wie das Parfüm. Es gibt halt Sachen, die holen einen nicht ab und das ist auch gut so. Wäre ja echt langweilig, wenn wir alle die gleichen Geschmäcker teilten. Ich glaube ja wirklich, dass "Hochliteratur" veraltet ist. Nicht in dem Sinne, dass man die Werke nicht mehr lesen kann, sondern in dem Sinne, dass wir in einer Zeit leben, in der wir größtenteils frei bestimmen können, was wir wollen, was uns bewegt und was wir als "gut genug", "lehrreich genug" oder "wertvoll genug" empfinden, um es weiterzuempfehlen.
Und ich merke, dass ich schon wieder viel zu viel plaudere, es tut mir furchtbar leid. Ich rede gerne.

LG Luzifermortus

 

@The Dead Frog

Ist ein wenig widersprüchlich. Einerseits sagst du, Comics als kulturelle Errungenschaft wären international eine Ausnahme, bringst dann aber laufend Beispiele für das Gegenteil; Mickey Mouse kennt man ja wirklich überall. Im Grunde habe ich ja genau das gesagt: Comics sind bestenfalls in Deutschland noch nicht so lange anerkannt, aber nur weil wir Teutonen erst seit zwanzig Jahren wissen, was eine "Graphic Novel" ist oder irgendwelche spitzfindigen Typen diesen Begriff geprägt haben, eben aus diesem Grund, damit sie Leute, die vorher Comics für proletarischen Schund gehalten haben, jetzt auch daran partizipieren können, heißt das eben nicht, dass diese Situation allgemeingültig ist. In den USA haben Comics schon immer eine größere Rolle gespielt, insgesamt auch in der Kunst, die dort durchlässiger ist, siehe Lowbrow etc.

Ich weiß jetzt auch nicht, was Marvel oder DC mit Nerdkultur zu tun haben sollte; das sind doch Superheldencomics, oder? Oder reden wir aneinander vorbei? Meintest du das, was daran anschließt? Ich erinnere mich, als die ersten LOTR-Filme kamen, dass die Mittelaltermärkte plötzlich aus dem Boden sprießten wie Pilze und alle aussehen wollten wie Frodo und ein riesiges Gewese darum gemacht wurde: meintest du diese Art von Fandom? Das kann sein, dafür bin ich einfach zu alt, um so etwas zu wissen, aber ja, ich könnte es mir vorstellen.

Weil es Spaß macht, die verschiedenen Meinung von den verschiedensten Leuten dazu zu lesen. Von "Du findest Thomas Mann doof? DU SIMPEL!" Bis "und was ist mit den Comics?". Ich find es klasse.
Die Frage war natürlich rhetorisch gemeint; nicht du persönlich warst gemeint, sondern eher die Gesellschaft an sich, im Sinne von: Wieso spielt diese Distinktion eine Rolle? Warum muss man überhaupt in Hochkultur und Trivial oder Populärkultur trennen? Und warum ist das vor allem in bestimmten Ländern so? Warum müssen wir in U und E unterscheiden, wo liegt da der Sinn? Das sind eher so Meta-Fragen, die mich interessieren.

 

Um da mal methodisch reinzugrätschen: Comics sind kein literarisches Genre, sondern ein eigenes Medium, angesiedelt zwischen Film und reiner Textliteratur. Unter den Comics gibt es hochanspruchsvolle und triviale, erfolglose und Bestseller.

Und - ja: In manchen Ländern ist die Comickultur ausgeprägter als in anderen, so wie die Rezeption anderer Medien auch: Es gibt weltbekannte Filmfestivals in Cannes und Venedig, aber keine in Bratislava oder Ulan Bator.

Das hilft aber, so denke ich, bei der Betrachtung von "Hochliteratur" beides nicht wirklich weiter.

Zurück zum Thema, und jetzt dürft wieder ihr ...

 

Das interessante ist, dass der Begriff der „Hochliteratur“ existiert und wir alle etwas damit verbinden. Wir also davon ausgehen, dass es überhaupt so etwas wie Hochliteratur gibt. Warum eigentlich?

Vielleicht auch nur, weil man das uns einmal eingetrichert hat. Vermutlich würden die meisten Goethe und Co. dazuzählen. Daher u. U. die provokative These, dass Hochliteratur das ist, was Lehrer/innen und Kultusministerien dafür halten. Ob das aber auch ein Qualitätssiegel ist, ist dann eine andere Frage. ?

 

Ich denke, der Ausgangspunkt ist, dass der Text Bedeutung hat, die über das reine Unterhaltungsvergnügen hinaus geht. Texte, die einem wichtig sind, weil sie was in einem auslösen, einen Denkprozess oder eine emotionale Reaktion. Texte, an die man sich noch lange erinnert, die man nach Jahren nochmal rausziehen kann und erneut lesen.

Genau diese bedeutenden Texte versuchen nicht nur wir schlichten Leser_innen, sondern vermutlich auch die Lehrer_innen und sonstige Menschen, die Schullektüren auswählen und Lesebücher zusammenstellen, herauszufinden.

Das schließt nicht aus, dass Texte im Kanon landen, bei denen sich der Schreiberling wohl nie erwartet hat, dass sie mal Abiturprüfungsstoff werden könnten - ich denke da an Wolfgang Herrndorf und "Tschick" - und andere, wo die Begeisterung angestaubter Germanist_innen vielleicht länger vorhält als bei den jungen Leuten, die sie als Pflichtlektüre vorgesetzt bekommen ...

 

Texte, die einem wichtig sind, weil sie was in einem auslösen, einen Denkprozess oder eine emotionale Reaktion
Die einem wichtig sind. Die DIR also wichtig sind. Da gehe ich mit. Ist dann halt der individuelle Kanon.

Genau diese bedeutenden Texte versuchen nicht nur wir schlichten Leser_innen, sondern vermutlich auch die Lehrer_innen und sonstige Menschen, die Schullektüren auswählen und Lesebücher zusammenstellen, herauszufinden.
Es ist schön, wenn du dich und deinen Geschmack als schlicht bezeichnest. Ich denke jedoch, das sollte jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

Tja, die eigentliche Frage ist dann ja: Wer entscheidet, was in den Kanon gehört? Rudyard Kipling hat mal den Nobelpreis für Literatur gewonnen, ich denke, man könnte behaupten, er habe Hoch oder Weltliteratur verfasst. Heute gilt er vielen als imperialistischer Snob der in den Giftschrank gehört. Da wird kein Wort über die Qualität seines Werks verloren. Ich glaube, das hat auch viel mit Wiederholung zu tun; mein Vater sagt, Goethe ist der heiße Scheiß, sein Vater sagte das, seine Lehrer sagen das, meine Lehrer sagen das, Denis Scheck sagt das, ich denke, es muss also stimmen. Das hat auch etwas mit Konformität zu tun, wie ich finde - mit dem allgemeingültigen Kanon einherzugehen ist immer eine sichere Sache, man fällt nie aus der Rolle, man eckt nicht an, und es ist auch eine Erkennungsmerkmal: Ah, sie haben auch die Klassiker gelesen!, das ist die gleiche Scheiße wie bei allen anderen Dingen, die sich die herrschende Klasse als Distinktionsmerkmal auserkoren hat. Ich behaupte auch, nur ein absolut geringer Prozentsatz der Leute, die behaupten, sie haben Krieg und Frieden oder Moby Dick gelesen, haben es auch tatsächlich gelesen. Da geht es um etwas anderes, es ist eine Art unsichtbare Mitgliedschaft zu einem Club der Erlauchten. Literatur ist eben vor allen Dingen eine Sache des Bildungsbürgertums.

 

Texte, die einem wichtig sind, weil sie was in einem auslösen, einen Denkprozess oder eine emotionale Reaktion

Nun, das kann aber auch Unterhaltungsliteratur leisten. 50 Shades of Grey und auch Twilight (ersteres ist übrigens Fanfiction vom letzteren) haben in mir Denkprozesse ausgelöst. Nämlich darüber, warum ein prähistorisches Frauenbild gerade weibliche Leser:innen so anspricht. Die Bücher gar zu Bestsellern macht.

Dagegen hat so manches Buch in der Schulzeit allenfalls Ärger über die verschwendete Lebenszeit ausgelöst, allem voran „Tom Jones“.

 

Natürlich muss die Einschätzung eine subjektive sein. Es wird nie so etwas wie eine naturwissenschaftliche Definition geben können (Hochliteraturfaktor = Fremdwortdichte mal Satzlänge plus die durchschnittliche Tiefe der Stirnrunzeln des Feuilletonchefs der FAZ beim Lesen?).

Auch Einmütigkeit wird man (gottlob!) nie erzielen. Wie stets, wenn es um die Betrachtung von Kunst geht: Ist das noch Punk oder schon Kitsch? So retro, dass es schon wieder originell ist? usw. usf.

Und an @Maedy zugegeben: Bei den Reaktionen, die ein hochliterarisches Buch in mir auslöst, dachte ich jetzt nicht als erstes an ein zorniges "wie kann man diesen Scheiß nur gut finden".

Ich würde aber auch noch unterscheiden zwischen gutfinden und als hochliterarisch anerkennen. Das sind - wenigstens bei mir - zwei Paar Stiefel.

Es gibt Bücher, die sind trivial / Schund / reine Unterhaltung und ich mag sie nicht, weil sie mir zu schlicht / holzschnittartig / doof sind: Rosamunde Pilcher, 50 shades of Dingsis, all diese Vampirschmachtfetzen ...

Es gibt Bücher, die würde ich nie als große Literatur bezeichnen, aber ich lass mich von ihnen trotzdem gern berieseln: John Grisham ist so einer. Meine "guilty pleasures".

Es gibt Bücher, die finde ich (in unterschiedlichem Enthusiasmus) gut und anspruchsvoll (ach, guckt einfach in die Topwertungen meiner Leselisten),

Und es gibt Bücher, deren Qualität ich von ferne anerkenne, die mir aber zu hoch oder zu abseitig sind, als dass ich sie genießen könnte. Thomas Manns 'Doktor Faustus' etwa oder 'Ulysses' von James Joyce. Bin ich zu doof dafür.

Und dann, ganz am Ende, sind da ein paar Bücher, die ich nicht gut finde, aber auch nicht glaube, dass ich zu schlicht gestrickt bin, um sie zu verstehen und wo ich nicht nachvollziehen kann, warum andere die hochloben. Mir fällt aus der letzten Zeit spontan 'Schau heimwärts, Engel' an; oder auch Bücher, die zu ihrer Zeit Bedeutung gehabt haben mögen, die sich heute aber nicht mehr nachvollziehen lässt (Heinrich Böll wäre da so ein Kandidat für mich).

 
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Meine "guilty pleasures".
Ist so ein Begriff, den ich mir abgewöhnt habe, weil er Scham und Schuld impliziert. Ich höre fiesen 80er Jahre Hair-Metal und schäme mich null dafür. Warum auch? In wessen Augen macht mich das zu einem schlechteren Menschen und sind das dann Menschen, mit denen ich mich abgeben wollen würde?

Hochliteratur oder allgemein: Hochkultur ist doch ein Begriff der Abgrenzung. Etwas ist Hochkultur oder eben nicht. Ich glaube, alle suchen nach einem möglichst objektiven Kriterium, was es aber eben nicht zu geben scheint. Uns Reich-Ranicki meinte mal lapidar: es geht um Sprache. Näher ausgeführt hat er das aber nicht. Ich glaube, die Aufrechterhaltung dieses Begriffes ist für viele einfach unfassbar wichtig: das Fölitang lebt davon, "Geschmack" zu machen, ihn zu verbreiten. Das ist täglich Brot der Kritiker. Die sind also erstmal daran interessiert, diesen Begriff am Leben zu erhalten. Neben den offensichtlichen Kandidaten, die immer genannt werden wie Ulysses oder Moby Dick oder irgendwas von Goethe sind es dann nach und nach Bücher, die der Kritik irgendwann mal in irgendeiner Weise wichtig erschienen. Für Böll interessiert sich heute keine Sau mehr, er gilt als Relikt der alten Republik. Dieser wird im Kanon ersetzt durch irgendeinen anderen Autoren. Eben eine zeitgeistige Erscheinung. Übrigens ist es doch auch so, dass Kritiker sowieso das in den Romanen lesen, was sie selbst lesen wollen. Da fehlt jegliche Trennschärfe. Jetzt ist es aber so, dass Literatur gerade eine totale Basisdemokratisierung erfährt: Lulu, 16, liest ein Buch und fotografiert es neben einem Heißgetränk, schreibt ein paar Zeilen und lädt das dann bei Instagram hoch: Lulu_liest. Daniel Kehlmann sagte dazu mal verächtlich: Auch Lieschen Müller darf jetzt eine Meinung zu meinen Büchern haben. Eklatant fällt es dann auf, wenn auf amazon oder ähnlichen Portalen die Lesermeinungen konträr zur Kritik stehen. Ich glaube, solche Begriff sind vor allem Worthülsen geworden, die eine fast schon metaphysische Bedeutung transportieren soll. Man kann das auch in der Gegenwartsliteratur beobachten, wie viele Autoren versuchen, eine gewisse Gravität mit ihren Stoffen zu erreichen, so vielleicht Welt oder Hochliteratur versuchen zu simulieren: das ist ja ein ewiger Themenkreis, der sich ähnelt: Verlust, Tod, Familie, irgendwas mit Nazis. Da kommen dann oft bedeutungsschwangere Bücher bei rum, die man nur liest, wenn man dafür bezahlt wird.

Also, long story short, das sind wohl so Diskussionen um einen ominösen Inhalt, wie wir festgestellt haben. Ich glaube auch, jeder möchte so dringend wissen (oder viele), was nun Hochliteratur genau ist, damit sie eben nicht dumm dastehen, wenn andere sie darauf aufmerksam machen, dass sie ja bestenfalls nur "guilty pleasures" lesen. Denn so oder so, es ist ja immer eine Wertung.

 
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Hallo @jimmysalaryman!

Ich muss ein klein wenig nörgeln, es tut mir leid, ich kann nicht anders:

Hochliteratur oder allgemein: Hochkultur ist doch ein Begriff der Abgrenzung. Etwas ist Hochkultur oder eben nicht. Ich glaube, alle suchen nach einem möglichst objektiven Kriterium, was es aber eben nicht zu geben scheint.
Ich bin bei dir, wenn es darum geht, dass es schwer ist Begriffe wie Hochliteratur oder auch Hochkultur zu definieren und ja, es stimmt sicherlich, dass Begriffe wie Hochliteratur (Hochkultur ja eher seltener, weil man sich - soweit meine Erfahrung - da eher die Hochkulturen der Antike vorstellt) als eine Abgrenzung verwendet um selbst besser darzustehen: "Ich lese ja nur richtige Literatur, mit dem trivialen Zeugs lass mich ja in Ruhe..." - so in die Richtung.

Aber jetzt kommt das große "aber": Begriffe sind erstmals dafür da, um Dinge voneinander abzugrenzen. Es geht ja darum, Dinge zu kategorisieren bzw. letztenendes auch darum, Dinge voneinander unterscheiden zu können. Ich denke, dass der Begriff "Hochliteratur" schon irgendwo seine Berechtigung hat - auch wenn er keine genauen Grenzen hat. Tatsächlich ist es so, dass viele Begriffe keine klaren Grenzen haben - du musst dir dafür nur Gemüse und Obst anschauen und wie viele Botaniker leidenschaftlich damit beschäftigt sind darüber zu streiten, welche Pflanze jetzt wegen welchen Merkmalen welcher Gruppe zugehörig ist. Oder wann jetzt das Mittelalter endet und die Neuzeit anfängt und und und... Sowohl dort als auch bei dem Begriff der Hochliteratur sucht man einer Möglichkeit der Abgrenzung. Mir ist klar, dass es dir hier um eine Form der gesellschaftlichen Abgrenzung geht (ich hoffe, ich missverstehe dich hierbei nicht und lege dir keine Worte in den Mund). Das ist ja auch etwas, das ich bei meinem ersten Eintrag hier schon bemängelt habe, nur glaube ich, dass das das ist, was die Gesellschaft eben mit dem Begriff Hochliteratur macht - das ist falsch verstandene Abgrenzung. Ich denke, dass es in der Abgrenzung von Begriffen wie Hochkultur darum geht, dass man so objektiv wie möglich "Eigenschaften" bzw. "Kriterien findet, die eben nicht auf subjektiven Empfindungen beruhen. Was natürlich schwer ist, weil wir alle von unserer Subjektivität beeinflusst sind. Wenn es nun - und das steht zumindest bei den Definitionen von Hochliteratur dabei, die ich gefunden habe - so ist, dass Hochliteratur sich dadurch auszeichnet, dass sie unterhält und lehrt, dann ist das eine Abgrenzung zu Literatur die nur lehrt (wie beispielssweise ein Buch über die historischen Zusammenhänge im zweiten Weltkrieg) und eine Abgrenzung zur Literatur, die nur unterhält (wie beispielsweise der kleine Eisbär). Nun kann aber noch immer jemand kommen und sagen: Mich hat das Buch über die historischen Zusammenhänge aber auch unterhalten und ein anderer kann kommen und sagen: Nein also, der kleine Eisbär war schon eine lehrreiche Geschichte über Freundschaft. Meiner Meinung nach liegt darin die Schwierigkeit der Definition.

Dass es gesellschaftlich so ist, dass Menschen sich mit "Hochliteratur schmücken", ist zwar dumm, aber ich glaube nicht, dass das die Schwierigkeit in der Begriffsfindung ausmacht. Es ist eher die Sache an sich. Außer im naturwissenschafltichen Bereich (und selbst da stoßt man heutzutage öfter an Grenzen) scheint es fast unmöglich, Begriffe klar zu definieren und dennoch ist es notwendig, eine gewisse Abgrenzung vorzunehmen - so schwammig sie auch sein mag, ich vergleiche das immer gerne mit sogenannten "Richtlinien". Gemüse ist weniger süß als Obst. Das Mittelalter endet so ca. um Luther und Hochliteratur sollte lehrreich und unterhaltsam sein und dazu auch eine möglichst-hübsche Sprache enthalten. Ja, ist schwammig, aber es gibt irgendwie doch einen Rahmen her und innerhalb dieses Rahmens - sowie an seinen Grenzen kann man sich bewegen.

Was das Erinnern oder Nicht-Erinnern der Dinge innerhalb eines Begriffes angeht - in Bezug auf vergessene Autoren/Werke - das sehe ich recht unproblematisch und zwar in dem Sinne, dass auch Ereignisse, die im Rahmen des Begriffes Mittelalter stattgefunden haben, aber vergessen wurden, weiterhin zum Mittelalter gehören. Ebenso wie vergessene Pflanzen weiterhin in die Gattung fallen, der man sie auf Grund bestimmter Merkmale zuordnen kann.

Wer den Anspruch erhebt, klar definieren zu können, was Hochliteratur ist, in dem Sinne, dass er den Anspruch erhebt, alle Werke ausklammern zu können, die nicht dazu gehören, der hat nicht verstanden wie derartige Begriffe funktionieren. Wer glaubt, dass er ein besserer Mensch ist, weil er nur Goethe, Schiller und Shakespeare liest, der ist menschlich sowieso unterm Hund und damit - zumindest mir - die Zeit nicht wert.

Ist so ein Begriff, den ich mir abgewöhnt habe, weil er Scham und Schuld impliziert. Ich höre fiesen 80er Jahre Hair-Metal und schäme mich null dafür. Warum auch? In wessen Augen macht mich das zu einem schlechteren Menschen und sind das dann Menschen, mit denen ich mich abgeben wollen würde?

Wegen "Guilty Pleasures" - da musst ich aus zwei Gründen lachen. Zum einen, weil ich selbst eine Playlist habe, die so heißt und zum anderen, weil ich auch ein kleiner Metal-Head bin. In meiner "Guilty Pleasures"-Liste findet man aber kein einziges Metall-Lied, sondern eher die Dinge, die man mir nicht zutrauen würde. ;) Ich schäme mich nicht wirklich für die Liste, sondern fand es nur witzig, sie so zu nennen.

 
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Hallo @Nico Levin!


Ich denke, der Ausgangspunkt ist, dass der Text Bedeutung hat, die über das reine Unterhaltungsvergnügen hinaus geht. Texte, die einem wichtig sind, weil sie was in einem auslösen, einen Denkprozess oder eine emotionale Reaktion. Texte, an die man sich noch lange erinnert, die man nach Jahren nochmal rausziehen kann und erneut lesen.

Ich würde hier sogar einen Schritt weiter gehen und sagen, dass es nicht nur um Texte geht, die einem wichtig sind, sondern um Texte, die über einen längeren Zeitraum immer wieder mehrere Menschengruppen bewegt und/oder geprägt haben. Dazu können Dinge zählen, die sich in der Kultur verewigt haben (wie etwa die Gretchenfrage oder auch die platonische Liebe) oder aber Texte, die schulisch (teilweise über mehrere Generationen hinweg) von mehreren unterschiedlichen Instanzen als lehrreich eingestuft werden - ist noch immer "subjektiv", aber eben nicht mehr ganz so sehr auf ein Individuum beschränkt. Dazu zählen wohl auch Werke wie "Die Welle" oder auch "Die Kinder vom Bahnhofszoo". Bücher, die sich mit Themen beschäftigen, die immer gesellschaftlich relevant sein werden. Also so viel zur Auswahl der Schulliteratur, die unter Klassiker fällt. Ob diese "Schulliteratur-Klassiker" nun aber alle Hochliteratur sind, ist eine andere Frage. Sie haben den Anspruch lehrreich zu sein und (hier ist die Subjektivität unumgänglich) sind auch unterhaltsam, in dem Sinne, dass sie spannend gestaltet sind. Oft ist es ja auch (in guten Schulen) so, dass Themen fächerübergreifend behandelt werden. Wenn man also gerade in Geschichte den zweiten Weltkrieg durchmacht, bietet es sich natürlich auch an in Deutsch ein Buch zu lesen, das sich mit Themen des zweiten Weltkrieges beschäftigt - da stehen ja viele Klassiker zur Auswahl.

Hallo @Maedy!

Nun, das kann aber auch Unterhaltungsliteratur leisten. 50 Shades of Grey und auch Twilight (ersteres ist übrigens Fanfiction vom letzteren) haben in mir Denkprozesse ausgelöst. Nämlich darüber, warum ein prähistorisches Frauenbild gerade weibliche Leser:innen so anspricht. Die Bücher gar zu Bestsellern macht.

Ich bin bei dir, wenn es um die kritische Betrachtung des Frauenbildes geht, das Bücher wie Twilight, Shades of Grey oder andere Werke dieser Richtung vermitteln. Allerdings denke ich, dass man sich, wenn man sich auf diese Art mit der Lektüre beschäftigt, weniger mit der Textkritik und mehr mit der Gesellschaftskritik beschäftigt. Die Fragen, die diese Bücher auslösen, werden ja nicht wirklich in den Büchern behandelt. Was ich damit sagen will ist: Shades of Grey stellt sich nicht die Frage, ob es "okay" oder "gut" ist, was da passiert, sondern legt den FOkus auf Erotik. Und Twilight beschäftigt sich nicht mit der Frage ob es "creepy" ist, dass ein 100-Jahre älterer Mann eine Frau im Schlaf stalkt und dann mit ihr zusammenkommt. Das sind Fragen, mit denen sich ein reflektierter Leser im Nachhinein auseinandersetzen kann, wenn er das Buch kritisiert. Die Bücher selbst erheben aber nicht den Anspruch auf dieses Problem aufmerksam machen zu wollen.

 

Noch ein kleiner Input:

Und an @Maedy zugegeben: Bei den Reaktionen, die ein hochliterarisches Buch in mir auslöst, dachte ich jetzt nicht als erstes an ein zorniges "wie kann man diesen Scheiß nur gut finden". Ich würde aber auch noch unterscheiden zwischen gutfinden und als hochliterarisch anerkennen. Das sind - wenigstens bei mir - zwei Paar Stiefel.

Mir ging es auch darum, zu zeigen, dass Dein Definitionsversuch etwas hinkt, weil man ihn ohne Weiteres auch auf Unterhaltungsliteratur anwenden kann.

Nun könnte man entgegenhalten:

Was ich damit sagen will ist: Shades of Grey stellt sich nicht die Frage, ob es "okay" oder "gut" ist, was da passiert, sondern legt den FOkus auf Erotik. Und Twilight beschäftigt sich nicht mit der Frage ob es "creepy" ist, dass ein 100-Jahre älterer Mann eine Frau im Schlaf stalkt und dann mit ihr zusammenkommt. Das sind Fragen, mit denen sich ein reflektierter Leser im Nachhinein auseinandersetzen kann, wenn er das Buch kritisiert. Die Bücher selbst erheben aber nicht den Anspruch auf dieses Problem aufmerksam machen zu wollen.

Aber aufgepasst. Auch Unterhaltungsliteratur hat meist eine “Message”, etwas, das sie aussagen will.

Twilight ist z. B. ein mormonischer Erziehungsroman, woraus Meyer bei Interviews auch gar keine Hehl machte. Es geht darum zu vermitteln, dass Sex erst nach der Ehe (vor Gott) erlaubt ist. Dazu nutzt Meyer ganz bewusst das Vampirmotiv, nachdem der Biss des Vampirs in der Literatur nicht selten für die Entjungferung steht. Deshalb ist auch so wichtig, dass Bella erst nach der Ehe zum Vampir wird und dazu auch noch unbefleckt durch eine Spritze und nicht einem erotischen Biss.

Ferner wird unchristliches Gedankengut vermittelt. Bella (Eva) will Edward (Adam) beständig zum außerehelichen Sex verführen. Edward (Adam) ist derjenige, der die Lust Bellas ständig drosselt. Und selbst nach der Ehe ist Edward noch damit beschäftigt Bellas ungezügelte Lust zu drosseln.

Das ist eine Message, die Meyer rüberbringen will. Dieses Bild wird in Europa allgemein kritisch gesehen, wird aber in Amerika zelebriert.

Ebenso die Tribute von Panem. Eine Message, über die die Lesenden nachzudenken habe, ist dem Text nicht abzusprechen.

Und 50 Shades als Fanfiction von Twilight macht das Gegenteil und “befreit die Lust”, korrigiert an dieser Stelle also Meyers Message, was in Amerika eine kleine Sensation war.

Und einmal streng genommen: Shakespeare würde wohl von den meisten als Hochliteratur gesehen werden. Aber nehmen wir “All ado about nothing”. Den Plot hätte auch Pilcher schreiben können. Zwei mögen sich nicht, sind aber Single und die Freund:innen beschließen sie aus ihrer Einsamkeit zu erretten und sie miteinander zu verkuppeln, weil jeweils kein/e andere/r, besser/e Partner/in in Sicht ist. Noch ein bisschen Kriegsdingsbums drumherum und fertig ist die schmachtende Komödie, die auch von Degeto hätte verfilmt werden können.
Nichts gegen Shakespeare und ich finde auch ”All ado about nothing” sehr amüsant, aber was Hochliteratur ist, ist mehr ein gesellschaftlicher Konsens, der eigentlich nicht wirklich einer Definition zugänglich ist. Und meist sieht es da für Jugendromane schlecht aus, weil dieser Konsens nicht von Jugendlichen gemacht wird, sondern Erwachsenen.

 

Hallo @Maedy!

Twilight ist z. B. ein mormonischer Erziehungsroman, woraus Meyer bei Interviews auch gar keine Hehl machte. Es geht darum zu vermitteln, dass Sex erst nach der Ehe (vor Gott) erlaubt ist. Dazu nutzt Meyer ganz bewusst das Vampirmotiv, nachdem der Biss des Vampirs in der Literatur nicht selten für die Entjungferung steht. Deshalb ist auch so wichtig, dass Bella erst nach der Ehe zum Vampir wird und dazu auch noch unbefleckt durch eine Spritze und nicht einem erotischen Biss.

Zu deinen Ausführungen bezüglich Twillight und 50 Shades kann ich nur „wow“ sagen. Vor allem bei Twillight war mir die ganze Symbolik nicht bewusst! :O

 

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