Was ist neu

Witwer

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Witwer

Liesi saust den Sandhügel hinauf und verschwindet in den Sträuchern, als er gerade mal den Teichgrund unter den Zehen spürt. Er kämpft sich die letzten Meter durchs Wasser, klettert das Ufer hoch und jagt hinter ihr her. Liesi flitzt durch den Wald, kurvt um die Bäume, dass Blätter und Rindenstücke nur so durch die Gegend fliegen, und er fühlt sich, als verfolgte er eine Antilope. Und keinen Augenblick kann die den Mund halten. Selbst jetzt, während sie rennt, kichert und quasselt sie in einem fort.
„… he, du Träumer, wo bleibst du denn, hast du dich verirrt? … Du willst Fußballer werden, du Schnecke? Hihi, Ich lach mich schief … ich hab schon geglaubt, du saufst mir ab im See … du lahme Ente, hihi …“
Und so weiter, so geht das ohne Pause. Wo nimmt die nur die Luft her, hat die überhaupt noch Zeit zum Atemholen? Er könnte sie manchmal erwürgen.
Er rennt wie ein Irrer und hat sie beinahe erwischt, da schlägt sie einen Haken und fegt durch ein Dickicht, als wäre das ein fadenscheiniger Vorhang, als wäre da gar nichts. Er lässt sich der Länge nach ins Gras plumpsen.
„Hast gewonnen, Liesi!“, ruft er und schnappt nach Luft.
Liesi taucht hinter einem Baum auf und grinst ihn an. Die feuchten Haare stehen ihr zu Berge, das ausgeleierte Badetrikot ist übersät mit Kletten und Brombeerranken. Wassertropfen zeichnen ein Muster in den Staub auf ihren Beinen und müssen da und dort einen frischen, rosigen Kratzer überqueren. Sie sieht aus wie eine Vogelscheuche, wie der leibhaftige Kobold aus einem Märchen.
„Ich geb‘ auf, Liesi.“
„Zwei zu null für mich, hihi.“
Sie lässt sich neben ihn fallen und tut dabei, als müsse sie nicht schnaufen, als wäre sie nicht genauso außer Atem wie er. So ein verrücktes Wiesel! Manchmal könnte er sie wirklich erwürgen.
„Da ist‘s so schön wie im richtigen Urwald“, flüstert sie.
„Das ist eh ein richtiger Urwald ... nur halt ohne Menschenfresser.“
Sie liegen nebeneinander auf dem Rücken, kneifen die Augen zusammen und schauen in das leuchtende Blätterdach. Was sehen sie dort oben? Papageien und Pfefferfresser mit riesigen Schnäbeln? Wirbeln Horden von schnatternden Klammeraffen durchs Geäst? Schnüffeln Tapire und Wasserschweine an ihren Fingern, schlängeln sich Anakondas über den Boden? Erstreckt sich der Dschungel endlos in alle Himmelsrichtungen?
„Wenn wir groß sind, fahren wir zum Amazonas, Franzl.“
„Wenn ich groß bin, werd‘ ich Traktoren reparieren wie der alte Horvath. So schaut’s aus.“
Liesi kichert. „Der Horvath ist plemplem, der hat zu mir gesagt, richtig schön ist‘s nur zu Hause. Der will ja nicht einmal über die Donau rüber in die Stadt, tut immer so, als wär‘ das eine Weltreise, der alte Depp.“
Sie dreht sich zu ihm und zupft Wasserlinsen aus seinen Haaren.
„Die Welt ist weit, die Welt ist bunt, die Welt ist groß und kugelrund …“, summt sie vor sich hin.
„Willst du wirklich nach Amerika, Liesi?“
„Nach Südamerika will ich und nach Grönland und nach Ägypten. Und nach Japan, nach Venedig, nach Sumatra, nach China, nach Ceylon, nach England, nach Paris, nach Feuerland, zum Kilimandscharo und zum Titicacasee, nach Madagaskar, nach Mexiko … überall will ich hin. Und Eisberge möchte ich sehen und die Pyramiden. Und Mammutbäume. Und Kokospalmen.“
Das ist ihr Lieblingslied, das kennt er, das hat endlos viele Strophen.
Sie schmiegt sich an ihn wie ein glatter, warmer Fischotter und ergreift seine Hand. Sie spielt mit seinen Fingern und ihre Haare kitzeln ihn an der Nase.
„Und dich nehm‘ ich mit“, haucht sie ihm ins Ohr.
Dann küsst sie ihn auf den Mund.

Franz blinzelt und fährt sich mit den Händen durch die Haare. Feuerland! Eisberge, lieber Himmel! Es ist drückend schwül, kein Windhauch regt sich, seit Tagen geht das so. Er starrt in die Baumkronen. Eine Armlänge über seiner Nase hängt eine Libelle in der Luft wie ein schwebendes blaues Streichholz, eine Azurjungfer. Papagei ist keiner zu sehen. Er rollt sich auf den Bauch, schnappt sich das Papier und den Bleistift und beginnt zu schreiben.

Liebste Liesi, die Welt wird von Tag zu Tag verrückter. Weißt du noch, wie stolz wir auf unsere Schrammen und Narben waren? Auf unsere blutigen Nasen? Auf die gestopften Risse und die aufgenähten Flicken auf unseren Hosen?
Die trugen wir wie Tapferkeitsmedaillen. Das waren die Orden für unseren täglichen Leichtsinn und Übermut, und manchmal bezahlten wir mit Tränen, aber meistens mit einem schiefen Grinsen. Unsere Heldentaten waren die Fahrradstürze und Raufereien, das Runterfliegen von Bäumen, das heimliche Eindringen in den Dachboden deiner Oma, in den mit Gerümpel vollgestopften Schuppen vom Horvath, das Durchstreifen und Entdecken unseres Urwaldes, das Erobern unserer ganzen Welt …
Und heute? Die Kinder kaufen sich für teures Geld kaputte, zerrissene Klamotten und nennen den Mist stolz „Designerjeans“. Was für ein Witz!

Franz spürt ein Kitzeln an der linken Hand. Ein Käfer erklimmt seinen Handrücken, überquert ihn, purzelt runter aufs Papier und krabbelt weiter. Behutsam folgt ihm Franz mit der Bleistiftspitze, malt eine graue, kurvige Linie auf das weiße Papier.
Der Käfer dreht eine Runde auf dem Brief und bleibt stehen. Er ist bläulichschwarz und glänzt wie ein Edelstein. Die Nase knapp über dem Papier beginnt Franz, ihn zu zeichnen. Die Rundungen der Deckflügel und des Halsschildes, drei filigrane Beinpaare, den Kopf mit den kleinen Zangen, die Fühler ganz dünn, beinahe nicht zu sehen.
Als das Bild fertig ist, winzig wie ein Hosenknopf, krabbelt der Käfer weiter, der Bleistift zeichnet seinen Weg bis zum Rand des Blattes nach. Der Käfer verschwindet im Gras.

Ich habe keine Ahnung, wo dieser Käfer her kommt und ich weiß auch nicht, wohin er will ... aber ich weiß, wo ich noch hin will mit dir, Liesi, ich will so gern nach Feuerland und dort mit dir das Kreuz des Südens anschauen. Vielleicht müssen wir erst einen Vorhang aus Polarlicht zur Seite ziehen, um die Sterne sehen zu können, mit ein bisschen Glück.
Ach Liesi.

Franz setzt sich auf und zerknüllt den Brief. Er wickelt ihn um ein Steinchen und rollt ihn zwischen den Handflächen zu einer kleinen, festen Kugel. Dann wirft er ihn in den Teich. Er steckt sich eine Zigarette an und starrt aufs Wasser. Langsam versinkt das Papier.
Er steht auf und drückt ächzend das Kreuz durch. Obsidian, jetzt fällt es ihm ein, Obsidian heißt der schwarze Edelstein. Er packt seinen Kram zusammen, steigt aufs Fahrrad und fährt durch den Auwald nach Hause.

 
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Mensch, ernst offshore, wie wunderschön.
Das ist jetzt einfach mal so.
Eine traurige, rührende Geschichte mit so vielen wunderbaren, kleinen Beobachtungen, die Wasserlinsen, die Libelle. Die Jagd. Die lebensprühende, quasselnde Liesi. Wie die immer versucht zu gewinnen. Mein Gott, ist die süß, also im positiven Sinn. Macht einen wehmütig.
Und diese Gedenkstätte, der Teich, in den er seine Papierbälle wirft, damit sie vielleicht ganz weit weg seine Wünsche und seine Gedanken wahrnimmt.
Siehst du mal, ich werde echt romantisch. Mir gefällt da einfach alles.

Am Anfang habe ich gedacht, oh, der ernst sollte es aber nicht "Witwer" nennen, da verrät er ja alles, aber den Titel brauchts, sonst würde mans nicht verstehen.
Finde ich schön, wenn ein Titel nicht nur knackig ist und den Leser zum Lesen animiert, sondern sich als Infopuzzle in den Text integriert, so dass er erst dadurch verständlich wird.


Er rennt wie ein Irrer und hat sie beinahe erwischt, da schlägt sie einen Haken und fegt durch ein Dickicht, als wäre das ein fadenscheiniger Vorhang, als wäre da gar nichts.
Schön

Die feuchten Haare stehen ihr zu Berge, ihr ausgeleiertes Badetrikot ist übersät mit Kletten und Brombeerranken. Wassertropfen zeichnen ein Muster in den Staub auf ihren Beinen
wunderbar
und müssen da und dort einen frischen rosigen Kratzer überqueren.
Ich würd das müssen rausschmeißen, stört mich in dem Fluss der Wörter.
Also nur überqueren da und dort ....

Papageien und Pfefferfresser mit riesigen Schnäbeln? Wirbeln Horden von schnatternden Klammeraffen durchs Geäst? Und schnüffeln Tapire und Wasserschweine an ihren Fingern, schlängeln sich Anakondas über den Boden?
Da bin ich bei Wirbeln Horden gestolpert. Der Satz vorher begann halt mit den Tiren und irgendwie war mein Auge jetzt auf eine weitere Tieraufzählung eingerichtet. Ich dacht dann: Wirbelnde Horden.
Ist ja auch nicht schlecht. Wirbelnde Horden von Affen :D (Das war jetzt extra für dich, meine persönliche ernst offshore Smiley-Desensibilisierung)
Naja, geht ja vielleicht nur mir so, ich mein das mit den wirbelnden Horden.

„Nach Südamerika will ich und nach Grönland und nach Ägypten. Und nach Japan, nach Venedig, nach Sumatra, nach China, nach Ceylon, nach England, nach Paris, nach Feuerland, zum Kilimandscharo und zum Titicacasee, nach Madagaskar, nach Mexiko, … überall will ich hin. Und Eisberge möchte ich sehen und die Pyramiden, und Mammutbäume. Und Kokospalmen.“
Boah, das ist so goldig, das klingt genau wie die Sachen, die man als Kind immer aufgezählt hat, was man alles machen wird.

Sie schmiegt sich an ihn wie ein glatter, warmer Fischotter und ergreift seine Hand. Sie spielt mit seinen Fingern und ihre Haare kitzeln ihn an der Nase.
„Und dich nehm‘ ich mit“, haucht sie ihm ins Ohr.
Dann küsst sie ihn auf den Mund.
Ich hör jetzt auf zu loben, bevor sie mir hier noch den Romantik-Orden verleihen. Aber es ist einfach nur schön, auch der Fischottervergleich. Da sieht man den glatten warmen Mädchenkörper und die feinen Härchen an den Armen und Beinen.

Franz spürt ein Kitzeln an der linken Hand. Ein Käfer erklimmt seinen Handrücken, überquert ihn, purzelt runter aufs Papier und krabbelt weiter. Behutsam folgt ihm Franz mit der Bleistiftspitze, malt eine graue, kurvige Linie auf das weiße Papier.
Der Käfer dreht eine Runde auf dem Brief und bleibt stehen. Er ist bläulichschwarz und glänzt wie ein Edelstein. Die Nase knapp über dem Papier, beginnt Franz zu zeichnen. Die Rundungen der Deckflügel und des Halsschildes, drei filigrane Beinpaare, den Kopf und kleine Zangen, die Fühler ganz dünn, beinahe nicht zu sehen.
Und auch das hier, dass man da irgendwo versonnen sitzt und auf einmal das Kritzeln anfängt, das ist sehr fein beobachtet.

Vielleicht müssen wir erst einen Vorhang aus Polarlicht zur Seite ziehen, um die Sterne sehen zu können, mit ein bisschen Glück.
Ach Liesi.
Ach ja

Also das ist jetzt so: Jetzt sag ich dir echt mal Dankeschön, ein fettes sogar, für eine sehr schöne, liebenswürdige, wehmütige kleine Geschichte.
Lass es dir gut gehen
Novak

 
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Lieber offshore,

mit dem Titel und deinem Namen (offshore-sound) im Gepäck habe ich mich auf die Reise gemacht. Ich muss zugeben, ich habe den Text erst gelesen und mir dann gedacht, what? Aber wie du mit dem Titel spielst, ihn als "Infopuzzle", wie Novak ihn nennt, einsetzt, finde ich sehr gut. Auch absolut notwendig. Der etwas längere Absatz nach dem letzten Kuss hat mich aber auch aufhorchen lassen und so beschreibst du das Innenleben eines Witwers, so feinfühlig, ohne vom Dahinscheiden seiner Liebsten zu erzählen, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Auch der Kontrast - deine Geschichte ist ja zweigeteilt, also zwei Mal zweigeteilt: Vergangenheit und Gegenwart, die Kindergeschichte (es könnten auch Erwachsene sein, die sich einfach glücklich fühlen und kindisch sind und es toll finden, glücklich und kindisch zu sein) und die Geschichte eines Witwers, der resigniert, aber nie ganz. Da habe ich mich gefragt, warum du den ersten Teil nicht in Vergangenheit geschrieben hast. Wäre das keine Möglichkeit? Und dann das veränderte Innenleben des Ich-Erzählers, wie er sich anfangs gegen alles Ferne sträubt, Traktoren reparieren und nicht Papageien nachjagen will. "Wenn wir groß sind, fahren wir zum Amazonas, Franzl.“ „Wenn ich groß bin, werd‘ ich Traktoren reparieren wie der alte Horvath. So schaut’s aus.“ Und am Ende dieses Vermissen, er vermisst sie und sie ist die Sehnsucht nach allem, was weit weg ist, aufregend, Abenteuer. Sie ist weniger Person, mehr Idee. Anfangs will er sie erwürgen, ihr die Luft wegnehmen, diesen Atmen, der sie überall hinführt. Schließlich fehlt sie ihm. Und man weiß nicht, ob sie ohne ihn abgehauen ist oder er sie tatsächlich erwürgt hat, oder überfahren mit seinem Traktor. Das lässt du offen und das finde ich schön.

Ein paar Anmerkungen:
(Don't kill me!)

Er spürt noch nicht einmal den Grund unter den Zehen
Den Sand zwischen den Zehen vielleicht? Oder das Gras, keine Ahnung. Irgendwie stört mich Grund.

als verfolgte er eine Antilope.
Das Bild kommt oft und ich denke mir dann immer: wann wird der Löwe sie reißen. Liegt aber bestimmt an mir, dass das nicht funktioniert.

Wo nimmt die nur die Luft her, hat die überhaupt noch Zeit zum Atemholen?
Wortwahl: Atmen statt Atemholen?

einen frischen rosigen Kratzer
einen frischen, rosigen Kratzer

Achja, "überqueren", finde ich, ist ein fürchterliches (und unromantisches) Wort. Das benutzt du mindestens zwei Mal. Aber das ist absolut persönliche Meinung.

Sie sieht aus wie eine Vogelscheuche, wie der leibhaftige Kobold aus einem Märchen.
Den Kobold nehme ich dir ab, weil da etwas Stilles lebendig wird. Aber du beschreibst sie so schön, alles an ihr lebt und tropft und dann - Vogelscheuche ... Das geht gar nicht! Dann lieber in die Richtung, dass sie einer Vogelscheuche das Outfit geklaut hat oder so.

„Da ist‘s so schön wie im richtigen Urwald“ flüstert sie.
„Da ist‘s so schön wie im richtigen Urwald“, flüstert sie.

Das ist ihr Lieblingslied, das kennt er, das hat endlos viele Strophen.*
Sehr schön!

Eine Armlänge über seiner Nase hängt eine Libelle in der Luft wie ein schwebendes blaues Streichholz
Sehr geil, wirklich, sehr geil! aber:

, eine Azurjungfer.
Warum schiebst du hinter solch ein schönes Bild noch einmal etwas. Das würde ich streichen. Ich hab fast gelacht, so schön fand ich das schwebend blaue Streichholz und dann ...

Er rollt sich auf den Bauch, schnappt sich das Papier und den Bleistift und beginnt zu schreiben.
Ohne Artikel? Er rollt sich auf den Bauch, schnappt sich Papier und Bleistift und beginnt zu schreiben.

Ich hab in meinem Lehrbuch auf S. 817 nachgelesen, aber nicht herausgefunden, was diese Zahl in deinem Text bedeutet. Ist's der 817. Brief?

Das waren die Orden für unseren täglichen Leichtsinn und Übermut, und manchmal bezahlten wir mit Tränen, aber meistens mit einem schiefen Grinsen.
Mit einem schiefen Lächeln bezahlen? Damit wird man doch eher bezahlt, nicht?

das Runterfliegen von Bäumen
Vorschlag: Das Vonbäumefallen

Als das winzige Bild fertig ist, klein wie ein Hosenknopf, krabbelt der Käfer weiter
Schön: als wüsste der Käfer, dass er portraitiert wird. Und die Szene mit dem Käfer ist in meinen Augen die stärkste in dieser Geschichte. "Er weiß nicht, woher er kommt und wohin er will." Und in diesem sechsbeinigen Edelstein lese ich Liesi, wie sie ihn besuchen kommt, er ihr Seins nachzuzeichnen, ihre Wünsche zu verstehen versucht. Das ist eine sehr schöne Metapher, vielleicht auch ein Symbol, vielleicht auch beides.

der Bleistift zeichnet seinen Weg bis zum Rand des Papierblattes nach.
Vorschlag: bis zum Rand des Blattes ...

Vielleicht müssen wir erst einen Vorhang aus Polarlicht zur Seite ziehen
Einfach toll

Novak schrieb:
Da bin ich bei*Wirbeln Horden*gestolpert. Der Satz vorher begann halt mit den Tiren und irgendwie war mein Auge jetzt auf eine weitere Tieraufzählung eingerichtet. Ich dacht dann:*Wirbelnde Horden.
Ging mir genauso. Ist zwar alles richtig und gut, aber lässt die Leser stolpern.

„Nach Südamerika will ich und nach Grönland und nach Ägypten. Und nach Japan, nach Venedig, nach Sumatra, nach China, nach Ceylon, nach England, nach Paris, nach Feuerland, zum Kilimandscharo und zum Titicacasee, nach Madagaskar, nach Mexiko, … überall will ich hin. Und Eisberge möchte ich sehen und die Pyramiden, und Mammutbäume. Und Kokospalmen.“
Die Aufzählung ist dir richtig gut gelungen!


Ja, die Geschichte gefällt mir. Wehmütig wurde sie komischerweise erst beim zweiten Lesen. Wie er versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen, wie er ihr schreibt, wie er die Natur wahrnimmt, in der sie sich immer gespiegelt hat. Wie er sich wünscht, ins Feuerland zu fahren, das Polarlicht zur Seite zu ziehen, um die Sterne zu sehen. Wie sie, Liesi, als Wunsch in ihm weiterlebt. Das finde ich sehr schön in dieser Erzählung.

Wie er am Schluss das Papier als Kugel ins Wasser wirft und zuschaut, wie es versinkt - das ist Romantik und keine Designer-Emotion!

Beste Grüße
markus.

PS: Gefällt mir übrigens sehr viel besser als "Ein toller Plan" beispielsweise!

 
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a7r4w93q5 kritisiert den Fischotter-Vergeich:

(Wenn ich mir vorstelle, an mich schmiegt sich ein Fischotter, dann denke ich nicht unbedingt an meine Liebste, tut mir Leid!)

Ach, der Kritiker hat keine romantische Ader! Solche Tiervergleiche helfen, die Atmosphäre eines Paradieses zu erschaffen, eines Kindheitsparadieses, wo die Menschen mit der Natur, also auch mit den Tieren, in Eintracht leben, ja sich von diesen kaum unterscheiden, ihre Mitgeschöpfe geblieben sind, statt sich kraft Bewusstsein und Ratio zum Herrscher über die Natur aufzuschwingen, sie auszubeuten und sich ihr so zu entfremden.

Der Vergleich eines Mädchens mit einem Wasserwesen hat übrigens eine lange Tradition: Der Archetypus der Nixe, halb Fisch, halb Mensch, zum Beispiel Motte Fouqué Undine oder Andersens kleine Seejungfrau in der romantischen Dichtung. Die Herkunft des Mädchens aus dem Wasser erhöht ihren Reiz.

 
Team-Bossy a.D.
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Hallo offshore,

ich habe die anderen Kritiken bisher nur teilweise durchgelesen, von daher kann es Überschneidungen geben, was aber auch spannend ist, denn dann erhält der Autor auch eine Gewichtung der Dinge, die gut oder schlecht sind.

Er spürt noch nicht einmal den Grund unter den Zehen, als Liesi schon den Sandhügel hinaufsaust und in den Büschen verschwindet.
Also dieser Einstiegssatz gefällt mir gar nicht, dabei soll er doch in die Geschichte einladen.
Das fängt damit an, dass der erste Teil sperrig zu lesen ist. Dann kann ich mich nicht am Grund orientieren, woher soll ich wissen, dass er noch im Wasser ist? Er könnte ja auch mit dem Fallschirm gelandet sein.

Zudem passt für mich das Bild nicht. Die zwei jagen sich, ich sehe einen schnell schwimmenden Protagonisten ans Ufer hetzen, da stoße ich doch eher schwimmend mit den Knien am Ufergrund an oder vielleicht sogar mit den Händen, weil ich in der Schnelligkeit doch lieber so weit als möglich bis zum Ufer schwimme als unbeholfen durchs Wasser stake. Was ich damit sagen will: Wenn er es wirklich eilig hat, zieht er die Füße nicht nach unten, um zu ertasten, ob er schon "gehen" könnte.
Dann geht es weiter mit "in den Büschen verschwindet". Das bedeutet normalerweise, dass Liesi pinkeln geht. Tut sie aber nicht, von daher wäre z.B.Dickicht oder Schilf besser, um kein falsches Bild zu erzeugen.

Mir ist ein eindeutiger Einstiegssatz wichtig. Wenn ich da schon soviel Unklarheiten habe, fühle ich mich in eine Geschichte nicht gut aufgenommen.

A propos, da gibt es hier mal für eine ruhige Stunde auch folgenden Thread:

Der erste Satz in einer Geschichte

Und keinen Augenblick kann die den Mund halten.
sie - die ginge nur in der 1. Person geschrieben


„… he, du Träumer, wo bleibst du denn, hast du dich verirrt? …du willst Fußballer werden, du Schnecke? Hihi, Ich lach mich schief … ich hab schon geglaubt, du saufst mir ab im See … du lahme Ente, hihi …“

Ich kann mir die Situation gut vorstellen, aber das hihi stört mich.
Da stell ich mir ein Doofchen mit piepsiger Stimme vor, das ist ja sicher nicht so gewollt.

Wo nimmt die nur die Luft her, hat die überhaupt noch Zeit zum Atemholen? Er könnte sie manchmal erwürgen.
Ah, jetzt sehe ich, dass sich das wiederholt, du wechselst also bewusst die Erzählposition.

Er rennt wie ein Irrer und hat sie beinahe erwischt, da schlägt sie einen Haken und fegt durch ein Dickicht, als wäre das ein fadenscheiniger Vorhang, als wäre da gar nichts.
fadenscheinig passt nicht, das ist so in der Ecke: fadenscheinige Ausrede

Die feuchten Haare stehen ihr zu Berge, ihr ausgeleiertes Badetrikot ist übersät mit Kletten und Brombeerranken.
Die Kletten verstehe ich, aber Brombeerranken? Sollen das ganze Triebe sein?

„Zwei zu null für mich, hihi.“
noch mal das leidige hihi


„Da ist‘s so schön wie im richtigen Urwald“ flüstert sie.
Wieso da und nicht hier?
Wirbeln Horden von schnatternden Klammeraffen durchs Geäst?
wirbeln Horden - da denke ich auch an wilde Horden, wie wäre es mit turnen?

„Wenn wir groß sind, fahren wir zum Amazonas, Franzl.“
„Wenn ich groß bin, werd‘ ich Traktoren reparieren wie der alte Horvath. So schaut’s aus.“
Ach, das sind Kinder!

Sie schmiegt sich an ihn wie ein glatter, warmer Fischotter und ergreift seine Hand. Sie spielt mit seinen Fingern und ihre Haare kitzeln ihn an der Nase.
2x gleicher Anfang

„Und dich nehm‘ ich mit“, haucht sie ihm ins Ohr.
Dann küsst sie ihn auf den Mund.
Ich habe nun keine Ahnung, wie alt die zwei sein könnten.

Anfangs dachte ich an zwei Erwachsene, dann kam das mit dem "wenn wir groß sind", da schätze ich auf 8-10, dann haucht sie ihm lasziv was ins Ohr.
Da machst du es dem Leser sehr schwer.

Papagei ist keiner zu sehen.
Der Satz ist nicht so recht komplett.


Behutsam folgt ihm Franz mit der Bleistiftspitze, malt eine graue, kurvige Linie auf das weiße Papier.
Der Käfer dreht eine Runde auf dem Brief und bleibt stehen. Er ist bläulichschwarz und glänzt wie ein Edelstein. Die Nase knapp über dem Papier, beginnt Franz zu zeichnen. Die Rundungen der Deckflügel und des Halsschildes, drei filigrane Beinpaare, den Kopf mit den kleinen Zangen, die Fühler ganz dünn, beinahe nicht zu sehen.
Als das winzige Bild fertig ist, klein wie ein Hosenknopf, krabbelt der Käfer weiter, der Bleistift zeichnet seinen Weg bis zum Rand des Papierblattes nach. Der Käfer verschwindet im Gras.
Dieser Abschnitt gefällt mir ausgesprochen gut.

Franz steht auf und drückt ächzend das Kreuz durch.
Da reicht ein er.

Franz versucht durch das Schreiben von Briefen an seine verstorbene Frau mit seiner Trauer umzugehen und lebt mit ihr noch in einer Traumwelt, weil er noch lange nicht mit der Tatsache abgeschlossen hat.

Was mich anfangs etwas unbefriedigt hat, war der Ausschnitt des vergangenen Lebens zu zweit, der hier als Thema gewählt worden ist. Du gehst in die Anfangszeiten zurück, als sie als Mädel und Bub
eine zarte, jedoch sehr feste Beziehung zueinander hatten. Für mein Verständnis wäre eine Szene, als sie erwachsen (und evtl. schon verheiratet) waren, wahrscheinlich interessanter gewesen.

Vielleicht eine, wie sie zusammen auf dem Sofa gekuschelt über ein bestimmtes Thema diskutiert haben, liebevoll Eigenheiten der Personen beschrieben werden, vom Geruch der Haut oder dem immer wieder auftauchenden Löchern der Socken am großen Zeh erzählt wird; Intimitäten, die die zwei als Paar ausgemacht haben. Dann wäre ich vielleicht bei ihnen und könnte im perfekten Falle mit Franz mittrauern und seine Sehnsucht verstehen.

Die Szene mit den zwei Heranwachsenden gibt mir nur die Information, dass sie in die weite Welt wollen und sich lieb haben, aber ich spüre das nicht.

Die 817 sehe ich als Kunstgriff, der aufzeigt, dass der Protagonist dauernd solche Briefe schreibt, als würde er sich öfters über verschiedene Themen mit ihr austauschen. Gelungen finde ich das mit der Nummerierung nicht - wieso sollte er das denn machen?
Mir jedoch zeigt es auf (und das war wohl deine Idee dahinter), dass er an einem anderen Tag ein anderes Thema ausgewählt hätte, vielleicht hätte er auch mal über ihren Sex oder ihre Kinderlosigkeit sinniert oder ihr einfach geschrieben, wie er sie vermisst. Dieser Gedanke lässt mich dann auch eher mit dem Inhalt des Briefes d'accord gehen, weil ich ansonsten eben ein anderes Thema erwartet hätte.

Die Idee der Geschichte gefällt mir gut, jedoch hätte ich sie inhaltlich anders gefüllt. Ich muss eben nehmen, was du mir als Autor gibst, alles andere wäre eine andere Geschichte.

Ohne Titel wäre ich jedoch nie auf die Idee gekommen, dass er an seine verstorbene Frau schreibt.

Viele Grüße
bernadette

 
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Hallo ernst offshore

Heute Vormittag hatte ich Ausschnitte aus dem Kommentar von bernadette gelesen, und wurde bei Erwähnung des Inhalts auf einen Aspekt aufmerksam, den ich mir vornahm, noch genauer anzusehen. So mache ich mich nun mit etwas mehr Zeit an die Geschichte, bevor ich die Kommentare dann noch lese.

Jugenderleben ist anscheinend ein Faible von dir, hier retrospektiv in die vertieften Gedanken eines Erwachsenen verwoben.

Was sehen sie da oben? Papageien und Pfefferfresser mit riesigen Schnäbeln? Wirbeln Horden von schnatternden Klammeraffen durchs Geäst? Und schnüffeln Tapire und Wasserschweine an ihren Fingern, schlängeln sich Anakondas über den Boden?

Ich musste lachen, diese schöne Umschreibung ist die durchmischte Erinnerung eines Erwachsenen und weniger die Vorstellung eines Jugendlichen, wie mir scheint. Die Fülle an Bildern und Bezeichnungen, ich weiss nicht. Als Jugendlicher wäre mir dies nicht so dicht gewoben vor den Augen gewesen. Es hätte vielleicht die bekanntesten exotischen Tierarten umfasst, mit falschen Zuordnungen, da ich etwa einen Tiger nach Afrika versetzt hätte. Doch es ist nicht dies, was mich Vormittags aufmerken liess.

Im Titel setzt du für den Leser die Assoziation, dass der Protagonist verwitwet ist. Im Kontext zu den Briefen, die er schreibt, muss man annehmen, dass seine Jugendfreundin seine Frau war. Als weiteres Indiz kommt die Nummerierung hinzu, 871 Briefe! Pro Tag einen, ergibt einen Zeitrahmen von zweieinhalb Jahren. Ich denke, du hast dich hier einzig von einer romantischen Sicht leiten lassen, Briefinhalt und die weiteren Textstellen weisen nichts anderes auf. Durch die tägliche Auseinandersetzung mit dem Verlust seiner Frau gehe ich davon aus, dass der Protagonist noch immer intensiv trauert. Und das ist der teuflische Huf, die Krux eines Fehlers in dieser Geschichte.
Es hat schon etwas, dass manche Formen von Kummer, sich mit quasi von der Seele schreiben, bedingt relativieren lassen. Doch bei Trauer um einen Verstorbenen gibt es klare Grenzen, deren Überschreitung auf die Entwicklung einer Störung hinweist. Trauer muss in ihrer intensiven Form innert 3, aber höchstens 5 Monaten verarbeitet sein, ansonsten die Gefahr besteht, dass sie chronisch und damit zu einer ernsthaften psychischen Störung wird. Bei zweieinhalb Jahren wäre dies in den Gedanken eines Betroffenen destruktiv allgegenwärtig und würde sich auch im sichtbaren Verhalten ausdrücken.
Würde dein Protagonist sich etwa an ihrem Geburtstag oder an ihrem Todestag bewusst an sie erinnern, es mit dem Schreiben eines Briefes an sie zum Ausdruck bringen, wäre es mir in diesem Punkt dann schon eher plausibel und ausgewogen. Ich würde es als romantisch akzeptieren, wenngleich Erinnerungen, wahrscheinlich stärker auf die gemeinsame letzte Zeit fokussiert wären.

An Punkten, die etwas realitätsferner im Geschehen auftraten, wie auch bernadette sie einbrachte, bin ich auch hangen geblieben. In Erinnerung habe ich da die Brombeerranken in ihrem Badekleid. Solchen Stacheln würde sich nur jemand aussetzen, der einen Lustgewinn daraus zieht, was ich bei dem Mädchen nicht Eindruck hatte.

Von der Ausdrucksart her zeichnest du schöne Bilder, was es von dem her, angenehm und unterhaltsam zu lesen macht. Schade, dass ich an unstimmigen Sequenzen hängen blieb, meine Gedanken abschweiften, diese Widersprüche klärend.

Schöne Grüsse

Anakreon

 
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30.12.2008
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Hallo Ernst Offshore

Erstmal will ich Dir zu der Geschichte gratulieren. Ich finde sie vortrefflich erzählt! Stilistisch sehe ich Dich, als „Neuer“, auf Höhen, die andere, auch langjährige Mitglieder, noch nicht erreicht haben.
Alles in allem finde ich Deine Geschichte sehr ausdrucksstark erzählt, wobei da auch so eine gefühlte Leichtigkeit mitschwingt, die ich sehr beneidenswert finde.
Störendes fiel mir nicht auf. Am ehesten noch fand ich die Namen Liesi und Franzl etwas befremdlich. Das hat so Assoziationen an alte Heimatfilme hervorgerufen. Toll wieder fand ich jedoch „Horvath“. Ein Name mit Klang!
Davon abgesehen sind’s Kleinigkeiten, die man überdenken kann.
Zum Beispiel das hier:

817
Liebste Liesi, die Welt wird von Tag zu Tag verrückter.
Persönlich würde ich die Zahl „817“ streichen. Meiner Erfahrung nach sollte man mit Zahlen überhaupt geizen. Es heißt zwar immer, man solle konkret bleiben, andererseits sehe ich nicht den Nutzen dieser Zahl.

Das zweite „hihi“ in dem Satz würde ich ebenfalls streichen:

Hihi, Ich lach mich schief … ich hab schon geglaubt, du saufst mir ab im See … du lahme Ente, hihi …“

… ihr ausgeleiertes Badetrikot ist übersät mit Kletten und Brombeerranken.
Hier haben mich die Brombeerranken gestört. Ich konnte es nicht so ganz glauben, dass man so drauf sein kann und im Badeanzug, vermutlich auch noch barfuss, durch Gestrüpp und Brombeerranken jagen und dabei auch noch Spaß haben kann.

Aber das war es auch schon mit Gemecker.

Richtig toll fand ich den Schluss:

Obsidian, jetzt fällt es ihm ein, Obsidian heißt der schwarze Edelstein. Er packt seinen Kram zusammen, steigt aufs Fahrrad und fährt durch den Auwald nach Hause.

Klasse fand ich auch, dass in der ganzen Geschichte nicht erzählt wird, dass Liesl gestorben ist – oder, was noch schlimmer wäre, wie sie gestorben ist.
Es ist wirklich bewundernswert, wie die Geschichte auf der schönen Seite des Lebens bleibt. Und wie Du es schaffst, dass die Geschichte allein mit dem Titel eine melancholische Note bekommt. Das ist Dir wirklich ganz wunderbar gelungen!
Und lass Dir ja nicht einreden, da noch irgendwas dran zu ändern, auch wenn manche Leser auf der Leitung stehen sollten. Ein bisschen Hirn darf man vom Leser erwarten!
Wobei Du ja noch einen kleinen Hinweis lieferst und zwar hier, gegen Ende der Geschichte:
Ach Liesi.
Also spätestens da muss man es einfach raffen.
Soweit von mir.

Herzliche Grüße

Mothman

 
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Hey offshore,

wegen dem "hihi". Ich finde das muss nerven, das muss stören. Mich hat es auch aufgeregt, aber genau das soll es ja auch, nicht?

Beste Grüße
markus.

 
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Hi ihr alle,

ich will jetzt mal anfangen, bevor mir die Kommentare über den Kopf wachsen.
ich werde aber nicht jedem von euch einzeln antworten. Einige Sachen wurden ja von mehreren erwähnt, deshalb möchte ich sozusagen Allgemeines der Reihe nach durchgehen, und nur hie und da die eine oder den anderen von euch explizit ansprechen.

Und ich will noch einiges vorausschicken:

Wahrscheinlich sollte die Geschichte besser in der Rubrik Fantasy/Märchen stehen, weil sie ein eigentlich vollkommen unrealistisches Konstrukt zum Inhalt hat:

Die eine große, einzige, lebenslange, im wahrsten Sinne des Wortes unsterbliche Liebe …

Man muss wohl eine hoffnungslos romantische Seele sein, um sie auf Anhieb zu verstehen. Novak ist das offenbar gelungen, was mich nicht weiter wundert, war es immerhin „Blaues Leuchten“, das mich zum „Witwer“ inspiriert hat. (Die rührende Kinderfreundschaft in ihrer Geschichte ließ mich nicht los, ich habe im Kopf weitergesponnen, was die beiden möglicherweise versäumt haben …)

Gleich mal zum Titel:

bernadette: Ohne Titel wäre ich jedoch nie auf die Idee gekommen, dass er an seine verstorbene Frau schreibt.

Novak: Finde ich schön, wenn ein Titel nicht nur knackig ist und den Leser zum Lesen animiert, sondern sich als Infopuzzle in den Text integriert, so dass er erst dadurch verständlich wird.
Tja, das will ich jetzt einfach mal so stehen lassen.

Er spürt noch nicht einmal den Grund unter den Zehen
Markus: Den Sand zwischen den Zehen vielleicht? Oder das Gras, keine Ahnung. Irgendwie stört mich Grund.

Er spürt noch nicht einmal ...
bernadette: Also dieser Einstiegssatz gefällt mir gar nicht, dabei soll er doch in die Geschichte einladen.
Das fängt damit an, dass der erste Teil sperrig zu lesen ist. Dann kann ich mich nicht am Grund orientieren, woher soll ich wissen, dass er noch im Wasser ist? Er könnte ja auch mit dem Fallschirm gelandet sein.

An dieser Geschichte habe ich, obwohl sie so kurz ist, echt lange gefeilt. Da hab ich wirklich jedes Wort und jeden Satz ich weiß nicht wie oft gedreht und gewendet, rausgestrichen, wieder eingefügt, ersetzt, verworfen ... gleichsam jedes Wort mit der Goldwaage gewogen. Ich habe mit jeweils einigen Tagen Pause dazwischen und mit vermeintlicher Distanz mir den Text unzählige Male vorgenommen, usw. und z.B. den Anfang immer wieder geändert, der die längste Zeit so lautete:

Liesi saust den Sandhügel hinauf und verschwindet in den Sträuchern, als er gerade mal den Teichgrund unter den Zehen spürt.

Das ist eigentlich der bessere Einstieg, tja, ich hatte wohl einen triftigen Grund ihn zu ändern, den hab ich aber vergessen. Wird verbessert!

bernadette: Ach, das sind Kinder!

Ich war der Meinung, das ungefähre Alter der beiden wäre sehr schnell klar („…du willst Fußballer werden? …“), dass sie Kinder seien, oder gerade eben keine Kinder mehr, dreizehn, vierzehn, was weiß ich, gleichalt zwar, aber Liesi, das Mädchen, eben eine Spur mehr nicht mehr Kind ist als Franzl, der Bub. Und der erste Kuss, der allererste, geht ja auch von ihr aus.

... und fegt durch ein Dickicht, als wäre das ein fadenscheiniger Vorhang

Nora: „fadenscheinig“ passt hier m.E. nicht, das ist viel zu pompös und von der Sache her auch nicht ganz treffend.

a7r4w9c3q5 aka opa-uwe: "Fadenscheinig" kenne ich als Grund, nicht als Vorhang.

Ich verwendete das Wort in seiner ursprünglichen, eigentlichen Bedeutung und in der beschreibt es nun mal den Zustand eines dünnen, verschlissenen (textilen) Gewebes. Die Hosen meines großen Bruders waren so, wenn ich sie zum Auftragen erbte. Wer allerdings trägt heutzutage seine Klamotten dermaßen lange, dass sie fadenscheinig sind? Ich muss akzeptieren, dass diese Begriffsbedeutung möglicherweise knapp vor dem Aussterben steht und werde die Stelle ändern.

Markus: Da habe ich mich gefragt, warum du den ersten Teil nicht in Vergangenheit geschrieben hast. Wäre das keine Möglichkeit?

Da habe ich echt lange herumprobiert. Den ersten Teil gibt‘s auch in der Vergangenheitsform und ich habe den Text immer wieder in beiden Varianten gelesen, bin dann allerdings beim Zeitenwechsel jedes mal aufs Neue auf die Fresse geflogen.
Und entschied mich letztlich für die durchgängige Gegenwartsform, zumal die erste Episode die momentane Erinnerung des fünfundsiebzigjährigen Franz ist, ihm also absolut gegenwärtig ist.

Nora: Nur: ich finde keinen „Witwer“! Dass der erste Teil über 30 Jahre vor dem zweiten spielt, ist ja sofort klar, da ist von „Ceylon“ die Rede und von kunstvoll geflickten Jeans. Aber gibt es nicht 100 andere Gründe, als 50jähriger einer „Liesi“ aus der Vergangenheit einen wehmütigen Liebesbrief zu schreiben? Muss man dazu „Witwer“ sein?

Nicht dreißig, liebe Nora, sechzig Jahre liegen dazwischen!
Ein klitzekleiner Hinweis darauf, dass Franz ein alter Mann ist, versteckt sich ganz zum Schluss, Franz ächzt und ist ein bisschen vergesslich (Obsidian), es würde mich interessieren, wie du auf einen Fünfzigjährigen kommst. (Oder projezierst du das aus meinem Profil in die Geschichte?)

bernadette: Die Idee der Geschichte gefällt mir gut, jedoch hätte ich sie inhaltlich anders gefüllt. Ich muss eben nehmen, was du mir als Autor gibst, alles andere wäre eine andere Geschichte.

Die Idee war unter anderem, dass zwischen dem Verlieben der beiden als Halbwüchsige und dem Tod Liesis eine wunderbare, beinahe ausschließlich glückliche Zeit liegt …

Also noch einmal: ich weiß, dass es im Grunde eine alberne Geschichte ist, eine Romanze, die sich so vielleicht einmal in hundert Jahren ereignet, jessas, Fantasy eben und irgendwie auch die Antithese zu Ricks jüngster Story. (Und dass ihr auch viel persönliche Erinnerung an die Beziehung meiner Eltern zugrunde liegt lass ich jetzt mal beiseite.)

eigentlich alle: Die 817 sehe ich als Kunstgriff

Richtig erkannt und beinahe von allen als misslungen empfunden.
Seit Liesis Tod täglich ein Brief … Teufel, was hab ich mir dabei eigentlich gedacht, frage ich mich jetzt. Hört ihr mich mit den Zähnen knirschen?

gerthans: Solche Tiervergleiche helfen, die Atmosphäre eines Paradieses zu erschaffen, eines Kindheitsparadieses, wo die Menschen mit der Natur, also auch mit den Tieren, in Eintracht leben, ja sich von diesen kaum unterscheiden, ihre Mitgeschöpfe geblieben sind, statt sich kraft Bewusstsein und Ratio zum Herrscher über die Natur aufzuschwingen, sie auszubeuten und sich ihr so zu entfremden.
Der Vergleich eines Mädchens mit einem Wasserwesen hat übrigens eine lange Tradition: Der Archetypus der Nixe, halb Fisch, halb Mensch, zum Beispiel Motte Fouqué Undine oder Andersens kleine Seejungfrau in der romantischen Dichtung. Die Herkunft des Mädchens aus dem Wasser erhöht ihren Reiz.
Diese Sätze fand ich so schön, die musste ich einfach nochmal hierher kopieren. Danke.

Ich muss für heute Schluss machen. Sobald es geht, mach ich weiter, zu Markus‘ Anmerkungen gibt’s noch einiges zu sagen und noch viel mehr zu Anakreons.

Und gebt mir bitte auch Zeit für eine Überarbeitung der Geschichte, die hat es offenbar nötiger, als ich befürchtete.
Vielen Dank euch allen.

So eine kurze Geschichte und so viel Gedanken und Erläuterungen dazu, Teufel auch. Sehe ich mir allerdings gerthans‘ Friedhofskizze im Vergleich dazu an, ist’s eigentlich halb so wild.
Wie auch immer, macht Spaß mit euch zu quatschen.

offshore

@mothman: habe eben erst entdeckt, dass du auch geschrieben hast, und wie! Wow, danke. Ich bitte um Geduld ...

 
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Nur mal kurz:

fadenscheinig bedeutet: abgetragen, abgenutzt, die Fäden werden sichtbar.

Und davon abgeleitet ist dann auch die Übertragung des Ausdrucks auf verbale Inhalte, z.B fadenscheinige Ausrede im Sinne von: durchschaubar Aussage.

Und das kann man natürlich auch in seiner ursprünglichen Bedeutung verwenden, also als Wort für einen abgenutzten oder durchscheinenden Stoff. Warum denn nicht? Nur weil manche Jüngere es nicht mehr kennen, ist es noch lang nicht falsch.
Das ist, wie wenn man sagen würde, du musst das Wort Tempo benutzen, Papiertaschentuch geht nicht.

Wollt ich mal loswerden.
Grüßt euch

Ächz, nachträglich reineditiert: grad erst hab ich gesehen, dass ernst schon selbst auf das Fadenscheinige geantwortet hat. Das machst du, wie du denkst, ernst offshore, ich lass das hier jetzt trotzdem stehen.

Ich nutz das edit, mothman zu zitieren, der mir aus der Seele spricht:

Und lass Dir ja nicht einreden, da noch irgendwas dran zu ändern, auch wenn manche Leser auf der Leitung stehen sollten. Ein bisschen Hirn darf man vom Leser erwarten!
Man neigt so schnell, Formulierungen, oder gar seine ganze Geschichte in Frage zu stellen, wenn man ein kritikbereiter Mensch ist, was ja grundsätzlich gut ist. Trotzdem: Erst mal zwei drei Nächte drüber schlafen, oder sogar noch länger, bevor man grundlegende Änderungen macht.
Wollt ich dir einfach aus eigener Erfahrung sagen.
Viele Grüße von hier

 
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Hallo offshore,

der Text lebt von schönen Bildern und der Atmosphäre, die du erzeugst, da ist dir einiges gelungen, aber ich hätte mir gewünscht, dass etwas passiert in der Geschichte, der Leser bekommt hier eine Stimmung verpasst, so was Wehmütiges, Kindheitsnostalgie, Abenteurlust, alte Liebe und so, ist schön, ja, kann was damit anfangen, aber mir fehlt noch das Ereignis, etwas Unerwartetes oder Bedrohliches, das die Geschichte ins Rollen bringt oder auf ein anderes Level hebt oder aus dem Geleichgewicht reißt oder die Herausforderung oder wie auch immer. So plätschtert alles nett daher und bleibt ganz nett … und ja … ist nett.

MfG,

JuJu

 
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Bevor ich mich Anakreon, mothman und JuJu
widme, noch ein Nachtrag zu bernadettes und Markus‘ Kommentaren, Stilistisches betreffend.

Ihr beide scheint mir ähnlich obsessive Wortklauber wie ich zu sein, deshalb möchte ich euch ein wenig von meinen Gedanken zu verschiedenen Formulierungen erzählen, vor allem auch, weil beinahe alle eure Verbesserungsvorschläge während des Überarbeitens irgendwann mal genau so im Text standen.

Der erste Satz wurde schon besprochen und ist mittlerweile geändert.

Antilope ist so ein wunderschönes Wort. Beinahe so schön wie Gnu, das allerdings passt nicht zu Liesi.

Wortwahl: Atmen statt Atemholen?
Mir gefiel das Atemholen vom Satzrhythmus her besser.

Vogelscheuche ... Das geht gar nicht! Dann lieber in die Richtung, dass sie einer Vogelscheuche das Outfit geklaut hat oder so.
Ich schöpfe nach wie vor aus dem Sprachschatz(sic) meiner Jugend. (siehe auch fadenscheinig) Und als Vogelscheuche bezeichneten wir eine Person, die, nun ja, zerrupft, verstrubbelt, unfrisiert halt war, hatte gar nicht so viel mit der Kleidung zu tun.
(Und solltest du, lieber Markus, jetzt denken: "Willkommen in der Zukunft, alter Mann", verkneif's dir, das höre ich oft genug von meinen Söhnen ...)

Die Kletten verstehe ich, aber Brombeerranken?
Dazu werde ich später noch was sagen, in der Antwort an Anakreon und mothman.

Wieso da und nicht hier?
Österreichisch, sorry.

Warum schiebst du hinter solch ein schönes Bild noch einmal etwas. Das würde ich streichen.
Die Azurjungfer streichen? Nur über meine Leiche.
Das ist für mich eines der allerschönsten Wörter der deutschen Sprache. Und auch wenn’s mein Darling ist, wird’s nicht gekillt. Sorry.

Ohne Artikel? Er rollt sich auf den Bauch, schnappt sich Papier und Bleistift und beginnt zu schreiben.
Der Satz klingt mit den Artikeln zwar etwas holpriger, er ist für mein Gefühl aber so einfach inhaltlich richtiger. Wäre Franz an seinem Schreibtisch oder meinetwegen in einem Büro, hätte ich es so geschrieben, wie du es vorschlägst, aber er hat in seiner Tasche genau ein Papier und einen Bleistift mitgenommen, weißt du was ich meine?

Mit einem schiefen Lächeln bezahlen? Damit wird man doch eher bezahlt, nicht?
Abgesehen davon, dass es O-Ton Franz ist, sehe ich nichts Fragwürdiges an dem Satz.

Vorschlag: Das Vonbäumefallen
Nein danke, diese kuriose Substantiv-Neuschöpfung darfst du dir behalten, lieber Markus. Der Brief ist ja vergleichbar mit wörtlicher Rede, also Franz‘ Umgangssprache.

Vorschlag: bis zum Rand des Blattes.
Habe ich x-mal variiert. Sobald nur Blatt dastand, wirkte es mir zu mehrdeutig, weil im Wald eben. Welches Blatt? Der Brief oder ein Ahornblatt z.B.? Da bin ich mir nach wie vor unsicher, im Zweifelsfall immer das kürzere Wort verwenden, nehm ich mal an, na ja, werde ich mir noch mal überlegen.
Ebenso die wirbelnden Horden

Und was das Inhaltliche betrifft, will ich jetzt mal ganz nonchalant mothman zitieren:

Und lass Dir ja nicht einreden, da noch irgendwas dran zu ändern, auch wenn manche Leser auf der Leitung stehen sollten. Ein bisschen Hirn darf man vom Leser erwarten!

Noch was, Markus:
wegen dem "hihi". Ich finde das muss nerven, das muss stören. Mich hat es auch aufgeregt, aber genau das soll es ja auch, nicht?
Da verstehe ich nicht recht, was du damit meinst.

Dass ihr einige Stellen so einhellig für schön befunden habt freut mich wirklich, also vielen Dank euch beiden für Lob und Kritik!

@ Anakreon, mothman & JuJu
Erstmal vielen Dank für eure Kommentare, ich bemühe mich, sie im Laufe des Wochenendes zu beantworten. Versprochen!

offshore

 
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Da verstehe ich nicht recht, was du damit meinst.

hi hi offshore,

ich meine: lass das hihi stehen!

Man merkt, dass du dich mit jedem Satz beschäftigt hast und ich will dir weder Wortschatz klauen noch will ich dich in die Zukunft zerren. Wie könnte ich? Sind wir doch beide in der Gegenwart. Bei deiner nächsten Geschichte werde ich mich mit Detailkritik zurückhalten. Trotzdem sage ich dir noch etwas: Wörter nur zu verwenden, weil sie schön sind, halte ich für äußerst fragwürdig.

Und jetzt steh ich da wie ein Pöbler, dabei mag ich deine Geschichte total. =)

Beste Grüße
markus.

PS: Natürlich werde ich mich nie zurückhalten. The devil is in the details, lieber offshore!

 
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14.08.2012
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ich meine: lass das hihi stehen!
Das entlockt mir jetzt ein Grinsen, lieber Markus
The devil is in the details, lieber offshore!
und das erst recht, du sagst es. Danke übrigens für das Komma ... war mir sehr peinlich, echt.
Wörter nur zu verwenden, weil sie schön sind, halte ich für äußerst fragwürdig.
Und ich erst, aber es macht Spaß, oder?
Und jetzt steh ich da wie ein Pöbler
Wären alle Pöbler so wie du, wäre die Welt eine bessere, trau ich mich wetten.

Schönen Abend noch

offshore

 
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"Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern am Himmel an."​

Ist denn schon wieder November?,
und ich glaubte doch bis gerthan, das Kirchenjahr habe gerade erst begonnen, da deucht’s mich schon vorüber – aber wenigstens großkalibrig,

lieber ernst!

Als wir uns das erste Mal begegneten, konnt ich’s nicht mal ahnen (oder doch?), dass da jemand käme, der den Konjunktiv irrealis, wie ihn noch Karl Kraus mit Blut, Tinte und Druckerschwärze verteidigt hat, anwendet und der „Würde“ als etwas anderes verstände als ein lumpig-denglisierendes, als würde er eine Antilope oder was auch immer verfolgen.

"Sie gehn da,hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch,und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur;​

Freilich, das „hihi“ wirkt nach verhinderter Sprechblase des Comics und weniger kindlich als kindisch. Doch wo ist das Fadenscheinige hin?, wenn novak schon meine Rolle übernimmt, dann will ich auch was von haben!

Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn...​

Aber Spass beiseits, Ernst komm vor: Also dann doch noch zwei Sächelchen mehr: einmal schnappt die Fälle-Falle zu,

hier:

Dann küsst sie ihn auf den Mund.
Wen oder was küsst sie? – Ihn, wäre da zwingend korrekt.
Aber wem küsst sie auf den Mund? ...

Und ein lumpiges Komma wäre noch nachzureichen

Ich habe keine Ahnung, wo dieser Käfer herkommt[,] und ich weiß auch nicht, wo er hin will …

"Dann saget, unterm Himmelszelt,
Mein Herz mir in der Brust:
»Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust.«"​

Wie immer gern gelesen und mit der Sternsseherin Lise versehn vom

Friedel,
der noch ein schönes Wochenende wünscht und des Eisregens harrt …

Achja, dank Dir, dass ich mal wieder beim Matthias Claudius gestrandet bin!

 
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Hallo ernst offshore,

deine Geschichte ist offensiv sentimental und ich habe schöne Stellen mit seher dichter Atmosphäre und liebevollen Details entdecken können. Das ist so ziemlich das andere Ende einer coolen Geschichte - was nicht als negative Wertung gemeint ist!

Ich habe ja auch nachträglich noch lange über Novaks "Blaues Leuchten" nachgedacht, und wenn das der Text war, der dich zu dieser Endless-Love-Story" inspiriert hat, ist das doch eine wunderbare Entwicklung. Wir befruchten uns auf kg.de gegenseitig ;-)

Mir gefällt deine Art zu schreiben, sie zeigt einen sehr umsichtigen und sehr bewussten Umgang mit Sprache. Du lässt viel Freiraum, um mir auszumalen, was da wie mit den beiden gelaufen sein könnte. Ich komme damit klar, könnte mir aber vorstellen, dass der Freiraum nicht jedem so gefallen mag.

Beim ersten Lesen bin ich ich mit meinem Urteil ziemlich dicht bei Jujus "nett" gelandet. Beim zweiten Mal lesen aber bin ich der Seele deines Textes näher gekommen. Wenn "nett" und "schön" ein Kind bekommen könnten, dann hätte ich das passende Wort für meine Beurteilung deiner Geschichte.

Ja, gern gelesen, natürlich, ich bin ein sentimentaler Hund, der immer gern so tut, als wäre er es nicht ;-)

Rick

 
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Zitat von Rick

Ja, gern gelesen, natürlich, ich bin ein sentimentaler Hund, der immer gern so tut, als wäre er es nicht
Willkommen im Club :D

 
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Lieber ernst offshore,

als erstes fiel mir folgender Satz auf: Er fühlt sich, als verfolge er eine Antilope.
Ich kann dieses Gefühl nicht nachvollziehen. In D gibt es kaum Antilopen in freier Wildbahn.

Davon abgesehen, hat mich deine Geschichte von Anfang an sehr angesprochen.
Schon im ersten Absatz gefällt mir deine Bildersprache sehr gut: da flitzt, saust, rennt und quasselt es. Von deiner lebhaften Sprache guck ich mir etwas ab.

Später beschreibst du filigran die Bewegungen und Körperteile eines Käfers, u.a., die Rundungen der Deckenflügel. Das nenne ich Achtsamkeit, dichterisch in Worte gekleidet. Alle Achtung!

Der Titel der Geschichte kommt mir aufgesetzt vor. OK, das ist deine Dichtefreiheit.

Herzlichen Glückwunsch zu deinem feinen Händchen. Ich wünsche dir weiterhin gutes Gelingen.

Liebe Grüße. Sabine.

 
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Servus opa-uwe,

und Glückwunsch zu deinem neuen Nick, der gefällt mir weit besser als der alte.
Zu deinen vielen Anmerkungen zum „Witwer“ werde ich mich jetzt nicht äußern, das mögest du mir bitte nachsehen, vieles davon habe ich schon in den Antworten zu den anderen Kommentaren behandelt, vielleicht willst du die ja lesen.

Wenn überhaupt, habe ich nur eine Kompetenz als Leser und selbst auf dem Gebiet bin ich 0815.

Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, lieber Uwe, als Leser bist du oberste Instanz und hast es in der Hand, über Wohl oder Wehe der Autoren zu entscheiden. Und überhaupt möchte ich dir was Grundsätzliches zu deinen Kommentaren sagen:
Die habe ich alle vierzehn ausnahmslos gelesen, weil mir nämlich deine Art zu kommentieren ungemein gefällt. Wie du akribisch Satz für Satz sezierst, Begriffe in Frage stellst, vermeintlich Offensichtliches hinterfragst, fasziniert mich regelrecht.
Das eröffnet mir neue Blickwinkel nicht nur auf meine eigenen, sondern auch auf die Texte anderer.
Ich empfinde dich als ausgesprochen kompetenten Kritiker, ehrlich.

Und apropos Licht unter den Scheffel stellen:

Servus Anakreon,

Ich musste lachen, diese schöne Umschreibung ist die durchmischte Erinnerung eines Erwachsenen und weniger die Vorstellung eines Jugendlichen, wie mir scheint. Die Fülle an Bildern und Bezeichnungen, ich weiss nicht. Als Jugendlicher wäre mir dies nicht so dicht gewoben vor den Augen gewesen. Es hätte vielleicht die bekanntesten exotischen Tierarten umfasst, mit falschen Zuordnungen, da ich etwa einen Tiger nach Afrika versetzt hätte.

Ich musste grinsen, weil ich dir das jetzt einfach nicht abnehme. Ich kann dich als Mensch ja nur anhand deiner Texte und Kommentare hier im Forum beurteilen. Aber nach alldem, was ich da so gelesen habe von dir, wirst du mir ja wohl nicht weismachen wollen, du seist ein phantasiearmes Bürschchen gewesen.
All die Eigenschaften, die ich an dir zu erkennen meine, blühende Phantasie und das Vermögen, die Welt auch poetisch wahrzunehmen, Eloquenz und die Lust am Fabulieren und die Fähigkeit zur Imagination, erwirbt man sich doch nicht erst mühsam im Alter, die wurzeln doch schon in frühester Jugend. Und ich kann Klein-Anakreon förmlich vor mir sehen, wie er mit roten Ohren Jules Verne verschlingt und Robinson Crusoe, die Schatzinsel und Moby Dick und sicherlich auch die Abenteuer des Odysseus, und wie er mit dementsprechend großen Augen in die richtige und in die im eigenen Kopf imaginierte Welt schaut. Tiger nach Afrika! Glaube ich dir einfach nicht, Anakreon.

So, Schluss mit Offtopic.

Im Titel setzt du für den Leser die Assoziation, dass der Protagonist verwitwet ist. Im Kontext zu den Briefen, die er schreibt, muss man annehmen, dass seine Jugendfreundin seine Frau war. Als weiteres Indiz kommt die Nummerierung hinzu, 871 Briefe! Pro Tag einen, ergibt einen Zeitrahmen von zweieinhalb Jahren. Ich denke, du hast dich hier einzig von einer romantischen Sicht leiten lassen, Briefinhalt und die weiteren Textstellen weisen nichts anderes auf. Durch die tägliche Auseinandersetzung mit dem Verlust seiner Frau gehe ich davon aus, dass der Protagonist noch immer intensiv trauert. Und das ist der teuflische Huf, die Krux eines Fehlers in dieser Geschichte.

Diese blöde Zahl! Du hast Recht, und auch die anderen, die sie bekrittelt haben. Da habe ich wirklich nicht bedacht, dass die ein völlig falsches Bild von Franz zeichnen könnte. Und was du dann über Trauerarbeit schreibst ist so klug und richtig, das hat mir endgültig die Augen geöffnet für meine Naivität.
Ich wollte Franz ja nicht als realitätsfremden, trauernden alten Zausel darstellen, der sich hoffnungslos, beinahe obsessiv in der Vergangenheit verrennt, sondern vielmehr als einen Mensch, der, etwas wehmütig zwar, aber durchaus zufrieden auf ein glückliches Leben zurückblickt.
Und manchmal eben seiner verstorbenen Liesi in Form von Briefen Sachen erzählt.
Was eine blöde Zahl anrichten kann, verdammt! Die ist jetzt rausgeflogen und plötzlich gefällt die Geschichte auch mir besser.

Vielen Dank, Anakreon.

Dein anderer Einwand wurde mehrmals vorgebracht:

Anakreon: An Punkten, die etwas realitätsferner im Geschehen auftraten, wie auch bernadette sie einbrachte, bin ich auch hangen geblieben. In Erinnerung habe ich da die Brombeerranken in ihrem Badekleid.
bernadette: Die Kletten verstehe ich, aber Brombeerranken?
Mothman: Hier haben mich die Brombeerranken gestört. Ich konnte es nicht so ganz glauben, dass man so drauf sein kann und im Badeanzug, vermutlich auch noch barfuss, durch Gestrüpp und Brombeerranken jagen und dabei auch noch Spaß haben kann.
opa-uwe: Blätter kann ich mir vorstellen, aber Rindenstücke, meine Fresse, …

Wo liegt das Problem? Ich weiß nicht recht, was ich euren Bedenken entgegnen soll, außer dass ich von Selbsterlebtem schreibe. Kann es sein, dass ich, der ich den Großteil meiner Kindheit buchstäblich im Wald verbrachte, einer aussterbenden Spezies angehöre? Und nein, ich stamme nicht von einem anderen Planeten, und nein, ich bin nicht neunzig Jahre alt.
Aber vielleicht ticken in Österreich die Uhren wirklich anders, oder doch nicht? Novak möge mir verzeihen, dass ich aus einer PN von ihr zitiere:

Das Verrückte ist, dass die kleine Liesi mich in manchen Punkten an mich selbst erinnert hat, als ich Kind war. Da wären dann auch Brombeerranken auf der Kleidung gewesen. Wirklich, und so verschrammt, wie ich wohl als kleines Mädchen war, ich hab mich ohne Scheiß ein bisschen erkannt gefühlt.

Na bitte, bin ich doch nicht das einzige Alien hier.

Servus Mothman,

Mit deinen Zeilen hast du mir natürlich eine riesige Freude gemacht. Dass mein Text von einem bekanntermaßen strengen Kritiker wie dir beinahe uneingeschränkt gelobt wird, ist schon was ganz Besonderes für mich, der ich das Schreiben erst vor einem halben Jahr als wunderbare Beschäftigung für mich entdeckte, und dass du explizit den Stil hervorhebst …, was soll ich sagen? Wow, toll, danke.

Am ehesten noch fand ich die Namen Liesi und Franzl etwas befremdlich. Das hat so Assoziationen an alte Heimatfilme hervorgerufen.

Nun ja, Franz ist um die fünfundsiebzig, Liesi wäre ebenso alt. Da kann ich die beiden ja schlecht Kevin und Jessica nennen …

Und lass Dir ja nicht einreden, da noch irgendwas dran zu ändern, auch wenn manche Leser auf der Leitung stehen sollten. Ein bisschen Hirn darf man vom Leser erwarten!
Das werde ich mir ausschneiden und einrahmen!

Servus, JuJu,

... ich hätte mir gewünscht, dass etwas passiert in der Geschichte, ...

Das ist ein durchaus verständlicher Wunsch, den diese Geschichte wahrlich nicht erfüllen kann. Aber es ist ihr offenbar gelungen, dir zumindest schöne Bilder und Atmosphäre zu vermitteln, und damit habe ich ja immerhin schon mal was erreicht. Und die Beurteilung „nett“ fasse ich für diese Art von Text allemal als Kompliment auf, danke.


Euch allen vielen Dank

Dank einstweilen auch an Friedel, Rick und Sabine. (Euch drei bitte ich noch um etwas Geduld, auch ihr werdet Antwort von mir bekommen)

offshore

 
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Servus Friedel,

seit meinem ersten Besuch hier im Forum sehe ich in dir die allerhöchstoberste Instanz für Orthographie und Grammatik, gleichsam den Rächer des misshandelten Genitivs, den Herrseibeiuns der unter den Tisch gefallenen Kommata, den Don Quijote de los modo conjuntivos, kurz: einen wahrhaftig wackeren Kämpfer gegen den Flächenbrand der Schriftsprachverwahrlosung, und für deine unermüdlichen Bemühungen kann ich dir gar nicht genug danken.

Aber, in diesem Fall: Einspruch, Euer Ehren!

Aber Spass beiseits, Ernst komm vor: Also dann doch noch zwei Sächelchen mehr: einmal schnappt die Fälle-Falle zu,
hier:

Dann küsst sie ihn auf den Mund.

Wen oder was küsst sie? – Ihn, wäre da zwingend korrekt.
Aber wem küsst sie auf den Mund? ...

Abgesehen davon, dass
Dann küsst sie ihm auf den Mund.
für mein Gefühl schrecklich klingt, und ich es schon aufgrund ästhetischer Erwägungen nicht ändern werde, sehe ich nicht ein, warum da ausschließlich der Dativ zwingend korrekt wäre.
Wen oder was küsst sie wohin?
Also ich sehe da zweimal den Akkusativ …
(Und ließ mir das eben auch von meiner Mutter, die immerhin fünfundvierzig Jahre lang Deutsch unterrichtete, telefonisch bestätigen. Aber möglicherweise ist das genuin österreichisch. Niemand, wirklich niemand sagt bei uns: „Sie küsst mir auf den Mund.“ Brrr, furchtbar)

Und ein lumpiges Komma wäre noch nachzureichen

Danke, ich werde es an Franz weitergeben, immerhin schrieb er den Brief.

Vielen Dank, Friedel


deine Geschichte ist offensiv sentimental (…) so ziemlich das andere Ende einer coolen Geschichte

Ja, das gefällt mir, lieber Rick,
den Ausdruck will ich mir merken. („Was schreibst du denn so?“ „Na ja, echt uncooles Zeug, Mann, irgendwie gefühlualistisch, so richtig offensiv sentimental halt.“)
hähä, gefällt mir wirklich.

Aber das war mir ohnehin klar, dass ich mit dieser Geschichte meinen Verbleib in der „Kirche von der Letzten Literatur der Bösen Großen Buben“ ernsthaft gefährde. Jimmysalaryman betreibt sicherlich schon meine Exkommunikation. Wird wohl nix werden mit der Goldenen William S. Burroughs-Nadel. Aber vielleicht verleiht mir ja Novak als Trost die Peter Schlemihl-Gedächtnisplakette.

Beim zweiten Mal lesen aber bin ich der Seele deines Textes näher gekommen.

Das freut mich doppelt, Rick, zum einen, weil du die Geschichte zweimal gelesen hast, zum anderen, weil du ihre Seele zu ahnen vermochtest, was ja nichts anderes bedeutet, als dass da eine Seele drinsteckt, wow.

Wenn "nett" und "schön" ein Kind bekommen könnten, dann hätte ich das passende Wort für meine Beurteilung deiner Geschichte.

Bin ich froh, dass das nicht geht, das Kind hieße womöglich schnöd.

natürlich, ich bin ein sentimentaler Hund, der immer gern so tut, als wäre er es nicht

Sind wir das im tiefsten Grunde unseres Herzens nicht alle, und ist das nicht echt toll uncool?

Vielen Dank, Rick


Servus Sabine,

als erstes fiel mir folgender Satz auf: Er fühlt sich, als verfolgte er eine Antilope.
Ich kann dieses Gefühl nicht nachvollziehen. In D gibt es kaum Antilopen in freier Wildbahn.

Echt nicht? In den Donauauen bei Wien wimmelt es nur so davon.
Nein, im Ernst jetzt: nur ein paar Sätze später wird ja augenscheinlich, dass in der Fantasie der beiden Kinder ihr heimischer Auwald längst ein wirklicher Dschungel ist, in dem es zwar auch keine Antilopen gibt, weil die ja in Wahrheit Tiere der Savanne sind, aber egal …

Aber du sagst ja selber:

Schon im ersten Absatz gefällt mir deine Bildersprache sehr gut: da flitzt, saust, rennt und quasselt es. Von deiner lebhaften Sprache guck ich mir etwas ab.
Genau darum geht’s mir beim Schreiben, eben Bilder erzeugen, und die müssen in allererster Linie mir selber gefallen, auch wenn das jetzt arrogant klingt.

Der Titel der Geschichte kommt mir aufgesetzt vor.

Der ist halt zwingend notwendig zum Verständnis der Geschichte, finde ich.

Über dein Lob freue ich mich wirklich, vielen Dank auch dir.

offshore

 

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