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Zwischen Konfrontation mit Leid und Wohlfühlkitsch: Das Happy End auf dem Prüfstand

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Zwischen Konfrontation mit Leid und Wohlfühlkitsch: Das Happy End auf dem Prüfstand

Liebe Autoren,

benötigt der Leser ein Happy End?
Hat er gar einen Anspruch darauf?
In welcher Verantwortung stehen wir, wenn wir es ihm versagen?
Welche Bedeutung kommt dem Happy End in der Literatur zu?

Wie seht ihr das?


Aufhänger für diesen Diskussionsstrang sind diese Fragen von Achillus

Was mich abschließend interessiert: Deine Geschichte verweigert Trost, Sinnstiftung oder Erlösung. Wie siehst Du das selbst? Bist Du nicht daran interessiert Deinen Lesern so etwas wie einen Hoffnungsschimmer zu geben?
Ich hadere da selbst oft beim Schreiben. Aber folgt man den Empfehlungen der alten Griechen sollte am Ende doch immer so was wie Katharsis stehen („Aus der Dunkelheit ins Licht“).
In Deiner Geschichte ist Finns Tod aber nicht kathartisch, sondern leer und endgültig, könnte man sagen. Das ist in meinen Geschichten auch häufig so.

Ich frage mich, ob wir dadurch den Teil unserer Leserschaft verlieren, der zwar Spannung, Action und Horror mag, aber am Ende eben doch so etwas wie ein kleines Licht der Hoffnung sehen möchte. Ein Licht, dass das Leiden nicht komplett sinnlos war oder ist. Ich glaube Crissy (hieß sie so?) hier im Forum hatte irgendwann mal geschrieben, dass ihr das auch bei vielen Forumsgeschichten hier schwer im Magen liegt. Dass es häufig Texte sind, die sie runterziehen. Naja, nur sone kleine Reflexion.


Und diese Antwort von linktofink

Interessante Fragestellungen. Spüren wir als Autoren eine Verantwortung für das Seelenheil unserer Leser? Müssen wir einen Hoffnungsschimmer ermöglichen, damit wir Leser nicht verlieren?
Ich kann mich an einen Horrorstreifen aus den 80ern erinnern, @Proof wird den kennen, in dem eine Frau nach einem Streit mit ihrem Mann beim Autostopp an einem Rastplatz verschwindet und nie wieder auftaucht. Jahre später meldet sich der Entführer beim Mann und gesteht, dass er die Frau getötet hat. Er bietet ihm an, sich in seine Hand zu begeben, um dieselbe Erfahrung wie seine Frau zu erleben, denn nur dann könne er nachvollziehen, was mit ihr geschehen sei. Der Mann lässt sich darauf ein, wird betäubt und als er aufwacht, ist er lebendig in einem Holzsarg begraben.

Nach dem Film war ich wütend, weil genau dieser Ausblick gefehlt hat, das war nach meinem Empfinden eine einzige Abwärtsspirale und ich fühlte mich fast betrogen, weil genau diese Sinnlosigkeit des Leidens mich massiv gestört hat.
Also sind die Bedenken für mich nicht von der Hand zu weisen, doch folgert daraus ein legitimer Happy-End-Anspruch?
Ich würde da differenzieren, denn jedes Genre weckt gewisse und sehr unterschiedliche Erwartungen.
Bei einem Märchen, einem Kinderbuch oder einer Romanze ist ein Happy-End Pflicht, weil das Agreement zwischen Autor und Leser die positive Emotion zwingend beinhaltet und eine Nicht-Erfüllung einem Vertragsbruch gleicht.
Warum sind viele Menschen komplett apolitisch, schauen keine Nachrichten mehr, flüchten sich in Cocooning oder anderen Eskapismus wie virtuelle Welten beim Gaming oder alternative "Wahrheiten" oder Glauben? Weil der Realitätsdruck oft schwer zu ertragen ist, weil die Wirklichkeit immer weiter in Deutungs-Bubbles zerfasert, unsere gewohnte Welt unter den Füßen zerbröselt, Kriege und Katastrophen abgesehen von großem Leid massive Ungerechtigkeits- und Ohnmachtsgefühle auslösen und wir dem nicht immer standhalten können.
Was ist dabei die Aufgabe von Literatur, worin besteht der Trost?
Für mich persönlich ist Literatur dann tröstlich, wenn ich andocken kann, wenn mich ein Text berührt, inspiriert und ich das Gefühl habe: Ich bin nicht allein, kein Exot oder Weirdo, weil es andere gibt, die meine Lese-Vorlieben, meine Erfahrungen teilen, die Realität ganz ähnlich empfinden und trotzdem den Kopf oben halten und weitermachen, eine Art Schulterschluss. Dazu kommt es sowohl in eigenen und fremden Texten und Kommentaren hier als auch in vielen Büchern. Dazu muss ein Text unter die Oberflächde gehen, etwas in mir zum Klingen bringen, was mit der Conditio Humana zu tun hat, wie du, Achillus, unter meinen Text Paria Paradise schriebst.
Ein Ende muss für mich vor allem glaubwürdig sein und ehrlich, ein offenes Ende gibt mir dabei oft mehr als ein gekünsteltes Happy-End, das der Logik des Textes nicht folgt.
Damit wären wir bei Proofs Text hier. Das Genre Horror ist getaggt, ein vertragliches Happy-End ist somit nicht sicher bis unwahrscheinlich. Das Ende, wie es sich darstellt, emfinde ich im Text organisch, es beunruhigt und stößt zu weiterer Beschäftigung mit dem Text an. Würden die beiden vom Silo runterklettern, wäre alles auserzählt und ich würde innerlich einen Haken setzen.
Davon ab: wäre das nicht ein Bruch der Erwartungen an das Genre Horror?
Eine andere Frage ist, ob für zartbesaitete Menschen eine Triggerwarnung vorabgestellt sein sollte, denn schließlich sind alle Texte hier für alle Altersklassen frei zugänglich? Ich würde das bis auf wenige Ausnahmen verneinen.
Für mich lösen Bilder andere, unmittelbarere und intensivere Eindrücke aus als eine Textrezeption, die häppchenweise geschieht.
Und wenn ich mir anschaue, welche selbstgerechten, expliziten Gewaltexzesse per Streaming weitgehend unkontrolliert den Weg zu Kindern und Jugendlichen finden, mache ich mir eher (berechtigte) Sorgen um die Deformation zarter Gemüter als bei den Texten hier im Forum.
Soweit meine Gedanken dazu. Hoffe, ich habe nicht allzu sehr reingequatscht, peace, l2f


(Beide Kommentare stehen unter der guten Geschichte von Proof "Wann immer was ist", die nicht happy endete.)

 
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Sehr gute Fragen.

Der Autor ist dem Leser, so denke ich, erstmal gar nichts schuldig. Ich sehe mich nicht als Erfüllungsgehilfen irgendwelcher Hoffnungen, und seien sie literarischer Natur. Für alles gibt es natürlich eine Leserschaft. Ob der durchschnittliche Leser lieber Geschichten mit eindeutigem Happy End oder irgendeiner Karthasis liest und konsumiert, steht auf einem ganz anderen Blatt. Agenturen werden immer den Stoff bevorzugen, der ein mehr oder weniger klassisches Happy End aufweist: das verkauft sich besser. Agenturen würden jedoch nie Happy End als Terminus benutzen, da heißt es dann: wie man den Leser aus der Geschichte entlässt.

Es gibt ja eigene Genres, die genau darauf verzichten: der klassische Noir oder bestimmte Horrorsubgenre. Gibt also auch dafür eine Klientel, wahrscheinlich eher nischig? Man könnte sich fragen, ob Geschichten, die einem diese offensichtliche Hoffnung verwehren, nicht jene sind, die einen besonders bewegen, verstören, aufrütteln. Ich denke, da kann es einfach keine kategorische Antwort drauf geben, weil es auf den Kontext der Erzählung ankommt. Wenn ich jetzt McCarthys Die Straße lese und auf den letzten drei Seiten gesundet der Vater plötzlich und sie landen nach dieser grausamen Reise voller Entbehrungen in einem wahren Paradies, da würde ich denken, das ist jetzt aber wenig glaubhaft. Vielleicht auch ein Kriterium für mich: wie glaubhaft ist ein solch versöhnliches Ende, wie groß ist die Hoffnung, und wie ist das literarisch umgesetzt?

Der Film, um den es geht, war Spoorloos, ein Klassiker. Der hat mich auch schwer erwischt, gerade WEIL er so nihilistisch ist. Das U.S Remake ist dagegen Kitsch pur.

 

Ja, ich finde das auch ein spannendes Thema
(Danke @lakita für diesen "Prüfstand")

Ich gehe mit Jimmy (@jimmysalaryman), und erteile dem Anspruch des Lesers auf ein Happy End erst mal eine Abfuhr. Als Leser muss ich doch immer damit rechnen, dass eine Geschichte auch mal schlecht enden kann. Ein Kompromiss wäre vielleicht das offenen Ende, das den finalen Ausgang meiner eigenen Fantasie überlässt. Da gilt es allerdings zu beachten, dass der Weg wirklich bis zur Weggabelung gezeigt wird und sich nicht einfach im Nebel auflöst, was unweigerlich den Unterhaltungswert gegen Null runterzieht.

Wie Jimmy bereits anmerkte, es kommt auf den Kontext der Erzählung an. Und die Intention des Autors: Will dieser dem Leser eher gefallen, möglichst viele "zufriedenstellen" und somit Wohlfühlgeschichten schreiben? Oder kümmert ihn die finale Befindlichkeit des Lesers eher weniger, will er aufrütteln, Glaubwürdigkeit und schmerzhaften Realismus in den Vordergrund stellen, so entlässt er den Leser möglicherweise – mit "schwerer Kost" im Kopf – verstört aus der Geschichte, aber schenkt ihm gleichzeitig auch neue Denkanstösse, die weit über den Wert von Entspannungsliteratur hinausgehen.

Ich finde, wenn der Leser überhaupt einen Anspruch an Autoren haben darf, dann diesen: unterhalten und nicht gelangweilt zu werden.
Und klar erwarte ich bei einem Cosy-Krimi mit lustigem Cover keinen Noir – und umgekehrt.

Eigentlich ist der erwähnte Film "Spurlos verschwunden" aus den 80ern ein tolles Beispiel, wie eben der tragische Ausgang die aufgebaute Spannung zwischen Psycho und Opfern nur noch eindringlicher unterstreicht, wo hingegen das Remake mit dem Happy End mMn in den Kitsch abrutscht. Aber das ist dann reine Geschmackssache und beantwortet abschliessend keine der oben gestellten Fragen, oder eben doch?

 

Sehr spannende Fragen, die für mich die unterschiedlichsten Ebenen berühren und auch einen Blumenstrauß an Folgefragen aufwerfen, wobei ich fast alle auf die folgende zurückführen konnte:

Warum schreibt man überhaupt?

Wenn ich als Autor ein bestimmtes Thema/Geschichte habe, das/die ich in einem Text darstellen möchte, dann interessiert mich der Leser womöglich herzlich wenig. Die Geschichte von Proof, die ja wohl Auslöser für diesen Thread war, funktioniert mit Happy End für den Protagonisten auch so gar nicht. Ich denke auch bei vielen Texten, die ich von @jimmysalaryman hier gelesen habe, wäre so etwas wie ein Happy End deplatziert. Auch die letzte Geschichte von @Achillus wirkt für mich erst durch die (womögliche) Verweigerung des Happy End.

Wenn ich als Autor den Leser in den Fokus rücke, z. B. aus kommerziellen Gründen, dann kommt man um ein Happy End kaum herum: Ich behaupte, dass es mehr Leser gibt, die ein gutes Gefühl nach dem Genuss eines Textes haben möchten als Leser, die gerne danach in depressiver Stimmung sind.

Wenn ich mich eine Ebene tiefer mit dieser Frage beschäftige, dann landen wir in einer philosophischen Diskussion, welche die großen Fragen betrifft: Warum existieren wir? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es eine universelle Moral? Usw.

Als reiner Nihilist wird man sich dem Happy End wohl gerne verweigern.

Aber was ist, wenn man als Autor diesen (unseren) kulturellen Unterbau für sich in Anspruch nimmt, als Resonanzboden verwendet, z. B. universelle Moral (um das heiße Thema Religion außen vor zu lassen). Erwächst daraus eine Verantwortung für die Botschaft die man sendet? Ist es ein Qualitätsmerkmal von Literatur, dass ein Text sich seiner kulturellen, philosophischen, moralischen Basis bewusst ist und dieses Bewusstsein verwendet, um Botschaften zu senden, denen eine gewisse Sinnhaftigkeit innewohnt?

Und noch eine Stufe weiter: Ist es das, was uns womöglich als Autor von einer KI unterscheidet?

Ich bin jetzt mal ganz böse und postuliere: Wenn ich als Autor nichts zu sagen habe, ist das Schreiben von Geschichten Zeitverschwendung, außer ich verdiene Geld damit oder ziehe eine persönliche Befriedigung daraus.

Wenn ich etwas zu sagen habe und kein Nihilist bin, dann kommt mir das Happy End, im Sinne einer irgendwie positiv gearteten Botschaft oder Sinnhaftigkeit, schon fast zwingend vor. Ist es nicht auch irgendwie ein Treppenwitz, seine Zeit mit dem Schreiben von Geschichten zu verbringen, deren Botschaft ist, dass alles sinnlos ist?

Mich führt das noch zu einem weiteren Punkt, der auch mit der Verweigerung des Happy End zu tun haben mag, nämlich zur Form der

Kurzgeschichte

In diesem Forum finden wir in erster Linie kurze Kurzgeschichten.

Die Kürze hat ihre Tücken: Es braucht Spannungsbogen, Protagonisten, die sich entwickeln und einen interessanten Plot, etc.

Auf dieser kurzen Strecke ist es mit den genannten Randbedingungen doch viel einfacher, den Protagonisten in einer gewissen Hoffnungs- oder Trostlosigkeit zu entlassen, da man ansonsten eine weitere Strecke bräuchte, um den Weg zu zeichnen, mit dem man eine Sinnhaftigkeit aufzeigen könnte.

Um wieder auf Proofs Geschichte Bezug zu nehmen: Menschlich gesehen beginnt doch das wahre Drama und der Horror für den Protagonisten Niklas am Ende der Geschichte, denn hier steht er jetzt vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Der Bruder tot. Die Geschehnisse mit der Mutter unverarbeitet, etc. Hier beginnt also der Weg der Sinnhaftigkeit, die das Leben ausmacht. Nur, wollte man das erzählen, hätte man eine andere Art von Text und bräuchte auch mehr Länge.

Vielleicht liegt es also auch an der Form der Kurzgeschichten, die hier in erster Linie eingestellt werden und vielleicht liegt es auch daran, dass längere Geschichten hier weniger Beachtung finden, dass die Enden eher in der Dunkelheit liegen als im Licht.

Zuguter letzt noch ein Beispiel für ein Ende, das beides hat - Sinnlosigkeit und Sinnhaftigkeit: Der Film "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni.

 

Ein sehr interessantes Thema.
Dabei stellt sich mir aber die Frage: Was ist ein Happy End? Bzw. ist es für jeden ein glückliches Ende? Das, was er von der Geschichte erwartete?
Was ist das Happy End, wenn die Leidensgeschichte eines unheilbar Todkranken erzählt wird? Die unglaubwürdige Wunderheilung auf den letzten 3 Seiten (auf die man möglicherweise hofft, aber weiß, es wird sie nicht geben können) oder das friedliche Versterben im Kreise der Familie, nachdem alles geregelt ist – das Ende des Leidens?
Oder wie ist es mit diesen „from enemy to lover“ Schmonzetten? Ist das Happy End „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ oder ist es eher, dass die Gerechtigkeit siegt und der Bösewicht in den Knast geht?
Es liegt am Autor sein Ende als happy End zu verkaufen. Oder auch nicht.
Nehmen wir den Film Titanic als Beispiel. Vermutlich gingen die wenigsten ins Kino und erwarteten, dass das Schiff nicht sinkt. (Spoiler: es sank!)
Dann blieb die Lovestory. Ok, Leonardo di Caprio ging auch unter. Also kein Happy End? Na für James Cameron und alle anderen Beteiligten war es sicherlich ein happy end, weil der Film alle Quoten brach. Warum?

Hier hat für mich @dotslash die Lösung:
„Ich finde, wenn der Leser überhaupt einen Anspruch an Autoren haben darf, dann diesen: unterhalten und nicht gelangweilt zu werden.“
Unterhaltsam finde ich es beispielsweise, wenn ich als Leser überrascht werde. Finde ich viel schöner, als wenn ich 100 Seiten vorher bereits weiß, wie die Geschichte enden wird.

 

Sehr anregend, dieser Thread.
Ein Happy End ist ja genaugenommen ein Ende gut, alles gut, ein märchenhaftes "Und wenn sie nicht gestorben sind ...", und damit ein eher naiver Ansatz, eine Geschichte zu beenden, der zumindest mich nicht einlädt, beflügelt durch die Welt zu schreiten - ich würde mich eher betrogen fühlen, einem fragwürdigen Versuch ausgesetzt, mich zu verblöden.
Ein Ende muss sich "richtig" anfühlen, dafür muss es nicht glücklich sein, aber auch nicht notwendig in Tränen oder Trauma enden.
Wie @jimmysalaryman weiter vorne beschrieben hat, würde eine Wunderheilung und das Wiedererwachen der Natur am Ende von Die Straße wie ein Fiebertraum wirken, aber keineswegs zum Ton der Erzählung passen und vom Leser, der die Geschichte bis hierher verfolgt hat, nicht abgenommen werden.
Der Leser hat keinen Anspruch auf ein Happy End, aber sicherlich auf ein Proper End, ein ordentliches, angemessenes Ende, das zum Erzählten passt, im Guten wie im Schlechten.
Ich denke gerade an ein Kapitel aus Otfried Preußlers "Die Flucht nach Ägypten - Königlich böhmischer Teil", in dem ein Junge im Eis einbricht und gerettet wird, aber dann mit hohem Fieber im Bett liegt. Er fiebert, und er wünscht sich, Erdbeeren zu essen, mitten im tiefsten Winter. Und die Schwester geht hinaus, um welche zu suchen, wohl wissend, dass sie keine finden wird. Wie es aber das Schicksal will, reist gerade da die Heilige Familie durchs Dorf, und die Muttergottes geht mit dem Mädchen in den Wald und findet dort die gesuchten Erdbeeren, unter dem Schnee, es ist ein Wunder. Die nimmt das Mädchen mit nach Hause und gibt sie dem kranken Bruder zu essen, und es sind die besten und süßesten Erdbeeren, die er je gegessen hat.

Danach hat der Pepíček dankschön gesagt und ist eingeschlafen, friedlich und still ist er eingeschlafen, mit dem Geschmack von Erdbeeren auf der Zunge - und ehe die Dorotka halbwegs begriffen hat, dass er nie mehr aufwachen wird, ist schon alles vorbei gewesen.
Das ist ein großartiges Ende, ich liebe dieses Kapitel. Es ist kein Happy End, aber es ist ein anständiges Ende, eines mit Augenmaß, eines, das mich weit mehr berührt, als wenn die Zaubererdbeeren den Pepíček geradeheraus gerettet hätten. Ein Wunder, ja, aber kleiner, ehrlicher als das das man sich vielleicht gewünscht hat. Es fühlt sich richtig an. Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, stehen mir die Tränen in den Augen, unweigerlich, es ist ein schrecklich schönes Ende, eines, das die Dunkelheit zulässt, aber in ihr ein Licht anzündet.
Und selbst das Ende von Die Straße führt ja nicht in einzig die Dunkelheit. Der Junge findet eine neue Gruppe, und Cormac McCarthy lässt immerhin zu, dass man nicht glauben muss, er wäre nun unter Kannibalen gefallen. Auch hier hat das Ende einen Lichtschalter.
Spoorloos zugegeben zieht seine Kraft aus der Dunkelheit, die am Ende in einer Kiste unter der Erde unüberwindlich und allgegenwärtig ist. Es gibt ordentliche, katastrophale Enden, es gibt ordentliche Happy End. Die meisten ordentlichen Enden guter Geschichten sind a little bit of both.
Und auch hier nehme ich die Aussage von @dotslash gerne auf: „Ich finde, wenn der Leser überhaupt einen Anspruch an Autoren haben darf, dann diesen: unterhalten und nicht gelangweilt zu werden.“ Dazu gehört dann auch ein ordentliches Ende, das mit der Geschichte kompatibel ist.

 
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Gute Diskussion, liebe @lakita !

Tendenziell vermeide ich Happy Ends wie der Teufel das Weihwasser. :baddevil: :lol: Das liegt zum einen an meinen Lesevorlieben und zum anderen daran, dass ich Erzählungen schätze, wenn sie lange nachklingen. Happy Ends schließen eben sehr hart ab, verschnüren den Sack imA zu eng - was bleibt? Man kann sich vorstellen, wie glücklich die Figuren nun sind. Okay, aber es wird ja auch wieder Leid & Schmerz geben, über den Punkt des Endes hinaus. Was sagt das Happy End überhaupt aus?

Unhappy Ends oder ambivalente Enden lassen viel anklingen, das man weiterspinnen kann, etwas, das über den Punkt des Lesens hinaus engagiert. Teils Jahre lang. Das find ich spannender als eine kurzzeitige Harmonie.

Dann kann man Lesererwartung nicht an Happy Ends knüpfen, des es gibt eine ganze Menge Genres und Textformen, deren Leser eben solche gerade nicht erwarten: Tragödien, moderne (psychologische) Dramen, Thriller, Noir, letztlich große Bereiche der weitestgehend sozialrealistischen Prosa zwischen Aufklärung und Postmoderne/Gegenwart sowie nochmal speziell der Phantastik (vllt. mit Ausnahme von Fantasy).

ImA ist das Negativste am Happy End, dass es recht klare gut/böse-Verteilungen gibt. Denn ohne die ist jedes Ende ambivalent für mindestens eine Figur, wenn nicht alle. Ambivalente Enden engagieren, weil man sich selbst hinterfragen muss - das mag eine Belohnung sein, ein Happy End würde das ausbremsen, verhindern, also Frust auslösen.


Dann ist die Frage: Happy End für wen?
Als Kind war ich jedenfalls völlig schockiert, dass dem Wolf der Bauch aufgeschnitten und er mit Steinen gefüllt in einen Brunnen geworfen wird. WTF?
Es gibt viele Erzählungen und auch Filme, in denen man mit dem Antihelden geht und dem Helden den Tod wünscht. Andere Texte sind so aufgebaut, dass sie den status quo infrage stellen und dann funzt auch kein Happy End - z. B. bei Harlan Ellison "A Boy and His Dog" / "Ein Junge und sein Hund" im Hinblick auf die menschliche Partnerschaft vs die Loyalität dem Hundebegleiter gegenüber.

Und es gibt ja viele Abstufungen, die alle mit unterschiedlichen Erwartungen spielen:
* Klare Rollen und ein vorhersehbares Happy End (die Spannung entsteht über das wie).
* Mind. eine ambivalente Figur und dann auch nötigenfalls ein ambivalentes Ende.
* Das erwartbare Non-Happy End bei tragischen Geschichten (von Shakespeares Dramen bis Nordic Noir), wobei letzlich auch Erwartungen erfüllt werden. Hier sind die emotionalen / intellektuell-psychologischen Konsequenzen die Belohnung, nicht das Glück für alle.
* Die Form eines erwartbaren Non-Happy Ends, das durch seine Ausrichtung, Härte, Twist überrascht und damit noch mehr trifft - auch hier würde ein Happy End störend naiv und platt wirken, die Wirkung der Geschichte ins Wanken bringen. (Mein Bsp., wo das passiert, wären die letzte Seite von Lems Der Unbesiegbare oder die Auflösung von Cixin Lius ansonsten wunderbarem The Dark Forest).

Das nur mal etwas unsortiert eingeworfen - leider ruft die Frühschicht. :kaffee:

 

Der Künstler ist der Welt nichts schuldig. Hm, dieser Grundsatz wirft Fragen auf.

Als Reaktion auf den Roman und Film »Der weiße Hai« wurden Zehntausende Haie getötet. Obwohl es keine exakten Zahlen dazu gibt, gilt der Zusammenhang zwischen Roman/ Film und dem danach ausgebrochenen Boom der gezielten Sport- und Trophäenjagd auf Haie als belegt. Der Autor Peter Benchley hat das, so heißt es, sein Leben lang bereut. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass er schrieb, dass er das Buch mit dem späteren Wissen (sowohl um die Konsequenzen seines Romans als auch um das wahre Wesen der Haie) so nicht geschrieben hätte. Spielberg hat sich ähnlich geäußert.

Als Reaktion auf Goethes »Die Leiden des jungen Werther« gab es einige Selbstmorde (man geht von etwa einem Dutzend aus). Goethe betrachtete sich dafür zwar nicht als verantwortlich, überarbeitete aber seinen Roman. Bei Wiki heißt es: »In der neuen, 1787 veröffentlichten Fassung ging er stärker auf Distanz zum Helden und machte damit das Suizidmodell weniger attraktiv.«

Von Robert De Niro heißt es, dass ihn die Nachahmung seiner Filmfigur in Taxi Driver durch John Hinckley Jr. schwer getroffen hat. Hinckley Jr. hatte versucht, Ronald Reagan zu töten und bezog sich anschließend direkt auf den von De Niro in Taxi Driver verkörperten Travis Bickle.

Einerseits ist man natürlich nicht dafür verantwortlich, was ein psychisch gestörter Mensch aus dem eigenen Werk (Roman, Film, Kurzgeschichte) macht. Andererseits ist klar, dass so ein Werk einen Impuls in die Welt gibt, der Konsequenzen hat. Zugespitzt könnte man fragen: Würden wir auch dann Geschichten mit brutalen, Sinn verweigernden Enden schreiben, wenn wir genau wüssten, dass daraus Konsequenzen entstehen, die bei einem Teil der Leserschaft zu Leiden führen oder Leiden verstärken?

Gruß Achillus

 
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Würden wir auch dann Geschichten mit brutalen, Sinn verweigernden Enden schreiben, wenn wir genau wüssten, dass daraus Konsequenzen entstehen, die bei einem Teil der Leserschaft zu Leiden führen oder Leiden verstärken?

Um Leiden zu verstärken braucht man aber keine Literatur, sondern man nehme einfach nur das Leben, das Erzeugnis von Leiden scheint dem menschlichen Sein doch inhärent.

Mir ist das alles zu moralisierend, zu gut gemeint. Ich bin der Welt keine moralisch korrekte Geschichte oder sogar Sinnstiftung schuldig, weil Ethik und Moral und Sinn für jeden etwas anderes meint; ich zensiere mich doch auch nicht selbst, wenn ich ein ausgemachter Nihilist bin und glaube, das Leben ist absurd und habe eben keinerlei Sinn. Ist für mich eine fragwürdige Sicht auf Kunst, im Grunde sogar fast eher schon kunstfeindlich. Ich sehe mich dahingehend nicht als Erzieher: Göbbels wollte die Deutschen auch nur zum richtigen Tun und Glauben erziehen, das reicht für mich fürs Erste.

Das ist, glaube ich, ein Problem des Seins und Sollens: ein naturalistischer Fehlschluss. Der Mensch ist kein natürlich gutes Wesen, warum sollte man nicht die Abgründe erzählen können? Du gehst vielleicht davon aus, dass der Mensch nicht mündig genug ist, seine eigenen Urteile daraus zu ziehen. Ich zum Beispiel lege jeden Text, der mir eine Agenda verkaufen will, eine offensichtliche Moral, sofort zur Seite; das interessiert mich nicht, ich will nicht belehrt werden.

Außerdem kann man das ja auch umdrehen: wäre ein permanentes Happy End oder ein versöhnliches Ende nicht vollkommen grotesk in unserer Welt, die eben so oft nicht fair ist, die ungerecht und brutal ist? Wäre das nicht einfach eine bewusste Verzerrung, eine Falschwahrnehmung, eine Manipulation? Ich würde solche Erbauungsliteratur nicht lesen wollen. Mich erinnert das auch immer an so sozialistische Agitprop-Schriften, wo immer das (dementsprechend für sich reklamierte) Gute gewinnt und alles in Butter ist.

 
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Hey Jimmy, das war keine Frage, für die ich bereits eine Antwort habe. Schieb mich nicht in eine Ecke, mit der ich nichts zu tun habe. Ich schreibe ja selbst Geschichten, die häufig nicht gut enden.

Aber zu sagen: Hey, ich bin Künstler. Ich mach was mir gefällt, ist doch auch zu einfach. Das hieße ja, wir bräuchten über die Konsequenzen unseres Verhaltens beim Veröffentlichen von Kunst weniger nachdenken, als es im Grunde bei jedem vernünftigen Menschen in anderen Bereichen des Lebens Standard ist. Immer wenn Menschen mit anderen interagieren gelten doch andere Regeln, als für das, was sie mit sich selbst ausmachen.

So ist es eine Sache, wenn wir eine Geschichte schreiben, die das Leben in einer Diktatur verherrlicht und diese Geschichte unserem Goldhamster vorlesen. Etwas anderes ist es, wenn wir so einen Text veröffentlichen.

Goethe hat den Werther u.a. mit einer Art Selbst-Therapie gerechtfertigt, was prompt die Frage aufwirft, weshalb man das dann veröffentlichen muss (wenn das der einzige Zweck war).

Es gibt Beispiele, in denen Kunstwerke (oder vermeintliche) zum Erstarken von Rassismus geführt haben. Oder zu einem Boom beim Ku Klux Klan. Oder zu einem Boom bei Suiziden. Beispielsweise hat Netflix in der Serie »Tote Mädchen lügen nicht« eine umstrittene Suizid-Szene rausgenommen, nachdem Studien angeblich einen Anstieg jugendlicher Suizide nach Staffel 1. zeigten. Der Vorwurf lautete, die Serie romantisiere Leid und Suizid. Keine Ahnung, wieviel an diesen News, die so durch den Äther ticken wirklich dran ist. Aber jegliche Verantwortung zu leugnen, ist doch auch merkwürdig. Zumal Erbauungsliteratur, Zensur oder Goebbels ja nun nicht wirklich die zwangsläufige Alternative darstellen.

Gruß Achillus

 

Mir ist das alles zu moralisierend, zu gut gemeint. Ich bin der Welt keine moralisch korrekte Geschichte oder sogar Sinnstiftung schuldig, weil Ethik und Moral und Sinn für jeden etwas anderes meint; ich zensiere mich doch auch nicht selbst, wenn ich ein ausgemachter Nihilist bin und glaube, das Leben ist absurd und habe eben keinerlei Sinn. Ist für mich eine fragwürdige Sicht auf Kunst, im Grunde sogar fast eher schon kunstfeindlich.

Grundsätzlich stimme ich dem zu, vor allem vor dem Hintergrund der heutigen Trends (z. B. Stichwort "woke"), aber:

In der Wissenschaft gibt es bspw. spätestens seit der Zündung der Atombombe eine aus meiner Sicht berechtigte Diskussion darüber, ob nicht auch die Wissenschaft gewisse moralische Grenzen respektieren sollte. Man kann sich natürlich als Wissenschaftler davon freimachen, was andere mit der Erkenntnis anstellen, so wie historisch auch anfangs argumentiert wurde, aber nachdem die Jahren vergingen und die Bombe in der Welt war, fand ein gewisser Sinneswandel statt.

Worte sind natürlich keine Atombomben, von daher mag der Vergleich hinken, aber die Frage nach der Verantwortung hat trotzdem eine gewisse Berechtigung. Darf diese Verantwortung dazu führen, dass wir die Aufklärung über Bord werfen und im Postaufklärungszeitalter irrationales Handeln legtimieren oder sogar huldigen und zur Ersatzreligion emporheben? Sicher nicht.

Genausowenig darf aus meiner Sicht diese Verantwortung zu einer Happy End Diktatur in der Literatur oder Kunst führen.

Zugespitzt könnte man fragen: Würden wir auch dann Geschichten mit brutalen, Sinn verweigernden Enden schreiben, wenn wir genau wüssten, dass daraus Konsequenzen entstehen, die bei einem Teil der Leserschaft zu Leiden führen oder Leiden verstärken?

Jegliches Handeln hat Konsequenzen. Solche Enden sind auch ein Spiegel unserer Zeit, des langsamen "Schlechtwerdens", das jeder spürt und kaum einer auszusprechen mag, was natürlich Literatur bewusst oder unbewusst aufnimmt. Die Frage ist, wie man als Autor damit umgeht, ob man Spiegel seiner Zeit ist, ob man sich der Trost- und Hoffnungslosigkeit hingeben möchte oder sich davon freimachen, weil man das Menschsein als ein Mehr als das begreift.

Aber so wie es sich die Wissenschaft zu einfach macht, wenn sie jegliche Verantwortung von sich weist, sehe ich bei Künstlern, egal welchen, keine Sonderstellung, die sie von jeglicher Verantwortung freispricht, nur weil sie Künstler sind.

 

Ich finde es spannend, wie das „Happy End“-Thema und das Verantwortungsthema ineinandergreifen - angefangen vom Lesergefühl bis hin zu tatsächlichen Konsequenzen wie etwa dem Hai-Fang. Wobei ich sagen muss, dass gerade letzteres für mich weniger mit dem „Happy End“-Thema zu tun hat. Sondern mehr mit falscher Darstellung von Dingen.

Ich bin ja eher ein Verfechter davon, dass Geschichten so zu Ende gehen wollen, wie es der erzählten Thematik entspricht bzw. vereinfacht gesagt: das Ende sollte sich abzeichnen und auch im Zusammenhang mit dem Erzählten logisch sein. Da bleib ich nicht nur beim Genre hängen, sondern auch bei der Geschichte an sich.

Konsequenzen haben überdies nicht nur Geschichten ohne Happy End. Man nehme z. B. eine Erzählung über Krieg verbunden mit dem unabdingbaren Willen eines Autors, diese Erzählung so friedvoll aufzulösen, dass am Ende alles vergeben wird und man keine Konsequenzen hat. Oder etwas greifbarer in heutigen Büchern: Vergewaltiger, übergriffige Beziehungsmuster usw. werden romantisiert oder im Rahmen des „Ich kann ihn ändern“-Plots nachträglich einfach vergeben. Das vermittelt im Rahmen eines „Happy Ends“ dann eine mAn doch sehr fragwürdige Botschaft - zumal man von Verantwortung spricht und bedenkt, dass solche Romane vor allem von jungen Leserinnen konsumiert werden.


Aber ja, zum Happy End an sich: Ich bin der Meinung, dass es weder gut ist, sich prinzipiell zu sträuben, noch es zu erzwingen. Das Ende muss zur Geschichte passen.

 

Hey Jimmy, das war keine Frage, für die ich bereits eine Antwort habe. Schieb mich nicht in eine Ecke, mit der ich nichts zu tun habe. Ich schreibe ja selbst Geschichten, die häufig nicht gut enden.
Nee, sorry, so war das nicht gemeint, habe ich mich mißverständlich ausgedrückt. Ich meinte es eher so prinzipiell: Ich denke, es ist ein zweischneidiges Schwert, wie du schon sagst. Welchen Sinn haben superbrutale Splatterfilme, die offensichtlich ja auch noch immer realistischer werden? Was soll das Ganze? Das frage ich mich natürlich auch, das sind ja auch total berechtigte Fragen.

 
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Ich bin der Meinung, dass es weder gut ist, sich prinzipiell zu sträuben, noch es zu erzwingen. Das Ende muss zur Geschichte passen.
Hallo Salatze,

das sagt so imA nichts aus - denn wenn man prinzipiell (weil einen extrem Anderes nicht interessiert) Geschichten schreibt, zu denen Happy Ends eher nicht passen, weigert man sich ja quasi automatisch auch prinziell, diese zu schreiben.

Ich denke nicht, dass das - an sich sehr spannende Thema - von Verantwortung und impliziter Aussage (die ggfs, nicht alle erkennen, wenn ich hier einige Splatterfilme nähme) mit Happy End oder nicht zu tun hat.

Ich hab mal überlegt, bei welchen Erzählungen ich Happy End erwartete:
* James Bond. Wir haben zwar gerade in Ost und West Politiker, die erstaunlich nahe an extrem überzeichneten, platten Bond-Bösewichtern sind, aber an sich haben die Romane/Filme ja wenig Realitätsgehalt, wenn man so an den groben Plot denkt. Es sind kaum glaubhafte Dramen, daher entlassen einen die Filme auch nicht besonders nachdenklich. Das Happy End ist wie eine gern gelesene Phrase, die ich nicht groß hinterfrage, weil das ganze Prinzip sehr offensichtlich ist.
Aber: Ich war doch sehr über On Her Majesty's Secret Service erstaunt: Der Plot und die Charakterisierung weichen stark vom Standard ab, zudem gibt es einen absolut unerwarteten Tod einer positiven Figur und damit kein Happy End. Es ist aber auch das Buch (bzw. auch Hörspiel), das mir am stärksten in Erinnerung blieb und mich am meisten engagierte, obwohl ich die ersten Filme seit Kindheit mehrmals sah.

* Entwicklungs- oder Empowerment-Geschichten. Lese ich wenig, aber z. B. würde ich Gretchen Felker-Martins Manhunt (Trans & Splatter und extrem psychologisch- bzw. emotional-realistisch rund) dazuzählen. Die Guten sind komplex und da es drei positive Hauptfiguren sind, die eine tragische Entwicklung incl. Empowerment gegen eine Vielzahl Antagonistinnen durchmachen, war klar, dass mindestens eine stirbt. Klar haut das mehr rein, es war auch realistisch, aber ich hätte da durchaus ohne character death leben können. Weil ich erwarte, dass auf Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung eine Belohnung folgt, nicht der Tod (das ultimative Scheitern). Folgerichtig im Sinne des Romans und seiner Warnung / Aussage war es dennoch.
Es gibt unzählige ähnliche Dramen, in denen - wie bei Manhunt - auf Empowerment & Überhöhung der Tod folgt (Film): Taarna in der letzten Episode von Heavy Metal, Alexia in Titane. Die Protagonistinnen sehe ich von der Anlage her analog zum Prinzen in Hamlet. Im Märchen bei H. C. Andersen und als Fabel bei Fallada.

Ähnliches zum Thema 'belohntes Empowerment' gilt bei jugendlichen Protas: z. B. in Barkers Thief of Always (Das Haus der verlorenen Jahre) oder Bellairs' The House With a Clock in Its Walls (Das Haus, das tickte). Hier finden die kindlichen Figuren etwas Verstörendes heraus, das ihre Welt erschüttert - würden sie sterben, hätte das Erlebnis jeweils ja gar kein Gewicht. Es ist also mitreißender, hier vordergründig alles hübsch zu lösen, die Guten gewinnen zu lassen, aber die Kids sind verändert von ihrem Wissen. Gilt das noch als Happy? Oder braucht man dafür die komplette blissful ignorance (die in sich wieder zweifelhaft ist).

* Wer sind die Guten, wer sind die Bösen?
Beispiel Dracula: Schon als (Unter?)Zehnjährige war ich nach Hammerfilm Nr. X und wenig später der Romanlektüre entsetzt, warum Van Helsing immer gewinnt und man als Leser angehalten wird, das zu feiern. Ein freudloser, harscher, von allen isolierter älterer Mann, der Zucht & Ordnung auf sehr zweifelhafte Weise herstellt, ist doch im Vergleich zu Dracula nicht der Held. Denn der Vampir versklavt zwar, aber befreit auch (vom überkommenen Korsett). Er mag die Opfer beeinflussen und unterwerfen, aber van Helsing tut nichts anderes. Zudem bringt Dracula mehr Leben, van Helsing den Tod.

Mit diesem Problem beschäftigen sich natürlich eine Unzahl Bücher, die versuchen, das Gut/Böse-Prinzip umzukehren. Wie happy ist das Ende dabei? Es kommt wohl auf den an, der es liest und seine Selbst-Identifikation, Sozialisation, das ist also keine Ja/Nein-Frage.

Ab von anderen gehe ich mal nach eigenen Texten. Ich habe Enden, die für die Protas gut ausgehen, teils ungebrochen gut: Serienmörderinnen, Kindermörder, eine aus guten Gründen antichristliche 3-Frauengenerationen-Hexenfamilie (aber knapp am Unglück vorbei, semi-ambivalent). Hier treffe ich aber Aussagen über reale Historie & Politik, oder/und verlege die Moral in den Kopf der mündigen Leser.
Ein Text mit Vorgabe, zwei positiven Nebenfiguren nichts anzutun - da ich sie eher naiv-negativ zeichne, musste es ein angedeutetes Happy End für die Rebellen geben, die sie verfolgen (Dystopie). -> siehe Empowerment oben, das eher Belohnung als Strafe verdient, besonders, wenn es sich gegen Unterdrückung richtet. Andererseits hätte ich ohne die Vorgaben vermutlich ein negativeres Ende gewählt, eben wegen der länger anhaltenden Wirkung und dem Nicht-zu-eng-schnüren.

Was ich sagen will: Das Ende muss nicht nur zum Rest des Textes passen, sondern: Die Empfindung, ob es glücklich ist oder nicht, liegt im Leser selbst. Und weniger in Bausteinen wie: Held kriegt nach einem Kampf gegen XY sein Mädchen und beide heiraten. Das kann gut sein (authentische, individuelle Liebe), oder auch schlecht (Zwänge, Normen untermauern).

Denke, das Thema ist enorm komplex. Und auch immens wichtig, wenn man selbst Texte konzipiert, und zwar ganz ab von Leser-Befriedigung.

 

Ihr Lieben!

Was für eine rege Beteiligung! Dafür danke ich euch herzlich und habe mich über jeden Beitrag sehr gefreut.
Gerne weiter so!

Dass meine einfachen Fragen zum Happy End hochkomplexe Vorgänge des Schreibens ansprechen, wundert mich nicht, um so mehr freut es mich, dass ihr so wertvolle Gedanken hineinbringt und ebenfalls diese Komplexität erkennt.

Ich fürchte, wenn ich schon so einen Thread ins Leben rufe, muss auch ich Stellung beziehen, was mir gar nicht so leicht fällt, denn mir schwirrt der Kopf, weil so immens viel zu beachten ist.


Für wen schreibe ich?
Auf jeden Fall nicht für mich, denn sonst wäre ich nicht hier mit meinen Geschichten.
Ich schreibe also, um gelesen zu werden.
Für mich hat das aber zur Konsequenz, dass ich mir sofort die nächste Frage stelle: Wen will ich mit meinen Geschichten erreichen? Wer soll die lesen?

Was man sehr gut bei uns erleben kann, ist dass es DEN Leser nicht gibt, so wie es ja auch nicht DEN Autoren gibt. Wir sind alle unterschiedlich.
Wie oft habe ich hier Texte gelesen, die ich für nicht der Erwähnung wert, gar manchmal als unterirdisch empfand, um dann erstaunt mitzubekommen, wie andere Kritiker sie begeistert aufnahmen.
Manchmal denke ich, dass jeder Text seinen Fan finden kann, so unterschiedlich ticken wir hier alle. Klar, es gibt Trends und klar, es gibt Standards, aber meist gibt es viel mehr den Graubereich, in dem von großer Begeisterung bis hin zu großer Enttäuschung Geschichten bewertet werden.

Diese Vielfalt irgendwie in das zu bündeln, was man Leserschaft nennt, ist vermutlich für viele von uns ein Buch mit sieben Siegeln. Für mich jedenfalls ist es so.

Die Frage, Happy End oder nicht, ist also einerseits verbunden mit der Frage: Was wünscht sich der Leser? Andererseits ist sie verbunden mit dem, was ich unter guter Literatur verstehe, denn auch, wenn ich für den Leser schreibe, so betrachte ich mich nicht als seinen Sklaven.
Auch, wenn es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die zum dem Ergebnis gelangen, dass Frauen eher als Männer ein Happy End bevorzugen und sowieso geschlechterunabhängig man sich mit einem Happy End mental besser fühlt als ohne, sehe ich die Grenze, sich danach zu richten, da wo wir gar keine Wahl haben, wie etwas endet. Logik, Stringenz, Harmonie gebieten oft genug nur einen einzigen Geschichtenschluss. Von diesen Happy Ends handelt dieser Thread nicht.

Es geht um die Geschichten/Romane, in denen wir Autoren die freie Wahl haben, es so oder so enden zu lassen.
Und davon gibt es einige.

@Achillus schreibt:

Ich frage mich, ob wir dadurch den Teil unserer Leserschaft verlieren, der zwar Spannung, Action und Horror mag, aber am Ende eben doch so etwas wie ein kleines Licht der Hoffnung sehen möchte.

Diese Frage stelle ich mir auch.
Ein Teil der Leser liest, um aus dem alltäglichen Bereich und das muss nicht immer der graue Alltag, der frustrierende Job, die langweilige Beziehung sein, aber oft ist genau das das Motiv, auszubrechen, um schlicht eine Pause zu erhalten, um abzutauchen in eine andere Welt. Jemand liest Familienromane, um von seinen familiären Problemen eine Auszeit zu nehmen, jemand erlebt grad das Auseinanderbrechen seiner Ehe/Beziehung und delegiert diesen Schmerz, die Hoffnung, den Wandel in die Hauptfiguren eines Romans, jemand phantasiert zusammen mit dem Autor einen erfüllenden Job herbei und sieht sich anstelle des Helden die Erfolge einheimsen.
Ich wage ganz keck zu behaupten, dass es Menschen gibt, die sich mit Alkohol, gar noch mit Drogen aus ihrem derzeitigen Leben zeitweilig herausschießen und es gibt Leser, die dies mit Hilfe der Bücher tun.
Und in jedem dieser Fälle stellt sich die Frage, ob man die Rückkehr in den Alltag, denn irgendwann kehrt ja der Leser zurück in sein eigenes Leben, ihm durch ein Happy End versüsst oder ob es eher die Erkenntnis ist, dass auch andere fiktive Personen scheitern oder ob gerade dieses Scheitern diesen mental stärkenden Schulterschluss ermöglicht, den @linktofink beschrieben hat.
Könnte jemand von uns das beantworten, hätten wir einerseits die Antwort auf die Frage, Happy End oder nicht, aber wir hätten auf der Stelle eine Uniformität in unseren Texten, die mir genauso wenig gefallen würde.

Welche Enttäuschungen darf ich also einem Leser zumuten?

@linktofink schreibt:

Ich würde da differenzieren, denn jedes Genre weckt gewisse und sehr unterschiedliche Erwartungen. Bei einem Märchen, einem Kinderbuch oder einer Romanze ist ein Happy-End Pflicht, weil das Agreement zwischen Autor und Leser die positive Emotion zwingend beinhaltet und eine Nicht-Erfüllung einem Vertragsbruch gleicht.

Stimmt. Unterschreib ich.
Sobald ich mit Sicherheit weiß, dass ich gewisse Erwartungen wecke, düpiere ich den Leser, wenn ich mich nicht dran halte.
Ja, ich weiß, was jetzt eingewendet wird, denn auch das, was @jimmysalaryman sagt, kann ich mehr als nur gut verstehen.
Aber, so würde ich dann entgegnen: Wenn ich nicht bereit bin, diese Erwartungen zu erfüllen, sollte ich auch keine Romanze etc schreiben. Es gibt ein Füllhorn von anderen Möglichkeiten als Autor sich auszuleben, es ist für mich keine wirkliche Beschneidung der Kunstfreiheit, wenn ich bestimmte Themen auslasse.
Aber auch da dürft ihr mir gerne widersprechen, das diskutieren wir ja grad.

Ich möchte dem Leser nicht dieses: "Haste halt leider Pech gehabt, wenn dich das Ende nicht zufriedenstellt", vermeiden, wenn ich es kann. Ich mag manche holzschnittartigen Romane/Geschichten für unerträglich halten, aber ich habe nicht das Recht, den Leser zu erziehen, in dem ich wohlwissend, was er erwartet, mich über ihn stelle und damit enttäusche, weil ich meine, es sei zu niveaulos.
Ich schließe nicht aus, dass ich in 10 Jahren meine Meinung geändert habe. Aber eher könnte ich mir vorstellen, dass ich bis dahin gar nichts mehr schreibe.

@linktofink schreibt:

Ein Ende muss für mich vor allem glaubwürdig sein und ehrlich, ein offenes Ende gibt mir dabei oft mehr als ein gekünsteltes Happy-End, das der Logik des Textes nicht folgt.

Ja, auch das unterschreib ich. Und möchte hinzufügen. Ich verstehe unter einem offenen Ende, dass der Leser eine echte Wahl bekommt, sich selbst entscheiden kann und nicht im kryptischen Rätselraten versinkt, was der Autor wohl gemeint haben könnte.
Und natürlich gibt es eine Menge Ausnahmen, die gerade wegen ihres kryptischen Endes so gefeiert werden.
Ich denke z.B. an die beiden Romane:
Yann Martel Life of Pi, es werden zwei Versionen angeboten am Ende, mit Tiger und ohne Tiger oder denkt an
Marlen Haushofer Die Wand, die Erzählerin überlebt, aber gibt es noch andere Menschen oder ist sie die letzte ihrer Art?

Auch hier stelle ich mal die Behauptung in den Raum, dass wir besser damit fahren, ein derartig offenes Ende zu erschaffen, bevor wir auf Routiniertes zurückgreifen, weil wir Lesererwartungen nicht enttäuschen wollen.
In manchen Fällen ist es eine Art Kompromiss, obwohl ich in der Literatur gerade Kompromisse ablehne.

@linktofink schreibt:

Und wenn ich mir anschaue, welche selbstgerechten, expliziten Gewaltexzesse per Streaming weitgehend unkontrolliert den Weg zu Kindern und Jugendlichen finden, mache ich mir eher (berechtigte) Sorgen um die Deformation zarter Gemüter als bei den Texten hier im Forum.

Auch hier bin ich wieder komplett bei dir und biete, die vielleicht etwas steile These an, dass Kunstfreiheit Grenzen hat, Autoren nicht im freien Fall ihrer Grenzenlosigkeit sind, sondern irgendwann so etwas wie ihre Verantwortung beginnt.

Zum Thema Streaming noch eine kleine Anmerkung:
Es kommt leicht der Gedanke auf, die Literatur mit Filmen zu vergleichen oder Filme mit Literatur.
Wenn es sich um einen abgeschlossenen Film handelt, will ich das noch gerne gelten lassen, weil hier vergleichbare emotionale Situationen im Kopf des Leser und Zuschauers stattfinden.
Aber was machen die Serien mit uns? Wird unser Gehirn nicht geradezu darauf getrimmt, sich an ein schlimmes Ende zu gewöhnen? Stumpft man da nicht am Ende ab, wenn die Helden laufend schwerst verunglücken, verschwinden, gar sterben, um dann in der nächsten Folge durch einen plumpen, selten mal einen genialen Drehbuchstreich wie durch ein Wunder wieder zu agieren?
Hat der Serien-Zuschauer nicht womöglich schon eine No-Happy-End-Hornhaut und fühlt gar nicht mehr den emotionalen Eingriff auf sein Gemüt? Ich will damit nur anmahnen, in diesen Fällen nicht Literatur mit Film zu vermischen. (Was bisher auch noch keiner getan hat.)


@jimmysalaryman

Der Autor ist dem Leser, so denke ich, erstmal gar nichts schuldig. Ich sehe mich nicht als Erfüllungsgehilfen irgendwelcher Hoffnungen, und seien sie literarischer Natur.
Eine Haltung, die ich nicht teile, dennoch sofort akzeptiere und auch respektiere. Und ich bin froh, dass es sie gibt. Weil du für mich so etwas wie ein Garant dafür bist, dass Literatur nicht automatisch zum servilen Wünsch-dir-was für den Leser wird. Denn ich sehe die Gefahr natürlich in meiner Haltung, dass ich viel mehr auf den Leser achten würde als du es tust, auch wenn ich selbstredend nicht alles mitmachen würde.
Agenturen werden immer den Stoff bevorzugen, der ein mehr oder weniger klassisches Happy End aufweist: das verkauft sich besser.
Begründen sie das zufällig nachvollziehbar?
Man könnte sich fragen, ob Geschichten, die einem diese offensichtliche Hoffnung verwehren, nicht jene sind, die einen besonders bewegen, verstören, aufrütteln. Ich denke, da kann es einfach keine kategorische Antwort drauf geben, weil es auf den Kontext der Erzählung ankommt.
Genau. Und es kommt auf den Leser an und da weigere ich mich, von DEM Leser zu sprechen, weil es ihn nicht gibt. Es mag ihn für einzelne Bereiche geben. Aber darüberhinaus nicht, weil jeder anders ist.

@dotslash

Als Leser muss ich doch immer damit rechnen, dass eine Geschichte auch mal schlecht enden kann.
Gefährliche Einstellung, weil ich dann als Leser denken würde: Will ich mir wirklich einen Roman kaufen, der nicht nach meinem Geschmack ist? Und dafür soll ich dann 20 Euro oder mehr bezahlen? Aber ich versteh schon, was du meinst.
Ein Kompromiss wäre vielleicht das offenen Ende, das den finalen Ausgang meiner eigenen Fantasie überlässt. Da gilt es allerdings zu beachten, dass der Weg wirklich bis zur Weggabelung gezeigt wird und sich nicht einfach im Nebel auflöst, was unweigerlich den Unterhaltungswert gegen Null runterzieht.
Genau, offene Enden, die im Nebel enden wären für mich der mieseste Kompromiss, den es gibt. Allerdings muss man diejenige Gemeinde an Lesern davon ausnehmen, die geradezu auf Rätselratensituationen abfahren.
so entlässt er den Leser möglicherweise – mit "schwerer Kost" im Kopf – verstört aus der Geschichte, aber schenkt ihm gleichzeitig auch neue Denkanstösse, die weit über den Wert von Entspannungsliteratur hinausgehen.
Aber sind wir Lehrer, Lebensratgeber, gar noch Therapeuten?
Wenn ein Roman bereits im Klappentext deutlich macht, dass man on top noch etwas lernen kann, egal, was es jetzt ist, dann ist es für mich in Ordnung, denn ich gehe davon aus, dass ein Leser prüft, was er kauft. Aber einfach ungefragt überraschend würde ich es ablehnen.
Ich finde, wenn der Leser überhaupt einen Anspruch an Autoren haben darf, dann diesen: unterhalten und nicht gelangweilt zu werden.
Sowieso. Der Spirit dieser Seite, nicht wahr? :thumbsup:


@Geschichtenwerker

Wenn ich als Autor den Leser in den Fokus rücke, z. B. aus kommerziellen Gründen, dann kommt man um ein Happy End kaum herum: Ich behaupte, dass es mehr Leser gibt, die ein gutes Gefühl nach dem Genuss eines Textes haben möchten als Leser, die gerne danach in depressiver Stimmung sind.
Hab ich auch so gelesen. Einerseits ist ja wohl jedem bekannt, dass Frauen den höheren Prozentsatz an Lesern stellen und es wird gesagt, dass sie überwiegend ein Happy End bevorzugen und ganz grundsätzlich gibt es wohl Studien, die ganz allgemein belegen, dass ein Happy End mehr Akzeptanz findet als umgekehrt.
Als reiner Nihilist wird man sich dem Happy End wohl gerne verweigern.
Aber ihr seid noch eine Minderheit, nicht wahr?:D
Ist es ein Qualitätsmerkmal von Literatur, dass ein Text sich seiner kulturellen, philosophischen, moralischen Basis bewusst ist und dieses Bewusstsein verwendet, um Botschaften zu senden, denen eine gewisse Sinnhaftigkeit innewohnt?
Sehr gute Frage!
Und noch eine Stufe weiter: Ist es das, was uns womöglich als Autor von einer KI unterscheidet?
Noch eine gute Frage! Wenn sich KI so rasant weiterentwickelt, ist diese Frage jedoch alsbald obsolet.
Ich bin jetzt mal ganz böse und postuliere: Wenn ich als Autor nichts zu sagen habe, ist das Schreiben von Geschichten Zeitverschwendung, außer ich verdiene Geld damit oder ziehe eine persönliche Befriedigung daraus.
Widerspreche dir. Leihe (ich würd dafür möglichst kein Geld ausgeben) dir bitte eines dieser Bücher aus, von denen sogar immer mal eine erkleckliche Anzahl in den Literatur-Charts gelistet sind und schau dir an, auf welchem Niveau da erzählt wird. Und dann schau dir die Verkaufszahlen an.
Wenn meine Theorie stimmt, dass sich viele Leser einfach durch das Lesen eine Pause, eine Auszeit von ihrem wahren Leben gönnen wollen, dann ist ganz offensichtlich eine Gruppe davon unter den Lesern dieser Bücher zu vermuten. Dürfen wir wirklich mit Arroganz behaupten, sie sollen es lassen, so einen Mist zu lesen? Wenn diese Bücher ihren Zweck erfüllen, sind es gute Bücher, gerade, weil sie es tun. Dass wir unter Literatur oft etwas anderes subsumieren, liegt auf einer anderen Ebene.
Ist es nicht auch irgendwie ein Treppenwitz, seine Zeit mit dem Schreiben von Geschichten zu verbringen, deren Botschaft ist, dass alles sinnlos ist?
Interessante Frage.
Sie geht fast in die Richtung, dass ich entsetzt bin, dass wir nur negative Nachrichten in den Medien zu hören, sehen und zu lesen bekommen. Wo bleibt der positive Ausgleich? Ist es vermessen den zu fordern? Ist man damit automatisch eine verpeilte, weltfremde Person, die den Ernst des Lebens ignoriert? Nein, ich denke nicht. Ying und Yang, keines ist besser, keines ist schlechter.
Vielleicht liegt es also auch an der Form der Kurzgeschichten, die hier in erster Linie eingestellt werden und vielleicht liegt es auch daran, dass längere Geschichten hier weniger Beachtung finden, dass die Enden eher in der Dunkelheit liegen als im Licht.
Ich glaube, da ist was dran.


@Tsunami

Was ist ein Happy End? Bzw. ist es für jeden ein glückliches Ende? Das, was er von der Geschichte erwartete?
Richtig. Ich habe diesen Thread eröffnet, ohne die Definition zu liefern. Was ist also ein Happy End? Im weitesten Sinne ein positives Ende, wobei der Grad des Positiven angefangen vom puren Glück, der glücklichen Fügung, dem vollen Erfolg bis hin zu schlichten, manchmal auch nur leisen Erkenntnissen zartester Art angesiedelt sein kann. Also wäre auch die Totgeweihte, die sich am Ende noch am Duft einer Rose erfreuen kann, ein Happy End für mich.
Aber lasst uns das gerne definieren. Es macht immer Sinn, zu wissen, auf welchem Grund man steht.
Nehmen wir den Film Titanic als Beispiel. Vermutlich gingen die wenigsten ins Kino und erwarteten, dass das Schiff nicht sinkt. (Spoiler: es sank!)
Dann blieb die Lovestory. Ok, Leonardo di Caprio ging auch unter. Also kein Happy End? Na für James Cameron und alle anderen Beteiligten war es sicherlich ein happy end, weil der Film alle Quoten brach. Warum?
Weil ja niemand behauptet, dass ausschließlich nur Happy Ends vom Zuschauer oder Leser gewünscht und gewürdigt werden. Und dies hier ist dann die Ausnahme, einmal abgesehen davon, dass es ja die Erzählerin als Überlebende gibt und das ist positiv oder?
Unterhaltsam finde ich es beispielsweise, wenn ich als Leser überrascht werde. Finde ich viel schöner, als wenn ich 100 Seiten vorher bereits weiß, wie die Geschichte enden wird.
Da bin ich voll bei dir.


@brudervomweber

Ein Ende muss sich "richtig" anfühlen, dafür muss es nicht glücklich sein, aber auch nicht notwendig in Tränen oder Trauma enden.
Unterschreib ich.
Der Leser hat keinen Anspruch auf ein Happy End, aber sicherlich auf ein Proper End, ein ordentliches, angemessenes Ende, das zum Erzählten passt, im Guten wie im Schlechten.
Stimmt, er hat auf jeden Fall einen Anspruch auf Stimmigkeit. Wir dürfen den Leser und sein Gespür dafür nicht unterschätzen.
Auch hier hat das Ende einen Lichtschalter.
Schön gesagt.:thumbsup:

@Katla

Gute Diskussion, liebe @lakita !
Danke, liebe Katla. Ich hoffe, sie geht noch eine gute Weile konstruktiv weiter. Es gibt noch so viele Fragen, die wir uns stellen können.
Tendenziell vermeide ich Happy Ends wie der Teufel das Weihwasser.
Ja, so kenne ich dich. Und deine Einstellung ehrt dich, denn sie bildet natürlich einen gesunden Gegenpol zur Gefahr, dass man allzu sehr in Richtung Leser, gar noch Verlag schielt und damit ein Stück Freiheit aufgegeben wird. Ich meine die Freiheit, sich bis zur Sittenwidrigkeitsgrenze als Autor mit aller Phantasie austoben zu können.

Aber haben wir nicht doch eine wenigstens geringe Verantwortung gegenüber dem Leser?
Und ja, DEN Leser gibt es eben nicht, sondern jede Menge Individuen, die individuelle Bedürfnisse und Wünsche haben.
Nur, wenn wir damit dann alles gesagt hätten, bräuchten wir natürlich diesen Thread nicht.

Tragen Autoren Verantwortung?

Das liegt zum einen an meinen Lesevorlieben und zum anderen daran, dass ich Erzählungen schätze, wenn sie lange nachklingen.
Sehr gut nachvollziehbar. Da finde ich mich selbst wieder. Aber das liegt daran, dass einen nach sehr vielen gelesenen Büchern irgendwann das Gefühl beschleicht, dass es doch oft eine Wiederholung in leicht neuem Gewand ist und ich lechze nach Überraschungen.

Happy Ends können es manchmal sein, wenn ich sie so gar nicht erwarte, aber ich könnte dir grad keinen Roman benennen, bei dem ausgerechnet das der Fall war. Also sind es eher die offenen Enden, die Brechung mit meinen Erwartungen.
Nachdem man eine Summe x an Büchern gelesen hat, verschwimmt bei mir in vielen Fällen die Erinnerung an sehr sehr viele Bücher. Sie hatten keinen Nachhall, sie haben sich in den Brei der üblichen Bücher gemischt. Schade, weil jeder Autor, der sich bemüht, gut zu unterhalten, es eigentlich verdient hat, nicht in diesen Gedächtnisbrei abzurutschen.
Aber es passiert trotzdem.
Was wirklich bleibt, sind die nachklingenden Texte.


Was sagt das Happy End überhaupt aus?
Ich hatte weiter oben geantwortet, dass es Leser gibt, die in die vom Autoren erschaffene Welt schlüpfen, sich dort ablenken lassen, eintauchen in die Phantasien und sich erholen, eine Pause vom Alltag machen. Vielleicht wollen diese Leser nicht erinnert werden, nachdem sie wieder in ihrem Alltag angekommen sind?
Vielleicht tust du denen gar keinen Gefallen, wenn sie noch tagelang darüber nachdenken, was sie gelesen haben?
Und damit sind wir wieder bei der Frage angelangt, für wen wir schreiben.

Unhappy Ends oder ambivalente Enden lassen viel anklingen, das man weiterspinnen kann, etwas, das über den Punkt des Lesens hinaus engagiert. Teils Jahre lang. Das find ich spannender als eine kurzzeitige Harmonie.
Ja und nochmals ja! So sehe ich es auch. Aber sind das nicht eventuell nur unsere persönlichen Wünsche, die man keinesfalls verallgemeinern kann?
Es gibt viele Erzählungen und auch Filme, in denen man mit dem Antihelden geht und dem Helden den Tod wünscht. Andere Texte sind so aufgebaut, dass sie den status quo infrage stellen und dann funzt auch kein Happy End
Das ist interessant, was du schreibst. Ich habe mal versucht, mich an Fime zu erinnern und könnte dir jetzt kein einziges Beispiel nennen, wo es mir so wie dir erging. Aber gewiss werde ich bei jedem nächsten Film besonders darauf achten. Spannend.

Und ja, wir sind uns hier alle einig, dass nur stimmige Happy Ends funktionieren und akzeptabel sind.
Im Trivialliteraturbereich mag von mir aus der unsinnigste und unstimmigste Schluss geschrieben sein und ich verurteile niemanden, der so etwas liest und sogar gut findet. Aber das ist ja nicht hier unsere Diskussionsgrundlage.

Und es gibt ja viele Abstufungen, die alle mit unterschiedlichen Erwartungen spielen:
Genau, ich wage zu behaupten, fast so viele wie es Autoren und Leser gibt.


@Achillus


Als Reaktion auf den Roman und Film »Der weiße Hai« wurden Zehntausende Haie getötet.
Du sprichst da einen grundsätzlichen Gedanken an: Haben Autoren Verantwortung gegenüber ihren Lesern? Und wie weit geht diese?
Ich denke schon. Sie haben Verantwortung. Könnte jetzt aber nicht die Tragweite beantworten.

Dein Beispiel mit dem Weißen Hai ist wichtig.
Es gab mehrere Wellen, in denen speziell Filme Zuschauer erheblich beeinflusst haben.
Ich denke da z.B. an Filme, die Hypes ausgelöst haben wie:
Finding Nemo, Clownfische
Game of Thrones, Huskys
101 Dalmatiner.
In allen Fällen stieg der Kauf dieser Tiere signifikant an.
Mit welchen Folgen? Die Dalmatiner z.B. sind sehr lauffreudige Hunde, die schnell unterfordert sind, wenn man sich nicht auf ihre speziellen Bedürfnisse einstellt. Die Folge war, dass nach einer gewissen Zeit des Anstiegs der Verkaufszahlen, die Abgabezahlen in den Tierheimen wuchs.
Darf man als Autor solche Folgen in Kauf nehmen?

Als Reaktion auf Goethes »Die Leiden des jungen Werther« gab es einige Selbstmorde (
Ja, das hab ich auch wo gelesen.
Einerseits ist man natürlich nicht dafür verantwortlich, was ein psychisch gestörter Mensch aus dem eigenen Werk (Roman, Film, Kurzgeschichte) macht. Andererseits ist klar, dass so ein Werk einen Impuls in die Welt gibt, der Konsequenzen hat.
Richtig.
Würden wir auch dann Geschichten mit brutalen, Sinn verweigernden Enden schreiben, wenn wir genau wüssten, dass daraus Konsequenzen entstehen, die bei einem Teil der Leserschaft zu Leiden führen oder Leiden verstärken?
So wie du fragst, lautet meine Antwort: Nein!

Aber ist das nicht zu kurz gegriffen? Diese sinnvolle Fragestellung stellt ausschließlich der Autor, der einerseits diese Wertevorstellung hat und andererseits über ausreichend Wissen verfügt, die Probleme zu erfassen, die durch seinen Text entstehen könnten.

Was ist mit all den Autoren, die sich, wie man so schön sagt "keinen Kopf machen"?

Sind die verantwortungslos?

Müsste man nicht dann eine weitere Forderung aufstellen und verlangen, dass sich jeder Autor erst an seine Texterschaffung setzen darf, wenn er zuvor gründlich recherchiert hat? Und ginge dieses Gebot nicht gleichzeitig zu weit?


@jimmysalaryman , @Achillus ,@Geschichtenwerker

ich erwähne eure sehr spannende Diskussion über diese soeben schon angedeutete Frage jetzt nicht in Form von Zitaten, weil ich viel zu viel zitieren müsste, denn all eure Argumente sind beachtens- und durchdenkenswert.

Ich greife nur einen Satz von
@Geschichtenwerker raus, aber nicht, um diesen Diskussionsstrang zu beenden, sondern

Aber so wie es sich die Wissenschaft zu einfach macht, wenn sie jegliche Verantwortung von sich weist, sehe ich bei Künstlern, egal welchen, keine Sonderstellung, die sie von jeglicher Verantwortung freispricht, nur weil sie Künstler sind.
weil ich es auch so sehe.
Auch, wenn wir viele der hier entstandenen Fragen einfach nicht schließendlich beantworten können, so finde ich dennoch, sie zu stellen, sehr wichtig. Sie schärfen unser Bewusstsein.

@Salatze

Ich bin ja eher ein Verfechter davon, dass Geschichten so zu Ende gehen wollen, wie es der erzählten Thematik entspricht bzw. vereinfacht gesagt: das Ende sollte sich abzeichnen und auch im Zusammenhang mit dem Erzählten logisch sein. Da bleib ich nicht nur beim Genre hängen, sondern auch bei der Geschichte an sich.
Ich glaube, dass dies hier viele so sehen und ich finde es auch stimmig, sehe es folglich auch so.
Konsequenzen haben überdies nicht nur Geschichten ohne Happy End.
Da sprichst du einen Punkt an, den man beileibe nicht unter den Tisch fallen lassen sollte. Es gibt Happy Ends, die können einen richtig böse werden lassen, weil sie so verfehlt und verlogen sind. Richtig. Ich bin mir sicher, dass wir alle so empfinden, wenn ein Happy End sämtliche Probleme beiseite wischt, nur weil es einfach positiv enden soll. Da bin ich komplett bei dir. Guter Hinweis.

@Katla

James Bond. Wir haben zwar gerade in Ost und West Politiker, die erstaunlich nahe an extrem überzeichneten, platten Bond-Bösewichtern sind, aber an sich haben die Filme ja wenig Realitätsgehalt, wenn man so an den groben Plot denkt. Es sind kaum glaubhafte Dramen, daher entlassen einen die Filme auch nicht besonders nachdenklich. Das Happy End ist wie eine gern gelesene Phrase, die ich nicht groß hinterfrage,
Stimmt. Es gibt Filme, die lässt man insoweit durchlaufen, ohne sie mit eigenem Anspruch zu belegen. Ich glaube, einer der Gründe, weshalb manche Zuschauer Unmengen an Getränken und Popcorn im Kino vertilgen. Ich bewerte das als Übersprungshandlungen, um solchen Filmen einen gewissen Unterhaltungswert abzuringen.
Weil ich erwarte, dass auf Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung eine Belohnung folgt, nicht der Tod
Wobei dann dein Erwartungsanspruch mit dem Nachhallanspruch kollidiert oder?
Hier finden die kindlichen Figuren etwas Verstörendes heraus, das ihre Welt erschüttert - würden sie sterben, hätte das Erlebnis jeweils ja gar kein Gewicht. Es ist also mitreißender, hier vordergründig alles hübsch zu lösen, die Guten gewinnen zu lassen, aber die Kids sind verändert von ihrem Wissen. Gilt das noch als Happy? Oder braucht man dafür die komplette blissful ignorance (die in sich wieder zweifelhaft ist).
Ja, für mich wäre es noch ein Happy End.
Wie happy ist das Ende dabei? Es kommt wohl auf den an, der es liest und seine Selbst-Identifikation, Sozialisation, das ist also keine Ja/Nein-Frage.
Richtig.
Was ich sagen will: Das Ende muss nicht nur zum Rest des Textes passen, sondern: Die Empfindung, ob es glücklich ist oder nicht, liegt im Leser selbst.
Absolut. Es hat direkt etwas mit der Bedeutungshoheit zu tun. Egal, was du mit deinen Texten aussagen, erreichen willst, in dem Moment, in dem der Leser ihn liest, hast du die Bedeutungshoheit über deinen Text verloren und der Leser setzt seine Filter drüber.
Jeder, der etwas sagt oder schreibt, schwebt in der permanenten Gefahr, missverstanden zu werden. Dieser Konflikt lässt sich nicht auflösen, denn wir sind halt in jeder Hinsicht unterschiedlich. Die Bewertung, ob eine Geschichte oder ein Roman zur Zufriedenheit des Autoren und des Lesers endet wird nie einheitlich sein, Wunder ausgenommen.

Denke, das Thema ist enorm komplex. Und auch immens wichtig, wenn man selbst Texte konzipiert, und zwar ganz ab von Leser-Befriedigung.
Das denke ich auch immerzu. Und mein inneres System, das liebend gerne abschließende Antworten auf möglichst alle Fragen hätte, wird laufend eines Besseren belehrt.
Aber ich finde es hochspannend und deswegen macht es mir hier mit euch allen sehr viel Spaß noch ein paar Runden weiterzudiskutieren.:D:thumbsup::thumbsup::thumbsup:


An alle herzliche Grüße

lakita

 

Hey @Katla,

das sagt so imA nichts aus - denn wenn man prinzipiell (weil einen extrem Anderes nicht interessiert) Geschichten schreibt, zu denen Happy Ends eher nicht passen, weigert man sich ja quasi automatisch auch prinziell, diese zu schreiben.

Ich bin mir nicht sicher, warum genau die Aussage "Das Ende muss zur Geschichte passen." in deinen Augen nichts aussagt, denn mAn sagt das alles aus, was es zu sagen gibt, aber ich kann es auch gerne an einem Beispiel festmachen.

Das beste Beispiel, um sich möglichst kurz zu halten, ist mAn "Tribute von Panem". Ich finde nämlich, dass der Epilog viele Fragen über den Charakter Katness aufwirft, den ein "gutes" Ende nicht aufwerfen würde. So sagt sie in allen drei Büchern, dass sie niemals Kinder haben will und doch bekommt der Leser am Ende des dritten Buches einen Epilog, in dem sie ihren Kindern zuguckt und sich davor fürchtet, dass die Hungerspiele irgendwann wieder los gehen und ihr die Kinder weggenommen werden. Das liest sich mAn (unabhängig davon, ob man es jetzt als Happy End betrachten will oder nicht) nicht kohärent, weil da ein Bruch im Charakter entsteht, der nicht (oder nur unzureichend, insofern behauptet wird "Ja, das sind ja x Jahre vergangen") beantwortet wird.

Letztendlich geht es also nicht um die Frage, ob man ein Happy End schreiben will oder nicht, sondern ob das Ende, das man schreiben will, mit dem zusammenpasst, was man zuvor geschrieben hat. Und wenn das der Fall ist, dann wird man wohl auch weniger Leser enttäuschen, die möglicherweise noch auf ein Happy End warten, wobei das jetzt nicht der Sinn sein sollte, aus dem man schreibt.

Aber vielleicht denken wir da auch zu verschieden, denn:

Was ich sagen will: Das Ende muss nicht nur zum Rest des Textes passen, sondern: Die Empfindung, ob es glücklich ist oder nicht, liegt im Leser selbst. Und weniger in Bausteinen wie: Held kriegt nach einem Kampf gegen XY sein Mädchen und beide heiraten. Das kann gut sein (authentische, individuelle Liebe), oder auch schlecht (Zwänge, Normen untermauern).
hier weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, was du mir sagen willst. Vor allem mit dem fettgedruckten. Das hat mAn wenig mit dem zu tun, was ich geschrieben habe, denn dass die Empfindung, ob ein Ende "Happy" ist oder nicht, beim Leser liegt, ist mir schon klar. Viele würden ja auch das Ende von Tribute von Panem nicht als "Happy End" lesen. Da ist der Blickwinkel oft mitbestimmend. Ich kann es so lesen, dass Katness zwar mit dem Trauma kämpft und die Kinder sie langsam heilen. Ich könnte es aber auch so interpretieren, dass das Trauma eig. eine Art "Versprechen" ist, dass sich die Dinge wiederholen und die Hunger Spiele eines Tages wieder stattfinden. Und je nachdem, wie ich es als Leser lesen will, werde ich bestimmte Dinge, die im Text stehen (ob nun bewusst oder unbewusst) ausblenden oder dazu dichten, sofern ich nicht eine tatsächliche wissenschaftliche Textanalyse vornehme und ich kenne wenige Hobby-Leser, die das machen. - Aber kurz gesagt: Gerade deshalb bin ich ja der Ansicht, dass das Ende zur Geschichte passen muss, fernab von allen Empfindlichkeiten und genau deshalb sehe ich die Frage nach der Verantwortung, die ein Autor gegenüber seiner Leserschaft hat, auch an einem viel früherem Punkt, als dem Ende.


Ich denke nicht, dass das - an sich sehr spannende Thema - von Verantwortung und impliziter Aussage (die ggfs, nicht alle erkennen, wenn ich hier einige Splatterfilme nähme) mit Happy End oder nicht zu tun hat.

Also ja, ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt habe, was den Punkt mit der Verantwortung betrifft. Vorweg: Ich finde die Frage nach der Verantwortung natürlich auch spannend und wie ich mit dem Beispiel zur Gewaltverherrlichung in Beziehungen schon angedeutet habe, auch wichtig. Allerdings finde ich, dass es mit der Frage nach einem "Happy End" nichts zu tun hat, sondern schon viel früher einsetzt, nämlich an dem Punkt, an dem ich entscheide, was ich erzählen will. Und sobald ich weiß, was ich erzählen will, sollte sich aus dem, was ich erzähle organisch das Ende entwickeln. Anders gesagt: Ich kann nciht ein Buch über den weißen Hai schreiben, der die ganze Ostküste terrorisiert und dann am Ende kommt die Erleuchtung "Ahja, fuck, Haie sind ja gar keine killermaschinen" und dann schreib ich ein "Happy End", in dem herauskommt, dass der weiße Hai ja eigentlich nur missverstanden war und die Menschen für Fische gehalten hat oder sie gar nicht erst getötet hat, weil das war dann ein Serienkiller oder was weiß ich. Ich muss vorher schon meine Botschaft hinterfragen und nciht dann erst, wenn ich zum Ende komme. Also ja: Die Frage nach dem Ende einer Geschichte hat mAn recht wenig mit der Frage nach der Verantwortung zu tun, sofern man die ganze Sache nicht von hinten aufrollen will.

Ich hab mal überlegt, bei welchen Erzählungen ich Happy End erwartete:

Ich hab mal überlegt, bei welchen Erzählungen ich Happy End erwartete:
* James Bond.
* Entwicklungs- oder Empowerment-Geschichten. Lese ich wenig, aber z. B. würde ich Gretchen Felker-Martins Manhunt (Trans & Splatter und extrem psychologisch- bzw. emotional-realistisch rund) dazuzählen.

Ja spannend, das sind dann wieder so Erfahrungssachen. Ich hab James Bond nie geguckt, ich kenn nur Jason Bourne (also die ersten drei Teile) und da gab's dann beim Dritten am Ende auch diesen Hoffnungsschimmer, denn ich nicht gebraucht hätte. Ich wäre fein damit gewesen, wenn er ertrunken wäre und es keinen vierten Teil gegeben hätte. Aber es hat mich jetzt auch nicht gestört, dass er überlebt hat. Ich weiß aber auch nicht, ob James Bond und Jason Bourne so in die gleiche Genre-Schublade fallen. Ich bin sonst auch gar nicht in dem Bereich unterwegs.
Zu Entwicklungs- und Empowerment-Geschichten habe ich jetzt auch gar keinen Bezug, also ich weiß nicht, was da wirklich rein fällt, kenne auch das Werk nicht, dass du als Referenz angegeben hast. Daher keine Ahnung.

Das für mich klassische mit Happy Ends wären halt Liebesgeschichten. Da braucht man dann wohl das rundum Packet, bei dem am Ende bestenfalls alle fröhlich sind, sogar der böse Ex noch in ner Beziehung ist oder sein fett abbekommt. Keine Ahnung. Oder auch bei nem Krimi vermutlich, da ist das "Happy End", in dem Sinne ja, dass der Mörder/Verbrecher geschnappt wird oder man zumindest erfährt, wer es war.

Aber das ist ja auch der nächste Punkt. Was ist ein "Happy End" überhaupt. Darum find ich, pauschal davon zu sprechen auch so unsinnig, mehr noch, wenn man nach Romanen geht. Du hast ja Herr der Ringe gelesen. Im großen und ganzen kann man nach Teil drei von einem Happy End reden, weil der Ring zerstört wurde und Sauron besiegt ist, aber der Kampf hat bei allen Spuren hinterlassen - Frodo geht sowieso ins Reich der Elben, weil er keinen Frieden findet etc. Letztendlich ist das Happy End ja auch nichts anderes, als die ERfüllung des Versprechens am Anfang: Sie schaffen es den Ring zu zerstören, aber auf dem Weg verliert man auch Dinge. Und wäre Herr der Ringe von Anfang an mehr so geschrieben wie Game of Thrones, mit dieser ganzen Gewalt, Kinderschänderei und was weiß ich noch alles, hätte man als Leser sicher auch nicht zu 100 % sagen können, dass der Ring zerstört wird und die Guten gewinnen. Hier war die Frage von Anfang an nur: Wie hoch ist der Preis, nicht ob sie es schaffen. Und wäre der Ring nicht zerstört geworden, hätte das letztendlich der Botschaft wiedersprochen, die Tolkien aufgestellt hat, nämlich: "... dass selbst die Schwächsten den Lauf der GEschichte verändern können, wenn sie Mut, Barmherzigkeit und Opferbereitschaft zeigen."

Oder kurz gesagt: Das Ende passt zur Geschichte. Ob es nun ein Happy-"Happy End" ist, wo alles Friede, Freude, Eierkuchen ist? Keine AHnung. Aber darum geht es auch gar nicht. Das Ende ist dann gut, wenn es zur Geschichte passt.

Was die anderen Sachen angeht mit den Guten und den Bösen (mal abgesehen davon, dass ich auch schon Geschichten gesehen habe, in denen Dracula der gute und Van Helsing der böse ist), ist wieder ein anderes Thema, bzw. es fällt natürlich hinein, aber geht schon zu sehr ins Detail. Weil klar, kann man danach fragen, was denn jetzt Explizit ein Happy End ist, aber dafür brauch ich kein Gut/Böse-Prinzip umkehren, sondern muss mir nur Frodo anschauen. Der war definitiv glücklicher vor seiner Reise. Für die Welt natürlich gut, dass er es gemacht hat, für ihn wär's besser, wenn ein anderer an seiner Stelle gegangen wäre.

 

Ich bin mir nicht sicher, warum genau die Aussage "Das Ende muss zur Geschichte passen." in deinen Augen nichts aussagt,
Hallo @Salatze ,
sorry, ich hab dir Arbeit gemacht - schiebs bitte auf meine fette Erkältung. Leicht widersprochen hab ich nur bei dem "man sollte nicht prinzipiell Happy Ends ablehnen" (oder befürworten)." Also der andere Teil des Zitats.

Nicht alle Gedanken sind ganz direkte Antwort an dich, sondern ich bin einigen Ideen nachgegangen, die dein Post bei mir ausgelöst haben. Sorry, Matschbirne, das hätte ich vllt. mit einem Strich abgrenzen sollen.

Ich muss vorher schon meine Botschaft hinterfragen und nciht dann erst, wenn ich zum Ende komme. Also ja: Die Frage nach dem Ende einer Geschichte hat mAn recht wenig mit der Frage nach der Verantwortung zu tun, sofern man die ganze Sache nicht von hinten aufrollen will.
Absolut.
Im großen und ganzen kann man nach Teil drei von einem Happy End reden, weil der Ring zerstört wurde und Sauron besiegt ist, aber der Kampf hat bei allen Spuren hinterlassen - Frodo geht sowieso ins Reich der Elben, weil er keinen Frieden findet etc.
Ja, ich lese das auch als maximal ambivalent - mit diesem Catch 22 zum Mord an Saruman (großes Kino!) und ob der Wiederaufbau des Shire wirklich so super funktionierte? Das Ende mit allen positiven und negativen Implikationen empfand ich auch als extrem passend (dunkler wäre auch gegangen, aber rein dystopisch hätte bei so einer Geschichte, die Wert auf positives Heldentum legt, nicht funktioniert.

Ja, die Umkehr bei Dracula / Helsing kam auch, später. Zusammen mit ähnlichen Umdeutungen von gut/böse verstärkt seit den späten 60ern und v .a den 80ern.
Solche Drehs gehen sicher auf de Sade und Matthew Lewis zurück, also Ende 1700 - grad bei Justine, wobei die einstmals unschuldige Moralikerin zu allem anderen auch noch am Ende stirbt.

Sorry wie gesagt, sollte ich dich wg. Dösbirne genervt haben, herzlichst,
Katla

 

@Katla nur noch kurz, hab beim Lesen von @lakita Beitrag auch gesehen, dass wir größtenteils konform gehen. Genervt bin ich nicht, ich lese deine Beiträge ganz gerne und ziehe da auch immer was für mich raus. War nur ein wenig verwirrt. :)

 

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