Ihr Lieben!
Was für eine rege Beteiligung! Dafür danke ich euch herzlich und habe mich über jeden Beitrag sehr gefreut.
Gerne weiter so!
Dass meine einfachen Fragen zum Happy End hochkomplexe Vorgänge des Schreibens ansprechen, wundert mich nicht, um so mehr freut es mich, dass ihr so wertvolle Gedanken hineinbringt und ebenfalls diese Komplexität erkennt.
Ich fürchte, wenn ich schon so einen Thread ins Leben rufe, muss auch ich Stellung beziehen, was mir gar nicht so leicht fällt, denn mir schwirrt der Kopf, weil so immens viel zu beachten ist.
Für wen schreibe ich?
Auf jeden Fall nicht für mich, denn sonst wäre ich nicht hier mit meinen Geschichten.
Ich schreibe also, um gelesen zu werden.
Für mich hat das aber zur Konsequenz, dass ich mir sofort die nächste Frage stelle: Wen will ich mit meinen Geschichten erreichen? Wer soll die lesen?
Was man sehr gut bei uns erleben kann, ist dass es DEN Leser nicht gibt, so wie es ja auch nicht DEN Autoren gibt. Wir sind alle unterschiedlich.
Wie oft habe ich hier Texte gelesen, die ich für nicht der Erwähnung wert, gar manchmal als unterirdisch empfand, um dann erstaunt mitzubekommen, wie andere Kritiker sie begeistert aufnahmen.
Manchmal denke ich, dass jeder Text seinen Fan finden kann, so unterschiedlich ticken wir hier alle. Klar, es gibt Trends und klar, es gibt Standards, aber meist gibt es viel mehr den Graubereich, in dem von großer Begeisterung bis hin zu großer Enttäuschung Geschichten bewertet werden.
Diese Vielfalt irgendwie in das zu bündeln, was man Leserschaft nennt, ist vermutlich für viele von uns ein Buch mit sieben Siegeln. Für mich jedenfalls ist es so.
Die Frage, Happy End oder nicht, ist also einerseits verbunden mit der Frage: Was wünscht sich der Leser? Andererseits ist sie verbunden mit dem, was ich unter guter Literatur verstehe, denn auch, wenn ich für den Leser schreibe, so betrachte ich mich nicht als seinen Sklaven.
Auch, wenn es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die zum dem Ergebnis gelangen, dass Frauen eher als Männer ein Happy End bevorzugen und sowieso geschlechterunabhängig man sich mit einem Happy End mental besser fühlt als ohne, sehe ich die Grenze, sich danach zu richten, da wo wir gar keine Wahl haben, wie etwas endet. Logik, Stringenz, Harmonie gebieten oft genug nur einen einzigen Geschichtenschluss. Von diesen Happy Ends handelt dieser Thread nicht.
Es geht um die Geschichten/Romane, in denen wir Autoren die freie Wahl haben, es so oder so enden zu lassen.
Und davon gibt es einige.
@Achillus schreibt:
Ich frage mich, ob wir dadurch den Teil unserer Leserschaft verlieren, der zwar Spannung, Action und Horror mag, aber am Ende eben doch so etwas wie ein kleines Licht der Hoffnung sehen möchte.
Diese Frage stelle ich mir auch.
Ein Teil der Leser liest, um aus dem alltäglichen Bereich und das muss nicht immer der graue Alltag, der frustrierende Job, die langweilige Beziehung sein, aber oft ist genau das das Motiv, auszubrechen, um schlicht eine Pause zu erhalten, um abzutauchen in eine andere Welt. Jemand liest Familienromane, um von seinen familiären Problemen eine Auszeit zu nehmen, jemand erlebt grad das Auseinanderbrechen seiner Ehe/Beziehung und delegiert diesen Schmerz, die Hoffnung, den Wandel in die Hauptfiguren eines Romans, jemand phantasiert zusammen mit dem Autor einen erfüllenden Job herbei und sieht sich anstelle des Helden die Erfolge einheimsen.
Ich wage ganz keck zu behaupten, dass es Menschen gibt, die sich mit Alkohol, gar noch mit Drogen aus ihrem derzeitigen Leben zeitweilig herausschießen und es gibt Leser, die dies mit Hilfe der Bücher tun.
Und in jedem dieser Fälle stellt sich die Frage, ob man die Rückkehr in den Alltag, denn irgendwann kehrt ja der Leser zurück in sein eigenes Leben, ihm durch ein Happy End versüsst oder ob es eher die Erkenntnis ist, dass auch andere fiktive Personen scheitern oder ob gerade dieses Scheitern diesen mental stärkenden Schulterschluss ermöglicht, den @linktofink beschrieben hat.
Könnte jemand von uns das beantworten, hätten wir einerseits die Antwort auf die Frage, Happy End oder nicht, aber wir hätten auf der Stelle eine Uniformität in unseren Texten, die mir genauso wenig gefallen würde.
Welche Enttäuschungen darf ich also einem Leser zumuten?
@linktofink schreibt:
Ich würde da differenzieren, denn jedes Genre weckt gewisse und sehr unterschiedliche Erwartungen. Bei einem Märchen, einem Kinderbuch oder einer Romanze ist ein Happy-End Pflicht, weil das Agreement zwischen Autor und Leser die positive Emotion zwingend beinhaltet und eine Nicht-Erfüllung einem Vertragsbruch gleicht.
Stimmt. Unterschreib ich.
Sobald ich mit Sicherheit weiß, dass ich gewisse Erwartungen wecke, düpiere ich den Leser, wenn ich mich nicht dran halte.
Ja, ich weiß, was jetzt eingewendet wird, denn auch das, was @jimmysalaryman sagt, kann ich mehr als nur gut verstehen.
Aber, so würde ich dann entgegnen: Wenn ich nicht bereit bin, diese Erwartungen zu erfüllen, sollte ich auch keine Romanze etc schreiben. Es gibt ein Füllhorn von anderen Möglichkeiten als Autor sich auszuleben, es ist für mich keine wirkliche Beschneidung der Kunstfreiheit, wenn ich bestimmte Themen auslasse.
Aber auch da dürft ihr mir gerne widersprechen, das diskutieren wir ja grad.
Ich möchte dem Leser nicht dieses: "Haste halt leider Pech gehabt, wenn dich das Ende nicht zufriedenstellt", vermeiden, wenn ich es kann. Ich mag manche holzschnittartigen Romane/Geschichten für unerträglich halten, aber ich habe nicht das Recht, den Leser zu erziehen, in dem ich wohlwissend, was er erwartet, mich über ihn stelle und damit enttäusche, weil ich meine, es sei zu niveaulos.
Ich schließe nicht aus, dass ich in 10 Jahren meine Meinung geändert habe. Aber eher könnte ich mir vorstellen, dass ich bis dahin gar nichts mehr schreibe.
@linktofink schreibt:
Ein Ende muss für mich vor allem glaubwürdig sein und ehrlich, ein offenes Ende gibt mir dabei oft mehr als ein gekünsteltes Happy-End, das der Logik des Textes nicht folgt.
Ja, auch das unterschreib ich. Und möchte hinzufügen. Ich verstehe unter einem offenen Ende, dass der Leser eine echte Wahl bekommt, sich selbst entscheiden kann und nicht im kryptischen Rätselraten versinkt, was der Autor wohl gemeint haben könnte.
Und natürlich gibt es eine Menge Ausnahmen, die gerade wegen ihres kryptischen Endes so gefeiert werden.
Ich denke z.B. an die beiden Romane:
Yann Martel Life of Pi, es werden zwei Versionen angeboten am Ende, mit Tiger und ohne Tiger oder denkt an
Marlen Haushofer Die Wand, die Erzählerin überlebt, aber gibt es noch andere Menschen oder ist sie die letzte ihrer Art?
Auch hier stelle ich mal die Behauptung in den Raum, dass wir besser damit fahren, ein derartig offenes Ende zu erschaffen, bevor wir auf Routiniertes zurückgreifen, weil wir Lesererwartungen nicht enttäuschen wollen.
In manchen Fällen ist es eine Art Kompromiss, obwohl ich in der Literatur gerade Kompromisse ablehne.
@linktofink schreibt:
Und wenn ich mir anschaue, welche selbstgerechten, expliziten Gewaltexzesse per Streaming weitgehend unkontrolliert den Weg zu Kindern und Jugendlichen finden, mache ich mir eher (berechtigte) Sorgen um die Deformation zarter Gemüter als bei den Texten hier im Forum.
Auch hier bin ich wieder komplett bei dir und biete, die vielleicht etwas steile These an, dass Kunstfreiheit Grenzen hat, Autoren nicht im freien Fall ihrer Grenzenlosigkeit sind, sondern irgendwann so etwas wie ihre Verantwortung beginnt.
Zum Thema Streaming noch eine kleine Anmerkung:
Es kommt leicht der Gedanke auf, die Literatur mit Filmen zu vergleichen oder Filme mit Literatur.
Wenn es sich um einen abgeschlossenen Film handelt, will ich das noch gerne gelten lassen, weil hier vergleichbare emotionale Situationen im Kopf des Leser und Zuschauers stattfinden.
Aber was machen die Serien mit uns? Wird unser Gehirn nicht geradezu darauf getrimmt, sich an ein schlimmes Ende zu gewöhnen? Stumpft man da nicht am Ende ab, wenn die Helden laufend schwerst verunglücken, verschwinden, gar sterben, um dann in der nächsten Folge durch einen plumpen, selten mal einen genialen Drehbuchstreich wie durch ein Wunder wieder zu agieren?
Hat der Serien-Zuschauer nicht womöglich schon eine No-Happy-End-Hornhaut und fühlt gar nicht mehr den emotionalen Eingriff auf sein Gemüt? Ich will damit nur anmahnen, in diesen Fällen nicht Literatur mit Film zu vermischen. (Was bisher auch noch keiner getan hat.)
@jimmysalaryman
Der Autor ist dem Leser, so denke ich, erstmal gar nichts schuldig. Ich sehe mich nicht als Erfüllungsgehilfen irgendwelcher Hoffnungen, und seien sie literarischer Natur.
Eine Haltung, die ich nicht teile, dennoch sofort akzeptiere und auch respektiere. Und ich bin froh, dass es sie gibt. Weil du für mich so etwas wie ein Garant dafür bist, dass Literatur nicht automatisch zum servilen Wünsch-dir-was für den Leser wird. Denn ich sehe die Gefahr natürlich in meiner Haltung, dass ich viel mehr auf den Leser achten würde als du es tust, auch wenn ich selbstredend nicht alles mitmachen würde.
Agenturen werden immer den Stoff bevorzugen, der ein mehr oder weniger klassisches Happy End aufweist: das verkauft sich besser.
Begründen sie das zufällig nachvollziehbar?
Man könnte sich fragen, ob Geschichten, die einem diese offensichtliche Hoffnung verwehren, nicht jene sind, die einen besonders bewegen, verstören, aufrütteln. Ich denke, da kann es einfach keine kategorische Antwort drauf geben, weil es auf den Kontext der Erzählung ankommt.
Genau. Und es kommt auf den Leser an und da weigere ich mich, von DEM Leser zu sprechen, weil es ihn nicht gibt. Es mag ihn für einzelne Bereiche geben. Aber darüberhinaus nicht, weil jeder anders ist.
@dotslash
Als Leser muss ich doch immer damit rechnen, dass eine Geschichte auch mal schlecht enden kann.
Gefährliche Einstellung, weil ich dann als Leser denken würde: Will ich mir wirklich einen Roman kaufen, der nicht nach meinem Geschmack ist? Und dafür soll ich dann 20 Euro oder mehr bezahlen? Aber ich versteh schon, was du meinst.
Ein Kompromiss wäre vielleicht das offenen Ende, das den finalen Ausgang meiner eigenen Fantasie überlässt. Da gilt es allerdings zu beachten, dass der Weg wirklich bis zur Weggabelung gezeigt wird und sich nicht einfach im Nebel auflöst, was unweigerlich den Unterhaltungswert gegen Null runterzieht.
Genau, offene Enden, die im Nebel enden wären für mich der mieseste Kompromiss, den es gibt. Allerdings muss man diejenige Gemeinde an Lesern davon ausnehmen, die geradezu auf Rätselratensituationen abfahren.
so entlässt er den Leser möglicherweise – mit "schwerer Kost" im Kopf – verstört aus der Geschichte, aber schenkt ihm gleichzeitig auch neue Denkanstösse, die weit über den Wert von Entspannungsliteratur hinausgehen.
Aber sind wir Lehrer, Lebensratgeber, gar noch Therapeuten?
Wenn ein Roman bereits im Klappentext deutlich macht, dass man on top noch etwas lernen kann, egal, was es jetzt ist, dann ist es für mich in Ordnung, denn ich gehe davon aus, dass ein Leser prüft, was er kauft. Aber einfach ungefragt überraschend würde ich es ablehnen.
Ich finde, wenn der Leser überhaupt einen Anspruch an Autoren haben darf, dann diesen: unterhalten und nicht gelangweilt zu werden.
Sowieso. Der Spirit dieser Seite, nicht wahr?
@Geschichtenwerker
Wenn ich als Autor den Leser in den Fokus rücke, z. B. aus kommerziellen Gründen, dann kommt man um ein Happy End kaum herum: Ich behaupte, dass es mehr Leser gibt, die ein gutes Gefühl nach dem Genuss eines Textes haben möchten als Leser, die gerne danach in depressiver Stimmung sind.
Hab ich auch so gelesen. Einerseits ist ja wohl jedem bekannt, dass Frauen den höheren Prozentsatz an Lesern stellen und es wird gesagt, dass sie überwiegend ein Happy End bevorzugen und ganz grundsätzlich gibt es wohl Studien, die ganz allgemein belegen, dass ein Happy End mehr Akzeptanz findet als umgekehrt.
Als reiner Nihilist wird man sich dem Happy End wohl gerne verweigern.
Aber ihr seid noch eine Minderheit, nicht wahr?
Ist es ein Qualitätsmerkmal von Literatur, dass ein Text sich seiner kulturellen, philosophischen, moralischen Basis bewusst ist und dieses Bewusstsein verwendet, um Botschaften zu senden, denen eine gewisse Sinnhaftigkeit innewohnt?
Sehr gute Frage!
Und noch eine Stufe weiter: Ist es das, was uns womöglich als Autor von einer KI unterscheidet?
Noch eine gute Frage! Wenn sich KI so rasant weiterentwickelt, ist diese Frage jedoch alsbald obsolet.
Ich bin jetzt mal ganz böse und postuliere: Wenn ich als Autor nichts zu sagen habe, ist das Schreiben von Geschichten Zeitverschwendung, außer ich verdiene Geld damit oder ziehe eine persönliche Befriedigung daraus.
Widerspreche dir. Leihe (ich würd dafür möglichst kein Geld ausgeben) dir bitte eines dieser Bücher aus, von denen sogar immer mal eine erkleckliche Anzahl in den Literatur-Charts gelistet sind und schau dir an, auf welchem Niveau da erzählt wird. Und dann schau dir die Verkaufszahlen an.
Wenn meine Theorie stimmt, dass sich viele Leser einfach durch das Lesen eine Pause, eine Auszeit von ihrem wahren Leben gönnen wollen, dann ist ganz offensichtlich eine Gruppe davon unter den Lesern dieser Bücher zu vermuten. Dürfen wir wirklich mit Arroganz behaupten, sie sollen es lassen, so einen Mist zu lesen? Wenn diese Bücher ihren Zweck erfüllen, sind es gute Bücher, gerade, weil sie es tun. Dass wir unter Literatur oft etwas anderes subsumieren, liegt auf einer anderen Ebene.
Ist es nicht auch irgendwie ein Treppenwitz, seine Zeit mit dem Schreiben von Geschichten zu verbringen, deren Botschaft ist, dass alles sinnlos ist?
Interessante Frage.
Sie geht fast in die Richtung, dass ich entsetzt bin, dass wir nur negative Nachrichten in den Medien zu hören, sehen und zu lesen bekommen. Wo bleibt der positive Ausgleich? Ist es vermessen den zu fordern? Ist man damit automatisch eine verpeilte, weltfremde Person, die den Ernst des Lebens ignoriert? Nein, ich denke nicht. Ying und Yang, keines ist besser, keines ist schlechter.
Vielleicht liegt es also auch an der Form der Kurzgeschichten, die hier in erster Linie eingestellt werden und vielleicht liegt es auch daran, dass längere Geschichten hier weniger Beachtung finden, dass die Enden eher in der Dunkelheit liegen als im Licht.
Ich glaube, da ist was dran.
@Tsunami
Was ist ein Happy End? Bzw. ist es für jeden ein glückliches Ende? Das, was er von der Geschichte erwartete?
Richtig. Ich habe diesen Thread eröffnet, ohne die Definition zu liefern. Was ist also ein Happy End? Im weitesten Sinne ein positives Ende, wobei der Grad des Positiven angefangen vom puren Glück, der glücklichen Fügung, dem vollen Erfolg bis hin zu schlichten, manchmal auch nur leisen Erkenntnissen zartester Art angesiedelt sein kann. Also wäre auch die Totgeweihte, die sich am Ende noch am Duft einer Rose erfreuen kann, ein Happy End für mich.
Aber lasst uns das gerne definieren. Es macht immer Sinn, zu wissen, auf welchem Grund man steht.
Nehmen wir den Film Titanic als Beispiel. Vermutlich gingen die wenigsten ins Kino und erwarteten, dass das Schiff nicht sinkt. (Spoiler: es sank!)
Dann blieb die Lovestory. Ok, Leonardo di Caprio ging auch unter. Also kein Happy End? Na für James Cameron und alle anderen Beteiligten war es sicherlich ein happy end, weil der Film alle Quoten brach. Warum?
Weil ja niemand behauptet, dass ausschließlich nur Happy Ends vom Zuschauer oder Leser gewünscht und gewürdigt werden. Und dies hier ist dann die Ausnahme, einmal abgesehen davon, dass es ja die Erzählerin als Überlebende gibt und das ist positiv oder?
Unterhaltsam finde ich es beispielsweise, wenn ich als Leser überrascht werde. Finde ich viel schöner, als wenn ich 100 Seiten vorher bereits weiß, wie die Geschichte enden wird.
Da bin ich voll bei dir.
@brudervomweber
Ein Ende muss sich "richtig" anfühlen, dafür muss es nicht glücklich sein, aber auch nicht notwendig in Tränen oder Trauma enden.
Unterschreib ich.
Der Leser hat keinen Anspruch auf ein Happy End, aber sicherlich auf ein Proper End, ein ordentliches, angemessenes Ende, das zum Erzählten passt, im Guten wie im Schlechten.
Stimmt, er hat auf jeden Fall einen Anspruch auf Stimmigkeit. Wir dürfen den Leser und sein Gespür dafür nicht unterschätzen.
Auch hier hat das Ende einen Lichtschalter.
Schön gesagt.
@Katla
Gute Diskussion, liebe @lakita !
Danke, liebe Katla. Ich hoffe, sie geht noch eine gute Weile konstruktiv weiter. Es gibt noch so viele Fragen, die wir uns stellen können.
Tendenziell vermeide ich Happy Ends wie der Teufel das Weihwasser.
Ja, so kenne ich dich. Und deine Einstellung ehrt dich, denn sie bildet natürlich einen gesunden Gegenpol zur Gefahr, dass man allzu sehr in Richtung Leser, gar noch Verlag schielt und damit ein Stück Freiheit aufgegeben wird. Ich meine die Freiheit, sich bis zur Sittenwidrigkeitsgrenze als Autor mit aller Phantasie austoben zu können.
Aber haben wir nicht doch eine wenigstens geringe Verantwortung gegenüber dem Leser?
Und ja, DEN Leser gibt es eben nicht, sondern jede Menge Individuen, die individuelle Bedürfnisse und Wünsche haben.
Nur, wenn wir damit dann alles gesagt hätten, bräuchten wir natürlich diesen Thread nicht.
Tragen Autoren Verantwortung?
Das liegt zum einen an meinen Lesevorlieben und zum anderen daran, dass ich Erzählungen schätze, wenn sie lange nachklingen.
Sehr gut nachvollziehbar. Da finde ich mich selbst wieder. Aber das liegt daran, dass einen nach sehr vielen gelesenen Büchern irgendwann das Gefühl beschleicht, dass es doch oft eine Wiederholung in leicht neuem Gewand ist und ich lechze nach Überraschungen.
Happy Ends können es manchmal sein, wenn ich sie so gar nicht erwarte, aber ich könnte dir grad keinen Roman benennen, bei dem ausgerechnet das der Fall war. Also sind es eher die offenen Enden, die Brechung mit meinen Erwartungen.
Nachdem man eine Summe x an Büchern gelesen hat, verschwimmt bei mir in vielen Fällen die Erinnerung an sehr sehr viele Bücher. Sie hatten keinen Nachhall, sie haben sich in den Brei der üblichen Bücher gemischt. Schade, weil jeder Autor, der sich bemüht, gut zu unterhalten, es eigentlich verdient hat, nicht in diesen Gedächtnisbrei abzurutschen.
Aber es passiert trotzdem.
Was wirklich bleibt, sind die nachklingenden Texte.
Was sagt das Happy End überhaupt aus?
Ich hatte weiter oben geantwortet, dass es Leser gibt, die in die vom Autoren erschaffene Welt schlüpfen, sich dort ablenken lassen, eintauchen in die Phantasien und sich erholen, eine Pause vom Alltag machen. Vielleicht wollen diese Leser nicht erinnert werden, nachdem sie wieder in ihrem Alltag angekommen sind?
Vielleicht tust du denen gar keinen Gefallen, wenn sie noch tagelang darüber nachdenken, was sie gelesen haben?
Und damit sind wir wieder bei der Frage angelangt, für wen wir schreiben.
Unhappy Ends oder ambivalente Enden lassen viel anklingen, das man weiterspinnen kann, etwas, das über den Punkt des Lesens hinaus engagiert. Teils Jahre lang. Das find ich spannender als eine kurzzeitige Harmonie.
Ja und nochmals ja! So sehe ich es auch. Aber sind das nicht eventuell nur unsere persönlichen Wünsche, die man keinesfalls verallgemeinern kann?
Es gibt viele Erzählungen und auch Filme, in denen man mit dem Antihelden geht und dem Helden den Tod wünscht. Andere Texte sind so aufgebaut, dass sie den status quo infrage stellen und dann funzt auch kein Happy End
Das ist interessant, was du schreibst. Ich habe mal versucht, mich an Fime zu erinnern und könnte dir jetzt kein einziges Beispiel nennen, wo es mir so wie dir erging. Aber gewiss werde ich bei jedem nächsten Film besonders darauf achten. Spannend.
Und ja, wir sind uns hier alle einig, dass nur stimmige Happy Ends funktionieren und akzeptabel sind.
Im Trivialliteraturbereich mag von mir aus der unsinnigste und unstimmigste Schluss geschrieben sein und ich verurteile niemanden, der so etwas liest und sogar gut findet. Aber das ist ja nicht hier unsere Diskussionsgrundlage.
Und es gibt ja viele Abstufungen, die alle mit unterschiedlichen Erwartungen spielen:
Genau, ich wage zu behaupten, fast so viele wie es Autoren und Leser gibt.
@Achillus
Als Reaktion auf den Roman und Film »Der weiße Hai« wurden Zehntausende Haie getötet.
Du sprichst da einen grundsätzlichen Gedanken an: Haben Autoren Verantwortung gegenüber ihren Lesern? Und wie weit geht diese?
Ich denke schon. Sie haben Verantwortung. Könnte jetzt aber nicht die Tragweite beantworten.
Dein Beispiel mit dem Weißen Hai ist wichtig.
Es gab mehrere Wellen, in denen speziell Filme Zuschauer erheblich beeinflusst haben.
Ich denke da z.B. an Filme, die Hypes ausgelöst haben wie:
Finding Nemo, Clownfische
Game of Thrones, Huskys
101 Dalmatiner.
In allen Fällen stieg der Kauf dieser Tiere signifikant an.
Mit welchen Folgen? Die Dalmatiner z.B. sind sehr lauffreudige Hunde, die schnell unterfordert sind, wenn man sich nicht auf ihre speziellen Bedürfnisse einstellt. Die Folge war, dass nach einer gewissen Zeit des Anstiegs der Verkaufszahlen, die Abgabezahlen in den Tierheimen wuchs.
Darf man als Autor solche Folgen in Kauf nehmen?
Als Reaktion auf Goethes »Die Leiden des jungen Werther« gab es einige Selbstmorde (
Ja, das hab ich auch wo gelesen.
Einerseits ist man natürlich nicht dafür verantwortlich, was ein psychisch gestörter Mensch aus dem eigenen Werk (Roman, Film, Kurzgeschichte) macht. Andererseits ist klar, dass so ein Werk einen Impuls in die Welt gibt, der Konsequenzen hat.
Richtig.
Würden wir auch dann Geschichten mit brutalen, Sinn verweigernden Enden schreiben, wenn wir genau wüssten, dass daraus Konsequenzen entstehen, die bei einem Teil der Leserschaft zu Leiden führen oder Leiden verstärken?
So wie du fragst, lautet meine Antwort: Nein!
Aber ist das nicht zu kurz gegriffen? Diese sinnvolle Fragestellung stellt ausschließlich der Autor, der einerseits diese Wertevorstellung hat und andererseits über ausreichend Wissen verfügt, die Probleme zu erfassen, die durch seinen Text entstehen könnten.
Was ist mit all den Autoren, die sich, wie man so schön sagt "keinen Kopf machen"?
Sind die verantwortungslos?
Müsste man nicht dann eine weitere Forderung aufstellen und verlangen, dass sich jeder Autor erst an seine Texterschaffung setzen darf, wenn er zuvor gründlich recherchiert hat? Und ginge dieses Gebot nicht gleichzeitig zu weit?
@jimmysalaryman , @Achillus ,@Geschichtenwerker
ich erwähne eure sehr spannende Diskussion über diese soeben schon angedeutete Frage jetzt nicht in Form von Zitaten, weil ich viel zu viel zitieren müsste, denn all eure Argumente sind beachtens- und durchdenkenswert.
Ich greife nur einen Satz von
@Geschichtenwerker raus, aber nicht, um diesen Diskussionsstrang zu beenden, sondern
Aber so wie es sich die Wissenschaft zu einfach macht, wenn sie jegliche Verantwortung von sich weist, sehe ich bei Künstlern, egal welchen, keine Sonderstellung, die sie von jeglicher Verantwortung freispricht, nur weil sie Künstler sind.
weil ich es auch so sehe.
Auch, wenn wir viele der hier entstandenen Fragen einfach nicht schließendlich beantworten können, so finde ich dennoch, sie zu stellen, sehr wichtig. Sie schärfen unser Bewusstsein.
@Salatze
Ich bin ja eher ein Verfechter davon, dass Geschichten so zu Ende gehen wollen, wie es der erzählten Thematik entspricht bzw. vereinfacht gesagt: das Ende sollte sich abzeichnen und auch im Zusammenhang mit dem Erzählten logisch sein. Da bleib ich nicht nur beim Genre hängen, sondern auch bei der Geschichte an sich.
Ich glaube, dass dies hier viele so sehen und ich finde es auch stimmig, sehe es folglich auch so.
Konsequenzen haben überdies nicht nur Geschichten ohne Happy End.
Da sprichst du einen Punkt an, den man beileibe nicht unter den Tisch fallen lassen sollte. Es gibt Happy Ends, die können einen richtig böse werden lassen, weil sie so verfehlt und verlogen sind. Richtig. Ich bin mir sicher, dass wir alle so empfinden, wenn ein Happy End sämtliche Probleme beiseite wischt, nur weil es einfach positiv enden soll. Da bin ich komplett bei dir. Guter Hinweis.
@Katla
James Bond. Wir haben zwar gerade in Ost und West Politiker, die erstaunlich nahe an extrem überzeichneten, platten Bond-Bösewichtern sind, aber an sich haben die Filme ja wenig Realitätsgehalt, wenn man so an den groben Plot denkt. Es sind kaum glaubhafte Dramen, daher entlassen einen die Filme auch nicht besonders nachdenklich. Das Happy End ist wie eine gern gelesene Phrase, die ich nicht groß hinterfrage,
Stimmt. Es gibt Filme, die lässt man insoweit durchlaufen, ohne sie mit eigenem Anspruch zu belegen. Ich glaube, einer der Gründe, weshalb manche Zuschauer Unmengen an Getränken und Popcorn im Kino vertilgen. Ich bewerte das als Übersprungshandlungen, um solchen Filmen einen gewissen Unterhaltungswert abzuringen.
Weil ich erwarte, dass auf Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung eine Belohnung folgt, nicht der Tod
Wobei dann dein Erwartungsanspruch mit dem Nachhallanspruch kollidiert oder?
Hier finden die kindlichen Figuren etwas Verstörendes heraus, das ihre Welt erschüttert - würden sie sterben, hätte das Erlebnis jeweils ja gar kein Gewicht. Es ist also mitreißender, hier vordergründig alles hübsch zu lösen, die Guten gewinnen zu lassen, aber die Kids sind verändert von ihrem Wissen. Gilt das noch als Happy? Oder braucht man dafür die komplette blissful ignorance (die in sich wieder zweifelhaft ist).
Ja, für mich wäre es noch ein Happy End.
Wie happy ist das Ende dabei? Es kommt wohl auf den an, der es liest und seine Selbst-Identifikation, Sozialisation, das ist also keine Ja/Nein-Frage.
Richtig.
Was ich sagen will: Das Ende muss nicht nur zum Rest des Textes passen, sondern: Die Empfindung, ob es glücklich ist oder nicht, liegt im Leser selbst.
Absolut. Es hat direkt etwas mit der Bedeutungshoheit zu tun. Egal, was du mit deinen Texten aussagen, erreichen willst, in dem Moment, in dem der Leser ihn liest, hast du die Bedeutungshoheit über deinen Text verloren und der Leser setzt seine Filter drüber.
Jeder, der etwas sagt oder schreibt, schwebt in der permanenten Gefahr, missverstanden zu werden. Dieser Konflikt lässt sich nicht auflösen, denn wir sind halt in jeder Hinsicht unterschiedlich. Die Bewertung, ob eine Geschichte oder ein Roman zur Zufriedenheit des Autoren und des Lesers endet wird nie einheitlich sein, Wunder ausgenommen.
Denke, das Thema ist enorm komplex. Und auch immens wichtig, wenn man selbst Texte konzipiert, und zwar ganz ab von Leser-Befriedigung.
Das denke ich auch immerzu. Und mein inneres System, das liebend gerne abschließende Antworten auf möglichst alle Fragen hätte, wird laufend eines Besseren belehrt.
Aber ich finde es hochspannend und deswegen macht es mir hier mit euch allen sehr viel Spaß noch ein paar Runden weiterzudiskutieren.



An alle herzliche Grüße
lakita