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Ich denke, man muss auch einfach beachten, wer wie liest. Das meine ich ganz wertfrei: 90% der Lesenden lesen sicher aus eskapistischen Gründen, anders kann man sich die Verkaufszahlen bestimmter Genre nicht erklären. Es müsste auch keine Buchpreise geben, die anspruchsvollere Titel erst ins Rampenlicht zerren; die meisten Buchpreistitel auf Short und Longlist verkaufen nicht oder kaum mehr als 1000 Exemplare oft. Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen bezieht sich also auf ein relativ kleines Spektrum an Literatur.
Man weiß aus dem Medium Film zum Beispiel, dass Personen, die sich einen Film ohne klare Karthasis angesehen haben, aggressiver aus dem Kino kommen, im Vergleich zu Filmen, die ein solches Ende hatten: meistens siegt ja das Gute. Das empfinde ich auch als verständlich, denn es bestätigt die Weltsicht, die man im Grunde favorisiert, es gibt irgendwo diesen starken, guten Menschen, der für Gerechtigkeit sorgt. Das ist kulturell auch geprägt, denke ich, in den Staaten ist Selbstjustiz viel selbstverständlicher oder wird als solche wahrgenommen, bis in die 90er waren Buchtitel, die solche Prämissen aufwiesen, fast kaum auf dem deutschen Buchmarkt zu finden, Ullstein hat das damals mit einem frühen Titel von Lehane versucht und ist gescheitert. Man möchte also nicht verstört werden, sondern im Grunde befriedigt: es gibt das Gute, so sollte es sein.
Was ich spannend finde, sind Narrativen, in denen man nicht mehr genau weiß, wer der Gute und wer der Schlechte ist: scheinbar folgt man dem Guten als Protagonisten, der sich aber im Laufe der Zeit als skrupelloser Typ herausstellt, der zwar glaubt, für die gute Sache zu kämpfen, aber dies mit uneigentlichen und moralisch vollkommen fragwürdigen Mitteln, aka der Mittel heiligt den Zweck. Das führt ja erst zu unbequemen Fragen, was muss man investieren, um unbehelligt in einer Demokratie wie unserer leben zu können, das wäre da nur ein Beispiel. Was ist eine wirkliche Bedrohung? Wie kann man dieser begegnen, und was sind die psyschologischen Kosten?
Das ist, glaube ich, doch meistens der Fall. Weil eben auch vieles einfach nur noch Mimesis sein kann; die ersten Dinge in der Literatur wurden eben absolut überzeugend schon geleistet. Es gibt Lolita, Krieg und Frieden, Moby Dick, Der alte Mann und das Meer, all die Varationen und Gedanken sind bereits vollumfänglich durch, wir stehen auf den Schultern von Giganten und produzieren eigentlich Derivate. Klar, heute kommen Handys und Whatsapp in den Romanen vor, früher waren das eben Briefe, aber die Konstruktion bleibt sehr ähnlich, das erzählerische Mittel wird um technische Novitäten ergänzt. Die Klassiker sind nicht umsonst die Klassiker und stehen im Kanon, auch wenn ich vieles selbst grottenlangweilig finde, das ist aber persönlicher Geschmack. Man versucht es dann selbst oft eben anders zu machen, einen neuen Dreh zu finden, das ist meiner Meinung nach schlicht nicht möglich. Man kann es in seiner eigenen Sprache erzählen, in seinem eigenen Stil, das ja. (Sorry, hat mit dem OT nicht mehr viel zu tun, ich bin abgeschwiffen!!!)Ich habe einige Bücher gelesen, zu denen ich nicht einmal mehr einen Pitch geben könnte. Die stehen in meinem Regal, ich weiß und sehe, dass ich sie gelesen habe, aber ich habe keine Idee mehr, was in ihnen stand. Das ist der worst case.
Für mich wäre diese Haltung der blanke Albtraum und ein Grund, mir ein neues Hobby zu suchen.