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Zwischen Konfrontation mit Leid und Wohlfühlkitsch: Das Happy End auf dem Prüfstand

Ich denke, man muss auch einfach beachten, wer wie liest. Das meine ich ganz wertfrei: 90% der Lesenden lesen sicher aus eskapistischen Gründen, anders kann man sich die Verkaufszahlen bestimmter Genre nicht erklären. Es müsste auch keine Buchpreise geben, die anspruchsvollere Titel erst ins Rampenlicht zerren; die meisten Buchpreistitel auf Short und Longlist verkaufen nicht oder kaum mehr als 1000 Exemplare oft. Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen bezieht sich also auf ein relativ kleines Spektrum an Literatur.

Man weiß aus dem Medium Film zum Beispiel, dass Personen, die sich einen Film ohne klare Karthasis angesehen haben, aggressiver aus dem Kino kommen, im Vergleich zu Filmen, die ein solches Ende hatten: meistens siegt ja das Gute. Das empfinde ich auch als verständlich, denn es bestätigt die Weltsicht, die man im Grunde favorisiert, es gibt irgendwo diesen starken, guten Menschen, der für Gerechtigkeit sorgt. Das ist kulturell auch geprägt, denke ich, in den Staaten ist Selbstjustiz viel selbstverständlicher oder wird als solche wahrgenommen, bis in die 90er waren Buchtitel, die solche Prämissen aufwiesen, fast kaum auf dem deutschen Buchmarkt zu finden, Ullstein hat das damals mit einem frühen Titel von Lehane versucht und ist gescheitert. Man möchte also nicht verstört werden, sondern im Grunde befriedigt: es gibt das Gute, so sollte es sein.

Was ich spannend finde, sind Narrativen, in denen man nicht mehr genau weiß, wer der Gute und wer der Schlechte ist: scheinbar folgt man dem Guten als Protagonisten, der sich aber im Laufe der Zeit als skrupelloser Typ herausstellt, der zwar glaubt, für die gute Sache zu kämpfen, aber dies mit uneigentlichen und moralisch vollkommen fragwürdigen Mitteln, aka der Mittel heiligt den Zweck. Das führt ja erst zu unbequemen Fragen, was muss man investieren, um unbehelligt in einer Demokratie wie unserer leben zu können, das wäre da nur ein Beispiel. Was ist eine wirkliche Bedrohung? Wie kann man dieser begegnen, und was sind die psyschologischen Kosten?

Ich habe einige Bücher gelesen, zu denen ich nicht einmal mehr einen Pitch geben könnte. Die stehen in meinem Regal, ich weiß und sehe, dass ich sie gelesen habe, aber ich habe keine Idee mehr, was in ihnen stand. Das ist der worst case.
Das ist, glaube ich, doch meistens der Fall. Weil eben auch vieles einfach nur noch Mimesis sein kann; die ersten Dinge in der Literatur wurden eben absolut überzeugend schon geleistet. Es gibt Lolita, Krieg und Frieden, Moby Dick, Der alte Mann und das Meer, all die Varationen und Gedanken sind bereits vollumfänglich durch, wir stehen auf den Schultern von Giganten und produzieren eigentlich Derivate. Klar, heute kommen Handys und Whatsapp in den Romanen vor, früher waren das eben Briefe, aber die Konstruktion bleibt sehr ähnlich, das erzählerische Mittel wird um technische Novitäten ergänzt. Die Klassiker sind nicht umsonst die Klassiker und stehen im Kanon, auch wenn ich vieles selbst grottenlangweilig finde, das ist aber persönlicher Geschmack. Man versucht es dann selbst oft eben anders zu machen, einen neuen Dreh zu finden, das ist meiner Meinung nach schlicht nicht möglich. Man kann es in seiner eigenen Sprache erzählen, in seinem eigenen Stil, das ja. (Sorry, hat mit dem OT nicht mehr viel zu tun, ich bin abgeschwiffen!!!)

 

Ich denke, man muss auch einfach beachten, wer wie liest. Das meine ich ganz wertfrei: 90% der Lesenden lesen sicher aus eskapistischen Gründen, anders kann man sich die Verkaufszahlen bestimmter Genre nicht erklären.

Das ist aus meiner Sicht eine plausible Einschätzung. Eskapismus scheint mir die Seuche unserer Zeit zu sein, befeuert durch unendliche viele Möglichkeiten, die das Smartphone, Internet, Soziale Medien, etc. bieten.

Ich sehe aber auch, dass das Alter dabei eine große Rolle spielt. Tendenziell werden die jungen Leute alle erst später erwachsen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das bei einigen erst mit Anfang 30 oder sogar noch später der Fall ist. Die heutigen Möglichkeiten der Realität zu entfliehen fördern das späte Erwachsenwerden. Und das - entschuldigt dieses scharfen Worte für die Betroffenen hier - Aushalten lassen durch die Eltern auch. Es ist sehr einfach realitätsfern zu sein, wenn die Realität von anderen gemanaged wird. Und der Staat entwickelt sich ja auch in diese Richtung, immer weniger Eigenverantwortung.

Aber das ist jetzt schon sehr OT.

In der Musik heißt es, war auch schon alles da. Trotzdem gibt es immer wieder neue Stücke, die einen faszinieren.

In der Literatur haben wir den Vorteil, dass sich die Welt weiterentwickelt, sich Gesellschaften weiterentwickeln, etc. und es allein aus diesem Grund neue Themen gibt, die man bearbeiten kann. Mal abgesehen davon, dass in der Phantastik der Kreativität sowieso keine Grenzen gesetzt sind.

Insofern bin ich etwas optimistischer als jimmy:

Man versucht es dann selbst oft eben anders zu machen, einen neuen Dreh zu finden, das ist meiner Meinung nach schlicht nicht möglich. Man kann es in seiner eigenen Sprache erzählen, in seinem eigenen Stil, das ja.

Zurück zum Happy End:

Und ich glaube, dass man Lesenden zumuten kann, die enttäuscht über ein Ende sind, sich zu fragen, warum sie das sind. Und sich auch zu fragen, ob sie überhaupt die Geschichte richtig verstanden haben.

Ich gebe Dir recht, dass man das zumuten kann. Meine Erfahrung ist aber, dass Menschen sich nur dann etwas zumuten, wenn sie selbst dazu bereit sind und nicht weil ein Autor es ihnen abverlangt (außer man zwingt den Menschen, aber das ist als Autor eher schwierig und höchstens eine Idee für eine Geschichte ...).

Man hat also die Wahl:

i) wenn die Leser ein Happy End erwarten und man als Autor durch Erfüllung dieser Erwartung mehr Leser erreicht und der Autor das auch möchte, dann wird er sich wohl auch danach richten müssen.

Ich habe leider ein schlechtes Namensgedächtnis, kann mich aber an ein Zitat einer sehr erfolgreichen Autorin erinnern, die sinngemäß zum Plotentwerfen gesagt hat: Ich frage mich, was meine Leserinnen wohl gerne lesen möchten, wenn sie zu Hause nach getaner Arbeit bequem im Lehnstuhl sitzen.

ii) Die Leser sind einem einfach schnurz und man zieht sein Ding durch und entweder hat man damit Erfolg oder auch nicht. Allerdings frage ich mich immer, wie lange man es mit dem Schreiben durchhält, wenn man weiß, dass man nicht (oder kaum) gelesen wird. Es kostet sehr viel Mühe, eine Kurzgeschichte oder gar einen Roman wirklich auf Hochglanz zu polieren und das alles dafür, dass man den Text in die Schublade legt (oder heute auf irgendeinem Datenträger verstauben lässt)? Es mag wenige geben, die so einen inneren Drang zum Schreiben haben, dass sie das so durchhalten. Aber mir erscheint das nicht sehr erstrebenswert.

 
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@Maedy Ja, ein sehr gutes, klares Zwischenfazit!

all die Varationen und Gedanken sind bereits vollumfänglich durch (...) Man versucht es dann selbst oft eben anders zu machen, einen neuen Dreh zu finden, das ist meiner Meinung nach schlicht nicht möglich.
Lieber jimmy,

das sehe ich ausnahmesweise mal sehr viel optimistischer. Obwohl ich keinen Mangel an Vergleichen hätte, finde ich immer wieder Erzählungen, die das Rad neu erfinden. Vielleicht nicht jedes Jahr, aber alle zwei, und klar sind das auch ältere, nicht immer Neu-VÖs, manchmal aber eben schon.

Ich meine auch mehr als nur: anderer Stil, abgewandelter Plot, Details persönlicher, sondern vollumfänglich eine ganz neue Sicht auf die Welt in einer ganz eigenen Sprache und ggfs. einem neuerfundenen Genre. Die Klassiker stehen ja auch nur am Ende einer ggfs. jahrtausendelangen Tradition des Erzählens: Von Stilen, Textarten, Genres, Innovationen und neuen Ideen, es wäre extrem unwahrscheinlich (nein, ich behaupte sogar, unmöglich), wenn es plötzlich ab 1780 völlig stoppen sollte, und ab da nur noch in Varianten reproduziert würden.

Vermutlich wurden in der Schule bestimmte Texte als Vorbild zementiert, und da ist es wie in der Volkskunde: Traditionen, Legenden, Rituale und Trachten werden beobachtet, interpretiert (trotz: Bias, observer's paradox) und erstmal - zumindest der Intention nach - neutral dokumentarisch notiert. Danach gelten diese Schriften / Dokumente als die einzige 'wahre' Form, diese Traditionen zu leben. D.h. die Tradition - eigentlich lebendig, ständigen Anpassungen, Variationen, Einflüssen und Veränderungen unerworfen - wird festgeschrieben, vorgeschrieben, zementiert. Abweichungen nicht mehr anerkannt, erlaubt. Oder erkannt und als inauthentisch abklassifiziert.

So sehe ich das mit der Literatur, ganz unter anderem, weil diese Zu- und Festschreibungen in Volkskunde / Antropologie und der jungen Lit-Wiss / Sprachforschung zur selben Zeit aufkamen (Aufklärung, Anfang 1800) und teils von den gleichen Leuten betrieben wurden: die Grimms, Lönnroth etc.
Dieser zementierten Interpretation muss aber niemand folgen. Lewis Carroll tat das nicht, H. C. Andersen, James Joyce, die Surrealisten - nur, um zeitnah zu bleiben. Auch seit dem vergangenen Jahrhundert gab es viele solcher Innovationen, die völlig ausscheren und dabei sehr gute, sinnvolle und durchaus verständliche Erzählungen bieten.

Unterm Strich denke ich, Schule und klassische Kulturmedien reiten zu stark auf einem Kanon rum, dessen Festlegung relativ willkürlich war und innerhalb von 50-100 Jahren von einer relativ homogenen Gruppe an Sprach- und Lit-Wissenschaftlern, Gelehrten und Historikern getragen wurde.

Ähem, das hat ja durchaus mit dem Thema Happy End zu tun, oder? Weil auch bei Unterhaltungsliteratur bestimmte Schemata aufgestellt wurden, die angeblich oder augenscheinlich bei einer größtmöglichen Masse ziehen. Also so ein Kanon nicht nur zum Ziel, eine Historie zu dokumentieren, sondern auch, um diese Lit-Historie festzuschreiben: 'Heldenreise', Happy End, Konflikte, Plot-/Textstruktur etc.

Hallo @Geschichtenwerker ,

herrje, bin ich heute optimstisch ... Ich sehe hier einen gangbaren Mittelweg zwischen

Die Leser sind einem einfach schnurz und man zieht sein Ding durch und entweder hat man damit Erfolg oder auch nicht. Allerdings frage ich mich immer, wie lange man es mit dem Schreiben durchhält, wenn man weiß, dass man nicht (oder kaum) gelesen wird.
und
wenn die Leser ein Happy End erwarten und man als Autor durch Erfüllung dieser Erwartung mehr Leser erreicht und der Autor das auch möchte, dann wird er sich wohl auch danach richten müssen. Ich habe leider ein schlechtes Namensgedächtnis, kann mich aber an ein Zitat einer sehr erfolgreichen Autorin erinnern, die sinngemäß zum Plotentwerfen gesagt hat: Ich frage mich, was meine Leserinnen wohl gerne lesen möchten, wenn sie zu Hause nach getaner Arbeit bequem im Lehnstuhl sitzen.
Wenn ich Bestseller schreiben will, kann ich der Autorin folgen. Schön, dass jemand weiß, was Leute wollen, wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kommen. :D Für mich wäre diese Haltung der blanke Albtraum und ein Grund, mir ein neues Hobby zu suchen.

Ich denke, das Schreiben ist - außer bei Autoren in großen Verlagen - zu schlecht bezahlt, als dass man sich auf unserem Level nach Massengeschmäckern verbiegen sollte. Zudem zeigt @jimmysalaryman s Beispiel, dass sich Individualität, Innovation und Großverlag nicht ausschließen.
Für das Gros der kleinveröffentlichten Schreibenden gilt doch: Es gibt eine begrenzte Leserzahl. Die Leserschaft mag aber selbst innerhalb abgesteckter Untergenres extrem divers sein, und damit sehr unterschiedliche Anforderungen / Wünsche / Voraussetzungen haben. Diese Leserschaft ist nicht groß genug, um mir ein Einkommen zu sichern - warum sollte ich mich nach ihren ggfs. gar nicht zu eruierenden Vorstellungen richten? (Hat da jemand breitangelegte qualitative Marktforschung betrieben oder geht man nach teils KI-generierten :thumbsup:/:thdown:-"Rezensionen" auf lovelybooks whatever? Soll ich mich nach dem "Geschmack" von Bots richten? Die ja nicht mal Bücher kaufen. So weit kommts noch!)

Bei einer Leserschaft von zweistelligen Zahlen bis mehreren Tausend mache ich lieber, was ich machen will, denn wenn man im passenden Umfeld unterwegs ist, wird man da auch Leser finden, die verstehen, was man macht und was man sagen / erreichen will. Geht es nicht darum: In seiner Auseinandersetzung mit sich und der Welt verstanden zu werden? Irgendwas Neues im Kopf der Leute anzuregen? Sense of wonder und so?

In dem Bereich wird einem auch kein Verlag / Lektor ein Happy End aufschwatzen oder andere großräumige Änderungen, weil ein unpassender Text einfach abgelehnt wird.

Unterm Strich sehe ich es als ein Topf/Deckel-Problem. Das ist in Foren sicher verschärft, weil wir hier Texte lesen, die wir sonst 'privat' nie anschauen würden.

Hoffe sehr, dass ist nicht zu sehr OT, bitte sonst rüffeln. ImA hat das durchaus mit der Frage nach Konzeption - von Enden - zu tun.

 

Hallo @Katla,

Wenn ich Bestseller schreiben will, kann ich der Autorin folgen. Schön, dass jemand weiß, was Leute wollen, wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kommen. :D Für mich wäre diese Haltung der blanke Albtraum und ein Grund, mir ein neues Hobby zu suchen.

Ja, ich verstehe den Punkt. Ich habe in meinen jüngeren Jahren sehr viel Musik gemacht und für mich war es viel spannender aufzutreten, als zu Hause im stillen Kämmerlein zu üben. Jetzt musiziere ich nur noch für mich zu Hause und nicht mehr vor Publikum. Ohne jetzt zu sehr in die Tiefe zu gehen, hat das Ganze etwas für mich mit Professionalisierungsgrad zu tun.

Es macht für mich einen sehr großen Unterschied, ob ich ein Musikstück oder einen Text für den "Hausgebrauch" zum Spaß vorbereite oder ob ich ob ich wirklich den maximalen Perfektionsgrad erreichen möchte, der in der Profession meistens Standard ist. Der maximale Perfektionsgrad erfordert ein sehr großes Investment und das wird man nur tätigen, wenn man etwas davon hat. So sind wir Menschen gestrickt (bis auf die wenigen Künstler, die nicht anders können, denen der reine Akt des Perfektionierens so viel gibt, dass alles weitere keine Rolle spielt.). Und das "etwas davon haben" ist eben oftmals Geld, Anerkennung, Bekanntheit, etc. Im Hobbybereich ist das natürlich anders, da probiert man etwas aus, baselt ein wenig rum und freut sich, wenn etwas Brauchbares dabei herauskommt.

Um jetzt auf das Happy End zurückzukommen - reden wir über Hobby oder eine (theoretische) Profession? Im Hobbybereich kann ich natürlich leicht sagen, was interessiert mich der Leser. Aber wenn ich sehr viel investiere, z. B. in einen Text, und dann die Wahl habe zwischen mehr Geld/Anerkennung/Leserzahl, etc. und weniger, wird man sich doch automatisch darüber Gedanken machen, welchen Weg man geht und welches Ende man wählt. Das muss ja nicht gleich eine Wahl zwischen Massengeschmack und Individiualtität bedeuten. Wir reden ja eventuell nur über kleine Nuancen, Finetuning, das man am Ende betreibt, um vielleicht mit seiner Individualität kompatibler zu mehr Publikum zu sein.

Um mal eine Analogie zur Malerei zu ziehen. Ich kann jetzt sagen, mein Markenzeichen ist, den goldenen Schnitt zu missachten. Vielleicht entsteht daraus etwas. Aber wenn man mehrere Versionen nebeneinander legt, gewinnen dann doch meistens die, die dem goldenen Schnitt entsprechen. Also verliert man seine Individualität, nur weil man feststellt, dass etwas gefälliger ist? Das heißt ja nicht gleich, dass man gefallen möchte und alles dem gefallen Wollen unterwirft.

Um noch einen weiteren Gedanken in die Diskussion zu werfen (verzeih mir @lakita):

Ich kenne das aus der Musik, der Malerei, der Wissenschaft und jetzt auch hier aus der Literatur, diese Furcht in bestimmte Standardfallen zu tappen, wie Kitsch, Happy End (was ein wenig zum Kitsch gehört), Klischee, in der Wissenschaft Gedanken, die auf den ersten Blick gängigen Theorien entsprechen, aber das führt aus meiner Sicht ganz oft zur Überkompensation. Vor lauter Angst, dass man man in die Falle tappt, verspürt man dann eine tiefe Ablehung, sich überhaupt damit zu beschäftigen, was dann aber dazu führt, dass man in der Ablehungsfalle sitzt, was letztlich nicht besser ist. Man fühlt sich nur besser, weil meistens die Gruppe größer ist, welche denselben Weg in die Ablehnungsfalle genommen hat, als die paar Einzelkämpfer, die sich die abgelehnte Elemente genau ansehen und wenigstens mal damit "herumspielen".

Frei nach Schopenhauer et al.: Erst wird man ignoriert, dann bekämpft und schließlich kopiert.

 
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Um jetzt auf das Happy End zurückzukommen - reden wir über Hobby oder eine (theoretische) Profession? Im Hobbybereich kann ich natürlich leicht sagen, was interessiert mich der Leser. Aber wenn ich sehr viel investiere, z. B. in einen Text, und dann die Wahl habe zwischen mehr Geld/Anerkennung/Leserzahl, etc. und weniger, wird man sich doch automatisch darüber Gedanken machen, welchen Weg man geht und welches Ende man wählt.
Ich sage Hobby, weil es kein Brotjob ist und kein so starker Trieb, dass ich nix anderes machen könnte. Wie du Musik, da gäbe es bei mir race sailing oder nochmal Zeichnen/Malen neu anfangen (das wäre dann beides quasi komplett ohne Zielpublikum).

Ich kann aber als teilbezahlte Hobbyschreiberin die höchstmögliche Professionalisierung anstreben. Quasi lernen beim Veröffentlichwerden. Also kann ich sowohl professionell schreiben, werde gedruckt und sehe es dennoch als Hobby, bei dem ich mich nicht nach Geschmack von Leuten richten muss, die nix mit meinen Zielen / Vorstellungen zu tun haben. Erwische ich die richtigen Verleger, geht nämlich beides: in dem kleinen Rahmen gelesen werden, der uns Klein(st)verlegten bleibt und mein eigenes Ding machen. Ggfs. eben kein happy end, weil das für die angepeilte Käuferschaft eh ein Affront wäre, enttäuschen oder abstossen würde.

Mehr Geld ist da eh nicht möglich, etwas aber schon. Also: Mich interessieren Leser, die das lesen wollen, was ich gern lese und ich gern schreiben will, aber nicht die Leser, die eh ganz andere Vorstellungen haben und ihr Geld dann in anderes investieren - aber die stünden mir auch nicht zur Verfügung, denn es geht nicht nur ums Ende, sondern um Stil, Plots, Themen, Settings, Figuren, Konzeption. Soll ich alles ändern für 200 oder 2.000 Leser mehr? 20.000? Don't think so. Ich hab nur ein Leben und möchte gern mit dem Schreiben noch ein ganzes Stück weiter kommen - handwerklich, professionell, für mich und meine Vorstellungen von guten Texten. Ich will ja nicht generell Leser von irgendwas, das ich nach Wunsch schreiben würde, sondern möchte Leser meiner Texte. 200.000 + internationale Verfilmung? Ja, in Teilen. Aber damit ist eh nicht zu rechnen! :lol::D:lol:

 
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@Katla , ich bin mir nicht sicher, ob wir nicht aneinander vorbeireden.

Der Professionalisierungsgrad hat ja nichts mit der absoluten Zahl, z.B. der Leser zu tun. So wie der klassische Geiger nicht auf E-Gitarre umschult, nur weil er da theoretisch unter bestimmten Umständen mehr Geld verdienen und ein größeres Publikum haben kann. Jeder Künstler hat seine Nische, in der er seine Kunst perfektioniert. Nur manche Nischen sind eben größer und andere kleiner und sie unterscheiden sich im Aussehen, in den Anforderungen, etc.

Wenn Du in Deiner Nische, die Du für Dich herausgearbeitet hast, weiter dazulernen möchtest, was ich Deinem Beitrag entnehme, dann erhöhst Du Doch automatisch in dieser Nische den Profressionalisierungsgrad. Wenn dann Texte auch noch verlegt werden und man eine Leserschaft aufgebaut hat, denn macht man sich eben sehr wohl Gedanken, wie Du selber schreibst:

Erwische ich die richtigen Verleger, geht nämlich beides: in dem kleinen Rahmen gelesen werden, der uns Klein(st)verlegten bleibt und mein eigenes Ding machen. Ggfs. eben kein happy end, weil das für die angepeilte Käuferschaft eh ein Affront wäre, enttäuschen oder abstossen würde.

Bestätigst Du damit nicht meine These? Das klingt jedenfalls nicht so, als ob wirklich alles völlig egal wäre und Du sehr wohl Deine potentiellen Leser mit ins Kalkül ziehst.

Und weiter: Macht nicht jeder Autor bis zu einem gewissen Grad sein Ding? Das ist doch auch bei den Genreautoren der Fall. Ich glaube kaum, dass ein Thrillerautor lieber Romancier wäre und nur deshalb Thriller schreibt, weil er damit mehr erreichen kann (oder umgekehrt). Die Zwänge sind vielleicht anders, weil das Genre womöglich stärkeren Regeln unterworfen ist. Aber ich glaube letztlich wird jeder der viel Zeit mit Schreiben verbringt, das schreiben, was ihm am meisten Freude bereitet und was er dann auch am Ende am besten kann.

Trotzdem glaube ich auch, dass je mehr man investiert und je mehr man am Ende damit erreicht, egal in welcher Nische und und in welchem Umfang, es immer einen Punkt gibt, an dem die Stimme im Kopf sagt: also das nehmen mir meine Leser jetzt übel oder das kommt nicht gut an, etc., dass also sowohl die Leser eine Rolle spielen, egal wie viele es sein mögen.

Mir geht das ja schon hier im Forum in dem kleinen Rahmen so, dass man sich überlegt, was man wie schreibt. Und wenn ich sehe, wie oft hier Texte auch rausgenommen oder zurückgezogen werden oder man sagt, das Projekt sei gescheitert, weil der Text auf irgendeine Art "durchgefallen" ist, ist es aus meiner Sicht doch romantisiert zu sagen, der Leser spiele keine Rolle und beeinflusst nicht in gewisser Weise die Machart des Textes. Ich bin mir sicher, dass sich jeder, der länger hier im Forum aktiv ist, vorher überlegt, ob er den Text einstellt oder nicht und sich darüber Gedanken macht, welche Reaktionen er damit auslöst. Und ich bin mir auch sicher, dass es den einen oder anderen gibt, der vielleicht insgeheim auf eine bestimmte Art etwas geschrieben hat, um absehbare Diskussionen zu vermeiden.

Aber das mag meine exklusive Beobachtung sein.

 
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Der Professionalisierungsgrad hat ja nichts mit der absoluten Zahl, z.B. der Leser zu tun. So wie der klassische Geiger nicht auf E-Gitarre umschult, nur weil er da theoretisch unter bestimmten Umständen mehr Geld verdienen und ein größeres Publikum haben kann. Jeder Künstler hat seine Nische, in der er seine Kunst perfektioniert. Nur manche Nischen sind eben größer und andere kleiner und sie unterscheiden sich im Aussehen, in den Anforderungen, etc.
Du hast Lakita getaggt, meintest du mich? Ja, ich glaube, wir reden zum Teil aneinander vorbei.
Das oben sehe ich ganz genauso.

Bestätigst Du damit nicht meine These? Das klingt jedenfalls nicht so, als ob wirklich alles völlig egal wäre und Du sehr wohl Deine potentiellen Leser mit ins Kalkül ziehst.
Ich glaube, das Ganze hat sich - auch sicher durch mein breites Mäandern, sorry - ausgefasert. Jedenfalls ist mir diese 'für wen schreibe ich' Sache zu schwarz/weiß im Extrem polarisiert jetzt.

Niemand sitzt im luftleeren Raum in völliger Isolation und schreibt. Genauso wenig wie man alle Ideen nur aus selbst entwickelt, ohne je einen anderen Text gelesen oder mit je einer Person gesprochen hat. Unsere eigene Persönlichkeit entwickelt sich durch Reaktionen der Außenwelt. Und auch unser Schreiben, sonst wäre keine Entwicklung möglich.

Meine Vorlieben / Ziele etc. verändern sich mit mir, dabei verändern sich meine Texte durch Leserrückmeldungen. Entweder, weil ich merke, wie ich erreichen kann, was ich erreichen wollte; oder weil ich merke, dass ich etwas anders sagen / aufziehen muss, damit verstanden wird, was ich vorhatte. Das sehe ich nicht als verbiegen, sondern als das Handwerk lernen.

Wäre ja schön, wenn wir Texte so perfekt ausspucken könnten, wie wir sie im Kopf haben. Dem ist aber ja nicht so. Wir müssen lernen, das zu vermitteln (oder unliebsame Reaktionen = Missverständnisse zu vermeiden), und das erfordert Kommunikation. Ja, da richte ich mich nach einem Leser / Lektor, so wie ich es hier im Forum mache. Ebenso bei der Konzeption von neuen Texten. Aber ich lasse mir nix aufschwatzen, was ich so nie machen wollte. Auch nicht für ein paar Tausend hypothetische Leser mehr.

Es ging im Faden ja darum, ob wir uns z. B. für den angenommenen Geschmack eines Massenpublikums auf Weisung eines Großverlages verrenken würden, ein Happy End zu schreiben, das wir sonst nie geschrieben hätten. Damit hängt eigentlich auch mehr oder minder zusammen, dass wir Geschichten schrieben, die wir nie hätten schreiben wollen. Dazu ist meine Haltung ein ganz klares Nein. Diese Leser sind mir echt egal. Daran schreib ich gern vorbei. Millionen Autoren weltweit schreiben ja auch an mir vorbei.

Und weiter: Macht nicht jeder Autor bis zu einem gewissen Grad sein Ding?
Nicht unbedingt. Einige Heftromanautoren, die unter Pseudonym schreiben, oder Kitschromanautoren sagen durchaus, das wäre der allerletzte Shit, den sie nach Schema F runterschrieben, der aber eben die Rechnungen zahlt. Hab da auch mal ein total lustiges Interview mit einer amerikanischen Kitschautorin gelesen (sowas wie Uta Danella, leider den Namen vergessen, extrem berühmt jedenfalls, Dorothy sonstwas?), worin sie sowas ganz offen sagte. Klasse für sie, aber auf sowas hätte ich keine Lust.
Ken Follet sagte ähnliches über seine Thriller, zu denen er ab irgendwann keine Lust mehr hatte, die er aber immer weiter schreiben musste - bevor ihm endlich nach XY Jahren sein Steckenpferd erlaubt wurde: Architektur im Mittelalter.

'Mein Ding machen' sollte nicht ausschließen, dass ich mich gemäß einzelner Rückmeldungen verbessern kann = etwas angleiche, ändere. Aber es geht um ein Verbessern / Verändern, wenn man erkennt, dass man seine Vorstellung / Idee nicht sinnvoll umgesetzt hatte. Da richte ich mich nach einer Meinung / dem Leser, aber es führt mich in eine Richtung, in die ich gehen wollte oder in die, die ich als geeignetere erkannt habe (und die ändert sich ja auch immer ein bisschen - ich will jetzt etwas andere Sachen als am Anfang).

Was etwas anderes ist als: Ich hab schon Erfahrung und eine Idee, wie ich etwas umsetzen könnte / wollte (das auch immer gemäß Leserrückmeldung zu verbessern wäre, im Sinne des Handwerks), aber ein Verleger sagt: "Gut & schön, aber unsere Leserschaft will eine Romanze mit einem Happy End, keinen dystopischen Slipstream. Mach das mal bitte."

 

@Katla, ja hatte Dich gemeint und auch schon korrigiert.

Nicht unbedingt. Einige Heftromanautoren, die unter Pseudonym schreiben, oder Kitschromanautoren sagen durchaus, das wäre der allerletzte Shit, den sie nach Schema F runterschrieben, der aber eben die Rechnungen zahlt. Hab da auch mal ein total lustiges Interview mit einer amerikanischen Kitschautorin gelesen (sowas wie Uta Danella, leider den Namen vergessen, extrem berühmt jedenfalls, Dorothy sonstwas?), worin sie sowas ganz offen sagte. Klasse für sie, aber auf sowas hätte ich keine Lust.

Ja, das kenne ich auch. Ich frage mich immer, inwieweit da wirklich die Wahrheit gesagt wird. Es ist natürlich einfach, sich zu distanzieren und zu sagen: ja, das ist eigentlich Schrott und ich weiß das auch, aber ich muss ja von irgendetwas leben. Für mich klingt das immer nach einer gewissen Ausrede, weil es den Autoren vielleicht peinlich ist, weil sie lieber mehr erreicht hätten, aber diese Nische ganz bequem ist und irgendwie auch Spaß macht und man nicht öffentlich sagen will, dass dem so ist, weil man ja schließlich Autor mit Anspruch ist und die Kollegen, was die wohl dazu sagen, dass man jetzt auch noch freiwillig diesen Schund verfasst und der ökonomische Zwang nur vorgeschoben ist ... Mir kommt das wie die Eltern vor, die schwören: Meiner schläft durch, mit Augenringen, die als Formeleinsreifen dienen könnten.

Jedenfalls ist mir diese 'für wen schreibe ich' Sache zu schwarz/weiß im Extrem polarisiert jetzt.

Da gebe ich Dir völlig recht.

Was etwas anderes ist als: Ich hab schon Erfahrung und eine Idee, wie ich etwas umsetzen könnte / wollte (das auch immer gemäß Leserrückmeldung zu verbessern wäre, im Sinne des Handwerks), aber ein Verleger sagt: "Gut & schön, aber unsere Leserschaft will eine Romanze mit einem Happy End, keinen dystopischen Slipstream. Mach das mal bitte."

Ist das ein Klischee oder die Realität? Ich weiß es nicht, ich kenne die Verlegerszene nicht. ich kann mir aber vorstellen, dass der Verleger ein gewisses Produkt vor Augen hat und wenn man das als Autor nicht liefert, dann hat man eben Pech gehabt. Wenn der Gemüsehändler zum Bauern sagt, er braucht Kartoffeln und der Bauer kommt mit Karrotten an, kann der sich auch nicht über den Gemüsehändler beschweren. Ja, der Vergleich ist natürlich überspitzt.

Ich lese - nicht bei Dir - aber bei manchen den Anspruch raus, dass der Verleger gefälligst das geniale Werk zu verlegen hat, das man als Autor gelegt hat, und zwar genau so, wie man es gelegt hat. Das ist natürlich an der Realität vorbei. Ich glaube aber auch nicht, dass der Verleger einem seiner Autoren sagt, dass er etwas völlig anderes schreiben soll, als der geliefert hat. Warum sollte er das tun? Ich würde als Verleger mir dann den Autoren suchen, der bereits geschrieben hat, was ich suche oder typischerweise genau solche Sachen liefert.

Von daher scheint mir das eine sehr spekulatives Problem zu sein.

 

Ist das ein Klischee oder die Realität?
Von daher scheint mir das eine sehr spekulatives Problem zu sein.
Also grad von Fantasyautorinnen (und zwar nicht SP Teens, sondern bereits klassisch verlegten mit etwas Erfahrung und Selbstkritik) hab ich schon mehrfach haarsträubende Stories gehört. Also im PM-Austausch direkt.
So Art: Ändere mal kurz den Prota, den Plot ab der Hälfte, das Setting und erst recht das Ende, ansonsten klingt das ja ganz nett - dann könnte man vielleicht über eine VÖ reden. Dabei ging es ausdrücklich um kurzlebige Trends auf dem Buchmarkt, nicht um Textschwächen.
Wie häufig das in % bei eingereichten Manuskripten passiert, kann ich natürlich auch nicht sagen.

Ich würde als Verleger mir dann den Autoren suchen, der bereits geschrieben hat, was ich suche oder typischerweise genau solche Sachen liefert.
Genau, das passiert ja auch: Schreiben auf Anfrage. So wird es auch wegen Masseneinreichungen (KI-Texte und zu viele Neuschreiber, die zu schnell ins VÖ wollen) bereits seit einigen Jahren in Kleinverlagen gehandhabt. Es gibt ja kaum noch seriöse offene Ausschreibungen, wenn du das mit der Vielfalt vor nicht mal 10 Jahren vergleichst. Dieselben Verlage/Medien, die nicht mehr öffentlich aufrufen, verlegen aber weiter Anthos ...

Inwieweit da Kapazität besteht, neben den unaufgeforderten Einreichungen noch aktiv zu schauen? Eher nicht, das wäre Sache einzelner Herausgeber, die ihre Projekte unterzubringen wissen, geht also schlechter bei Romanen (die sich aber wesentlich besser verkaufen).

 

So Art: Ändere mal kurz den Prota, den Plot ab der Hälfte, das Setting und erst recht das Ende, ansonsten klingt das ja ganz nett - dann könnte man vielleicht über eine VÖ reden. Dabei ging es ausdrücklich um kurzlebige Trends auf dem Buchmarkt, nicht um Textschwächen.

Klingt nach einem schwierigen Business. Ich fürchte sowieso (strenggenommen bin ich mir sicher ...), dass eine bestimmte Art von Unterhaltungsproduktion verschwinden wird, weil das zukünftig die KI in sekundenschnelle liefert. Schöne neue Welt. Worin besteht hier eigentlich das Happy End?

 

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