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alltag

Genre: alltag

  1. Es ist nicht so, wie es aussieht

    „Mach das nicht!“ „Ich kann das. Pass auf.“ Wir waren gerade um die Ecke gebogen. Meine übliche Gassirunde führte am Radweg entlang, direkt an meinem Haus vorbei. Sebastian, der große Bruder eines Schulfreunds meiner Tochter, war spontan vorbeigekommen und wollte mir zeigen, wie er einen...
  2. Die Ausfahrt

    alltag 
    Du beschleunigst aus der langgezogenen Kurve und spürst, wie sich die Last auf das Hinterrad verlagert. Die zunehmende Geschwindigkeit hebt dein Motorrad von allein aus der Kurvenschräglage, am Beginn der Geraden schaltest du in den nächsthöheren Gang. Du hast genau die richtige Drehzahl...
  3. Agathas Erbe

    Ich sitze im Kleinlaster und fahre zum Self‑Storage‑Lagerhaus. Kurt und Benno begleiten mich. Hinten auf der Ladefläche ist Tante Agathas halbe Wohnung aufgepackt. Sie war vor drei Wochen gestorben. Ihre Erben sind ihre Neffen Kurt, Benno und ich. Eine Woche haben wir drei mit unseren Frauen...
  4. Ruf die Polizei

    "Ruf die Polizei." Frau Liesegangs Stimme ist im Speisesaal deutlich zu hören. Fünfzehn Bewohner sitzen am Frühstückstisch, trinken ihren Morgenkaffee und essen ihre Brötchen. Jetzt schauen alle aufmerksam. Was ist geschehen? "Die ist jetzt noch nicht da", sagt Schwester Ursula. "Aber sofort...
  5. Jagdhaus

    Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen. Ihre Augen...
  6. Claude

    alltag 
    Im Untergeschoss des Forums sah man nie die Sonne. Es gab nur das fluoreszierende Licht der Neonlampen, die hellen Gänge, die vielen Türen. Das Licht brannte immer, auch sonntags, wenn das Forum schloss und niemand mehr im riesigen Komplex war. Die Neonröhren wurden ausgetauscht. Das Licht...
  7. Die Hortensien brauchen Wasser

    alltag 
    In der sanften Brise bewegt sich die Bettwäsche träge auf den Wäscheleinen. Schatten gleiten auf dem ausgeblichenen Grün des Rasens, es hat seit Tagen nicht geregnet. Sie wird die Hortensien gegen Abend gießen müssen, die Blätter hängen schlaff unter den verblassenden Blüten, als wären sie müde...
  8. Nur noch Stolpern

    "Du breitest deine Arme aus, schließt die Augen und dann lauf los." Es war beinahe zehn Uhr abends, als Leonard diesen Satz sagte und mir mit einem breiten Lächeln entgegengrinste. Längst war es dunkel geworden. Graue Wolken schmückten das dunkle Blau, welches näher an tiefes Schwarz herankam...
  9. Wachs

    Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs glänzt. Über beide Ohren strahlend kam Armin an diesem Nachmittag nach Hause, als er eine Kerze in der Hand trug. Er wollte sich gewiss sein, dass sie den Weg heim fände, und hielt sie deswegen die ganze Zeit fest. Erst als ich sie entgegennahm, ließ er sie los...
  10. Letzte Kurve

    alltag 
    Hinter der letzten Kurve in dem Graben sitzt er. Zusammengekauert im Matsch. Höchstens dreizehn, vierzehn. Etwa so alt wie mein Sohn, als er noch lebte. Er zielt mit der Waffe auf mich, ich zeige ihm meine leeren Hände. Seine Tarnjacke ist viel zu groß, die eine Seite zerrissen, das Sturmgewehr...
  11. Ganz oben

    Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band. Ich weiß, wovon ich rede. Ich sitze hinter meinen Tom-Toms und Hi-Hats, während die anderen vorne die Sau rauslassen und angehimmelt werden. Gerieten sie aus dem Takt, war ich schuld. Paul, der Gitarrist ejakulierte bei jedem Solo, der...
  12. Stille Verbundenheit

    Bereits im Februar hat sich mit konstanten zwanzig Grad ein Gefühl von Frühling ausgebreitet. Vor drei Tagen öffnete das Eiscafé, nur ein paar Straßen entfernt, geführt von der freundlichen, italienischen Familie. Jeden Tag sind sie im Einsatz, von zehn bis zwanzig Uhr, bis sie Ende Oktober...
  13. Nachmittagsvorstellung

    alltag 
    Das Mädchen kommt immer zur 16-Uhr-Vorstellung. Nicht täglich, aber alle zwei, drei Tage steht es vor mir und sieht mich an. Ich tue so, als bemerkte ich nichts, kümmere mich um die anderen Besucher. Verkaufe Karten, gebe Getränke heraus, Schokoriegel, Gummibärchen, Erdnüsse. Früher hatten wir...
  14. Wegen Karl

    Heute begegnete ich Karl nach zwanzig Jahren auf einem Parkplatz. Zuletzt trafen wir uns auf der Hochzeit eines ehemaligen Schulkameraden. Er wohnte nun mit seiner Familie in dieser Stadt, unweit von meinem Ort. Das Gespräch mit Karl weckte Erinnerungen an die Oberschule. Wir redeten ohne Punkt...
  15. Michelle.

    Ich sitze im Pausenraum. Das Blau erschlägt mich. Der blaue Linoleumboden. Die blaue Arbeitsfläche. Die blauen Stühle. Blau. Als wären wir Goldfische in einem riesigen Glas. Seit dem Cyberangriff ist alles still. Keiner weiß, wo unser Chef ist und wie es weitergeht. Wir sitzen nur da und warten...
  16. Hochu naiti

    alltag 
    Ich hatte gestern einen Traum. Wie in all meinen schlechten Träumen, bin ich wieder Teenager und lebe bei meinen Eltern. Ein Zimmer; mein Platz; alles andere gehört den anderen. Wie sie es oft im echten Leben waren, sind meine Tante und mein Onkel zu Besuch bei uns in Deutschland. Meine Tante...
  17. Chrissy (15): Der Geschmack von Bier und Abschied

    alltag 
    „Du musst deiner Mutter ja nicht sagen, dass wir zelten. Sag einfach, dass du bei mir übernachtest. Ich erzähle zu Hause, dass ich bei dir schlafe.“ Für Melli war das kein Problem. Sie wechselte zwischen Lüge und Wahrheit wie zwischen Fernsehprogrammen. Wir waren beste Freundinnen, aber manchmal...
  18. Kaffeenachmittag

    alltag 
    Frau Wehle kommt mir auf dem Flur entgegen. Hut, Mantel, Handtasche. "Na, wo soll es denn hingehen?" "Ich gehe jeden Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken." "Das ist schön, aber heute ist Samstag." "Oh." Und Frau Wehle kehrt um und geht in ihr Zimmer. Wäre sie zum Ausgang weitergegangen, hätte...
  19. Jenga

    alltag 
    Am Morgen hatte sie von weinenden Babys geträumt. Dabei hatten nur die Krähen geschrien, die um den Turm des Personalwohnheims kreisten. Sie wohnten in den alten Buchen, niemals waren sie still. Auch jetzt krächzten sie hoch oben in den Wipfeln. Mit einer großen Tasche und einem Pezziball im...
  20. Thunfischpaste to go

    „Komm“, sagte Lea. „Gleich da vorn ist der türkische Markt. "Da gibt's die beste Thunfischpaste der Stadt.“ Kreuzberg zog ihn aus der Krise. Er war überwältigt von der Atmosphäre. Dem Guten wie dem Schlechten. Er musste an Amsterdam denken, als er die steinerne Brücke sah, unter deren grünem...
  21. Die Fremde

    alltag 
    Mike stand am Flughafen vor dem geschlossenen Gate. Er hatte gerade seinen Flug nach New York verpasst, weil er zu lange in der Raucherlounge gesessen hatte. Sein Herz begann zu stechen. Ihm wurde heiß. Sein Puls begann zu rasen. Er schlug mit den Fäusten gegen die Sitzreihe vor ihm...

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