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alltag

Genre: alltag

  1. Zersplitterte Haut

    Blut auf der Wange. Rote Tropfen blitzten in ihren Augenwinkeln und verklebten ihre Wimpern. Sie blinzelte. Ihre Finger tasteten nach der Wunde, doch sie wirkten wie erstarrt. Träge wanderten ihre Augen zu ihrer Hand. Sie blinzelte erneut – ihre Hand sah so anders aus. Vergraben unter Staub...
  2. Nur noch Stolpern

    "Du breitest deine Arme aus, schließt die Augen und dann lauf los." Es war beinahe zehn Uhr abends, als Leonard diesen Satz sagte und mir mit einem breiten Lächeln entgegengrinste. Längst war es dunkel geworden. Graue Wolken schmückten das dunkle Blau, welches näher an tiefes Schwarz herankam...
  3. Wachs

    Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs glänzt. Über beide Ohren strahlend kam Armin an diesem Nachmittag nach Hause, als er eine Kerze in der Hand trug. Er wollte sich gewiss sein, dass sie den Weg heim fände, und hielt sie deswegen die ganze Zeit fest. Erst als ich sie entgegennahm, ließ er sie los...
  4. Letzte Kurve

    alltag 
    Hinter der letzten Kurve in dem Graben sitzt er. Zusammengekauert im Matsch. Höchstens dreizehn, vierzehn. Etwa so alt wie mein Sohn, als er noch lebte. Er zielt mit der Waffe auf mich, ich zeige ihm meine leeren Hände. Seine Tarnjacke ist viel zu groß, die eine Seite zerrissen, das Sturmgewehr...
  5. Ganz oben

    Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band. Ich weiß, wovon ich rede. Ich sitze hinter meinen Tom-Toms und Hi-Hats, während die anderen vorne die Sau rauslassen und angehimmelt werden. Gerieten sie aus dem Takt, war ich schuld. Paul, der Gitarrist ejakulierte bei jedem Solo, der...
  6. Stille Verbundenheit

    Bereits im Februar hat sich mit konstanten zwanzig Grad ein Gefühl von Frühling ausgebreitet. Vor drei Tagen öffnete das Eiscafé, nur ein paar Straßen entfernt, geführt von der freundlichen, italienischen Familie. Jeden Tag sind sie im Einsatz, von zehn bis zwanzig Uhr, bis sie Ende Oktober...
  7. Nachmittagsvorstellung

    alltag 
    Das Mädchen kommt immer zur 16-Uhr-Vorstellung. Nicht täglich, aber alle zwei, drei Tage steht es vor mir und sieht mich an. Ich tue so, als bemerkte ich nichts, kümmere mich um die anderen Besucher. Verkaufe Karten, gebe Getränke heraus, Schokoriegel, Gummibärchen, Erdnüsse. Früher hatten wir...
  8. Wegen Karl

    Heute begegnete ich Karl nach zwanzig Jahren auf einem Parkplatz. Zuletzt trafen wir uns auf der Hochzeit eines ehemaligen Schulkameraden. Er wohnte nun mit seiner Familie in dieser Stadt, unweit von meinem Ort. Das Gespräch mit Karl weckte Erinnerungen an die Oberschule. Wir redeten ohne Punkt...
  9. Michelle.

    Ich sitze im Pausenraum. Das Blau erschlägt mich. Der blaue Linoleumboden. Die blaue Arbeitsfläche. Die blauen Stühle. Blau. Als wären wir Goldfische in einem riesigen Glas. Seit dem Cyberangriff ist alles still. Keiner weiß, wo unser Chef ist und wie es weitergeht. Wir sitzen nur da und warten...
  10. Hochu naiti

    alltag 
    Ich hatte gestern einen Traum. Wie in all meinen schlechten Träumen, bin ich wieder Teenager und lebe bei meinen Eltern. Ein Zimmer; mein Platz; alles andere gehört den anderen. Wie sie es oft im echten Leben waren, sind meine Tante und mein Onkel zu Besuch bei uns in Deutschland. Meine Tante...
  11. Chrissy (15): Der Geschmack von Bier und Abschied

    alltag 
    „Du musst deiner Mutter ja nicht sagen, dass wir zelten. Sag einfach, dass du bei mir übernachtest. Ich erzähle zu Hause, dass ich bei dir schlafe.“ Für Melli war das kein Problem. Sie wechselte zwischen Lüge und Wahrheit wie zwischen Fernsehprogrammen. Wir waren beste Freundinnen, aber manchmal...
  12. Kaffeenachmittag

    alltag 
    Frau Wehle kommt mir auf dem Flur entgegen. Hut, Mantel, Handtasche. "Na, wo soll es denn hingehen?" "Ich gehe jeden Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken." "Das ist schön, aber heute ist Samstag." "Oh." Und Frau Wehle kehrt um und geht in ihr Zimmer. Wäre sie zum Ausgang weitergegangen, hätte...
  13. Jenga

    alltag 
    Am Morgen hatte sie von weinenden Babys geträumt. Dabei hatten nur die Krähen geschrien, die um den Turm des Personalwohnheims kreisten. Sie wohnten in den alten Buchen, niemals waren sie still. Auch jetzt krächzten sie hoch oben in den Wipfeln. Mit einer großen Tasche und einem Pezziball im...
  14. Thunfischpaste to go

    „Komm“, sagte Lea. „Gleich da vorn ist der türkische Markt. "Da gibt's die beste Thunfischpaste der Stadt.“ Kreuzberg zog ihn aus der Krise. Er war überwältigt von der Atmosphäre. Dem Guten wie dem Schlechten. Er musste an Amsterdam denken, als er die steinerne Brücke sah, unter deren grünem...
  15. Die Fremde

    alltag 
    Mike stand am Flughafen vor dem geschlossenen Gate. Er hatte gerade seinen Flug nach New York verpasst, weil er zu lange in der Raucherlounge gesessen hatte. Sein Herz begann zu stechen. Ihm wurde heiß. Sein Puls begann zu rasen. Er schlug mit den Fäusten gegen die Sitzreihe vor ihm...
  16. Der letzte Bestand

    alltag 
    Früher kam der Metzger zu uns auf den Hof. Er setzte sich mit seinem Gesellen an den Küchentisch und Vater schenkte eine Runde aus. Ich saß zwischen ihnen, ganz müde, denn es war noch sehr früh, und sah zu, wie sie Graubrot mit Zwiebelschmalz bestrichen. Vater rauchte; der Geruch seines Tabaks...
  17. Endstation 7

    alltag 
    Es war ein üblicher Arbeitsmontag im Krankenhaus. Wir saßen zum Dienstbeginn im kahlen Aufenthaltsraum. Emma war mir zugeteilt als Partnerin. Das Diensthandy klingelte. Ein Patient musste zu einer Untersuchung gebracht werden. Ich notierte die Daten auf meinem Notizblock, trank meinen Kaffee...
  18. Durchreise

    Seit Stunden gibt es keinen Gegenverkehr, wir sind allein in dieser Einöde. Eine schnurgerade endlose Straße, deren Asphalt in der Hitze am Horizont flimmert. Die Interstate 80 führt durch Nevada über Winnemucca, wo der Highway kurz vorher einen Knick nach Süden macht. Es gibt eine alte...
  19. Twizzle

    Die Stimme des Moderators sagt: „Schon wieder haben sie beim Twizzle gepatzt. Das gibt Abzüge." Im Laufe des Wettkampfes stellte sich heraus, dass jedes zweite Paar Probleme dabei hatte. Das Schöne daran war bloß, dass sie nicht aus großer Höhe herabfielen, sondern bloß irgendwelche falschen...
  20. Atemgrenze

    An den windigen Tagen war immer eine Bewegung in den biegsamen Stämmen der Weiden. Es sah aus, als würden sie im Kreis um den Teich herum tanzen. An den feinen Astspitzen berührten sich ihre Schatten. Ein Rauschen ging durch die Blätter und die Wasserläufer spreizten ihre langen Beinchen weiter...
  21. somewhere over the rainbow

    Schweiß auf meinen Handflächen, meine Atmung wie nach einem hundert-Meter-Sprint, ihre Hand zum Greifen nah, meine Kehle wie zugeschnürt und trocken wie ein leeres Flussbett. Ich muss sie berühren, will ihre Haut spüren. Langsam und tief atmen, ermahne ich mich. Wir sind am Boden, beide, hocken...

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