Was ist neu

gesellschaft

  1. Serie Heinrich (2): Alles wird gutgehen

    Ich kam früh von der Schule. Ausnahmsweise mal keine Verfolger unterwegs. Oma lag auf der Couch, hatte die Augen zu. Opa war ebenso wie Mama arbeiten. In der Küche war alles sauber. Mehr als sauber. Also erledigte ich meine Hausaufgaben. Sätze schreiben. In der Schule ist es schön. Die Blumen...
  2. Unbemerkt

    Unsichtbar stolperte Gregor die Treppe runter. Wie jeden Morgen war er pünktlich um 06.00 Uhr vom Wecker geweckt worden, hatte geduscht, sich rasiert, angezogen, Rührei mit Toast gefrühstückt, Zähne geputzt und dann seine Wohnung um genau 07.05 Uhr verlassen und wollte das Treppenhaus runter zur...
  3. Hexengeschichte

    Rosalia konnte auf alle Vier herunter sehen. Sie war so hoch oben, dass sie mit der Hand die Decke hätte berühren können; was ihr aber mit gefesselten Händen unmöglich war. Schon sauste sie wieder nach unten; zum fünften Mal an diesem Tag. Und sie wusste von den vier mal zuvor, wie schrecklich...
  4. Dem Tod ist es egal

    Die Tür fiel ins Schloss und der Wind versuchte sie wieder aufzudrücken. Den Riegel hatte er schon wieder vergessen zu reparieren. Na, das mach ich morgen, dachte er und ging in die Küche. »Hallo, Vati«, begrüßte ihn der älteste der drei Jungs, die alle am Tisch saßen und Grießbrei aßen. »Hallo...
  5. Лазурит (Lazurit)

    Agafja steht mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Wie jeden Tag. Sie blinzelt und schaut zum Himmel, als sie aus der Hütte tritt. Gott ist überall und in der Natur ist man ihm am nächsten. Sie legt den blauen Stein vor sich auf den Schrein und nimmt die Bibel zur Hand, streicht über das Leder...
  6. Der Tankstellenpriester

    Wenn es Melly schlecht ging, legte sie sich gelegentlich auf die Couch. Sie wünschte sich dann jemanden, der ihr zuhören und mit ihr reden möge. Leider konnte die Couch weder das eine noch das andere, doch hatten die beiden – Melly und die Couch – schon einiges zusammen erlebt. Die Couch hatte...
  7. Tausendmal Du ....

    Rums, die Tür flog auf und dann mit einem lauten Krachen wieder zu. Und da stand sie dann, der Sturm hatte sie hereingeweht. Mit einer schnellen Bewegung strich sie ihr langes, braunes Haar aus dem Gesicht. Keck schaute sie sich um und grinste. Es roch nicht nur nach Qualm, Alkohol und Schweiß...
  8. Maskenball

    Eine weitere Bremsschwelle nehmen wir zu schnell. Die Fahrerin beschleunigt. Die Häuser rauschen nur so an uns vorbei. Ich sitze auf der Rückbank eines SUV, zupfe nervös an meiner Gesichtsmaske, rücke sie zurecht. „Musst Du immer daran herummachen“, knurrt mein Sitznachbar. Ich versuche meine...
  9. Unter Hunden

    Ich stehe auf Stelzen. Knochenstelzen. Die Haut dunkelblau, lila, das Fleisch runzlig und rot. Eiskristalle wachsen in die Wunden. Millimeter um Millimeter. Ich bin mir nicht sicher, den Ton halten zu können. “O Du Fröhliche, o Du Selige / Gnadenbringende Weihnachtszeit! / Welt ging verloren /...
  10. Von Verkäufern und Schreckensottern

    Ich war die erste Person, der Sebastian von seinem Ableben erzählte. Mir, dem Verkäufer in einem Elektromarkt. Er hatte es soeben erfahren und kam direkt vom Arzt hierher. Krebs habe er. Unheilbar. Welchen, habe ich vergessen. Unmöglich, sich alles zu merken. Und das, obwohl ich ihm zuhörte...
  11. Grün ist nicht die Hoffnung

    Matt Koenig Kein Regen. Keine Sonne. Nichts als Nebel. Die Farben sind weg, verschwunden aus Blättern, Bäumen, den nächsten zwanzig Fuß vor mir. Ich bleibe stehen, gehe in die Hocke. Rob und James schälen sich aus dem Blättergeflecht hinter mir, unzählige feinste Tröpfchen auf der fetthaltigen...
  12. Der Gang zum Tabakwarenhandel

    »Müssen Sie auch nach unten?«, fragte Grabowski die Dame, die sich wenige Momente zuvor aus der dritten Wohnungstür rechts geschält hatte, während sein Zeigefinger in leichter Bewegung abwartend um den Knopf des Aufzugs kreiste. Er befand sich im dreißigsten seines einunddreißig Stockwerke...
  13. Der Elefant mit der Blume

    In einer anderen Zeit und einer anderen Welt, lebte ein kleiner Elefant. Er war ein seltsames kleines Kerlchen. So sagten es zumindest die anderen in seinem Rudel. Das Rudel bestand aus 23 Elefanten. Neben ihm gab es noch sieben weitere kleine Elefanten. Er war nicht allein. Zumindest nicht...
  14. Noli me tangere

    Habt ihr das von diesem ... Otchorak? Niemand hat das bisher gefragt, obwohl das Plakat seit Wochen im Fenster hängt. ›Ein Buch übers Abtauchen in eine Parallelwelt‹, damit kenn ich mich aus. Und ein Buch, das niemand lesen will. Ich sehe sie draußen vorbeigehen, kleiner Seitenblick und weiter...
  15. Die Muse

    Die Backsteinfassade leuchtet. Eigens für diesen Abend installierte Strahler heben die ehemalige Fabrikhalle noch deutlicher von den benachbarten Glas- und Betonbauten ab. Es sind fünf Grad unter null. Der Schnee der letzten Tage türmt sich schwarz gesprenkelt neben dem gusseisernen Zaun...
  16. Bereit zu der Reise

    Bereit zu der Reise Mit geschlossenen Augen liegt er da, dahingestreckt, ausgespuckt von einer weiteren widerwärtigen Nacht. Langsam, sehr langsam lösen sich seine Gedanken von der Erbärmlichkeit der alles durchdringenden Schmerzen. Ihm fallen die fast vollständigen Papiere in seiner...
  17. Türkisblau

    Als sie in den von der Sonne aufgeheizten Wagen steigt, spürt Maja, dass sie angefangen hat zu schwitzen und der Stoff des dünnen Sommerkleids unter ihren Achseln feucht wird. Sie lässt den Wagen an und dreht die Klimaanlage hoch. `Auf der kurzen Strecke wird das Auto kaum abkühlen`, denkt sie...
  18. Nachbarskind

    Ich komme vom Einkaufen, als sie aus dem Fenster fällt. Die Henkel der Tüten entgleiten meinen Fingern, ich renne zu ihr, knie vor ihrem kleinen Körper nieder. Will sie packen, an mich ziehen – warum schreit sie nicht? –, ihr übers feine braune Haar streichen und sagen, alles wird gut, war doch...
  19. Weiß ist nicht der Tod

    Walt Lieberman Auf die Schwärze des Meeres malt der helle Mond eine Straße aus Licht. Die Dünung formt Welle um Welle, weiß auf jedem Kamm. Wenn sie ausläuft, bleibt nichts als Schaum und feines Knistern im Kies. Wir sitzen auf den kühlen Steinchen, einige Fuß vom Wasser entfernt. Eine Palette...
  20. Mutprobe

    Hätte es an jenem Tag, im Sommer vor vier Jahren, doch genauso aus Kübeln geschüttet. Der Gedanke hallt nach, während ich die abgenutzte Stelle im Goldrand unserer Geburtstagstasse entdecke. Der erste Schluck der süßen, heißen Schokolade, jedes Jahr wieder ein altersloser Genuss. Vorsichtig...
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