Mitglied
- Beitritt
- 14.05.2026
- Beiträge
- 21
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 6
Agathas Erbe
Unsere Tante Agatha war vor fünf Wochen gestorben. Ihre Erben waren ihre Neffen Kurt, Benno und ich. Seit Onkel Arthurs Tod vor fünf Jahren hatte unsere Tante allein in der alten Wohnung gelebt. Es waren schwierige Trauerwochen gewesen. Zunächst die Beerdigung mit all den Formalitäten. Dann die Übernahme und die formale Abwicklung des Erbes. Mit jeder Meldung, jeder Kündigung, jedem Brief und jedem Behördengang kamen wieder die alten Erinnerungen an gute Zeiten mit Agatha in uns hoch.
Nun standen wir vor unserer letzten Aufgabe: der Auflösung von Tantes Wohnung. Die Wohnung, die wir von Kindheit an kannten, in der wir gespielt hatten, in der Tante uns vorgelesen hatte und wir immer ein offenes Ohr für unsere Sorgen gefunden hatten. Doch die Trauer half uns nicht. Benno pflegte den Satz: „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.“ Wie auch immer – jetzt standen wir in der Wohnung. Es war, als würde Tante Agatha gleich hereinkommen. Doch sie kam nicht.
Akten und Schmuck hatten wir schon vor Wochen gesichtet und sichergestellt. Jetzt mussten wir die persönlichen Dinge von Agatha und Arthur durchgehen und – ja, was eigentlich? Sollten wir ihr vergangenes Leben einfach wegwerfen?
Kurt sah unser Zögern und sprach ruhig:
„Brüder, Ihr kennt die Rahmenbedingungen. In zwei Wochen müssen wir die Wohnung besenrein übergeben. Mietverlängerung ist nicht möglich, die Handwerker sind bestellt, und wir haben den Termin bestätigt. Wir müssen das jetzt sanft, aber entschlossen hinter uns bringen. Benno hat 30 Umzugskartons im Auto. Damit sollten wir auskommen. Lasst uns anfangen.“
Ich atmete tief ein. „Nun, dann muss es sein. Verschaffen wir uns einen Überblick.“
Wir öffneten Schränke und Schubladen, sahen hinein – und merkten sehr bald, dass der Begriff ‚Überblick’ hier zu klein gegriffen war.
Onkel Arthurs Leidenschaft war das Sammeln gewesen, und Agatha frönte einer unstillbaren Kauflust. Nachhaltigkeit war für die beiden ein unbekannter Begriff. Wir standen vor einem Berg von Schachteln, Kartons, Tüten, vollen Schränken und Schubladen, die überquollen wie der süße Brei der Brüder Grimm. Die beiden hatten ein gutes Einkommen gehabt. Ollen Kram gab es nicht. Wir hatten unsere Tante geliebt, aber diese schiere Menge zeigte uns eine wunderliche Seite der beiden, die wir bisher nicht kannten.
Benno zog eine Kiste aus dem Wohnzimmerschrank und staunte über hunderte Muscheln, Schneckenhäuser und bunte Steine, alle sortiert in beschrifteten Dosen und Schachteln. Seine Frau Maria war verzückt. „Oh, wunderbar! Damit hat Onkel Arthur die vielen kleinen Figuren gebastelt, die er uns zu Weihnachten mitgebracht hat. Schau, hier sind sogar noch Zeichnungen von ihm. Diese Tradition will ich fortsetzen.“
Benno schüttelte den Kopf. „Nein, Maria, mir sind die Figuren schon zu viel. Das Zeug kommt weg.“
Maria antwortete nicht. Sie zog die Kiste zur Seite und stellte ihre Handtasche darauf.
Meine Barbara ist eine wahre Leseratte. Sie verliebte sich sofort in Onkels Bibliothek. „Schau, Rolf, hier ist eine alte Brockhausausgabe in Halbleder von 1882. Diese Illustrationen, herrlich. Und hier…“ Sie zog ein schmales Buch heraus und strich liebevoll über den Einband. „Hermann Hesse, Demian, 1919.“ Mit zwei weiteren Büchern im Arm stieg sie vom Stuhl. Für Barbara war das hier eine Goldgrube. Mir hingegen brach bei dem Gedanken an tausend zusätzliche Bücher in unserer kleinen Wohnung der Angstschweiß aus.
„Klar, die kannst du haben. Aber sag mir bitte, welche Bücher du zuhause dann aussortierst.“
„Bücher wegwerfen? Rolf, das kannst du dir abschminken. Das ist Kulturfrevel.“
Hilde setzte sich an Tantes Sekretär und öffnete die Klappe. Dahinter kleine Fächer und Schübe mit Schreibutensilien und Erinnerungsstücken.
Benno kam hinzu und schätzte das Möbelstück. „Der bringt bei eBay sicher 800 Euro, schönes Stück.“
Hilde drehte sich entsetzt um. „Dir geht es wohl nicht gut. Der kommt in unser Arbeitszimmer. Hülsta fliegt raus. Oder in die Diele, dann sieht man ihn.“
„Ein altes Möbel in unserer klaren Wohnung? Das ist wie ein runder Würfel an einem Spieltisch.“
„Du hast recht. Natürlich auch die Stühle dazu. Die Kommode macht sich an der langen Wand sicher perfekt. Darüber Agathas großer Spiegel. Benno, es wird Zeit für einen Wandel.“
Benno sah entsetzt auf den großen Spiegel mit Goldrahmen und Putten in den Ecken – und es verschlug ihm die Worte.
Ich gab Kurt und Benno ein Zeichen. „Mädels, wir holen Essen und ein Bier.“ Wir Männer gingen rüber in die Pizzeria. Dort hielten wir Kriegsrat.
„Brüder, wir brauchen einen Plan. Unsere Frauen geraten mit jedem Schrankfach in neues Verzücken. Am liebsten würden sie alles mitnehmen und unsere Wohnungen neu gestalten. Eigentlich wollte ich mich von Tante Agatha verabschieden. Ihre Seele sollte Ruhe finden. Ihr Andenken halte ich gern in Ehren. Aber ihre DNA soll bitte mit ihr in Ohlsdorf ruhen.“
„Rolf, du hast recht. Wir sollten alles verschenken. Das Rote Kreuz kann abholen, was sie verwerten können. Maria kann ihre Schnecken behalten. Aber den Rest will ich nicht.“
Der Ober kam, wir bestellten sechs Pizzen zum Mitnehmen und drei Bier zum Hiertrinken. Kurt erhob sein Glas.
„Ich trinke auf Agathas und unseren Frieden. Ich liebe meine Hilde. Aber ich möchte meine Wohnung nicht so umkrempeln, dass ich sie nicht wiedererkenne. Nur – was tun? Wir haben keine Zeit.“
„Stimmt. In zwei Wochen ist Schicht im Schacht.“
Benno setzte sein Glas ab. „Wir müssen das allein in die Hand nehmen. Es ist unsere Tante, da entscheiden wir. Lass uns heute noch ein wenig räumen. Und morgen kommen wir ohne Frauen wieder und machen tabula rasa.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Benno. Vielleicht kannst du das mit Hilde so machen. Richtig wäre es nicht. Was meinst du, wie Maria und Barbara reagieren würden? Das wäre das Ende jeglichen Vertrauens. Wir müssen Zeit gewinnen.“
Kurt tippte auf seinem Telefon. „Hier ist eine Lösung.“ Er zeigte uns das Display. „Self‑Storage. Platz für alles. Möbel, Kisten, Teppiche. Trocken, temperiert, sicher.“
„Genau. Der ganze Plunder kommt nicht gleich weg. Wäre ja auch schade um manches Erinnerungsstück. Wir verwalten das und lassen Gras darüber wachsen.“
„Nanu, Benno. Wirst du sentimental? Aber Kurts Idee ist gut. So gewinnen wir Zeit.“
Wir tranken aus, nahmen die Pizzen und gingen zurück. Die Frauen hatten den Tisch gedeckt. Beim Essen unterbreiteten wir unseren Plan.
Unsere Frauen sahen sich an. Barbara antwortete:
„Die Idee hat was. Aber auch wir drei haben uns Gedanken gemacht. Hilde wird sich nicht auf Dauer mit den Strandfunden beschäftigen. Maria glaubt, dass der Sekretär einen ehrenvollen Platz finden wird. Aber sie gibt zu, dass der Rest der Möbel besser in ein Museum passt. Und ich werde den Brockhaus dreimal ansehen, dann nie wieder. Wir möchten mit euch zusammen vieles bewahren – Fotos, Briefe, kleine Erinnerungsstücke. Eure Idee mit dem Lagerhaus passt dazu.“
Es rummste sinnbildlich im Raum. Drei Steine fielen drei Männern vom Herzen.
Hilde brachte Kaffee und warme Milch. Dann ging sie zum Sekretär und holte aus einer Geheimschublade einen Briefumschlag.
„Schaut mal, was ich hier entdeckt habe. Eine flache Geheimschublade. Sie sieht aus wie eine Zierleiste. Man drückt darauf – und dieser Brief war darin. Er ist an Rolf, Kurt und Benno adressiert.“
Kurt öffnete ihn. Darin ein gefalteter Briefbogen in Agathas Handschrift.
„Meine lieben Neffen!
Seit Arthurs Tod denke ich, wie wird es sein, wenn ich ihm nachfolge? Ich habe keine Angst davor, es wird mir leicht sein. Aber was wird mit Euch werden? Vielleicht werdet Ihr mich ein wenig vermissen, zumindest meinen Apfelkuchen. Von dem habt ihr immer gesagt, es ist der beste der Welt. Das Rezept findet Ihr in der Küche in meinem Kochbuch. Sorgen machen mir all die Sachen, die ich lieb gewonnen habe und die Wohnung füllen. Ihr habe alle eigene Hausstände und werdet fast nichts davon gebrauchen können. Ich weiß, Ihr werdet sorgsam damit umgehen, aber am Ende ... Außerdem werdet Ihr feststellen, es gibt hier mehr, als zwei Alte jemals verbrauchen konnten. Onkel Arthur war ein Sammler vor dem Herrn. Modellautos, Zinnfiguren, Muscheln, Münzen, Briefmarken und natürlich Bücher zu Hauf. Ich habe ihn immer gewähren lassen. Ich habe ihn geliebt und mich mit ihm gefreut, wenn er etwas neues in seine Sammlungen einreihen konnte. Leider habe auch ich mehr angebracht, als notwendig war. Ich hatte immer das Gefühl, das werden wir noch brauchen. Und ich hatte immer Angst, es dann nicht mehr zu bekommen. Ich habe Sicherheit in meinen Vorräten gefunden. Arthur hat sich nie beschwert. Es war ihm wichtig, dass es mir gut ging – egal wie viele Zahnpastatuben oder Batterien die Schubladen verstopften. Und aus dieser, meiner Erfahrung möchte ich Euch einen Rat geben. Keinen Rat mit erhobenen Zeigefinger. Eher einen Gedanken, den ihr gerne pflegen und zu Ende denken solltet. Ihr seid in einer soliden Position, habt Euer festes Einkommen und, wie ich finde, schöne Wohnungen. Dazu drei wunderbare Frauen, die jede für sich liebenswerte Eigenheiten haben. Passt auf Eure Frauen auf, sie sind der größte Schatz Eures Lebens. Nicht das Bankkonto oder ein großes Auto, nicht vollständige Sammlungen oder perfekt ausgestattete Wohnungen sind der Schlüssel zum Glück. Der Weg dahin führt nur über die Herzen Eurer Partnerinnen. Und was mit meinen Sachen ist, wenn ich weg bin, ist mir absolut nicht wichtig. Ich habe sie gebraucht, als ich da war. Nun bin ich bei Arthur und brauche nur noch ihn und seine Liebe in Ewigkeit. Alles andere kann weg. Verwertet es, so gut es geht, tut Gutes damit, wenn möglich. Belastet Euch nicht mit meinem alten Plunder. So haltet die Erinnerung, soweit Ihr mögt, wach und in Ehren. Aber das ganze Zeug kann weg.
In ewiger Liebe
Eure Tante Agatha
und natürlich auch Euer Onkel Arthur.“
Es war still im Raum. In unser aller Augen glänzten Tränen.
„Ich will die Muscheln nicht. So schön wie Arthur hätte ich es eh nicht hinbekommen. Gebt sie in die Schule zum Basteln.“
„Hülsta bleibt, geht eh mehr rein.“
„Mir genügt Hermann Hesse, dafür sortiere ich zehn andere Bücher aus.“
„Sag, Maria, kannst du für uns aus den Muscheln drei kleine Herzstatuen basteln? Mit Tante und Onkels Namen?“
„Der Brief war im Sekretär. Der muss bleiben.“
„Ich finde den Brockhaus schön. Er ist ein beredtes Zeugnis von Onkel.“

