Was ist neu

Aus dem Tag eines Sensationisten

Mitglied
Beitritt
09.01.2016
Beiträge
27
Zuletzt bearbeitet:

Aus dem Tag eines Sensationisten

Sensation: (Substantiv; aus franz: sensation ‚Sinneseindruck‘; aus lat: sensus ‚Gefühl‘)

Nach seinem puristischen Frühstück am ersten September, ging er in den Laden am Ende der Straße. Dort angekommen las er auch, wie er es jeden Morgen zu tun pflegte, die Zeitung. Besonders auf den Lokalteil legte er besonderen Wert. Aus ihm entnahm er, dass es an jenem Tag einen Brand in der Turmstraße und einen Einbruch im Künstlerviertel gegeben hatte. Das war an und für sich kein schlechter Tagesschnitt und hätte ihm wohl auch einigermaßen gereicht, vor allem, wenn man das gerade erst überwundene Sommerloch betrachtete, dessen Spätfolgen immer noch sein Gemüt belasteten. Doch gründlich wie er war, nahm er auch die Mühen auf sich, sein Netzwerk Gleichgesinnter zu überprüfen. Hier fand man im Vergleich selten etwas Neues, wenn es aber etwas gab, war es zumeist eine große Sache.
Und so auch an diesem Tag. Er erfuhr von Gerüchten über nächtliche Schüsse in der Residenz des Ehepaares G. unten am Fluss. Das könnte ein wahrhaftiger Glücksfall sein. Aber es stellte ihn auch vor die schwierige Entscheidung, zwischen einem sicheren Brand oder Einbruch und ein paar unsicheren Gerüchten zu wählen.
Er gelangte aber zu dem Schluss, dass die letzte Woche gut genug gewesen war, dass er heute auch eine falsche Entscheidung relativ gut verkraften werde können. Folglich entschloss er sich für das Risiko und nahm den Weg bis zum Haus der G.s auf sich. Es stand genau dort, wo sich der Fluss langsam brackt und sich verbreitert, um dann schließlich weiter abwärts in die See zu münden. Es war ein ehrbares altes Patrizierhaus und hatte durchaus seine goldenen Zeiten erlebt. Niemals hätte man sich einst träumen lassen, dass es einmal Schauplatz eines solchen Gewaltverbrechens werden könne. Allgemein war diese noble Gegend äußerst selten für ihn interessant gewesen. Einmal, als er gerade anfing, hatte ein hoher Beamter unweit von dort einen Herzinfarkt erlitten, doch er zog einen motorisierten Unfall auf der großen Kreuzung am Siegesbogen vor. Das hatte er manchmal bereut, doch es hat keinen Sinn die Vergangenheit zu bereuen. Und wie sich jetzt zeigte, waren auch die besseren Häuser nicht mehr sicher. Die Welt verfiel eben immer mehr. Zum großen Glück des Sensationisten.
Solche Vorkommnisse waren auch in den guten Häusern mit Sicherheit keine Neuheit, doch in den alten Zeiten war es eben noch leichter gewesen, seine Probleme für sich zu behalten.
Er kam erst später an, als er es sich erhofft hatte und fand das Geschehen zudem mit gemischten Gefühlen vor. Auf der einen Seite war er froh feststellen zu können, dass tatsächlich etwas Vorgefallen war. Doch die Szene erweckte auch den Eindruck, dass der Großteil schon gelaufen wäre.
Die Beamten hatten das Haus weiträumig abgesperrt und die sich eingefundene, beträchtliche Ansammlung der gemeinen Schaulustigen, die er so verachtete, war bereits im Begriff sich aufzulösen. Das: „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“, das er so gut kannte, wurde mantraartig wiederholt.
An der Straßenecke sah er einen alten, gleichgesinnten Bekannten. Diese waren sowohl oftmals behilflich, wie er auch an jenem Tage durch das Netzwerk hatte feststellen können, als auch zudem harte Konkurrenten. Nach dem üblichen Schlagabtausch, brachte er in Erfahrung, dass er zwar verpasst hatte, wie der Ehemann bereits in aller Früh abgeführt worden war, aber auch, dass sich seine junge und tote Frau noch unweigerlich innen befinden musste. Die Beamten warteten wohl aus Respekt vor der Toten und mehr noch vor ihrer nicht uneinflussreichen Familie, damit sie abzutransportieren, bis sie vor den gaffenden Augen der Öffentlichkeit so gut es ging geschützt war. Sie warteten eine ungewöhnlich lange Zeit, was wohl vordergründig der Prominenz des Viertels zu verdanken war. Und dann, kurz nach dem die Sonne untergegangen war, kam ihnen auch noch der Regen zu gute. Die wenigen Gemeinen die noch ausgehaart hatten, knickten allesamt beim ersten Regentropfen ein und das Feld lichtete sich merklich. Als der Regen sich nach drei weiteren Stunden zu einem Sturm ausgeweitet hatte, gab auch sein Bekannter, gegenüber dem er bis dahin immer eine Art professionellen Respekt empfunden hatte, auf.
Die Beamten warteten nun nicht mehr dem einen Übriggebliebenen wegen, sondern nur, weil sie nicht auch so wie er bis auf die Haut durchnässt werden wollten.
Doch bei ihm wuchs nur der Wille zum Erfolg. Mit jeder Minute wurde der Gedanke daran, eine weitere verschwendet zu haben, unerträglicher. Zudem sollten auch die anderen, bis dahin ausgehaltenen Unannehmlichkeiten nicht umsonst gewesen sein, von der erwarteten Genugtuung ganz zu schweigen.
Als nach nicht langer Zeit später, immer deutlicher wurde, dass das Wetter nur schlechter werden würde, beschlossen die Beamten die Sache abzuschließen. Sie verpackten den Leichnam zärtlich und sorgfältig und begann anschließend ihn zügig aber nicht hektisch den langen Weg von der Tür bis zum Wagen zu rollen. Auf halber Höhe warf aber eine mittelstarke Böe einen Zipfel des Leichentuches hoch und offenbarte einen guten, wenn auch kurzen Blick auf den großen, toten Zeh der toten Frau.
Damit hatte sich der Tag, nein die Woche gelohnt. Der Geschmack, dass er die richtige Entscheidung getroffen, den langen Weg überwunden, dem Wetter getrotzt und den Beamten widerstanden hatte, war süß. Doch der eine Blick auf den einen Zeh war noch viel süßer.

 

Hallo Hermeias!

Willkommen bei den Wortkriegern!

Bevor du noch weitere Texte postest: Das ist hier nicht so gerne gesehen, wenn man mehrere Texte auf einmal einstellt. Warte doch erstmal auf Kommentare. In der Zwischenzeit könntest du Texte von anderen lesen und kommentieren. Das ist kein "Beurteilen", was du dir nicht zutrauen könntest, sondern ein einfaches "Meinung äußern". Das kann jeder, sollte jeder können.

Grüße,
Chris

 

Hallo Chris,
danke für den Willkommensgruß.
Danke auch für die Anmerkung, das wusste ich nicht.

Gruß D.H.K.

 
Zuletzt bearbeitet:

Lieber Hermeias,

zum Schluss weiß der Leser dann endlich, um welche Sensation, welchen Sinneseindruck, welches Gefühl, es deinem Protagonisten geht:

… der eine Blick auf den einen Zeh war noch viel süßer.

Das ist seine Teilnahme am Geschehen. Und dazu durchforstet er die Tagespresse, muss abwägen, welches Ereignis sich (für ihn) lohnt, welches nicht. Dieser Blick auf den Zeh hat sich für ihn gelohnt, ihn empfindet er als ‚süß’.
Du wirst vielleicht verstehen, dass ich als Leser dir da nicht so ohne Weiteres folgen kann. Ich frage mich natürlich, warum ist das so? Er ist ja weder in irgendeiner Weise betroffen vom Geschehen, noch wird ein anderes Interesse in deinem gesamten Text deutlich. Also sucht er, wie es ja auch schon dein Titel und die etymologische Erklärung andeutet, nach einer Sensation, nach einem Sinneseindruck, einem Gefühl. Er könnte also ein Mensch sein, dem so etwas fehlt, der auf die von dir beschriebene Weise sein Defizit kompensiert. Dazu hätte ich allerdings gerne mehr über diesen Menschen erfahren. Ich suche mal nach Aussagen über ihn:

puristisches Frühstück
Er ist also ein Mensch, der sich sehr einfach ernährt.

wenn man das gerade erst überwundene Sommerloch betrachtete, dessen Spätfolgen immer noch sein Gemüt belasteten.

Und ein Mensch, den es belastet, wenn nichts passiert.

Also sucht er nach Ereignissen, bei denen etwas passiert. Und er hat Konkurrenten, du erwähnst sie an zwei Stellen in deinem Text. Da komme ich dann auf einen anderen Gedanken: Kritisierst du mit deinem Text die Gaffer, die Leute, die immer nur der Sensation hinterherlaufen, sich daran ergötzen, nichts damit zu tun haben, nicht helfen, nicht eingreifen, nur stehen und angenehme Gefühle aus dem Gaffen beziehen.
Aber, die meinst du dann wohl nicht, denn du sagst:

Die Beamten hatten das Haus weiträumig abgesperrt und die sich eingefundene, beträchtliche Ansammlung der gemeinen Schaulustigen, die er so verachtete, war bereits im Begriff sich aufzulösen.

Er gehört also zu einer anderen Gruppe, er hat Gleichgesinnte:

Diese waren sowohl oftmals behilflich, wie er auch an jenem Tage durch das Netzwerk hatte feststellen können, als auch zudem harte Konkurrenten.

Inwiefern waren sie behilflich? Und wie konkurrieren sie miteinander?

Du siehst, mir gelingt es nicht, deine Aussage zu erkennen, deinen Text zu interpretieren. Das kann an mir liegen, aber auch daran, dass du nicht eindeutig bist in dem, was du eigentlich mitteilen möchtest. Überlege dir doch noch einmal genau, was für eine Person du beschreiben willst, welche Eigenschaften sie hat, was ihr Problem ist, was sie konkret macht, wie sie sich verhält.

Jetzt noch einiges, was mir aufgefallen ist:

Nach seinem puristischen Frühstück am ersten September, ging er in den Laden am Ende der Straße.
Kein Komma

Dort angekommen las er auch, wie er es jeden Morgen zu tun pflegte, die Zeitung.
Du hast an mehreren Stellen Füllwörter (besonders auch, aber, doch), die du ebenso gut weglassen könntest.

So auch hier:

Er gelangte aber zu dem Schluss, dass die letzte Woche gut genug gewesen war, dass er heute auch eine falsche Entscheidung relativ gut verkraften werde können.

Folglich entschloss er sich für das Risiko und nahm den Weg bis zum Haus der G.s auf sich.
entschied er sich für
(entschloss sich zu)

Es stand genau dort, wo sich der Fluss langsam brackt und sich verbreitert,
???

Allgemein war diese noble Gegend äußerst selten für ihn interessant gewesen.
Allgemein?

Das hatte er manchmal bereut, doch es hat keinen Sinn die Vergangenheit zu bereuen.
Das ist natürlich eine allgemeine Aussage, müsste aber mMn 'hatte' heißen..

Er kam erst später an, als er es sich erhofft hatteK und fand das Geschehen zudem mit gemischten Gefühlen vor.
Warum ‚zudem’?

Auf der einen Seite war er frohK feststellen zu können, dass tatsächlich etwas Vorgefallen war.
vorgefallen

Das: „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“, das er so gut kannte, wurde mantraartig wiederholt.
Es steht kein Punkt, wenn der Beisatz folgt:
Das „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“, das er so gut kannte, wurde mantraartig wiederholt.

Die Beamten warteten wohl aus Respekt vor der Toten und mehr noch vor ihrer nicht uneinflussreichen Familie
Warum nicht positiv: vor ihrer einflussreichen Familie

Und dann, kurz nach dem die Sonne untergegangen war, kam ihnen auch noch der Regen zu gute. Die wenigen GemeinenK die noch ausgehaart hatten
nachdem
zugute
ausgeharrt:D

Die Beamten warteten nun nicht mehr dem einen Übriggebliebenen wegen,
Keine schöne Dativ-Formulierung, kannst du das nicht anders sagen?

Erfolg. Mit jeder Minute Kdie verstrich, sträubte ihn der GedankeK auch diese verschwendet zu haben, mehr.
Ich kenne nur: sich sträuben im Sinne von: ich sträube mich, etwas zu tun.

Sie verpackten den Leichnam zärtlich und sorgfältig und begann(en) anschließendK ihn zügigK aber nicht hektischK den langen Weg von der Tür bis zum Wagen zu rollen.
‚zärtlich’ Wie soll ich mir das vorstellen?
Rollen sie den 'Leichnam’?

toten Zeh der toten Frau.
Einmal ‚tot’ reicht.

Lieber Hermeias, ich sehe, dass du neu im Forum bist und heiße dich hier willkommen. Du möchtest konstruktive Kritik, und ich hoffe, dass ich sie dir geben konnte. Grundsätzlich schreibst du recht gut, einige sprachliche Probleme habe ich dir aufgezeigt. Auch bei der Zeichensetzung müsstest du noch einmal genauer hinschauen. Das Hauptproblem deines Textes scheint mir (und das ist natürlich sehr subjektiv) zu sein, dass ich als Leser kein klares Bild von der Person deines Protagonisten erhalte. Ich weiß am Ende nur, dass er sich eine Sensation verschafft hat, aber nicht mehr. Aber das 'warum' erschließt sich mir nicht wirklich. Hier müsstest du mMn nachbessern.

Liebe Grüße
barnhelm

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Hermeias,

willkommen bei den Wortkriegern auch von mir, obwohl ich sebst zu den Neulingen zähle.

Mir geht es mit deiner Geschichte ähnlich wie barnhelm. Ich frage mich, was das für eine Sensation sein soll, die ihm so wichtig ist, dass er ganze Tage damit verbringt, diese zu erleben. Erst ganz am Schluss lässt du den Leser daran teilhaben, was den Prot überhaupt am Schauplatz interessiert: Ein Stück tote, nackte Haut, und sei es noch so klein, nur für einen kurzen Augenblick zu sehen. Das ist nach dem langen Aufbau, den du geschickt inszenierst, dann doch ein ziemliches Antiklimax. Ich komme mir als Leser ein bisschen verschaukelt vor.

Sprachlich pflegst du einen unaufgeregten, "sachlichen" Stil, der zum Protagonisten und zum Geschehen mMn gut passt. Allerdings verlierst du manchmal ein bisschen die Kontrolle über deine Sprache, um es mal so zu formulieren. Im Ergebnis kommen einige Stilblüten und umständliche Formulierungen dabei raus.

Nach seinem puristischen Frühstück am ersten September
So klingt es, als wäre das Frühstück am ersten September etwas ganz Besonderes. Besser wäre es, den Satz mit "Am ersten September ging er nach seinem ..." anzufangen.
Besonders auf den Lokalteil legte er besonderen Wert.
Besonders unschöne Doppelung.
Doch gründlich wie er war, nahm er auch die Mühen auf sich, sein Netzwerk Gleichgesinnter zu überprüfen.
Er überprüfte nicht sein Netzwerk, er aktivierte/benutzte/kontaktierte es.
Hier fand man im Vergleich selten etwas Neues
Im Vergleich zu was?
Aber es stellte ihn auch vor die schwierige Entscheidung, zwischen einem sicheren Brand oder Einbruch und ein paar unsicheren Gerüchten zu wählen.
Hier frage ich mich noch einmal, was ihm den Kick bei seinem "Hobby" gibt. Was gibt es für ihn Interessantes bei einem Einbruch zu finden?
Es war ein ehrbares altes Patrizierhaus und hatte durchaus seine goldenen Zeiten erlebt.
Meinst du "seine goldenen Zeiten waren vorbei"/"hatte durchaus bessere Zeiten erlebt"? Die Formulierung ist ungenau.
Niemals hätte man sich einst träumen lassen, dass es einmal Schauplatz eines solchen Gewaltverbrechens werden könne.
Solche Vorkommnisse waren auch in den guten Häusern mit Sicherheit keine Neuheit
Die beiden Aussagen widersprechen sich.
Das: „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“, das er so gut kannte, wurde mantraartig wiederholt.
Abgesehen von Fehlern in der Zeichensetzung, wäre eine aktive Formulierung besser: "Die Beamten wiederholten mantraartig ihr „Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“, das er so gut kannte."
Diese waren sowohl oftmals behilflich, wie er auch an jenem Tage durch das Netzwerk hatte feststellen können, als auch zudem harte Konkurrenten.
Sehr umständlicher Satz. Besser: "Diese waren oftmals behilflich ... , obwohl sie auch harte Konkurrenten waren." (Nebenbei gefragt: inwieweit konkurrieren sie?)
Nach dem üblichen Schlagabtausch, brachte er in Erfahrung, dass er zwar verpasst hatte, wie der Ehemann bereits in aller Früh abgeführt worden war, aber auch, dass sich seine junge und tote Frau noch unweigerlich innen befinden musste.
Wieder sehr umständlich. Besser: "Nach dem üblichen Schlagabtausch erfuhr er, dass er () verpasst hatte, wie der Ehemann bereits in aller Früh abgeführt worden war, und dass sich seine junge, tote Frau noch () innen befinden musste."
Die Beamten warteten wohl aus Respekt vor der Toten und mehr noch vor ihrer nicht uneinflussreichen Familie, damit sie abzutransportieren
Sehr ungelenk. "einflussreich", "mit dem Abtransport".
was wohl auch dem Umstand zu verdanken war, dass sie sich in dem Viertel befanden, in dem sie sich befanden.
Ungelenk formuliert. Vorschlag: "... was wohl der Prominenz des Viertels zu verdanken war."
Mit jeder Minute die verstrich, sträubte ihn der Gedanke auch diese verschwendet zu haben, mehr.
Ungelenk formuliert. Besser: "Mit jeder Minute wurde der Gedanke daran, eine weitere verschwendet zu haben, unerträglicher."
den Beamten widerstanden hatte
Inwieweit hat er den Beamten widerstanden?

Du siehst, ich komme nicht so ganz mit deinem Stil klar und finde, dass du den Text noch etwas überarbeiten solltest. Hoffentlich können dir meine Anregungen ein bisschen weiterhelfen.:)

Beste Grüße
Hopper

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo barnhelm,

danke für die Anmerkungen und die Zeit die du dir genommen hast.
Auch wenn das nicht unbedingt geplant war, muss ich eingestehen, dass mir die Vorstellung gefällt, dass der Leser sich fragend durch den Text bewegt und erst am Ende die Auflösung erhält.
Der Text soll keine Gesellschaftskritik in dem Sinne sein, dass sie das Verhalten einer bestimmten Menschengruppe kritisiert; Sie ist ganz bewusst in der Rubrik Seltsam.
Beschrieben wird eine fiktive Art von Mensch, die dieses "Gaffen" was du erwähnt hast, professionalisiert.
Es geht ihm nicht um die Ausübung eines Hobbys oder ähnliches, sondern die Sensationsgier ist für ihn eine zwangartige Notwendigkeit. Ich weiß nicht ob solche Menschen tatsächlich existieren.
Die einzige Kritik, die sich meiner Meinung nach ohne übermäßige Interpretation herauslesen lässt, ist die Warnung davor, dass unsere jetzige, sensationshungrige Gesellschaft möglicherweise einmal etwas derartiges hervorbringen könnte.
Die Frage, welches Defizit mit diesem Verhalten kompensiert wird, bleibt der Verantwortung des Lesers überlassen, sofern dieser sich damit auseinandersetzen möchte. Der Rückgang menschlicher Beziehungen und Technisierung sind nur Schlagworte die ich jetzt mal in den Ring werfe ohne eine Andeutung in der Geschichte vorgenommen zuhaben.
Die auftauchenden Konkurrenten sollen zeigen, dass der Prot. in dieser fiktiven Situation kein Einzelfall ist.
Sie sind einander behilflich, in dem sie sich über Sensationen austauschen (z.B. in dem Netwerk Gleichgesinnter), aber natürlich will jeder von ihnen auch für sich das beste Erlebnis, weshalb sie miteinander konkurieren.
Die "gemeinen Schaulustigen" sind in der Tat "die Gaffer, die Leute, die immer nur der Sensation hinterherlaufen". Aber sie sind eben nur diejenigen, die zufällig vorbeilaufen und stehenbleiben, die die wir heute haben.
Der professionelle Sensationist, der keine Mühe scheut, verachtet sie.

Bei der Überflüssigkeit mancher Füllwörtern gebe ich dir Recht. Andere betrachte ich aber auch als Träger einer stilistischen Funktion, über die sich bekanntlich streiten lässt. Ob es den Begriff "brackt" wirklich gibt weiß ich nicht haha, aber mein Textprogramm hat ihn nicht markiert, weshalb ich ihn gelassen habe. Ich habe ihn ihm Sinne von "zu Brackwasser werden" benutzt.
Einige sprachliche Fehler die du gefunden hast, sind ziemlich peinlich. Ich danke dir für ihre Aufdeckung und schiebe sie mal auf den katastrophalen Alltagssprachgebrauch aus meiner Gegend im Ruhrgebiet, bin mir aber auch im klaren das nur ich verantwortlich bin, dass sie auf mich abgefärbt haben.
Die Wiederholung von "Tot" war auch bewusst.

Nochmals danke für die konstruktive Kritik.


Hallo Hopper,

auch dir danke ich für die Anregungen.
Schade, dass du von der Auflösung enttäuscht bist. Eigentlich war nicht gemeint, dass der Prot. irgendwelche nekrophilien Absichten verfolgt, trotzdem ein interessanter Aspekt.
Bei den sprachlichen Mängeln gebe ich dir größenteils Recht und werde sie ausbessern. Aber wie auch oben schon erwähnt, sind manche Formulierungen über die du gestolpert bist, bewusst und gefallen mir haha.
(z.B. "nicht uneinflussreich" und "junge und tote")

Das mit dem prominenten Viertel und den verschwendeten Minuten finde ich recht gut. Danke dafür.

Er widersteht den Beamten in sofern, dass er so lange aushält, bis sie herauskommen.

Mit dankenden Grüßen an euch beide,
H.D.K.

P.S.: Ich stelle mich wohl etwas ungeschickt an, kann mir jemand erklären, wie man einzelne Passagen in so einem Kasten zitiert?

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Hermeias,

bezüglich des Stils und der Sprache möchte ich den meisten der bisherigen Kommentare beipflichten, vielleicht mit der Einschränkung, dass ich absolut Verständnis dafür habe, wenn Du die Erzählsprache an das Thema und die Charaktere anpassen möchtest. Wenn also Dein Protagonist offensichtlich etwas verschroben ist und seltsame Vorlieben pflegt, kann eine entsprechende, z.B. leicht kauzige Sprache gut dazu passen, da musst Du nicht unbedingt knapp und präzise formulieren. Allerdings enthebt Dich das nicht der Verantwortung, dabei sorgfältig abzuwägen, welche Wendung mit Absicht irgendetwas ausdrücken soll und welche Dir vielleicht nur so hineingerutscht ist. Und irgendeine allgemeine, ungerichtete Umständlichkeit o.ä. will ich damit auch nicht unterstützen. In diesem Sinne würde ich an Deiner Stelle auf Basis der geäußerten Kritik den Text noch einmal gründlich überprüfen.

Hauptsächlich möchte ich aber eine Lanze brechen für Deine Plotidee. Du beschreibst hier eine Person, die einem ungewöhnlichen Spleen nachgeht und diesen in gewisser Weise "professionalisiert" hat. Natürlich könnte man das ganz groß ausbauen: Was hat der Mensch für eine Vorgeschichte, wie ist er so geworden, was hat die Gesellschaft dazu beigetragen usw. Ich halte das aber gar nicht für notwendig, sondern finde die Betrachtung seines Mikrokosmos im Istzustand völlig ausreichend und sehr reizvoll.

Allerdings bin ich trotzdem der Meinung, dass das mehr hergibt, als Du uns bisher zeigst; konkret habe ich zwei Dinge vermisst. Das eine ist die Professionalisierung, die Du nur sehr schwach andeutest. Er sieht auf die Gelegenheitsgaffer herab, das habe ich verstanden - aber wie grenzt er sich von denen ab? Er nimmt Mühe und Entbehrungen auf sich, das scheint bisher das Einzige zu sein. Aber als Profi könnte man doch noch viel mehr tun. Mir sind als Vergleich die "Train Spotter" eingefallen: Die führen z.B. Buch über ihre Beobachtungen, machen Fotos, archivieren ganze Fahrpläne, fahren in die entlegensten Winkel des Landes usw. Ich fände es spannend, wenn Dein Sensationalist ähnliche Dinge täte. Der Fantasie sind da m.E. keine Grenzen gesetzt, wenn man mal überlegt, was Profis jedweder Art für ihren Beruf tun: Sie machen Aus- und Weiterbildungen, trainieren regelmäßig, schaffen sich spezielle Ausrüstung an, haben ein Büro oder eine Werkstatt, Dienstfahrzeuge, besondere Software, wissenschaftliche Vorgehensweisen, Berufsgeheimnisse, Patente und, und, und ...

Der zweite Punkt, den ich gerne ausgebaut sähe, hat eng damit zu tun: sein Netzwerk Gleichgesinnter. Auch hier denke ich an Train Spotter & Co., ebenso wie an Berufe jeder Art: Wie tauschen die sich aus (Treffen, Telefon, Mail, Webforen, Twitter, ...), wie arbeiten sie zusammen, wenn sie ja gleichzeitig konkurrieren (ist ja in der Geschäftswelt auch oft der Fall), haben die Vereine, Verbände, Lieferanten, Kartelle und Konsortien, einen Berufsethos, Konferenzen, Fachzeitschriften ...? Ist das vielleicht so eine Schattengesellschaft ähnlich wie das organisierte Verbrechen oder Terrororganisationen (nicht von den Zielen, aber von der Organisation her)?

Mir fällt als zugegebenermaßen weit hergeholter Vergleich z.B. ein, dass der sog. Islamische Staat ja tatsächlich quasistaatliche Strukturen pflegt mit Steuern, Sozialversicherung und allen Schikanen, was erst mal völlig absurd, bei näherem Hinsehen aber absolut sinnvoll oder geradezu notwendig erscheint. Vergleichbare Absurditäten unter Sensationalisten würden mir gut gefallen.

Denk mal darüber nach, vielleicht hättest Du daran ja Spaß.

Grüße vom Holg ...


PS: Die meisten dieser Gedanken sind auch auf Deine andere Geschichte "Der Professor" anwendbar. Ist mir gerade zu blöd, dort noch mal sinngemäß das Gleiche zu schreiben, aber betrachte das oben Gesagte doch ruhig mal für beide Texte.

PPS: Außer Berufstätigen im Allgemeinen könnte man auch noch Künstler als Vergleich heranziehen.

PPPS:

Ich stelle mich wohl etwas ungeschickt an, kann mir jemand erklären, wie man einzelne Passagen in so einem Kasten zitiert?
Du kannst jemanden zitieren, indem Du den Zitieren-Button unter dessen Post verwendest. Dann entstehen die entsprechenden QUOTE-Tags mit Angaben des zitierten Users. Die kannst Du auch mit Copy & Paste vermehren, den zitierten Text entsprechend beschneiden usw.
Alternativ kannst Du oben am Editor-Kasten den Button mit der Sprechblase verwenden, dann bekommst Du die Tags ohne Userangabe (bei Bedarf von Hand nachzutragen) und kannst die zu zitierenden Passagen ganz normal mit Copy & Paste dazwischentun.

 

Hallo Holg,

danke für die Kritik und deine Ideen.
Finde ich sehr spannend, denke aber auch, dass die Berücksichtigung aller Vorschläge etwas den Rahmen sprengen würde, den ich mir gedacht hatte.
Ich werde aber sicher drüber nachdenken und wohl möglich was ändern, sollte ich mich mal wieder mit ein wenig Inspiration und Muse wiederfinden.
Das, was du bei der Sprache angemerkt hast, finde ich sehr passend und werde versuchen es in Zukunft zu berücksichtigen.
Allerdings glaube ich auch dass eine knappe Ausdrucksweise noch nie mein Stil war.

Grüße,
D.H.K.

P.S.:

Danke, dass du mir das hier erklärt hast

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom