Hallo @Freeed
Nachträglich ein herzliches Willkommen im Forum. Gerne möchte ich Dir ein Feedback zu deiner Geschichte dalassen, die ich insgesamt gerne gelesen habe und als gut geschrieben empfinde. Dennoch folgt nun ein wenig Kritik und ich schreibe auf, was mir während des Lesens aufgefallen ist und welche Gedanken mir durch den Kopf gegangen sind.
Zuerst etwas zum Inhaltlichen:
Vor wenigen Minuten hatte noch die Morgensonne auf die taubenetzten Blätter meiner Pflanze geschienen. Doch allmählich schieben sich Wolkenfetzen vor die Sonne und eine milde Hoffnung auf Regen kommt in mir auf.
Dein Einstieg ist sehr klassisch, bzw. für mich beinahe etwas zu klassisch. D.h. ich habe das Empfinden, dass sehr viele Texte mit einer Wetterbeschreibung beginnen. So auch bei Dir. Du verbindest das direkt mit der Protagonistin, der Tomate, das finde ich schon gut (man fragt sich als Leser: Wer spricht hier von 'meiner Pflanze'?), aber ich finde, ein direkterer Einstieg, also gleich mit einer Handlung starten, wäre zielführender.
Wie aus dem Nichts umschließt mich seine knochige Hand. Sie zieht an mir und reißt mich aus meinem angestammten Platz. Ich dachte immer, es würde weh tun gepflückt zu werden, doch nun spürte ich keinen Schmerz.
Meiner Meinung nach wird sehr schnell klar -- zu schnell, für mein Empfinden -- dass es sich bei der Protagonistin um eine Pflanze handelt. Es ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht offensichtlich, um was für eine Art Pflanze, aber ich hätte mir gewünscht, der Text würde das länger verschleiern. Am elegantesten fände ich es sogar, wenn erst im letzten Satz offenbart würde, dass es sich bei der Erzählerin um eine Pflanze/Frucht handelt. Dann wäre das vorhergehende verstörender und man würde sich als Leser fragen, was eigentlich da genau passiert. Das hätte meiner Meinung nach eine längerbleibende Wirkung.
Menschen legen Dinge auf runde Scheiben.
Hier bin ich etwas gestolpert. Die Tomate kennt Begriffe wie Garten, Mauern, Feste, Hallen, Kaminfeuer, Gewölbe, Menschen und so ausgefallene Beschreibungen wie 'drapieren'. Aber die Teller sind ihr dann fremd? Ich finde, das ist ein Bruch in der Logik. Also entweder sollte die Protagonistin alles kennen oder dann eben nur Dinge, die sich auf ihre angestammte Umgebung beziehen: Auf die geschlossene Welt des Gartens. Alles andere wäre ihr dann eigentlich fremd, weil sie den Garten bis anhin ja nie verlassen hat.
Nun noch ein paar sprachliche Anmerkungen:
Langsam und schlurfend kommt der alte Halik näher.
Das ist für mich ein wenig gedoppelt. Schlurfend impliziert bereits, dass der Halik langsam näher kommt, oder kann man auch schnell schlurfen? :-) Woher kennt die Tomate zudem seinen Namen?
Ich dachte immer, es würde weh tun[KOMMA] gepflückt zu werden, doch nun spürte ich keinen Schmerz.
Hier fehlt ein Komma.
Der Kloß im Hals macht es mir schwer[KOMMA] gegen die Tränen anzukommen, doch der ansteigende Puls und die vielen neuen Eindrücke helfen mir[KOMMA] die Fassung zu bewahren.
Hier fehlen sogar zwei.
Der alte Halik, war es der mich pflückte.
Das wird schon vorher klar, als er seine knochige Hand um die Protagonistin schliesst. Es ist somit eine unnötige Wiederholung. Wenn Du den Satz trotzdem behalten willst, müsstest Du das Komma verschieben:
Der alte Halik war es, der mich pflückte.
Genauso war er es auch der mich immer pflegte und die Mutterpflanze goss und düngte.
Der Satz holpert. Flüssiger wäre bspw.:
Genauso war auch er es, der mich immer pflegte und die Mutterpflanze goss und düngte. Wie bereits schon den vorhergehenden Satz halte ich aber auch diesen für leicht redundant, die Geschichte würde nichts verlieren, wenn Du die Passage einfach killst.
Etwas anderes als den gut gepflegten Garten[KOMMA] der neben den weißen Mauern der alten Feste nahezu kümmerlich wirkte.
Kommasetzung scheint nicht deine Stärke zu sein, aber macht ja nichts, Du kannst das ja noch korrigieren. Hier fehlt wieder eins.
Durch den steinernen Torbogen am Ende des Gartens bringt man mich durch einen kleinen Seiteneingang in den Palast.
Das ginge kürzer, finde ich, ohne etwas Relevantes zu verlieren.
Die hölzerne Tür öffnet sich knarzend und dahinter eröffnet sich ein großes, von Kaminfeuer beleuchtetes Gewölbe.
Hier hast Du eine Wortwiederholung drin, sehr nah aufeinander, das fällt direkt ins Auge.
leise Traurigkeit schleicht sich in mein Herz
Der Kloß im Hals macht es mir schwer
Mein Herz tobt in meiner Brust
Das sind alles Formulierungen, die ich ein wenig platt finde. Sowas hat man halt schon tausendundeinmal gelesen. Gerade an solchen Stellen wäre meiner Meinung nach etwas mehr Kreativität gefragt. Auch könnte man sich als Leser fragen: Die Tomate hat einen Hals? Den Kloss könntest Du ja behalten, um jetzt bei diesem Beispiel zu bleiben, aber den Rest des Satzes dann anders formulieren, stärker auf die Tomate bezogen, auf ihre 'Anatomie', wenn Du so willst. Insgesamt vermenschlicht der Text die Tomate auch zu sehr, dadurch entsteht bei mir ein wenig der Eindruck, die Erzählerin ist eigentlich ein Mensch, der zufällig auch eine Tomate ist. Vielleicht wäre ein Ansatz, die Wahrnehmung der Erzählerin stärker tomatenhaft zu gestalten: Mehr Gerüche, mehr Licht und Wärme, mehr Bezüge zu Wachstum, Reife, Fruchtfleisch, Kernen etc.
Ich versuche zu sehen, was genau die Menschen tun, doch bevor es mir möglich ist[KOMMA] mich umzuschauen, werde ich gepackt und auch auf eine runde Scheibe gelegt.
Hier fehlt ebenso ein Komma. Zudem würde ich vorschlagen, zwei Sätze hieraus zu machen, dann liest es sich flüssiger:
Ich versuche zu sehen, was genau die Menschen tun. Doch bevor es mir möglich ist, mich umzuschauen, werde ich gepackt und auch auf eine runde Scheibe gelegt.
„Dies ist für den Truchsess“[KOMMA] höre ich eine Stimme sagen.
Wieder das Komma vergessen.
Kurz darauf wird die runde Scheibe einem jungen[KOMMA] gut gekleideten Knaben übergeben.
Bald bin ich kom(m)atös
Dieser bewegt sich hurtig durch verschiedene Gänge des Gemäuers und gelangt schließlich in eine beeindruckend große Halle.
Du hast vorher schon das grosse Gewölbe, hier würde ich behaupten, eine Halle ist eigentlich immer gross. Deshalb vielleicht verkürzen:
[...] in eine beeindruckende Halle.
Neben den prachtvollen Säulen komme ich mir plötzlich winzig vor.
Hatte sie dieses Gefühl nicht bereits gegenüber Halik und den anderen Menschen, gegenüber dem Gewölbe und vielleicht sogar im Garten selbst?
Wer bin ich schon, dass ich in eine solche königliche Halle gehören könnte.
Würde das 'e' bei 'solche' streichen, es passt dann besser in den leicht altertümlichen Duktus, finde ich zumindest.
„Daheim verblasst“[KOMMA] diese Worte konnte ich klar verstehen.
Wir sind wieder bei den Kommas :-) Das wäre die schnellste Lösung. Etwas eleganter ist die Variante mit einem Gedankenstrich:
„Daheim verblasst“ – diese Worte konnte ich klar verstehen. Oder etwas natürlicher im Klang:
Die Worte „Daheim verblasst“ konnte ich klar verstehen.
Doch dann greifen vor Fett triefende Finger nach mir,Fingernägel bohren sich in meine straffe rote Schale[KOMMA] während ein grauhaariger Mann mich zu seinem Mund führt.
Da fehlt der Leerschlag nach dem Komma. Zudem fehlt eines zusätzlich nach 'Schale'. Ich würde zudem noch vorschlagen, zumindest zwei Sätze daraus zu machen:
Doch dann greifen vor Fett triefende Finger nach mir. Fingernägel bohren sich in meine straffe rote Schale, während ein grauhaariger Mann mich zu seinem Mund führt.
Wenn Du etwas mehr Bedrohlichkeit erzeugen willst, würde ich die einzelnen Handlungen isoliert an den Leser bringen, weil sie dadurch eindringlicher wirken: Doch dann greifen vor Fett triefende Finger nach mir. Die Fingernägel bohren sich in meine straffe rote Schale. Ein grauhaariger Mann führt mich langsam zu seinem Mund.
Für literarische Prosa würde ich klar die zweite Variante bevorzugen.
Dies soweit meine Anmerkungen zu deinem Einstand, den ich -- das möchte ich an der Stelle ausdrücklich wiederholen -- gerne gelesen habe.
Beste Grüsse,
d-m