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Das Band des Krieges

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Das Band des Krieges

Meine kleine Geschichte beginnt an einem Tag, den ich aufgrund seines Datums nicht vergesse, dem 7.7.77, der erste Sommerferientag im beschaulichen Nordrhein-Westfalen. Opa Hannes flog auch in diesem Jahr zu seinem seit den 50ern in den USA lebenden Sohn. Und anstatt, wie üblich, meine Oma mitzunehmen, die gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, ließ er kurzerhand das Flugticket umschreiben auf mich, den Sohn seiner zweiten Tochter, und mit der Erlaubnis meiner Eltern flogen wir an diesem Tag von Frankfurt nach New York. So beginnt diese kleine Geschichte, von der es mir wichtig ist, dass ich sie euch erzähle.

»Sag mal, Opa, wieso lassen die uns hinter den Triebwerken aus der Maschine steigen? Die Hitze ist ja irre.«
Er grinste.
»Das sind nicht die Triebwerke. Das ist North-Carolina im Sommer. Herrlich! Oder?«
Ich sah zuerst ihn an, dann die flirrende Luft über dem Taxiway. Einige Meter weiter rollte ein Bus heran, um uns Passagiere aufzunehmen. Ich erinnere mich sehr gut, dass die Hitze meine Vorfreude innerhalb kürzester Zeit fast auf null senkte. Als ich in den Bus stieg, fror ich plötzlich. Es war mehr als kalt. Wir fuhren Richtung Terminal und standen schließlich mit unseren Koffern vor zwei Menschen, die ich bestenfalls einmal auf einem Foto erklärt bekam. Opa fiel seinem Sohn um den Hals, sie klopften sich ausgiebig den Rücken. Onkel Theodor lebte seit 1956 in den Staaten, hatte seine Frau, meine Tante Jean, Anfang der 50er in Erlangen kennengelernt, als sie dort für die US-Armee in einem amerikanischen Kaufhaus arbeitete, das von meinem Onkel mit frischen Eiern beliefert wurde. Sie heirateten ziemlich zügig und zogen bald darauf in die Staaten. Nun stand ich vor ihnen und stellte meinen Koffer auf den Boden.
»Das ist Heinrich, Hildas Sohn«, erklärte Opa Hannes stolz und legte seine Hand auf meine Schulter.
Ich winkte kurz, aber mehr als ein 'Hallo' brachte ich nicht heraus. In Zeitlupe öffnete meine Tante Jean ihre langen, dünnen Arme und neigte den Kopf zur Seite. Elegant schnippte sie ihre Zigarette auf den Boden und kam langsam auf mich zu.
»Aw, er sieht ja aus wie du, Johann. Und wie groß er ist.«
Dann schlossen sich diese Ärmchen um mich, mehrmals, wie ich meinte. Sie drückte zu, als wäre dies unser letzter Tag auf Erden.
»Herzlich willkommen in the States. My dear, du bist so tall. Wie groß ist er?«
»Einsneunzig«, antwortete ich in ihr linkes Ohr.
»Aw, my god.«
»Na kommt, Kinder. Lasst uns nach Hause fahren.«
Onkel Theodor trennte uns, stellte die Koffer auf einen Gepäckwagen und zog mich mit sich. Tante Jean hakte sich bei Opa unter und so verließen wir das Terminal.

Die Fahrt dauerte scheinbare Ewigkeiten. Von Raleigh ging es ostwärts nach Greenville. Mein Onkel besaß einen Dodge Van, jedoch gab es hinten im Laderaum keine Sitze. Da er von Beruf Möbelschreiner war und Prototypen für die Möbelindustrie fertigte, benutzte er den Van, um seine Prototypen abzuliefern. Opa Hannes und ich saßen auf den Radkästen. Immerhin gab es eine Klimaanlage. Der Motor war derart laut, dass an eine Unterhaltung kaum zu denken war. Ab und zu drehte sich meine Tante um und deutete irgendwo in die Umgebung. Ich stellte nur fest, dass das Fahren auf amerikanischen Highways eine Menge Geduld erforderte. Wir krochen mit 70 Meilen durch eine fast topfebene Landschaft, ab und an kleine Bodenwellen. Fünf Wochen wollten wir bleiben. Ich bekam Bammel, dass diese fünf Wochen nur aus Langeweile bestünden.

Mein Zeitgefühl war komplett im Eimer, als wir endlich Greenville erreichten. Opa sah mir meine Verzweiflung an.
»Das liegt an der Landschaft und den für uns ungewöhnlich schnurgeraden Straßen. Ging mir beim ersten Mal auch so.«
Er grinste mich an und Onkel Theodor öffnete die Schiebetür.
»Aussteigen, Private Henry!«, brüllte er. Tante Jean verdrehte die Augen.
»Aw, Theo, don’t do that. It’s over.«
»Sir! Yes, Sir!«, erwiderte er.
Ich lächelte freundlich, um mein Unverständnis nicht zu offenbaren. Theodor packte meinen Arm und zog mich aus dem Bus. Opa schleppte die Koffer ins Haus und ich sah mich um.
»Schau nur, Heinrich«, forderte mich Theodor auf. »Alles meins. Das sind zwölf acres, ahm, Jean! Zwölf acres in Hektar?«
»Fünf Hektar!«, rief sie aus dem Hausflur.
Unter fünf Hektar konnte ich mir wenig vorstellen, aber es war sehr groß. Wie ein Park, ein alter Park. Sehr hohe Laubbäume mit ausladenden, dichten Kronen, nur wenig Licht drang hindurch. Viel Platz zwischen den Stämmen, ein perfekt geschnittener, gleichmäßig grüner Rasen und ein breiter Bach mäanderte durch das ganze Grundstück. Ich bekam das Gefühl, in einem mondän angelegten Schlossgarten zu stehen.
»Hier kannst du tun und lassen, was du willst«, ermunterte mich Theodor, »allerdings …«, ich drehte mich ihm zu, »… solltest du auf das ‚poison ivy‘ aufpassen, das giftige Efeu. Wenn du das berührst, geht es dir ein paar Tage schlecht.«
»Ich werde aufpassen«, versicherte ich ihm. Er verpasste mir einen ordentlichen Klaps auf die Schulter. »Komm, gehen wir rein. Ich zeige dir dein Zimmer und dann gibt es ein großes Barbecue!«
Wenn es die nächsten fünf Wochen so schwül ist wie jetzt, überlegte ich, dann will ich umgehend wieder nach Hause. Diese Schwüle hier war eine gänzlich andere als jene, die ich aus dem dagegen recht kühlen Köln kannte. Sie glich einem schweren, nassen, modrigen Brett, unter dessen Gewicht man nur zu kriechen in der Lage war. Glücklicherweise herrschte im Haus durchweg Eiszeit. Onkel Theodor führte mich zu einem schmucken Zimmer, in dessen untere Fensterhälfte eine summende Klimaanlage eingebaut war.
»Gefällt es dir, Heinrich?«
»Toll«, sagte ich staunend, »größer als mein Zimmer daheim.«
Der Koffer stand neben einem weißen Kleiderschrank, Theodor ging und eine Stimme sagte: »May I help you?«
Ich drehte mich um. Ein Mädchen. Das musste meine Cousine Elisa sein. Sehr kurze, tiefschwarze Haare, die Augen nicht minder dunkel, fast so groß wie ich. Warum werde ich jetzt rot?, fluchte ich innerlich.
»Okay … Elisa?«
»Yes, that’s my name, Henry.«

*​
Das Wort Barbecue existierte nicht im Oxford English Lessons II, aber ich konnte auf Opas Erklärungen zurückgreifen, der schon einige Male in den USA war und dieses Ereignis in den höchsten Tönen lobte. Mächtige Fleischmengen und exzellente Würzsoßen beschrieb er als die Höhepunkte eines solchen Barbecue. Onkel Theodors Grill hatte den Umfang unseres heimischen Küchentischs. Ein Monster. Gefüllt mit Unmengen Grillkohle, die Glut so rot wie der Schlund eines aktiven Vulkans. Ich staunte. Vor allem über mein erstes T-Bone-Steak. Es war so groß, dass es auf fast allen Seiten über das Holzbrett hinausragte, das mir als Teller diente. Ich muss zugeben, dass ich es nicht ansatzweise schaffte, dieses monströse Stück Fleisch aufzuessen. Dazu kam, dass ich ein begeisterter Salatesser war und Tante Jean exzellente Salate gemacht hatte.
»Lass einfach stehen, wenn du es nicht schaffst«, sagte Jean verständnisvoll. »Ich kann daraus morgen Abend einen Rindfleischsalat machen.«
»Ich schaffe es wirklich nicht, Tante. Solche Mengen Fleisch esse ich daheim nicht«, antwortete ich entschuldigend. »Lieber nehme ich noch von deinem guten Tomatensalat.« Sie grinste und schob die Schüssel über den Tisch. Opa und Onkel Theodor saßen abseits und rauchten kleine Zigarillos, auf einem kunstvoll geschnitzten Holztisch zwischen sich eine Flasche Jack Daniels. Und Elisa stocherte mit der Gabel im Maissalat, parkte die Maiskörner mal hier, mal dort. Meine Tante streifte ihr Tun mit einem kurzen Blick, seufzte und lächelte mich erneut an.
»Erzähl mir von deiner Schule, Heinrich. In welche Klasse gehst du denn jetzt?«
»Ich bin jetzt in der achten Klasse.«
Jean nickte und steckte sich eine ihrer langen, braunen und sehr dünnen Zigaretten an, von denen sie heute mindestens eine Packung geraucht hatte. Elisa sah mich an. Wissend, verstehend. Sie konnte Deutsch, das erkannte ich an ihrem Blick. Ich Trottel. Den Tag über sprachen wir nur Englisch. Es machte mir nichts, mit Elisa Englisch zu sprechen, was sich mit den Hintergedanken meiner Mutter deckte, mein Englisch in der Umgangssprache zu verbessern.
»Möchtest du einmal auf die Universität?«, bohrte meine Tante weiter.
Warum ließen sich die Erwachsenen nicht mal andere Fragen einfallen? Diesseits und jenseits des Atlantiks herrschte offenbar Einmütigkeit.
»Ich würde gerne Astronaut werden«, erwiderte ich, in der Hoffnung, ein solch außergewöhnlicher Wunsch wäre imstande, das Gespräch zu beenden, aber Tante Jean zog die Augenbrauen nach oben und vergaß das Rauchen.
»Really? Wirklich? Das muss ich unbedingt Theodor sagen …«, sie stand auf und begann abzuräumen. Elisa grinste mich an, ich erinnerte mich an die gute Erziehung und half meiner Tante.
*​
Ich fror die halbe Nacht. Das Einstellen der Klimaanlage erforderte die Kenntnisse eines ausgebildeten Ingenieurs. Als ich endlich meinte, die Regeleinheit verstanden zu haben, begann ich zu schwitzen und öffnete das Fenster, was aber eine Abschaltung der Anlage zur Folge hatte. Es war zum verrückt werden. Ohne Decke, dann mit Decke und Überdecke, mit Socken, keine Chance. Gegen sechs Uhr stand ich auf, total übermüdet, den von Opa angekündigten Jetlag in den Knochen, schlich ich in die Küche und suchte Brot – aber fand nichts. Dafür in der Speisekammer drei Tiefkühltruhen voll mit Pizza, French Fries, Regale mit Konserven, weder Brot noch Butter oder Marmelade. Auf dem Boden ein Karton mit Jeans Zigaretten, mehrere Gallonen Milch und – so kam es mir vor – eine Schubkarre Cornflakes. Was tun? Das Küchenlicht ging an und Elisa stand hinter mir im Türrahmen.
»Hunger?«
Ich nickte. Sie nahm meine Hand und führte mich an die Kücheninsel, zog aus einer Schublade ein Messer, von einem abgehängten Bord über uns ein Glas hellbraune Paste.
»Schau mal im Schrank hinter dir, da ist Toastbrot, und dort«, sie zeigte auf einen Wandschrank, »ist der Toaster.« Ich holte Brot und Toaster.
»Was ist das für eine Paste?«
»Das ist Jimmy Carters Erdnussbutter«, erklärte sie grinsend. Jimmy Carters Erdnussbutter? Ich erinnerte mich an eine Befürchtung meines Vaters aus dem Frühjahr, dass die Erdnusspreise nun stiegen, weil die Amerikaner jetzt einen Erdnussfarmer als Präsidenten hätten.
»Willst du mich vereimern?«
»Nein«, sie machte ein ernstes Gesicht. »Schau!«, bat sie mich und hob das Etikett vor mein Gesicht. Carter’s Best Georgia Peanut Butter. In der Tat. Aber Carter’s best … klebte meine Mundhöhle zu. Ich bekam das Zeug nur mühsam wieder ab. Elisa beobachtete mich bei den Bemühungen und lachte. Tante Jean schlurfte in die Küche, eine Zigarette in der Hand.
»Was ist denn hier los? Könnt ihr nicht schlafen?«
Ich erklärte ihr meine Schwierigkeiten mit der Klimaanlage. Sie nickte und schob eine große Kanne unter die Kaffeemaschine.
»Elisa, erklär Heinrich später das Gerät. Und jetzt lasst mich mal ein bisschen alleine. Morgens brauche ich meine Ruhe …«
Elisa zog mich hinaus auf die Terrasse. Es war tatsächlich abgekühlt. Wir setzten uns auf die gemauerte Einfriedung der Rabatte und ich folgte Elisas Finger, wie er über die Blumenbeete zeigte.
»Hier musst du aufpassen«, sagte sie leise. »Unter den Steinen sind sehr oft Schwarze Witwen. In der Abend- und Morgendämmerung kommen sie heraus und sitzen manchmal auf den Steinen. Ich stand auf wie mit Eiswasser übergossen.
»Schwarze Witwen?!« Mein Rücken war eine einzige Gänsehaut, die Muskeln zuckten unkontrolliert. Panisch suchte ich die kleine Mauer ab. Dabei wusste ich gar nicht, nach was ich suchen sollte. Ich dachte an monströse, schwarzglänzende Spinnen.
»Wie groß sind die?!«
Elisa nahm meine Hand, bog den Daumen hoch und tippte auf meinen Nagel.
»Ungefähr so groß wie dein Daumennagel.«
»So klein?«
»Groß genug, dir ein paar schmerzhafte Stunden zu verpassen.«
Ich schluckte. »Können wir reingehen?«
Sie lachte. Sie lachte herrlich. Wir schlichen ins Haus und hockten uns vor den Fernseher. Tom jagte Jerry. Das war mir gerade recht.
*​
Das Wochenende kam und ich kannte inzwischen alle Waffen im Haus. Onkel Theodor hatte über jeden Türrahmen, beidseitig, eine Waffe aufgehängt. Alle waren geladen und schnell abnehmbar. Man kann nie wissen, betonte er und führte mir jede in Handhabung und Funktionsweise vor. Sein ganzer Stolz. Über der Haustür prangte eine Schrotflinte, Remington 870, schwärmte er, und unter seinem Kopfkissen ruhte sein Liebling, ein Colt 1911 Kaliber 45, mit einigen Schrammen. Noch aus Vietnam, sagte er mit verklärtem Blick. Ich wohnte vorübergehend in einer Waffenkammer. Als erster Höhepunkt folgte am Samstagabend wieder ein Barbecue, aber dieses Mal mit Gästen. Tante Jean fegte zwischen Garten und Küche hin und her. Alles, was an Gemüse und Kräuter dort zur Verfügung stand, wurde ins Haus getragen und von Elisa und mir nach Anweisung geschnitten. Zusammen zauberten wir zehn Salate. Ich ertappte mich immer wieder dabei, achtbeinige Untiere in Ecken oder anderen Winkeln zu suchen. Obwohl jede Tür und jedes Fenster mit Fliegennetzen geradezu perfekt abgedichtet war, ließ mir die Schwarze Witwe keine Ruhe. Elisa erzählte von ihrer Schule, Freundinnen, den Männern, die an diesem Abend kämen und quetschte mich nach Mädchen aus, mit denen ich vielleicht schon dies und das getan hätte, schwieg aber sofort, sobald sie meine Tante in der Nähe wusste. Ich schnitt mir irgendwann in den Finger und fluchte. Elisa bog sich vor Lachen und ich schüttelte den Kopf.

Dann kamen die Männer. Und wenn ich das so schreibe, dann meine ich es auch so. Es waren vier gegerbte, breitschultrige, tätowierte Bunker aus Testosteron, zwei davon mit Frauen, aber die machten den Eindruck eines Schoßhündchens; nur die lange Leine fehlte. Die einzig authentische Begrüßung war die zwischen Onkel Theodor und den Vieren. Sie umarmten sich kreisförmig, schweigend, standen so für eine Minute auf dem Vorplatz und als sich das Knäuel auflöste, sah ich einen von ihnen weinen. Still gingen sie außen herum zur Terrasse.
»Das sind sie«, flüsterte Elisa in mein Ohr und zog mich am Ärmel hinterher. Diese Innigkeit und Elisas geflüsterte Ehrfurcht machte mich stutzig. Mit was musste ich hier rechnen? Ein Geheimbund? Die Rächer der Enterbten? Opa saß schon am Tisch und Theodor stellte ihn vor. Die Vier gaben ihm die Hand und setzten sich. Elisa und ich holten die Getränke aus dem Eisschrank, Bier, Eistee, Wasser, stellten alles auf den Tisch.
»Das ist mein Neffe Heinrich aus Deutschland«, sagte Theodor und stand auf. Alle erhoben sich, musterten mich ernst und nickten. Nur einer war größer als ich. Artig gab ich allen die Hand und fragte sie nach ihrem Wohlbefinden. Aber sie blieben ernst und mir wurde mulmig zumute. Noch verwirrender war, dass Tante Jean und die beiden Frauen an einem Tisch abseits saßen und unentwegt quasselten. Elisa und ich übernahmen die Bedienung aller, und das war kein einfacher Job, denn es wurde getrunken, was die Reserven hergaben. Mit jeder Flasche lösten sich zusehends Mienen, Zungen und Gemüter. Irgendwann stellten wir eine ganze Batterie Bier und Jack Daniels auf den Tisch, inklusive eines Bottichs Eiswürfel und setzten uns dazu, denn Opa Hannes, Theodor und die vier Großen rutschten in ihre Vergangenheit ab. Ich lauschte fasziniert.

*​
Das zu beschreiben, was sie erzählten, abwechselnd sich ins Wort fallend, lachend und – ja – auch weinend, das sprengte meinen Horizont, erweiterte meine Welt um ein Vielfaches, grub sich in meine Seele, wie reißende Fluten in ausgemergelte Erde, und ich wusste, warum Elisa unter dem Tisch meine Hand nahm, immer stärker drückte, je weiter die Stunde voranschritt. Sie musste hinhören, da war ich mir sicher. Ebenso wie ich. Und sie litt. Denn um uns herum saßen fünf Männer, die über viele Jahre bei den Green Berets dienten, den Special Forces, mit Aufträgen bedacht wurden, die sie im Dschungel an der Grenze von Vietnam zu Laos oder Kambodscha auszuführen hatten, egal ob Aussicht auf Erfolg bestand oder nicht. Sie schlichen sich tief in nordvietnamesisches Gebiet, verloren Kameraden, töteten alles Lebendige in ihrem Umkreis, bildeten Montagnards aus, um diese auf den Ho-Chi-Minh-Pfad loszulassen. In ihren Worten, dem Lachen und Weinen steckte das Blut und der Tod aus Jahren an Ausweglosigkeit und letztlicher Niederlage. Sie tranken all das unter den Tisch. Ich wollte die Taten nicht hören und lauschte doch fasziniert, ich ekelte mich und hing an ihren Lippen und dem Bodycount. Wie konnten sie nur und wie konnte ich das wissen wollen? Unbedingt? Warum saß neben mir Elisa und drückte sich die Angst aus den Fingern? Theodor übersetzte das eine oder andere für Opa Hannes, und der begann irgendwann zu weinen, dann fragte ihn der Wuchtige, warum er weine, und Opa startete mit seiner Story über den Partisanenüberfall des Nachts im Spätjahr 1941, nahe der Rollbahn von Smolensk nach Moskau, und wie ihre Sturmgeschützeinheit zusammen mit einer SS-Division ein Dorf dem Erdboden gleichmachte, mit allen Lebendigen darin. Ich war mitten im Krieg, stand auf, schüttelte Elisas Hand ab und suchte einen Weg in den großen, dunklen Park. Zum Bach, der sachte plätscherte. Dann weinte ich – und spürte Elisas Hand auf meiner Schulter. Ich war drauf und dran zu explodieren. Ich ahnte, dass es Elisa ebenso ging. Diese Männer, unsere Opas, Väter, Onkel, sie übertrugen uns ein Vermächtnis, dass wir nicht tragen konnten, nicht tragen wollten, aber mussten. Wir hatten sie nicht darum gebeten; aber sie baten uns darum.
*​
Wir räumten ab. Schweigend. Elisa war still, sagte kein Wort und sah mich nicht an. Die Sonne stand schon hoch. Opa schlief noch, Onkel Theodor saß mit einem Eisbeutel auf dem Kopf vor dem Fernseher und seine Vietnam-Kumpel nächtigten in der Werkstatt auf dem Boden. Tante Jean gesellte sich mit üblicher Zigarette und der x-ten Tasse Kaffee zu uns heraus.
»Geht ein bisschen spazieren, ihr beiden. Ich mache den Rest. Vielen Dank für eure Hilfe.«
Wir nickten und zogen los. Etwa fünfzig Meter nach dem Haus wurde der Wald dichter. Aus ihm kam der Bach und an dessen kurvigem Verlauf schlenderten wir entlang.
»Heinrich?«
Sie stoppte und drehte sich.
»Elisa?«
Sie setzte sich an den Rand des Wassers und stellte die Füße hinein.
»Hat es da drin Wasserspinnen oder so?«
Elisa lächelte abwesend.
»Nein. Nur Bachkrebse. Aber die tun nix. Man kann sie essen.«
Ich setzte mich neben sie, zog die Schuhe aus und tat es ihr gleich. Wie kühl das Wasser war. In den Bäumen über uns tschilpten und keckerten unzählige Vögel.
»Zwei Mal im Jahr kommen seine Kameraden. Keiner von denen hat ein normales Leben. Nur Papa. Seine Werkstatt füllt ihn aus. Möbel schnitzen und zusammenleimen ist sein Lebenswerk. Aber die anderen vier …«
Sie schwieg und sah mich an, griff nach meiner Hand, zog sie an ihren Hals und legte ihren Kopf hinein.
»Opa hat noch nie vom Krieg erzählt«, begann sie von neuem. »Und er war ja schon fünf Mal hier. Ich wusste nicht, dass er … dass er auch …«
Wieder Stille. Eine Stille ohne Tränen. Eine unbegreifliche Stille, denn was könnten wir uns sagen?
»Ich möchte so schnell wie möglich von hier weg«, erklärte sie dann. »Verstehst du das?«
»Ja, das kann ich verstehen.«
Elisa atmete tief ein und aus, stand auf und ich folgte ihr.
*​
Ein paar Tage später saß ich am Bach, die Füße im Wasser und spähte nach diesen ominösen Bachkrebsen. Ab und zu meinte ich, ein Neunauge zu entdecken, war mir aber nicht sicher, ob es die auch in ostamerikanischen Süßgewässern gab. Opa, Elisa und Jean waren in der Stadt, Geld ausgeben. Die Tür zur Werkstatt klapperte und Onkel Theodor kam auf mich zu.
»So! Pause! Heinrich, komm mal, ich zeig dir was!«
Er stand vor einem mächtigen Baum und kramte etwas aus seiner Hosentasche hervor. Seufzend erhob ich mich und ging zu ihm, doch zehn Meter bevor ich ihn erreichte, drehte er sich wie der Blitz um und starrte mich an.
»Stopp! Nicht näher kommen. In die Hocke!«
Ich überlegte, ob er mich meinte.
»In die Hocke, Heinrich!«
Also tat ich, was er verlangte. Er trat auf Seite und zeichnete mit weißer Kreide eine Figur auf den Stamm. Im Gesicht zwei asiatisch aussehende Augen, Reisstrohhut, vor der Brust eine Maschinenpistole. Dann kam er zu mir und ging ebenfalls in die Hocke.
»Gook-Patrouille«, flüsterte er, legte den Zeigefinger auf die Lippen. An seinem Handgelenk entdeckte ich einen breiten Lederriemen, so etwas wie Taschen daran und daraus lugten drei Stahlklingen hervor. Er hob die linke Handfläche, machte eine Faust, dann zwei Finger, winkelte den Zeigefinger Richtung Baum. Ich schwieg, war mucksmäuschenstill. Was sollte ich auch sonst tun? Dann bewegte sich sein rechter Arm, formte eine schnurgerade Linie, so schnell, dass ich dieser Bewegung nicht wirklich folgen konnte. Die Stahlklingen aus dem Lederband steckten von einem Atemzug auf den nächsten im Kopf des ‚Gooks‘.
»Tot«, stellte Onkel Theodor fest. »Situation geklärt.«
Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob er sich, schlich zum Baum, zog die Messer heraus und wischte sie doch tatsächlich an seiner Hose ab.
»Hast du Durst?«, wollte er wissen. »Ist ziemlich warm. Lass uns einen Eistee trinken.«
Ich nickte und wir gingen hinein. Ich überlegte, vor wem ich mehr Angst haben sollte, vor Onkel Theodor oder den noch nicht entdeckten Schwarzen Witwen im Garten? In der Küche stellte er zwei Dosen Eistee auf die Kücheninsel und kramte aus einer Papiertüte weitere leere Dosen. Ich trank das süße Gebräu auf einen Zug leer, während er in den Weiten des Hauses verschwand und mit dem Colt 1911 wiederkam. Theodor ließ Eistee Eistee sein.
»Komm, Heinrich. Wir schießen auf Dosen.«
»Äh …«
»Nicht zögern, Private«, forderte er mich auf und ich nahm sechs der leeren Dosen mit. Draußen entnahm er das Magazin, kontrollierte den Füllstand, schob es hinein, kontrollierte, ob sich eine Patrone im Lauf befand und am Bach angekommen, stellte er sich neben mich.
»Wirf die Dosen einfach hinein.«
Noch während die letzte Dose flog, riss er die Waffe hoch und schoss drei Mal. Ich hielt mir reflexartig die Ohren zu. In zwei von ihnen entdeckte ich je ein Loch. Sie liefen voll und sanken.
»Mist! Nur zwei von drei. Ich werde alt.« Er sah mich an.
»Jetzt du.«
»Ich?«
Theodor drückte mir die Waffe in die Hand. Sie war wirklich schwer und ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie man damit ruhig zielen sollte. Er bemerkte mein Zögern.
»Zielen? Vergiss das Zielen. Was zielt, ist dein Kopf. Und wenn der das kann, tut deine Hand das Richtige. Schau die Dose an, nimm die Waffe hoch und drück ab. Es muss eine durchgehende Bewegung sein. Wenn du überlegst, bist du tot.«
Das Herz rutschte mir in die Hose, Schweiß brach aus. »Okay.« Ich fixierte die Dose, riss den Klumpen Metall hoch und drückte ab. Der Rückstoß fegte die Waffe aus meiner Hand und meinen Arm nach hinten. Glühend heißer Schmerz zuckte durch meine Schulter und ich schrie. Theodor fing den Colt auf und ich ging jammernd in die Knie.
»Na gut«, meinte er, »du hättest die Schulter nach vorne drücken müssen. Eine Linie mit Waffe, Arm … hab ich doch glatt vergessen.«
Er half mir auf und schob mich ins Haus.
*​
Die Woche über hielt ich die Schulter still und blätterte in Theodors Bücherbestand, der sich wie folgt zusammensetzte: Vietnam und Korea. Hauptsächlich Bildbände. Krieg. Am Freitagnachmittag standen Tante Jean, Elisa, Opa Hannes und Theodor auf der Terrasse und als ich aus der Küche trat, sagte mein Onkel: »Fertig, Heinrich?«
Ich wusste nicht, was er meinte, aber sie zogen mich ums Haus herum in den Van, der mit Matratzen, Schlafsäcken, einer Holzbank und jeder Menge Proviant ausgestattet war.
»Du und Elisa dürfen vorne sitzen.«
Wir fuhren los. Offenbar eine Überraschung, die mir niemand verraten wollte. Den Lebensmittelreserven nach zu urteilen, keine kurze Fahrt. Opa und Tante Jean redeten fast ausnahmslos über meine Mutter, Pforzheim, Oma, Deutschland und die RAF. Die Sonne rechts und die Straßenschilder zeigten, dass es nach Süden ging. Gegen frühen Abend erreichten wir South-Carolina, durchquerten es, dann kam die Staatsgrenze von Georgia.
»Carter’s Best Peanut Butter«, flüsterte Elisa in mein Ohr. Ich lächelte und die Nacht kam. Irgendwann döste ich ein, wachte wieder auf, wenn es ruckelte, entdeckte ein Schild, auf dem Interstate 95, Savannah 20 Meilen stand, spürte Elisas Kopf auf meiner Schulter und bemerkte ganz tief in mir drin, dass mich die Berührung ihres Kopfes freudig stimmte. Sie vertraute mir. Und ich vertraute ihr. Wie sanft sich doch diese Vertrautheit herangeschlichen hatte, ohne dass ich mir dessen bewusst wurde. Jacksonville, Florida, 92 Meilen. Opa und Tante Jean schliefen auf den Matratzen. Ich deckte Elisa und mich zu und döste weiter.
Onkel Theodor gähnte ausgiebig und laut. Daytona Beach, 2 Meilen, ein paar hundert Meter weiter thronte eine große Tafel am Straßenrand, Kennedy Space Center, 80 Meilen, Visitor Center open. Ich wurde schlagartig hellwach, ruckte hoch und Elisas Kopf rutschte herab. Ich fing ihn auf, legte ihn zurück auf meine Schulter und starrte durch die dreckige Scheibe. Onkel Theodor pfiff leise einen Song. Cape Canaveral!
*​
Kurz vor neun Uhr in der Früh fuhren wir auf den Besucherparkplatz, krabbelten stocksteif aus dem Dodge, dehnten und streckten alles, was wir an Knochen und Muskeln besaßen. Theodor legte sich in den Wagen.
»Ihr geht rein, ich muss schlafen. Mich interessiert das Weltraumzeug eh nicht.«
Aber mich! Ganz Feuer und Flamme marschierte ich los. Wir erreichten das Vorgelände und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mercury und Juno, Vanguard-Raketen, Redstone … wie in meinen Büchern. Ich lief von links nach rechts, zurück, nach vorne, einen Bogen, studierte jede Tafel, bis Opa mit der Hand winkte. Er setzte sich auf eine Bank.
»Ich laufe keinen Meter mehr. Hier, hast du Geld«, er drückte mir dreißig Dollar in die Hand.
»Geh du mit Elisa und …«, Tante Jean winkte ab. »Nichts für mich.«
… mit Elisa hinein. Wir treffen uns dort drüben im Restaurant um zwölf Uhr.«
Elisa und ich zogen von dannen, auf die große Halle zu, bezahlten den Eintritt und legten los. Die Halle der Astronauten, Porträts, die Apollo 11-Kapsel, ein Raum mit einem immens großen Triebwerk.

»Du meine Güte«, sagte Elisa und blieb stehen. »Ist das ein Triebwerk?«
»Der F1-Motor der Saturn V«, erklärte ich und bekam weiche Knie. Kurze Zeit später erreichten wir die zweite Halle. In ihr stand mein brennender Busch. Die wenigen Menschen mit uns schwiegen, nur ein paar flüsterten, alle waren wir voller Ehrfurcht für die Saturn V, die Mondrakete. Langsam und andächtig schritt Elisa mit mir das 110 Meter lange Wunderwerk ab. Nach der ersten Stufe schnappte sie meine Hand.
»Was denkst du jetzt?«, fragte sie, an der Spitze angekommen, dem Rettungsmodul. Ich musste mich setzen.
»Alles auf einmal und nichts«, gab ich ehrlich zu. Ich blickte Elisa an.
»Ich ahne, zu was wir in der Lage wären, gäbe es keine Kriege.«
Still lauschte ich ihren Worten. Sie war ebenso alt wie ich, vierzehn Jahre. Aber diese Worte hörten sich so weise und klug an, als säße ich neben einem Hundertjährigen, der schon alles gesehen und erfahren hatte. Ich verstand nicht, wie so ein enormes Stück Metall mich so zu überwältigen in der Lage war, dass ich feuchte Augen bekam, bald darauf Tränen über meine Wangen rollten und Elisa sie mit ihrem Shirt abtrocknete.
»Jetzt weiß ich gar nicht, warum ich weinen muss«, gestand ich ihr.
Sie stand auf und reichte mir die Hand.
»Vielleicht, weil wir Menschen das gebaut haben.«
Ja, dachte ich und nickte. Ich glaube, sie hat recht.
Wir waren pünktlich um zwölf Uhr im Restaurant und drückten weiche Hamburger in uns hinein, dann statteten wir dem Gatorland in Orlando noch einen Besuch ab, staunten über Alligatoren, ziemlich große Schlangen und eine Unmenge Wellensittiche. Abends fuhren wir wieder nach Norden, übernachteten im Bus auf einem Rastplatz. Die Nacht war moskitoverseucht und damit meine ich nicht, dass uns mal die eine oder andere Mücke quälte. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Am Sonntagmorgen waren wir gerädert und setzten den Weg fort.

*​
Onkel Theodor plante für das Wochenende drauf die nächste Tour, allerdings ‚um die Ecke‘, wie er sagte. Ein Freund von ihm besaß in Wrightsville Beach auf Parmele Isle ein Strandhaus. Das überließ er uns für ein paar Tage. So fuhren wir nach dem Mittagessen Richtung Atlantik. Ich freute mich auf das Meer, weil es kühlere Temperaturen versprach. Der Küste von North-Carolina ist eine ganze Inselkette vorgelagert, ein einziger, großer Strand mit tiefen Dünen und Wochenendhäusern dazwischen. Unseres war mehr als groß genug, komplett aus Holz, weiß lackiert, ein richtiges Schmuckstück. Onkel Theodor, Tante Jean und Opa Hannes machten es sich gleich zu Anfang auf der Veranda gemütlich und stellten klar, dass sie sich von dort nur noch ins Bett bewegten. Elisa und ich gingen zum Strand, legten ein großes Badetuch aus und schauten auf die Ellenbogen gestützt auf den Atlantik. Schon einige Male war ich mit meinen Eltern an Nord- oder Ostsee gewesen im Urlaub, aber das hier war etwas völlig anderes. Der Atlantik! So verheißungsvoll wie sein Name war, so mächtig dunkelgrün breitete er sich vor uns aus, über den ganzen Horizont. Auf der anderen Seite Afrika. Er sprach zu uns, durch sein behäbiges Wogen, ließ uns seine Tiefe fühlen.
»Ich geh ein bisschen schwimmen«, sagte Elisa und sprang auf. »Kommst du mit?«
»Lass mich noch etwas sitzen. Ich möchte den Anblick genießen und komme gleich nach.«
Sie grinste und rannte in die Wellen. Selten sah ich ein Mädchen, dass fast so groß war wie ich; und dann noch meine Cousine. Elisa schwamm nicht wirklich, war kaum bis zur Hüfte im Wasser, ließ sich mit den brechenden Wellen wieder zum Strand treiben, ein Handstand folgte, das obligatorische Radschlagen. Dann stand ich auf und ging zu ihr. Keine zweihundert links hatte man einen langen Pier auf unzähligen Holzstämmen ins Meer hineingebaut, eine Plattform am Ende, auf der eine Menge Angler ausharrten und auf Fische hofften. Der Sand so fein und weiß, ganz fest unter meinen Füßen, das anrollende Wasser warm, das beständige Rauschen, ich ließ mich einfach hineinfallen.
»Kannst du schwimmen, Heinrich?«
Elisa erhob sich aus der abziehenden Welle. Ich blickte zu ihr auf. Sie trat einen Schritt heran. Gegen den blauen Himmel starrend, stellte ich auf einmal fest, dass sie ungemein schön war. Mit warmer Stimme und ansteckendem Lachen. Ich erschrak vor dieser Erkenntnis und rollte in die nächste Welle. Dann sprang ich auf.
»Ja, ich kann schwimmen.«
Sie rieb das Wasser aus ihren Augen.
»Ich weiß nicht, ob ich hier ins Wasser will. Es ist so weit und endlos. Als könnte ich darin verschwinden.«
Weit und endlos. Das war es. Und durchtränkt mit einem tiefen Grün, wie es auf keinem Gemälde dieser Welt existierte. Am Horizont ein dunkles Band, sich auftürmende Wolkenberge, blendend weiß an den Spitzen, fast schwarz über dem Wasser.
»Sieht aus wie ein Gewitter«, rief sie in den Wind hinein.
Mein Bild von Elisa veränderte sich zusehends, sekündlich, mit jedem Augenaufschlag nahm meine Verwirrung zu und ich vergaß meine Angst vor der Tiefe, ließ mich ins Wasser fallen und schwamm hinaus, zwei Meter, dann zehn Meter, als wäre ich in diesen Äther hineingeboren. Kein Grund mehr unter den Füßen. Elisa winkte, ich erwiderte es und lachte. Ihr Kopf wurde ein Stück kleiner. Vielleicht war ich jetzt frei? Der Krieg kann es nicht bis in den Atlantik schaffen. Keine Träne vermochte mich hier zu erreichen. Ein starkes Kribbeln rollte durch meinen Körper und ich schloss die Augen, legte mich auf den Rücken. Weit und endlos. Über den ganzen Horizont.

Dann spürte ich den Sog. Wie eine Faust umschloss er alles Wasser und nahm mich in seine Mitte. Ein Menschlein ohne Verstand. Panisch öffnete ich die Augen und blickte mich um. Wie mit einem Motor zog mich die Strömung aufs offene Meer hinaus. Mir war, als hörte ich die kalte Tiefe rufen. Auf dem Pier erblickte ich mit allen Armen wedelnde Menschen, hüpfend, Hände zu einem Trichter geformt, aber ich hörte sie kaum. Schon war ich auf Höhe der Plattform, an die zweihundert Meter. Unmöglich. Hinter mir, nein, vor mir Afrika. Und noch etwas anderes. Auf den Kämmen der Dünung entdeckte ich die rote Masse. Rotes Wasser? In sich bewegend. Quallen! Wie ein Blitz durchzuckte mich die Erkenntnis. Faustgroße, rote Quallen! Unmengen. Bald links und rechts. Mein Startschuss. Kraulen, Heinrich, kraulen! 4 x 100 m-Staffel. Aber ohne Team! Finger zusammen, eine Linie, zwei Züge und atmen, zwei Züge und atmen, gegen den Sog. Drei Züge und atmen. Dann erkannte ich, dass es klüger war, mit der anrollenden Dünung zu schwimmen, zog immer ins Wellental und tauchte durch den Wellenberg durch, zog ins Tal, durch den nächsten Berg hindurch. Das Bild der roten Quallen in meinem Kopf. Schon an meinen Füßen. Nicht denken, Heinrich, nur ziehen! Mehr als langsam näherte ich mich dem Strand, der hüpfenden und schreienden Elisa entgegen, die bald ins Wasser rannte und mir entgegen schwamm, was ich nicht wollte, denn ich hatte noch genügend Kraft. Komm nicht her, dachte ich. Bitte nicht! Elisa kam und ich strengte mich nur noch mehr an. Dann trafen wir uns, umkreisten einander. Sie schrie ihre Angst hinaus. Ich zog sie mit mir. Bald wieder Grund unter den Füßen, es wurde flacher und wir standen auf, von der Dünung rhythmisch angehoben. Elisa weinte. Die Menschen auf dem Pier johlten, klatschten, wedelten mit Tüchern. Ich winkte zurück. Schnell aus dem Wasser. Erschöpft fielen wir aufs Badetuch und beruhigten unsere Atmung. In der Ferne rumpelte es und Wind kam auf. Ich spürte ihre Finger meine Hand suchen, sie packte zu, dann drückte sie sich auf den Ellenbogen und musterte mich lange.
»Du hättest sterben können, Heinrich.«
Ja, das hätte ich. Gewiss sogar.
»Ich weiß, Elisa. Ich weiß.«
Sie stand auf und ging durch die Dünen Richtung Haus. Ich setzte mich aufrecht und starrte auf den Atlantik, dessen Grün mehr und mehr schwand, sich unter der nähernden Wolkenbank zu einem dunklen Grau wandelte. Hin und wieder zuckten Blitze quer über den Horizont. Es donnerte. Ich packte das Badetuch zusammen und verließ den Strand.

*​
Das Wochenende lag hinter uns. Die Alkoholbestände in Theodors Haus waren dezimiert. Opa und Tante Jean zogen los, um sie aufzufüllen, noch andere Lebensmittel zu besorgen und ich lag auf der Couch, studierte ein Buch über den Koreakrieg. Elisa schlief auf dem Sessel, ihre Beine auf dem kleinen Tisch. Ich ertappte mich dabei, diese langen Beine als wunderschön anzusehen und schämte mich. Von draußen rief mich Onkel Theodor. Seufzend folgte ich seinem Ruf und staunte nicht schlecht, als ich ihn in Tarnkleidung neben einem Rhododendron entdeckte. Er hielt ein langes Etwas in der Hand.
»Heinrich! Das ist was für dich! Schau!«
Vorsichtshalber wahrte ich den Abstand. Aus seiner Tasche nahm er etwas und hielt es in die Luft.
»Ein schöner Kieselstein!«
Er ließ ein Ende von diesem Etwas los und ich erkannte darin eine Schleuder. Der Stein verschwand in einer Art Beutel und er nahm das andere Ende wieder auf. Dann begann Onkel Theodor das Ganze zu drehen. Über eine Schlaufe.
»Eine Bola«, rief er. »Benutzen die Nung.«
»Die Nung?«
Er nickte und zeigte mit der freien Hand in die Baumkrone über uns. Die Bola surrte in der Luft.
»Siehst du den Raben?«
Ich versuchte den Raben im Geäst zu entdecken. Aus dem Augenwinkel sah ich Theodor das freie Ende loslassen und der Stein flog mit irrer Geschwindigkeit in die Krone. Etwas krächzte und der schwarze Vogel fiel wie ein Stein auf den Boden. Eine Menge Federn kreiselten langsam dem Rasen entgegen.
»Eine stille, aber tödliche Waffe«, stellte Onkel Theodor fest. »Damit haben sie Charlie das Fürchten gelehrt«, erklärte er weiter. Dann streckte er sich und drückte mir im Vorbeigehen die Bola der Nung in die Hand. »Schenk ich dir. Du musst aber kräftig üben«, ordnete er an.
»Danke, Onkel Theodor. Mach ich.«
Mit einem schnellen Griff packte er den Vogel, schmiss ihn in die Mülltonne und verschwand im Haus.

Ich starrte das an, was in meiner Hand lag und fragte mich, ob es tatsächlich noch aus dieser Zeit stammte und Menschen getötet hatte. Ich schüttelte den Kopf und machte es mir am Bachufer bequem. Elisa tauchte wie aus dem Nichts neben mir auf.
»Hat er dir seine Bola gezeigt?«
Sie setzte sich, versenkte die Füße im Wasser und legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel. Ich zeigte ihr die Schleuder.
»Er hat sie mir geschenkt.«
»Das ist etwas Besonderes«, sagte sie.
»Wann ist Onkel Theodor denn aus Vietnam zurückgekommen?«
Elisa überlegte einen Moment.
»Das war 1973, mit dem Abzug der restlichen Truppen. Aber …«, sie schluckte hörbar, »ich glaube, er wäre gerne bis an sein Lebensende geblieben.«
Ich erinnerte mich an Opa Hannes.
»Du bist nicht mehr im Krieg, du wirst zum Krieg, nicht wahr?«
Elisa sah mich überrascht an.
»Wer hat das gesagt?«
»Unser Opa. In den letzten Jahren ist es besser geworden, aber als ich klein war, hatte er oft Aussetzer, schlafwandelte, erzählte mir auf langen Spaziergängen das, was wir uns am Barbecue-Abend anhörten …«
Elisa plätscherte mit den Zehen durch das klare Wasser.
»Komm, lass uns ein paar Bachkrebse suchen. Sie sind meist weiter hinten, im schattigen Wald.«
Ich nickte, stand auf. Mit den Augen auf ihren Waden, folgte ich Elisa in den Wald, gedankenverloren. Den Blick nach innen gerichtet. Da war etwas zwischen ihr und mir. Etwas Stilles und intensiver Werdendes. Das machte mir Angst. Ich sah sie nicht stehenbleiben und lief auf, hielt sie fest und stolperte über eine Wurzel. Das Gleichgewicht verlierend, fiel ich in einen Busch.
»Oh nein!«, hörte ich sie rufen. Elisa hielt sich den Mund zu.
»Was ist? Nix passiert, Elisa.«
»Doch«, erwiderte sie. »Giftefeu.« Sie zeigte auf den Busch, in dem ich lag. Hastig sprang ich auf. Kurze Hose, Hochgerutschtes T-Shirt. Ich spürte nichts. Das sollte Giftefeu sein? Diese Pflanze stand hier an vielen Stellen. Ich Trottel suchte stets nach der mir bekannten Blattform, dunkelgrün, rankend.
»Komm, Heinrich! Schnell zurück. Wir haben eine Salbe …«, schon war sie auf dem Weg. Ich trottete hinterher. Müsste das nicht sofort wirken? Wie bei Brennnesseln? Kurz vor dem Haus begann es. Und nicht nur an den Stellen, die mit der Pflanze in Kontakt kamen. Jemand entzündete in mir ein Feuer. Es setzte sich fort wie eine Zündschnur, aus den Armen und Beinen in mein Rückgrat, die Brust hinauf, in meinen Hals. Ich schaffte es nicht mehr ins Haus und setzte mich auf die Fliesen. Von einem Moment auf den anderen zitterte ich wie Espenlaub. Als säße ich mitten im Schelfeis, trotz der unzähligen Hitzenadeln in mir. Elisa, wollte ich rufen, aber es klappte nicht. Onkel Theodor kam, Opa im Schlepptau. Sie hoben mich so gut es ging hoch, zogen das zitternde Bündel ins Haus, legten es auf der Couch ab. Elisa brachte eine große Salbentube.
»Er hat eine allergische Reaktion«, stellte Theodor fest. Aber ich war mir gar nicht sicher, ob er das wirklich gesagt hatte, denn Opas Mund bewegte sich ebenso, doch hörte ich nichts. Ich war nicht mehr ich und schloss die Augen. Das Feuer und die Kälte raubten mir die Sinne, Hören und Sehen.
»… Arzt rufen …«, »… zudecken …«, … Nein! nicht zudecken …«

*​
Ich erwachte. Immer noch im Wohnzimmer, auf der Couch. Es war Nacht und lediglich ein Steckdosenlicht brachte etwas Helligkeit in den Raum. Ein Waschlumpen schob sich von hinten in mein Gesichtsfeld, legte sich auf meine Stirn. Dann erschien Elisas Gesicht. Kopf drehen, Arm heben, kein Befehl funktionierte. Aber ich hörte wieder Geräusche, hörte Elisa aufstehen und den Stuhl verschieben, neben mich. Im Augenwinkel tauchte ihre Hand auf. Sie beugte sich über mich.
»Ich schmiere dir jetzt Salbe auf die Schwellungen. Wenn du etwas merkst, dann zwinkere mit den Augen oder so.«
Elisa begann. Ab und zu spürte ich eine angenehme Kühle, wie ein dumpfes Echo, nicht wie auf meiner Haut passierend, woanders, kilometerweit entfernt.
»Du spürst noch immer nichts?«
Augenzwinkern klappte.
»Warte … und jetzt?«
Was meinte sie? Da war nichts.
Augenzwinkern.
»Ich habe meine Hand auf deinem Glied«, sagte sie. »Es schläft.«
Es war mir nicht möglich, im Boden zu versinken. Also erwiderte ich ihren sanften Blick. Was zwischen uns entstanden war, entzog sich meiner Lähmung. Ich war froh und spürte ein Auge feucht werden.
»Schlaf«, flüsterte Elisa.
*​
Ganze vier Tage war ich außer Gefecht. Und was auch immer da in mir getobt hatte, es wirkte nach. Ab und an zuckte ein Muskel, wenn ich aß oder im Bett lag, pinkelte oder am Bach das Wasser absuchte; plötzlich zitterte mein Oberschenkel, die rechte Schulter. Ich kam mir vor wie ein Teil von Galvanis Froschschenkel-Experiment. Noch etwas anderes machte mir zu schaffen: Elisas Worte verschwanden nicht mehr aus meinem Kopf. Ich empfand etwas für sie – und sie für mich. War ich verliebt? Dieses Gefühl tauchte aus den Abgründen meines Bewusstseins auf, wie ein Wal aus den Tiefen des Atlantiks, dem Licht entgegen, nach Sauerstoff sehnend. Zumindest empfand ich es als eine immense Zuneigung, wie ich sie in meinem kurzen Leben noch nicht empfunden hatte. Was tun? Mich von ihr fernhalten? Die Sehnsucht legte Baumstämme in diesen Weg. Also wendete ich mich ihr zu.

Onkel Theodor plante ein letztes Barbecue und lud einen Gast ein, der einen großen Teil des Essens mitzubringen gedachte. Opa und Theodor holten diesen Gast und seine Frau ab, die in einer abseits gelegenen Hütte in den Blue Ridge Mountains wohnten. Das hörte sich alles schon sehr seltsam an und so beschrieb Elisa diesen Gast auch: seltsam. Ebenso wie Theodor und die vier anderen bei den Special Forces, aber entweder alleine oder mit nur einem Partner unterwegs. So eine Art Einzelkämpfer. Elisa sagte, er hieße Tecumseh, und lehrte mich auch gleich, wie man es aussprach: Tiikammsie. Ein Indianer. Tante Jean lieh sich von einem Nachbar ein Auto und fuhr nach Raleigh zu ihrer Mutter, die dort in einem Seniorenheim untergebracht war, um mit ihr einen Tag in der Stadt zu verbringen, Kleiderkauf, Kaffee und Kuchen, Spaziergang, und uns trug man auf, Salate, Grill, Getränke bis sieben Uhr abends vorzubereiten, was keine besondere Schwierigkeit war. Ich zupfte Tomaten, Gurken, zog Radieschen, zwei weiße Rettiche, holte Zwiebeln aus dem Boden und ging mit dem Gitterkorb ins Haus. Elisa rief mich, als ich das Gemüse auf die Kochinsel stellte. Sie stand am Blumenbeet mit einer Unkrauthacke.
»Sollen wir mal eine Schwarze Witwe suchen?«, fragte sie grinsend.
Ich schüttelte energisch den Kopf, aber ich wusste, dass ich nachgeben würde.
»Okay«, antwortete ich mutig und trat einen Schritt zurück. Elisa drehte einen Stein nach dem anderen um. Jeder Stein eine Niete, was mich beruhigte. Unter der Nummer acht jedoch war etwas, denn sie stoppte in der Bewegung.
»Komm her, Heinrich …«
Langsam, schon eine Gänsehaut auf den Armen, schlich ich neben sie und schaute auf die feuchte Stelle, die der Stein abgedeckt hatte. In der Tat eine sehr kleine Spinne, drei Zentimeter groß, schwarz glänzend, großer Hinterkörper im Vergleich zum Rest, und an beiden Seiten scharf abgegrenzte rote Dreiecke. Es schüttelte mich.
»Bitte, leg den Stein wieder drauf …«
»Hast du wirklich eine solche Angst?«
Ich nickte und drehte mich um. Nun würde ich den ganzen Tag an dieses Vieh denken, am Abend alle Minute unter dem Tisch nachsehen … Elisas Hand legte sich auf meine Schulter. Wir gingen ins Haus. Die Magnetstreifen der zwei Fliegennetztüren klackten.

»Tut mir leid«, hörte ich sie hinter mir sagen. Ich legte die eingesammelten Gemüse ins Waschbecken und drehte das Wasser auf. Dann spürte ich Elisas Körper dicht hinter mir. Sie lehnte sich an, umschloss meine Brust mit ihren Händen und strich mit kreisenden Bewegungen über mein T-Shirt.
»Du bist schon sehr anders als die Jungs hier. Sanft und vorsichtig.«
Eine Hand rutschte in den Bund hinein und ruhte dann auf meinem Glied, das augenblicklich hart wurde. Ich musste mich umdrehen! Tat es und sah Elisa in die Augen.
»Bin ich schön?«, fragte sie unvermittelt.
»Du bist schön.«
Sie schluckte.
»Alle sagen, ich bin ein hässliches Entlein, und mein Cousin aus Deutschland sagt, ich sei schön.«
Sie ahnte meine Frage. »Viel zu groß und so kleine Brüste, zu kurze Haare«, fuhr sie fort. »Das ist nicht schön«, stellte sie fest. »Außerdem …« Sie schwieg und legte ihren Kopf an meine Schulter. »Außerdem will niemand kommen, weil sie sagen, mein Dad sei ein Spinner. Er hätte einen Schuss.«
Elisa war einsam. Wie ich. Ich bekam eine Ahnung von dem unsichtbaren Band, dass uns beide wie geschmiedet verband. Das Einsamsein. Es blieb mir nur, meine Arme ebenso um sie zu legen. Entgegen meiner Angst, entgegen all der Verbote, die es überall gab.
»Ich mag kurze Haare. Das macht dich sehr besonders«, sagte ich. »Was ist gegen groß einzuwenden? Und große oder kleine Brüste, das hat wohl nichts mit Schönheit zu tun. Oder? Man ist, was man ist.«

Kraftvoll drückte sie sich ab, packte meine Oberarme und fixierte mich mit ihren schwarzen Augen. Eine Art Feuer loderte darin, das Wasser lief immer noch, ihr Mund landete auf meinem. Ich wusste gar nicht, was ich tun sollte, doch Elisa wusste es umso besser. Ich ließ sie gewähren, tat einfach alles, was ihr Mund, ihre Zunge anstellte, so faszinierend schön war. Wie der Ruf des Atlantik, ihm nun in die Tiefe zu folgen. Langsam rutschten wir am Spülschrank abwärts, auf den Boden, küssend, mit fiebrigem Greifen die Haut des anderen streichelnd. Elisas Schoß drückte sich auf mein schmerzhaft hartes Begehren, rieb sich daran, mehr und mehr, immer fester. Plötzlich setzte ihr Atem aus und ein heftiges Zittern durchlief ihren ganzen Körper. Wir glühten vor Hitze, meine Hände waren unter Elisas Shirt, klebten auf ihrer sanften Haut. Wie von Sinnen suchte ihre Hand einen Weg in meine Hose, Knopf, Reißverschluss, kein Hindernis, griff nach meinem Glied und rieb es bis nichts mehr blieb als eine Explosion in meinem Kopf und einem Schrei, den sie mit ihren Lippen auffing. Als die Fluten sich verzogen, blieb das Band zurück. Wir sahen uns in die Augen und wussten, es ist da. Zwischen unseren Seelen. Nichts und niemand konnte es zerstören.
»Du bist wunderschön«, flüsterte sie.
»Wir beide sind es, Elisa.«

*​
Alle Salate sind mit Liebe gemacht, dachte ich. Der Gedanke gefiel mir. Trotzdem war ich froh, dass wir nicht zusammen geschlafen hatten. Denn ganz hinten in meinem Kopf hörte und spürte ich die Verbote. Das Tabu. Es war mächtig und malträtierte mein Gewissen. Wir hatten an uns gehalten, aber das würde uns vielleicht nicht immer gelingen. Deswegen war ich froh, dass wir in ein paar Tagen den Rückweg antraten – und ich war sterbensunglücklich, Elisa verlassen zu müssen. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Leben lang solche aussichtslosen Situationen durchhalten zu wollen.

Die Gäste kamen. Onkel Theodor und Opa waren voll des Lobes über unser Arrangement. Der Grill glühte, die Salate und Getränke waren auf der Kücheninsel so abgestellt, dass man sich im Vorbeigehen nehmen konnte, Blumen und Kerzen dazwischen, genug kühle Getränke. Nur Tante Jean fehlte. Und das machte Onkel Theodor Sorgen. Sie ist nicht die beste Autofahrerin, sagte er zu jedem von uns mehr als einmal und drehte Kreise im Rasen wie Dagobert Duck auf dem Teppich im Geldspeicher. Die beiden einzigen Menschen, die in der Ruhe geboren wurden, und sicher auch darin starben, waren der Indianer Tecumseh und seine Frau Nayeli. Sie sprachen nicht viel. Ich war der Grillmeister, der die besonders eingelegten Wapiti-Steaks unter seiner Aufsicht hatte. Elisa versorgte Opa und das Indianerpärchen mit Getränken und Geschichten. Gegen zehn Uhr telefonierte Onkel Theodor mit der Highway Patrol, doch es war kein Unfall gemeldet. Kurz vor Mitternacht kam sie schließlich, begrüßte uns kurz und ging ins Bett. Migräne, sagte sie. Onkel Theodor folgte ihr, kochte Tee, machte Umschläge und war bald darauf verschwunden. Ebenso Opa, dem zunehmend die Augen zufielen. Elisa und ich setzten uns auf die Bank gegenüber Tecumseh und Nayeli. Sie schwiegen, was mich nervös machte. Dann zog er aus einem Strohkorb zwei Schalen und reichte sie uns.
»Unser Geschenk«, sagte er mit sonorer Stimme. In den Schalen war eine Art gelber Pudding mit vielen schwarzen Punkten darin. Ich runzelte die Stirn.
»Was ist das?« fragte ich. Elisas Ellenbogen landete in meiner Seite. Ich sah zu ihr. Sie bedankte sich und fing an zu essen. Auf meinem Kopf juckte etwas, ich kratzte mich.
»Vielen Dank für das Geschenk«, sagte ich, nahm den Löffel und schob die erste Ladung in den Mund. Mh … süß … ein bisschen bitter und … es knirschte beim Kauen.
»Ameisen in Honig«, erklärte Tecumseh.
Ich stoppte kurz das Kauen, traute mich nicht zu schlucken.
»Ameisen in Honig?«
»Nur Freunde bekommen Ameisen in Honig«, brummte er und nickte Nayeli zu. Sie sah uns an und lächelte ein Lächeln, wie es ein hundert Jahre lang meditierender Buddhist nicht hinbekäme. Ich aß weiter, denn ich war schließlich ein Freund. Mir gegenüber saß vielleicht ein Nachfahre von Sitting Bull. Mit jedem Löffel schmeckte es besser, so vergaß ich die knirschenden Ameisen und leerte die Schale. Die beiden lächelten.

»Darf ich Sie etwas fragen, Tecumseh?«
»Natürlich.«
»Wenn Sie denken, ich sollte das nicht fragen, sagen Sie es bitte …« Er nickte. »Sie waren mit meinem Onkel in Vietnam. Ich …«, nervös fuhr ich mit dem Finger auf der Tischplatte umher. Tecumsehs Hand legte sich auf meine und blieb wie ein Briefbeschwerer auf ihr liegen. Aus ihr strömte ein Fluss an Ruhe und Kraft. »Ich … ich verstehe das Töten nicht. Verzeihen Sie. Ich verstehe den Krieg nicht. Warum? Für was?«
Elisas Hand landete unter dem Tisch auf meinem Oberschenkel. Sie krallte sich in mein Fleisch. Es tat weh. Dann schniefte sie, schluchzte los, stand auf und lief ins Dunkle. Tecumseh blickte zu Nayeli und nickte. Die erhob sich und ging Elisa nach. Dann schob er seine andere Hand auf den Tisch, die Handfläche oben. Ich verstand, legte meine hinein und er umschloss sie.
»Ich liebe meine Frau, Nayeli. Uns verbindet das Band der Liebe. Das Band des Krieges verbindet die Generationen. So bin ich verbunden mit deiner Tante. Ihr Großvater starb durch mein Volk, und mein Großvater durch ihr Volk. Es ist das, was wir Menschen tun.«
Aus seinen Augen floss schwarzes Licht. Das war es, was ich fühlte.
»Dann sind wir also verloren«, stellte ich fest.
»Nur, wenn du und Elisa es zulassen.«
Ich lehnte mich zurück. Er hielt mich ohne Anstrengung.
»Ich habe es zugelassen«, sagte er dann. »Diese Schuld ist wie ein schwerer Wagen, den ich jeden Tag hinter mir herziehe.«
»Onkel Theodor und Opa Hannes ziehen diesen Wagen bis ans Ende ihres Lebens …«
»… und noch viele andere«, beendete er meinen Satz.
Wir schwiegen eine lange Zeit. Ich vergaß, dass wir uns an den Händen hielten. Was für ein besonderer Mensch, dachte ich und war dankbar, ihm begegnet zu sein.
»Das Band zwischen Elisa und dir ist sehr stark«, flüsterte er mir plötzlich zu. Mir stockte der Atem. Dann begann ich zu weinen.

*​
Donnerstag, 11. August 1977, der Tag des Abschieds. Die Fahrt nach Raleigh war eine Qual für Elisa und mich. Onkel Theodor, Tante Jean und Opa Hannes schmiedeten Pläne für das nächste Jahr. Ich wollte an nichts denken und dachte doch an alles. War ich nun verliebt? Oder war es das Band des Krieges, dass uns verband? Waren wir nur diejenigen, die man darum bat, es sich anzuhören, zu ertragen, die darauf ihre Einsamkeit gründeten? Mehr und mehr wollte ich hier weg. Nach Hause. Auch, wenn es dort ebenso einsam war.

Ich widme den Text Yvonne.

 
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Lieber @Morphin,

ja, wieder ein Text der sich bei mir einbrennen wird, der mir an Herz geht, und Du hast das gewusst. Ich danke Dir sehr und bin unendlich gerührt.

Meine Güte, dein Leben ist so voll ... ich weiß gar nicht, ob man neidisch sein sollte oder doch eher beruhigt, dass das eigene in sanfteren Wellen daherkommt. Zarte 14 Jahre und so viel Glück im Unglück mit Flora und Fauna und Atlantik, was an Eindrücken und bleibenden Erinnerungen ja eigentlich ausreichend sein sollte, aber dazu die seelischen Erlebnisse, die Kriegsveteranen mit ihren Kriegsgeschichten, der Onkel, der noch immer nicht ganz wieder aus dem Krieg Daheim angekommen ist, dazu das Kontrastprogramm der ersten Liebe, das muss die pure Achterbahn für einen Pubertierenden sein, der eh schon seine Tage in der Hormon-Berg-und Talbahn verbringt. Ein Glück, man denkt in der Jugend noch nicht so viel drüber nach. Ich glaub, die selben Erlebnisse mit 40+ und man kommt völlig gestresst aus dem Urlaub zurück, weil man gar nicht weiß wohin mit all dem, weil man es nicht so schnell in Schubladen ablegen kann, wie es einem früher möglich war.

Zur Geschichte selbst, die ist rund, die fließt, ich war ganz bei deinem Heinrich und seinen Verwirrungen. Nur eine Frage blieb am Ende bei mir offen. Wie kam der deutsche Onkel nach Vietnam? Nicht, dass es eine Bedeutung für den Text hätte, nur ist es doch eher ungewöhnlich und von daher natürlich spannend zu erfahren.
Ja, da werden in einer Sommernacht Erinnerungen ausgetauscht, man hält sich aneinander fest, arbeitet auf, verarbeitet, und da sitzen noch zwei "Kids" mit am Tisch, die man mit vor den Karren spannt, als Mitwisser gewissermaßen, die ab jetzt daran mitziehen.
Mein Onkel hat Menschen getötet. Vorsätzlich.
Mein Opa hat Menschen getötet. Absichtlich.
Der selbe Onkel, der für einen die Steaks grillt. Der Opa, auf dessen Schoß man gesessen hat. Zwei Hälften eine Fotos, die nicht zusammenpassen und doch zusammen gehören.
Da sind die Waffen, die Gleichgültigkeit des Onkels beim Töten des Vogels, die Kriegsgeschichten und dagegen die Hitze der ersten Liebe mit all dem Schönen, was sie zu bieten hat. Aber da auch diese Gefühle bisher unbekannt. Und dann ist es die Cousine, Familie. darf man das? Tut man das? Das Ende vor Augen, die Tage von vornherein abgezählt und damit auch das Wissen um die Trennung, die nur um so schmerzhafter wird, je mehr man sich seinen Gefühlen hingibt. Es gibt unglaublich viele emotionale Linien, die sich durch die Geschichte fädeln, die im ganzen ein Netz weben, in dem man nur wie ein Fisch zappeln kann. Auch nicht zu unterschätzen dieses Amerika! - dieses unendliche Land das man nur schwer fassen kann, weil alles so groß und unendlich ist - auch noch eine Schippe an Eindrücken, die das Hirn schlicht überfordern. Zumindest ging es mir so, als ich mit 25 dort landete. Und mit dieser kleinen Episode will ich meinen Kommentar dann auch schließen.
Wir besuchten meinen Schwager und meine Schwägerin - für mich war es der Familien-TÜV - die damals in Arizona lebten. Mein 25. Geburtstag fiel in diese Zeit und ich wünschte mir, ohne Helm und auf einer Harley diesen Tag zu feiern. Das durfte man da. Fahren ohne Helm. Aber im Verkehr - dafür war ich zu deutsch, also suchte Tom mir eine schöne Wüste aus, wo ich auch ganz ohne Straße rumcrusen konnte. Wir reservierten bei einem Verleih eine Maschine für mich, tatsächlich eine Harley und dann regnete es den ganzen Tag, wo es die Wochen zuvor einfach nur heiß war, Sonne satt. Am nächsten Tag ging unser Rückflug. Ein völliger Kitschtraum, den ich mir erfüllen wollte und den ich mit zurück nach Deutschland nahm. Heute denke ich darüber mit einem Lächeln, eben weil er so furchtbar kitschig war, das Bild der schmalen Frau auf der großen Maschine, mit offenen, langen Haaren, die der Wind zerzaust und wo man anschließend Stunden braucht, sie wieder durchzubürsten. Aber dieses Bild ... :D Na ja, vielleicht erfülle ich mir diesen Traum mit 65 oder 70. Mit so einem altersweisen Lächeln , weil totaler Kitsch, aber weißte noch? Früher ...

Sehr, sehr gern gelesen. Wirklich schön!
Liebe Grüße, Fliege

 
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“She comes on like a rose,
But everybody knows,
She get you and such.
You can look but you better not touch!
...“
Poison Ivy, The Coasters​

»Zielen? Vergiss das Zielen. Was zielt, ist dein Kopf. Und wenn der das kann, tut deine Hand das Richtige. Schau die Dose an, nimm die Waffe hoch und drück ab. Es muss eine durchgehende Bewegung sein. Wenn du überlegst, bist du tot.«
...
»Na gut«, meinte er, »du hättest die Schulter nach vorne drücken müssen. Eine Linie mit Waffe, Arm … hab ich doch glatt vergessen.«
Er half mir auf und schob mich ins Haus.

Seltsames Gefühl, die Helden meiner Jugendzeit Tecumseh (natürlich den Shawnee) und Sitting Bull (Lakota, natürlich nicht Vater Tecumsehs, nicht nur aus der zeitlichen Differenz heraus) zu lesen und die versöhnlichen Worte Tecumsehs zum Völkermord durch die übermächtige Zahl der Kolonisatoren zu lesen, und noch seltsamer, an die einzige Begegnung mit dem Patenonkel „aus Amerika“ (der Richard in meinen Vornamen erinnert daran) Ende der 1960er im Kreise der gesamten Verwandtschaft mütterlicherseits, als der langhaarige, unrasierte Affe und Gammler des-Wirtschaftswunder-Erhardts verspätet und in wenig feierlicher Kleidung die feierliche Lokalität pietätlos betrat und als erstes den fremden Onkel „Castro-Anhänger“ knurren hörte …

Irgendwie wirkten meine Altvorderen solidarisch mit mir – der Onkel aus Amerika wurde nie mehr erwähnt und ich hab nach der Lektüre der letzten Chomsky-Veröffentlichungen (nebst Blättern für deutsche und internationale Politik) auch kein Interesse an Kontakt zu amerikanisierter Verwandtschaft – was nix zu Deinen Erfahrungen bedeutet – die Wirkung Deines Epos lässt mich aber fragen, wie etwa der 30jährige Kriege sich aufs Verhalten der Überlebenden auswirkte und an die Nachkommen weitergegeben wird. Ich neig ja dazu, beide Weltkriege zu einem zwoten 30jährigen Krieg (1914 – 1945) zusammenzufassen. Auch eine Art Band a) des Imperialismus und b) des Obsiegens des Kapitalismus und der Tendenz zur Monopolisierung in seiner höchsten Form als Volksrepublik, es ist eben nicht das gleiche, ob hinter Werks- und Verwaltungsmauern Demokratie nur ein Wort ist, als auch vor eben den Mauern.

Dabei blend ich natürlich Völker aus, die scheinbar der ursprünglichen Lebensform am nächsten kommen. Die Verwendung von Feuer und Waffe schafft das entscheidende Ungleichgewicht zwischen Natur und ihren bearbeiteten Variationen der Kulturen (ein bisschen schimmert es hier in Deiner großartigen Erzählung über die Nung durch, wie ja auch nicht zufällig das Pferd von den Conquistadores auf den neuen Kontinent zurückkehrte und die bis dahin noch nicht wiederlegte Tendenz des kulturellen Fortschritts durchbrach: Bauernvölker wurden wieder Jäger und Sammler ...)

Aber,

lieber Morphin,

ich bin zunächst mal erschlagen …

und doch einige wenige Flüsken

Mein Zeitgefühl war komplett im EimerKOMMA als wir endlich Greenville erreichten.
...
AllesKOMMA was an Gemüse und Kräuter dort zur Verfügung stand, wurde ins Haus getragen und von Elisa und mir nach Anweisung geschnitten.

»Das ist mein Neffe Heinrich, aus Deutschland«, sagte Theodor und stand auf.
Erstes Komma weg!

Diese Männer, unsere Opas, Väter, Onkels, sie übertrugen uns ein Vermächtnis, dass wir nicht tragen konnten, nicht tragen wollten, aber mussten. Wir hatten sie nicht darum gebeten; aber sie baten uns darum.
„Onkels“, eigentlich – neben umgangssprachlicher Entgleisung – nur der Genitv, korrekt, soweit ich weiß, wie beim Möbel, der + die Onkel, ähnlich der/die Kumpel (als Ruhrpöttler weiß ich aber, wie nicht nur bei Bergleuten gesprochen wurde/wird ...
Die Sonne stand schon hoch. Opa schlief noch, Onkel Theodor saß mit einem Eisbeutel auf dem Kopf vor dem Fernseher und seine Vietnam-Kumpels nächtigten in der Werkstatt auf dem Boden.

Wie dem auch wird - et juckt mich schon widda inne birne und inne Fingers ...

Tschüss und schönen Restsonntag (hier scheint sogar die Sonne, da muss ich itzo raus ...

Friedel

 
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Oh, @Fliege, was ein langer Kommentar. Danke fürs Lesen und Kommentieren. Zu der Frage des Wie. Heirat eines amerikanischen Staatsbürgers, dann Einbürgerung. Damals sog die amerikanische Wirtschaft eine Menge Leute auf, das war ihre absolute Boomzeit, nach dem 2. WK. Mit der Einbürgerung hast du dann auch das Recht auf die Armee.

Ich war später noch einmal dort, bin aber nie mit den ... Umständen, will ich mal sagen ... warm geworden. Die Landschaft ist sehr beeindruckend, aber ich bekomme wohl "good ol' europe" nicht aus meinem Inneren. Da bin ich schon tief verwurzelt. Aber ich kann verstehen, dass es Menschen da hin zieht. Nachdem mein Onkel tot war, ist meine Tante nach Florida gezogen. Temperaturmäßig absolut nicht mein Fall - und die Schwüle ... meine Herren.

Der Moment in der Ausstellungshalle mit der Saturn V, das war jedoch ein Einschlag mit lebenslanger Wirkung. Das merke ich heute immer wieder.

Aber nichtsdestotrotz, diesen Traum solltest du dir erfüllen. Die Route 66 gibt es in dieser Form zwar nicht mehr, nur noch teilweise, aber durchs Land zu fahren ist schon großartig. Es hört einfach nicht auf.

Grüße
Morphin


Moin @Friedrichard, alter Castro-Fan, besten Dank fürs Lesen und Kommentieren und die Fehler habe ich sogleich ausgebessert. Ich hoffe, du hast die Sonne genutzt ... das hört sich nach einer interessanten, beschreibbaren Zusammenkunft an, Ende der 60er, mit Gammelbart und US-Onkel. Da kömmt noch was, oder? Die These, dass 1. WK + 2. WK mit all den Brüchen dazwischen als 2. 30jähriger zu betrachten sei, habe ich schon mal wo gelesen. Ich komme aber nicht mehr drauf, wo das war ...

Und zumindest die Auswirkungen des 1518 - 1548 sind ja in Lied, Sprache, Bauweise von Dörfern noch gut tu erkennen. Aber auch politischen Ergebnissen, die noch Teile des Westfälischen Friedens in sich tragen, die UNO-Charta etc.

Eine schöne Woche wünsche ich allen
Morphin

 
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Hi @Morphin ,
tolle Geschichte! Ist dann auch völlig egal, dass es eine sehr lange Kurzgeschichte ist. Auch wie die Themen komponiert sind, sich am Ende treffen, zusammen gehören und ein rundes Bild ergeben, ist beeindruckend. Die kleine erste Liebesgeschichte mit der Cousine ist schön erzählt, und dass sie an den gleichen Themen mit ihrem Vater und ihrem Opa leiden und das Band zwischen ihnen auch deshalb entsteht, weil sie ähnlich empfinden. Sie ist dem wahrscheinlich noch viel stärker ausgesetzt, weil alltäglicher, doch er erlebt es nun mit seinem Onkel und seinen Kriegsveteranen-Freunden selbst sehr dicht. Auch der Schluss mit den Indianern. Das hast du wirklich so erlebt? So weise hat er gesprochen? Toll.
Da erinnere ich mich auch an die Gespräche mit meinem Opa. Auch er hat immer verherrlichend vom Krieg gesprochen. Meine Mutter und ihre Geschwister haben ihn immer sehr schnell abgewürgt, weil sie das nicht mehr hören konnten und wollten. Er hat ja auch nur davon erzählt, wie er in Sibirien gelitten hat in der Gefangenschaft und wie sie verbannten adligen Frauen zu Weihnachten Kämme aus Holz geschnitzt haben und die Frauen weinten, als sie die geschenkt bekamen. Auch, wie er mal fast erfroren wäre und es ein schöner Tod sei, zu erfrieren... Ich habe ihn manchmal danach gefragt, als Jugendliche auch provozierend. Ob er denn keine Kinder oder Frauen umgebracht hätte. Das verneinte er und wollte dann nicht weiterreden. Auch ich war dann wütend auf ihn, warum er den Krieg in seiner Erinnerung so verklärte, wo er doch selbst unter ihm gelitten hatte... Aber wahrscheinlich kamen sie nur so damit klar, indem sie alles, was ihre Seelen fast umgebracht hätte, vergaßen. Auf den erlittenen körperlichen Schmerz konnte man im Nachhinein ja stolz sein, auch auf die eigene Geschicklichkeit... Mit solchen Erinnerungen konnte man eben weiterleben, mit anderen nicht... Danke für diese Geschichte.

Trotzdem habe ich auch drei winzige Verbesserungsvorschläge, nämlich ganz am Anfang und auch nur dort. Dieser erste Absatz, hm. Er klingt anders als der Rest.

Meine kleine Geschichte beginnt an einem Tag, den ich aufgrund seines Datums nicht vergesse, dem 7.7.77, der erste Sommerferientag im beschaulichen Nordrhein-Westfalen.

Das mit dem Datum ist schön, das beschauliche Nordrhein-Westfahlen gefällt mir nicht. Es klingt, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, kitschig? überflüssig?, schwatzhaft?. Ich fände den Satz viel besser so:
"Meine kleine Geschichte beginnt an einem Tag, den ich aufgrund seines Datums nicht vergesse, dem 7.7.77, meinem ersten Ferientag in diesem Sommer."
Auch diesen folgenden Satz finde ich nicht optimal, irgendwie umständlich.
Und anstatt, wie üblich, meine Oma mitzunehmen, die gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, ließ er kurzerhand das Flugticket umschreiben auf mich, den Sohn seiner zweiten Tochter, und mit der Erlaubnis meiner Eltern flogen wir an diesem Tag von Frankfurt nach New York.
Es muss ja etwas überraschend gekommen sein, dass die Oma nicht mehr mitkonnte, denn das Ticket war ja ursprünglich auf sie gebucht worden. Deine Formulierung klingt aber so, als wäre das schon lange absehbar gewesen und das Ticket sei eine Art Dauerticket gewesen.
Vorschlag: "Da meine Oma nun allerdings gesundheitlich dazu nicht in der Lage war, ließ er ihr Flugticket kurzerhand auf mich umschreiben, den Sohn seiner zweiten Tochter. Ich war 14 und mit der Erlaubnis meiner Eltern flog ich an diesem Tag mit ihm zusammen von Frankfurt nach New York."
Wir fuhren Richtung Terminal und standen schließlich mit unseren Koffern vor zwei Menschen, die ich bestenfalls einmal auf einem Foto erklärt bekam.
Es müsste bekommen hatte heißen, weil es ja vorher passiert ist.
Besser fände ich noch gesehen und erklärt bekommen hatte.

Herzliche Grüße,
Palawan

 
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Moin @Palawan,

besten Dank fürs Lesen, Kommentar und deine Gedanken dazu. Wie tief es doch sitzt, das Band ... auch in deiner Familie. Was gäbe es da noch alles zu schreiben. Kunst reflektiert das Geschehen, das Geschehene oder Kommende. Die inneren Welten drängen nach draußen.

Deine Änderungen habe ich eingearbeitet. Danke dafür. Und der Indianer ist mir bis heute sehr präsent im Gedächtnis. In irgendeinem von Mutters Alben ist auf jeden Fall noch ein Foto von ihm vor dem Haus meines Onkels. Allerdings existiert die Familie schon lange nicht mehr. Tot und ansonsten unbekannt verzogen.

Die Frage ist eben für jede:n - was machst du mit deinen Erinnerungen? Da gibt es die schöne neue Geschichte von @Nichtgeburtstagskind, die diesen "Rucksack", den man mit sich trägt, mit einem Text bedacht hat.

Es freut mich, dass ich dir eine Leseerlebnis geben konnte.

Grüße
Morphin

 
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Hey Morphin,
Danke für diese besondere Geschichte! Ich verfolge Heinrich ja nun schon ein kleines Weilchen; seine Familie, die Schwingungen der Vergangenheit und den allgemeinen individuellen Wahnsinn des Aufwachsens. Aber diesmal hat's mich echt umgehauen, das kann ich nicht eleganter sagen. Was ich in allen Fällen bewundere, ist deine Fähigkeit, aus dem Wust des Erlebten die Geschichte zu destillieren. Was hier noch dazukommt, ist die Verbindung der Motive: aus der Natur, aus dem Krieg, verwoben mit ersten erotischen Erlebnissen eines Teenagers.
Und ohne einen direkten Ausweg aus der Logik der Krieges aufzuzeigen, lässt du doch Momente von echter Begegnung lebendig werden. Sehr fein, sehr menschlich.
Vielen Dank dafür. Was mir auch gefällt, ist der merkwürdige Einstieg in die Geschichte, fast ein bisschen märchenonkelhaft: ich möchte diese Geschichte erzählen - und dann ist es so gar kein Märchenonkelmärchen. Ein Absatz, wie ein kleines Vorzimmer zur eigentlichen Geschichte. Ich denke, wenn der Leser Gast eines Textes ist, dann ist Schreiben vielleicht auch ein Akt von Gastfreundschaft. Und ich habe mich da sehr eingeladen gefühlt.
Dir ein feines Wochenende
Placidus

 
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Salut @Placidus,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren und DIESE Eingebung:

Ich denke, wenn der Leser Gast eines Textes ist, dann ist Schreiben vielleicht auch ein Akt von Gastfreundschaft.
Das ist ein wahrlich schöner Gedanke, eine sehr angenehme Sichtweise. Muss ich mir unbedingt merken. Was man erlebt hat, bleibt oftmals lange im Hintergrund und hat offensichtlich keine direkten Auswirkungen auf das aktuelle Leben und Erleben. Aber je mehr man sich davon entfernt, desto eindringlicher wird es. So geht es zumindest mir. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft dieser ablandigen Strömung so richtig beschrieben habe, aber der Moment, indem klar ist, dass es Kräfte gibt, denen man nur kurz etwas entgegensetzen kann, bevor es zu spät ist, schockiert. Ich bin mir nicht sicher, was passiert wäre ohne diese roten Quallen hinter mir. Deren Gefahr war viel unmittelbarer als dieser unheimliche Sog. Später erfuhr ich, dass es eine Abbruchkante gibt und diese Strömung ein Teil des Golfstromes ist, der das Wasser mitreißt. Irgendwann taucht man einfach unter und ward nie mehr gesehen. Man fühlt Ehrfurcht, anders kann man es wohl nicht sagen. Man ist klein, und weiß es nun.

Schöne Pfingsten dir
Morphin

 

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