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Dem Tod ist es egal

Wortkrieger-Team
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10.02.2000
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Anmerkungen zum Text

Eine alte Geschichte, die ich runderneuert habe.

Dem Tod ist es egal

Die Tür fiel ins Schloss und der Wind versuchte sie wieder aufzudrücken. Den Riegel hatte er schon wieder vergessen zu reparieren. Na, das mach ich morgen, dachte er und ging in die Küche.
»Hallo, Vati«, begrüßte ihn der älteste der drei Jungs, die alle am Tisch saßen und Grießbrei aßen.
»Hallo, Jungs. Wart ihr heute artig? Habt ihr eurer Mutti geholfen?«
Lottmann hängte seine Dienstmütze über den Haken an der Küchentür. Dotti stand vor der Spüle und mühte sich mit einem Hasen ab. Sie schien ihren Mann nicht zu bemerken. Der legte einen Finger an seinen Mund und deutete den Söhnen an, still zu sein. Dann schlich er sich an seine Frau heran und langte ihr um den enormen Bauch. Sie erschrak leicht.
»Welcher Monat?«, fragte er.
Sie drehte den Kopf zu ihm, doch mehr als ein kurzer Begrüßungskuss wurde es nicht.
»Siebter. Aber das weißt du doch. Nun frag nicht jeden Tag. Davon kommt das Lütte auch nicht schneller.«
Lottmann grinste und zog seine Dienstjacke aus. Dabei entdeckte er einen Fleck unter dem Ärmel.
»Dotti …«, er hielt die Jacke hoch. »Da ist ein Fleck. Wirst du den wieder raus bekommen?«
Sie schaute drauf. Der Hase entglitt ihren Fingern und rutschte ins Waschbecken. Da lag er. Gehäutet, die Zunge schaute aus dem spitzen Maul.
»Oh Willi, nenn mich nicht ‚Dotti‘! Leg die Jacke auf das Bügelbrett in der Stube. Mit Salz krieg ich das wieder raus.«
Lottmann drehte sich um und sie rief ihm hinterher.
»Hör mal, Willi. Das Türschloss ist schon seit zwei Wochen kaputt. Wann reparierst du es denn nun? Wenn Wind geht, klappert das den ganzen Tag. Und das macht mich verrückt.«
»Morgen. Morgen ist Sonnabend. Da werde ich die Tür reparieren.«

Er brachte die Jacke in die Stube und schaute aus dem Fenster. Draußen wehte es ordentlich. Der Sommer wollte nicht so recht kommen. Plötzlich fiel ihm auf, dass er sein Töchterchen gar nicht gesehen hatte in der Küche. Ein kurzer Schreck durchfuhr ihn, aber er beruhigte sich schnell. Dotti hätte es ihm natürlich sofort gesagt, wenn was passiert wäre. Nein, sie war vielleicht bei den Schwiegereltern. Oder drüben bei Leysers. Die hatten ja auch einen Kleinen. Er fuhr sich mit seinen Händen übers Gesicht und dann durch seine Haare. Der Tag war anstrengend gewesen. Ein wenig in Gedanken versunken, hörte er die Wanduhr nicht sofort. Sein Ältester kam nach einiger Zeit in die Stube.
»Vati, kommst du zum Essen?«
Wilhelm Lottmann war stolz auf seine Söhne.
»Ja, Dietmar, ich komme. Was wird es denn wohl geben heute?«
»Pfannkuchen«, sagte Dietmar.
Sie gingen in die Küche und setzten sich an den Tisch. Lottmann fuhr seinem Zweitältesten über die Haare.
»Dotti, hat sich Ludwig heute nicht gekämmt? Du müsstest ihm auch mal wieder die Haare schneiden. Hast du gehört, Dotti?«
Er beobachtete, wie seine Frau den großen Küchenherd öffnete. Sofort ergoss sich eine ungeheure Wärme in den Raum. Ist gut, der neue Schamottofen, dachte er. Dotti hatte einen Teller voller Pfannkuchen in der Hand und stellte ihn auf den Tisch.

»Der Ludwig hat sich heute mit dem Petersen geprügelt. Wenn Dietmar nicht geholfen hätte, wäre es bös ausgegangen«, sagte sie. Lottmann nahm sich von den Pfannkuchen gleich drei Stück auf den Teller. Dann langten sich die Söhne und zu guter Letzt Dotti.
»Ich werde ihm morgen die Haare schneiden. Bei ihm sieht man mehr die Unordnung, weil er der einzige ist mit dunklen Haaren. Die anderen Lütten sind ja alle blond.«
»Nun lass man gut sein mit der Haarfarbe. Ich hab auch dunkle Haare. Hat er sie wohl von mir.«
In der Küche wurde es fast still. Wie immer, wenn es gut schmeckte. Als Lottmann mit seinem zweiten Pfannkuchen fertig war, schaute er in die Runde.
»Wo ist Swantje?«
»Drüben, bei den Leysers. Sie hat wieder so geschrien und ich war mit meinen Nerven am Ende. Mutter Leyser hat sie mir abgenommen. Die kann gut mit Kindern.«
Wilhelm Lottmann sah seine Frau an. Er wusste nicht genau, was er davon halten sollte.
»Warum gehst Du nicht mal zum Arzt mit ihr? Ist vielleicht doch nicht nur eine Grippe, wie du meintest. Umsonst schreit man doch nicht. Oder?«
Dotti schaute zur Spüle. Dort lag der Hase und blutete vollends aus.
»Ach was … die Lütte hat nur einen Dickkopf. Die ist wie Rudolf.«
Wilhelm Lottmann schaute auf seinen dritten Sohn. Der war seit Februar nun vier Jahre und er stopfte sich die Pfannkuchen in den Mund, dass es eine wahre Pracht war.
»Vati! So darf man nicht essen«, ereiferte sich Dietmar und schon gab es einen Klaps auf den Hinterkopf vom kleinen Rudolf.
»Benimm dich anständig, Rudolf. Setz dich gerade hin und nimm nur ein kleines Stück in den Mund. Dann fällt auch nichts heraus.«
Rudolf nickte. Er schluckte die Pfannkuchenstücke runter und fragte:
»Vati? Bin ich wie Swantje? Ich will nicht wie Swantje sein.«
Wilhelm Lottmann blickte den kleinen Rudolf verdutzt an. Dann lachte er.
»Keine Angst, mein Junge. Du bist der Rudolf. Nimm dir noch einen Pfannkuchen, dann wirst du groß und stark, und das mit dem Dickkopf kannst du später mal gut gebrauchen.«
»Wilhelm, sag so was nicht zu den Jungs. Nun haben sie in der Schule einen Dickkopf und erzählen dem Lehrer, das ist gut, so einen Dickkopf zu haben, weil ihr Vati das gesagt hat.«
»Der Lehrer soll es wagen, sie deswegen zu rügen«, warf Lottmann ihr entgegen. »Dann bekommt er es aber mit mir zu tun.«
Dotti schaute auf den Tisch und die nun leeren Teller. Wie in Gedanken begann sie abzuräumen und meinte:
»Ja, da hast du wohl recht.«
Wilhelm Lottmann stand auf und wusch sich die Hände im zweiten Spülbecken. Aus dem anderen Becken blickte ihn der Hase an.
»Sag mal, Dotti, wo hast du den Hasen her? Ist der für Sonntag?«
»Ja, Sonntag ist doch Oma Lohrs Geburtstag. Hab ich von Astmann bekommen. Der hat doch hinterm Haus einen ganzen Stall voll Hasen.«
Wie ein Schlag durchfuhr es Lottmann. Der Geburtstag der Schwiegermutter. Am Sonntag. Und heute war Freitag. Ein tiefer Seufzer kam aus seinem Mund.
»Herrje. Das hab ich doch wirklich vergessen.«
Er trocknete sich die Hände ab und stand kopfschüttelnd vor dem Becken.
»Wilhelm, Wilhelm«, schimpfte Dotti, »so was vergisst du wirklich gerne. Lass mich mal da ran. Ich muss den Hasen jetzt in Lake legen.«
»Ich geh rüber zu Leysers und hol Swantje.«
»Tu das. Und ihr Jungs macht euch fertig fürs Bett.«
Lottmann verließ das Haus. Geburtstag von Oma Lohrs. Am Sonntag. Gab es eine Möglichkeit, sich davor zu drücken? Ein Sonderdienst womöglich? Aber nein, wer sollte den auch einberufen, wenn nicht er selbst.

~​

Zu Leysers waren es nur zehn Meter. Es war direkt das Haus nebenan. Die Siedlung war in Reihe gebaut, und man erreichte von der Straße über einen Fußweg jeweils zwei Häuser links und zwei rechts. Lottmann klopfte an der Tür. Alma, die Tochter, öffnete. Sie hatte selbst schon einen Sohn. Ihr Mann war bei den Marinefliegern an der pommerschen Ostseeküste stationiert gewesen, aber seit 1942 als vermisst gemeldet.
»Heil Hitler, Alma. Ist deine Mutter da? Ich will nur Swantje holen.«
»Guten Tag, Herr Lottmann. Ich hole sie gleich. Moment.«
Alma sieht sehr schlecht aus, dachte Lottmann. Zuerst hatte man ihren Mann über Frankreich abgeschossen. Weit hinter der Front. Dort wurde er brutal zusammengeschlagen. Ein Schädelbruch war ihm geblieben. In Rennes wurde er von einem deutschen Entsatzkommando im Krankenhaus gefunden. Halbtot. Diese Franzosen. Keinen Sinn für Ehre und Tugend. Er kam in ein Lazarett nach Darmstadt und dann zur Kur nach Österreich. Und dann …
»Ah, Herr Lottmann, einen schönen guten Abend.«
Lottmann wurde aus seinen Gedanken gerissen. Er sah Frau Leyser vor sich und die hatte seine kleine Swantje auf dem Arm. Sie schlief. Lottmann nahm sie an sich. Alma legte ihr die wollene Decke um, die sie dabei hatte.
»Sie hat Fieber, Herr Lottmann«, sagte Frau Leyser ganz sachte. »Sie sollten zu einem Kinderarzt gehen.«
»Haben Sie vielen Dank, Frau Leyser. Ich werde es meiner Frau ausrichten. Haben Sie das Fieber denn gemessen?«
»Vor einer Stunde waren es 40 Grad unter dem Arm. Dazu noch einen halben Grad für die Achselhöhle. Das ist auf Dauer zu viel für so ein kleines Ding.«
Lottmann schaute auf sein Töchterchen. Sie hatte rote Backen. Ihr ganzes Gesicht schien zu glühen. Lottmann verabschiedete sich dankend und ging vorsichtig zurück. Es führte kein Weg dran vorbei. Swantje musste zu einem Arzt.

~​

»Sag den Jungs noch gute Nacht, Vati.«
»Ist gut.«
Lottmann ging zu seinen Söhnen ins Zimmer und versuchte streng dreinzublicken, aber es gelang ihm nur kurz. Ludwig hatte Dietmar mit dem Kopfkissen den Kampf erklärt. Dietmar war der ältere, aber nur einen halben Kopf größer als Ludwig. Und Ludwig war kräftig. Der kleine Rudolf saß in seinem Bett und beobachtete das Treiben mit herzhaftem Lachen. Lottmann ließ einen strengen Ruf los.
»Genug jetzt! Sind wir denn auf dem Jahrmarkt?!«
Sofort sprangen die Jungs ins Bett und verkrochen sich unter der Wolldecke. Lottmann musste unwillkürlich lächeln. Wie stolz war er doch auf die Rasselbande.
»Ihr werdet schon früh genug zum Kämpfen kommen, ihr Rabauken. Und nun will ich nichts mehr hören. Morgen werde ich das Türschloss reparieren. Da werdet ihr mir helfen. Und jetzt: Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Vati«, antworteten sie wie aus einem Mund.
»Einen Kuss, Vati«, beschwerte sich der kleine Rudolf. Lottmann gab jedem einen Gutenachtkuss. Er zog noch einmal den Vorhang zurecht. Durch den kleinen Spalt sah er, wie der Wind stärker wurde. Das Regenwetter wollte einfach nicht aufhören. Es war viel zu kalt für Ende Mai. Er schloss sachte die Tür und ging in die Stube. Dotti hatte die kleine Swantje auf dem Arm. Sie schlief noch immer. Das arme kleine Ding, dachte Lottmann. Wie erschöpft musste sie sein. So ging es nicht weiter. Lottmann setzte sich auf das Canapé.

»Dotti … so geht das nicht weiter mit Swantje. Sie ist krank. Du gehst mit ihr zum Arzt. Morgen schon. Ich werde einen Wagen bringen lassen.«
Seine Frau schaute ihn mit gereiztem Blick an.
»Hat das die Leyser gesagt?«
»Dotti, die Kleine hat Fieber. Fieber bekommt man nicht umsonst. Du weißt gar nicht, was sie hat. Das muss der Arzt sich anschauen.«
Fast aufbäumend hob seine Frau die Kleine hoch, ihm entgegen. Dotti zitterte.
»Hier, schau sie dir an! Sie hat mich meine letzten Nerven gekostet! Den ganzen Tag geschrien! Geschrien und geweint. Seit ein paar Tagen geht das so. Sie hat einfach nicht gehört! Einfach nicht gehört, was ich gesagt habe. Und wie die Jungs da rumsprangen und tobten, und ich sollte alles vorbereiten für den Geburtstag, da konnte ich einfach nicht mehr … «, ihre Stimme senkte sich, wie ihr Kopf, sie schaute auf den Boden. »Da hatte sie heut Mittag so geschrien, da sind mir die Nerven durch, da hab ich …«, ihre Stimme versagte. Lottmann schnürte es die Kehle zu.
»Da hast du was?!«
Dottis Stimme war kaum hörbar.
»Da hab ich sie unter kalt Wasser gehalten. Bis sie dann aufgehört hat. Das kannst du dir nicht vorstellen, wie das für mich war.« Ihr Blick traf den ihres Mannes. Lottmann starrte sie schweigend an. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Eine Art Fassungslosigkeit legte sich wie eine Klammer um ihn. Er stand auf und ging zum Telefon, nahm den Hörer ab und wartete auf die Stimme der Vermittlung.
»Fräulein, geben Sie mir bitte den Suhrenkamp 98, das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Danke, ich warte.«
Was hatte sich Dotti dabei gedacht? So kannte er sie gar nicht. Ein Räuspern erklang in der Hörmuschel.
»Böhl, Wachbüro Fuhlsbüttel.«
»Lottmann, guten Abend, Böhl.«
»Herr Kommandant! Was kann ich für Sie tun?«
»Schicken Sie bitte morgen gegen acht Uhr einen Wagen zu mir nach Hause. Ich werde ihn für ca. zwei Stunden benötigen.«
»Wird erledigt, Herr Kommandant.«
»Danke, Böhl. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Herr Kommandant.«

Lottmann legte auf und drehte sich um. Die kleine Swantje war wach geworden. Drei Jahre war sie nun alt. Ein richtiger Sonnenschein. Mit ihren flachsblonden Haaren und dem pausbäckigen Gesicht hatte sie Lottmanns Leben mit einer neuen Sonne bereichert. Was hatte er nicht alles erreicht. Das Leben war gut, trotz des Krieges und der zunehmenden Einschränkungen an Lebensmitteln. Er schaute misstrauisch zu Dotti, die der Kleinen mit einem nassen Tuch die Stirn abtupfte. Das Fieber hatte sie apathisch werden lassen. Lottmann fühlte die Angst kommen. Um seine Tochter. Er meinte sein Herz klopfen zu hören.
»Willi, es klopft.«
»Was? Ach so, ja, ich geh mal schauen …«
Lottmann ging zur Haustür und öffnete. Frau Leyser stand davor.
»Guten Abend, Frau Leyser. Was kann ich für Sie tun?«
»Guten Abend, Herr Lottmann. Ich war drüben auf den Wiesen am Alten Moor. Da habe ich ein paar Kräuter mitgebracht. Hier, Salbei, der ist sehr gut bei Fieber. Machen Sie einen Tee daraus und geben Sie ihn der kleinen Swantje. Gehen Sie mit ihr zum Arzt?«
Sie reichte Lottmann das kleine Bündel Kräuter.
»Vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben. Wir werden gleich einen Tee machen. Zum Arzt gehen wir morgen früh. Ich habe schon einen Wagen bestellt.«
»Das ist gut, Herr Lottmann. Ich wünsche der kleinen Swantje eine gute Besserung.«
»Nochmals Danke, und einen Gruß an ihre Tochter«, sagte Lottmann, aber die alte Frau Leyser war schon ein paar Meter weg. Sie hörte ihn nicht mehr. Er schloss die klappernde Tür. Diese vermaledeite Tür, dachte Lottmann und ging in die Stube. Swantje war wieder eingeschlafen. Sie lag auf dem Canapé. Dotti hatte sie zugedeckt.
»Wer war das?«, fragte sie.
»Frau Leyser. Sie hat uns ein paar Kräuter von den Moorwiesen mitgebracht. Salbei ist auch dabei. Koch der kleinen Swantje bitte einen Tee, den wir ihr dann geben wollen.«
»Ja, mach ich, Willi.«
Dotti ging in die Küche und setzte Wasser auf. Schon im siebten Monat, dachte Willi und träumte. Sie wollte viele Kinder haben … viele Jungs, hatte sie Willi mal vorgeschwärmt, blond und kräftig, groß … das muss etwa 1935 gewesen sein, als beide noch im Häben wohnten. Auch er wollte viele Kinder. Aber das hatte sich als Gedanke nicht konkretisiert. Sie kamen einfach, die Kinder. Für Lottmann waren die Kinder immer ein Stück Familie, das dazu gehörte. Ein Mann in seiner Position. Wer weiß, was da noch alles käme. Obwohl die allgemeine Lage nicht mehr ganz so rosig war. Aber ein paar Kinder sollten es schon noch sein. Sechs oder sieben, für den Führer, wie Dotti immer sagte.

~​

Die Nacht war recht ruhig verlaufen. Der Kräutertee hatte der kleinen Swantje Linderung verschafft. Es war kurz vor acht Uhr und Lottmann hatte die Jungs früh zu den Schwiegereltern gebracht. Nun stand er vorne an der Tangstedter Landstraße und wartete auf den Wagen. Böhl war ein pünktlicher Mensch. Im wenigen Verkehr erkannte Lottmann sofort den Wagen der Dienststelle. Punkt acht Uhr hielt das Fahrzeug vor dem Fußweg zu den Reihenhäuschen. Böhl stieg aus.
»Heil Hitler, Herr Kommandant. Pünktlich auf die Minute.«
Lottmann nickte zufrieden.
»Welche Art von Fahrt unternehmen wir?«, fragte Böhl, während er um den Wagen herum auf den Bürgersteig kam.
»Wir müssen mit der kleinen Swantje zum Arzt. Ich habe bereits Doktor Holster am Ohlsdorfer Bahnhof angerufen. Er hat Zeit und wir sollen sofort vorbei kommen. Ich hole Dorothea und die Kleine.«
Lottmann drehte sich und ging zwischen den Häusern den Fußweg durch. Nach ein paar Minuten kam er wieder mit seiner Frau und der kleinen Swantje auf dem Arm. Böhl hatte die Wagentüren geöffnet.
»Ach Gottchen …«, entfuhr es Böhl, als er das Mädchen sah. »… sie sieht sehr krank aus. Hoffentlich ist es nichts Ernstes?«
Dotti stieg ein und Lottmann gab ihr Swantje auf den Arm. Er selber setzte sich auf den Beifahrersitz. Böhl schloss die Tür, rannte um das Auto herum, warf sich auf den Fahrersitz und startete den Wagen.
»Ich werde mich beeilen, Herr Kommandant. Die Kleine sieht aus, als wenn sie so schnell wie möglich zum Arzt sollte.«
»Danke, Böhl. Fahren Sie vorsichtig. Wir wollen keinen Unfall haben.«
»Natürlich, keine Angst, Sie wissen doch, dass ich ein guter Fahrer bin.«

Lottmann erwiderte nichts, sondern starrte einfach durch die Windschutzscheibe nach draußen. Böhl fuhr über Alsterkrugchaussee und Erdkampsweg, unterquerte die Eisenbahn. Meter um Meter, die Lottmann wie Ewigkeiten vorkamen. Swantjes Atem klang wie eine Rassel. Endlich die Fuhlsbütteler Straße, gleich rechts um das Carré, dort war der Ohlsdorfer Bahnhof. Lottmann bezeichnete ihm ein Haus und Böhl hielt davor.
»Warten Sie hier auf uns. Vielleicht dauert es eine halbe Stunde.«
»Ist gut, Herr Kommandant.«
Lottmann stieg aus, öffnete die hintere Tür und nahm Swantje. Dann stieg Dotti aus und sie gingen in den Hauseingang. Eine Treppe höher war die Praxis von Dr. Holster. Er wartete bereits an der Tür.
»Heil Hitler.«
Der Doktor hob seinen rechten Arm nur zur Hälfte.
»Eine Sehnenverkürzung im Oberarm …«, entschuldigte er sich und schaute verstohlen auf die SS-Uniform. Lottmann war das egal. Er stürmte an Holster vorbei in den Flur der Praxis.
»Wo ist das Behandlungszimmer?«
Dotti schloss die Tür und Holster ging an Lottmann vorbei in einen großen Raum.
»Bitte, hier herein. Legen Sie die Kleine auf die Liege.« Er deutete auf eine Patientenbahre, die an der türseitigen Wand stand. Swantje hatte seit gestern kaum noch etwas gesagt. Jetzt war sie wach und sah sich neugierig um. Holster holte einen Stuhl für Dotti.
»Bitte, gnädige Frau. Setzen Sie sich. Schließlich sind Sie ja schwanger.«
Dotti rückte den Stuhl an das Fußende der Bahre. Lottmann stellte sich an das Kopfende und streichelte über die Haare seiner Tochter.

»Vati? Ist das ein Doktor?«, erklang ihre helle Stimme.
»Ja, meine Kleine. Der Doktor schaut jetzt, warum du krank bist. Bleib schön ruhig liegen und sei artig, damit er dich untersuchen kann.«
Die kleine Swantje sah Holster vertrauensselig an. Der blickte in ihren Rachen und klopfte den Rücken ab, untersuchte Augenweiß und maß Temperatur, tastete die Nieren ab und zwischendurch stellte er immer wieder Fragen. Wie lange schon Fieber, ob sie jammern oder schreien würde und wie das mit dem Toilettengang sei. Kommt regelmäßig Urin?
»Ja, ich denke schon«, antwortete Dotti zögerlich.
»Haben Sie das beobachtet? Oder ist es eine Vermutung?«, fiel ihr der Doktor in den Satz. »Wenn die Nieren keinen Urin mehr produzieren, ist das ein Anzeichen für einen toxischen Einfluss. Dieser Vorgang tritt zum Beispiel in der Folge einer schweren Diphtherie auf ...« Holster beugte sich hinab und roch an der kleinen Swantje. Er kam wieder hoch. »… und es ist eine Diphtherie. Man kann es riechen.«
»Diphtherie?« kam es überrascht aus Lottmanns Mund. »Diphtherie ist doch so was wie Halsschmerzen, oder?«
Holster setzte das Stethoskop auf Swantjes Brust.
»Auch. So beginnt sie in der Regel. Halsschmerzen, Rötungen im Mandelbereich, Fieber. Eine Infektion. Aber die Diphtherie kann sehr unangenehme Folgeerscheinungen haben. Nierenversagen und so weiter. Sie muss zwischendurch fürchterliche Kopfschmerzen haben. Vermutlich schreit sie oft und scheinbar grundlos.«

Holster bedeutete ihnen zu schweigen. Lottmann stand für einen Augenblick starr, seine Augen suchten einen fernen Punkt. Seine Hände pressten sich wie von allein auf den Kopf seiner Tochter. Holster schien immer wieder an eine Stelle zurückzukehren. Er schaute auf seine Uhr, prüfte noch ihren Puls und nahm das Stethoskop ab.
»Ich vermute eine Myokarditis. Das Herz schlägt unregelmäßig. Die Kleine muss in sofortige Behandlung!«
Dotti räusperte sich. »Was heißt 'sofortige Behandlung'
Bevor Holster etwas erwidern konnte, packte ihn Lottmann am Oberarm und drehte ihn zu sich.
»Medikamente!«, rief Lottmann, »Sie müssen ihr Medikamente geben!«
Holster entwand sich Lottmanns Griff.
»Ja, natürlich werden wir das geben. Aber nicht hier. Hier habe ich nicht die Möglichkeiten. Sie muss unter ständige Aufsicht. Ich werde einen Kollegen in Rothenburgsort anrufen. Haben Sie einen Wagen?«
»Ja, unten vor der Tür.«
Holster ging zum Telefon und ließ sich mit dem Krankenhaus verbinden. Er erklärte die Situation, bedankte sich und legte auf, setzte sich sodann an seinen Schreibtisch und tippte einen kleinen Bericht. Lottmann zog die kleine Swantje wieder an, nahm sie auf den Arm und gab sie an Dotti.
»Ihr geht schon mal runter zum Wagen. Steigt ein. Böhl soll den Motor starten.«
Dotti tat, wie ihr geheißen wurde. Der Doktor zog das Papier aus der Maschine, unterschrieb es und übergab es Lottmann.
»Vielen Dank, Doktor.«
Er drehte sich um, aber Holster hielt ihn am Ärmel fest. Lottmann schaute ihn an. Er schien zu ahnen, was der ihm sagen wollte.
»Ich weiß, Herr Doktor. Wir werden Glück brauchen.«
»Mehr als das«, erwiderte Holster leise.
Lottmann rannte hinaus, die Treppen runter. Böhl hatte den Wagen gestartet. Dotti saß mit der Kleinen hinten. Er stürzte sich auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu.
»Zum Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, Böhl! Sie wissen, wo das ist?«
»Kein Problem, Herr Kommandant. Ich kenne es.«
»Dann los! Zögern Sie nicht, die Wagenleistung auszunutzen!«
Böhl beschleunigte und fuhr wieder um das Carré, Richtung Barmbek. Lottmann grübelte. Ihm war etwas entgangen. An Dotti. Dessen war er sich plötzlich sicher. Swantje röchelte. Er verfluchte sich genau in diesem Moment. Zwischen Uhlenhorst und Borgfelde. Verfluchte sich für die Hingabe an den Dienst, seine Stellung. Seine Abwesenheit daheim. Endlich Borgfelde, jetzt Hammerbrook! Dann Rothenburgsort! »Da, der Billwerder Güterbahnhof«, sagte er, und »Da! Das Krankenhaus!« Lottmann meinte ebenso zu fiebern wie die kleine Swantje. Böhl bremste stark ab und stellte sich genau vor den Eingang. Lottmann stieg aus, öffnete hinten und half Dotti aus dem Wagen. Er rief zu Böhl, er solle sich einen Parkplatz suchen und vor dem Eingang warten. Dann verschwanden sie im Klinkerbau.

~​

Ein Doktor Rasmussen hatte sie empfangen und sogleich mit der Behandlung begonnen. Lottmann und Dotti wurden heim geschickt. Sie konnten nichts tun außer warten. Am Sonnabend fuhr Lottmann alleine nach Rothenburgsort. Doktor Rasmussen stand mit ihm am Bett der kleinen Swantje. Ihr Gesicht wirkte sehr eingefallen.
»Sie schläft fast den ganzen Tag«, erzählte Rasmussen. »Ab und zu kommt sie zu sich und dann geben wir ihr zu trinken.«
Lottmann starrte auf das Kinderbett. Die Tür ging auf und eine Schwester kam herein. In der Hand einen Krug mit frischem Wasser.
»Was ist mit Medikamenten?«, fragte Lottmann in die Stille hinein.
Rasmussen seufzte und schüttelte unmerklich den Kopf.
»Es gibt ein Medikament, das Infektionskrankheiten therapiert, Penicillin, aber die Forschung im Reichsgebiet ist noch nicht so weit. In England sind sie da weiter.« Er machte eine bewusste Pause. Lottmann drehte sich ihm zu. Rasmussen hob seine linke Augenbraue.
»Im Falle Ihrer Tochter würde ich aber nicht davon ausgehen, dass diese Medizin eine Wirkung hätte. Ihr Herz ist schon zu stark angegriffen ...«, er fixierte Lottmann. »Ich will Ihnen nichts vormachen. Wir müssen mit allem rechnen. Gehen Sie nach Hause. Sie haben ja eine große Familie. Die braucht Sie jetzt ebenso. Wir rufen sofort an, sobald sich etwas ändert.«
Natürlich hatte der Arzt recht. Lottmann wusste das, aber er konnte doch seine Swantje nicht so alleine hier lassen. Als würde Rasmussen Lottmanns Gedanken erraten, versuchte er ihn zu beruhigen.
»Seien Sie versichert: Wir haben liebe Schwestern, die alles tun, um es Ihrer Tochter so angenehm wie möglich zu machen. Ich selbst werde einmal in der Stunde nach ihr sehen.«
Lottmann senkte seinen Kopf. Er trat neben das Kinderbett und beugte sich langsam hinunter. Swantje roch säuerlich. Er gab ihr einen Kuss auf die kleine Stirn.
»Mach es gut, meine kleine Blonde. Morgen komme ich wieder.«
Dann verließ er das Zimmer und ging wie in Nebel gehüllt durch das Krankenhaus in Richtung Ausgang. Er fuhr nach Hause, wollte mit den Jungs die Tür reparieren und morgen war Schwiegermutters Geburtstag. Da galt es einiges vorzubereiten.

~​

Am Sonntagabend hielt Lottmann es nicht mehr aus. Seine Gedanken kreisten ständig um Swantje, das Bild ihres kleinen Körpers im großen, weißen Bett. Um ihr Alleinsein. Müsste er jetzt nicht bei ihr sein? Und warum fragte Dotti nicht nach ihr? Fragte ihn nicht nach einer hellen oder dunklen Zukunft? Nach einem was-wäre-wenn? Nach DEM was-wäre-wenn? In seinen Erinnerungen tauchten immer mehr Puzzleteile auf, mit Dotti und Swantje. Was Dotti sagte, zu den Jungs und zu Swantje. Was sie tat, mit den Jungs und mit Swantje. Er drehte sich vom Fenster weg und ging in die Küche. Dotti saß am Tisch. Eine Tasse Tee vor sich. Lottmann lehnte sich an den warmen Schamottofen.
»Warum hast du es mir nie gesagt, Dorothea?«
Sie zeichnete die blau-weißen-Quadrate auf der Tischdecke nach.
»Was?«
»Ich habe alles gesehen, aber es nicht erkannt«, sagte Lottmann mehr zu sich selbst. Dotti sah zu ihm auf, trank einen Schluck, verbrühte sich aber die Lippen und seufzte. »Sprich weiter in Rätseln«, erwiderte sie und zog die Füße unter dem Stuhl hervor. »Meine Beine tun mir weh«, fuhr sie fort. »Ich gehe ins Bett.«
»Ich erinnere mich an Swantjes Geburt. Als die Hebamme sagte, es wäre ein Mädchen. Vor lauter Tränen und Freude habe ich erst gar nichts gesehen. Aber dann dein Gesicht«, er schwieg für einen Moment, »die Hebamme gab mir Swantje und dein Gesicht war nicht das Gesicht, das ich von der Geburt der Jungs kannte. Es war kalt.«
Dotti stand auf, warf die Teetasse mit Wucht ins Spülbecken.
»Ich hatte Schmerzen wie bei keiner Geburt zuvor!«, rief sie und machte zwei Schritte auf Lottmann zu.
»Und wenn die Jungs auf die Knie fielen, sich blutige Schrammen holten, da gab es ein Pflaster und mütterliche Fürsorge«, fuhr Lottmann fort. »Wenn Swantje fiel, kam sie immer zu mir, weil du sie ignoriert hast. Waren das auch deine Schmerzen?!«, schrie er sie an und holte aus. Dotti duckte sich und Lottmanns Arm erstarrte über seinem Kopf. Sie warf sich ihm um den Hals und begann zu schluchzen.
»Willi! Ich wollte doch immer nur Jungs. Für dich. Für uns alle …«
Lottmann rührte es nicht. Eine große Leere drückte alles auf Seite. Er schob Dotti weg als wäre sie eine Krankheit.
»Wenn sie stirbt, dann wegen dir«, sagte er tonlos und ging ins Badezimmer.

~​

Dienstag, der erste Juni. Lottmann hatte die Dienstpläne für die kommenden vier Wochen abgezeichnet. Sie waren spät dran mit der Planung. Immer wieder wurden die Mannschaften umgeworfen und mussten neue Aufgaben übernehmen. Aus Neuengamme kamen seit einigen Wochen viele Gefangene in das neu eingerichtete KZ-Außenlager. Es klopfte an der Tür zu seinem Büro. Noch bevor Lottmann 'Herein' sagen konnte, trat Lange ein, sein Stellvertreter. Er kam zum Schreibtisch, blieb davor stehen und deutete auf die Dienstpläne.
»Sind die in Ordnung?«
Lottmann blickte zu ihm auf ohne den Kopf zu heben. Er kaute auf einem Bleistift.
»Ja«, sagte er. »soweit in Ordnung. Allerdings hat Lode aus Wilhelmsburg angerufen. Er braucht dort an den nächsten beiden Wochenenden eine Wachmannschaft. Vier Mann mit voller Ausrüstung. Das heißt, freie Wochenenden fallen weg. Organisier das bitte für mich. Ich fahr jetzt nach Rothenburgsort.«
Es war kurz vor fünf. Er schob seine Brotbüchse in die Ledertasche, nahm seine Dienstjacke vom Haken und zog sie über.
»Mensch, Willi«, Lange klopfte ihm auf die Schulter. »Das wird schon wieder mit deiner kleinen Swantje. Die Medizin ist doch heute so fortschrittlich …«
Das Telefon klingelte. Lange nahm den Hörer ab.
»Kommandantur Fuhlsbüttel … ah, ja, einen Moment.«
Er reichte Lottmann den Hörer.
»Für dich. Das Krankenhaus Rothenburgsort.«
Lottmann zuckte zusammen. Das war sie. Die Nachricht. Zitternd nahm er Lange den Hörer ab.
»Lottmann? Ja … ja, Herr Doktor … ja, ich komme gleich.«
Er hielt den Hörer noch immer an seinem Ohr. Leise konnte Lange den Vermittlungston hören und sah, wie Lottmann kreideweiß wurde im Gesicht.
»Was ist los, Willi. Sag schon. Was ist passiert?«
»Sie ist tot.«

Lottmann knöpfte die Dienstjacke zu, wendete sich zum Spiegel und drehte die Knöpfe zurecht, um den Stoff knitterfrei zu halten. Langsam setzte er die Schirmmütze auf, rückte sie einige Male hin und her, bis sie richtig saß. Er war zufrieden mit seinem Äußeren.
»Aber …«, hörte er Lange sagen. Es klang weit entfernt. »Willi, mein Gott, was machst du denn jetzt? Soll ich dich fahren? Sag doch was.«
»Nein, schon gut. Kümmere dich um die Wachmannschaft für Wilhelmsburg. Ich melde mich heute Abend.«
Lottmann ließ Lange stehen und verließ das Kommandantengebäude, ging an der Mauer entlang zum Torhaus. Völlig in Gedanken versunken quittierte er die Grüße nur mit einem Raunen und Kopfnicken. Auf dem Platz vor dem Torgebäude stand der Wagen der Dienststelle. Er stieg ein und fuhr nach Rothenburgsort.

~​

Doktor Rasmussen erwartete ihn am hinteren Ausgang. Lottmann hatte dort auf die Mitteilung des Pförtners hin den Wagen abgestellt.
»Mein herzlichstes Beileid, Herr Lottmann. Es tut mir wirklich leid. Wir haben alles getan. Aber ihr Herz war schon zu schwach. Es hörte einfach auf zu schlagen.«
»Wo ist sie?«, fragte Lottmann.
Rasmussen deutete auf eine kleine Tür.
»In diesem Raum. Wir haben ihr die Kleider angezogen und sie in ein Tuch gehüllt. Sie wollen sie mitnehmen?«
»Ja. Ich werde sie nach Ohlsdorf bringen in die Aufbahrungskirche. Ich kenne dort den Pfarrer.«
Die beiden betraten den kleinen Raum. Es roch nach Tod. Er beugte sich zu dem kleinen Leinenbündel und versuchte ein Stück freizulegen. Rasmussen hielt ihn zurück.
»Nein, tun Sie das nicht. Sie ist schon einige Stunden tot. Sie sieht nicht mehr so aus, wie Sie sie in Erinnerung haben. Denken Sie an gestern. Als Sie von ihr angelächelt wurden. Als man meinte, es würde nun eine Besserung eintreten.«
Rasmussen schwieg für ein paar Sekunden.
»Das ist oft so. Kurz vor dem Tod scheint der Körper noch einmal leben zu wollen. Als wüsste er, was kommt.«
Lottmann nahm das Leinenbündel auf seine Arme und ging hinaus. Rasmussen hielt die schwere Außentür auf und öffnete den Wagen hinten. Vorsichtig legte Lottmann seine Tochter auf die Bank. Als könnte sie noch Schmerzen empfinden. Er nahm den Totenschein entgegen, verabschiedete sich von Rasmussen und fuhr los.

~​

Es war zehn Uhr in der Nacht. Lottmann stand draußen auf dem Fußweg. Er wollte Dotti nicht sehen. Nachdem er Swantje in Ohlsdorf abgegeben hatte, klärte er mit dem Pfarrer die Beerdigungsformalitäten. Morgen würde er sich frei nehmen. Warum?, fragte er sich immer wieder. Das wäre doch zu verhindern gewesen. Hätte er nur mehr Acht gehabt auf das, was Dotti so tat. Er verstand es nicht. Um fünf nach zehn begannen die Luftschutzsirenen zu heulen. Luftangriff, dachte er, auch das noch. Für einen kurzen Moment kam ihm der Gedanke zu sterben sehr nahe vor. Wie leuchtende Finger streckten sich die Scheinwerfer der Flakbatterien in den Himmel und suchten dort nach Flugzeugen. Es würde mindestens noch eine halbe Stunde vergehen, bis die Bomber Hamburg erreichten. Gut, dass er mit der Familie hier draußen in Langenhorn wohnte. Da verirrte sich kaum ein Flugzeug hin. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Er sah Frau Leyser am offenen Fenster stehen.
»Machen Sie das Licht aus, Frau Leyser. Verdunkelung.«
Sie tat, wie ihr geheißen wurde.
»Es tut mir sehr leid, Herr Lottmann.«
»Woher wissen Sie es?«, fragte er seine Nachbarin verdutzt.
»Ich sehe es Ihnen an. Es stimmt also?«
»Ja. Sie ist um viertel nach vier gestorben. Herzversagen.«
»Das arme Ding«, seufzte sie und schloss das Fenster.
Lottmann stand da und wartete auf das ferne Dröhnen der Bombermotoren. Er hatte plötzlich Angst.

 
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Hallo @Morphin,

mich hat der Text irgendwie wirklich abgeholt und ich weiß garnicht so genau warum. Zunächst einmal finde ich ihn wirklich schön geschrieben und er liest sich sehr flüssig und verständlich, was besonders wichtig wird, wenn der Text etwas länger wird. Die Dialoge finde ich besonders gelungen, denn du schaffst es wirklich deine Figuren nur durch das, was sie sagen treffend zu charakterisieren, sodass man als Leser mit ihnen mitfühlen kann, was besonders am Ende deutlich wird, wenn man tatsächlich etwas traurig wird. Da merkt man auch, dass die Figur(en) funktionieren.
Beim Lesen der ersten Szene meinte ich, dass dein Text die Sehnsucht, vielleicht Nostalgie, zu einer anderen Zeit zu beschreiben, in der das Türschloss noch selbstständig repariert und der Hase im Waschbecken gehäutet wird. Den Leser in diese Zeit zu transportieren mittels dieser Handlungselemente, aber auch der Wortwahl der Figuren und noch vielen kleinen Details mehr, machst du wirklich echt gut. Weil ich meinte, dass diese Zeit durchaus eher positiv beschrieben wird, da das Leben noch einfach und schön schien, hat mich dann das “Heil Hitler“ völlig schockiert, auch weil ich zeitlich irgendwie vor 1933 ausgegangen war. Da hab ich mich gefragt, was genau du erzählen willst, denn du wirst dir ja etwas dabei gedacht haben, dass du diese spezielle Handlungszeit ausgesucht hast. Genau weiß ich das noch immer nicht. Als du dann immer weitere kleine Informationen gibst, die auf die damalige Zeit und Schrecken deuten, war ich immer ratloser, warum du das in die Geschichte baust. Vielleicht, dachte ich, willst du die NS-Zeit mal in einem nicht-politischen Kontext beschreiben, wobei ich denke, dass das mit dem Thema der NS-Zeit nicht wirklich funktioniert. Dass die Mutter ihre Tochter nicht liebt, weil sie nur Söhne möchte, ist dann ja doch ziemlich hart. Für mich hat das auch funktioniert und hat die Geschichte gut abgerundet, aber trotzdem bin ich noch immer verwirrt.

Sechs oder sieben, für den Führer, wie Dotti immer sagte.
Verstehe ich die Kurzgeschichte richtig, dass die Mutter aus NS-ideologischen Gründen Männer “produzieren“ wollte, damit sie dem Reich hilfreich sind und sie deswegen ihre Tochter nicht liebt, wie sie ihre Söhne liebt?
Dann wäre die Kurzgeschichte nämlich doch politisch, und wirklich toll. Subtil beschreibst du wie die Ideologie für einen Tod letztendlich verantwortlich ist, an den man als aller letzten der vielen Opfer der NS-Ideologie denken würde. Respekt dafür, wenn ich das hier richtig rauslese!

Dort wurde er brutal zusammen geschlagen.
Ich denke, dass das zusammengeschrieben werden muss. Also “zusammengeschlagen“

Toll finde ich auch das Ende und den letzten Satz, der wirklich gut einschlägt. Da endest du diese gelungene Geschichte auf einer starken Note!

Einzige Frage, die für mich noch bleibt, ist die Bedeutung des Titels. Was genau ist ihm denn egal? Habe ich irgendwas verpasst oder nicht aufmerksam genug gelesen oder irgendetwas reininterpretiert? Nach meiner Interpretation hätte ich irgendeine Anspielung oder einen Hinweis auf die unbekannten indirekten Opfer der NS-Idelogie bzw. des frauenfeindlichen Weltbildes vermutet, aber so verstehe ich den Titel nicht.

Danke jedenfalls für deinen Text, der hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht!

Viele Grüße!
Max

 
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Hi @Max88,

zunächst vielen Dank für das Lesen und Kommentieren. Du hast schon gleich zu Beginn das Wichtigste erwähnt:

als Leser mit ihnen mitfühlen kann, was besonders am Ende deutlich wird, wenn man tatsächlich etwas traurig wird.
Was ist passiert (und das wurde mir bei dieser Geschichte schon recht oft vorgeworfen)? Du hast Mitgefühl empfunden für den Kommandanten des Konzentrationslagers Hamburg-Fuhlsbüttel. Den Tod seiner Tochter, den er nicht verwinden kann.

Wie geht das? Mitgefühl für einen Täter. Du richtest den großen Blick weg, von den im Geschichtsunterricht und 90% aller Dokus genannten, üblichen Verdächtigen (hier die großen Namen einsetzen), auf die Menschen, die wirklich und tatsächlich das System trugen, seine Ideologie umsetzten, die Rahmenbedingungen aus- und mit Leben füllten. Du stellst fest: Es waren Menschen wie alle anderen auch, vielleicht - wenn man ein bisschen wühlt - Verwandte, Opas, Großonkel, so zahlreich, dass sehr viele von uns sie in ihrer eigenen Familie entdecken könnten, wenn sie denn bohrten.

Die Mär der wenigen Bösen und der ihnen folgenden Lämmermasse ist in der Tat eine Mär. Darfst du Mitgefühl haben? Natürlich darfst du. Denn du bist ja schließlich ein fühlender Mensch. Musst du dein Handeln und Denken, dein Urteilen in Relation zu den Taten setzen? Natürlich. Auch das musst du. Kann ein Enkel einen solchen Opa lieben? Er wird es einfach tun. Und wenn er nichts weiß und nicht nachforscht, geschieht auch nichts.

Auch die Kinder für den Führer sind in vielen Dokumenten sauber belegt. Am Inhalt dieser Geschichte gibt es tatsächlich nichts zu rütteln, denn sie ist dokumentiert. Nun muss man sie von allen Seiten beleuchten, und das geht nur, wenn man die Menschen sieht. So objektiv wie möglich. Daraus entstehen in den lesenden Köpfen natürlich die Subjekte - und zwar ganz individuelle.

Ein nicht zu geringer Teil der allgemein mit "Schuldkult" bezeichneten Aufarbeitung ist auch auf die nach wie vor große Vermeidung des Erkennens von familiären Strukturen in vielen Familien dieser Zeit zurückzuführen. Dabei ist das Forschen nicht schwer.

Ja, also dieser Text schubst Leser*innen vielleicht ein wenig in den Konflikt mit sich selbst. Und der Titel ... der Tod holt wirklich alle. Er ist der Meister der Gleichheit. Und doch bauen wir Ideologien, um das zu ignorieren.

Griasle
Morphin

 
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Hallo @Morphin,

die Geschichte, die in der NS-Zeit spielt, handelt von einer Familie mit vielen Kindern. Die einzige Tochter ist so krank, dass sie ins Krankenhaus gebracht wird und dort verstirbt.

Es stellt sich heraus, dass die Mutter das Kind nicht liebt bzw. vernachlässigt hat, weil sie nur Jungen haben wollte und damit mehr oder weniger den Tod des Kindes herbeigeführt hat. Den Vater scheint der Tod der Tochter an seine eigene Sterblichkeit zu erinnern, als er die Sirene hört, die einen Luftangriff ankündigt.

»Da hab ich sie unter kalt Wasser gehalten. Bis sie dann aufgehört hat. Das kannst du dir nicht vorstellen, wie das für mich war.«
Da ist mir auch kalt geworden.

»Mach es gut, meine kleine Blonde. Morgen komme ich wieder.«
Ich hab das Gefühl, als wäre es schlimmer für ihn, ein blondes Kind zu verlieren als eins mit dunklen Haaren. Da muss ich mich doch fragen, ob er das Mädchen um ihrer selbst willen liebt.

Das ist eine ergreifende, traurige Geschichte. Ich habe mitbekommen, dass der Vater Kommandant in einem KZ ist, aber das war mir relativ egal.

Viele Grüße
Jellyfish

 

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